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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tuftig bis tugendbeflissen (Bd. 22, Sp. 1559 bis 1634)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tuftig, adj., dunstig, neblig, bereift, feucht, kalt; zu 1tuft, m. (sp. 1552). wie beim grundwort erscheint nur im mhd. und älterem nhd. der anlaut t:

darumb so pat
der hochgelobte küng vor an dem perge,
e im sein junger gab den kuss,
mit tüftikleichem trone
sein vater innikleichen suess,
das er in freite, ob es müglich wär
Oswald v. Wolkenstein ged. 277 Schatz;

daz sich die tüfftigen nebel in diese gebirg anstossen vnd versamlen, dardurch die statt gantz trüben, duncklen vnd finstern lufft haben würd Fronsperger kriegsb. 2 (1573) F 2b. vgl. tüfftig, adj., dünstig, neblicht, vapido, vaporoso, nebbioso, vaporeux, plein de brouillard Rädlein (1711) 895. das nhd. kennt als regelmäszig nur den anlaut d; vgl. teil 2, sp. 1505; so auch in den maa.: Stalder schweiz. id. 1, 324; Fischer schwäb. 6, 1785; Martin-Lienhart elsäss. 2, 658; rhein. wb. 1, 1544; Schütze Holstein 1, 265.
 
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tüftler, m., von tüfteln, vb., mit der gleichen schwankungsbreite in rechtschreibung und bedeutung wie das zeitwort. gleich tüfteln in den hd. maa. geläufig; diftler 'ein künstler, erfinder, kleingeist' aus dem Elsasz v. Klein dt. provinzialwb. 1 (1792) 84; tüftler erfindungsreicher kopf, der alles kann, ohne fachmann zu sein; kleinigkeitskrämer, wortklauber Martin-Lienhart elsäss. 2, 658; pedant, grübler; wer mühsame kleinarbeit geschickt erledigt, gern im hinblick auf den (angesehenen) graveur gesagt (Pforzh.) bad. wb. 1, 587; dift(e)ler übertrieben pünktlicher mensch, federleser, pedant; aber auch, wer durch difteln etwas herausklügelt Fischer schwäb. 2, 204; entsprechend: Meisinger Rappenau 200; Seiler Basel 76; Wegeler Koblenz 85; Heinzerling-Reuter Siegerl. wb. 37; Ruckert unterfränk. ma. 181. von daher auch literarisch: nun war es sehr ergötzlich, die beschwerden Webers anzuhören: Ruff sei ein tüftler und rechner und gehe einen falschen weg (1847) G. Keller br. u. tageb. 2, 151 Erm.; was braucht es da (bei der einfach groszartigen naturauffassung der Griechen, die schon im namen ihrer götter zum ausdruck kommt) noch einen feuerwerker wie Jean Paul oder einen tüftler wie Adalbert Stifter (1853) ebda 2, 320; ferner ebda 3, 426; (Lepel) mal als landwirt und mal als dramatiker, mal auch als erfinder und tüftler — er suchte das perpetuum mobile und 'hatte es auch beinahe' (1898) Fontane von zwanzig bis dreissig (1925) 335; ich gehöre nicht zu diesem kaffrigsten und übelsten typus unseres jahrhunderts, zu diesen intellektuellen tüftlern und ewigen stänkerern voller eitelkeit und aufgeblasenheit Mungenast d. pedant (1939) 160; der tüftler, der siebengescheite, bringt mich womöglich auch noch in was hinein! O. M. Graf unruhe um e. friedfertigen (1948) 394.
 
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tüftlig, tüftelig, adj., von tüfteln, vb., 'kleinlich, peinlich genau bei der arbeit, pedantisch-sorgfältig, klügelnd, grüblerisch, spintisierend, allzu umständlich'; in den hd. maa. weit verbreitet: Fischer schwäb. 2, 204; bad. wb. 1, 587; Meisinger Rappenau 200; Martin-Lienhart elsäss. 2, 658; Dang Darmst. wb. 169; Wegeler Koblenz 85; Heinzerling-Reuter Siegerl. wb. 37; Rovenhagen Aachen 145; Hönig Köln 181; Müller-Fraureuth 1, 219. ausdrücklich auch von der handarbeit gesagt, im sinne von 'peinliche sorgfalt erfordernd, schwierig auszuführen' bad. wb. 1, 587. die literarische bezeugung erweist die verbreitung des adj. über das ganze deutsche sprachgebiet; zunächst nur umgangssprachlich: ihr ... gedicht 'am 24. dezember 1852' gefiel mir recht gut. ich fand es ein wenig tiftlig, konnte aber keine eigentlich schwache stelle finden (1853) Fontane an Storm, br. 75 Gülzow; ich selbst stecke wieder in einer so psychologisch düftligen geschichte ('schweigen') (1882) Storm an Heyse in: briefw. 2, 53 Plotke; in der düfteligen winternovelle (1883) Storm an Keller 167 Köster; vadder Sodbrink

[Bd. 22, Sp. 1560]


bringt alles fertig, und wenn es irgendwo eine besonders tüftelige arbeit zu tun gibt, musz vater Sodbrink dazu heran A. Hinrichs mein heiteres buch (1941) 85 (nicht mundartlich begründet; vom vf. briefl. auf maa. tiepelig zurückgeführt). erst in jüngster zeit literarisch und meist kritisch-aburteilend: und setzten einen vertrag auf mit tinte und stempel, dasz er seine tüftlige apothekerrichtigkeit hatte qu. aus Siebenbürgen v. j. 1940; weit entfernt davon, pfuscherarbeit zu leisten, seid ihr vielmehr gar zu gewissenhaft, zu tüftlig. ... meine geduld jedenfalls ist erschöpft Birkenfeld schwarze kunst (1943) 121; zunächst ist die begriffsbestimmung nicht scharf, und nur durch etwas tüftelige unterscheidungen kommt Schlüter zu einer begrenzung des stoffes Alfr. Hettner allg. geogr. d. menschen 1 (1947) 8. dazu als junge abstraktbildung tüftligkeit, f.: schon wollte sie nadel und faden holen, da hörte sie in sich wieder den oft vernommenen scherzhaften vorwurf des bruders wegen ihrer tüfteligkeit P. Dörfler Apollonias sommer (1934) 85.
 
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tug, m., s. tugstein.
 
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tugend, f. , verbalabstractum zu taugen (s. d.), das in zwei verschiedenen bildungen im west- und nordgermanischen erscheint, die ursprünglich als *dugunþi- (wie *jugunþi- Kluge nomin. stammbildungslehre § 131) und *dugiþō (Kluge § 123) anzusetzen sind; *dugiþi- im ahd. ist kompromissform zwischen diesen beiden.
1) *dugunþi- (im ae. *dugunþō), im ahd. tugund, obl. cas. tugundi, sowie mit assimilation tugind, geschwächt tugend (belegt im bair. d. 11. jh., ahd. gl. 2, 422, 10; 462, 45; kl. ahd. sprachdenkm. 184, 20, sowie in Notkers psalmen, in der sippe des Wiener Notker, kl. ahd. sprachdenkm. 153, 17; 169, 15; 170, 47. 52, sowie in der Trierer und Stuttgarter hs. des Williram nach Graff 5, 372); mnd. döget, dögent, dögede Lasch-Borchling 1, 439; mnld. doget, doeget, dueget u. ä. Verwijs-Verdam mnld. wb. 2, 264, (ö aus einer assimilierten form der obliquen casus dugidi aus *dugunþi? anders Frank mnld. gr. 243); nl. deugd woordenboek d. nl. taal 3, 2, 2443; awfries. duged Richthofen 695 (dugeth Holthausen 17); ae. duguþ, dugoþ Bosworth-Toller 217, suppl. 160 (ō-stamm, bisweilen auch m.); me. dugeþ(e); douþe, douth Murray 3, 620.
2) *dugiþi- (im ahd.) und dugiþō- (im an.). belegt im ahd. im pl. dugidi im Ludwigslied (kl. ahd. sprachdenkm. 85, 5), sowie als tuged, tugid bei Notker und Williram (z. b. tuged Notker 1, 39, 26; tugid 1, 426, 11; gen. sg. tugede 1, 15, 14; gen. pl. tugedo 1, 18, 5; spät in der sippe des Wiener Notker der gen. pl. tugidone kl. ahd. sprachd. 147, 24; 153, 18) und anord. dygð (sg. ō-stamm pl. dygðir) Fritzner 1, 275; norw. dygd Torp 81, aschw. dyg(h)þ (pl. dygðir) Söderwall 1, 207; schwed. dygd sv. akad. ordb. D 2418; adän. dyghth, dȳth, døyth Brøndum-Nielsen gammeldansk gr. 1, 300; 3, 75 (ō- und i-stamm), dän. dyd dansk ordbog 3, 1172.
formen mit -d (ohne -n) auch später noch belegt: von den thugeden heil. regel 2, 4 Pr.; in grossen ... tugeten Steinhöwel decam. 135, 33; 112, 20; dugett ... annämmen schweiz. schauspiele 3, 146 Bächtold; tuget Keisersberg granatapfel (1510) F 6b; A 5b; tugeten ebda F 2b; tuget Ambach vom tantzen (1543) a 4b; mit ... guten tugeten bei Schade satiren u. pasqu. 3, 79, 3.
tungend im Wiener Notker (neben tugent) ist verschreibung, Schatz § 281. ähnlich auch später: in tungde chrefte Suchenwirt 25, 232 Primisser.
neben dem nom. acc. sg. tugent findet sich mhd. ein nom. acc. sg. tugende (nach dem gen. u. dat.): Schönbach altd. pr. 3, 5, 14; Reinmar v. Zweter 28, 12; 210, 8 (im reim auf jugende), Roethe Reinmar v. Zw. 14; beliebt bei Winterstetten (im reim auf jugende), etwa leich II 66, vgl. Minor zu dieser stelle; Ulrich v. Türheim Rennewart 11609 H.
im gen. und dat. sg. weichen im mhd. die formen auf -e den unflektierten; tugende neben tugent, vgl. Paul-Helm mhd. gr. § 127; über den gebrauch bei Hartmann v. Aue

[Bd. 22, Sp. 1561]


und Wolfram v. Eschenbach vgl. DWB K. Zwierzina in festgabe für Heinzel, s. 486 ff.
im alemannischen lautet der gen. pl. vereinzelt tugenden statt tugende, Michels mhd. gr. 211, 3: aller tugenden Rudolf v. Ems Willehalm 3280; der tugenden (neben aller tugende) geistl. streit (elsäss. um 1320) 272 Hoepfinger.
seit dem 15. jh. tritt der plural in die schwache flexion über: welich tugenden Riederer rhetoric (1493) a 5b; A. v. Eyb (1511) 29b; dazu H. Paul dt. gr. 2, 90 (§ 52 anm. 1): im 16. jh. ist der plural auf -en geläufig. daneben begegnet vereinzelt seit dem mhd. unflektierter nom., acc. pl.: die hiligen tugent Schönbach altd. pr. 2, 77, 23; alle tugent ebda 77, 8; acc. pl. etlichen tugent 77, 21; wir tugent algemein H. Sachs 6, 24 lit. ver.; die andern tugent Luther 8, 540, 32 W.
die schreibung mit auslautendem -t hält sich bis zum 17. jh. (H. Sachs 1, 91 K.; Braunschweig chirurgia [1539] 31a; Keisersberg granatapfel [1510] E 5a; Spreng Ilias [1610] 98a) neben zunehmender schreibung mit -d, die schon in hss. d. 14. u. 15. jhs. begegnet (St. Georgener pred. 113, 12, 14 [hs. 1387 beendet]; meister Eckhart reden d. unterscheidg. 36, 18 D. [hs. von 1477]; H. Sachs 21, 250 lit. ver.; Frisius dict. [1556] 1133); seit dem 16. jh. allgemeiner. im 16. jh. ist die schreibung mit -dt nicht selten (Endinger judenspiel 23; Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 21 ndr.; Erasmus Alberus fabeln 94 ndr. usw.). bedeutung und gebrauch.
aus der bildung des wortes (s. unter herkunft und form) ergibt sich als grundbedeutung die der tauglichkeit im allgemeinsten sinne. in ihr ist das merkmal des ausgezeichnetseins, der vortrefflichkeit eingeschlossen. tugend bezeichnet etwas herausgehobenes, gesteigertes, 'vortreffliches jeder art' (Benecke wb. zu Hartmanns Iwein). damit stimmt überein die philosophisch-theologische bestimmung des begriffes 'tugend' seit Aristoteles, nach der ἀρετή - virtus-tugend ein 'habitus', ein 'gehaben' ist, oder wie die scholastik im anschlusz an Aristoteles formuliert: 'ultimum potentiae' (vgl. Thomas v. Aquin summa theol. I-II q. 55 a. 1) dem sein, der person verhaftet und nicht nur eine 'dispositio' des willens. die dem deutschen worte eigene grundbedeutung, tugend als ein 'tüchtigsein', entspricht also genau der antiken tugendauffassung. deswegen ist es unmöglich zu entscheiden, welche der frühen einzelanwendungen des wortes als einheimisch zu deuten sind, und welche bereits von der christlichen virtus, die die vermittlerin der antiken 'tugend' ist, mitgeprägt sind; das gilt auch vom ags. duguþ. die mit dem späten mittelalter beginnende, in der aufklärung voll entfaltete, von Nietzsche bekämpfte nur moralische tugendauffassung ist demnach nicht nur eine abkehr von der überlieferten echten tugendlehre, sondern auch von dem ursprünglichen wort sinn. die 'rehabilitierung' der tugend seit M. Scheler ist eine erneuerung der alten lehre und wortbedeutung.
die grundtatsache des tüchtigseins zerlegt sich ihrer äuszerung nach in zwei richtungen, je nachdem mehr das vermögen, etwas zu leisten, das mächtigsein, oder der zustand des ausgezeichnetseins, der wert, betont werden. die älteste überlieferung scheint darauf zu deuten, dasz die auffassung der tugend als kraftäuszerung als der ausgangspunkt zu gelten hat und die als eines zustandes der vortrefflichkeit erst ein ergebnis späterer gesittungsstufen, vor allem des höfischen rittertums, ist.
I. das vermögen, etwas zu leisten, fähigkeit, kraft, macht, gewalt. im gegensatz zu 'schwäche, ohnmacht, unfähigkeit, ungeschicktheit'.
in dieser bedeutung konnte sich ohne schwierigkeit die im deutschen wort grundgelegte vorstellung des 'tüchtigseins' des taugens zu etwas, mit dem antik-frühchristlichen tugendbegriff verbinden, der durch die virtus der bibel, vor allem des neuen testaments vermittelt, seit dem beginn der deutschen überlieferung wirksam war. im neuen testament, dem die sittliche tugend (ἀρετή, virtus moralis) nahezu fremd

[Bd. 22, Sp. 1562]


ist (s. unten III) vertritt virtus vor allem δύναμις ('macht gottes und Christi', 'heilskraft', 'krafttat', 'wunder', 'kraft, vermögen des menschen, der engel, des teufels', vgl. im einzelnen Kittel theol. wb. zum neuen test. 2 [1935] 286-318), ferner ἰσχύς ('kraft, vermögen Christi und des menschen', vgl. Kittel 3 [1938] 402). zum gleichen vorstellungskreis gehören die oft mit δύναμις verbundenen κράτος (vulgata: imperium, potentia, potestas), ἐξουσία (potestas), ἐνέργεια (operatio), δόξα (claritas, maiestas, gloria). vgl. virtus tugent (15. jh. md.), dogent (15. jh. md.), doghet (15. jh. nd.); sonst: macht, krafft, hoeste kr., muglichkait der sele Diefenbach gl. 622b; magnalia grosze dugent, grosze werck (15. jh. md.); sonst: grosze dinge, werck, wunderwerck ebda 343b.
A. von gott gesagt, sein vermögen, die äuszerung seiner macht, seine selbstbekundung als herrn bezeichnend; ebenso von Christus gesagt. auf die anschauung des alten und neuen testaments zurückgehend. im griechischen vor allem als δύναμις und ἰσχύς, im latein. als virtus erscheinend; daneben im griech. als verwandte wörter ἐξουσία, κράτος, δόξα, im latein. potestas, maiestas, gloria, claritas. oft miteinander verbunden, z. b. ἐν ἐξουσία καὶ δυνάμει (in potestate et virtute) Luc. 4, 36; ἐν τῷ κράτει τῆς ὶσχύος αὐτοῦ (in potentia virtutis ejus) Ephes. 6, 10; κατὰ τὴν ἐνέργειαν τοῦ κράτους τῆς ἰσχύος αὐτοῦ (secundum operationem potentiae virtutis) Ephes. 1, 19; μετὰ δυνάμεως πολλῆς καὶ δόξης (cum virtute multa et gloria) Marc. 13, 26 (zu den neutestamentlichen griechischen begriffen vgl. Kittel wb. z. neuen testam.). die wiedergabe von δύναμις -virtus mit tugend ist vor allem ahd., seit Notker, und mhd.; später ist im allgemeinen von gottes macht, kraft, gewalt, herrlichkeit usw. die rede, wie auch schon im ahd. vor Notker. Otfrid, Tatian, Heliand, die das wort tugend nicht kennen, bezeichnen gottes virtus mit megin (vgl. etwa Tatian 127, 3 gotes megin), kraft, maht.
1) gottes macht, kraft, stärke: cantabimus et psallemus uirtutes tuas so mârren uuir dîne tugede (psalm 21, 14) Notker 2, 65, 26 P.; dominus uirtutum nobiscum got dero tugedo, got dero chrefto, der selbiu chraft ist, der ist sament uns (ps. 46, 8) 2, 176, 19 P. die in den psalmen häufig vorkommende benennung gottes als dominus virtutum, allgemein als 'gott der heerscharen' verstanden, wird von Notker, wie der zusammenhang deutlich zeigt, als 'gott der macht, stärke' aufgefaszt; sic in sancto apparui tibi, ut uiderem uirtutem tuam et gloriam tuam. in demo selben einote irscein ih dir (gott) in heiligemo sinne, in so heiligemo proposito, daz ih dannan gesahe dina tugend unde dina guollichi (ps. 63, 3) 2, 235, 19 P.; preparans montes in uirtute tua predicatores (predigara) gagen in gareuuende in dinero tugede nals in iro (ps. 65, 7) 2, 243, 27 P.; der heilige gaist der chumet ubir dich (Maria), unde diu tugent des allir hôhistin in diu beschetuwet dich Trudp. hohel. 52, 1 Menhardt (Luc. 1, 35 δύναμις ὑψίστου virtus altissimi);

daz si got fleten,
daz er daz riche gerte
daz er sîne tugente bescainte
unt die rechten warheit unter in erzaicte
pfaffe Konrad Rolandslied 303, 13 Grimm;

des helfe uns got mit sîner tugent,
daz wir in hie sô geminnen
daz wir in dort gar gewinnen
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 4305 W.;

sît er (gott) nû tugent ist sô vol
daz er tôt unde leben
beide mac vil wol gegeben,
sô lâz uns alle werden schîn
daz in deme namen sîn
erstorben sî der grimme stier
Konrad v. Würzburg Silvester 4954 Gereke;

in (den heidn. göttern) beiden sint lîp unde lider
kreft unde lebender tugende blôz ders. Pantaleon 403 G.;

ir (Maria) gap des heilegen geistes tugent
minnebernde sinne:
des wol dir, künigünne
Reinmar v. Zweter der leich 58 R.

