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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tugendfleisz bis tugendgeist (Bd. 22, Sp. 1641 bis 1643)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendfleisz, m., ähnlich wie tugendübung, 'eifrige ausübung der tugend', 'übung in der tugend'; seit dem mhd.: unde klagen dâ wider niht an andern dingen swaz wir dâ mit müe lîden, daz verre unnützer ist und ofte müelîcher denne tugentvlîz David v. Augsburg in: dtsche mystiker 1, 309, 17 Pfeiffer; sie wurden gelobt von einfältiger gottesfurcht, tugend-fleisz, zuchtliebe Dannhawer catechismus-milch (1657) 6, 243;

man sol den tugendfleisz nicht in das alter sparen
J. Grob dichter. versuchgabe 127 lit. ver.;

ohne innigen schmertz über die sünde und deren folgen sei rückkehr, vergebung, gewissensruh, tugendfleis, mit einem wort christlichs glück nicht möglich J. T. Hermes für töchter edler herkunft (1787) 1, 182; ernstliche betrachtung der sterblichkeit des menschen kan ... zur immerwährenden furcht gottes und ernstlichem tugendfleisz auffmuntern J. D. Frisch neuklingende harpfe Davids (1719) 806.
 
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tugendfreude, f., 'freude, wie die tugend sie gibt':

nur aus der welt! der lasterwelt! ...
wo unschuld, zärtlichkeit und tugendfreude
längst flohen aus der lasterwelt
zum himmel auf
Herder 29, 345 S.;

doch die welt — bald streut sie ihre leiden
auch auf die zufrieden heitre bahn:
weil sie dem, der tugendfreuden kennet,
sein zufrieden herz nicht gönnet
Hölderlin s. w. 1, 9 H.


 
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tugendfreund, m., liebhaber der tugend in moralischem sinne, besonders als ideal aufgeklärten menschentums; seit dem 17. jh.:

den churfürsten ... tugendfreund
friedens-vater ... kriegesfeind
J. G. Schottel friedenssieg 72 ndr.;

es giebt aber so wenig tugendfreunde, dasz man in allen geschichten kaumlich zehen par findet Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 8, 306; die vernünfftige liebe findet genug zu thun ... in erkiesung und erforschung, denn auch in gewinnung und erhaltung eines wahren tugendfreundes Chr. Thomasius v. d. artzeney wider d. unvernünfftige liebe (1692) 176; di tisch- und glüks-freunde in der zeit der trübsahl abweichen, di tugend-freunde aber beständig austauren Butschky hochdt. kanzelley (1666) 1, 81; wenn nicht wahrheithelden und tugendfreunde mit vereinter macht diese hyder (des aberglaubens) bekämpfen J. M. Afsprung reise durch einige cantone d. eidgenossensch. (1784) 179;

wie glücklich ist ein herr, der auch in solchen dingen,
wie du, o tugendfreund! kann seine neigung zwingen!
Neukirch ged. (1744) 197;

ein tugendfreund liegt lieber frey an ketten,
als sklavisch um des fürsten thron
Gellert s. schr. (1784) 1, 167;

lassen sie uns beide, den tugendfreund der vernunft und der religion (den philosophisch u. religiös tugendhaften), in eine stellung bringen. sie sind am ende ihres lebens und richten sich beide in der stunde des todes mit hoffnungen auf Gellert s. schr. (1784) 6, 102;

[Bd. 22, Sp. 1642]


helft ihr auch dem tugendfreund,
wann er hülflos vor euch weint?
Schubart s. ged. (1825) 1, 229;

ein fürstlich belohnter tugendfreund! welch eine aufmunterung für die welt! Hermes Sophiens reise (1769) 5, 501. — als titel einer 'moralischen wochenschrift' des 18. jhs. (in der 3. ausgabe, 1788, ist der tugendfreund durch der Deutsche ersetzt, 1, 152): hier redete man lange von den wochenschriften, und unsre gesellschafterin empfal auszer dem zuschauer und seines gleichen, vorzüglich die welt, den tugendfreund Hermes Sophiens reise (1770) 1, 130. —
 
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tugendfreundschaft, f., mehrfach bei Harsdörffer und von daher übernommen von Butschky; im sinne von 'tugendhafter freundschaft', 'freundschaft als tugend', 'edler freundschaft': die freundschaft ist eine tugend, welche dieser zeiten fast unbekandt ist ... solche tugend-freundschaft kan nicht bestehen, als zwischen zweyen, mit treu verbundenen hertzen Harsdörffer schauplatz lust- u. lehrreicher ged. (1651) 2, 58; fast wörtlich auch bei Butschky Pathmos (1677) 310; dasz die lust-liebe und weltgesellschaft für nichts zu halten gegen wahrer treue und tugend-freundschaft, durch die eigenschaft des spiegels gebildet Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 6, G g 1a; di löbliche tugend-freundschaft erfordert wahre treu, di kühnheit einen libwehrten freund vom bösen ab- und zum gutten anzumahnen Butschky hochdtsch. kanzelley (1659) 198. —
 
