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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tugendgönner bis tugendheld (Bd. 22, Sp. 1645 bis 1659)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendgönner, m.: der berühmte tugendgönner und der musen schutzher Neumark neuspr. teutsche palmbaum (1668) 348. —
 
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tugendgott, m.: worüber die tugendgötter die hochlöbliche fruchtbringende gesellschafter ... also anreden Neumark palmbaum (1668) 80. —
 
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tugendgottheit, f.: die sittenlehre ... erwekket desto gröszere begirde, um die tugendgottheit verehrend anzubeten Qu. Kuhlmann lehr-hoff (1672) 393. —
 
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tugendgrille, f.: wenn ihr eine närrin bleiben, und eure tugendgrillen nicht aufgeben wollet, so erbarmet euch doch wenigstens eures kindes Ch. v. Schmid ges. schr. (1858) 13, 27. —
 
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tugendgrimasse, f.: die blonde schwester mit ihrer langweiligen tugendgrimasse Fontane ges. w. (1905) I 5, 84. —
 
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tugendgrösze, f.: so hätte doch dieses einfache wesen eine solche unendliche tugendgrösze und kraft J. C. Gottsched beytr. z. crit. historie (1732) 7, 126; wer würde nicht auf dem platze, wo Gustaph bei Lützen fiel, vom ganzen gefühl seiner tugendgrösze durchdrungen? C. F. G. Hammard reise durch Oberschlesien (1787) 1, 124.
 
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tugendhaft, adj. , mhd. tugenthaft. der wechsel von t, d und dt entspricht dem bei tugend, s. dort unter herkunft und form.der zusammenhang und die zeitliche folge der bedeutungen ist vom grundwort, tugend, bestimmt; dort ist das nähere nachgewiesen. die verhältnismäszig geringe bezeugung der ableitungen hat zur folge, dasz manche bedeutungen nur zufällig undeutlich zu erkennen sind und bei den im ganzen gleichbedeutenden tugendhaft, -lich, -sam verschieden entwickelt scheinen; zum einzelnen ist immer das grundwort zu vergleichen.
A. mächtig, kräftig, mit auszerordentlicher kraft und fähigkeit begabt. von gott, den engeln und von göttlichen oder religiösen wirklichkeiten gesagt (tugend I A, B, D):

der junge ûz süezem munde sprach:
'tugenthafter got mîn ungemach
sî dîner hôhen kraft gegeben,
daz dû mich sô lange lâzest leben
unz ich mîn œheim gesehe
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 49, 16;

dirre strît müez im erwerben
vors heidens hant ein sterben.
daz wende, tugenthafter grâl:
Condwîr âmûrs din lieht gemâl:
hie stêt iur beider dienstman
in der grœsten nôt dier ie gewan ders. Parzival 740, 19;

die eine heizent die brinnenden engel, und aber ander die minnenden engel, und aber die andern die tugenthaften engel Berthold v. Regensburg 1, 95, 5 Pf.; aus allen ... ursachen wirt ... befunden, ... daz auch sein (Christi) lere und neu gesetz gegründt war, ... ordenlich, tugenthaft und allenthalben götlichen sachen gemäs Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 70 R.; darausz entspreuszt zwischen beden (göttlichen) personen ain dritts, das weder vater noch sun ist, nemlich ain wilkürliche, verainte, unmässige lieb, die auch götlich, gros, ... tugenthaft ... ist ebda 57. — daneben von naturdingen, in denen göttliche oder übernatürliche, auszergewöhnliche kraft als wirksam gedacht ist, s. DWB tugend, DWB I F:

der sapfler, der ist tugenthaft
und hât sô loblîche kraft,
swer eine blatern hât,
swâ si an sînem lîbe stât,
si sagent, bint er den saphyr dar,
diu blater diu zebreste gar
Stricker kl. ged. 11, 183 Hahn;

das (beschauende leben) ist die spis tugenthaft,
die in dieser zyt kan geben
ain minnekliches ssses leben
Konrad v. Helmsdorf spiegel 2000 L.;

den (sommer) gelîche ich einem jungen man,
der wirt als des krûtes kraft
witzec unde tugenthaft
und swinde in allen dingen
als die blûmen springen
Albrecht v. Halberstadt 35, 222 B.;

geruchet ir des steines iht,
so verlieset im sin kraft niht!
er ist nie so tugenthaft,
ir verwurket im alle sine kraft,
swen ir im sin reht widersaget mhd. erzählungen 157 127 Rosenhagen;

[Bd. 22, Sp. 1646]


der dritt stein ist so tugendhaft:
gott bhüt euch euer junkfrauschaft
L. Uhland volkslieder (1881) 1, 13.

vom menschen kaum belegt; wahrscheinlich nicht nur zufällig, da auch der entsprechende gebrauch von tugent (IC) im deutschen (vgl. dagegen das ags.) schwach entwickelt ist und gegenüber den mit christlichen vorstellungen zusammenhängenden bedeutungen zurücktritt: man sol auch dem kindt an sein hälszlein und ärmlein hencken benignen körner und rote corallen, das stärcket das kindt und macht es frölich und tugendthafft J. Ruoff hebammenbuch (1580) 64.
B. vortrefflich, ausgezeichnet, tüchtig; entsprechend tugend II.
1) im mhd. vor allem in der besonderen höfischen ausprägung 'edel, zuchtvoll, ritterlich', wie es dem ritter oder der dame geziemt (tugend II A), wobei die grundbedeutung, der, welcher 'vortrefflich, tüchtig', 'so, wie er sein soll' ist, immer durchscheint.
a) allgemein, ohne hervorhebung besonderer züge:

mîn dienist biede ich dich an:
nû nim iz tuginthafter man.
durch genâde quam ich here gevaren.
dû salt dîne êre an mir bewarin könig Rother 936 B.;

'ich bite iuch, tugenthafter man,
sît ir mir sît gewesen guot
daz ir mir volle wol tuot,
daz ich iuch müeze erkennen:
geruochet iuch mir nennen
Hartmann v. Aue Erec 4817 H:

alda (bei Marke) dahter (Rivalin) beliben,
ein jar mit ime vertriben
und von im werden tugenthaft
und lernen niuwan ritterschaft
und ebenen sine site baz
Gottfried v. Straszburg Tristan 457 R.;

sæligiu, nu bedenket wol,
tugenthaftiu küniginne,
und nemet in iuwer sinne,
daz ich so rehte unschuldic bin ebda 14805 R.;

diu was geheizen Hildeburc.vrou Hilde, Hagenen wîp,
diu hete erzogen nach êrenir tugenthaften lîp Kudrun 485, 2 Symons;

wær über hundert mîle
gezeiget im (dem ritter) ein ritterschaft,
dâ wær der nerre tugenthaft
mit guotem willen hin geriten
und hæte gerne dâ gestriten
nâch lobe ûf hôher minne solt
Konrad v. Würzburg d. welt lohn 32 Schr.