[Bd. 22, Sp. 1563]


die kräfte der drei göttlichen personen:

durch uns wart er menschlich,
und het an im die tugende
der drier ginende
(den gewalt, den weistm, diu gute) anegenge 8, 75 bei
Hahn ged. d. 12. u. 13. jh.;

die göttlichen personen selbst als kräfte:

da diu stimme oben sprach
unt da man die touben sach,
die drî tugende heten ensant
erfullet elliu diu lant ebda 9, 13;

in enger anlehnung an die biblische vorlage: und quam in sînes vatir lant, her lârte si in iren synagôgen, alsô daz si sich wunderten und sprâchin: von wannen kumit disme dise wîsheit und die tuginde? (unde huic sapientia haec et virtutes αἱ δυνάμεις) Matth. v. Beheim ev. Matth. 13, 54 (d. gleiche stelle übersetzt die 1. dt. bibel mit kreffte, Luther: weisheit und thatten, Zürcher bibel: weysheyt und macht); und di irschrekunge ist worden undir en allen, und si redeten z ein andere und sprâchin: waz ist diz wort? wan in gewalt und in tuginden gebtet her den unreinen geisten, und si gên ûz (quia in potestate et virtute imperat ὅτι ἐν ἐξουσία καὶ δυνάμει) ebda Luc. 4, 36 (1. dt. bibel: in dem gewalt und in der krafft, Luther: mit macht und gewalt, Zürcher bibel: mit macht und gwalt);

(Jesus zu den Sadduzäern:)
ir yrt unnd kendt nit recht die geschrifft
unnd kent auch gottes tugent nicht:
(Matth. 22, 29: nescientes virtutem dei)
so sy von tod werden auff stan,
so wirts nit also zue gan,
dass ains das ander nemb
unnd zu ain ander kemb;
aber sy werden also erschein,
als die engel gottes sein
Wackernell altdt. passionssp. vorsp. 1631.

vereinzelt entspricht virtus, tugent einem neutestamentlichen ἀρετή (2. Petr. 1, 3), wo aber ἀρετή nicht die antike 'tugend' sondern wie δύναμις die 'selbstbekundung gottes' meint; vgl. zu der stelle Kittel wb. 1, 459: nach dem allerley seiner göttlichen krafft (was zum leben und göttlichen wandel dienet) uns geschenckt ist, durch die erkentnis des, der uns beruffen hat, durch seine herrligkeit und tugent, durch welche uns die tewre und aller gröszesten verheiszung geschenckt sind (propria gloria et virtute ἰδία δόξη καὶ ἀρετῇ) 2. Petr. 1, 3; auff das er alleyne den rhum und preys davon habe, und wir yhm alleyne die tugent und krafft zuschreyben, denn es ist nicht unser, sondern seyn werck alleyne Luther (zur obigen stelle) 14, 18, 15 W.
2) die wundertaten, wunder Christi als wiedergabe des biblischen δυνάμεις, bzw. virtutes, so in der dem Matthias von Beheim zugeschriebenen evangelienübersetzung des 15 jhs.; an den entsprechenden stellen der folgenden belege haben die erste dt. bibel krafft (Matth, 11, 20), alle die kreft (Luc. 19, 37); Luther die meisten seiner thaten, alle thaten; Zürcher bibel am meesten seine thaten; alle thaten: dô begonde her vorwîzen den stetin in den geschên wâren sîne meisten tugende, wan si hatten nicht pênitencie getân (in quibus factae sunt plurimae virtutes ejus, ἐν αἷς ἐγένοντο αἱ πλεῖσται δυνάμεις αὐτοῦ) Matth. 11, 20 bei Matthias von Beheim; und dô her îczunt nêhite z dem nidergange des bergis Olivêti, dô begonden alle schare der jungern der nider stîgenden vrowinde sich got lobin mit grôzir des bergis Olivêti, dô begionden alle schare der jungern stimme ubir alle tugent di si gesehen hatten (super omnibus, quas viderant, virtutibus περὶ πασῶν ν εἷδον δυνάμεων) Luc. 19, 37 ebda.
B. einer der engelchöre. nach biblischer lehre werden die engel (z. t. in zusammenhang mit kosmischen und dämonischen mächten) als 'mächte' und 'gewalten' aufgefaszt. neben den ἄγγελοι, z. t. ihnen zugerechnet, stehen die ἀρχαί, ἐξουσίαι, δυνάμεις, θρόνοι, κυριότητες; principatus, potestates, virtutes, throni, dominationes (vgl. etwa Röm. 8, 38; Eph. 1, 21; Kol. 1, 16; näheres bei Kittel wb. z.

[Bd. 22, Sp. 1564]


neuen test. unter ἐξουσία 2, 568ff. und δύναμις 2, 308; zusammenfassend W. Grundmann d. begriff der kraft i. d. neutestamentl. gedankenwelt [1932] 39 -55). die seit den vätern übliche einteilung in drei hierarchien zu je drei chören geht auf Dionysius Areopagita (de coelesti hierarchia, cap. 6ff.) zurück (vgl. etwa Tauler pred. 68, 373 im anschlusz an Dionysius). in älterer sprache werden die δυνάμεις, virtutes als tugenden bezeichnet:

in des Augusti cîtin gescach,
daz got vane himele nider gesach.
duo ward giborin ein kuning.
demi dienit himilschi dugint:
Jesus Christus, godis sun Annolied 522 Roediger;

den engelen gelîche,
dî da heizent virtutes ...
daz sprichet tuginde,
wande sî ze lobe dem himilischen kuninge
alle tugintlîche
ne wolden niht entwîche
des tûbelis wille ...
dem begunden sî widervehten
Hartmann rede v. glauben 3013 v. d. L.

die tugent der himel, die werdent beweget, daz sint di hiligen engel, die himelischen chr (auslegung von Luc. 21, 26: nam virtutes coelorum movebuntur) Schönbach pred. 2, 10, 34;

nâch disen drin tagen
soltû nâch mir varn.
elliu himeliske tugent
frowet sich alzan uber dîne jugent kaiserchron. v. 6244 Schröder;

erzengil und alle engil gar,
allir himile tugent. allir himil schar
Rudolf v. Ems weltchron. v. 32 Ehrism.:

engele, erschenge (erzengel), tugende
die dri sint wol mugende passional 339, 65 Hahn;

wann ich bin gewysz, daz noch der tod noch daz leben noch die engel noch die fúrstentum noch die tugent noch die anstenden ding noch die kunftigen dinge noch die krefte noch die gewelt noch die stercke ... vns mag gescheyden von der lieb gotz 1. dt. bibel 2, 37, 22 (Röm. 8, 38 οὔτε ἄγγελοι οὔτε ἀρχαὶ, neque angeli neque principatus neque virtutes); tugent virtus est ordo angelicus voc. inc. teut. (1485) gg 6aselten noch in späterer sprache:

welch ein gesicht. ich sehe millionen
ätherscher kräfte, tugenden und thronen,
der geisterwelt unendlich lange reihn,
o herr, von dir erfüllt, sie alle dein
Zachariae poet. schr. (1772) 2, 195;

im angesicht der thronen, potentaten
und tugenden des himmels handelst du (d. seele) ebda 2, 194.

vgl. die verbindung des engelchores mit der ethischen tugend: der dritte kor, das sint die virtutes. dise dienent, manent und ratent dem menschen, das er nach tugenden stande, beide natúrliche tugende und sittelich tugende, und si erwerbent dem menschen gttelich tugende Tauler pred. 373, 37 Vetter.
C. die kraft, macht, stärke des menschen.
1) allgemein die lebenskraft, das kräftigsein.
a) lebenskraft, kraft des leibes und der gesundheit, vgl. vigor dugende (15. jh. md.), sonst: stercke, krafft, grunende st., macht, blwunge Diefenbach gl. 619a; valentia dogent (15. jh. md.), sonst: dog-, toglichkeit ebda 605b: quia gloria uirtutis eorum tu es, et in beneplacito tuo exaltabitur cornu nostrum. wanda du bist kuollichi iro tugede, unde an dinemo filelieben Christo uuirt irhohet unser horn. fone imo haben uuir potestatem filii dei fieri (ps. 89, 18) Notker 2, 370, 10 Piper;

sîn ellen gesweih ...
thie ougen ime vergiengen.
thone erkant er leither niemen:
sîn tugent ime thô erlasc,
ze theme gesihene ime thô gebrast.
pfaffe Konrad Rolandslied 6426 B.;

[Bd. 22, Sp. 1565]


(Medea zu Jason:)
swenn ich mîn zouber güebe
und mîner arzen e dinc,
sô wirt ein vrecher jungelinc
vil schiere ûz im (d. alt. könig) gemachet
und daz doch niht geswachet
wirt an kreften iuwer tugent
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 10 469 Keller;

die rh bringt krefft vnd tugent wider,
drumb steh spat auff vnd geh fr nider
C. Scheit Grobianus 1930 ndr.;

im gegensatz zur ohnmacht, vgl. den beleg oben aus dem Rolandslied: alle tugent ir (ihrer) vernunft in ir verschwunden und dem sune in seine arme amechtig sancke Arigo decamerone 101 lit. ver.; darnach do (der ohnmächtigen) frau Beritola durch labung und trost der czweyer frawen ... ire tugent vnd geiste ir waren wider komen ebda 102; von der wirksamkeit, schärfe der sinne: die krafft oder tugend der augen ist die schärpffe (des) gesichts: die tugend der ohren ist ein subtiles gehör Lehman floril. polit. (1662) 3, 92;

(Laertes:) o hitze, trockne
mein hirn auf. thränen, siebenfach gesalzen,
brennt meiner augen kraft und tugend aus.
(burn out the sense and virtue of mine eye) Shakespeare 3 (1798) 304.


im engeren sinne das kräftigsein, die fähigkeit zum kampf, häufig die bedeutung 'tapferkeit' mit umschlieszend:

ich weiz ir zwêne, und ouch niht mê (Gawein u. Iwein)
an den sô volleclichen stê
diu tugent und diu manheit,
die sich sô starke arbeit
durch mich armen næmen an
(gegen dreie zu kämpfen; vgl. 4107)
der ietweder sô vrum sî
daz er ein væhte wider drî
Hartmann v. Aue Iwein 4089 B.

ich suoche den künec Artûs
und vinde ouch kempfen dâ ze hûs
der mich vor dîner hôchvart
durch sîn selbes tugent bewart ebda 5662;

sublicio, der seiner stärck und tugendt noch keine prob gethan hatte buch d. liebe (1587) 121c;

die weiber (bei d. verteidigung d. stadt) durch ir tuegent
manneskleider andruegent:
schwert, mentel, huet und hosen
Hans Sachs 22, 189 lit. ver.;

jetzt ewer keiner von mir weich,
erzeigend ewer kühne tugent,
gedencket ewer stärck vnd jugent
Spreng Ilias (1610) 98a;

die zeiten des faustrechts in Deutschland ..., worin unsere nation das gröszte gefühl der ehre, die mehrste körperliche tugend und eine eigne nationalgrösze gezeiget hat J. Möser s. w. (1842) 1, 395; von der kraft des widerstandes, des ausharrens: gott (wird) dir doch tucht und tugend geben, dasz du die durächtung des lychnams mannlich tragen wirst H. Zwingli dt. schr. (1828) 1, 341.
b) das in kraft verrichtete, die kühne tat, handlung, der kampf; mehrfach in der verbindung tugenden tun:

woldet ir eine wîle gerûn
unze ih eine tugent mohte getûn:
an einen kuninc wil ih is beginnen,
und mach ich den verwinnen
und ih ime di crônen abe gezîhen
und ûz den velde getûn flîhen
pfaffe Lamprecht Alexander v. 439 Kinzel;

man mac an den vîanden
nemen gût bilide,
dâ iz gêt an di tuginde (in den kampf) ebda v. 2492;

vor ir gesidele stuondendie wætlîchen man.
die manige zuht kundenund heten vil getân
in ir tagen tugendein manegem strîte schône
daz lobet man an den helden Kudrun 342, 3 Symons;

die dutsch geslachten helde,
so nie die werlt irwelde
degen also notveste ...
die zeigent dan ir leste tugent
mit degentlicher heldes mugent
und rechten sige mit gewalt
Heinrich v. Hesler apokal. 19 007 H.;

[Bd. 22, Sp. 1566]


als nun keyser Heinrich ... seine newe edelleut vermanet, sie solten jren adel thun bedencken, und beweisen mit adelichen thaten und tugenden, rückte er mit dem hauffen stracks über die Elbe Entzelt altmärk. chron. (1579) 123 Bohm;

Machabeus der sterckest man
der hat sein tag grosz tugent gtan.
umb er nit folget Jorams rot,
ward er schantlich erschlagen dot
Gengenbach 5 Goedeke;

(Petralto:) meine tugenden und ritterlichen thaten, die das alter gemachsam in mir vertunckelt und zu grabe träget, stehen von neuen wiederumb in meinem Floretto auf Schoch com. v. stud. leben (1657) M 5a.
c) in analogie der göttlichen wunder vereinzelt in übersetzungstexten (s. oben A 2) auch von den in göttlicher vollmacht gewirkten menschlichen wunderthaten (δυνάμεις, virtutes): manige sprechin z mir in jenen tagen: herre, herre! wi wîssagiten wir nicht in dîme namen und worfin ûz di tûfele in dîme namen? und habin vile tuginde getân in dîme namen (virtutes multas fecimus δυνάμεις πολλὰς ἐποιήσαμεν) Matth. v. Beheim ev. Matth. 7, 22; in der 1. dt. bibel: manige krefte; Luther viel thaten; Zürcher bibel: vil krefftiger thaten;

wann sy tugent in Maylann
mit zaichenn hetten vil getann märterbuch 9463 Gierach;

dem andern (wird gegeben) die wirckung der tugent, dem andern die weyssagung (operatio virtutum ἐνεργήματα δυνάμεων 1. Kor. 12, 10) 1. dt. bibel 2, 92; den dritten vbung der tungent (1. Kor. 12, 10) Hier. Gebweiler beschirmg. d. lobs Marie (1523) 15b.
d) 'lebenskraft' in verbindung mit einer zeitlichen vorstellung, die kraft des erwachsenen, lebensvollen alters, im gegensatz zu jugend und alter, meist aber allgemeiner als 'jugendliche kraft' im gegensatz zur schwindenden kraft des alters, 'fülle der jugendkraft'; im mhd. oft in verbindung mit jugent, was zur besonderen kennzeichnung der höfischen tugent gehört (im gegensatz zur späteren ethischen auffassung, die die tugend dem alter zuweist, s. unten III B 6). wie Erec 5901 zeigt, nicht nur vom mann gesagt: tum ego: scis, inquam, minimum i. nihil nobis dominatam fuisse ambitionem mortalium rerum tu weist wola, chad ih, to mir nio neheina werltkireda analigen. sed optavimus materiam gerendis rebus quo ne virtus tacita consenesceret nube mih lusta stato taz zegetuonne, dar min tuged anaskine, unde si ungewahtlicho neeralteti Notker 1, 109, 25 P.;

swenne der mennische wirt alt,
aller sîn lîp ist im chalt,
ze den chreften ime gebristet,
alliu sîn tugent erlischet,
daz alter in begrîfet,
diu jugent dannân slîfet himml. Jerusalem 80 Waag;

ie baz unde baz
steih ther herre ze tugente,
vone kintheit ce jugente,
vone there jugent in thaz alter
Pfaffe Konrad Rolandslied 25 Bartsch;

lât er (gott) mich trûren in der jugent,
und sô ich in mîner besten tugent
mit unfröuden alte,
und er mir behalte
mîn fröude unz ich ir wol enbir,
daz ich irn touc noch sî mir,
nû waz sol sî mir danne? (Hartmann v. Aue) büchlein 598;

ich gezim dir wol ze wîbe.
ich hân ez noch an dem lîbe,
beide schoene unde jugent.
ich bin an der besten tugent. ders. Erec 5901 H.;

sîn dürrez alter hât gelôst
von sîme herzen blüende jugent.
er ist an kreften und an tugent
verweiset und verarmet
Konrad v. Würzburg d. trojan. krieg 10371 Keller;

ern (Hector) hete niht an krefte
und an jâren noch die tugent,
daz er dâ strite in blüender jugent
vur alsô manigen hôhen man ebda 3571;

[Bd. 22, Sp. 1567]


(d. Inder) brennent sich dur das (um in das neue leben zu
indem fúre, das in bas gelangen)
nac ir alter núw jugend
kome mit ufgernder tugend;
und tdent sich durh solhe sitte,
das si gejunget werden mitte
in widir núwir kraft irkant
Rudolf v. Ems weltchron. 1543 Ehr.;

von den jâren manicvalt
ist er alsus worden alt,
in hânt die tugende gar verlân Laubacher Barlaam 1498 P.;

man lobt mich ser in miner jugent,
do ich was in miner besten tugent;
nu bin ich alt, und ist da hin
min lop, min ere
U. Boner d. edelstein 31, 32 Pf.;

eiâ, junger süezer künic,
des jugent mit zühten ie was frümic,
dîn tugende wâren ninder murc,
des wirdest du manegen ougen kurc
Ulrich v. Eschenbach Alexander 6393 Toischer;

ir wort, gepärringt mir die swär,
wenn ich das aigenlich beschau,
darzue ir jugent,freuntlich tugent
mit schallen, schimpfenpringt gelimpfen
des freu dich, allerliebste frau!
Oswald v. Wolkenstein 70, 14 Schatz;

wo ist Salomon, der weise, blieben?
ist er durch den tod nicht aufgerieben?
was sol die jugendt,
vnd der zarten jahre frische tugendt?
S. Dach 109 Österley.


vereinzelt vom tier: vil (elephanten) sollen bitz in zweyhundert jar leben, etliche dreyhundert. ir tugent fahet sich an im sechtzigsten jar Eppendorf Plinius (1543) 46 (iuventa corum a sexagesimo incipit, lib. VIII 28).
e) mannesalter, d. h. alter der kraft und fähigkeit, im gegensatz zu kindheit und alter; aus dem vorigen durch stärkere hervorhebung des zeitlichen nebensinnes. vereinzelt im älteren deutsch. nie verselbständigt sich die zeitliche bedeutung so weit, dasz der zusammenhang mit 'kraft' verloren ginge; es ist die zeit des kräftig seins. auch im ags. vorhanden; die von Bopp, gesch. d. wortes tugend, diss. Heidelberg (1932) 4ff., versuchte herleitung aus einem vorchristlichen, vor allem im ags. herrschenden gebrauch übersieht die verbindung mit 'kraft' und isoliert die zeitliche bedeutung stärker als es möglich ist: diu friu diu pizeichinet die chindiska, der mitti morgen die iugent, der mitte tac die tugent, daz ist diu metilscaft des menniskinen alteris, in demo er aller starchist ist Wiener Notker 170, 47 bei Steinmeyer kl. ahd. sprachdkm.; vgl. auch 170, 50; der in dera chindiska nieth pidenchan niwella sina heila, der pidenche sia doh in dera jungende odar in dere tugende odar in demo altere oder doh ana demo enti ebda 170, 52;

sin lip was aller wol gestalt.
ern was weder ze junc noch z'alt,
wan in der aller besten tugent,
da daz alter und diu jugent
dem lebene gebent die besten kraft
Gottfried v. Straszburg Tristan 4041 R.


f) im deutschen vereinzelt (Ludwigslied) ist tugend als 'mannschaft', 'gefolge'. das ags. hat diese anwendung reich ausgebildet, vgl. Bosworth-Toller 217b; Grein-Köhler 131f. die früheste bezeugung wäre, wenn die lesung sicher stände, auf dem runenstäbchen von Britsum (friesisch, wahrscheinlich 6. oder 7. jh.). nach v. Grienberger ist dud ... n zu duðman < duguðman 'gefolgsmann' zu ergänzen; Arntz-Zeiss die einheimischen runendenkmäler des festlandes (1939) 154 ff. deuten dūð als duguþ 'kraft', s. 162f. im Beowulf begegnet duguþ neben geoguð zur bezeichnung der angesehenen edlen krieger gegenüber den knappen. es scheint, dasz bei duguþ der ton stärker auf dem 'adel' (nobilitas) als auf der 'waffenfähigkeit' (im gegensatz zum noch nicht erwachsenen knappen) gelegen hat. auch die stelle im Ludwigslied weist mit dem nebengeordneten fronisc githigini in diese richtung (Annolied 520, worauf Kögel, gesch. d. dtsch. lit. 1, 2, 90 in diesem zusammenhang verweist, ist auf die engel zu beziehen):

