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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tugendbild bis tugenddragoner (Bd. 22, Sp. 1635 bis 1638)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendbild, n. 1) tugendvorbild, wie tugendspiegel, exemplar virtutum, speculum virtutis seit dem mhd.: wie dû (Christus) allez übel hazzetest unde alle tugentbilde vor trüege mit worten unde mit werken David v. Augsburg in: dt. myst. 1, 345, 38 Pf.; vgl. 344, 39: volkomenez exemplar ... aller tugende;

schicke mich wohin du (Jesus) wilt,
deiner jünger tugend-bild
soll mir stets für augen schweben,
dir gehorsamlich zu leben
B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1, 485;

lasz Marianen einst ihr werthes tugendbild
in ihrer töchter wahl mit gleichem glück vermählen
Stoppe Parnasz (1735) 302;

sein (d. heilands) leben war ein tugendbild,
sein strafen nichts als lieben
J. Chr. Günther s. w. 2, 290 lit. ver.;

aber woher sollen wir diese tugendbilder (des guten u. edlen) nehmen, wenn sie nicht da sind? Herder 16,

[Bd. 22, Sp. 1636]


585 S.; es ist oft genug bemerkt und ausgesprochen worden, dasz die heiligen schriften uns jene erzväter und andere von gott begünstigte männer keineswegs als tugendbilder aufstellen wollen Göthe I 26, 218 W.; die hohen tugend- und heldenbilder des ganzen alterthums Zschokke ausgew. schr. (1824) 23, 66. 2) 'bild, abbild der tugend'; soweit es sich im menschen zeigt, auch 'tugendhaftes sein', 'tugendhafte haltung':

die tochter zeigt in sich der mutter tugendbild
König ged. (1745) 103;

wenn es (das vergeben) nicht aus herzlichkeit zu dem blutigen versöhner geschiehet, so ist es nichts als ein weltliches tugendbild, eine nachgemachte frömmigkeit, bey der man ewig verlohren gehen kann Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 7; es möchte sonst manches bekannt werden, was sich nicht zu dem tugendbilde eignet, das die welt in ihnen bewundert Tieck schr. (1828) 17, 166. 3) am häufigsten, und bis in die neuere zeit geläufig, personifiziert, 'tugendhafter mensch', besonders von der frau:

du liebest dein gemahl, dasz rechte tugendbild
von gantzer seel
J. Rist Parnasz (1652) 369;

weil nun disz heroische tugend-bild ... lieber sterben, weder den wundaertzten ihren schaden entdecken wollen: ist ... ein fieber dazu gestoszen E. Francisci d. alleredelste pferd (1670) 67;

o dasz ein solches tugend bild
nur vor dem tode wenig gilt
Simon Dach ged. 3, 409 Ziesemer;

es giebt also der apostel zu, dasz es solche tugend-bilder giebt, die nicht nur äuszerlich sich fromm stellen, sondern denen es würcklich so vorkommt, als ob sie demüthig wären Zinzendorf Berliner reden für männer (1738) 297; wie sollte einem einfallen, das man ein schönes frommes tugendbild betrügen könne? S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 123;

ein tugendbild (a piece of virtue) war deine mutter, und
sie gab dich mir als tochter, und dein vater
war Mailands herzog Shakespeare 3 (1798) 15;

Sokrates war ein mann von diesen tugenden — ein ruhiges frommes tugendbild Hegel w. (1832) 14, 55; wir gehören nicht zu den narren, welche den menschen annehmen als ein rein tugendbild J. Gotthelf ges. schr. (1856) 4, 58. 4) vereinzelt auch figürliche darstellung der tugend oder der tugenden: zwischen denen (lampen) die vornehmste tugendbilder stunden J. Helwig Ormund (1666) 28; inwendig sol der mensch mit schönen tugendbildern durchzieret sein V. Herberger hertzpostilla (1613) 1, 744; ähnlich von sprachlichen darstellungen der tugend: als erbauungsschriften, als tugend- und andachtbilder sind sie (d. legenden) da Herder 16, 388 S.
 
