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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tugendlarve bis tugendlicht (Bd. 22, Sp. 1659 bis 1669)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendlarve, f., 'schein der tugend':

und wo die offne wund' entdeckt der schlange stich
hat's nicht so viel gefahr, als wo die boszheit sich
mit tugendlarven schmückt
Lohenstein Epicharis (1685) 66;

den Cäsar schützt das glück und Cato die besiegten,
doch fällt vielleicht auch hier die tugendlarve hin
Haller ged. (1882) 74.


 
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tugendleben, n., vita, conversatione virtuosa Kramer t.-ital. 2 (1702) 1160c:

ich bin das licht, ich leucht euch für
mit heilgem tugend-leben bei
Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 5, 403.


 
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tugendleer, adj.:

ir red zu allen orten,
synt falsch und tugentler
Jörg Schiller d. maien zeit 11 Zwick. facs. dr.;

nicht die hälfte eines körnchens
gibt der kalender
für das atlaskleid des mannes,
ist er tugendleer
Rosenzweig-Schwannau Hafis (1858) 1, 145.

[Bd. 22, Sp. 1660]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendlehre, f., 'lehre von der tugend oder von den tugenden, ethik'; gelegentlich auch 'unterweisung in der tugend', vgl. vollends aus dem spiel musz bleiben, was man unter eigentlicher 'tugendlehre' verstanden hat; zu einer solchen gehört nicht allein die beschreibung der werke, sondern auch die anweisung zu ihrer realisation N. Hartmann ethik (21935) 380; tugend-lehre, f., dottrina della virtù, morale Kramer t.-ital. 2 (1702) 1160c; tugend- oder sitten-lehre etica, morale ders. 1 (1700) 928c: vber disz, dieweil jr nun inn dem alter stehet, welchs die philosophische weiszheitkünst vnd tugendlehren zubegreiffen vnd zuüben fähig vnd geschickt ist, so ziret eueren wandel vnd sitten auch damit Fischart w. 3, 177, 24 Hauffen; theils zu gottseeliger übung ... theils zu guten sitten und tugendlehren ... anführende lieder Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 1; hab ihn der tugendlehren seiner frommen mutter vergessen gemacht Musäus volksmärchen 1, 25 Hempel; der staat soll ihre (der kirche) tugendlehre nicht als zaum und gebisz nützen. und dieses lenkmittels halber lieber ein frömmelndes als freigeisterisches volk wollen Jahn werke z. dt. volkstum (1810) 130; der moderne mensch kann diesen mannigfach variierten tugendlehren nicht mehr folgen, sein wertgefühl ist ein anderes geworden, ihm stehen andere werte im vordergrunde N. Hartmann ethik (21935) 122; die 'tugendlehre' kann nur ein jeder sich selbst geben ebda 380; die gestalt des 'weisen' ... bei den alten Chinesen zum beispiel oder das ideal der sokratischen tugendlehre ist von unsrem heutigen ideal kaum zu unterscheiden H. Hesse glasperlenspiel (1946) 1, 15. —
 
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tugendlehrer, m.: der eigentliche gedanke unsres erhabenen tugendlehrers sei der gewesen, dasz bei dem jedesmaligen genusse des brotes und weins sein bild uns vorschweben ... möge Elisa v. d. Recke aufzeichnungen 1, 319 Rachel.
 
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tugendlein, n., vereinzelt: der du (herzog Heinrich v. Braunschweig) sonst voller teufel bist, vnd nicht einiges armes tgentlin an dir hast Luther wider Hans Worst 57 ndr.; dann es der weiszmann vor längst beschriben, ... das es eben solcher tügentlein sein, von derentwegen man in vngunst falle bey gott J. Nas antipap. eins u. hundert 4 (1570) 222a. —
 
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tugendleuchte, f.: leschet doch nicht aus die tugendleuchte, welcher glantz in dem andenken der nachkommen zu ewigen zeiten scheinen und brennen wird Harsdörffer Heraclit (1661) 624. —
 
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tugendleugner, m.: ich glaube nicht, dasz es einen vollständigen und praktischen tugendläugner giebt F. v. Gentz schr. 1, 53 Schlesier.
 
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tugendlich, adj. , mhd. tugentlich (tugetlich, tugenlich). in der bedeutung sind tugendlich u. die übrigen ableitungen (tugendhaft, -sam) nur dadurch unterschieden, dasz hier und dort einzelne anwendungen verschieden deutlich sichtbar sind, was zum teil nur eine folge zufälliger bezeugung ist (s. zu tugendhaft). zur erkenntnis des wirklichen zustandes sind die verhältnisse des grundwortes zu beachten.
A. 'mächtig, kräftig'; s. DWB tugend I. von gott u. Christus wohl nur zufällig vereinzelt belegt:

den (juden) er (Christus) so dik mnig falt
die gte sin erzget hatt
gar tugentlich an mnger statt,
do er die siechen machot gesund
Konrad v. Helmsdorf spiegel 1298 L.

von der geheimnisvollen fähigkeit der naturdinge. trotz der späteren bezeugung wohl schon mhd. (vgl. DWB tugendhaft A): so ist er (Mercurius) doch gantz imperfect und nit tugentlich in seiner operation Paracelsus opera (1616) 1, 827C Huser; das ... gesotten und getruncken purgirt tugentlich Schmeller-Fr. bair. 1, 596; woselbsten (d. i. bei Marc. 4, 28, Joh. 12, 24) die tugentliche würkungen der elementen verdeckter weise angedeutet werden Abr. v. Francken. berg gemma magica (1688) 28; dieser stein ... soll ... vermittels der gestirne sonderbahrer würckung und beider tugendlichen eigenschaften, einen unsichtbar machen können der unsichtbare Charmion (1697) 17.