[Bd. 22, Sp. 1568]


gab her (gott) imo (könig Ludwig) dugidi, fronisc githigini,
stuol hier in Vrankon.so bruche her es lango Ludwigslied 5 in:
Steinmeyer kl. ahd. dkm. 85;


2) im engeren sinne 'geistige kraft, fähigkeit', auch im ethischen sinne; ferner die in geistigen äuszerungen des menschen (z. b. dem glauben, den worten) ruhende kraft; die abgrenzung von tugend als 'tüchtigkeit', 'wert', 'auszeichnende eigenschaft' (s. unter II B 5 und 6) ist nicht immer sicher: nunc iacet effeto lumine mentis. taz wissa er al, nu ist er wizzelos, nu ist er aneworten des muotes tugede Notker 1, 15, 14 P.; von dem selben obze dageseit do der valant unsern altvordern so grozze craft unde so grozze tugende von, uns daz si daz leider wider dem gotes gebot gazzen (12. jh.) Schönbach altdt. pred. 3, 5, 14;

swer elliu dinc weiz ê si geschehen,
dem herren sol man tugende jehen
Freidank 74, 16 Grimm;

sant Augustinus sprichet unde mit ime ein heidenischer meister von zwein antlützen der sêlen. daz ein ist gekêret in dise welt unde zuo dem lîbe, in dem würket si tugent unde kunst (vermögen und können). daz ander antlütze ist gekêret gerihte in got, in dem ist âne underlâz götlich lieht meister Eckhart 110, 21 Pf.; sant Paulus sprichet, das die tugent werden volbrachte in krankeit ders. buch d. göttl. tröstg. 16, 26 Strauch (2. Cor. 12, 9: virtus; in infirmitate perficitur, Luther: meine krafft ist in den schwachen mechtig.) reychet ... ewrem glawben tugent, das ist, lasset ewren glauben herfur brechen fur den leutten, das er diensthafftig, schefftig, krefftig und thettig sey und viel werck thu, nicht faul und unfruchtbar bleybe Luther 14, 19 W.; Stephanus voll glawbens unnd tugent, das tugent alhie heysse thettickeyt odder thatt, als solt er (S. Lucas) sagen: er hatte eynen grossen glawben, drumb thett er auch viel und ware mechtig ynn der tadt (πλήρης πίστεως καὶ δυνάμεως) ders. 10, 1, 1, 269; den der glaube ist das heubt undt die werck sollen hernach folgen, aber man mus ihnen nicht die thugendt undt krafft, die sonst dem glauben geburett, zueignen ders. 33, 89; der apostel s. Paulus ... preisset sie (d. liebe) mit gantzer gewalt, mit vielen worten ..., da er jr güte und tugent nacheinander zelet ders. 36, 422; ich hoff, mir werd nymands, der mit tugenden vnnd verstand begabt ist (kein verständiger), zu argem auszlegen, dasz ich das ... an das liecht kommen lasz A. Dürer 4 bücher v. menschl. proport. (1520) A 2a; wiewol auch also der frey will der dingen einer dem andern schadt: denn nichts ist ohne freund, nichts ist ohne feind: so schwebt der frey will allein in der tugendt, unnd der freund oder feind in den wercken Paracelsus bücher u. schr. 8 (1590) 6 Huser; homo novus einer, der von seinen eigenen tugenden ist berühmbt worden Golius onomasticon (1588) 118; (es ist durch die erfindung des schieszpulvers) nun dahin gekommen, dasz bey ietzigen zeiten alle macht desz fuszvolcks, alle krafft der reuterey, ja aller muth und tugend des menschen musz zu boden ligen vnd verachtet werden Moscherosch gesichte 2 (1666) 801; die andere (weltzeit) wird die gezeit der tugend oder tapferkeit geheiszen, darinnen die menschen fürnemlich die stärcke der tugend oder die tapferkeit des gemüts und hertzens in den groszen kriegen geeuszert und bezeiget haben Franckenberg gemma magica (1688) 131; der reine verstand kann überall nur verstand seyn, von welchen sinnlichkeiten er auch abgezogen worden; die energie des herzens wird überall dieselbe tüchtigkeit d. i. tugend seyn, an welchen gegenständen sie sich auch geübet habe Herder 13, 20 S.; gebe dir gott (Zelter) wenig gelehrige schüler, damit doch etwas von deinen tugenden auf der erde bleiben möge Göthe IV 27, 120 W.; (die darstellerin d. Neoterpe hat) in diesen tagen glücklicherweise eine Aristeia (d. h. verdolmetscht: eine vollkommen darstellende erscheinung ihrer inwohnenden kräfte und tugenden) gehabt ebda 31, 59;

(Laertes zu Ophelia) er liebt euch jetzt vielleicht;
kein arg und kein betrug befleckt bis jetzt
die tugend seines willens (the virtue of his will) Shakespeare 3 (1798) 164;

[Bd. 22, Sp. 1569]


(es) wird die künstlerische tugend (virtù, wie ja auch die Italiäner eine vollendete kunstfertigkeit nennen) darin bestehen, dasz sich der künstler, den gesetzen des schönen und der darstellung zu lieb, seiner individualität zu entäuszern weisz, dasz er sich seinem werke gleichsam unterwirft A. W. Schlegel vorlesg. 1, 106 lit. denkm.; (eine grosze Pallas unter den antiken) ist ein vollkommenes bild weiser tapferkeit, und mir däucht, der natürlichste und erste gedanke, den man bei ihrem anblicke haben könnte, wäre die bemerkung, dasz doch alle tugend eigentlich nur tüchtigkeit sei. tüchtig ist das, was zugleich nachdruck und geschick hat, was zermalmende kraft mit klarer stiller einsicht verbindet Fr. Schlegel üb. d. philos. in: Athenäum 2 (1799) 23.
D. die kraft, das vermögen geistiger gegebenheiten, vor allem in religiösem umkreis, kraft der sakramente, gebete, der schrift; ob nur zufällig aus der reformationszeit, ist nicht auszumachen: dasselb himelprot hat krafft vnnd tugent, daz darein aller menschen geist mögen williklich kommen Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 486, Reithm.; wer empfehet hie die vergebung der sunden, vnd den heiligen geist, vnd andere tugend der tauffe? Luther 38, 200, 27 W.; der psalter hat fur andern büchern der h. schrifft die tugent an sich, das er nicht alleine allerley gutts leret vnd exempel fur legt, sondern auch auffs aller feynest ... zeygt ... wie man gottes gepot solle halten ders. in: dt. bibel 7, 330 B.; weytter haben sie nu eyne mesz besser gemacht denn die ander, eyne hie tzu, die ander datzu nützlich geschetzt ... des heyligen creutzs mesz hatt eyn andere tugent ubirkommen, dann unser frawen mesz ders. 6, 375, 15 W.; ist disz nicht ein ... mirackel, die krafft unnd tugend dieser newen religion ... zuerweisen Fischart binenkorb (1588) 23b; da gesagt wirdt ... das die bepstlich beicht ... hab die grosz tugent vnnd auszwirckung, ausz sacramentalicher krafft, das der do beichtet aus rewe ... enpfa von disem heiligen sacrament ein volkomene ... rewe Jac. Strausz beychtpüchlin (1523) C 2a; sie (gewisse gebete) von groszen tugenden sein Stainhöwel decamerone 60 Keller; ich glaube die tugendt der heyligen vers, so wir stets biszher gelernet, haben vnser gemüt mit newen fewer (der liebe) entzündet buch d. liebe (1587) 124d.
E. kraft, fähigkeit des tieres. weniger deutlich als beim menschen von tugend als 'auszeichnende eigenschaft' (II D) zu trennen:

ir (d. kaiser) tragt zwei keisers ellen,
des aren tugent, des lewen kraft:
die sint des hêrren zeichen an dem schilte,
die zwêne hergesellen:
wan woltens an die heidenschaft!
widerstüende ir manheit und ir milte?
Walther v. d. Vogelweide 12, 25 Kr.;

sîn vîgent im keim êre tuot.
als eim löwen (der was alt,
an tugenden und an kreften kalt)
von sînen vîgenden beschach
U. Boner d. edelstein 19, 12 Pf.;

(ein kater spricht:)
ich han me tugent eine
dan allez daz gemeine
da von du ie gehortes sagen mhd. erz. 3, 145 Rosenhagen;

(Eule zum habicht:)
kein vogel darf die sinen (schnabel u. klauen)
nimmer zu dir gelichen;
sie muzen dir alle entwichen
an frumekeit und an tugent ebda 3, 168;

odora canum uis gerüchig, gespürig, die krafft vnd tugend ze schmöcken, so die hünd habend Frisius dict. (1556) 909b; sampt annderen mancherley unnd selzamen fischen, deren gestalt, grösz unnd tugent ich dismal nicht beschreiben khan U. Schmidel reise 25 lit. ver.;

als der adler so hoch geacht
von wegen seiner sterck vnd macht,
auch seiner tugend mancherley
Spangenberg ausgew. dicht. 11 Martin;

[Bd. 22, Sp. 1570]


denn wenn er den thieren die erkenntlichkeit und andere dergleichen tugenden beyleget Leibniz dt. schr. (1838) 2, 335. vgl. noch: der helfant ist der tugendt vnd krafft seiner hornen ... vol bewüszt Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 78.
F. kosmische kräfte. ausgeprägt ist die vorstellung der tugenden von naturdingen (pflanzen, steinen, elementen usw.) als der ihnen innewohnenden kosmischen kräfte und mächte. darin setzt sich die antike lehre fort, die die δυνάμεις auch der welt und ihren elementen zuerkennt, die von auszerirdischen kräften bewegt sind (belege für die kosmische δύναμις - auffassung in griechentum und hellenismus bei Kittel wb. z. neuen testam. unter δύναμις 2, 287, 288ff.). seit dem mhd.; besonders in der naturphilo sophisch-medizinischen frühnhd. literatur; heute ungeläufig, nur noch gelegentlich in anlehnung an älteren sprachgebrauch:
von steinen:

doch hân ich her von kindes jugent
alsô gelebet, daz ich die tugent
vernam von steine nie sô rîch,
im wart nie steines kraft gelîch
Rudolf v. Ems Barlaam 39, 2 Pfeiffer;

sô grôziu tugent an im (dem stein) was,
daz deheiner slahte man,
der ie deheinen valsch gewan,
die hant niht mohte gelâzen dran
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 1485 Pf.;

des smaragdes tugent ist sô starc, ...
swer siech ist an den ougen,
strîchet er den smaragdes dar,
einweder er erblindet gar,
oder er muoz immer siech sîn
Stricker kl. ged. 11, 199 Hahn;

darumb musz er (der eckstein Christus) uns kostlich seyn, also, das er uns viel kostlicher gter gibt, wie eyn kostlich edel gesteyn, der seyn tugent nicht bey yhm behelt, sondern bricht herausz und gibt alle seyne krafft von sich, das ich also alles habe, was er ist Luther 12, 313, 33 W.; als die edlen saphir, crisoliten, smaragt vnnd annder edel gestain, die wir edel haissen vnd lieb haben von tuget wegen vnd gtter aigenschafft, die sy von got haben für ander vnedel stain Keisersberg granatapfel (1510) C 3a; von den topas schreiben die naturkündiger, dasz die tugend desselben mit dem mondschein ab- vnd zuneme Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, F 1a; die indischen diamanten machet nur die einbildung schöner als der Deutschen agstein ist, da ... jener den ziehenden magnet zu entkräfften, sonst aber so wenig tugend als ein gemeiner kieselstein an sich hat Lohenstein Arminius (1689) 2, 267b; bei Göthe wohl anlehnung an älteren sprachgebrauch: denn diese geheime anziehungskraft (des magneten) ... diese geheimniszvolle tugend hatte mich dergestalt zur bewunderung hingerissen Göthe I 26, 187 W.
von kräutern, pflanzen, früchten; oft gleich 'heilkraft':

der tatelkerne hat die art, dasz er sibenzik jar lit in der erden ane tugende,
dar nach schiuzet sin schüzzelink uz der erden unde wæhset drizik jar in bluejender jugende minnesinger 3, 105b v. d. Hagen;

als ein edel saphîr, der ist einem vil lieber dann hundert kiselinge; als ist ein edeliu wurze von ir tugende vil werder unde lieber danne ander untugenthafter wurze ein fuoder Berthold v. Regensburg 1, 98, 8 Pf.; myrrha hat die tugend und krafft, das sie die todten leichnam nicht hat verfaulen ... lassen Luther 28, 423, 23 W.;

o der frucht gleich ist nit im garten
von farben, süszem schmack und safft,
von inwendiger thugent krafft
Hans Sachs 1, 36 Keller;

ein verborgne zufällige krafft, als S. Johannes kraut, ist sein erste tugend, dasz es die würm vertreibt, das ist relollium Martin Ruland lex. alchem. (1612) 403; es ist aber der mühe wohl wert, dasz man die wurtzel mit solcher gefahr gewinnet, von wegen einer sonderlichen

[Bd. 22, Sp. 1571]


tugend, die sie an sich hat J. Prätorius saturnalia (1663) 157;

deine (des knastertobaks) tugend heilet,
deine macht ertheilet
und gebiehrt die ruh
J. Chr. Günther s. w. 1, 296 Krämer;

(ich) fand die gestalt, tugend und nutzbarkeit eines gewissen wundkrautes ... beschrieben Schnabel insel Felsenburg 178 lit. denkm.; der cedersaft hat eine erhaltende kraft, weil die schaben und motten dasjenige nicht fressen, was damit gerieben worden. und die schachteln von cypressenholz haben eben die tugend an sich J. Gottsched crit. dichtkunst (1751) 50 anm.

die tugenden der kräuter, in düften ausgegossen,
verflossen in den lüften, von menschen ungenossen
Dusch verm. w. (1754) 12;

er kannte ... eine menge von bäumen, stauden, kräutern, gräsern und moosen; nicht etwa blosz nach ihrer gestalt und nach ihrem nahmen ... er kannte auch ihre eigenschaften, kräfte und tugenden Wieland s. w. 19 (1794) 28; durch die tugend des wermuths (der auf eine verletzung gelegt wird) erlangte ich sogleich meine verlornen kräfte wieder Göthe I 43, 103 W.vgl. noch übertragung der tugend des menschen auf den wein:

er sprach 'wîn, mirst dîn tugent kunt
ich erkenne wol dîne craft,
dîne kunst und dîne meisterschaft ...
du kanst die durstigen laben,
du machest die siechen gesunt weinschwelg 116 Schr.


im anschlusz daran, namentlich im frühnhd., tugend als kraft und vermögen der medizinischen destillate und präparate: alle erczney ir tugent verloren hat Stainhöwel decamerone 3, 29 Keller; welcher name geordnet sint zefinden nach dem a-b-c. vnd ir virtutes, krafft vnd tugent eins jeden geschlechts gesetzt auch nach dem a. b. c. H. Braunschweig kunst zu distilieren (1500) 15a;

die salb, die nebens by im stat,
grosze krafft vnd tugent hat,
das sy alle kranckheit heilt
Murner narrenbeschwörung 177 ndr.;

wie ein artzt zusammen setzt ein compositum mit viel tugenden Paracelsus bücher u. schr. 8 (1590) 3 Huser; sölches bulver hat ein tugend welche vftröcknet Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 78a; lasz ettliche tröpfflin in die augen fallen, so würst du sein (der arznei) tugend erfahren in stärckung des gesichts vnd vertreibung der flüsz Gäbelkover artzneyb. (1595) 1, 111; darnach sollen dessen gestalt, farbe, schwere ... samt deme verborgenen artzneyischen tugenden erforschet werden Frankenberg gemma magica (1688) 127; diese latwerg ist hitziger und scharffer tugend, stärcket das haupt, hertz und magen Hohberg georg. cur. 3 (1715) 151b; sie waren sogar manchmal bei dem groszen behältnisse der arzeneien gestanden und hatten gefragt, was dieses und jenes sei, wie es zusammenhänge, was es wirke und welche tugenden in ihm eingeschlossen seien A. Stifter s. w. 2 (1908) 285. vgl. noch: das bier hatte über seine hefftige stärcke auch die tugend, dasz es über die masse laxirte Riemer polit. maulaffe (1679) 158.
von wasser und quellen (heilquellen); in besonderer verwendung vom 'jungbrunnen':

ein brunne springet drunder,
der ist sô wunderlîcher tugent
daz ir ez kûme gelouben mugent
Konr. Fleck Flore 4463 S.;

wirtstu allt drei tusent iar,
vnd kemst in disen brunnen har,
so hat der brun (jungbrunnen) ein solche dugendt,
das er dir wider gibt die iugent
Murner badenfahrt 29 Martin;

diese bäder ... haben ein schön klar und lieblich wasser, aber geringer wärme und tugent J. J. Grasser schatzkammer (1610) 133; da er des brunwassers ... gebrauchete, vermerckete er ... dessen wirckung vnd tugend J. Micraelius altes Pommerland (1640) 4, 58;

[Bd. 22, Sp. 1572]


daher hat dise tugendt
und krafft disz badt (Baden bei Wien) erlangt,
das alter und die jugent
es stercket unverlangt
Zinkgref auserl. ged. 18 ndr.;

da (im feenland) sprudelt im dunkel ...
ein quell, dessen tugend
die blume der jugend
und schönheit erneut
Matthison ged. 1, 152 Rölsing;

hier (an der quelle) trinkt das reh, und tanzt verjüngt;
der hirsch auch, nimmer alt;
hier trinkt die nachtigall und singet
voll lieb im grünen wald.
jezt trinken wir uns lieb' und jugend,
und preisen hoch des quelles tugend,
dasz thal und hügel hallt
J. H. Voss s. ged. (1802) 4, 231;

nach tische zeigte uns der freundliche herr kollege (d. badearzt) die badeeinrichtungen und belehrte uns über die tugenden der Gasteiner thermen A. Kuszmaul jugenderinng. (1899) 337.
allgemein, 'wirkende kraft', besonders die in der erde und ihren elementen wirkende kosmische kraft:

ir wizt wol, swaz geteilet wirt,
und sô kleine gestuct,
dem wirt genomen und gezuct
sîn tugent und sîn kraft,
dâmit ez ist behaft,
die wîl ez âne schranz
ist bî einander ganz
Ottokar reimchron. 17043;

vnd ob schon der teuffel ... den samen vberkompt vnd behalten mag, so mag doch allein ausz derselbigen eingieszung ohn andere kräfft vnd tugend ... nichts lebendigs ... geboren werden J. Ruff hebammenb. (1580) 149; (arcanum) est enim virtus cuiusque rei, quae millesies plus operatur, quam res ipsa ... das ist eins ieden dings tugend. mit tausentfältiger besserung M. Ruland lex. alchem. (1612) 52; ceratio, ist ein subtilierung, oder subtilmachung der theilen, auff dasz jhr tugendt unnd krafft auszgegossen vnnd zerspreitet werde in die cörper ebda 138; sonderlich im april und majo, da die austreibende tugend der erden (bei den reben) am kräfftigsten ist Hohberg georg. cur. (1682) 1, 344b; dasz das element der erden, als eine mit lebhaffter krafft wohl versehene aufbehaltung aller gewächsen, kräuter, ... gestirne, so ihr in der schöpffung von gott zuerst einverleibet, hege, zur bestimmten zeit erwekke u. zur reife befördere, auch endlich denen auszgedienten saamlichen tugenden wiederumb ihre behausung abgebe A. v. Franckenberg gemma magica (1688) 29; innere tugenden und heilkräfte der zahlen, gewächse und aller kreaturen Novalis schr. 1, 117 Kluckhohn; vgl. 's jahr hat heuer die tugent net zu 'me rechten frost Fischer schwäb. 2, 445.
zauberische, mantische kräfte der dinge, ursprünglich in einem zusammenhang mit den kosmischen kräften:

hie verlos ouch diu schelle van
al ir reht und al ir craft:
sin was nie mere luthaft
reht in ir tugende als e.
man saget, daz si niemer me
erlaschte noch zestorte,
swie vil man si gehorte,
dekeines herzen swære
Gottfried v. Straszburg Tristan 16393 R.