Nestor der selbe was genant
und hiez Pîlon sîn hêrschaft.
er was küen unde tugenthaft
des lîbes und der sinne ders., troj. krieg 11528;

wand der kunic Rudolf was
vester denn ein adamas
an menlichem prîse,
tugenthaft was er und wîse
ouch het er rîcheit vil
Ottokar österr. reimchron. 25989;

der war des libes wol gestalt,
do wart er auch des muotes balt,
beschaiden und tugenthaft
und wise gar uf ritterschaft
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österr. 547 R.;

und kam gen Salzpurg zu ainem wirt, gehaissen Praun,
der het ain also tugenthafte schöne fraun,
frölich mit eren, hoflich ir gemüete
Oswald v. Wolkenstein 100, 3 Sch.


b) mit betonung von einzelzügen, besonders milte, triuwe und den höfischen anstand (zuht) betreffend, s. im einzelnen unter tugend II A 2 u. 3:

sie sprach: owî hêrre Diederîch,
weme wiltû, tuginthaftir man,
unsich armen wîph lân? könig Rother 2901 B.;

Môrolf, dugenthafter man,
nû ensînne dich nit lange,
kum z helfe dem kunige Salmân Salman u. Morolf 492, 3 Vogt;

[Bd. 22, Sp. 1647]


'edel ritter ...
êre an mir elliu wîp
unde lâz mir den lîp
und gedenke dar an
daz ich dir, tugenthafter man,
solch herzenleit niht hân getân,
dû maht mich wol bî leben lân
Hartmann v. Aue Erec 961 H.;

a, herre, er ist so tugenthaft
seht, dise niuwe meisterschaft,
als wir nu sin ze hove komen
die han wir gar von ime genomen
Gottfried v. Straszburg Tristan 3287;

genâde, frouwe Minne! ich wil
dir umbe dise boteschaft
noch füegen dînes willen vil:
wis wider mich nû tugenthaft
Walther v. d. Vogelweide 55, 20 Kr.;

dehein zage niht entohte
under der tugenthaften schar
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 9322 K.;

diu tugendhafte künegîn (Helena, die ihrem gatten treu sein will)
wart in trûren dô geleit.
si twanc wîplichiu blûcheit
dar ûf, daz si beswærde truoc
Konrad v. Würzburg troj. krieg 21490:

der tugenthafte ritter
begunde nâch ir trûren
und in sîn herze mûren
vil jâmerlîche riuwe
Konrad v. Würzburg herzmœre 242 Schr.;

dâvon wart sît noch ê gesehen
nie künic alsô tugenthaft.
ellende und arme ritterschaft
mit rîchen gâben er beriet ders. turnier v. Nantes 21 Schr.;

der tugenthafte grise
Bernant der fúrste wise
kust in do
Rudolf v. Ems Willehalm 7021;

ein ieslich ritter gerne sol
loben diu vil werden wîp;
und ist im tugenthaft der lîp,
so lobt ers, als er beste kan,
und ist ir stæter dienestman
Ulrich v. Lichtenstein frauendienst 1357, 8 B.;

dô trat brûder Poppe vur
und liez ûf die meisterschaft.
die entpfienc gar tugenthaft
meister Anne von Nieflant livländ. reimchron. 4354 M.;

er was milt und tugenthaft,
das lant hett er mit rechter kraft
Heinrich v. Neustadt Apollonius 20549 S.

auch auf gott übertragen, der in der weise eines weltlichen herrn gesehen wird (also anders als unter 1 und 3 a); vgl. unter tugentlich (B 1 b) die gleiche anwendung auch in der dichtung (Konrad v. Würzburg): eya, lieber got und ein herr aller der welt, bis milt und tugenthaft gen mir armen menschen, wan ich mss hút ain rechnung mit dir haben, des mag ich nit enbern H. Seuse dtsche schr. 84, 17 B.; ich wande, got weri milt, ich wande, er weri ein gnediger, tugenthafter herr allen den, die sich getrstin an in gelassen ders. 127, 13.
c) häufig in der verbindung tugenthafter muot, 'edler, ritterlicher sinn':

die boten sach sie gernevon der Hiunen lant:
si gruoztes minneclîchedurch ir tugenthaften muot d. Nibelunge not 1393, 3 L.

(vgl. hs. B: durch ir tugende muot 1453, 3; C: sie gruozte si mit tugenden, wan si was wolgemuot 1481, 3);

(Keiî zu Erec, der ihn besiegt hat u. ihm das rosz wegführt:)
'nein, ritter, vil guot!
durch dînen tugenthaften muot,
daz mir daz ros hie bestê!
oder ich muoz immer mê
verswachet unde gehœnet sîn'
Hartmann v. Aue Erec 4739 H.;

'nein.' sprach er, 'ritter guot,
durch dinen tugenthaften muot
unde durch dîn schœne wîp
sô lâ mir den lîp
und êre got an mir ebda 4443;

[Bd. 22, Sp. 1648]


wan sô ich in der werlt ie mê
guoter wîbe mac gespehen,
als ich der ahte kan ersehen
sô kumt et von ir güete daz,
daz sî mir ie baz unde baz
von schulden wil gevallen:
wan so zieret si ûz in allen
ir tugenthafter muot
als den karfunkel tuot
sîn schîn ders. 1. büchlein 1499 B.;

wie iz den ergie,
daz sie nicht beide hungers tôt
bliben, von der grôzen nôt
half in ein heidensch vrowe gût
die hatte tugenthaften mût livländ. reimchron. 782 M.;

drie knechte und ein ritter gût,
der hatte tugenthaften mût
zû gote und kein den lûten ebda 9340.


d) oft als formelhaftes beiwort, noch im frühnhd. fortgeführt; zunächst für ritter und frauen als 'laudabilis, honestus' (Jac. Grimm kl. schr. 7, 208); seit dem spätmhd. auch auf andere hervorragende personen (z. b. der biblischen geschichte) übertragen:

der tugenthafte man
zwâre er dâhte von dan
vol alsô balde
als er in einem walde
wære âne obedach
Hartmann v. Aue Erec 7242 H.;

saeligiu, nu bedenket wol,
tugenthaftiu küniginne
und nemet in iuwer sinne
daz ich so rehte unschuldic bin
Gottfried v. Straszburg Tristan 14805 R.;

der rede und dirre botschaft
der rîche keiser tugenthaft
antwürte gab vil schône sider
Konrad v. Würzburg Silvester 2568 Gr.;

er quam geriten in ir lant
mit gewalticlicher hant
und mit sô starker herescraft
daz sich diu frouwe tugenthaft
mit nihte kunde sîn erwern ders., schwanritter 22 Schr.;

der tugenthafte Ruodolf
der des rîches krône truoc
Ottokar österr. reimchron. 33497;

brûder Willekîn was er genant.
der selbe tugenthafte helt
wart zû Velîn erwelt livländ. reimchron. 9735 M.;

'sage mir, tugenthafter man
bist du Krieche oder Persân?
Ulrich v. Eschenbach Alexander 16741;

ir selbes laster tett ir we,
doch hett si laides dennocht me
umb ieren tugenthaften man,
den si vil laides wiste han
Wernher Marienleben 245 P.;

Joseph, der tugenthafte man der sœlden hort 1939 A.;

dem kaiser tugenthafft,
der, als uns tt die geschrifft bekant,
Octavianus was genant
Konrad v. Helmsdorf spiegel 470 L.;

von Wolkenstein wolt ich zu Kölen guoter laun
und kam gen Salzpurg zu ainem wirt, gehaissen Praun,
der het ain also tugenthafte schöne fraun
frölich mit eren, hoflich ir gemüete
Oswald v. Wolkenstein 100, 3 Schatz;

do rait der tugenthafte man
an dem gebirge uf und nider
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österr. 3528 R.;

si hb an ... und sprach also (zu Seuse): owe, tugenthafter herr, do klag ich ú, daz mir als gar úbel ist geschehen H. Seuse dtsche schr. 79, 13 B.; du tugendhaffter ritter Siegfried volksbuch v. geh. Siegfried 71 ndr.;

Guisgardum ich erwelet han
tugenthafft und züchtig an dadel
Hans Sachs 2, 32 lit. ver.;

ein schöner jüngling ... tugenthaft, züchtig mit allem geperde Steinhöwel decameron 68, 11; der erbarn, auch