[Bd. 22, Sp. 1661]



vom menschen:

(Philippus) trûc eine tugentlîche maht.
awî wî manic volcwîc er vaht
wider den kunic Xersen Vorauer Alexander 85 Kinzel;

vgl. Straszburger Alexander: wîten ginc der gwalt sîn, michil was sîn heriscraft 100; den es nimbt die stärcksten und tugentlichsten kinder zun waffen J. v. Brüssel beschreibg. alles kaiserthums (1602) Aa 2b;

die sagten im: o herr,wir kennen deine stärke,
dein weitberühmtes lobund tugendliche werke
seyn uns bekandt
D. v. d. Werder rasender Roland (1636) 71.


B. vortrefflich, ausgezeichnet, tüchtig.
1) mhd. besonders als höfisches ideal, 'edel, zuchtvoll, ritterlich' (tugend II A, tugendhaft B 1).
a) allgemein, ohne nähere bestimmung durch den sachlichen zusammenhang:

er sprach 'edel riter, nû tuo
tugentlichen unde wol,
als ichz verschulden sol
und ouch mîn herre umbe dich
Hartmann v. Aue Erec 4990 H.;

trut geselle, süeziu jugent,
gebenediet si daz lant
von gote, da ie kein marschant
erzoch so tugentlichez kint!
Gotteried v. Straszburg Tristan 3131 R.;

man lie si des engelten, daz si lebete in tugentlîcher wîse Kudrun 1012, 4 S.;

(10 ritter sollen)
mit maisterlicher kraft
gen tugenlichen eren
iuch ziehen und leren
und an rehten zúhten wegen
Rudolf v. Ems Willeh 3319 J.;

ein heiden wol vormezzen
beide gewaldic und rîch,
dar bie was er tugentlîch livländ. reimchron. 262 M.

auch auf gott übertragen, also nicht im zusammenhang der macht gottes (A), oder der sittlichen vollkommenheit als ursprung aller tugend (C), sondern gott in höfischer weise gesehen (s. auch tugenthaft B 1 b; weiter etwa diu gotes hövescheit Hartmann v. Aue Erec 3461 u. Wolfram v. Eschenbach Willeh. 1, 10, wo gottes tugent höfisch gefaszt ist):

got sol mir verbieten
durch sînen tugentlichen muot,
daz nâch sô werder spîse guot (am herzen ihres geliebten)
in mich kein swachiu trahte gê
Konrad v. Würzburg herzmœre 495 Schr.

entsprechend von Jesus:

'wen suecht ir so gedrange?'
'da tue wir Jesum Nazareth.'
er antwurt tûgentlichen: 'das pin ich'
Oswald v. Wolkenstein 117, 84 Sch.


b) mit hervorhebung einzelner züge, wie milte, triuwe usw. in diesen einzelzügen liegen die ansätze und übergänge zum ethischen gebrauch (s. DWB C 2), z. b. in dem edlen, ritterlichen verhalten frauen und unterlegenen gegenüber:

in tugentlîchen zühtendiu frouwe rûmte ir lant,
si kuste ir næhsten friundedie si bî ir vant Nibelungenl. 493, 1 L.;

nu daz er do ze hove kam,
Marke der tugende riche
der enpfienc in tugentliche
und mit im all die sine
Gottfried v. Straszburg Tristan 486 R.;

so dienet man da schone
den armen und den richen
harte herlichen,
daz sin tugentliche dinc graf Rudolf D b 18 in:
C. v. Kraus übungsbuch1 60;

da viel er im zu fuezs:
'wer du seyst, erparme dich
taugentlich uber mich!
Heinrich v. Neustadt Apollonius 1393 S.;

daz er sô tugentlîchen fuor
an der magt
Ulrich v. Eschenbach Alexander 23989;

[Bd. 22, Sp. 1662]



der junge furste riche
nam si ouch dugentliche
in sine arme bede iesa:
drostes wart die maget da
von ir mahel innen bracht hl. Elisabeth 1228 R.

von da auch auf die menschl. gestalt als ausdrucksform 'tugendlichen' wesens übertragen, 'schön, herrlich':

reht als ein troum und sam ein schate,
sus wâren alliu schœniu wîp,
swâ man ir tugentlichen lîp
begunde rehte schouwen.
si kunde lichte vrouwen
mit ir clârheite blenden
Konrad v. Würzburg troj. krieg 19710;

so gedenk ich an ein weib,
der so schön an jedem morgen
steht ir tugendlicher leib
Fr. Rückert ges. poet. w. (1867) 5, 137.