... ayn edel stain,
des art, des tunget was so chlug,
wer in an der hende trg,
daz den macht nme an gesehen
Suchenwirt 25, 163 Primisser;

du hast mich recht beschaiden.
grön (die farbe) lasz mich ir nymmer laiden,
seid grön hatt sovil tugent.
ich waisz nit recht ir vermügent
und auch der varb gantze crafft;
pfligt grön sovil maisterschafft,
so hab ichs lieber vil dann vor liederb. d. Hätzlerin 168 Haltaus;

das tch hat die tugend, wo er hin gedacht in die werlt, do was er sazehant gesta Rom. 53 Keller; dann durch die kunst chiromantiam, physionomiam und magiam ist

[Bd. 22, Sp. 1573]


müglich, eines jeden krauts und wurtzeln eygenschaft und tugendt zu erkennen, an seinen signatis, an seiner gestalt, form und farben Paracelsus bücher u. schr. (1589) 9, 383; Vulcanus wird ... dessen (des schwertes) tugenden dahin richten, dasz mein held, ... wenn er nur einen streich damit in die lufft thut, einer gantzen Armada ... auff einmal die köpf herunder hauen kan Grimmelshausen Simpl. 211 Scholte; dasz dieser trutenfusz nicht solte treffliche tugenden an sich haben Prätorius blockesberges verr. (1668) 439; (Jupiter) hat ... eines von der ziege (Amalthea) hörnern genommen, u. ihm diese krafft u. tugend gegeben, das alles, was man wünschte, in dieses horn kehme Butschky Pathmos (1677) 677;

des ringes werk ist diesz. so lang' ihn der beschützt,
kann ihm am leben nichts geschehen.
ihr glaubt nicht, was der ring für tugenden besitzt!
Wieland s. w. 22 (1796) 109;

nicht allein, dasz er (der topf der schönen Lau) durch seine kraft und hohe tugend die übeln händel allezeit in einer kürze dämpfte Mörike ges. schr. 2, 130 Göschen.
II. 'vortrefflichkeit, wert, auszeichnung', virtus. das, was einen menschen oder ein ding zu dem macht, was es im letzten sein soll und will; das gegenteil zum herkömmlichen, zum unwert. im gegensatz zu 'kraft, macht' (I) mehr zustand, eigenschaft des seins als des vermögens, handelns.
aufs ganze gesehen jünger als die bedeutung 'kraft'; zuerst ausgebildet und zu einer einmaligen, eigenartigen form entwickelt im höfischen rittertum. der nhd. gebrauch ist zum teil fortsetzung der höfischen tugend und daneben säkularisation der sittlichen tugend (s. unten B 4).
A. höfische tugend. aus innerer kraft geformtes inneres u. äuszeres tüchtigsein der höfischen gesellschaft. eine haltung, die êre ist und êre und lop erwirbt, die tiuret; sie ist der art verhaftet und so ausdruck und zeichen adeliger herkunft; sie begründet werdekeit, güete, volkomenheit. die aristokratische prägung zeigt sich darin, dasz tugent herkunft, reichtum, gesellschaftliches benehmen (zuht), schönheit und jugend einschlieszt. in der klassischen zeit des rittertums ist tugent gradualistisch empfunden, indem sie gleicherweise das verhalten in der welt und vor gott bedeutet, natur und übernatur zusammenfaszt und die drei wertgebiete des utile, honestum und summum bonum verbindet.
in der höfischen tugend ist neben der im wesentlichen durch die biblischen schriften vermittelten kraftvorstellung (δύναμις unter I) der antik-stoische virtus-begriff wirksam, wie er dem mittelalter durch Cicero vermittelt wurde. tugent ist das honestum der moralis philosophia und begreift, wenigstens in ihrer volleren ausprägung etwa bei Hartmann v. Aue, auch das utile (werltlich guot) mit ein (vgl. dazu G. Ehrismann die grundlagen d. ritterl. tugendsystems zs. f. dt. a. 56, 150 f., 159f., 189; gesch. d. dt. lit. 2, 2, 1, bes. s. 19ff., 156ff., 312ff.; Schwietering dt. dichtg. d. mittelalt. 151, 276 ff. die höfische ethik sucht zum zweitenmal eine auseinandersetzung mit der antiken tugendlehre, nachdem sie bei Notker zum erstenmal geschehen war, s. unter III B. daran wird mantrotz der in manchem berechtigten kritik von E. R. Curtius an Ehrismann — festhalten dürfen; vgl. zu diesen auseinandersetzungen E. R. Curtius d. ritterl. tugendsystem, dt. viertelj.-schr. f. lit. u. geistesgesch. 21 (1943) 343ff. (jetzt in: europ. lit. u. latein. mittelalt. Bern 1947) und F. W. Wentzlaff-Eggebert, F. Maurer, H. Naumann dt. viertelj.-schr. 23 (1949) 252 ff.
1) höfische tugend als gesamtverhalten. sie stellt ein eigenartiges wertgefüge dar, in dem die höfische lebensverfassung ihren besonderen ausdruck gefunden hat; weltläufiges und religiöses (ethisches) vortrefflichsein sind in ihr verbunden, erst durch die äuszeren umstände werden einzelne seiten deutlicher sichtbar (s. unter 2). wo tugent neben anderen höfischen werten erscheint (güete, êre, zuht, rehter muot; geburt, rîcheit, schœne, jugent, vgl. Iwein 340, 1926, 2423, 3517, arm. Heinr. 40), scheint sie die vorher und nachher genannten 'tugenden' als tugent zusammenzufassen (vgl. bes. Iwein 2090). mit tugent in diesem sinn stimmt

[Bd. 22, Sp. 1574]


weitgehend überein moraliteit bei Gottfr. v. Straszburg (vgl. Tristan 8004ff: ir lere hat gemeine mit der werlde und mit gote).
zwischen den einzelnen denkmälern gibt es unterschiede; den eigentlich klassischen fall stellt Hartmann dar. Wolfram v. Eschenbach ist religiöser (vgl. wîse im umkreis von tugent). der minnesang betont die strahlende seelen- u. leibesvollkommenheit der frau: ein ineinander von gebärde, schönheit, frohsein und ehre. Walther löst sich bereits aus diesem zusammenhang, seine tugent schlieszt den äuszeren anstand nicht mehr ein (vgl. inner tugend), das Nibelungenlied meint stärker die gesinnung. Konrad v. Würzburg u. Rudolf v. Ems zeigen noch höfische auffassung. später begegnet tugent nur noch vereinzelt höfisch. Joh. Rothe scheidet togent des libes und togent der sele:

alsô gieng der bischof Anno
vure gode unti vure mannen:
in der phelinzin sîn tugint sülich was,
daz un daz rîch al untersaz Annolied 591 Roediger;

ci diu, daz diu stat (Köln) desti hêror diuhte,
wandi si ein sô wîse hêrduom (herrscher) irliuhte,
unte diu sîn (bischof Annos) dugint desti pertir wêri,
daz her einir sô hêrin stedi plegi ebda 117;

und bin sô komen zô mînen tagen,
daz ih wol wâfen mac tragen.
swer diheine tugent sol gwinnen,
der sal is in sîner juginde beginnen
Lamprecht (Straszburger) Alexander 414 Kinzel;

von du mahtîr mit êren
mir erlouben mînes hêrren bodescap,
wande er weiz aller tugende kracht könig Rother 305 v. B.;

nû habent ir schœne unde jugent,
geburt rîcheit unde tugent,
und mügt ein alsô biderben man
wol gwinnen, obes iu got gan Iwein 1926;

mir hât getroumet michel tugent:
ich hete geburt unde jugent,
ich was schœne unde rîch
und diseme lîbe vil unglîch,
ich was hövesch unde wîs
und hân vil manegen herten prîs
ze rîterschefte bejagt ebda 3517;

vrou Laudîne hiez sîn wîp.
sî kund im leben unde lîp
wol gelieben mit ir tugent.
dâ was diu burt und diu jugent,
schœne unde rîcheit ebda 2423;

an swen got hât geleit
triuwe und andern guoten sin,
volle tugent, als an in,
und den eins guoten wîbes wert ebda 2428;

er hât ze sînen handen
geburt unde rîcheit;
ouch was sîn tugent vil breit.
swie ganz sîn habe wære,
sîn geburt unwandelbære
und wol den fürsten gelîch:
doch was er unnâch alsô rîch
der geburt und des guotes
so der êren und des muotes
Hartmann v. Aue armer Heinrich 40 G.;

ezn schirmet geburt noch guot,
schœne, sterke, hôher muot,
ezn frumet tugent noch êre
für den tôt niht mêre
dan ungeburt und untugent ebda 719 G.;

ouwê mir armen wîbe!
jâ engeschach mînem lîbe
nie deheiner slahte guot
unde ouch niemer getuot,
niuwan von sîn eines tugent ders. Gregorius 2421 P.;

sîn lîp was tugende ein bernde rîs.
der helt was küene unde wîs,
der triwe ein reht beklibeniu fruht:
sîn zunt wac für alle zunt.
er was noch kiuscher denne ein wîp:
vrecheit und ellen truoc sîn lîp,
sone gewuohs an ritter milter hant
vor im nie über elliu lant
Wolfram v. Eschenbach Parzival 26, 11;

[Bd. 22, Sp. 1575]


ir zarter leib nie mailes pein
verschart; zucht, tugent, eitel rein,
junk, edel, adeleicher schein
mit wandel sich probiert darein
nach maisterlichen siten.
an allen tadel ist sie vein
Oswald v. Wolkenstein 3, 24 Schatz;

ich wil den hêren râten daz,
daz sie niht sîn an tugenden laz
und ir triuwe halten wol
ze rehte rittertreue 2 Pfannmüller;

dy sele (acc.) sy (die weisheit) gar edil machit,
daz gemute sy reyne smedit,
des libis togunt si vorsachit,
vor schadin si befredit
Rothe ritterspiegel 1395 N.


in den bereich der höfischen minne wird tugent dadurch hineingezogen, dasz sie der grund ist, warum die liebenden einander wert sind, aber auch dasz niemand tugend hat, der nicht liebt (so bei Gottfr. v. Straszburg, wo sich die christliche lehre von der caritas als quelle aller tugend fortsetzt; dem religiösen näher ist Walther, s. unten 14, 8; vgl. dazu 1. Kor. 13, 13. Schönbach verweist zs. f. dt. a. 39, 342 auf Hugo v. St. Victor: charitas omnium virtutum origo est):

mich heizent sîne tugende
daz ich vil stæter minne pflege minnes. frühl. 14, 32 Kr.;

ir tugent reine ist der sunnen gelîch,
diu trüebiu wolken tuot liehte gevar, ...
des wirde ich stêter fröide vil rîch
Heinrich v. Morungen in minnes. fr. 123, 1;

wir hœren von ir schœne jehen,
sin gesæhe nie kein lebende man
mit inneclichen ougen an,
ern minnete da nach iemer me
wip und tugende baz dan e
Gottfried v. Straszburg Tristan 640 R.;

liebe ist ein also sælic dinc,
ein also sæleclich gerinc,
daz nieman ane ir lere
noch tugende hat noch ere ebda 190 R.;

minne ist aller tugende ein hort:
âne minne wirdet niemer herze rechte frô
Walther v. d. Vogelweide 14, 8 Kr.;

diu sælde wirt uns beiden schîn.
sîn tugent hât ime die besten stat
erworben in dem herzen mîn ebda 72, 18;

ich weiz wol daz diu liebe mac
ein schœne wîp gemachen wol:
iedoch swelch wîp ie tugende pflac,
daz ist diu der man wünschen sol ebda 92, 23;

swer ze der werlde hât den muot ...
sô ist wærlîche niht
daz einen iegelîchen man,
der frum herze ie gewan,
sô ze tugende reize
und sô tiure in wesen heize
und im fröuden mê gewinne
sô rehte hôhiu minne
Konrad Fleck Flore 89 S.;

swer si mit sîner angesiht
geruorte z'einer stunde
und si mit rôtem munde
sach lachen unde smieren,
der muoste dar nâch zieren
mit tugenden iemer sînen lîp
und êren alliu werdiu wîp
mit hôhem flîʒe sîne tage
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 20043 K.;

wîbes êre, wîbes güete,
wîbes schœne, ir werdekeit,
gît den mannen hôchgemüete.
die gein tugenden sint bereit
Gottfried v. Neifen 24, 31 Haupt;

vil sælic wîp, sô lâ mich baz in dînen hulden sîn!
in kan niht wol gewerben; dîn tugende hânt mîn herze dir gegeben
Reinmar v. Zweter 27, 6 R.


im Nibelungenlied wird Rüedegêr vater aller tugende genannt. wahrscheinlich geht dieser ausdruck auf religiösen gebrauch zurück und zeigt damit, wie umfassend tugend

[Bd. 22, Sp. 1576]


empfunden wurde. in der vulgata ist gott dominus virtutum (Notker übersetzt in den psalmen got dero tugedo, und begreift ihn als 'got (truhten) dero chrefto'); vgl. A. E. Schönbach d. christent. i. d. altdt. heldendichtg. (1897) 5 und M. Rieger in: zs. f. dt. a. 10, 241:

daz was ein michel nôt.
vater aller tugende lag an Rüedegêre tôt Nibelungenl. 2202, 4 B.


2) durch den sinnzusammenhang, in dem tugent erscheint, können einzelne züge des in ihr beschlossenen gefüges deutlicher hervortreten. diese sich aus der situation ergebende begrenzung des gebrauches führt nicht zu neuen, festen bedeutungen, die lexikalisch faszbar wären, woraus hervorgeht, dasz tugent trotz der gelegentlich näheren bestimmung die umfassende gesamtbedeutung bewahrt.
besonders häufig wird in der höfischen tugend die ihr innewohnende überlegene hoheit, magnanimitas, das auf dem bewusztsein eigenen wertes ruhende, gütige, helfende hinneigen betont, des siegers zum besiegten, zum gefangenen, des herrn zu den schutzlosen (kindern, frauen), zum gast u. ä., in dem sich das innere maszhalten, diu mâze, kundtut (zu mâze als höfischer tugend vgl. Ehrismann lit.-gesch. 2, 2, 1, s. 19):

alsô Morolf den kunig gevie,
der stolze degen nit enlie,
er liez in geniezen der tugende sîn ...
er sprach 'nû flûch dû, kunig, von dan:
dû must der tugende geniezen
daz ich dich hie leben lân' Salman u. Morolf 746, 3 Vogt;

dô stiez er in die scheideein wâfen, daz was lanc
sînen kamerærewold er niht slahen tôt:
er schônde sîner liute,als im tugent daz gebôt.
mit starken sînen handenlief er Albrîchen an Nibelungenl. 465, 4 L.;

als ez im ze heile geschach,
daz er gewæfens was blôz,
wie wol er Keiî genôz
der tugent die Êrec hâte
Hartmann v. Aue Erec 4724;

gedenk! wie der gewaltig sî,
dem miltekeit nicht wonet bî.
gewalt erbermde haben sol;
gewalt sol tugenden wesen vol.
der grôʒ dem minren sol vertragen
Boner edelstein 21, 52 Pfeiffer;

si begunden werben
an den herzogen wîs,
daz er sîn hôhen prîs
und sîne tugent mêrte;
sô daz er got êrte
an den kinden und an den frouwen
Ottokar reimchron. 31284;

der künic sîner gestevil schône pflegen bat,
er hiez der wunden hüetenund schaffen gut gemach
wol man sîne tugendean sînen vîenden sach Nibelungenl. 247, 4 L.;

(der sterbende Siegfried zu den Burgunden)
lât si des geniezen,daz si iwer swester sî:
durch aller fürsten tugendewont ir mit triwen bî ebda 938, 2;

wir leiten riuweclîche jugent:
wan sî (die riesen) sint ân alle tugent
den wir dâ sîn undertân
Hartmann v. Aue Iwein 6380;

(Sigûne zu Parzival, der sich teilnehmend nach dem geschick
des toten Schîân erkundigt:)
si (Sigûne) sprach zem knappen (Parzival) 'du hâst tugent.
gêret sî dîn süeziu jugent
unt dîn antlütze minneclîch ...
du bist geborn von triuwen,
daz er (der tote Schîân) dich sus kan riuwen
Wolfram v. Eschenbach Parzival 139, 25;

wie Amelot der stolze degen
hies der gevangen pflegen, ...
das wil ich iu machon kunt.
er zaigte sine tugent an in
Rudolf v. Ems Willehalm 11695;

do hies Allexander sinen lip bereiten noch küniglicher gewonheit zu begrebede, und nam in uf sine ahsel mit den von Persa und half in zu grabe tragen, unde weinde daz volg nüt alleine umb Darius dot, me ouch umb Allexanders tugent (Königshofen 15. jh.) städtechron. 8, 310, 9.

