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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tugendbegierig bis tugendbündler (Bd. 22, Sp. 1634 bis 1637)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendbegierig, adj.: in dessen ersinnung nun, hab ich mir, meines erachtens, nicht übel gefallen lassen ... theils denen kunst- und tugendbegierigen zu dienen, theils meine hochgeliebte muttersprach zu beehren H. A. Stockfleth Macarie (1669) vorr.):(5a; wer tugendbegierig ... ist, kan die untugend ... zumeiden, ihm vorsetzen J. G. Schottel ethica (1669) 327.

[Bd. 22, Sp. 1635]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendbegriff, m., das, was in der wissenschaftlichen tugendlehre (ethik) als tugend verstanden wird: verfeinerung und läuternder fortgang der tugendbegriffe aus den sinnlichsten kindeszeiten hinauf durch alle geschichte ist offenbar Herder 5, 575 S.; bezeichnet nun der tugendbegriff die kraft und gesinnung, und zwar ganz, durch welche die richtigen taten als werke hervorgebracht werden: so ist er also der allgemeinste sittliche begriff. entsprechend dem ideal des weisen Schleiermacher ausg. w. (1910) 1, 151 Bauer-Braun; so hat er damit den tugendbegriff ... über die höhe des christlichen hinausgehoben D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 3, 231; es läszt sich nicht absehen, wie ein rigider tugendbegriff in einer vergänglichen, aus feuriger luft bestehenden seele wurzel treiben kann Immermann w. 18, 169 Hempel.
 
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tugendbelobt, part. adj., im 17. u. 18. jh. geläufig, seit dem ende des 18. jhs. ironisch oder als nachahmung älteren stils verwendet, vgl. tugendbegabt, DWB tugendberühmt: in betrachtung des christlichen und tugend-belobten wandels Chr. Weise polit. redner (1677) 458; manche werden auf den kanzeln als hochedle, hochgelahrte, hochweise, ehrsame und tugendbelobte abgekündigt (= als verstorbene verlesen), welche bey ihrer unwissenheit, bey ihrer niederträchtigen und lächerlichen aufführung, keinen von diesen titeln verdient haben Rabener s. schr. (1777) 2, 45; mag meinetwegen ein künftiges tugendbelobteres jahrhundert meine armen schriften zum scheiterhaufen verdammen Thümmel reisen (1791) 4, 327; wollen sich der tugendbelobte herr nicht entschlieszen, die ohrgehänge, à jour gefaszt, die sie von ihr erhalten haben, wieder heraus zu geben? Iffland theatr. w. (1827) 6, 240; und fühlt er sich denn so sicher, der ehrenfeste, tugendbelobte bürgersmann? Immermann w. 7, 39 Hempel; (er hat sich) feierlich verpflichtet, mir ... jahrjährlich auf lebenszeit einen tugendbelobten schinken zu liefern W. Hauff s. w. (1890) 3, 279. meist von frauen, auch in der anrede gesagt; vgl. auch tugendbegabt: hierinnen solten die griechischen und römischen tugendbelobte matronen euch nachgeahmet haben Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 5, 401; immaszen er sich erfreuete ... mit der wolerzognen und tugend-belobten jungfer sein leben fortzusetzen Chr. Weise polit. redner (1677) 726; und ihr selbst seid nichts bessers, wenn ihr nicht ... eure scharmanten meitressen in tugendbelobte eheweiber verwandelt Fr. A. Weiszhuhn satyr. u. scherzh. aufs. (1788) 196; send- und klageschreiben der ehr- und tugendbelobten jungfrau Petronella Pappelpips H. Zschokke ausg. schr. (1824) 13, 41. —
 
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tugendberühmt, part. adj.: anderer tugendberümten frauen schmuck könnt jr vergebens vnd vmbsonst erlangen Fischart w. 3, 180 Hauffen; jederzeit ... vortreffliches unnd tugend-berühmtes frawenvolck in allen historien belobet ... sich befindet Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, A 4b; reimarten, derer von anfang des teutschen krieges verstorbenen tugendberühmtesten helden lob-gedächtnisse S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) ):( 1a.
 