ablehnend (vgl. DWB tugend III B 2 a δ): sô einer eine botschaft hovelîchen gewerben kan oder eine schüzzel tragen kan oder einer einen becher hövelîchen gebieten kan unde die hende gezogenlîche gehaben kan, oder für sich gelegen kan, sô sprechent etelîche liute: 'wech! welch ein wolgezogen kneht daz ist (oder man oder frouwe)! daz ist gar ein tugentlîcher mensche: wê wie tugentlîche er kan gebâren!' sich, diu tugent ist vor gote ein gespötte Berthold v. Regensburg 1, 96, 29 Pf.
c) formelhaftes beiwort; einfachhin auszeichnend, ohne greifbaren sinn, für ritter und frauen. vor allem spätmhd. u. frühnhd.:

mich fräet ynneclichen
in meines hertzen grunt
ain fräwlin tugentlichen,
ir lieb hatt mich verwundt liederbuch d. Clara Hätzlerin 73 H.;

freundtliche tugentliche fraw
Forster frische t. liedlein 12 ndr.

heil und glück sey den erbarn herrn, ...
und auch den tugendlichen frawen
Hans Sachs 20, 187 lit. ver.;

Lienhart Cristen, zunftmaister, gar ein frommer, dugentlicher mann (Augsburg) städtechron. 34, 312; ein from, züchtig und tugentlich eheweib Barth weiberspiegel (1565) f 8a; Constantinus Clorus ein sehr tugentlich und vornehmer römischer raths-herr Frz. Brandis d. tirol. adlers ehrenkräntzel (1678) 56. altertümelnd in neuerer sprache: nun waren daselbst viel junge männer, hübscher tugendlicher gestalt A. v. Arnim s. w. 11 (1842) 8 Gr.; im jahr Christi 1377 hob sich der tugendliche herzog Albrecht v. Oestreich zur fahrt gegen Preuszen G. Freytag ges. w. 18 (1888) 225.
2) tüchtig, brauchbar, tauglich. fortsetzung höfischer auffassung, aber wohl schon unter dem einflusz der religiössittlichen auffassung. gelegentlich berührung mit 'kräftig'; s. unter DWB tugendhaft B 2; vgl. habilis tugentlich (15. jh. obd.) Diefenbach gloss. 272a; sonst: bequeme, behende, subtil, geschickt ebda; docibilis, qui idoneus est ut doceatur geschickt und tugentlich gelehrt zu werden Calepinus undec. ling. (1605) 445b; sy wolle unsz eynen hübschen, grauen hengst schycken züsampt eynem tügentlichen knaben bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 315;

und unterricht mich tugentlich
wie ich die sach sol greiffen an
Hans Sachs 8, 243 lit. ver.;

es wirt ouch keiner der selben (von laien erwählten geistlichen) entpfenglich durch die blossen wal der leyen, er werd dann von den bischouen dartzu geweyhet und tugentlich gemacht Emser in: Luther u. Emser streitschriften 1, 31 ndr.; wann Cato im friden und krigszleuffen ... tugentlicher, gemainnütziger werck halben ... gelobt worden J. v. Schwarzenberg teutsch Cicero (1525) 67a; item eyn halbe beweisung, als so eyner inn der hauptsach die missethat gründtlich mit eynem eyntzigen guten tugentlichen zeuge (als hernach von guten zeugen und weisungen gesagt ist) beweiset Carolina 35b Zoepfl (varianten: tügenlich 34a, tuglich 37a); kein pfarr oder sorg der seelen, (sol) geben werden keinem, dann er seie exami—

[Bd. 22, Sp. 1663]


niert, und tugendtlich darzu erfunden, durch einen doctorn der h. geschrifft A. Henricpetri niederlendischer ersten kriegen ... ursprung (1575) b 3a; würde solch geschrey aussbrechen und andere tugendtliche an der vorigen stätte schwerlich zu bekommen seyn Kirchhof militaris disciplina (1602) 8; und was den valor und tapfferkeit des königs betrifft, so können wir mit warheit dieses von ihm verjehen, dasz, wo mit dem alter und folgenden tugentlichen verrichtungen sein voriger guter name ... zu wegen gebracht, ferner erhaben, und in auffnehmen wird gebracht werden, so sei kein könig vor ihme so mechtig und berühmt gewesen als er M. Wisaeus sieben ... gespräche (1625) 2; und damit dise unsre (Friedrichs I.) keiserliche satzung ... bi würden unzerbrochenlich belibe, habend wir disen gegenwürtigen brief ze schryben und mit unsers insigils ufftruckung ze bezeichnen verschafft und darzu genommen tugentliche zügen (adhibitis testibus idoneis), so mit namen sind ... Tschudi chron. Helveticum (1734) 1, 78; Adelger mit tugendlichem muthe sammelte all seine leute, freunde und verwandten (zum kampfe) Grimm dtsche sagen (1891) 2, 110. — die brt sol iren anfang haben nach deme der mond neue ist, denn wo die henne ehe uber gesetzt, kompt nichts tugentlichs herfür Heyden Plinius (1565) 481. — den inneren zusammenhang der bedeutungssphären trotz der differenzierung zeigt folgender beleg: daz er sein lieb zu got kere, und sich mit got veraine, auf das er tugendtlich und geschickt sey, götliche wirde ze loben in ewikait Berthold v. Chiemsee t. theol. 328 R.
C. tugendlich im religiös-sittlichen sinne.
1) seit dem ahd., unter einwirkung des christlichen virtuosus, vom menschen gesagt, der 'sittlich gut, vollkommen, fromm, edel' ist: der (himmlischen) burge fundamenta, die portę ioh die mure daz sint die tiuren steina der gotes fursthelido, undaz eingehellist aller heiligone here, die der tugentlicho in heiligemo lebenne demo burgkuninge ze vurston gezamen himmel u. hölle 8 bei Steinmeyer kl. ahd. denkmäler 153; nû soltû erchennen, wenne dîn der gaist des râtes gewîse, dc (= daz) ist sô dich verwitze verlât. dc dû niht negerest ze sehenne noch ze hôrenne fromidiu dinch, der dich niht nebestêt. dc haizet gedigenhait unde tugentliche gehebede St. Trudperter hohes lied 146, 30 M.;

