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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tugendbahn bis tugendblüte (Bd. 22, Sp. 1633 bis 1636)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendbahn, f., wie tugendpfad, -weg usw., der weg eines tugendhaften lebens, der zum höchsten ziel führt, wohl im anschlusz an das biblische bild von dem engen, beschwerlichen weg, der zur seligkeit und dem breiten, mühelosen, der zum verderben führt (Matth. 7, 13; s. auch unter tugend III D): die sinne sind der seelen gefährlichste wegweisere, als welche insgemein der rechten tugend - bahne verfehlen Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 4, 58;

fehl' ich ja des weges
der bedrnten tugendbahn, ...
so verwirf mich nicht
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 93;

tratt von der tugendbahn ab, auf die verführische schliche und wege schändlicher kuppelei E. Francisci traur-saal (1672) 3, 61; diejenigen, so auff der tugend-bahn zu wandeln anfangen Chr. Thomasius v. d. kunst vernünfftig u. tugendhafft zu lieben (1692) 270;

geh auf der tugendbahn, enthalte dich von sünden,
und lerne, wie man sich der welt entziehen soll
B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 2, 615;

[Bd. 22, Sp. 1634]


jezt komm ich erstlich auf die spur,
worauf mir einsehn und natur
ein reifer käntnusz geben.
ich seh die sünd- und tugendbahn
mit ungleich schärfern augen an
und denk erst recht zu leben
J. Chr. Günther s. w. 2, 196 lit. ver.;

siehst du die thräne im auge des jünglings, der von der tugendbahn wich ...? Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 169;

er (d. heidn. mensch) sieht den wanderer gerader tugendbahn
als einen irrenden mit stolzem mitleid an
J. A. Schlegel verm. ged. (1887) 1, 141.


 
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tugendbaum, m.: wie die liebe, barmhertzigkeit und das mitleiden dem gekröhnten granat-appel an dem christlichen tugend-baume, also gleichen deren widerständige einem Sodoms-appel, an dem schädlichen lasterbaume Butschky Pathmos (1677) 225; nicht weniger widerstrebet die miszgunst guten satzungen, so aus dem tugendbaum reichlich hervorsprossen Neumark neuspr. teutsch. palmb. (1668) 83. —
 
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tugendbeflissen, part. adj., wie tugendgeflissen (s. d.): die tapfern, tugendbeflissene hingegen, würden (nach diesem leben) in den leibern der helden und halbgötter leben Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 7, 163.
 
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tugenbegabt, part. adj., 'tugendhaft', meist von der frau, im 17. u. 18. jh., heute ungewöhnlich, vgl. auch DWB tugendbelobt, DWB tugendberühmt: an welcher sich so würdigst tugend-begabte gemüther belustigen Chr. Kormars übers. d. 'Polyeucte' v. P. Corneille (1669) zuschr. A 4a; bey tugendbegabten schönen leibern sollen billich auch gutte sitten (äuszerer anstand) seyn ... wo dise mangeln, da stehet beides, tugend und schönheit in gefahr Butschky hochdt. kanzelley (1659) 476; es hatte auch diese dame mit ... der tugendbegabten Agrippina änge vertreulichkeit gepflogen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 232; es sei ehrlichen und tugendbegabten matronen rühmlich, wenn sie töchter von edlem gemüthe und sitten zeugen J. D. Ernst liebes-gesch. (1693) 7; benennungen ..., womit tugendbegabte zungen niemals ermangeln, solche weiber und mädchen zu stäupen, die ihrem geschlechte eine schande sind J. J. Chr. Bode Thomas Jones (1786) 1, 35; ihre (der statuen) himmlische ruhe ... ihre sich in sich selbst einschmiegende züchtige sittsamkeit muszte selbst dem entartetsten zweifler hoh ehrfurcht vor dem schönsten in der natur, vor dem huld- und tugendbegabten weibe gebieten Winckelmann bei Justi Winckelmann (1866) 1, 275; der inhaltschwere blick, das zischeln hinter fächern, das ärgernisz der tugend- ehr- und zuchtbegabten rahts- und bürgersweiber Wieland s. w. (1794) 18, 135. — häufig als titel und anrede: tugendbegabte und tugendbelobte frauen und jungfrauen Chr. Reuter Schlampampe 138 ndr., glückwünschung auff das hochzeit-fest des hochedlen und vesten herrn ... und der hochedlen, hoch ehr- und tugendbegabten jungfer D. G. Morhof teutsche ged. (1682) 55; wir haben noch eine menge alter münzen, besonders von der ehr- und tugend-begabten dame Faustine J. J. Chr. Bode Montaigne (1793) 3, 483. als anrede im umgang bei Weise abgelehnt: allein, der musz ein grober fantast seyn, der vor der jungfer (bei der aufforderung zum tanz) mit dieser oration auffgezogen käme: edle und tugend-begabte jungfer Chr. Weise polit. redner (1677) 163; dagegen ist tugendbegabt als 'insinuations-titul' geläufig: das frauenzimmer heist nechst den tituln edel oder wohl-edel, wohl-erbar, hochehr- und tugendbegabt ebda 200. —
 