[Bd. 22, Sp. 1577]


auch vom helfenden wohlwollen der frau, wenn nicht schon formelhaft:

schône frouwe wolgetân,
lâz mich geniezen der tugende dîn
und hilf mir daz ich gewinne
die vil edele kunigîn Salman u. Morolf 737, 3 Vogt.

tugent als milte des herrn:

ich wolt hêrn Otten milte nâch der lenge mezzen:
dô hât ich mich an der mâze ein teil vergezzen:
wær er sô milt als lanc, er hete tugende vil besezzen
Walther v. d. Vogelweide 26, 35 Kr.;

dô si den hort nu hêtedô brâhtes in daz lant
vil unkunder recken.jâ gap der vrouwen hant
daz man sô grôzer miltemêre nie gesach.
si pflac vil grôzer tugende;des man der küniginne jach Nibelungenl. 1067, 4 L.;

dâvon (könig) Richart der jungelinc
mit durnehtiger tugent rât
êr unde milteclîche tât
bî sînen zîten nie verbar
Konrad v. Würzburg turnier v. Nantes 83 Sch.;

got welle im (probst von Tiersberc) sælde mêren,
wand er sô vil der tugende hât ...
er hât der êren strît gestriten
mit gerne gebender hende
Konrad v. Würzburg Heinr. v. Kempten 765 Schr.

das beständige, verläszliche anhangen an den geliebten:

wiltu dîner jugende
kumen gar ze tugende,
sô tuo friunde friuntschaft schîn,
swie dir ze muote müge sîn
Heinrich v. Morungen in minnes. frühl. 146, 32;

und dô des an im (ihrem geliebten) innen wart
diu süeze tugende rîche,
do besande in tougenlîche
daz vil keiserlîche wîp
Konrad v. Würzburg herzmœre 139 Schr.

so ist Kriemhilds lange trauer um Siegfrit tugent:

si het nâch lieben vriundedie aller grœzisten nôt
die nâch liebem manneie mê wîp gewan.
man moht ir michel tugendekiesen wol dar an Nibelungenl. 1045, 2 L.


die den inneren, 'werdekeit' begründenden und 'lop' erwerbenden vorzügen entsprechende jugendliche schönheit der erscheinung wird entweder in den wertbereich der tugend einbezogen oder ihm nebengeordnet (s. auch oben unter II A 1); bei Walther v. d. Vogelweide ist schœne nicht einbezogen, wenn auch noch neben der tugent genannt, so wie er auch den höfischen anstand nicht in die tugent einbezieht (s. unten 3). hier beginnt die in der nachhöfischen zeit betonte trennung von tugent und schœne (bei Thomasin v. Z. w. gast 1304), vgl. dazu Wilmans-Michels Walther v. d. V. 1, 2687; 469, anm. 120:

het ich tugende niht sô vil vor ir vernomen
unde ir schône niht sô vil gesehen,
wie wêre si mir danne alsô ze herzen komen?
Heinrich v. Morungen in: minnes. frühl. 124, 32;

owê daz wîsheit unde jugent,
des mannes schœne noch sîn tugent,
niht erben sol, sô ie der lîp erstirbet!
Walther v. d. Vogelweide 82, 24;

her Iwein, sît mîn vrouwe ir jugent,
schœne, rîcheit, unde ir tugent,
wider iuch niht geniezen kan Iwein 3138;

dô sprach der grâve rîche: 'ich kan iu wol gesagen:
swer gesiht die minniclîche, dem muoz si wol behagen,
daz si ir tugent prîsent vor meiden und vor wîben Kudrun 615, 3 Symons;

von helden wart gestriten
umb ir aller schœne, wer diu beste wære:
man lobete ir aller tugende. hie mite gestuonden disiu mære ebda 1661, 4;

do sahent die Brabande sa ...
lles lobes crone
sizen dort vil schone
bi der werden kúnegin:
dis was ain junfröwelin,
in der lobelichen jugent
blten alle dise tugint
und whsin ie von stunde ze stunt
Rudolf v. Ems Willehalm 3734;

[Bd. 22, Sp. 1578]


die (frauen) hatent alle under in
gewunschet das si sltint sehin
das kint, dem si hortent jehen
also vollekominer tugent
in so wunnebernder jugent ebda 3709;

ir (frau welt) hânt sô hôher sælden vil
und alsô manicvalte tugent,
daz iuwer fröudeberndiu jugent
mir vil wol gelônen mac
Konrad v. Würzburg welt lohn 177 Schr.

im anschlusz daran werden auch im frühnhd., oft rein formelhaft, schönheit und tugend verbunden; mit dem vorherrschendwerden der sittlichen tugend (III) begegnet dieses nebeneinander nur noch selten, da die sittl. tugend eine auszeichnung des alters ist: ir tochter, die von irer schöne und tugent wegen wol eines graven würdig Montanus schwankb. 17 lit. ver.; sein tochter ... sere von leybe tugent und schöne wachsen warde Arigo decamerone 131 Keller; Neyphile, ... die nitt minder von czucht und miltikeit geornirett was als von tugent und schöne ebda 29; der ruhm ihrer unvergleichlichen schönheit und tugenden, Grimmelshausen 2, 340 Keller;

gewaltig treibt mich deine schöne tugend
beym ersten blick dir zu gestehn, zu schwören:
dass ich dich liebe Shakespeare 1 (1797) 225;

deine schönheit, deine tugend rühren mich zu thränen Grabbe w. 2, 31 Blumenth.
im gegensatz zur nachhöfischen zeit, wo tugent adelig macht (s. unten III B 2 b γ), ist tugent in der höfischen zeit eine zur adeligen herkunft gehörende haltung (angeborniu tugent), man hat tugent von arde; vgl. zu den folgenden belegen auch die stellen unter 1, in denen die geburt in den zusammenhang der tugent einbezogen ist:

hât er die burt und die jugent
und dâ zuo ander tugent,
daz er mir ze herren zimt Iwein 2090;

des (Karls) ellen solt er (sein sohn) erben,
und niht die tugent verderben,
diu im von arde wære geslaht:
daz er dæhte ans rîches pfaht:
diu lêrte inz rîche schirmen
und nimmer des gehirmen
ern wurbe es rîches êre
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 182, 18;

ich möchte ân allen zwîvel gar
an dîner tugent hân gespurt
daz dû wære von geburt
edel gar und ûz erkorn
Konrad v. Würzburg Engelhard 1481 H.;

swaz adellichen arten wil,
zuo dem bedarf man niht ze vil
rîlicher meisterschefte.
von sîner tugent krefte
kan ez wol selbe zuo genemen.
es üebet, swaz im sol gezemen
und ist den êren undertân
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 6408 K.;

in (den milten) lêret angeborniu tugent
daz er ûf êre warte.
daz edel muot unarte,
deist gar ein ungehœret dinc ders. turnier v. Nantes 78 Schr.;

lêr unde meisterschaft sint guot,
swer aber sinnerîchen muot
von angeborner tugent hât,
des witze gêt vür allen rât,
der von meisterschefte kumet.
guot lêre dâ ze nihte frumet,
swâ man niht grundes vindet,
der sanfte sî gelindet,
mit süezer tugende fluhtekeit ders. trojan. krieg 6461 lit. ver.


3) höfischer anstand, höfische lebensform, von gesellschaftlichem benehmen dadurch geschieden, dasz in ihm eine innere verfassung sich bekundet. tugent, die sich im umgang, bei begrüszung und abschied im auftreten äuszert, ist ausdruck inneren adels, innerer 'wirde' und 'güete', besonders deutlich bei Hartmann u. im Nibelungenlied. selbst wo tugent zunächst als höfisches benehmen im äuszeren erscheint, wie bei Gottfried u. Konrad

[Bd. 22, Sp. 1579]


v. Würzburg ist doch der ganze hintergrund höfischer formung wirksam. bezeichnend ist, dasz bei Walther u. Wolfram tugent als gesellschaftliche 'zuht' nicht begegnet. sie schlossen selbst die vom inneren begründete höfische form aus ihrer tugendauffassung aus. erst später (vgl. unten Meier Helmbrecht) musz die höfische tugent rein äuszerlich als gesellschaftliche gesittung verstanden worden sein, so dasz Berthold v. Regensburg, sie ablehnend, seine sittliche tugendauffassung dagegenstellen konnte (s. näheres unter III B 2):

swie sêre sî gescheiden diu tugent
under alter und under jugent,
so ergie doch von in beiden
ein jæmerlîchez scheiden
Hartmann v. Aue Gregorius 1817 P.;

hie (zu der jungfrau) vant ich wîsheit bî der jugent,
grôze schœne und ganze tugent.
si saz mir güetlîchen bî Iwein 340;

doch meistert vrou Minne
daz im (Iwein) ein krankez wîp
verkêrte sinne unde lîp.
der ie ein rehter adamas
rîterlîcher tugende was,
der lief nû harte balde
ein tôre in dem walde ebda 3257;

dô truog er ime herzenliep âne leit,
daz er sehen soldeder schœnen Uoten kint.
mit magetlîchen tugendensiu gruozte Sîvriden sint Nibelungenl. 290, 4 L.;

nit kusse minneclîchen der wirt dô dannen schiet:
alsô tet ouch Gîselhêr, als im sîn tugent riet ebda 1648, 2 L.;

er gruoztes minneclîche:jâ was er tugende rîch.
do nam in bî der hendediu maget lobelîch ebda 440, 1;

die Sîfrides tugendewâren harte grôz
...
swie harte sô in durste,der helt doch niht entranc
ê der künec getrunke ebda 919, 1 L.;

künec, ietweder künigin
si tâten ime ir tugende schîn:
si stuonden ûf und gruozten in Tristan 11164 Bechstein;

Pârîs der hete an im die tugent
und was vor wandel sô getwagen,
swem er den vater hæte erslagen,
er müeste im guotes hân verjehen,
het er in z'einer stunt gesehen
Konrad v. Würzburg troj. krieg 5652 lit. ver.;

swie lange er bî dem vihe sî
gewesen in dem walde,
doch hât er sich hie balde
gestellet nâch dem hovesite.
im wont rîlîchiu tugent mite
und ist sô reine sîn gebâr,
als er vertriben sîniu jâr
habe in eines küniges sal ebda 3162;

ez tet Venus, diu Minne,
diu wolt in han ze dienstman,
da von si in in ir schl nan:
sie daht in in der jugende
lern mer der tugende
denne ob er elter wrde
Johann v. Würzburg 666 R.;

er kunde in tugende lêren
und hôhen lop gemêren
der im daz (die ausstattung seines gewandes) hêt gerâten meier Helmbrecht 175 P.


4) oft formelhaft verblaszt als kennzeichnung höfischer personen: waz tugent er an sich nam! Nibelungenl. 24, 2 L.; (er) den tugend ... nie verliez Ulrich v. Eschenbach Alexander 7770; in allen tugenden ... hôh gemuot Nibelungenl. 693, 2 L.; durch din selber tugende lœse minen eid 566, 2; durch iwer tugende 591, 2; hilf mir ... durh aller fürsten tugende 1920, 3; rchent mir durch iwer tugend sagen schausp. d. mittelalters 1, 169 Mone; in appositionellen formeln: Tristan der tugende riche Gottfried v. Straszburg 2228 R.; der gûte bischof ... tugende riche livländ. reimchron. 531 M.; (Alexander) der junge tugende rîche Ulrich v. Eschenbach Alexander

[Bd. 22, Sp. 1580]


6242 T.; der meister tugende vol livländ. reimchron. 4999 M.; Albreht, der tugende vol Ottokar reimchron. 59676; der tugende veste väterbuch 9603 R.
B. allgemein menschlich, 'auszeichnung, vorzug, wert, gabe'.
1) in höfischer zeit vorbereitet, indem aus der höfischen tugend einzelne verhaltensweisen als wertvoll, auszeichnend herausgehoben werden (s. unter A 2). diese bedeutung ist vielfach da zu finden, wo der plural auftritt, obschon auch die höfische tugent im engeren sinne pluralisch gebraucht sein kann:

nû sult ir ouch vernemen waz si tugende hât ...
ich seit iuch gerne tûsent: irn ist niht mê dâ,
wan schœne und êre
Walther v. d. Vogelweide 59, 30 Kr.;

zwô tugende hân ich, der si wîlent nâmen war,
scham unde triuwe:
die schadent nû beide sêre ebda 59, 14;

mîn junger hêrre ist milt erkant, man seit mir er sî stæte,
dar zuo wol gezogen: daz sint gelobter tugende drî ebda 85, 21;

da was werder ritter vil
gtes arm, des mtes rich,
an tugenden kúnge wol gelich
als man den armen ofte siht
Rudolf v. Ems Willehalm 7752;

(er) gab sie selb ... ze überlesene einem hohen meister, der waz von got mit gnadrichen tugenden wol begabet und waz an götlicher kunst ein bewerter meister Seuse dt. schr. 5, 16 B.
2) im mhd. u. frühnhd. bezeichnet tugent vereinzelt den vollkommensten stand eines wesenszuges, eines wertes:

nû volge mer, koninc gôte,
des mer is zô môte,
und helf der armin sele,
daz ist tugint allir êrin könig Rother 5121 v. B.;

wiltu dîner jugende
kumen gar ze tugende
sô tuo friunde friuntschaft schîn
(willstu den vollkommenen stand einer jugend erreichen, deine
jugend zu vollem wert ausbilden) minnes. frühling 146, 32;

ir müest aldâ vor hôchvart
mit senften willen sîn bewart.
iuch verleit lîht iwer jugent
daz ir der kiusche bræchet tugent
Wolfram v. Eschenbach Parzival 472, 16;

ein heiden was gesezzen,
an tugenden gar vermezzen
lîbes unde guotes,
êren unde muotes die heidin (IV) 2 Pfannm.;

erluhte min verstentnüsse mit dem lichte dins waren geloben ... und gib allen minen kreften tugent und volkomenheit Seuse dt. schr. 303, 24 B.;

es kumpt ins himelrich kein man
wer sich mit zucht nit decken kan
und treit der eren tugent an
Murner badenfahrt 35, 17 M.


3) das frühnhd. bewahrt höfische formeln, wert, zucht, sitte, anstand bezeichnend u. gelegentlich ins moralische übergehend (vgl. die in denselben denkmälern begegnende anschauung von der begründung des adels durch die tugend, die ein deutliches zeichen für moralische wertung ist, s. unten III B 2 b γ). sie setzen nur noch formelhaft den höfischen gebrauch fort, namentlich in der prosa (Arigo, buch d. liebe, Hans Sachs). davon zu trennen ist der selbständige frühnhd. gebrauch, in dem tugent einen eigenen sinn, 'wert, vorzug', annimmt: des zucht und tugent (valore) einer iglichen grossen edelen frawen wirdig sein Arigo decamerone 71, 24 Keller; wie ... nit czwey eleut wern, die in zucht, schöne, ere und tugent dem marggraffen und seiner frawen geleichen möchten ebda 39, 29; des (der 3 säckel geldstücke) was er fro vnd dancket ym der groszen tugent Fortunatus 45 ndr.; so ist mir verlihen sechs tugendt ... das ist weyszhait, reichtumb, stercke, gesundthait, schöne vnd langs leben ebda 35; (dem könig) gefiel

[Bd. 22, Sp. 1581]


er allenthalben, sonderlich von wegen seiner tugent, adels vnd hofflicheit Warbeck schöne Magelone 10 Bolte;

meyn trost ob allen weyben
dein thu ich ewig pleyben
stet trew der eren frumm.
nun musz dich gott bewaren
in aller thugent sparen
bisz das ich wider kumm!
Forster fr. teut. liedlein 26 ndr.;

du seyst unverstanden und grob,
ohn alle gut sitten und tugendt
Hans Sachs 17, 419 lit. ver.;

er hat angsehen ir schöne jugent,
ir zucht, geberd, sitten und tugend ebda 2, 49;

alhs er nu in tugeten, siten, kunst und gaistlichait zunam, hat in der hailig Bernhardus gen Rom geschickt Knebel chron. v. Kaisheim 20; der todt so den kriegszleuten im streitt beschiecht, ... geschiecht durch begier der tugent und lieb des siegs Frontinus v. d. guten räthen (1532) 42b; dasz diser fürst ... löblich, erlich, auch in groszem aufsehen gehalten wurt, darum er sein volk so mit bescheiden löblichen und guten tugeten (wie man darvon sagt) regiert sat. u. pasqu. 3, 79 Schade; ritter Pontus von adelichen tugenden (titel) buch d. liebe (1587) 315a; er (der erzieher) befahle jhm auch insonderheit alle frawen zu ehren, unnd denen zu dinen mit leib u. gut, und von kurtzweil zu sagen und züchten. er kehret allen fleisz für, er zohe vnd hielt jhn in vbung zu allen tugendten ebda 79a;

der aller soldaten exempel,
und auch aller tugenten blum
Weckherlin ged. 1, 218 Fischer;

keyser Carolus Magnus habe gehabt eine schöne tochter, die in allen tugenden und sitten, wie solchen hohen personen gebührt, aufferzogen worden B. Hertzog schiltwache (o. j.) G 4.
4) 'auszeichnung, vorzug, wert' im nhd. dieser gebrauch hat eine zweifache herkunft, ohne dasz sie im einzelnen falle bestimmt werden könnte; entweder verallgemeinert aus der höfischen tugend, oder säkularisiert aus der religiös-sittlichen tugend (III), indem das sittlich hervorragende zum wertvollen, tüchtigen schlechthin wird: fur der welt gilts wol, das ein mensch seiner geburt halben edler sey, denn das ander, ... seiner sondern tugent halben eins besser, denn das ander ist ... aber fur gott daher zu tretten und sich rhmen, wie es so eddel, hoch, reich für andere menschen sey, das ist eine teufelische hoffart Luther 53, 421, 34 W.; es were doch ein tugent, das yhr groben esell ewr eygen philosophia kundet, die yhr so hoch rümeth ebda 7, 637; du (Sickingen), der z diszer zeyt, do yederman bedäucht, teütscher adel hette etzwas an strengkeit der gemüten abgenommen, dich der masszen erzöigt vnnd bewiszen hast, das man sehen mag, teütsch blt noch nit versygen, noch das adelich gewächs teütscher tugent gantz auszgewurtzelt sein Hutten opera 1, 449 Böcking; damit er (kaiser Karl) dich (Sickingen) deiner geschicklicheit nach, ... so mit rat und der that brauche, denn als dann würde frücht deiner tugent zu weiterem nutz kommen ebda 1, 449; dein (Erasmus) gantz unsätlicher rhum und eyttel eergeitz, davon man sagt, daz du keine fremde tügent (alienam virtutem) oder verstandt kanst leyden bey dir auffwachsen ebda 2, 187;

dann was staht basz? dann wann die jugend
nachschlägt jrer vorfaren tugend?
dann also grünen die stätt hie
wann tugend bleybt bei alter blüh,
aber wo ausz der art man schlägt,
und täglich newe bräuch erregt,
da kumpt gewis ain newerung
die selten eim land wol gelung
Fischart glückhaft schiff 7 ndr.;

was möcht dann gnedigoste frǒw mir bessers zgestanden sin dann das ain söliche fürstin, ... nechst mir armen hǎt lǎssen erschynen sölich gnǎd vnd günstigen willen vsz aigner tugend, minenthalb vnverdient Niclas v. Wyle translat. 91 Keller; ich weisz ... gnugsam, das ich nimmer etwas so groszthätigs sagen wurd, das dein

[Bd. 22, Sp. 1582]


tugent das selb nit übertreffe Boltz Terenz deutsch (1539) 90b; ihr (der elementischen geister, sylphen, pygmäen usw.) sitten, geberd sindt menschlich, red und weisz, mit allen tugenden, besser und gröber, subtiler und rauher Paracelsus bücher u. schr. 9 (1590) 53 Huser; da dann nach dem begräbnis ein vornemer des raths (in Athen) vor dem volck, mit einer zierlichen oration, des abgegangnen tugent rühmen muste Rätel chron. d. herzogt. Schlesien (1587) 1; aus vieler tugenden eine kunst machen Opitz dt. poeterey 8 ndr.; (durch solche gewogenheit gegen die gelehrten) er vorlängst (andere tugenden u. verdinste zu geschweigen) einen unsterblichen nahmen erworben Butschky hochdt. kanzelley (1659) 176; wie die tugend eine innerliche schönheit des gemüthes, also ist die äuszerliche schönheit eine gleichständige tugend des leibes ders. Pathmos (1677) 303; dasz derselbe (Tacitus) als ein ausländischer geschicht-schreiber und feind der Deutschen aber wohl geurtheilet, wie man auch an seinem feinde die tugend löben müsse Lohenstein Arminius (1689) 1, b 5;

denn ich habe schon mancher gesinnung und tugend gelernet,
hochberühmter helden, und bin viel länder durchwandert;
aber ein solcher mann kam nir noch nimmer vor augen,
gleich an erhabener seele dem leidengeübte Odysseus!
Voss Odyssee 62, v. 267;

wir wollen ... die tugenden blos für die taugsamkeit oder die innere güte eines jedweden dinges nehmen. so hat ein pferd, so hat das eisen seine tugenden, und der held auch, der seinen gehörigen antheil stahl, härte, kälte und hitze besitzt J. Möser s. w. (1842) 1, 197;

ritter, herzoge und grafen,
grosze hohen standes fielen,
männer hoher tugend sanken,
und die blüthe span'scher edlen
Herder 25, 264 S.;

recht sehr zu wünschen, dasz es in jedem staate männer geben möchte, die über die vorurtheile der völkerschaft hinweg wären, und genau wüszten, wo patriotismus tugend zu seyn aufhöret Lessing 13, 360 L.-M.;

wer das tiefste gedacht, liebt das lebendigste,
hohe tugend versteht, wer in die welt geblikt
und es neigen die weisen
oft am ende zu schönem sich
Hölderlin s. w. 3, 16 v. Hell.;

dort an dem stolzen kaiserhof bleibst du
dir ewig fremd mit deinem treuen herzen!
die welt, sie fodert andre tugenden,
als du in diesen thälern dir erworben
Schiller 14, 311 G.