si hête tugentlîche site
si was kûske unt raine,
ir gelîche newart nie nehaine,
diu mit sô getâner vuoge
ir lait truoge,
daz sîn nie niemen innen newart kaiserchroni 1609 Schröder;

er sî eigen oder frî,
der von geburt niht edel sî,
der sol sich edel machen
mit tugentlîchen sachen
Freidank (21860) 54, 11 Gr.;

diu kunst, diu êwic ist unde ze allen dingen nütze ist und dâ mite man daz himelrîche erwirbet und âne die niemen genesen kan ... unde dâ diu hœhste wîsheit inne beslozzen ist, daz ist tugentlîchez leben David v. Augsburg in: dtsche mystiker 1, 309, 10 Pf.; so sol der mentsch tugentlich striten und sol got an rffen St. Georgener pred. 114, 31 R.; her nach so wirt der mensche also weselich und als gemein und tugentlich, gtlich und von minsamer wandelunge mit allen menschen ... doch das man iemer enkeinen gebresten von ime enkan gesehen noch vinden Tauler 176, 13 V.;

(der altvater) sagete uns die gotes gebote
in maniger wisen lere.
sin tugentlich kere
rihte uns wol nach unserm vrumen väterbuch 9586 R.;

swer gesiget dem vleische ane,
dar zu dem ubelen gespane
des ungetruwen trachen
mit tugentlichen sachen,
den mache ich dar zu einer sul ...
in mime gotes temple
Heinrich v. Hesler apokal. 6216 H.;

[Bd. 22, Sp. 1664]



lege sich ûf sîniu baren knie
und ruofe tugentlich zuo der magt, diu sünde nie begie
Reinmar v. Zweter 20, 5 R.;

das sind die werk der erbrmde gt
uss tugentlichem miltem mt
Konrad v. Helmsdorf spiegel 964 L.;

ach got, wie hâst dû uns sô vil lêr geben an den unvernünftigen erêatûren, dâ mit wir gemant werden zuo tugentleichen werken Konrad v. Megenberg buch d. natur 203, 6 Pf.; unde wille wij et uns suer laten werden unde wille wij dar wat umme doen, wij sollen wal doghentlick werden Joh. Veghe pred. 358, 21 Jostes; also ist auch geistliche speis ... der sele zymlich und gelegen zuonemen, dadurch sy ernert werde im glaub, hofnung, lieb, kunst und andern tugenntlichen krefften, so zuo gehoeren geistlichem leben Berthold v. Chiemsee teutsche theol. (1852) 83. — im gleichen sinn vom irdischen leben Christi u. Mariae. die bezeugung für gott (die auch bei tugend, s. dort iii D u. tugendhaft C 1, selten ist) fehlt bei tugentlich, vielleicht nur zufällig: owe, slger mentsch, gedenke an daz tugentlich leben des rainnen gottes! owe slger got, wie waz din leben so gar tugentlich! St. Georgener pred. 68, 4 R.; sölchs beger durch die abstinentz Christi und durch verdienst syns gnadenrichen, tugentlichen lebens Stephan Fridolin dtsche pred. 24, 15 Schm.; unser frouwe ist gar unmâzen tugentlich gewesen mit der gedultikeit Berthold v. Regensburg 1, 101, 36 Pf.;

sie swuoren bî gotes hulde ...
daz nie man bechôme
zuo der magede schône
mit deheinem ungeverte ...
sî (Maria) hête sich wol geflizzen
sô tugentlîcher guote,
si kunde wol behuoten
ir êren manicvalte
unt sich selben mit gotes gewalte
priester Wernher Maria 3191 W.;

(Maria) die kein mal hat verloren
ihr tugentliche kron
Ringwaldt evangelia (1581) D 3a.


2) unter dem einflusz des religiös-sittlichen gebrauches bildet sich auch die höfische tugendauffassung um. die übergänge geschehen noch im höfischen rahmen (s. DWB tugend III B 2 b).
a) anfänge der moralischen auffassung von tugentlich innerhalb der höfischen werte (vgl. auch die belege unter B 1 b und die zu α gehörigen unter β u. γ):