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tugendbegier, f., bildlich: iede noch im korn verschlossene tugendbegier Schöpfel Thomas Imgarten (1777) 102. —
 
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tugendbegierig, adj.: in dessen ersinnung nun, hab ich mir, meines erachtens, nicht übel gefallen lassen ... theils denen kunst- und tugendbegierigen zu dienen, theils meine hochgeliebte muttersprach zu beehren H. A. Stockfleth Macarie (1669) vorr.):(5a; wer tugendbegierig ... ist, kan die untugend ... zumeiden, ihm vorsetzen J. G. Schottel ethica (1669) 327.

[Bd. 22, Sp. 1635]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tugendbegriff, m., das, was in der wissenschaftlichen tugendlehre (ethik) als tugend verstanden wird: verfeinerung und läuternder fortgang der tugendbegriffe aus den sinnlichsten kindeszeiten hinauf durch alle geschichte ist offenbar Herder 5, 575 S.; bezeichnet nun der tugendbegriff die kraft und gesinnung, und zwar ganz, durch welche die richtigen taten als werke hervorgebracht werden: so ist er also der allgemeinste sittliche begriff. entsprechend dem ideal des weisen Schleiermacher ausg. w. (1910) 1, 151 Bauer-Braun; so hat er damit den tugendbegriff ... über die höhe des christlichen hinausgehoben D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 3, 231; es läszt sich nicht absehen, wie ein rigider tugendbegriff in einer vergänglichen, aus feuriger luft bestehenden seele wurzel treiben kann Immermann w. 18, 169 Hempel.
 
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tugendbelobt, part. adj., im 17. u. 18. jh. geläufig, seit dem ende des 18. jhs. ironisch oder als nachahmung älteren stils verwendet, vgl. tugendbegabt, DWB tugendberühmt: in betrachtung des christlichen und tugend-belobten wandels Chr. Weise polit. redner (1677) 458; manche werden auf den kanzeln als hochedle, hochgelahrte, hochweise, ehrsame und tugendbelobte abgekündigt (= als verstorbene verlesen), welche bey ihrer unwissenheit, bey ihrer niederträchtigen und lächerlichen aufführung, keinen von diesen titeln verdient haben Rabener s. schr. (1777) 2, 45; mag meinetwegen ein künftiges tugendbelobteres jahrhundert meine armen schriften zum scheiterhaufen verdammen Thümmel reisen (1791) 4, 327; wollen sich der tugendbelobte herr nicht entschlieszen, die ohrgehänge, à jour gefaszt, die sie von ihr erhalten haben, wieder heraus zu geben? Iffland theatr. w. (1827) 6, 240; und fühlt er sich denn so sicher, der ehrenfeste, tugendbelobte bürgersmann? Immermann w. 7, 39 Hempel; (er hat sich) feierlich verpflichtet, mir ... jahrjährlich auf lebenszeit einen tugendbelobten schinken zu liefern W. Hauff s. w. (1890) 3, 279. meist von frauen, auch in der anrede gesagt; vgl. auch tugendbegabt: hierinnen solten die griechischen und römischen tugendbelobte matronen euch nachgeahmet haben Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 5, 401; immaszen er sich erfreuete ... mit der wolerzognen und tugend-belobten jungfer sein leben fortzusetzen Chr. Weise polit. redner (1677) 726; und ihr selbst seid nichts bessers, wenn ihr nicht ... eure scharmanten meitressen in tugendbelobte eheweiber verwandelt Fr. A. Weiszhuhn satyr. u. scherzh. aufs. (1788) 196; send- und klageschreiben der ehr- und tugendbelobten jungfrau Petronella Pappelpips H. Zschokke ausg. schr. (1824) 13, 41. —
 
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tugendberühmt, part. adj.: anderer tugendberümten frauen schmuck könnt jr vergebens vnd vmbsonst erlangen Fischart w. 3, 180 Hauffen; jederzeit ... vortreffliches unnd tugend-berühmtes frawenvolck in allen historien belobet ... sich befindet Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, A 4b; reimarten, derer von anfang des teutschen krieges verstorbenen tugendberühmtesten helden lob-gedächtnisse S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) ):( 1a.
 