sie (der könig) wollen
nur meinen arm und meinen muth im felde,
nur meinen kopf im rath, nicht meine thaten,
der beyfall, den sie finden an dem thron,
soll meiner thaten endzweck sein. mir aber,
mir hat die tugend eignen werth ebda 5, 2, 304;

tugenden sind zu jeder zeit selten, mängel gemein. und stellt sich denn nicht sogar im individuum eine menge von fehlern der einzelnen tüchtigkeit entgegen? Göthe II 3, 134 W.; neben seinen übrigen tugenden (dasz er klug und schön war) ward er auch in der kunst fürtrefflich ebda I 43, 274; wenn von anderen vorzügen und eigenschaften der menschen die rede ist, so weisz ich wohl, dasz es ... wenig beweiset, wenn einer sagen kann, wie er sie besitzt, denn er kann sie kennen aus beschreibungen, aus beobachtungen anderer oder wie alle tugenden gekannt werden, aus der gemeinen alten sage von ihrem dasein Schleiermacher ausgew. w. 4, 219 Bauer; gleich aller geschichte warnt die historische grammatik vor freventlichem reformieren, macht uns aber tugenden der vergangenheit offenbar, durch deren betrachtung wir den dünkel der gegenwart mäszigen können J. Grimm gramm. (21893) 1, xvii; es (das volk) ist tiefsinnig, unschuldig, treu, tapfer und hat alle diese tugenden sich bewahrt Immermann w. 1, 190 Boxb.;

jener schmerz, der nimmer rastet, dasz die alt tugend starb,
dasz die freiheit ging verloren, und ein heldenvolk verdarb
Geibel ges. w. (1883) 1, 212;

[Bd. 22, Sp. 1583]


denn die eleganz in benehmen und sprache, die 'tugend des äuszeren', den sinn für anstand und anmut lehren uns nur diese (romanischen) nationen älterer kultur Justi Winckelmann (1898) 1, 99; (der wissenschaftliche mensch ist) zumeist eine unvornehme art mensch, mit den tugenden einer unvornehmen, das heiszt nicht herrschenden, nicht autoritativen und auch nicht selbstgenugsamen art mensch: er hat arbeitsamkeit, geduldige einordnung ... gleichmäszigkeit Fr. Nietzsche w. 4, 2, 123; alles, mit verschwindenden ausnahmen, war angefleckt und ungekränkelt. es ist denn auch ein barer unsinn, immer von der 'guten alten zeit' oder wohl gar von ihrer 'tugend' zu sprechen Fontane ges. w. II (1920) 2, 20; sie (Hoffmanns frau) hatte eine häusliche und wirtschaftliche ader ohne jenen kleinherzigen hausfrauenfanatismus, der diese tugenden so oft ungenieszbar macht Werner Bergengruen E. T. A. Hoffmann (1939) 30.
5) im besonderen sinne der begabung; tugend als anlage, gabe, fähigkeit, talent, eine variation des gebrauchs unter 4 und nicht immer deutlich davon zu trennen; ebenso auch mit 'geistiger kraft' (I C 2) verwandt. gelegentlich näher bestimmt, etwa tugend des geistes, der seele, des soldaten; gesellschaftliche t., s. darüber noch unten IV 2: (Seuse) gab sie (sentenzen aus seinen werken) selb dez ersten ze úberlesene einem hohen meister (Barthol. v. Bolsenheim), der waz von got mit gnadenrichen tugenden wol begabet Seuse dt. schr. 5 Bihlm.; sic saepe dominae in domo werden stoltz, rhumen sich davon, quod bene administrent rem familiarem, dicunt: jhene thut nicht halb so viel, so verscheusst (verdirbt) sie die schone tugend mit der hoffart Luther 36, 234 W.; ein bawersman kan wol die kunst und hat die tugend, das er wartet auff seine bonen und schoten im garten, welche er doch nicht sihet ders. 34, 2, 123 W.; einen recht trewen bischoff und ..., der mit allen bischofflichen tugenden begnadet ist von gott, welcher uns allein tüchtig macht, und wie s. Pa. sagt, on seine gnade niemand durch sich selbs tüchtig ist auch zum geringsten guten werck ebda 26, 194; Julius Caesar ist der löblichen helden einer gewesen, die gott mit sondern hohen tugenden begabt Kirchhof wendunmuth 2, 20 lit. ver.; wie vor zeiten bey den alten ... die vbung unnd erfarenheit als ein sonderlich ehr unnd tugend gerühmbt Fronsperger kriegsbuch (1573) 1, a 3b; der erwelte (papst) ein gelerter ... mann ... und mit allen tugenden begabt Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 24; und wenn schon einer von euch (aus dem volke) ein guter soldat ist ... so ist er darum nicht gleich tüchtig, andere zu commandiren; da hingegen diese tugend dem adel angeboren oder von jugend auf angewehnet wird Grimmelshausen Simplic. 48 Scholte; von denen tugenden und qualitäten eines soldaten (kapitelüberschrift) Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 96; (ihr kunstrichter) lernet derohalben auch die moralischen tugenden eines critici, denn die blosze wissenschaft ist nur die helfte der pflichten eines richters J. J. Bodmer crit. schr. (1741) 1, 77; Stolbergs hoher und feuriger genius ist zwar eine herrliche tugend, aber eine Homerische übersetzung erfordert auch unendliche klauberei des fleiszes Bürger s. w. 182b Bohtz; freigebigkeit ist eine tugend, die dem mann ziemt, und festhalten (des geldes) ist die tugend eines weibes Göthe I 18, 302 W.; dabey (beim anlegen der mineraliensammlung) kommen Stadelmanns tugenden zur erscheinung ebda IV 36, 92; für jeden, der gesellschaftliche talente oder tugenden ... zu würdigen weisz Matthisson schr. (1825) 5, 6;

in welcher tugend
des geistes und gemüthes durft' er sich
mit dem geliebten meiner seele messen?
Müllner dram w. (1828) 4, 91;

wir reden mit so sichtlichem vergnügen von deinem einzigen fehler ... und von all deinen schönen eigenschaften, von all deinen tugenden, die du an werkeltagen ... an dir hattest, machen wir gar keine erwähnung S. Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 254; in dem gleichen augenblicke, da diese tugend (des triebes zur originalität) dem damaligen

[Bd. 22, Sp. 1584]


geschlechte rundweg abgesprochen wurde G. Keller ges. w. (1889) 6, 9; vielleicht steht unsre grosze tugend des historischen sinnes in einem notwendigen gegensatz zum guten geschmacke Nietzsche w. 4, 2, 149; zunächst musz man französisch können, und das ist die eine grosze tugend, die ich nicht habe Fontane ges. w. (1905) II 4, 147;

ewiger friede, — freibrief
für wortstreit, tücke, feigheit, list,
wenn aller tugend krone,
wenn mut und stolz vergessen ist!
B. v. Münchhausen ballad. u. ritterl. lieder 60;

wären die standesunterschiede nur positiv geschichtliche tatsachen und wären sie nicht vielmehr nach Thomas inadäquate abbilder einer 'natürlichen' und göttlichen ordnung in den naturen, tugenden und kräften der menschengruppen selbst, ... dann hätte jedes individuum ein unendliches feld seiner werdensmöglichkeit vor sich Max Scheler vom umsturz der werte (21919) 2, 290.
6) im anschlusz an 4 und 5 tugend als vorzug, wert, auszeichnung im hinblick auf geistiges schaffen, von da auch von dem werk selbst gesagt. im ganzen selten, bei Göthe häufiger vom künstler und dem kunstwerk, auf ihn zurückgehend vereinzelt auch in jüngster sprache (vgl. auch I C 2): es bestehet aber das gantze regiment, moderation und bescheidenheit der zungen ... in verborum qualitate, in der qualität, zierligkeit und tugend des gesprächs, davon st. Pauli vermahnung bekand, Eph. 4, 29, 30 Dannhawer catech.-milch 2 (1658) 351; massen es bey einem menschen die anständigste tugend ist, wenn er seine gedancken mit geschickten worten an den tag geben kan Chr. Weise kluger hofmeister (1688) vorr. 9b; dieses gebe ein starckes vorurtheil, dasz diese kunst entweder darinnen nicht vorhanden wäre, oder die tugenden, die man ihr zueignete, nicht an sich hätte J. Bodmer abhandl. v. d. wunderbaren (1740) vorr. 2; wir wollen uns dieser methode bedienen, und jungen leuten die tugenden und fehler der schreibart in briefen aus der natur und absicht der briefe und aus einigen regeln der beredsamkeit aufsuchen helfen Gellert s. schr. (1784) 4, 4; weder den werth der einrichtung der Ilias, noch die tugenden einzelner stellen, noch die schönheit und feinheit der gedanken einsehen und empfinden ebda 5, 129; (d. Homer-übersetzungen von Stolberg u. anderen) haben zu viel eigenthümliche angeborene schönheit und stärke, dasz niemand, wär er auch gleichfalls und noch so reichlich in diesen tugenden ausgerüstet, jene ihres blühenden daseins wird berauben können Bürger s. w. 182 Bohtz; gern möchte ich zur fortbildung unserer edlen und biegsamen sprache ... ein weniges beitragen und ... einige verkannte tugenden und anlagen dem gemeinsamen gebrauche öfnen J. H. Voss zeitmessung (1802) 6; ein bildnis Albrecht Dürers von ihm selbst im 22ten jahre gemalt, in welchem alle tugenden dieses meisters jugendlich, unschuldig blühend erscheinen Göthe IV 19, 48 W.; ein so großes talent (Fr. A. Wolf), das ... mit einer fast magischen gewandtheit tugenden und mängel zu erkennen und einem jeden (autor) seine stelle nach ländern und jahren anzuweisen verstand, und so im höchsten grade die vergangenheit sich vergegenwärtigen konnte ders. I 35, 195; nicht auf die sitten allein ist die tugend anwendbar; sie gilt auch für kunst und wissenschaft, die ihre rechte und pflichten haben. und dieser geist, diese kraft der tugend unterscheidet eben den Deutschen in der behandlung der kunst und der wissenschaft Friedr. Schlegel ideen in: Athenäum 3 (1800) 28; sie (die schauspielerin frau F.) hat dieselben tugenden (wie herr B.), dieselbe künstlerische meisterschaft, gesellt dem ganzen aber noch einen herzenston, den man haben musz, der sich nicht lernen läszt Fontane plaudereien über theater (1926) 132; sie (die büste) ist vielleicht das einzige unter Rodins werken, dem nicht nur die diesem bildhauer eigentümlichen tugenden seine schönheit gegeben haben; dieses porträt lebt zum teil auch durch die gnade jener grazie, die in der französischen plastik seit jahrhunderten erblich ist R. M. Rilke

[Bd. 22, Sp. 1585]


ges. w. (1927) 4, 349. man kann fragen, ob Götz oder Tasso die tugenden haben, die irgendwo auf der erde ein bühnenstück auszeichnen A. Heusler kl. schriften (1943) 585; keine andere von Goethes unsanglichen dichtungen vereint in diesem grade die zwei tugenden eines verses: daß ein zeitfall reich und anregend sei — und daß er den sprachausdruck decke ebda 469.
C. eigenschaft, wesenszug, art. tugend nicht als das auszeichnende, vorzug, sondern einfachhin das kennzeichnende, etwas, das jemand als besonderer, ihm eigener zug anhaftet, wodurch er zu dem wird, was er im wesen ist oder sein will, ohne dasz es dabei noch um einen wert geht. daher die bezeichnung gute, böse tugend; in neuerer sprache nur mundartlich lebendig:

daz er in sîner blüenden jugent
mit jugentlîcher hêrren tugent
wider sîn selbs sælden streit
daz geschuof sin spilendiu kintheit,
diu mit ir übermuote
in sinem herzen bluote
Gottfried v. Straszburg Tristan 296 R.;

daz tier (einhorn) in den tugenden schain
daz ez sich anders vahen niht
lazt denn swenne ez ersiht
die küschen magt
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österr. 18852 R.;

und war solihe tugend bey jnen, das sich keiner zu könige machte, es war auch kein könig da, sondern der rat 1. Macc. 8, 14; die Parthi suchen durch disze tugent der füllerey (vor dem essen wein zu trinken) ein eer Eppendorff Plinius (1543) 234; er (papst Gregor) hat geregiert 14. jar 3. monat, hat bösz und gut tugenden an im gehabt Äg. Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 135; so gram wird der neugeborne, geistliche wille dem natürlichen willen in seinen bösen tugenden Jac. Böhme s. w. 5, 370 Schiebler; ich zweifle nicht: der neider wird seiner löblichen art und tugend nach dieses büchlein nicht unangefochten lassen Rachel satyr. ged. 3 ndr.; doch es sey, dasz jene gothische höflichkeit eine unentbehrliche tugend des heutigen umgangs ist Lessing 10, 232 L.-M.; hast du jemals diese rauschende tugend an mir gekannt, die mit ihren eigenen thaten ... wie mit einem raube pranget und jede schwachheit anderer menschen ungütig im triumph aufführt? Wieland I 3, 44 akad.; (Probstein:) wahrhaftig, der baum trägt schlechte früchte. (Rosalinde:) ich will euch auf ihn impfen, und dann wird er mispeln tragen: denn eure einfälle verfaulen, ehe sie halb reif sind, und das ist eben die rechte tugend einer mispel (that's the right virtue of a medlas) Shakespeare 4 (1799) 225; mit zuträgern und handlangern (im gegensatz zum gelehrten) ist es ein anderes: ihre tugend besteht in pünktlichem gehorsam und der vermeidung alles selbstdenkens, und über ihr geschäft selbsturteilens Fichte w. 5, 9 Medicus; so ist ein gutes phlegma keine kleine ministertugend in diesem lande. lord North besitzt diese tugend in einem hohen grade Archenholz England u. Italien (1785) 1, 1, 33; raufen und bolzenschieszen sind tugenden eines landsknechts G. Freytag ges. w. 2 (1886) 73; spielverderberei gehört ohnehin nicht zu meinen tugenden Fontane ges. w. (1905) I 4, 258;

mach seine guaten tugenden nach,
aber nit seine schlechten!
K. Stieler ged. 4, 37 Reclam. —

mundartlich: tugend zu ebes ha'n Schön Saarbrücken 213; dés is ə~ schiəhhé tugə~d eine häszliche eigenschaft Schmeller-Fr. bair. 1, 596; eine üble, böse tûget fehler, unart (besonders von tieren) Schöpf Tirol 773; jeder mensch hat seine tugend; wenn ear an zoara hoab, so kan ar fürchtig schealta; 's ischt zwoar sein dugat so; er hat drei gute tugenden: isst gern gut, liegt gern lang und ist kein narr im schaffen Fischer schwäb. 2, 445. — vgl. noch: bey diesen grundsätzen und einer so glücklichen temperamentstugend war er in seinem städtchen wohlhabend geworden, ohne dasz es bey seinen nebenbürgern eben sonderliches aufsehen verursacht hätte Fr. Nicolai Seb. Nothanker (1776) 1, 22.

[Bd. 22, Sp. 1586]



D. tugend als tauglichkeit, güte, hervorragende beschaffenheit, 'qualität' von dingen. weniger ausgeprägt als die bedeutung 'kraft' (I E u. F), die der naturanschauung der älteren zeit gemäszer ist. daher erst seit der neuzeit: denn man findet gar ein hohes in der sterne kraft und gewalt, als: wie alles leben, gewächs, farben und tugend, dickes und dünnes, kleines groszes, gut und böse durch ihre kraft herrühre Jac. Böhme s. w. 3, 63 Schiebler; was aber anbetrifft des fewrs eigenschafft ... erkennen wir des fewrs eigenschaffft für natur, welches eine ursache des lebens, bewegens und geistes ist, sonst wäre kein geist, kein liecht, auch kein wesen, sondern eine ewige stille, weder farben noch tugend, sondern wäre ein ungrund ohne wesen ders. von der menschwerdg. Jesu Christi (1682) 17; die hochachtbahrkeit der rose; welche, wegen ihrer ... fürtreflichen tugend, unter allen bluhmen ... den vorzug erhalten Ph. Zesen helikon. rosentahl (1669) 21; man kan unsern wein einen wein von dreyen tugenden nennen ... weil er nasz macht oder wäschet, kühlet und gar keine stärcke hat M. Krämer Parival (1691) 24; darunter (unter den bernsteinarten) der weisze am werthe und tugend vor den besten gehalten wird Abr. a s. Clara etwas für alle 2 (1711) 3; nur das dieser (d. wein), in böse gefäsze gefasset ..., seine tugend verleuert Butschky Pathmos (1677) 200; den gemeinen urtheil nach gehet er (d. tuffstein, eine bierart) dem Halberstädtischen ... an geschmack und tugend weit vor, sonderlich weil er weniger schleimig scheint Marperger kaufmann-magazin (1708) 161; unterschiedliche herrliche wasser zu destillieren, deren tugend und fürtrefflichkeit nicht genugsam zu preisen Hohberg georg. cur. 3 (1715) 174b; die tugenden natürlicher edelsteine Göthe II 3, 225 W.; die andern haben mehr die schwäche gesehen, die allein ein schiff bemannen und aufs meer treiben wollte, das nur vereinte sichere kräfte und günstige winde, vor allem seine eigene tugend leicht und lebendig fortführen Jac. Grimm kl. schriften 8, 5.

verlangen wir vom spiegel nicht des schwertes eigenschaften
und nicht vom schwert die tugenden, die nur am spiegel haften!
Hebbel w. 7, 160 W.;

wenn man den gang im frischen gebirge aufschürfet und dessen tugend und bauwürdigkeit untersucht Veith bergwb. (1870) 570. noch heute: alle tugenden eines guten tabaks sind in der cigarette ... vereinigt zeitungsanzeige.
auch von tieren 'auszeichnende eigenschaft', 'vorzug':

der lewe wachet unde lief
umb sîn ros unde umb in,
er hete die tugent und den sin
daz er sîn (Iweins) huote alle zît,
beidiu dô unde sit
Hartmann v. Aue Iwein 3914;

diese geistlichen vogele (turteltauben) leren dich mit siben tgenden die sie haben und geben die dar an geistliche bilde altdt. pred. 1, 36, 14 Schönbach;

vnd meint, er (ein hund) trüg darumb das zeichen,
das kein ander hundt kündt erreichen
sein tugent vnd geschickligkeit.
Burkhard Waldis Esopus 1, 139 Kurz;

(fische), deren gestalt, grösz unnd tugent ich dismal nicht beschreiben khan Ulrich Schmidel reise durch Südamerika 25 Langmantel; etliche kauffen die ochsen nach der tugend, probiren sie einen tag oder etliche und erforschen was sie können viehbüchlein (1667) 7; eines pferdts fürtrefflichkeit und tugenden ... erkennet man im krieg Lehman florileg. polit. (1662) 4, 116; die tugenden eines pferds le bontà (virtù) d'un cavallo Kramer teutschital. dict. 2 (1702) 199c;

lange zuvor erprobt er die tugenden (der pferde)
samt dem bereiter
J. H. Voss sämtl. ged. (1802) 2, 212;

'bei uns aber ist die gewohnheit', antwortete Odo, 'dasz der gast am liebsten das eigene pferd besteigt, dessen tugenden er vertraut' G. Freytag ges. w. 9 (1887) 106; sie (die bauersfrau) begann die tugenden ihrer zwei kälber zu rühmen Boszhart durch schmerzen empor (1913) 127. —