'nû lône iu got, hêr Rüedigêr'sprach dô Gernôt,
'der vil rîchen gabe.mich riwet iwer tôt,
sol an iu verderbenso tugentlîcher muot Nibelungenl. 2121, 3 L.;

der truhsæz von Veltsperc
der sô tugentliche werc
begie mit hûsêre
Ottokar reimchron. 1340;

daz si (die unkeuschheit) vertreip und verjeit
ûz sînes herzen sinne
die tugentlichen minne
diu dâ hôchgemüete birt ebda 17038


b) im anschlusz an den höfischen gebrauch ('voll anstand', milte, maze, s. o. B 1 b) entwickelt sich die bedeutung 'maszvoll, rücksichtsvoll', 'schonend'; 'höflich, freundlich, sanft'. nur obd.; meist alemannisch, siehe auch den eingeschränkteren gebrauch (im wesentlichen Keisersberg) unter tugendhaft, adj., C 2 a γ, ferner tugendhafte, f., tugendhaftig, adj. vgl. fründlich, tugentlich und angenäm Joh. Frisius dict. (1556) 157b; placide senfftigklich, tugentlich, hüpschlich, lieblich, freundtlich, gütigklich ebda 1008a; placide still, fridsamlich, sittigklich, thugentlich Calepinus undecim ling. (1605) 1098a; cernix equi applausa hübschlich, sanfft und tugentlich oder lieblich tätscheln Frisius dict. (1556) 106b; tugendlich lenis, commodis moribus homo Dentzler clavis linguae lat. (1716) 292b:

swaz dô scheltens ergienc,
der arme Heinrich ez enpfienc
tugentlîchen unde wol,
als ein frumer ritter sol,
dem schœner zühte niht gebrast
Hartmann v. Aue armer Heinr. 1339 G.;

[Bd. 22, Sp. 1665]


zem ersten das wir lieplich und tugentlichen einer zunfft und swaz zu den zunfften gehoret mit einander uberein kumen sien (Augsburger zunftbrief v. j. 1368) städtechron. 4, 134; er enbot ouch den burgern, daz sü die gevangnen tügentliche hieltent Twinger v. Königshofen Straszburger chron. (1415) in: dtsche städtechron. 8, 85, 22; und kam der cardinal her und ward so güetig und so tugentlich gegen den von Augspurg, auch die von Augspurg auch widerumb gegen dem bischoff Burkard Zink (Augsburg 15. jh.) in: dtsche städtechron. 5, 213, 6; item ob ain vich ains nachpaurn ainen schaden tuet, das sol er guetlich und tugentlich eintuen und stellen tirol. weist. 1, 224, 14; und ward och kain unwill nit under inn und leptend all mit ain andern tugenlich Richental chron. d. Const. conzils 92 lit. ver.; darumb kein frauw ihren mann in seinem zorn bleiben soll lassen, sondern unterstehn in tugentlich darvon abzuwenden buch der liebe (1587) 299b. alte sprache nachahmend:

'gar gern bei meiner treue!'
sprach Otnit tugendlich.
da schwuren ohne reue
gesellschaft beide sich
L. Uhland ged. (1898) 1, 386.


c) häufig von der form der rede und des empfanges, beinahe formelhaft; vor allem frühnhd. vgl. adire blandis verbis aliquem mit einem freundlich und tugentlich reden, mit guten worten an einen kommen Frisius dict. (1556) 32b; cum bona venia audire unerzürnt, freuntlich und tugentlich hören, wol zefriden seyn ebda 350b:

nu merckent hie wie wunnesam
der engel zü der magte kam
und ir so wunneclich kunt
mit sinem tugntlichen mund
das sy solt schwanger werden
Konrad v. Helmsdorf spiegel 304 L.;

do sprach der engel gar tugentleich
Vintler pluemen der tugent 3088 Z.;

und daselbs im velde emphiengen der obgenant Paulus Vorchtel und die anderen unser ratsfrund sein küniglich maiestat mit ersamen tugentlichen worten (Nürnberg 15. jh.) städtechron. 3, 361, 20; darnach kamen die allerschnsten, mechtigosten frawen ... z der künigin und empfiengen sie auch zmal lieplich und mit tugentlichen freuden (Augsb. 15. jh.) ebda 22, 314, 22; (die markgräfin) empfieng die gab tugentlich und danket der potschaft gar gezogenlich (Augsburg) ebda 5, 225, 14;

es empfienc in tugentlichen
den auszerwelten man lied v. hürnen Seyfrit 16 ndr.;

und also mit solchen hübschen, tugentlichen worten soll sie (die frau) ihm (dem manne) sein thörlichen anfechtung unterstehn zu benemen ritter vom thurm (1593) 36; wol bey sechzig ritter ... empfiengen den graffen und die gräffin tugentlich und gar fast ehrlich buch der liebe (1587) 265d;

sie kamen für Herodem geritten,
der empfleng sie mit tugendlichen sitten:
seid ihr willkommen, ihr herren! Schweizer volkslieder 1, 82 Tobler;

der wachter gund in fragen,
trauriger man, was gewirdet dir? ...
das solt du tugentlich mir sagen liederb. der Cl. Hätzlerin 9 Haltaus;

(der landsknecht) trat der gute alten frawen für das haus ... sprach sie gantz tugentlich und freundlich an B. Hertzog schiltwache c 2; (er) antwurtet jnen tugentlich und gütigklich mit senfften worten Keisersberg postill (1522) 2, 107;

ein fürst mechtig und hochgeporn
mit wortten senfft und tugentleich
der sasz zu Wien in Osterreich pfarrer v. Kalenberg 20 ndr.;

darumb mein bruder sag mir an
und bescheid mich hie gar tugentlich
P. Gengenbach 91 G.;

(der) ... empfienge die königliche citation gantz tugendlich J. Ayrer proc. jur. (1601) 66.