[Bd. 22, Sp. 1649]


tugenthaften frawen Margareta Heynin ... ein fröliche fasznacht Schumann nachtbüchlein 73 Bolte; Probus ... was in der jugent ziemlich reich und tugenthafft S. Münster cosmogr. (1550) 250; gehört auch das folgende hierher?: sich din könig kompt dir, der tügenthaffte, sitzend uff einer eselin (vgl. Matth. 21, 5, Joh. 12, 15; Zach. 9, 9) der text des passions u. lidens Christi (1593) a 5b.
e) im anschlusz an das vorige ist der im gedicht vom Wartburgkrieg als einer der streitenden auftretende tugenthafte schrîber zu nennen. Jac. Grimm (kleinere schriften 7, 207 f.) sieht in der aus dem gedicht selbst nicht zu erklärenden bezeichnung (es sei denn, dasz die zweite unten angeführte stelle zu deuten ist: 'wenn ihr wirklich etwas könnt, so bittet heute gott um seine kraft') einen geläufigen titel, 'wie er etwa einem in ehre und amt stehenden notar gebührt habe'. tugenthaft deutet er einfach als 'laudabilis, honestus', ohne dasz damit eine 'besondere trefflichkeit' gemeint sei. er führt aus den jahren 1345, 1346 einen in urkunden genannten Andrê der tugentlich schreiber im oberbairischen städtchen Rain an:

ich tugenthafter schriber minnesinger 3, 171a v. d. Hagen;

her schriber, sit ir tugenthaft
so bitet got noch hiute siner hohen kraft ebda 171b;

tugenthafter schriber, uns hat dir gesant
gotes mueter; nu danke ir, sistu wise ebda 172a.

mit bezug darauf in neuerer sprache: Klingsohr von Ungerland in der mitte und links und rechts von ihm Heinrich v. Ofterdingen, Walther von der Vogelweide ..., der tugendhafte schreiber G. Keller ges. w. (1889) 6, 86. — derselbe dichter aus dem Wartburgkrieg wird auch tugentlicher schriber genannt: do hatte der vorgenante lantgrave Herman zu hofegesinde in sinem pallacio sechs ersame wol geborne, di da sprechins und tichtins uff meisterschaft wol ervarn warn unde stetlich widder einandir tichtin uff hubischeit. der eine was genant Heinrich, der tugentliche schriber leben des hl. Ludwig 9, 15 Rückert. Johann v. Würzburg nennt in seinem Wilhelm v. Österreich einen der dienstherren, die zum schutze Aglyens bestellt werden, den tugenthaften schriber; er dichtet nach dem tode Wilhelms ein klagelied auf ihn:

auch blaib da (bei Aglye), den man loben sol
billich, daz verdient er wol
an dem milten Bognær
der tugenthaft schriber 18536;

nu hret, wie gedenket
des frsten (Wilhelm) wart mit hertzen swær
von dem tugenthaften schriber 19258.

zu beachten ist, dasz Johann sich als dichter der tugend schribær (Johannes, der tugend schribær haizz ich 13228) nennt, mit dem deutlichen sinn 'lehrer der tugend', der mit seinem gedicht den tugendliebenden herzen ein vorbild geben will (vgl. die einleitung zu seinem Wilhelm v. Öst.). ob er den in dem gedicht genannten dienstherrn, der ja auch als dichter (lobredner der tugend Wilhelms) auftritt, so gedeutet wissen will, ist nicht mit sicherheit zu sagen.
2) allgemein 'vortrefflich, tüchtig, brauchbar'.
im ganzen nicht deutlich ausgebildet, da im nhd. dieser gebrauch in die sittlich-religiöse bedeutung übergeht, wenn diese allgemeiner gefaszt ist, 'der das rechte, ordentliche tut, ist vortrefflich, tüchtig, so wie er sein soll':

des schribet uns also anderswa
der tugenthafte Seneca
Hugo v. Trimberg renner 13960;

nah diser wise schtan in (gott) hie vor etlich tugendhaft heidensche meister, und sunderlich der vernúnftig Aristotiles H. Seuse dt. schr. 171, 11 B.;

ich kan wol trinken unde mac
ich hân kunst unde kraft,
mîn herze ist sô tugenthaft,
daz ez an trinken nie gehanc weinschwelg 166 Schr.;

[Bd. 22, Sp. 1650]


daher trifft man auch so viel unnütze und untüchtige leute unter denen soldaten an; es wird aber auch aus solchen leuten nachgehends nichts rechts, und tugendhaffte und verständige avanciren und machen ihr glück Fleming d. vollk. t. soldat (1726) 124a; sie ... anlass geben ... zur tugendhaften manheit H. W. Kirchhof militaris disciplina (1602) 5; vgl. noch: 'tugendhaft gewandt, geschickt, brauchbar, nicht tölpisch; ein tugendhaft frauvolk ein gewandtes frauenzimmer, das viel einnehmendes hat, in der wirtschaft brauchbar ist' K. G. Anton Oberlausitzer wörter (1825) 5, 8.
von tieren, pflanzen u. s. w., 'vortrefflich, brauchbar, gut' (s. DWB tugend II D):

ich han nu funden eines, (pferd)
ichn gesach noch nie deheines
daz tugenthafter were mhd. erzählungen 186, 97 R.;

die chatze ist also tugenthaft
an mut und an libe
die zimet dir wol zu wibe ebda 145, 132;

der selbe blme tugenhafft (das reis aus Jesse)
hett an im siben aygenschafft
Konrad v. Helmsdorf spiegel 143 L.;

'nu wil ich künden
waz tugent du hâst, vil lieber wîn.
wie möhtestu tugenthafter sîn?
dû hâst schœne und grôze güete,
dû gîst uns hôchgemüete,
dû machest küene den zagen weinschwelg 22 Schr.;

dann man künde ausz solchen blumen auch wol zusamen klauben, das dem menschen sehr schädlich were; aber die kunstreiche, auch thugenthaffte byne thut solches nicht, sonder nimmet nur das gtte Schumann nachtbüchlein 173 Bolte; gelegentlich auch heute noch: es ist ein geratenes stück, an allen gliedern gesund, tugendhafter fasel Boszhart durch schmerzen empor (1913) 128.
C. tugendhaft im religiös-sittlichen sinne.
1) von gott gesagt, als dem urheber aller tugend (s. DWB tugend III A); selten, wie überhaupt äuszerungen dieser art über gott, dem wesen gottes entsprechend, vermieden werden:

got in dem herzen ûf stêt,
daz mit den tugenden umbegêt,
wand er ist selbe tugenthaft,
an im gewan nie untugent kraft
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 3866 W

ähnlich von Maria, der mutter gottes:

nature wurkt och das best an ir
mit sunderbar der höchsten gir,
als ir wurken mochte sin
mit schnhait an dem kindelin
und mit tugendhafter art
Wernher Marienleben 447 P.;

die dugende legten alle ir craft
an sie (Maria). sie wart so dugenthaft
und wart so gnaden vol ein vaz
daz sie der heilige geist besaz
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 1272 S.