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tugendbild, n. 1) tugendvorbild, wie tugendspiegel, exemplar virtutum, speculum virtutis seit dem mhd.: wie dû (Christus) allez übel hazzetest unde alle tugentbilde vor trüege mit worten unde mit werken David v. Augsburg in: dt. myst. 1, 345, 38 Pf.; vgl. 344, 39: volkomenez exemplar ... aller tugende;

schicke mich wohin du (Jesus) wilt,
deiner jünger tugend-bild
soll mir stets für augen schweben,
dir gehorsamlich zu leben
B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1, 485;

lasz Marianen einst ihr werthes tugendbild
in ihrer töchter wahl mit gleichem glück vermählen
Stoppe Parnasz (1735) 302;

sein (d. heilands) leben war ein tugendbild,
sein strafen nichts als lieben
J. Chr. Günther s. w. 2, 290 lit. ver.;

aber woher sollen wir diese tugendbilder (des guten u. edlen) nehmen, wenn sie nicht da sind? Herder 16,

[Bd. 22, Sp. 1636]


585 S.; es ist oft genug bemerkt und ausgesprochen worden, dasz die heiligen schriften uns jene erzväter und andere von gott begünstigte männer keineswegs als tugendbilder aufstellen wollen Göthe I 26, 218 W.; die hohen tugend- und heldenbilder des ganzen alterthums Zschokke ausgew. schr. (1824) 23, 66. 2) 'bild, abbild der tugend'; soweit es sich im menschen zeigt, auch 'tugendhaftes sein', 'tugendhafte haltung':

die tochter zeigt in sich der mutter tugendbild
König ged. (1745) 103;

wenn es (das vergeben) nicht aus herzlichkeit zu dem blutigen versöhner geschiehet, so ist es nichts als ein weltliches tugendbild, eine nachgemachte frömmigkeit, bey der man ewig verlohren gehen kann Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 7; es möchte sonst manches bekannt werden, was sich nicht zu dem tugendbilde eignet, das die welt in ihnen bewundert Tieck schr. (1828) 17, 166. 3) am häufigsten, und bis in die neuere zeit geläufig, personifiziert, 'tugendhafter mensch', besonders von der frau:

du liebest dein gemahl, dasz rechte tugendbild
von gantzer seel
J. Rist Parnasz (1652) 369;

weil nun disz heroische tugend-bild ... lieber sterben, weder den wundaertzten ihren schaden entdecken wollen: ist ... ein fieber dazu gestoszen E. Francisci d. alleredelste pferd (1670) 67;

o dasz ein solches tugend bild
nur vor dem tode wenig gilt
Simon Dach ged. 3, 409 Ziesemer;

es giebt also der apostel zu, dasz es solche tugend-bilder giebt, die nicht nur äuszerlich sich fromm stellen, sondern denen es würcklich so vorkommt, als ob sie demüthig wären Zinzendorf Berliner reden für männer (1738) 297; wie sollte einem einfallen, das man ein schönes frommes tugendbild betrügen könne? S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 123;

ein tugendbild (a piece of virtue) war deine mutter, und
sie gab dich mir als tochter, und dein vater
war Mailands herzog Shakespeare 3 (1798) 15;

Sokrates war ein mann von diesen tugenden — ein ruhiges frommes tugendbild Hegel w. (1832) 14, 55; wir gehören nicht zu den narren, welche den menschen annehmen als ein rein tugendbild J. Gotthelf ges. schr. (1856) 4, 58. 4) vereinzelt auch figürliche darstellung der tugend oder der tugenden: zwischen denen (lampen) die vornehmste tugendbilder stunden J. Helwig Ormund (1666) 28; inwendig sol der mensch mit schönen tugendbildern durchzieret sein V. Herberger hertzpostilla (1613) 1, 744; ähnlich von sprachlichen darstellungen der tugend: als erbauungsschriften, als tugend- und andachtbilder sind sie (d. legenden) da Herder 16, 388 S.
 
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tugendblüte, f., schon im mhd., vgl. Konrad v. Würzburg leiche, lieder 32, 66 Schröder; unabhängig davon im nhd. neu gebildet; beliebt im 17. u. 18. jh.: daraus, als aus einer recht schönen tugendblüte ein anders nicht, als rechte wahre hohe tugendfrüchte zu hoffen J. G. Schottel ethica (1669) a 5b; o wie wird sich seine krafft so bald an dir in manchen schönen tugend-blühten sehen lassen J. D. Frisch harpfe Davids (1719) 601;

doch sturm und winter räumen nun das feld,
und neue tugendblüthe schmückt die welt
J. D. Gries Bojardos verliebt. Roland (1835) 2, 291;

die unschuld als die schönste tugendblüthe des jugendlichen alters Ch. v. Schmid ges. schr. (1858) 6, 165. — für einen tugendhaften menschen:

du aber, edle braut, holdselg Elisabeth,
belobte tugend-blüth erhabner engelsprossen Hoffmannswaldau u. and. Deutschen ged. (1697) 7, 108.

 

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