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tugendblüte, f., schon im mhd., vgl. Konrad v. Würzburg leiche, lieder 32, 66 Schröder; unabhängig davon im nhd. neu gebildet; beliebt im 17. u. 18. jh.: daraus, als aus einer recht schönen tugendblüte ein anders nicht, als rechte wahre hohe tugendfrüchte zu hoffen J. G. Schottel ethica (1669) a 5b; o wie wird sich seine krafft so bald an dir in manchen schönen tugend-blühten sehen lassen J. D. Frisch harpfe Davids (1719) 601;

doch sturm und winter räumen nun das feld,
und neue tugendblüthe schmückt die welt
J. D. Gries Bojardos verliebt. Roland (1835) 2, 291;

die unschuld als die schönste tugendblüthe des jugendlichen alters Ch. v. Schmid ges. schr. (1858) 6, 165. — für einen tugendhaften menschen:

du aber, edle braut, holdselg Elisabeth,
belobte tugend-blüth erhabner engelsprossen Hoffmannswaldau u. and. Deutschen ged. (1697) 7, 108.


 
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tugendbold, m., verurteilender ausdruck für einen sich moralisch gebärdenden menschen, erst der neueren zeit angehörend, gebildet wie trunkenbold, witzbold usw.: er (Venedey) schrieb als germanischer tugendbold und keuschheitswächter einen flegelhaften aufsatz 'die spanische

[Bd. 22, Sp. 1637]


tänzerin und die deutsche freiheit' Treitschke dt. gesch. (1897) 5, 659; es war einmal ein land, in dem seit grauer urzeit fürsten regiert hatten: gerechte und despotische, tyrannen und volksfreunde, lüstlinge und tugendbolde, dumme und weise W. v. Polenz ges. w. (1909) 9, 119; ich tu's schon noch! ihr sollt nicht denken, ich sei ein tugendbold P. Dörfler d. notwender (1934) 63. — dazu tugendboldigkeit, f.: G. Hauptmann griech. frühling (1908) 254.
 
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tugendbund, m.
1) allgemein, bund tugendfester menschen:

kann des ernsten tugendbundes gleiten
ach! für liebende wohl strafbar sein?
Haugwitz poet. versuche (1793) 28;

noch hochgestimmt zur feier des tugendbunds
soll dir (d. liebe) sie (d. harfe) danken!
Clodius ged. (1794) 241;

in einklang kopf und herz und mund,
klar, warm und wahr ein ein'ger kranz,
das ist der rechte tugendbund,
das ist die heiligste allianz
A. Grün ges. w. (1877) 2, 163;

wenn alle guten menschen nur ernstlich wollten, wären alle bösen nicht im stande, ihnen den frieden zu verkümmern. das wäre der wahre echte tugendbund W. Alexis Isegrim (1854) 3, 15. mit negativem sinn (vgl. DWB tugend, III B 5): Ferdinand verzog das gesicht und rümpfte die nase; er witterte so etwas von 'tugendbund' Holtei erz. schr. (1862) 16, 187;

trotz aller reisenden christlichen tugendbünde
ist hier noch raum für einige heitre sünde
R. Dehmel ges. w. (1906) 3, 125.