[Bd. 22, Sp. 1587]


mundartlich: 'tugend, nur vom pferde gebraucht für die guten eigenschaften desselben' Göpfert sächs. Erzgebirge 15.
E. aus der not eine tugend machen, in ältester form (Seuse, Keisersberg) aus der notdurft eine tugend machen; übersetzung des lateinischen sprichworts facere de necessitate virtutem. 'aus einem mangel einen wert, vorzug machen', sich 'dem mit wissentlicher hingabe unterziehen, dem man nicht entgehen kann'; auch im altfranz. und mittelengl. (Chaucer), s. bei Murray 10, 2, 239a: minu kint, volgent úwerm getrúwen vatter, und machent usser einer notdurft eine tugent und gent uf von grund úwers herzen Seuse dt. schr. 421, 17 Bihlm.; als wir fur eur liebe nichs han bekomen mogen, haben wir aussz einer notturft ein tugend mussen machen, und unnserm sone disen hengst genomen bei Steinhausen privatbr. d. mittelalt. 1, 177; mach ausz der notturft ain tugendt vnd verschmähe die ding, die dich verschmähen, reichtumb vnd eer mitt andern irdischen dingen Keisersberg schiff d. penitentz (1514) 2d;

ich hab gelernt in meiner jugent
ausz ainer not mach ich ain tugent fastnachtssp. 2, 627 Keller;

so thn eins vnd ler es gedultiglich tragen vnd mach vsz der not ein tugent Keisersberg Marie himelfart (1512) 13b; wie damals auch mein gn. herr selbs und mancher fromer biderman vom adel, von den gaistlichen und andern uss der not ein tugent mussen machen und auss bezwang tun, das im zum hochsten wider gewest (1526) A. Chroust chron. d. stadt Bamberg 2, 315; ey so mach ausz der not ein tugent vnd gib (was die obrigkeit an ungelt, zoll, waggelt u. s. w. von dir fordert) im namen gottes weil du hast und vermagst Seb. Franck chronica zeitbuch (1543) 1, 276b; wenn denn ... kein ander mittel ... so musz man ausz der not ein tugend machen L. Fronsperger kriegsbuch 1 (1578) k 4b;

wir müssen in betrübten sachen
oftt ausz der not ein tugent machen
Spreng Ilias (1610) 256;

necessitate parere ausz der noth ein tugent machen nomenclat. lat. germ. (Hamburg 1634) 6; da dann der h.-reichs cantzler ausz der noth eine tugend machen, und, die völlige ruin, so wol des landes, als der armee zuvermeiden, sie mit etwas ordre ... einquartieren müssen Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 547; nachdem es aber ... noch schädlicher schien, die helffte des heeres ... im stiche zu lassen, musten sie aus der noth eine tugend machen Lohenstein Arminius (1689) 1, 36b; feres, non culpes, quod mutari non potest mach aus der noth eine tugend Nürnberger wb. (1718) 23;

verräther sind sie einmal, müssen's seyn,
so machen sie aus der noth wohl eine tugend
Schiller 12, 129 G.;

ich darf jetzt nicht daran denken vom platze zu gehn und ich will lieber aus der noth eine tugend machen, meine gedanken inwärts richten und ausführen, wozu sich mir lust und neigung darbietet Göthe IV 11, 147 W.; wo die griechischen künstler bekleiden muszten, haben sie vortrefflich aus der noth eine tugend zu machen gewuszt, und die gewänder meisterhaft behandelt A. W. Schlegel vorlesungen 1, 136 lit.-dkm.; um aus der nothwendigkeit eine tugend zu machen, war mein erster gedanke, gleich michaelis nach Bern aufzubrechen Dahlmann in: briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 1, 405; mütter, die, aus der not eine tugend machend, ihre ... gedankenwelt in zwei rubriken ... zu teilen pflegen Fontane ges. w. (1905) I 1, 33; jedenfalls bleibt anzuerkennen, dasz die herausgeber des wörterbuches aus der not eine tugend machten, als sie sich dem zwang des abkürzens gegenüber sahen Arthur Hübner kl. schr. (1940) 118. — vgl. noch: doch noth musz für tugend gelten Kotzebue dram. w. (1827) 3, 143;

aus der noth
nicht eine tugend nur, auch glück zu machen,
das ist die allerhöchste lebenskunst
M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 206;

[Bd. 22, Sp. 1588]


gewisse lords, die aus ihrer tugend anderen leuten eine noth machen Zelter in: briefw. zw. Göthe u. Zelter (1833) 2, 73.
F. anrede und titel für standespersonen, deren vorzüglichkeit und auszeichnung meinend; an höfischen gebrauch anschlieszend: doch pit ich ewer furstenlich tugent, das ... Erhart Grosz Grisardis in: zeitschr. f. dt. altert. 29, 388; aller lobs reichster fürst, eur ritterlichen tugent ist unverborgen, wie in diser stat Wurmbs vor zeiten die aller manlichisten künig, fürsten und ritter in wanung gehabt Wilwolt v. Schaumburg 158 lit. ver.; gegen das frauenzimmer ... wird das abstractum e. hoch-adeliche tugenden gebraucht Chr. Weise polit. redner (1677) 197; ihr hochadeliche tugend vostra nobilissima ò molt' illustre virtù! Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1160a.
III. sittlich-religiöse vollkommenheit. virtus, virtus moralis, ἀρετὴ. vgl. philosophia moralis kunst der tugent (15. jh. md.), kunst der doghet (15. jh. nd.) (auch kunst der sitten) Diefenbach gl. 235c; ethica ein kunst von der tugent (1495), ein buch von den sitten oder tugenden (1516) ebda 211b.
A. von gott gesagt, seine göttliche vollhommenheit bezeichnend, die der ursprung aller menschlichen tugend ist; wobei theologisch zu scheiden ist zwischen den in gott urbildhaft bestehenden tugenden (virtutes exemplares, zu denen die sogen. kardinaltugenden gehören) (Thomas v. Aquin s. theol. I-II 61, 5) und den von gott eingegossenen tugenden (virtutes infusae oder gratuitae, den sogen. göttlichen oder theologischen tugenden, Thomas v. Aquin I-II 62, 1). in einem ungenaueren sinn hängen alle tugenden mit gott zusammen.
auch im griechentum konnte ἀρετή von den göttern gesagt werden. im neuen testam. (1. Petr. 2, 9; 2. Petr. 1, 3) ist ἀρετή nicht von gottes 'vollkommenheit', sondern von seiner 'selbstbekundung' gebraucht, ähnlich wie δύναμις (s. oben I A; Kittel wb. z. neuen test. [1938] 1, 459).
da der seit der neuzeit vorherrschend gewordene begriff der moralischen tugend dem wesen gottes widerspricht, ist die tugend gottes im nhd. ungeläufig. die im mhd. übliche vorstellung der virtus moralis als eines 'habitus', nicht wie später einer 'dispositio', war eher auf gott beziehbar. aber selbst im mittelalter bedeutet die auffassung des dominus virtutum als des 'tugendhaften' gottes bereits eine spätere stufe; Notker faszte dominus virtutum der psalmen noch als 'gott der kraft, macht und stärke' (s. d. belege unter IA). gelegentlich (im höfischen, s. unten Willehalm) scheinen menschliche verhältnisse auf gott übertragen zu sein:

daz der êren künic sî
der tugende herre, sprichet dâ
des salm: domini est terra
et plenitudo ejus
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 3880 W.;

domine deus virtutum (ps. 79, 8) ... herre got, du der aller tugende und aller gnaden vol bis, bekere uns altdt. pred. 1, 169, 12 Schönbach;

er (gott) ist schepfeere der tugende
alle dinc megende,
er ist vater aller guote kaiserchron. 3297 Schröder

hôch edel ob aller edelkeit,
lâ dîner tugende wesen leit,
dâ kêre dîn erbarmen zuo,
swa ich hêrre, an dir missetuo
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 1, 10 L.;

wan tugende vlizent von einem so reinen brunnen (daz ist von gotes herzen, der alles guotes ein ursprinc ist) daz sie einen edeln smac behaltent, swie verre sie immer gevliezent David v. Augsburg in: dt. mystiker 1, 310, 2 Pf.; tugent, seht, heizet ez, wan der almehtige got alle tugende gewesen ist Berthold v. Regensburg 1, 96, 17 Pf.; unde durch die tugende geschuof got engel unde menschen; wan er selbe anders niht enkan danne lûter tugent unde reine tugent, sô wolte er ouch, daz engel unde menschen tugenthaft wæren ebda 1, 96, 20; wer eine tugent suochen wil, der sol sie suochen in irm urspringe, daz ist

[Bd. 22, Sp. 1589]


in gote, unde da vindet man alle tugende in einer tugent dt. mystiker 2, 610, 15 Pf.; in gote ist abegescheidenheit unde dêmuot, als verre wir tugende von gote gesprechen mügen ebda 2, 485, 31;

der tugende riche got väterbuch 28976 Reiss.;

siv wolten sich iungen
von alter sünden unmugent,
in bezir lebin unde jugent
die wisheit siu sugent
alle von gotis tugent
Hugo v. Langenstein Martina 87, 40 lit. ver.;

o rainer got,
gnad, tugent hoch, der parmung tieffer gründe,
ain doctor aller weisheit scharff,
ain loner gueter dinge,
ain recher pöser werche macht,
gewaltiklich ain herr der mächtikait
Oswald v. Wolkenstein 103, 2 Schatz;

der milde freygebige gott musz gepriesen werden, weil er unsern leichnam aus nichts geschaffen hat, wer aber ist so vermögend, gottes tugenden zu preisen, da alles lob, das wir vorbringen mögen, sich in dem überdencken seiner herrlichkeit gefangen geben musz persian. baumgarten (1696) 86a. — hierher zu ziehen sind wohl die folgenden vereinzelten belege, deren wortlaut sich anlehnt an die geläufige formel gott lob und dank, lob und gnade ('dank') sagen (s. unter gnade V, teil 4, 5, sp. 558f.), aber anders zu deuten ist, 'gott sei gepriesen wegen seiner êre (gloria), tugent (vollkommenheit), gnade (huld):

deme (gott) ere und ewecliche dugent
gesaget si nach unser mugent Elisabeth 9517 Rieger;

deme ummer me si nu gesaget
zu lobe siner zarten maget (Maria)
dugent gnade unde ere ebda 10533.


gleicherweise von der anschauung der tugend gottes wie der des menschen (unten B) getragen ist die vorstellung von der tugend Christi: der minnecliche got ... het uns sinen eingebornen sun gesant, das sin heilig leben und sin grosze vollekomen tugent und bilde und lere und manigvaltig liden uns usser uns leite und uz uns selber leite zu mole Tauler pred. 49, 31 V.; ach miltes herz, t es dur din gtlichen tugende, dur din natúrlichen gti, und lass mich hút an disem ingendem jare nit ler von dir gan! H. Seuse dt. schr. 27, 6 Bihlm.; owe, süsser Jhesus, wie waz din leben so minneklich geordenieret uf ertrich, wir mugent grosze tugent nemen ab dim leben St. Georgener pred. 68, 7 Rieder;

got vater, dîner manegen tugent
unt dînes suns, die der begangen hât in sîner jugent,
dern ist sô kleine, si ensî dannoch menschen lobe ze grôz
Reinmar v. Zweter 5, 1 R.;

want aller tugende crone
Jhesus, der getruwe got väterbuch 36668 R.;

ach Jhesu aller dogende ein vaz,
du mir dine helfe schin
und lihtege mir mines herzen pin schausp. d. mittelalters 1, 84 Mone;

hilf, dasz wir ...
allein uns frölich uf dich verlan
dann allein in dir (Christus) sind volkommen alle tugend,
durch die (und nüt anders) wir selig werden mügend
Nicl. Manuel papst u. s. priestersch. v. 1874 Bächtold;

Christus Jesus vnser herr ... mit allen seinen volkomenhayten vnd tugenden, so in ym beschlossen sein Keisersberg geistl. spinnerin (1510) A 3b;

herr, der du in der kindheit dein
ein spiegel aller tugend rein
gewesen bist
Z. Faber d. ä. in:
Fischer-Tümpel d. ev. kirchenlied 1, 60.


ähnlich von Maria; vielleicht sind hier auch höfische vorstellungen mit wirksam:

gegrüezet sistû, künegîn,
Maria, ganzer tugende ein durchliuhtiger sunnenschîn!
Reinmar v. Zweter 22, 2 R.;

[Bd. 22, Sp. 1590]


aller frouwen und meide keiserîn,
engel und heiligen fröuden schîn,
tugent und genâden voller schrîn
und aller sünder trœsterîn
Hugo v. Trimberg renner 6007;

frauwe, ob allen wiben!
gemalen noch geschriben
kan nieman volle din dugent
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 1571;

wir loben dich (Maria) durch deyne togenth
dy du, fraw, von deyner yogunt
host getragen, reyne mait büchl. v. d. himmelfahrt Mariae 279 in: zs. f. dt. alt. 50, 181;

das sy (Maria) all tugenden, gaben vnd gnaden gehabt hatt übertreflich Keisersberg schiff d. penitentz (1514) 125b.
B. vom menschen. sittliche vollkommenheit als gegensatz zu laster, sünde, untugend. die übertragung des begriffes der 'tüchtigkeit' auf das gebiet des religiös-sittlichen verhaltens.
nach der antiken tugendlehre, die über Cicero von der christlichen theologie und dem mittelalter übernommen und christlich umgebildet wurde, ist virtus im ethischen sinne, seit Notker mit tugend wiedergegeben, eine ausstattung der menschlichen natur, die ihn befähigt, die dem menschen von gott aufgegebenen möglichkeiten zu erfüllen, eine 'mächtigkeit, ein gesolltes zu tun' (M. Scheler); sie ist ein 'habitus', nicht nur eine 'dispositionelle anlage', dem sein, nicht dem willen verhaftet. Thomas v. Aquin definiert sie nach Aristoteles als ultimum potentiae (summ. theol. I-II qu. 55 a. 1). diese klassische auffassung, die bei ihrem auftreten in der deutschen literatur bei Notker deutlich vorhanden ist, wurde schon im späten mittelalter ins moralische aufgelöst und damit entwertet, eine entwicklung, die in der aufklärungsphilosophie, wo tugend ein der vernunft entsprechendes und auf glückseligkeit zielendes verhalten darstellt, ihren höhepunkt erreicht. der versuch, eine neue tugendauffassung zu begründen und mit der sache auch das wort zu 'rehabilitieren', beginnt in der romantik (Sailer, Schleiermacher, Novalis) und führt über Nietzsche zur heutigen wertethik bei Scheler und N. Hartmann. dieser vorgang ist lexikalisch schwer zu fassen, zumal er nur in der gebildeten sprache sich vollzieht; der allgemeine sprachgebrauch bleibt bei der moralischen auffassung stehen.
seit dem ahd. begegnet neben dem sing. die tugend auch der plural die tugenden, einzelne äuszerungen der sittlichen vollkommenheit, die im anschlusz an die antike tugendlehre von der theologie in ein system gebracht werden (natürliche, übernatürliche, göttliche, eingegossene, erworbene tugenden; den verschiedenen tugenden werden bestimmte laster, sünden entgegengestellt). um die geschichtlichen zusammenhänge deutlicher werden zu lassen, werden die singularischen und pluralischen belege zusammen aufgeführt; einzelne besonderheiten der pluralischen verwendung s. unten IV.
1) ahd. und frühmhd.
der gebrauch des wortes tugend für die religiös-sittliche tugend des christentums beginnt mit Notker. er bleibt auch bis zum späteren mittelalter nahezu der einzige, auf jeden fall der wichtigste zeuge; nur in der predigt und der von Cluny beeinfluszten frühmhd. literatur ist tugent noch in dieser bedeutung belegt, aber auch hier nur verhältnismäszig spärlich (s. auch unter 2). vor Notker sind nur einzelne glossen (zu Boethius und Prudentius!) für virtus belegt. die übrige geistliche ahd. literatur (im besonderen Otfrid, Heliand, Tatian, Benediktinerregel), auch wenn ihr der begriff 'tugend' geläufig ist, kennt das wort nicht (vollständige sammlung der ahd. belege für tugend bei Aumann tugend u. laster im ahd. PBB 63 (1939) 143ff.). der grund für das eindringen der tugent als virtus moralis ist in den seit Notker gegenüber der früheren zeit veränderten kirchlichen lchr- und bildungsverhältnissen zu suchen. Isidor, Otfrid, Tatian, Heliand, mit der karolingischen schultradition zusammenhängend, ruhen im ganzen auf neutestamentlicher grundlage, das bedeutet wissenschaftlich: auf- den kommentaren des Alcuin und

[Bd. 22, Sp. 1591]


Rhabanus. dem neuen test. ist der ethische tugendbegriff des Hellenismus fremd; virtus der Vulgata ist in der überwiegenden zahl der fälle δύναμις (s. oben I A 1 u. 2), nur viermal (davon zweimal auf gott, zweimal auf den menschen bezogen: Phil. 4, 8; 2. Petr. 1, 5) übersetzt es ἀρετή (vgl. Kittel wb. 1, 459). virtus trat auch im christlichen zunächst als 'kraft', 'macht' ins bewusztsein. soweit virtus als 'geistige kraft' verstanden ist, haben die ahd. quellen maht, meghin, kraft; für das sittliche gutsein (dessen vorstellung noch unausgebildet und noch nicht von der antiken ethik beeinfluszt ist) haben sie guoti, triuwa.
mit Notker beginnt die antik-stoische ethik (Aristoteles, Cicero, die stoa) im deutschen wirksam zu werden mit der einbeziehung des Marcianus Capella und des Boethius in schule und lehre durch Scotus Eriugena und Remigius v. Auxerre, auf den Notker zurückgeht (zu diesem vorgang vgl. Ehrismann lit. gesch. 1, 423 f., Überweg-Geyer grundr. d. gesch. d. phil. 1, 135 ff. 180, H. Naumann Notkers Boethius 121, Grabmann gesch. d. scholast. methode I.). Notker übersetzt, namentlich im Boethius, virtus moralis mit tuged (daneben mit guoti, guottat, triuwa, chust; der tugendhafte ist auch der guote; auszerdem übersetzt Notker aber auch virtus = δύναμις mit tuged, bes. in den psalmen, s. oben I A). seine tugendauffassung ist noch die der antiken ethik, virtus — tuged ist mahtig, sie hat potentia (s. Notker 1, 235 P.); die boni (guoten) erstreben das summum bonum durch ambaht dero tugede, naturali officio virtutum, beleg s. unten: virtutes toginti ahd. gl. 2, 76, 64 St.-S. (glossen zu Boethius consolatio nr. dlxxix); virtutis tugundi ebda 2, 422, 10; virtute tugindi ebda 2, 462, 45: (gegensatz der vollkommenheit [perfectio] von natur aus [natura] und der durch tugend erworbenen:) atqui hoc unum est, quod possit allicere prestantes quidem natura mentes, sed nondum perfectione virtutum perductas ad extremam manum triuwo chad si, wola weiz ih, taz ist taz eina ding, taz tiu burlichen muot ferspanen mag. purlichiu chido ih, nals nieht prahtiu mit turnohti allero tugedo ze dero iungestun slihti Notker 1, 110, 2 P. (Boethius II p. 7, 6); quodsi quid est bonum in nobilitate id esse arbitror solum, ut videatur imposita necessitudo nobilibus, ne degenerent a virtute maiorum. taz eina ahton ih echert kuot wesen an demo edele ube is ieht kuot ist, taz tien edelingen des not tunche nah tien forderon ze slahenne an iro tugede ebda 1, 159, 22; ten du aber sahist wisen, mahtist tu den ahton unwirdigen erhafti unde selbes sines wistuomes? minime. nein du. inest enim virtuti propria dignitas. tuged habet an iro selbun eigene wirde ebda 1, 146, 26; quid autem est quod attineat ad precipuos viros de his enim sermo est, qui virtute petunt gloriam, quid, inquam, est quod de fama attineat ad hos post resolutum corpus suprema morte? aber waz haftet ze dien maristen mannen, ih meino die, die mit tugede sih wellen furenemen nals mit lottere, waz haftet ze in, waz toug in dehein liument nah temo tode ebda 1, 117, 9; sed summum bonum quod eque propositum est malis bonisque, boni quidem petunt naturali officio virtutum, mali vero conantur adipisci idem ipsum per variam cupiditatem, quod non est naturale officium adipiscendi boni nu suochent, chad si, die guoten summum bonum, daz peiden gelicho erboten ist, kuoten joh ubelen, mit temo ambahte dero tugedo, aber die ubelen beitent sih iz kewinnen mit misselichen werltkiredon, daz naturlih ambaht nieht neist, kuot ze gewinnene ebda 1, 237, 22 (Boeth. IV p. 2, 64); est alius cunctis virtutibus absolutus, sanctusque ac deo proximus ... so ist etelicher allero tugede foller, heiliger, joh kotelicher ebda 1, 285, 19; choment hara stigen uffen gotes perg venite ascendamus in montem domini, wieo sol man darauf stigen? vuir suln gelouben an in. unde an imo gerucchen (stigen) ze dero hohi dero tugedo (zu ps. 47, 2) ebda 2, 181, 15; deus qui precingit me uirtute. got ist der mih curtet mit tugede. nie miniu werch unde mine genge geirret newerden fone antlazigen gelusten (ps. 17, 33) ebda 2, 53, 20; vir dictus est a virtute. vone dannan der manlicher tugede ist, der huotet des gerno, daz er in vinea domini niet mercenarius sî, der in dero