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tugendbild, n. 1) tugendvorbild, wie tugendspiegel, exemplar virtutum, speculum virtutis seit dem mhd.: wie dû (Christus) allez übel hazzetest unde alle tugentbilde vor trüege mit worten unde mit werken David v. Augsburg in: dt. myst. 1, 345, 38 Pf.; vgl. 344, 39: volkomenez exemplar ... aller tugende;

schicke mich wohin du (Jesus) wilt,
deiner jünger tugend-bild
soll mir stets für augen schweben,
dir gehorsamlich zu leben
B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1, 485;

lasz Marianen einst ihr werthes tugendbild
in ihrer töchter wahl mit gleichem glück vermählen
Stoppe Parnasz (1735) 302;

sein (d. heilands) leben war ein tugendbild,
sein strafen nichts als lieben
J. Chr. Günther s. w. 2, 290 lit. ver.;

aber woher sollen wir diese tugendbilder (des guten u. edlen) nehmen, wenn sie nicht da sind? Herder 16,

[Bd. 22, Sp. 1636]


585 S.; es ist oft genug bemerkt und ausgesprochen worden, dasz die heiligen schriften uns jene erzväter und andere von gott begünstigte männer keineswegs als tugendbilder aufstellen wollen Göthe I 26, 218 W.; die hohen tugend- und heldenbilder des ganzen alterthums Zschokke ausgew. schr. (1824) 23, 66. 2) 'bild, abbild der tugend'; soweit es sich im menschen zeigt, auch 'tugendhaftes sein', 'tugendhafte haltung':

die tochter zeigt in sich der mutter tugendbild
König ged. (1745) 103;

wenn es (das vergeben) nicht aus herzlichkeit zu dem blutigen versöhner geschiehet, so ist es nichts als ein weltliches tugendbild, eine nachgemachte frömmigkeit, bey der man ewig verlohren gehen kann Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 7; es möchte sonst manches bekannt werden, was sich nicht zu dem tugendbilde eignet, das die welt in ihnen bewundert Tieck schr. (1828) 17, 166. 3) am häufigsten, und bis in die neuere zeit geläufig, personifiziert, 'tugendhafter mensch', besonders von der frau:

du liebest dein gemahl, dasz rechte tugendbild
von gantzer seel
J. Rist Parnasz (1652) 369;

weil nun disz heroische tugend-bild ... lieber sterben, weder den wundaertzten ihren schaden entdecken wollen: ist ... ein fieber dazu gestoszen E. Francisci d. alleredelste pferd (1670) 67;

o dasz ein solches tugend bild
nur vor dem tode wenig gilt
Simon Dach ged. 3, 409 Ziesemer;

es giebt also der apostel zu, dasz es solche tugend-bilder giebt, die nicht nur äuszerlich sich fromm stellen, sondern denen es würcklich so vorkommt, als ob sie demüthig wären Zinzendorf Berliner reden für männer (1738) 297; wie sollte einem einfallen, das man ein schönes frommes tugendbild betrügen könne? S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 123;

ein tugendbild (a piece of virtue) war deine mutter, und
sie gab dich mir als tochter, und dein vater
war Mailands herzog Shakespeare 3 (1798) 15;

Sokrates war ein mann von diesen tugenden — ein ruhiges frommes tugendbild Hegel w. (1832) 14, 55; wir gehören nicht zu den narren, welche den menschen annehmen als ein rein tugendbild J. Gotthelf ges. schr. (1856) 4, 58. 4) vereinzelt auch figürliche darstellung der tugend oder der tugenden: zwischen denen (lampen) die vornehmste tugendbilder stunden J. Helwig Ormund (1666) 28; inwendig sol der mensch mit schönen tugendbildern durchzieret sein V. Herberger hertzpostilla (1613) 1, 744; ähnlich von sprachlichen darstellungen der tugend: als erbauungsschriften, als tugend- und andachtbilder sind sie (d. legenden) da Herder 16, 388 S.
 
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tugendblüte, f., schon im mhd., vgl. Konrad v. Würzburg leiche, lieder 32, 66 Schröder; unabhängig davon im nhd. neu gebildet; beliebt im 17. u. 18. jh.: daraus, als aus einer recht schönen tugendblüte ein anders nicht, als rechte wahre hohe tugendfrüchte zu hoffen J. G. Schottel ethica (1669) a 5b; o wie wird sich seine krafft so bald an dir in manchen schönen tugend-blühten sehen lassen J. D. Frisch harpfe Davids (1719) 601;

doch sturm und winter räumen nun das feld,
und neue tugendblüthe schmückt die welt
J. D. Gries Bojardos verliebt. Roland (1835) 2, 291;

die unschuld als die schönste tugendblüthe des jugendlichen alters Ch. v. Schmid ges. schr. (1858) 6, 165. — für einen tugendhaften menschen:

du aber, edle braut, holdselg Elisabeth,
belobte tugend-blüth erhabner engelsprossen Hoffmannswaldau u. and. Deutschen ged. (1697) 7, 108.