2) vom menschen; in verschiedenen wertstufen, 'sittlich vollkommen', 'fromm', 'gut', 'keusch'; 'brav', 'bieder'. über die zeitgeschichtlichen hintergründe vgl. DWB tugend III.
a) ahd. und mhd.
α) die sittliche bedeutung entwickelt sich unter einflusz des christentums seit dem ahd., vgl. DWB tugend III B 1 u. 2 a: nec sine poena umquam esse vitia, nec sine premio virtutes. bonìs felicia, malis semper infortunata contingere: noh achustige wesen ane wewun, noh tugedhafte ane iro lon. unde io guoten salda, ubelen unsalda folgen Notker 1, 228, 21 P.; ich nihabo rehte bihaltin ... niheina rehtwerchûnga, noh nihein tuginhaft leban, noh nihein gotis gibot Bamberger beichte bei Steinmeyer kl. ahd. denkm. 147, 39; daz sint die tugenthaften, die ire magitm an ire wellent wider aueren (wiederholen) mit der nâchbildunge chûskes lebennes unde gaistlicher zuhte St. Trudperter hohes lied 100, 2 M.;

[Bd. 22, Sp. 1651]


er nam daz criuze an sîn gewant ...
und half dem edeln gotes her
strîten an die heidenschaft.
dâ wart der ritter tugenthaft
an stæter buoze funden.
er schuof daz zallen stunden,
dô im der lîb erstorben was,
daz im diu sêle dort genaz
Konrad v. Würzburg d. welt lohn 254 Schr.;

und was er (Schyron) doch sô tugenthaft,
daz er wist übel unde guot ders. troj. krieg 5970 Keller;

swer tugenthaft gert werden, der vlîze sich, daz er an allen steten, an allen ziten, an allen getæten ... ze rehte bedenke, wie er getuo daz beste, daz er die stunde getuon mac David v. Augsburg in: dt. mystiker 1, 310, 11 Pf.; swer den (7 todsünden) widerstrîtet, der ist tugenthaft unde der besitzet die wünne unde die freude unde die wirde unde die êre, die got selbe ist Berthold v. Regensburg 1, 96, 38 Pf.;

dehein man ist tugenthaft,
er enhabe an stæte kraft.
der ist ein tugenthafter man,
der stæte an güete wesen kan
Thomasin v. Zirclaria d. welsche gast 4349;

wan der heizet niht tugenthaft, der tugentlîchiu werc wirket, mêr: der heizet tugenthaft, der tugentlîchiu werc tugentlîchen wirket meister Eckhart 611, 36 Pf.;

sein tugenthaftes weib,
der cheusche und raine ist ir leib
Heinrich v. Burgeis d. seele rat 433 R.;

die biderben sint so tugenthaft,
daz si daz dunket missetan
daz si iemen bi in schelten lan,
und lazent nieman schelten mhd. erzählungen 193, 84 Rosenhagen;

ir (der tugenden) deheine enmac gesîn
mit ir kreften tugenthaft,
si ensî under ir (der karitas) meisterschaft
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 3053 W.;

ein ander vint genade
vor gotes hostem grade.
wie wart her also tugenthaft,
er dan her worde geschaft
und er die muter sin genas
daz her dem himele giftic was,
ein ander als unture,
daz her gedech dem vure
der grundelosen helle
Heinrich v. Hesler apokal. 11541 H.;

und beschowe dich gar ebin
wi sich din ynner mensche gehabe,
daz ist din togunthaftis lebin,
ab daz zcuneme adir abe
Johannes Rothe rittersp. 343 N.;

zwar trauren sol ich immer: entflogen ist mir mein erenreicher falke, mein tugenthafte frawe Johann v. Tepl ackermann 7, 7 H.
β) unter dem einflusz der sittlich-religiösen bedeutung wird der ritterlich-höfische gebrauch (s. oben B) umgewandelt. den übergang innerhalb des höfischen zeigen folgende belege:

wis ime (Luitpold) genædic, herre got:
wan tugenthafter gast
kam in dîn ingesinde nie
Reinmar in: minnes. frühling 168, 28 Kr.;

tugenthaften mannen,
der herze gar verbannen
valsch und valsche sitte hat
und der mt ze tugende stat
Rudolf v. Ems Willeh. 9743;

wis getrúwe und gt,
tugenthaft und hohgemt,
kúnsche in rehter gete ebda 3398;

ob ich ie ritters orden hielt,
des weiz ich niht: sô hânt ir mir
genomen mînes herzen gir
und aller mîner sinne kraft
süeze kiusche tugenthaft
daz lânt iuch erbarmen
Reinfrid v. Baunschweig 3158 B.


γ) 'sanftmütig, gelinde', 'höflich'; wohl im anschlusz an höfische gebrauchsweise 'von edlem anstand' usw., vgl.

[Bd. 22, Sp. 1652]


tugendhafte, f., tugendhaftig, adj., tugendlich (C 1 b β u. γ), wo der zusammenhang mit dem sonstigen gebrauch deutlicher ist. nur zufällig mundartlich (alemannisch, elsässisch) beschränkt? auch bei den anderen ableitungen nur alemannisch bezeugt. vgl. DWB tugendhaft 'sanftmütig' Ch. Schmidt wb. d. els. ma. 363b; aequus animus ein dultig und rwig gemt, wol zefriden, still, tugendhafft J. Frisius dict. (1556) 48b: selig seind die tugenhafften oder gttigen, wenn sye werdent das erdtrich besitzen (Matth. 5, 5, πραεῖς, mites) Keisersberg postill (1522) 4, 25b; betracht, das got barmhertzig, gtig, milt, tugenthafft ist ders. bilgerschafft (1512) 30c; lerend, spricht der herr, von mir, wenn ich bin tugenthaft ders. seelenparadisz (1510) 99b. von daher ist wohl die folgende, vereinzelte stelle zu verstehen, eine 'beruhigte, heilende' wunde im gegensatz zu einer 'entzündeten': wer die wund erzürnet, so nim gten wissen wein, und nim camillen blumen ... und seiid disz und leg im ein ... dch dorinn genetzt ... über die wunden, so würt die wund wider tugenthafft Gersdorff wundarzney (1517) 27b.
b) neuhochdeutsch.
α) 'sittlich vollkommen', 'edel', 'gut', 'fromm'. in der zeit der hauptverbreitung (17. u. 18. jh., rationalismus u. aufklärung) verbunden mit dem nebensinn 'klug, der vernunft entsprechend', 'dem gesetz u. der regel entsprechend', woraus dann die von lebhaften geistern abgelehnte bedeutung 'bieder, brav, engstirnig' sich ergibt (vgl. unten und unter tugend III B 3): es geschicht offt von schuld wegen vatter und mtter, das sy nit würdig seind, z haben frumme und tugenthaffte kind Keisersberg granatapfel (1510) c 2b;

(sie haben) all ir breuch dahin gewendt,
das volck frumb, tugenthafft zu ziehen
Hans Sachs 2, 82 K.;

Plato, als er vermerckt, das der philosophus Xenocrates, der sich sonst einen frommen, redlichen tugendhaften man erwise, doch etwas ruher von sitten, unholdseliger geberden, scharf und fast unanmütig were, ermanet er jn etwan, er solt den gratiis ... opfer thun Fischart w. 3, 149 Hauffen (ehezuchtbüchlein); dann wo die, so uber andere herrschen, nicht besser und tugendhaffter seynd, als die unterthanen, o so geräth das regiment nimmermer wol Michael Walther prophet Daniel (1645) 1, 511; ins gemein stellet man die tapfferkeit auf erwürgen und metzeln, welches doch vielmehr eine unmenschliche grausamkeit als eine tugend ist, oder so es ja eine tugend seyn sol, sind die sieger tugendhaffter als die menschen Chr. v. Ryssel seelenfrieden (1685) 299; indem wir schon oben aus der vernunfft-lehre gewiesen haben, dasz kein einziger mensch nach seiner natur tugendhafft sey Chr. Thomasius artzeney wider die unvernünftige liebe (1692) 499; tumme und albere leute sind nicht tugendhafft, obschon die tugendhafften nicht eben subtil, listig, excellente poeten u. s. w. seyn, oder ungemeyne exempel herrlicher gedächtnus abgeben ebda 176; ein tugendhaffter mensch aber eine fertigkeit hat, dasjenige zu vollbringen, was ihn und seinen zustand vollkommener machet Chr. Wolff gedancken v. d. menschen thun u. lassen (1720) 42; Roscommon, das so gelehrte als tugendhafte haupt, an sitten so edel als an geblte Bodmer crit. poet. schr. (1741) 1, 84; alsdann ist man erst tugendhaft, wenn man einen trieb, zu fehlen, empfindet, wenn man gelegenheit hat, solchen zu befriedigen, beydes aber groszmüthig überwindet Rabener s. schr. (1777) 1, 196; damit Agathon das bild eines wirklichen menschen wäre, ... konnte er ... nicht tugendhafter vorgestellt werden, als er ist Wieland Agathon (1766) vorber.; wie? musz der, welcher tugendhaft seyn soll, keinen fehler begangen haben? Lessing 2, 276 L.-M.; so bald aufgeklärtere tugendhaftere zeiten, wie wir unter einem Joseph II. sie uns immer mehr und mehr versprechen dürfen, auch dem reichshofrathe musse und stoff geben werden, verborgene tugend aufzusuchen und gute thaten zu belohnen ders. 13, 142; der zweck aller erziehung ist, tugendhafte, verständige und gesunde kinder zu ziehen Lichtenberg verm. schr. (1800) 2, 194;