[Bd. 22, Sp. 1666]



3) in neuerer zeit stark hinter tugendhaft zurückgetreten.
a) 'sittlich-vollkommen'; 'edel, gut, fromm'. vgl. ethicus tugentlicher meister (voc. rer. 1490) Diefenbach gloss. 211b:

der (gott) dir hat grosz genad gegeben,
das du so tugentlich thust leben
Hans Sachs 1, 136, 7 lit. ver.;

darum wer wisheit brucht uff erd,
der lg das er gebadet werd
und rein für gottes augen kum
erber tugentlich und frum
Th. Murner badenfahrt nr. 1, v. 68 Michels;

der was ein gter heyliger man, und hett gott lieb und was tugentlich summerteil d. heil. leben (1472) 2a; ir solt auch nit den menschen begeren zu wollgevallen mit ewren claideren, besunder mit ewrem tugentlichen leben Keisersberg granatapfel (1510) d 4b; da hat er demütigklich angefangen, tugendtlich zugenommen und seligklich geendet legend d. heil. vatters Francisci (1512) b 8b; dann so der mensch lästerhafftig ist, er thue waz er wöll, so tht ers lästerlich, so er aber tugentlich ist ... so tht ers tugentlich Joh. Nas antipap. eins u. hund. 4 (1570) 126a; nun aber ists weder sünde noch schwachheit, sondern nun wird der christen ehestand, im heiligen gehorsam vor gottes ordnung, tugendlich geführet A. G. Spangenberg apologet. schlusz-schr. (1752) 2, 599; das tugentliche wesen ... das der heiland wirkt und dem inwendigen menschen anlegt Zinzendorf Bornimer pred. (1757) 2, 56; er gedachte nach einem halben jahre auf die hochschule zu gehen, wogegen der rektor war, und ihm erklärte, dasz er wissenschaftlich und tugendlich kaum ... in zwei jahren dazu reif sei W. Harnisch Kaskorbi (1817) 1, 73; er lenkte allgemach wieder in tugendlichere gespräche ein L. Tieck ges. novellen (1835) 10, 189. entwertet: du meinst doch wohl nicht diese leute von tugendlichem temperament? diese guten seelen, die es blosz darum sind, weil sie keine versuchung oder nicht muth genug in sich fühlen, böses zu thun? Wieland s. w. (1794) 8. 126.
b) im zusammenhang der erziehung: das kind Florents ward also tugendlich erzogen, das es jederman wol gefiel W. Saltzman Octavian (1548) e 4b; sein underthan zu unterweisen in burgerlichem züchtigem dugentlichem leben Joh. Dietenberger ob St. Peter zu Rom sey gewesen (um 1524) f; warum dann wollte man auf seiner eignen kinder gute und tugendliche aufferziehung ... nicht auch also um einen guten und tauglichen mann sich bewerben Hohberg georg. cur. (1682) 1, 96; dann erstlich wehren ihr churfürstl. gn. von jugendt auf wol und tugendtlich aufferzogen und educiret acta publica 2, 361 Palm.
c) von regierenden und vom regieren gesagt:

bedüdet ouch götlich gewalt,
den sie (könige u. priester) haben manigfalt
von got entpfangen gwaltiklich,
z reygieren dugentlich
Th. Murner badenfahrt nr. 15, v. 14 M.;

der tugentlich fürst Wilwolt v. Schaumburg 74 lit. ver.; hochgedachter churfürst eyn tugendlicher man gewesen sey J. Agricola sprichw. (1537) y 5a; dis geschlecht hat etliche fürtreffliche weise tugentliche fürsten gegeben H. Rätel Joach. Curäi chron. (1607) 270; o tugentlicher keyser Hartmuth v. Cronberg schr. 4 ndr.
d) in abgeschwächtem sinne 'ehrbar, rechtschaffen, bieder':

von hertzen yetzt schier niemand tracht,
tugentlich und erbar zu leben
Hans Sachs 7, 427, 10 lit. ver.;

die kinder solden woll ansehen ... die fromkeitt und redlichkeitt irer eldern, das sie ... auch from, erbar und tugentlich lebten J. S. Egranus pred. 158 B.; die tischdiener bitt man zu ehren, dasz sie braut und bräutigam, frauen und jungfrauen tugentlich dienen Mathesius hochzeitpred. (1584) 71b; nemlich wöllen die römisch keyserlich majestat ... zwen ausz den graffen oder freyherrn

[Bd. 22, Sp. 1667]


und darz zwo tugentlich personen ... von der recht gelerten ... zu beysitzern genemmen d. kays. maj. cammerger. ordnung (1555) 1b; (der chirurg) soll sein warhafftig und auffrichtig: mit tugentlichen sitten und geberden H. Braunschweig chirurgia (1539) 1b; wir halten uns auch in gemeinem nutz und in täglicher ubung untereinander so tugentlich und on allen argwohn und verdacht, dasz wir niemands vergönnen Xylander Plutarchus (1580) 91a; zwen dieb hatten lange zeit inn gemein mit einander gestolen und allweg tugentlich, was si überkamen, mit einander getheilt J. Wickram w. 3, 78, 1 Bolte; also dasz manches tugendstükke in teutsche zierligkeit bekleidet, vermittelst eines traur- und freudenspieles weltkündig gemacht, hoher leute tugendliches wesen zur unsterbligkeit gebracht ... werden könte Schottel haubtsprache (1663) 145.
e) von der frau, 'sittsam', 'ehrbar', 'keusch':

ausz dem schwanck nem ein jungfraw lehr, ...
dasz sie sich tugendlichen halt
Hans Sachs 21, 264 lit. ver.;