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tugendfromm,adj., 'tugendfest': der (Karl IV.) was gar ein wolgelert, krafftmächtig, tugendfrummer man Seb. Franck chron. zeytbuch (1531) 195a. —
 
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tugendfrucht, f., oft im 17. u. 18. jh., 'frucht der tugend': aus welchem fruchtbringenden gnadengarten dann viel seligmachende tugendfrüchte erwachsen Neumark neuspr. teutsch. palmb. (1668) 36;

schmückt den stamm mit jungen zweigen,
die einst, wenn sie wohl geblüht,
solche tugendfrüchte zeigen,
wie man an den eltern sieht
D. W. Triller poet. betrachtg. (1750) 5, 22;

die zehenden unsrer felder liegen ihnen näher an dem herzen, als die tugendfrüchte unsterblicher seelen J. M. Sailer pastoraltheologie (1788) 1, 12. von einer frau gesagt (vgl. DWB tugend, III E):

du deines stammes kron'und flamme keuscher zucht,
du auszug aller ziehrdu theure tugendfrucht
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 242.

dazu tugendfrüchtchen, n.: so eile nur, oder dieses tugendfrüchtchen wird irgend einem frommen bauernlümmel in die hand fallen J. G. Forster s. schr. (1843) 9, 201. —
 
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tugendgabe, f., oft im 17. u. 18. jh., 'innerer wert', 'auszeichnung', wie das einfache tugend: menschen, welche gott mit sonderbaren tugendgaben ... beehret S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 2b;

hastu kunst und tugendgaben,
die dein hertz bereichert haben
Ph. Zesen helikon. rosentahl (1669) 78;

Tyridates ... mit allen seinen unvergleichlichen tugendgaben A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 1155; das fundament dieser edlen tugendgabe (der gottesfurcht) ist die hohe majestät gottes und seine herrschafft, daran du, lieber mensch, ohne furcht und ehrerbietung niemahl dencken solt J. D. Frisch neukling. harpfe Davids (1719) 1043;

die edle Schönberg ist zwar von geburt erhaben;
allein weit höher noch an seltnen tugendgaben
D. W. Triller poet. betrachtg. (1750) 6, 80.

lexikalisch verzeichnet als umschreibung für meriten, verdienst; in diesem sinne im sonstigen sprachgebrauch nicht belegt; vgl.: meriten tugendgaben Caspar Stieler zeitungs lust u. nutz (1697) 466; meriten verdienst, tugendgabe Chr. Weisens cur. ged. (1703) 775. —
 
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tugendgeflissen, part. adj., 'eifrig in der tugendübung', s. auch tugendbeflissen: da wolt ich, das jr thugendliebende Eurydice fleisig das jenig lesen ..., was der weisheitlehrer Timoxenes an die auch thugendgeflissene

[Bd. 22, Sp. 1643]


Aristillam geschriben hat Fischart w. 3, 177 Hauffen; hingegen aber bemühete sich ihre mutter, welche from und tugent-geflissen war, ... die Roxolane solcher maszen auf zu führen Ph. v. Zesen Ibrahim (1645) 1, 591; an den tugend- und kunstgeflisnen leser C. Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) vorr. 1.
 
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tugendgefühl, n., ausdruck vor allem der empfindsamen zeit zur bezeichnung der ausrichtung der seele und des herzens auf tugend und tugendwerte: alles tugendgefühl im menschen welch ein stral der ... gottheit! Herder 6, 251 S.;

wenn des tugendgefühls hohe begeisterung
dann die leier mir reicht
K. G. v. Brinkmann ged. (1789) 1, 41;

kann durch einen lebendigen glauben an gott, vorsehung und unsterblichkeit unser tugendgefühl erweckt und gestärkt ... werden? Fichte s. w. (1845) 5, 320. —
 
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tugendgehalt, m., 'gehalt eines menschen an tugendhaftigkeit': der feinste probierstein des tugendgehalts meiner mitbürgerinnen Thümmel reisen (1791) 3, 158; (der) tugendgehalt Lianens Jean Paul w. 15/18, 93 Hempel.
 
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tugendgeist, m., das der tugend hingegebene wesen des menschen; bezeichnender ausdruck für die verbindung von verstandes- und tugendleben:

niemand gleichet seiner zier,
niemand seinem tugendgeist
Harsdörffer Diana (1661) 2, 126;

denn das ist der rechte wagen, auf dem unser tugendgeist,
wenn der körper wird verscharret, sich der sterblichkeit entreiszt
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 2, 156.

auch vom wesen einer gemeinschaft: ihr (der beiden prediger) tiefer, liebevoller friede, ihr heitres betragen etc. ... hat einen tugendgeist in diese noch vor zwanzig jahren so rohe und berüchtigte stadt verbreitet, den man beinahe in jedem hause sichtbar herschen sicht J. T. Hermes manch hermäon (1788) 1, 364. —

 

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