[Bd. 22, Sp. 1653]


weinest du, weil der gespielinnen eine,
nicht, wie von ihr du geglaubt, redlich und tugendhaft war?
Klopstock oden 1, 34, 64 M.-P.;

so wird man ... bemerken, wie gewisse verbrechen zu einer zeit sehr häufig vorkommen, die sich zu einer andern ganz verloren haben; nicht ... weil der mensch tugendhafter geworden ..., sondern weil die leidenschaften einen feinern weg zum ausbruche genommen haben Justus Möser s. w. (1842) 2, 310 Abeken; welch ein groszes thema, zu zeigen, dasz man, um zu seyn, was man seyn soll, weder ... Grieche, noch wilder, noch märtrer ... seyn müsse; sondern eben der aufgeklärte, unterrichtete, feine, vernünftige, gebildete, tugendhafte, geniessende mensch, den gott auf der stuffe unsrer cultur fodert Herder 4, 365 S.; hast du den tugenthaften menschenfreund, den edlen weisen ... aufgesucht? Klinger w. (1809) 3, 274; die geliebten schriftsteller der nation scheinen sich diese menschliche schwäche (dasz die zuschauer tugendhaftes auf dem theater sehen wollen) zur regel gemacht zu haben, denn wahrhaftig, wir übertreffen alle völker Europens an tugendhaften romanen und tugendhaften schauspielen, und zum glück dieser tugendritter gehören die Cervantes und Molier's zu den frommen wünschen des klügern theils des volks F. M. Klinger theater 2 (1786) vorrede zu: 'der schwur' 6; Gellerts kostbare tugendhafte schriften ebda 1, 160; und an der ode Elise kannst du Klopstoks stempel nicht erbliken? ... so schön, so tugendhaft tändlend, als ie ein groser geist getändelt hat. die Schweizer nennen Klopstoken den verfasser dieser ode — sein geist und seine sprache ists auch Schubart briefe 1, 163 Strausz; er ist der beste, tugendhafteste bürger Göthe I 11, 108 W.;

ihr selbst seid väter, häupter eines hauses,
und wünscht euch einen tugendhaften sohn,
der eures hauptes heilge locken ehre
Schillfr 14, 302 G.;

ein tag macht keinen mörder, keinen schänder
des bluts aus einem tugendhaften mann ders. 15, 1, 62;

die tugend wird die quelle unsres glückes und aus dem unauslöschlichen wunsche sich glücklich zu machen, erhält die tugend ihre stärke ... sey tugendhaft! sey glücklich! zwey töne, die zugleich erklingen, und die schönste harmonie des weltalls bilden A. W. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 1, 161; menschen, die so ekzentrisch sind, im vollen ernst tugendhaft zu seyn ..., verstehn sich überall, finden sich leicht, und bilden ein stille opposizion gegen die herrschende unsittlichkeit, die eben für sittlichkeit gilt Friedr. Schlegel in: Athenäum (1798) 1, 2, 127; so wie es dem lasterhaften wegen seiner identität nie an gelegenheiten fehlen kann, tugendhaft zu sein — so nie dem tugendhaften an gelegenheiten zu fehlen Novalis schr. 2, 219 Kl.; eine unter den tugendhaftesten und aufgeklärtesten völkern noch nie erlebte reinheit der sitten J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 168; ist die welt erst tugendhaft, dann wird sie von selbst frei ders. 7, 198; nur ein Zwingli war humanist und zugleich human genug, tugendhafte heiden, wie Sokrates, Aristides u. a. trotz der mangelnden taufe ohne weiteres in den himmel zu versetzen D. F. Strausz ges. schr. (1876) 6, 21; ein sittlich tugendhafter mensch ist darum nicht auch schon moralisch Hegel w. (1832) 10, 1, 70; niemand wird so leicht eine lehre, blosz weil sie glücklich macht, oder tugendhaft macht, deshalb für wahr halten: die lieblichen 'idealisten' etwa ausgenommen, welche für das gute, wahre, schöne schwärmen Nietzsche w. 4, 2, 49 B.; seit langer zeit hat man nur tugendhafte männer auf den päpstlichen stuhl erhoben Ranke s. w. (1867) 40/41, 80; ein philologischer nachwüchsling kann vor ihm (Lachmann) einen schrecken bekommen, wie ein sündiger enkel, der sich plötzlich vor dem bilde eines tugendhaften gestrengen ahnen sieht W. Scherer kl. schr. (1893) 1, 93; menschen, die keine nahrungssorgen haben, kommen kaum in versuchung zu stehlen. sie verstehen den diebstahl armer nicht. und so sind viele menschen tugendhaft, weil sie keine gelegenheit

[Bd. 22, Sp. 1654]


haben, das gegenteil zu sein Hans Roselieb der erbe (1922) 274. — in diesen bereich gehört auch: ein schlechter wein: ein tugendhafter wein (der zu nichts auszergewöhnlichem antreibt?) Hebbel tagebücher 2, 408 W.
β) in fortsetzung höfischer auffassung (oben B 1 a u. d) häufig von fürsten und staatsoberhäuptern: massen sie dem jungen Valerius alles beibrachten, was ein gemüte tugendhaft ... zu machen vermochte A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 600; der keiser war so gütig und tugendhaft, dass er der armen pfaffen keinem nützit harumb tett Äg. Tschudi chron. Helv. (1734) 1, 308; von Henrici VI. gemüthsneigungen, wie dieselbe auf unterschiedene art beschrieben, und er bald als ein tugendhafter regent gelobet, bald als ein blutdürstiger wüterich vorgestellet werde Hahn teutsche staats-, reichs- u. kayserhistorie (1721) 4, 1; der tugendhafte, der von warer volksliebe brennende monarch, ist jetzt ein gefangener von ruchlosen strelitzen K. Fr. Cramer Neseggab (1791) 1, 161; mögen endlich seine (Georgs III.) enkel ... auf dem britischen throne sitzen und ... zum beyspiel aller fürsten tugendhaft seyn Haller Alfred (1773) 5b; ein rechtschaffener mann, und noch vielmehr ein tugendhafter, rechtschaffener könig, ist gottes erhabenstes, edelstes werk H. P. Sturz schr. (1779) 1, 44; er scheint das maas eines weisen und tugendhaften staatsmannes bis auf wenige striche zu haben Schubart leben u. gesinnungen 1 (1791) 240; ein muster eines klugen, tugendhaften, gerechten regenten Klinger w. (1809) 3, 126.
γ) oft von der frau gesagt; im 16. jh. meist allgemein, fast formelhaft (s. oben B 1 d); später verstärkt sich der moralische unterton, 'enthaltsam, keusch'; 'ehrbar, sittsam, häuslich', der sowohl zu edler und würdiger auffassung, wie ins enge, prüde und pedantische führen kann:

eins burgers tochter, schön und frum
tugendhafft mit grossem reichthum
Hans Sachs 21, 206 lit. ver.;