(braut zu ihrem bräutigem:) ihr wisset es schon ... dasz mir die galanterie vormals sehr gefallen hat; aber nunmehro habe ich sie aus meinem hertzen verbannet und werde hinfort nichts, als was tugendlich ist, mir angelegen seyn lassen ollapatrida 224, 19 Wiener ndr.; die (schwangeren) frauwen sollen auch rwig, züchtig und still seyn, auch tugendtlich und sittiglich alle jre werck und geschäfft angreiffen J. Ruoff hebammenbuch (1580) 45;

wer hegt bescheidnern, tugendlichern sinn
als eure fromme tochter?
Schiller 13, 177 G.;

es ist ihm eine eigene pflegerin bestellt, wozu immer die älteste tugendlichste magd aus dem frauenzimmer der gräfin genommen wird Cl. Brentano ges. schr. (1852) 4, 62;

zu edel denkt eur tugendlich gemal, und wohl
weisz ich, was sich der diener nicht erkühnen darf
L. Tieck schr. (1828) 5, 548;

ihre tochter ... war ... tugendlich und sittsam Musäus volksmärchen 2, 49 Hempel.in dieser engeren bedeutung selten vom manne: was ihn von allen männern ... unterscheidet, ist ... der tugendliche blick seiner augen, welche die einzigen sind, die mich nicht beleidigten S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 106; ironisch:

und mir ists wie dem kätzlein schmächtig,
das an den feuerleitern schleicht,
sich leis dann um die mauern streicht;
mir ists ganz tugendlich dabei,
ein biszchen diebsgelüst, ein biszchen rammelei
Göthe I 14, 185 W.


D. tugendlich als attribut zu sachlichen subjekten (vgl. auch tugendhaft D); seit dem beginn der bezeugung.
mut, gemüt, wesen als träger tugendlicher gesinnung:

neinâ, hêrre Dietrich,edel ritter guot,
lâzâ hiute schînendînen tugentlîchen muot,
daz du mir helfest hinnen:oder ich belîbe tôt Nibelungen 1922, 3 L.;

ich waiz daz tugentlicher mt
wirt nymmer hellehundes gauch
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österr. 10498 R.;

vellit eyner in torheit balde
und vorlusit sinen toguntlichin mud
und wel wedir worte noch truwe halde
in allin dingin di her tud
Joh. Rothe ritterspiegel 458 Neumann;

das tugendliche gemüht adelt uns G. Ph. Harsdörffer t. secretarius 2 (1659), ):( ):( 6b; verstand, die erfahrenheit und alle würkungen, welche einem rechtschaffenen tugendlichem gemütte wohl anstehen Butschky Pathmos (1677) 189. — es befindet sich aber, das die philosophia ... unter vilen andern herlichen anweisungen, darmit sie die leut pflegt zu tugendlichem wäsen aufzupringen, auch aine von ehlicher unterrichtung einhält Fischart w. 3, 125, 20 H.vgl. dazu noch: nâch tugentlicher art livländ. reimchron. 4438 Meyer;

[Bd. 22, Sp. 1668]


ain guet geporen edelman
warb umb ain freulin wolgetan,
er sprach ir zue mit tugentlichem siten:
'genad, ain freulin waidelich'
Oswald v. Wolkenstein 20, 3 Sch. —

cardinales virtutes tugentlich zucht (15. jh.) Diefenbach nov. gl. 75a. — wenn sie (die adligen) wolten in ehren gehalten und gefurcht sein, msten sie warlich zuvor gott auch in ehren halten und furchten, damit sie ein gut tugentlich geschrey (guten ruf) im volck uberkemen Luther 31, 1, 224 W.
tugendliches verhalten bezeichnend, tugendliches leben, werke, taten usw.: daz wir im (gott) des alsô gedanken mit tugentlîchem leben Berthold v. Regensburg 1, 565, 17 Pf.; (Christus) ist das leben das unser ende sol sin, und nach unser múgelicheit, nút alleine mit gedenkende und dankende, sunder mit tugentlichem lebende und gedultigem lidende Tauler 241, 3 V.; so wert em vele banger unde dat wert em vele surer ... dat ghene to latene unde weder to verlerne, des he sick ovele gheweent heff, dan et em werden solde, offt he eerst van nyges begunde eyn doghentlick leven an to gane Joh. Veghe pred. 271, 37 Jostes; und darumb seind sy kalt und wachsen nit auf in tugentlichem leben Keisersberg granatapfel (1510) f 1a. — kein tugent lît an vil tugentlîchen werken, mêr: diu tugent diu ist alsô edel und alsô guot in dem minsten tugentlîchem werke, der dem rehte tuot, als in tûsent werken meister Eckhart in: dt. mystiker 2, 611, 30 Pf.; aber daz tugentlich gt werk mste er vil sur erarnen mit marterlichem lidene H. Seuse dtsche schr. 117, 25 B.; prudencia est recta racio agibilium tugentlicher werken wiserin und ueberin voc. opt. (14. jh.) 37b Wackernagel; eyn hennen vloghe en waert nicht lange, und eyn doghentlick werck en sit nicht vaste, dat uth ghewonte nicht en kumpt Joh. Veghe pred. 230, 32 Jostes; dann ainer frǒwen gestalt und hüpsche nüczit ist, sölichs hypsche werd dann behulfen mit tugentlichen sitten und wercken Niclas v. Wyle transl. 98, 38 Keller; tugenntliche werck, als demütig sein, gütig, barmhertzig, keusch Keisersberg granatapfel (1510) b 6c. — alsô sprach Kristus 'iuwer lieht sol liuhten vor den liuten'. er meinde die liute, die alleine ahtent der schouwelicheit unde niht ahtent tugentlîcher üebunge unde sprechent, sie bedürfen sîn niht meister Eckhart in: dt. myst. 2, 19, 8 Pf. — das niemant edel ist gewesen, er hab dann den adel und adels namen mit tugentlichen namhafftigen thatten erlangt S. Franck chron. (1531) 13a;