 
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tugendbold, m., verurteilender ausdruck für einen sich moralisch gebärdenden menschen, erst der neueren zeit angehörend, gebildet wie trunkenbold, witzbold usw.: er (Venedey) schrieb als germanischer tugendbold und keuschheitswächter einen flegelhaften aufsatz 'die spanische

[Bd. 22, Sp. 1637]


tänzerin und die deutsche freiheit' Treitschke dt. gesch. (1897) 5, 659; es war einmal ein land, in dem seit grauer urzeit fürsten regiert hatten: gerechte und despotische, tyrannen und volksfreunde, lüstlinge und tugendbolde, dumme und weise W. v. Polenz ges. w. (1909) 9, 119; ich tu's schon noch! ihr sollt nicht denken, ich sei ein tugendbold P. Dörfler d. notwender (1934) 63. — dazu tugendboldigkeit, f.: G. Hauptmann griech. frühling (1908) 254.
 
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tugendbund, m.
1) allgemein, bund tugendfester menschen:

kann des ernsten tugendbundes gleiten
ach! für liebende wohl strafbar sein?
Haugwitz poet. versuche (1793) 28;

noch hochgestimmt zur feier des tugendbunds
soll dir (d. liebe) sie (d. harfe) danken!
Clodius ged. (1794) 241;

in einklang kopf und herz und mund,
klar, warm und wahr ein ein'ger kranz,
das ist der rechte tugendbund,
das ist die heiligste allianz
A. Grün ges. w. (1877) 2, 163;

wenn alle guten menschen nur ernstlich wollten, wären alle bösen nicht im stande, ihnen den frieden zu verkümmern. das wäre der wahre echte tugendbund W. Alexis Isegrim (1854) 3, 15. mit negativem sinn (vgl. DWB tugend, III B 5): Ferdinand verzog das gesicht und rümpfte die nase; er witterte so etwas von 'tugendbund' Holtei erz. schr. (1862) 16, 187;

trotz aller reisenden christlichen tugendbünde
ist hier noch raum für einige heitre sünde
R. Dehmel ges. w. (1906) 3, 125.


2) im besonderen nachträgliche bezeichnung für den 1808 in Königsberg vornehmlich von offizieren, beamten und gelehrten gegründeten 'tugendverein', auch 'gesellschaft zur übung öffentlicher tugenden' oder 'der sittlich-wissenschaftliche verein' genannt. in ihm schlossen sich die preuszischen gegner Napoleons und vaterlandsfreunde zur pflege vaterländischer gesinnung zusammen. tugend meint hier sittliche strenge mit dem nebensinn des dem vaterland nützlichen und sich für Deutsche gehörenden, s. unter DWB tugend III B 3 e; auszer der dort genannten literatur vgl. noch Treitschke histor. u. polit. aufsätze 53, 148; Meinecke Boyen (1896) 1, 200: tugendbund hat der verein sich selbst niemals genannt. jedoch ist die benennung späterhin gang und gäbe geworden und auch als der historische name festgehalten worden Aug. Lehmann d. tugendbund (1867) 4; dasz der gedanke an eine solche halb im dunkel stehende verbindung ... auch den gedanken an ein besserwerden im volke aufrecht erhielt ... und dasz die beynahe ans komische gräntzende furcht, welche die französischen behörden fortdauernd gegen den tugendbund ... aussprechen, eigentlich die schönste lobrede über die damahlige nützlichkeit des vereines ist Herm. v. Boyen erinnerg. 1, 324 Nippold; auch mehre Deutsche von stande riefen dem vorübergeeilten tugendbunde nach: 'ihr tugendthoren ...' Jean Paul w. 45/47, 366 Hempel; der tugendbund unter Napoleon wurde nicht gestiftet, um Deutschland diese oder jene verfassungsform zu geben ... sondern nur um diejenige erinnerung zu erzeugen, die von selbst auf die vaterlandsliebe ... führte K. Gutzkow ritter v. geiste (1850) 6, 334; ja, die titanische ketten, welche viele unsrer offiziere nach ihrer rückkehr aus Preuszen halb verborgen auf der brust trugen, galten lange in Berlin für ein erkennungszeichen des tugendbundes Sophie Schwerin-Dönhoff erinnerungen (1909) 224. —
 
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tugendbündelei, f., zu tugendbund 2: er (Yorck) that seine schuldigkeit, aber er that sie im schärfsten gegensatz gegen die Steinschen ideen, in noch schärferem vielleicht gegen die tugendbündeleien Wilh. Baur gesch.- u. lebensbilder (1865) 1, 82. —
 
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tugendbünder, m.: ich glaube nicht, dasz er sich einen solchen tugendbünder, einen solchen weltverbesserer und demagogen zum schwiegersohn wählen wird Hauff s. w. (1890) 5, 387. —
 
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tugendbündler, m., zu tugendbund: Hase

[Bd. 22, Sp. 1638]


ist ein alter tugendbündler und coätane von mir A. Ruge briefw. u. tageb. (1886) 1, 386; märtyrer des liberalismus waren nicht ... die unglücklichen tugendbündler und 'demagogen' in Deutschland Gutzkow ges. w. (1872) 8, 64. —

 

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