sie ist die nicht, wie jr sagt ... sonder eine weise, tugendhaffte frau Amadis 37 lit. ver.; ja welcher (mann) den wollüsten und dem mutwillen sich ergibt, machet, das sie (die frau) sich alsdan auch inn denselben bossen schicket und der geylheit und uppigkeit nachgehet. wann er aber tugenden und ehrlichen sachen nachhenget, machet er gleicher masen sie auch ehrengeflissen, züchtig und tugendhaft Fischart w. 3, 139 H.; sie ihren könig mit einer so tugendhaften königin begleitet wieder kommen sahen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 49; diesemnach er ... die keusche ohren dieser tugendhaften fürstin verletzte Lohenstein Arminius (1689) 1, 13b; ihre frau mutter ist ... so schön als geistreich und tugendhaft gewesen Leibniz dt. schr. (1838) 2, 417; meine liebe tochter. — lebe so, wie dich deine ältern gelehrt haben, tugendhaft und unsträflich Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 66; o, wenn ein tugendhaft mädchen unsre lieder lobt S. Gessner schr. (1777) 1, 18; die Constanze ist die tugendhafte, ehrliebende, vernünftige und getreue geliebte des rechtschaffenen und für sie wohldenkenden Mozart in: O. Jahn Mozart (1856) 3, 152;

dein sanftes wesen, dein gemüth,
dein tugendhaftes stilles leben,
hat in der welt umsonst geblüht
Gottsched ged. (1751) 1, 286;

sie ist tugendhaft und schön, klug und wohl erzogen, mit einem worte, sie hat alle eigenschaften eines vollkommenen frauenzimmers Borkenstein bookesbeutel 12, 39 lit. denkm.; Marwood, sie reden vollkommen ihrem charakter gemäsz, dessen häszlichkeit ich nie so gekannt habe, als seit dem ich, in dem umgange mit einer tugendhaften freundinn, die liebe von der wollust unterscheiden gelernt Lessing 2, 286 L.-M.; in den armen einer reizenden und tugendhaften gattin Göthe I 22, 286 W.;

warum verzeiht mir Amanda den scherz und Almansaris tobet?
jene ist tugendhaft, freund, diese beweiset, sie seys
Schiller 11, 133 G.;

[Bd. 22, Sp. 1655]


war die mutter tugendhaft, so ist sie sehr interessant durch das gehäufteste ungemach; war sies nicht, so wird sie wenigstens so bitter gestraft, dasz der fehler vergeszen werden sollte Caroline 1, 127 Waitz-Schmidt; wo wohnt das gute mädchen, das tugendhaft und häuslich, ... deine hände zu nützlicher und zweckmäsziger arbeit geschickt machen wird Cl. Brentano Godwi (1801) 1, 41; das verlangen, meinen alten vater, meine krankende, schwache, aber tugendhafte mutter ... endlich in ruhe zu wissen J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 122; denn eine tugendhafte frau hat immer groszen einflusz auf ihren mann, wenn er sie auch nicht liebt A. v. Droste-Hülshoff briefe 87 Schücking; sonderbarer weise gilt durch den ganzen germanischen völkerstrich diejenige für die beste und tugendhafteste hausfrau, welche am meisten geräusch macht mit ihren schüsseln und pfannen und nie zu sehen ist, ohne dasz sie etwas eszbares zwischen den fingern herum zerrt G. Keller ges. w. (1889) 4, 170. — in dieser engen bedeutung selten vom manne:

auff den segen so sprecht hernach
mit lauter stimm in teutscher sprach:
göttin Alraun, ich rüff dich an,
hilff tugendthafft machen mein mann!
so wird ewer mann sänfft und gut,
euch beweisen freundschafft und gunst
Hans Sachs 17, 134 lit. ver.;

und daz es ihm schwerer fallen würde im ehestand so unschuldig, so tugendhaft und so weise zu seyn v. Loen ges. kl. schr. (1749) 1, 27; er war eigentlich sehr tugendhaft; einmal aber litt er doch schiffbruch Fontane ges. w. (1920) II 2, 24.
δ) infolge der ins moralische abgleitenden tugendauffassung bildet sich der ablehnende sinn 'bieder', 'frömmelnd', 'scheinheilig' (vgl. unter tugend, III B 5): Rameau sei was er ist ... nicht aber ein tugendprahler oder ein tugendhafter Göthe I 45, 66 W.; der enthusiasmus, der ein jungfräuliches gemüth für einen helden ... in einem groszen momente entzündet, ist weit ein anderes feuer, als das, welches unter der theemaschine flackert und irgend einen tugendhaften elegant favorabel beleuchtet Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 80; faseln sie nicht so tugendhaft und scheinheilig Holtei erz. schr. (1861) 3, 102; da hat sie eine erzählung geschrieben, die fast noch langweiliger als tugendhaft ist A. v. Droste-Hülshoff briefe 324 Schücking; bevor man tugendhaft ist, musz man erst satt sein Bauernfeld ges. schr. (1871) 2, 59; wir sind viel zu tugendhaft, viel zu tugendstolz — uns kann die oberfläche genügen! Raabe s. w. I 2, 20. besonders deutlich bei Nietzsche: (der tapfere denker) wird sagen 'es ist etwas grausames im hange meines geistes': mögen die tugendhaften und liebenswürdigen es ihm auszureden suchen Nietzsche w. 4, 2, 158 B.; und hättet ihr mehr kraft und mut im leibe, würdet ihr euch nicht dergestalt zu tugendhafter nullität herabdrücken ders. 6, 221; wir sind von grund aus, von alters her — ans lügen gewohnt. oder, um es tugendhafter und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr künstler als man weisz ders. 4, 2, 102; er wollte ihr beständig durchaus noch einmal einschenken und witzelte über die tugendhafte mäszigkeit der damen Kahlenberg familie Barchwitz (1902) 34; ein höhnender zug lag um Miras mund, als sie jetzt der gesellschaft eine schilderung gab von den frauen unserer krautjunker ... man ist sehr tugendhaft, das ist das erste W. v. Polenz Grabenhäger (1898) 2, 63. — vereinzelt auf sachliches übertragen, 'korrekt', 'brav': eine prosaische allee, die ... in schnurgerader, tugendhafter linie zum schlosse führte Gutzkow ges. w. (1872) 4, 18.
solcher gebrauch hat zur folge, dasz man ein positiv deutendes beiwort hinzufügt, wenn tugendhaft ernsthaft genommen werden soll (vgl. DWB wahre, echte tugend unter tugend III B 5 b): daher setzt er hinzu: diejenigen mitglieder der kirche, die nicht innerlich tugendhaft wären, wären an dem leibe der kirche nur so wie nägel und haare Nicolai reise durch Deutschland (1783) 7, 21; handlungen, die nicht ... freywillig hervorgehen ... sind keine wahrhaft

[Bd. 22, Sp. 1656]


tugendhafte handlungen F. H. Jacobi w. (1812) 5, 87.
durch die entwertung kann tugendhaft (wie tugend) etwas frivoĺ-geistreiches und zweideutiges annehmen. dadurch werden verbindungen mit substantiven möglich, die dem gehalt von tugendhaft entgegengesetzt sind oder doch nicht mit ihm zusammenstimmen sollten: so dasz wir das, was wir an jenem tugendhaften schwulst, welchen die einfalt übereilter weise für die tugend selbst hält, verlieren, zu eben der zeit an den nothwendigsten und liebenswürdigsten tugenden, an geselligkeit und mässigung, gewinnen Wieland Agathon (1766) 2, 282; die folgen seiner tugendhaften untreue machten den wunsch, sie nicht begangen zu haben, unmöglich ebda 2, 319; und gab seinem freunde alle die bitterkeiten zu kosten, die ruhige menschen an liebende mit tugendhafter schadenfreude so freigebig auszuspenden pflegen Göthe I 21, 92 W.; was dazu reizt, auf alle philosophen halb misztrauisch, halb spöttisch zu blicken, ist ... dasz es bei ihnen nicht redlich genug zugeht: während sie allesamt einen groszen und tugendhaften lärm machen, sobald das problem der wahrhaftigkeit auch nur von fern angerührt wird Nietzsche w. 4, 2, 11 B.
D. tugendhaft als attribut zu sachlichen substantiven.
als träger der tugend werden herz, seele, gemüt, charakter, geist als tugendhaft bezeichnet:

'weder ist er ritter oder kneht?'
'vrouwe, swa vür irn geseht,
er ist ein ritter unde ein man;
dan habet dekeinen zwivel an,
daz disiu sunne nie beschein
tugenthafter herze kein'
Gottfried v. Straszburg Tristan 10774 R.;

daz er (Seuse) hie von mengem reinen tugenthaften herzen ward ze erbarmen Seuse dt. schr. 122, 30 B.; ein hartes ... herz kann kein ... tugendhaftes herz seyn J. A. Cramer nord. aufseher (1758) 1, 303. — dero redlichkeit und tugendhafftem gemüth ich solches anzuvertrauen gedencken dörffte Grimmelshausen 2, 755, 16 Keller; zu dem weisz man ja wol: dasz ... tugendhaffte gemüther auch aus lesung des bösen ... etwas gutes zu ziehen pflegen Lohenstein Arminius (1689) 1, vorbericht c 3b; dichtkunst, die nicht gemacht ist, in angesteckten hertzen das verderben zu unterhalten, sondern das vergnügen tugendhafter gemüther zu seyn K. W. Ramler einl. in d. schönen wissensch. (1758) 1, 135. — man hälts darvor, eine schöne tugendhafte seel wohnet in einem schönen hausz Lehman flor. pol. (1662) 1, 36; (die eifersucht) gerieth in die äuszerste wuth, und nahm sich andere tugendhafte seelen zum vorwurfe ihrer schmähungen aus J. Möser s. w. 5, 93 Abeken; aber nur edle tugendhafte seelen sind dieses wonnevollen gefühls der freundschaft fähig Schiller 1, 31 G. — (das) beispiel eines sanften ... und in allem betracht unbescholten tugendhaften karakters Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 1, 30; wer wollte den tugendhaften charakter jener unüberwindlichen ritter ... blos deswegen in zweifel ziehen, weil sie hosen nach der damaligen mode trugen J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 295.

das aber, was kein reim auf erden genugsam preist,
ist, in dem schönen leib, ein tugendhafter geist
Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 145.


das verhalten im allgemeinen und einzelne äuszerungen des verhaltens werden als tugendhaft bezeichnet: sie predigen eine glänzende sittenlehre und einen tugendhaften wandel Göthe I 37, 169 W.; dasz bei durchführung eines tugendhaften wandels anwendung der vernunft nötig sei Schopenhauer w. 1, 100 Gr.; zumalen man gern auf begabung, fleiss und tugendhafte führung des in rede stehenden herren vögtlings vertrauen wolle G. Keller ges. w. (1889) 2, 100. wenn eine nation aus einer edlen begeisterung, aus tugendhaften grundsätzen herausgelacht wird Th. Abbt verm. w. (1768) 2, 31. — (Mellefont:) ein tugendhafter entschlusz sichert mich gegen ihre zärtlichkeit und gegen ihren witz Lessing 2, 286 L.-M.; wo also eine höhere, tugendhafftere that als die bildung der jugend? Schiller 1, 67 G.;

[Bd. 22, Sp. 1657]


sie suche schon längst mit tugendhaften werken
sich zu einem seligen abschiede zu stärken
Kortum Jobsiade (1799) 3, 122.

eine tugendhafte oder moralisch gute handlung setzet allezeit eine innerliche verbindlichkeit der vernunft und des herzens voraus, die wir wissentlich und freywillig ausüben Gellert s. schr. (1784) 6, 125; Nemesis, als die göttin der vergeltung guter und tugendhafter handlungen Winckelmann s. w. (1825) 5, 365; jedes produkt der kunst müsste darum irgend eine lehre einschärfen, irgend eine empfindung rege machen, die unmittelbar auf tugendhafte handlungen führte W. v. Humboldt ges. schr. (1903) 1, 58. das epische ... gedichte ist eine schule für den leser, wo er zu hohen, tugendhaften und groszmütigen unternehmungen aufgewecket ... wird J. Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 104; sind ihre (der völker) sitten und gebräuche tugendhaft ..., folget man ihnen billich A. Olearius reisebeschreibung (1696) 2a; denn die ... tugendhaften sitten sind unzweifelbare andeutungen, dasz sie nicht von den rauhen Scythen entsprossen ... seyn Lohenstein Arminius (1689) 1, 123b;

edel ist sie auch an sitten,
all ihr thun ist tugendhaft
Gottsched ged. (1751) 1, 248.

sin tugenthaftiu zunge
den vrawen ie daz beste sprach
Johann v. Würzburg Wilh. v. Österr. 5476 R.;

die tugentrichen bietent dar
ir ore, da man von tugenden list
mit tugenthafter rede ders. 58;

der kusz, den er der prinzeszinn giebt, war, wie er selbst sagt, der erste seines lebens, und diesz war doch gewisz ein sehr tugendhafter kusz! Schiller 6, 65 G. regelmäszig schlieszen sie (die komödien des Terenz) mit einer tugendhaften hochzeit Mommsen röm. gesch. 2 (1874) 434.
sittliche und geistige qualitäten sind tugendhaft: welche, durch die verwandlung in einen lorbeer-baum, nur eine tugendhafte liebe abbildet Heräus ged. (1721) 224;

ist es möglich? kann der brand in des zornes schwarzen flammen,
von der tugendhaften glut einer zarten liebe stammen?
Schönaich in: anmut. gelehrsamkeit (1751) 3, 495 Gottsched;

tugendhafter liebe flammen A. G. Kästner verm. schr. (1755) 1, 116; wir können die seulen des hohen gemüthes, den marmel einer tugendhaften beständigkeit darnach (nach einer griechischen säule) bilden Butschky Pathmos (1677) 18; ein tugendhafter heldenmuth übersiehet A. H. Bucholtz Herkuliskus (1665) vorrede b 2b; die tugendhafte begierde, in einem weiten umfang gutes zu tun Wieland Agathon (1766) 2, 67; man sage so viel gutes, man schreibe so viel böses vom menschen, als man wolle, lediglich kommts auf den gebrauch an, den man von beiderlei urtheilen macht; wie man sie durch thätige güte, und weisheit zusammen vereinet. das edlere schauspiel der Griechen hatte zum zweck, zwischen beiden extremen eine weise und tugendhafte mitte im menschen zu bevestigen Herder 17, 190 S.; dein gesicht glänzt von tugendhafter entzükung, sanfte thränen gleiten deine glühenden wangen hinab Wieland ges. schr. I 3, 26 akad.; diese tugendhafte verlegenheit verehr ich Schiller 5, 1, 109 G.; der edelmuth, eine tugendhafte gesinnung Kinderling reinigk. d. dtsch. sprache (1795) 374; (Aminta) besteht durch seine tugendhafte mäszigkeit die probe O. Jahn Mozart (1856) 1, 400; ich ehre und liebe solche schöne und tugendhafte irrthümer J. Paul w. 6, 60 Hempel; das blaue auge des enkels weinte, sein braunes blitzte von tugendhaftem zorne Immermann w. 1, 7 Boxb.; ich meine, dasz eine solche tugendhafte weisheit, solche sittsamkeit und würde ... an einem siebzehnjährigen burschen unnatürlich sind Holtei erz. schr. (1861) 10, 99; das allgemeine ist für das tugendhafte bewusztseyn im glauben, oder an sich wahrhaft Hegel w. (1832) 2, 287; mit der tugendhaften begeisterung und tölpelei mancher philosophen Nietzschr w. 4, 2, 46.