kein mensch mit tugendlicher that
Aiacem ubertroffen hat
W. Spangenberg bei
O. Dähnhardt griech. dramen 2, 135 lit. ver.;

dadurch andere zu gleicher nachfolge in tugendlichem wandel und thaten auffzumunteren J. Rist Parnass (1652) b 1a; Nero und Herostratus haben ..., weil sie es durch tugendliche thaten nit konden, durch unthaten berühmt werden wollen S. v. Birken ostl. lorbeerhayn (1657) 17. —

und stets also mich übe
nach deinem (gottes) wort
an allem orth
in tugendlichen dingen
Johann Rist bei
Fischer-Tümpel kirchenlied 2, 198;

nu sehit abir in deszin spigil her
und lernit rechte ritter werdin
und kommit gotlichin vorhtin ner
und den toguntlichin geberdin
Joh. Rothe ritterspiegel 896 Neumann. —

ich verfertigte auch eigene sphärentafeln für sie, worauf jeder verzeichnet war mit seiner tugendlichen oder schlimmen aufführung G. Keller ges. w. (1889) 1, 104. — der hat auch nicht tugendliches verstandes gnug, der sich in der zeit der widerwertigkeit und in einer jeglichen beschwerung verzaglichen haltet und minder zuversicht, denn er thun solt, zu mir hat oder verhoffet Joh. Arndt Thomas a Kempis (1631) 75.
 
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tugendlichkeit, f., wie tugendhaftigkeit; von jemandem, der tugendlich ist und handelt; im sittlichen

[Bd. 22, Sp. 1669]


sinne; seit dem spätmhd.: es sei ein zier und gemeiner nutz, wann die jungen nach volgent der eltern treffenliche tet und hant haltent ein gemeinen stant und nutz mit tugentlichkeit und manlichkeit (Nürnberg 15. jh.) städtechron. 3, 34, 10; die tugendlichkeit und innern gehalt eines bruders Zinzendorf der ev. brüdergemeinen bedenken (1751) 44; so nun steuert das junge verdienst grade auf den wahren adel los, welcher ja nichts anders ist, als: die personifikation der tugendlichkeit und der virtuosität Ad. Müller verm. schr. (1812) 1, 146; Gudwella hatte von seiner und ihrer tugendlichkeit einen hohen begriff P. Rosegger schr. (1895) I 12, 394. — in neuerer zeit gern entwertend: entschuldigt er (der professor) den Homer, dasz seine zeit tapferkeit für die höchste tugend hielt ... entschuldigt das in dem unbedeutenden tone professorlicher tugendlichkeit Göthe I 37, 202 W.; die jungfrauen mit ihrer langgestreckten anmuthlosen tugendlichkeit kamen ihm gar wie gemalte begriffe der jungferschaft vor Eichendorff s. w. (1864) 2, 422.
 
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tugendlicht, n., der helle zustand menschlicher tugendhaftigkeit (im gegensatz zur dunkelheit des lasters):

die dem dunklem angehören
bleiben, wie sie sein
ohn tugend-licht und schein
C. Stieler geharnschte Venus 56 ndr.;

im tugendlicht wandele, gleich wie Christus im licht ist H. Müller thränen- u. trostquelle (1675) 421;

so blicke gnädig an mit deinem tugend-lichte
o hochgepriesner held, die sitt- und tugend-früchte
C. Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) )( 3b (widm. 4).

selten pluralisch: lasz deine tugendliechter helle brennen V. Herberger hertzpostilla (1613) 2, 575. — leuchtendes tugendvorbild, von personen gesagt:

wem ist herr Laurentz doch dasz helle tugendlicht
nicht gahr zu wol bekant
J. Rist teutscher Parnass (1652) 332;

sollt ich die erblaszte kennen,
würd ich sie, ich zweifle nicht,
ein vollkommnes tugendlicht
und der frauen krone nennen
D. W. Triller poet. betracht. (1750) 3, 465.

vereinzelt negativ betont, tugendhafter schein als gegensatz zu wahrer tugend: gib wohl acht auf das thun und lassen eines menschen, dasz du in selbigen dasjenige, was von herzen gehet von dem, was er affectiret, und das falsche tugendlicht von wahrer tugend und vernünftiger liebe wohl entscheidest Chr. Thomasius arzenei wider die unvernünftige liebe (1696) 398.

 

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