2) im besonderen nachträgliche bezeichnung für den 1808 in Königsberg vornehmlich von offizieren, beamten und gelehrten gegründeten 'tugendverein', auch 'gesellschaft zur übung öffentlicher tugenden' oder 'der sittlich-wissenschaftliche verein' genannt. in ihm schlossen sich die preuszischen gegner Napoleons und vaterlandsfreunde zur pflege vaterländischer gesinnung zusammen. tugend meint hier sittliche strenge mit dem nebensinn des dem vaterland nützlichen und sich für Deutsche gehörenden, s. unter DWB tugend III B 3 e; auszer der dort genannten literatur vgl. noch Treitschke histor. u. polit. aufsätze 53, 148; Meinecke Boyen (1896) 1, 200: tugendbund hat der verein sich selbst niemals genannt. jedoch ist die benennung späterhin gang und gäbe geworden und auch als der historische name festgehalten worden Aug. Lehmann d. tugendbund (1867) 4; dasz der gedanke an eine solche halb im dunkel stehende verbindung ... auch den gedanken an ein besserwerden im volke aufrecht erhielt ... und dasz die beynahe ans komische gräntzende furcht, welche die französischen behörden fortdauernd gegen den tugendbund ... aussprechen, eigentlich die schönste lobrede über die damahlige nützlichkeit des vereines ist Herm. v. Boyen erinnerg. 1, 324 Nippold; auch mehre Deutsche von stande riefen dem vorübergeeilten tugendbunde nach: 'ihr tugendthoren ...' Jean Paul w. 45/47, 366 Hempel; der tugendbund unter Napoleon wurde nicht gestiftet, um Deutschland diese oder jene verfassungsform zu geben ... sondern nur um diejenige erinnerung zu erzeugen, die von selbst auf die vaterlandsliebe ... führte K. Gutzkow ritter v. geiste (1850) 6, 334; ja, die titanische ketten, welche viele unsrer offiziere nach ihrer rückkehr aus Preuszen halb verborgen auf der brust trugen, galten lange in Berlin für ein erkennungszeichen des tugendbundes Sophie Schwerin-Dönhoff erinnerungen (1909) 224. —
 
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tugendbündelei, f., zu tugendbund 2: er (Yorck) that seine schuldigkeit, aber er that sie im schärfsten gegensatz gegen die Steinschen ideen, in noch schärferem vielleicht gegen die tugendbündeleien Wilh. Baur gesch.- u. lebensbilder (1865) 1, 82. —
 
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tugendbünder, m.: ich glaube nicht, dasz er sich einen solchen tugendbünder, einen solchen weltverbesserer und demagogen zum schwiegersohn wählen wird Hauff s. w. (1890) 5, 387. —
 
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tugendbündler, m., zu tugendbund: Hase

[Bd. 22, Sp. 1638]


ist ein alter tugendbündler und coätane von mir A. Ruge briefw. u. tageb. (1886) 1, 386; märtyrer des liberalismus waren nicht ... die unglücklichen tugendbündler und 'demagogen' in Deutschland Gutzkow ges. w. (1872) 8, 64. —
 
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tugendbündner, m., zu tugendbund 2: mit dem tugendbund habe ich zu keiner zeit in verbindung gestanden, es hat auch niemals jemand zu mir gesagt, dasz er ein tugendbündner sei Jahn briefe (1815) 64; Bülow wurzelte stärker als Boyen in den überlieferungen des fridericianischen staates, er sollte nicht zu den modernen theoretikern und tugendbündnern gehören Fr. Meinecke Boyen (1896) 1, 306. —
 
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tugendbündnis, n.: eine gebürliche demut, lernwillige bezeigung, freund- und höflichkeit im reden und gebärden ... müsse ... sich vereinigen und eine löbliche tugendbündnisz eingehen Schottel ethica (1669) 479.
 
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tugenddrache, m., von frauen und männern, 'moralisch engstirniger sittenrichter': das traurige darin (in Kotzebues Ubaldo) ist ein alter feldherr und erzieher des jungen königs (ein rechter tugenddrache), der am ende des letzten actes sich ohne noth ersticht Zelter in: Göthe u. Zelter briefwechsel (1833) 1, 364; graf Ulrich ... nahm sich vor, von dem alten tugend-drachen keine nähere explikation zu erzwingen Holtei erzähl. schr. (1861) 8, 213; sie ist ein wahrer tugenddrache B. Auerbach landhaus am Rhein (1871) 2, 97. —
 
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tugenddragoner, m., wie tugenddrache:

die tugenddragoner, die aus kreischenden kehlen
nur immer auf ihre keuschheit pochen,
und meinen, sie dürfen uns tüchtig quälen,
weil sie die treue nicht gebrochen
Kotzebue sämtl. dram. w. (1828) 25, 181;

es gibt tugenddragoner, die ... auf jeden autor einhauen, der leidenschaften schildert Holtei erz. schr. (1861) 22, 62.

 

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