[Bd. 22, Sp. 1658]



E. tugendhaft mit gegensatzbegriffen verbunden. vor allem mit lasterhaft: entweder die person, so wir lieben, liebet neben uns eine person, die auch tugendhaft ist, und uns wohl gar übertrifft; oder liebet eine lasterhafte, die ihre hochachtung nicht verdienet Chr. Thomasius v. d. kunst vernünfftig u. tugendhaft zu lieben (1692) 268; wenn die person ... entweder äuszerst tugendhafft oder äuszerst lasterhafft ist Lichtenberg nachlasz (1899) 7; (es ist) ein fehler ihrer trauerspiele, dasz ihre tugendhaften leute ganz idealisch und ihre lasterhaften ganz teufel sind Wieland bei O. Jahn Mozart (1856) 2, 383; so viele tugendhafte mädchen wurden lasterhafte frauen Schiller 3, 571 G.; die überzeugung, dasz reine tugend und güte irgendwo sind, ist ja die beste, die uns werden kann, und selbst die seele des lasterhaften reibt sich vor vergnügen ihre unsichtbaren dunklen hände, wenn sie wahrnimmt, dasz andere für sie gut und tugendhaft sind G. Keller ges. w. (1889) 3, 17. — vereinzeltes: nachdem eine seele folgsamkeit und gehorsam bewiesen, kommt sie hinab in ein sündiges oder tugendhaftes geschlecht der menschen Herder 26, 344 S.; die tragödie, nimt er an, soll mitleid und schrecken erregen: und daraus folgert er, dasz der held derselben weder ein ganz tugendhafter mann, noch ein völliger bösewicht sein müsse Lessing 10, 97 L.-M.; edle und unedle, weise und thoren, reiche und arme, tugendhafte und sünder Schubart leben u. gesinnungen 2 (1793) 102;

ist helle nacht nicht wie lebendger tod,
wie glühend eis, wie tugendhaft verbrechen?
E. Raupach dram. w. ernster gattg. (1835) 2, 139.


F. substantiviert der, die tugendhafte; seit dem ahd.; ahd. belege (Notker, Bamberger beichte) s. unter C 2 a α:

und als ein liecht in ainer vinster,
das dar leucht mit seinem glinster
noch vester, denn ob es der tag an schin,
also ist dem tugenthaften sein sin
Hans Vintler pluemen der tugent 282 Z.

was euch auf erden bleibt, ist steter namensruhm,
der tugendhaften schaz, der fromkeit eigentuhm
Joh. Grob epigr. 187 lit. ver.;

ein einziger tugendhafter kommt gegen eine ganze hölle voll bösewichter in betrachtung Wieland I 2, 453 akad.; man erwirbt in der welt entweder einen guten oder einen bösen namen, da kann man nun zwischen beiden wählen, und da nun ein jeder sterben musz, gut oder bös, glücklich der, welcher den ruhm eines tugendhaften vorzog Göthe I 7, 81 W. (noten ... zum divan); die Lombard schwört jetzt wieder nicht höher wie bei der Bornstedt, der tugendhaften, herrlichen, die alle triumphe Sodomas von sich stöszt A. v. Droste-Hülshoff briefe 194 Schücking; in der tugend verschwindet die lokale und temporelle personalität. der tugendhafte ist als solcher kein historisches individuum. — es ist gott selbst Novalis schr. 3, 347 Kl.; vor allem, meine herren tugendhaften, habt ihr einen vorrang vor uns: wir sollen euch die bescheidenheit hübsch zu gemüte führen Nietzsche w. 6, 221 B.
 
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tugendhaftig, adj., seit dem mhd.; weniger häufig als tugendhaft; in derselben bedeutung wie dieses; in neuerer zeit ungeläufig, vgl. virtuosus doginthafftig (15. jh. md.): tugendhafftig (Nürnberg 1482), daneben tugentsam, -lich Diefenbach gl. 622b; ebda 557c s. v. studiosus; studiosus tugenthafftiger 15. jh.; daneben fliszig, lerig, ernstlich studierend; ebda 48b s. v. ariopageta, ariopagus; ariopagita meister eins tugenthafftigen lebens 15. jh. obd.; lacertosus endlicher, tugendhafftiger oder starcker Nürnberg 1482; tugenthafftig placabilis Maaler teutsch spr. 411b; tugendhaftig (adj.) virtute praeditus Steinbach dt. wb. (1734) 2, 880:

uf daz her togunthaftig si und gerecht
und in zcucht sich halde harte,
sich hute vor der trunkinheit
J. Rothe ritterspiegel 1555 Neumann;

entflogen ist mir mein erenreicher valke, mein tugenthafte (var. tugenthafftige hss. 15. jh.) fraue Johann v. Tepl d. ackermann a. Böhmen 7, 7 Hammerich; von deme hoen

[Bd. 22, Sp. 1659]


lobe unde prise des hochgeborn toginthaftigen furstin, lantgravin Lodewigis Ködiz leb. d. hl. Ludwig 3, 18 (cf. 4, 17); eya, lieber Gtz, ich wil dir geben ain wolgestalte, fröliche, schimfliche, züchtige, stille, schamhaftige, weise, tugenthafftige junckfraw A. v. Eyb dt. schr. 2, 142, 1 Herrmann; sy (die jungfrau) ist aines auserwölten, hübschen, lautern anplicks und gter, tugenthafftiger sitten ebda 2, 141, 34; wann nun der allmächtige gott ein keiserthumb, königreich ... mit einem solchen tugenthafftigen herren ... begnadet, das selbe ist eine grosze wolthat M. v. Ossa prud. regnativa (1607) 80; der tugendhafftigste und geschickligste ausz den königlichen kindern Schupp schr. (1663) 83. —
 
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tugendhaftigkeit, f., seit dem nhd. 'tugendhaftes leben, sein': mit der tugenthaftigkeit trybt sy (die geduld) vsz den zorn Keisersberg bilgersch. (1512) b 1a; aber das ganze geheimnisz, bei dem man einige demuth lernen kann, liegt in der angebornen moralischen mitgabe und ausrüstung eines jeden und die ganze tugendhaftigkeit ist naturell, nicht entschlusz und opfer Jean Paul w. 59/60, 104 Hempel; so war ich denn auf dem lande, und muszte zum lohn meiner tugendhaftigkeit beim amtmeier zu Hündersen als informator dreier söhne auch die schwere arbeit lernen, als dreschen, holzhauen und auf die jagd gehen W. Raabe s. w. I 4, 450. —
 
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tugendhandlung, f., 'tugendhafte taten': wenn überhaupt bey tugendhandlungen reine achtung gegen das moralische gesetz selten zum grunde liegen mag, so ist es gewiss am seltensten bey dem, was man edelmuth und groszmuth nennt Delbrück sinnverw. wörter (1796) 159. —
 
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tugendheld, m.: dadurch sind Shakespeares tragödien so ewig wahr, dasz er durchaus keine tugendhelden vorbringt, nur züge der natur O. Ludwig ges. schr. (1891) 5, 67; Christus wurde von ihnen (den rationalisten) zum bloszen menschlichen tugendhelden gemacht E. E. Koch gesch. d. kirchenlieds 6 (1869) 192. als moviertes femininum: ich sehe also, dasz ich nicht so schlimm bin, wie ich dachte, da es eine solche empfindsame tugendheldin nicht besser gemacht hat als ich Wezel Wilhelmine Arend (1783) 2, 231. —

 

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