[Bd. 22, Sp. 1592]


vindemia niet teil nehat, sunter agricola, der beide sinemo herren wirke unt er selbo an demo wintemode teil habe Williram hoh. lied 145, 3 S.; do dero apostolorum praedicatio gestarkota, unte dero sententia wart reprobata, die carnaliter legem wolton observare, sider scinon in ecclesia maniger slahta tugede, samo scone winbluod, unte von den tugedon quam guot luimunt, als iz quit: magnificabat eos populus ebda 42, 5; abo diu ecclesia de gentibus solo auditu verbi dei îlet siu zeimo mit den tugeden, die der geboton wurdon in lege, mit mortificatione carnis ... mit munditia precum, ... mit maniger slahte woletate ebda 50, 10; daz dier (autula) bizeihchenet den man, der dir giwarnôt ist mit allên dûgeden, mit minne, mit driuuôn, mit allero reinnussedo, den dir diûval nieht bidrêgan nemag physiologus 99 Steinmeyer; dei werh, dei man dar inna (in dem weingarten) wurchen scol, daz ist diu miteware, diu chûske, diu kidult, diu guote, diu ensticheit unte andere tugendi desin keliche Wiener Notker (predigtsammlg. B) 169, 15 Steinmeyer;

den vil tiurlîchin man
muge wir nû ci bîspili hân,
den als ein spiegil anesehin
die tugint unti wârheiti plegin Annolied 580 Roediger;

alle gotes trûtfriunt, die der hant ervullet diu vier evangelia in stater tugent regula, in gelichimo einmuote himmel u. hölle 11 Steinmeyer; da wizzen al ein anderen unvertougenlîcho die himilisgen erben, die die burg buent in durhskonen tugindan ân aller missetate pflega. da rîchisôt diu minna mit aller miltfrowida und aller tugidone zala mit stâten vrasmunde ebda 16;

ouch waiz min trehten daz,
daz si (Judith) uil wnderen scone was.
wandiz ne waz nieht uon iunchlicher ubermt (dasz sie sich schmückt)
niewan von ir tugeden vil gt jüng. Judith in:
Diemer dt. ged. d. 11. u. 12. jh. 161, 26;

(Maria) ruoche mig gesterken
in allen guoden werken,
daz ich begê mînen lîf
alse die heilige wîf,
die uns aller dugende
gegeven habent bilede Arnsteiner Marienlied 158 ebda;

Faustinjânus nam ain wîp,
diu was im sam der lîp:
Mähthilt hiez diu frowe,
si leist im grôze triwe.
si was ze manigen tugenden rekorn,
ouh was diu frouwe geborn
von kaiserlîchem kunne kaiserchron. 1227 Schröder;

(Karl) nam eine frouwen —
wir suln gote wol getrûwen,
daz ir sêle bî den rehten sî;
aller bôsheite was si frî.
diu frowe was lussam unt êrlîch,
mit manigen tugenden zierte si sich.
nîdære in dem hove wâren:
do si ir tugent ersâhen,
si gewunnen zu der chunigîn arcwân ebda 15 407;

welh tugent mag mêre unde tiurer sîn, denne sô der menniske sich selbin irfihtet und er sîner site gewaltich wirt in sîneme trbesale? St. Trudperter hohes lied 146, 19 M.;

treit ein reine wîp niht guoter kleider an,
si zieret doch ir tugent, als ich michs kan verstân,
daz si vil schône stât gebluot
Spervogel in: minnesangs frühl. 24, 3 Kr.;


2) mhd.
breiteren umfang nimmt der gebrauch von tugend für die virtus moralis erst im 13. jh. an, in der geistlichen und weltlichen literatur. zu deuten ist diese zunahme als eine reaktion gegen die verwendung von tugend innerhalb der höfischen welt (s. oben II A), durch die das wort tugend stark ins bewusztsein der zeit gedrungen war. wenn auch die sache innerhalb der kirchlichen lehre bekannt war, so wird doch erst jetzt in auseinandersetzung mit der allmählich veräuszerlichten höfischen tugendauffassung das wort tugend

[Bd. 22, Sp. 1593]


auch für das religiös-sittliche verhalten geläufig. so ist z. b. in den von Schönbach veröffentlichten predigtsammlungen (im wesentlichen des 12. jhs.) tugend noch selten, während es bei Berthold v. Regensburg zu den häufigsten wörtern zählt. selbst in der mystik, für die die tugendlehre nicht das wichtigste ist, begegnet tugent verhältnismäszig oft. einzelnes s. unter DWB a und b.
a) tugend als 'virtus moralis' in der geistlichen literatur seit 1200. der bei Notker begonnene gebrauch des wortes tugend für das auf das summum bonum als letztes ziel ausgerichtete menschliche sittliche streben setzt sich in der predigt des 13. und 14. jhs. fort. dabei gewinnt tugend keine eigentlich neuen begriffsinhalte hinzu, wenn sie auch infolge der scholastischen lehre im einzelnen stärker durchgebildet und systematisiert wird. das eine grundverhalten wird vom träger (dem menschen) und vom bewirker und ziel (gott) her in verschiedene einzelweisen aufgeteilt. neben diesen einzeltugenden bleibt aber immer die tugend bestehen. wesentlich für die tugend dieser zeit ist, dasz sie noch wie bei Notker eine 'mächtigkeit' ist, die den menschen in seinem sein zur vollkommenheit bringt, vgl. besonders das Aristoteles- zitat bei Eckhart Rube unter β.
α) allgemein: tugent ist eins verstanden gemüetes rehtiu ordenunge nâch dem oberisten guote. rehte tugent habent niwan die krêatûre, die nach gote gebildet sint: der engel und der mensch David v. Augsburg in: dtsch. mystiker 1, 310, 8 Pf.; umbe die gebresten, die wir haben an tugenden, an genâden, an guoten werken ebda 1, 318, 14; war und volkomen gehorsamy ist ein tugent vor allen tugenden, und kein werck so gros mag geschehen noch geton werden one die tugent meister Eckhart reden d. untersch. 5, 6 D.; recht also sprich ich von der tugent, das si hat ein innig werc: wellen unt neigen zuo aller gti und ilen unt widerkriegen von allem dem, das bœs unt úbel ist, gotte unt gti ungeliche ders., buch d. göttl. tröstg. 24, 27 Str.; der (mensch) dreit das bilde godis an yme, daz nummir fortiligit wirt joch an den fortumiten (verdammten), wan daz ez so gar fordinsterit (verfinstert) werde, das got sprechin muge: 'ich erkenne min bilde an uch nicht'. diz glichnisse godis an der sele daz sint tuginde paradisus anime intell. 20 Strauch; ich heiss den einen weslichen menschen, der mit gter steter bung die tugent erstriten hat, daz sú im nah dem hhsten adel lustlich und beliplich sind worden, als der schin der sunnen in ir ist beliplich. so heiss ich unweslich, dem das licht der tugent in entlenter, unsteter, unvolkomenr wise lúhtet. als der schin in dem mane tt (vgl. anm. zu der stelle) Seuse 176, 20 B.; die menschen die in (dem 3. chor der engel: den virtutes) volgent unde in heimlich sint, die werdent als tugentsam, das in tugende als licht und lústlich werdent als si ir wesen und ir nature si worden Tauler 374, 2 V.; das erste ist: der mensche sol sin unschuldig von allen súnden. das ander ist: er sol sin gekleidet mit den tugenden unsers herren Jhesu Christi ebda 311, 12; flissent úch miltekait, erbarmhertzkait, kúuschhait ..., won dise tugent sint alle der selen klait St. Georgener pred. 241, 7 R.; das hoehste, da der geist zuokomen mac in disem lîbe, daz ist daz er wone ob nôtdurft der tugende, daz ist alle güete in ime alsô genâtûret sî niht alleine daz er tugende habe, mêr daz diu tugende weslich an im sî, daz ist daz er tugende üebe niht von nôt, mêr von einer weslîcher guotheit bruder Franke in: zs. f. dt. altert: 8, 244;

als der philosopnus uns sait
und sant Thomas auch bericht
und bewärt, das chain tugent nicht
an rechte lieb nit mug gesein
Hans Vintler pluemen der tugent 252 Z.;

Gregorius seeht: ghelijc als ut der wortelen des boemes groyen, bloyen, twyger unde vrucht komet, also komet alle doghede ut der leeften godes Joh. Veghe wyngaerden der sele 83, 3 R.; wante dat vereenyghen des willen myt den godliken willen ... dat maket de doghede unde dat maket, dat de doghede doghede syn ders. pred. 78, 25 Jostes.

[Bd. 22, Sp. 1594]



β) übernatürliche, natürliche, sittliche, verstandhafte etc. tugenden. die scholastische lehre bildet auf grund der antiken und frühchristlichen tugendlehre eine systematik des tugendlebens aus. das eine grundverhalten wird je nach seiner besonderen ausrichtung oder herkunft in verschiedene einzelweisen aufgeteilt, denen oft ebensoviele untugenden oder laster gegenübergestellt werden. die wichtigsten unterscheidungen sind: übernatürliche und natürliche, oder eingegossene, virtutes infusae und erworbene, virtutes acquisitae (zu den übernatürlichen gehören die göttlichen oder theologischen tugenden [glaube, hoffnung, liebe], zu den natürlichen oder menschlichen die auf Aristoteles zurückgehenden vier grund- oder kardinaltugenden [klugheit, gerechtigkeit, starkmut, mäszigkeit]); verstandhafte und sittliche tugenden (Aristoteles). neben der römisch-stoischen tugendauffassung, deren vermittler an das christliche mittelalter Cicero war (über Boethius und Marcianus Capella), ist vor allem Augustinus für die ausbildung der tugendlehre wirksam gewesen. die klassische darstellung der mittelalterlichen tugendauffassung gibt Thomas v. Aquin in seiner summa theologiae I-II qu. 49-70. zur sache vgl. J. Mausbach die ethik des heil. Augustinus (21929); O. Dittrich gesch. d. ethik. die systeme der moral vom altertum bis zur gegenwart 1926 ff. unter die folgenden belege sind des zusammenhangs wegen auch vereinzelte frühere und spätere aufgenommen. vgl. virtus politica sitlich tugent (15. jh.) Diefenbach gloss. 622c; virtutes theolye (= theologyce) gottliche togunde Alois Bernt beitr. z. mittelalterl. vocabul. reg. 455; virtutes cardinales czuchtliche togunde ebda 454; virtus cardinalis czuchtlich dugent (15. jh. md.) Diefenbach gl. 622c; noch der gnade volgin di tuginde, daz sint vollincumenheit di da den namen der tuginde sunderliche habin behaldin. von tuginden sprichit Aristoteles: 'tugint ist di da vollinbrengit den de si hait, und sin werc guit machit'. aber dit ist gesprochin gemeinliche fon tuginden di da sint gewonnen. aber fon den ingegozzenin tuginden sprichit sente Augustinus: 'tugint ist ein guit aneval der sele, den niman ubile nutzit, den got in uns ain (âne) uns wirkit'. dise tuginde vollinbrengin di crefte der sele zu wole wirkine und sin zweigerleige. eine gotlich, darumme daz ir werc unmittillich sin gegin gode, und ir sin dri: glaube unde hoffenunge und minne. die anderin daz sin mensliche tuginde, der werc ensin nicht unmittillich gegin gode, alleine got daz ende si. und dise sin auch zweigerleige. die einin gehorin zu der fornuft, daz ist wisheit, fornuft, cunst und cluicheit, und di in disin sint beslozzin, di heizint fornufliche tuginde. di anderen gehorin zu den willin und zu den anderen creften; der heubit sint genant gerechtikeit, sterke und mezikeit. in den sint file andere beslozzin und die heizin sitliche tuginde, wan si gehorin zu den siden Eckhart Rube in: paradisus anime intell. 69, 33 Strauch: driestunt habon ih dih geladet, daz du wizzist, daz du durhnahtig scalt sin in den drin tugeden, fide, spe et caritate, oder ioh in cogitatione, locutione et opere Williram hoh. lied 62, 9 S.;

bezaihenet ist uns dâ bî
der tiursten tugente doch trî.
zwâre sagen ich iu daz:
fides, spes, caritas ...
dannen choment uns ander tugente manicvalte himml. Jerusalem 437 Waag;

und da ist gnade ein cleit der sele alzumale, und alle di crefte di dar uz flizin mit ubernaturlichin tugindin, di da heizin gotliche tuginde; und enist kein craft sundir craft der gnade paradisus anime intell. 103, 22 Str.; und hie in ime werdent eime menschen gegeben die heiligen súben goben des heiligen geistes und die drige gttelichen tugenden, also geloube, zversicht und minne, und alle vollekomenheit und worheit Tauler pred. 96, 2 V.; so n disú sele dis laitren uf klimmet, so sol si denne an die dritten laitren klimmen, dú ist noch höher, daz sint die götlichen tugenden St. Georg. pred. 235, 2 Rieder; de veer doghede, de gheheiten syn pryncipael doghede ... maticheit ... starcheit ... voersichticheit ofte wijsheit ...

[Bd. 22, Sp. 1595]


rechtferdicheit Joh. Veghe pred. 313, 7 Jostes; die sieben gaben des heyligen geystes usz zu schriben myt kurczern wortern als sie dan underscheydenlichen synt von den dryen gotlichen togenden und von den vier engeltogenden ... ist sere swere (vor 1468) Joh. Wolff beichtbüchl. 34 Battenberg; güldenes tygend-bvch, das ist, werck vnnd übung der dreyen göttlichen tugenden Fr. Spee güld. tugendbuch (1649) 2a; von den drei christlichen tugenden ist es die hoffnung, welche der dichter sich in ganz vorzüglichem grade beilegen zu dürfen glaubt Döllinger akad. vortr. (1888) 1, 80.
och sol man wissen das sunder zwivel, das ouch natúrliche menschliche tugende so edele und so kreftig ist, das ir kein usserliches werke ceswere enist noch gros genge, das si sich dar an unt dar inne bewisen múge unt sich dar in erbilden meister Eckhart buch d. göttl. tröstung 23, 30 Str.; wie der usser mensche sol gesat und gebet sin mit natúrlichen tugenden und die niderste krefte mit sittelichen tugenden, und wie der heilige geist danne die obersten krefte zieret mit göttelichen tugenden Tauler pred. 97, 14 V.; sitteliche oder uftragende tugende ebda 95, 26; andere tugent, die da heissen morales, sitlich tugent, die mag man mit wercken vberkummen, aber die werde tugent, die da charitas heisset, die msz allein gott der herr geben Keisersberg brösamlin (1517) 2, 28 1a;

eur er und eur jugent
gleich ich zu den siben tugent fastnachtssp. a. d. 15. jh. 1, 407 Keller;

diesz ist die starcke schaar, die in der schmiersucht tobet,
das niederträcht'ge volck, so, wann es ihm beliebt,
leicht die elff tugenden und oft noch mehr vergiebt
Hagedorn versuch einiger ged. 62 ndr.


γ) tugend als 'gnade'. soweit die tugenden von gott eingegossen sind (virtutes infusae) haben sie zusammenhang mit der gnade: sie sind gnadengaben, im gegensatz zu den erworbenen (sittlichen) tugenden, so dasz tugent die bedeutung 'gnade, gnadengabe' annehmen kann. in diesem sinne werden auch die sieben gaben des heilg. geistes gelegentlich zu den tugenden gerechnet, dazu etwa Thomas v. Aquin summa theol. I—II qu. 68. über tugend und gnade; vgl. auch unter gnade II D 3, teil 4, sp. 528: dâ von wuchs ouch an den hôhen heiligen diu diemuot mit den tugenden unde mit den genâden David v. Augsburg in: dtsch. mystiker 1, 332, 16 Pf.; wiltü alles gebresten benomen oder entonet werden alczumal und mit tügenden und gnaden becleidet werden und in den ursprung wunneclich geleit ... so halt dich also, dasz du dz sacrament wirdeclich und oft mögest nemen meister Eckhart reden d. unterscheidung 31, 17 D.; und alsô ist ez umbe die gnâde und gâbe und tugent: sô sie ie grœzer sint, sô er (gott) sie ie gerner gibet; wan sîn natûre swebet dar an, daz er grôziu dinc gebe ders. w. 1, 65, 6 Quint; alle ir sinne koment in sogtan ingezogenheit und ir verstantnisse in ein schowen der blossen warheit, daz kein schner blm in disem wunneklichen zit sich nie so schone naturlich gefrwet noch geziert, als ir hertze und mt in dem hohen ursprunge alles gtes úbernaturlich wirt mit gnaden und mit tugenden geziert Seuse dt. schr. 478 Bihlm.; so vil mer darusz (aus dem brunnen d. i. Jesus Christus) getruncken würt, so vil rychlicher sölcher edler brunnen vberfleüsset vol aller gnaden vnd tugenden Hartmuth v. Cronberg schr. 3 ndr.; vgl. DWB stand der tugend verwandt dem stand der gnade:

nun denkt sie (d. hölle) an ihr altes glücke ...
da noch ihr herz im stand der tugend,
ihr froher geist in frischer jugend,
und stets voll neuer wonne war
Göthe I 37, 6 W.


δ) eine besondere stellung innerhalb der predigtliteratur nimmt Berthold v. Regensburg ein, insofern seine tugendauffassung in schärfster auseinandersetzung mit einem höfischen veräuszerlichten tugendbegriff steht und er für die spätmittelalterliche moralische tugendauffassung auch in der weltlichen literatur bestimmend geworden ist (s. des näheren unten b, besonders β), wobei zu bedenken

[Bd. 22, Sp. 1596]


ist, dasz er als der bedeutendste stellvertretend steht für die damalige franziskanische reform. die dominikanerprediger mystischer richtung halten sich von einer gegensatzstellung zum höfischen fern; ihr tugendgebrauch ist die übertragung scholastischer anschauung ins deutsche, die häufigkeit des gebrauches von tugend bei ihnen mag sowohl von Berthold wie auch unmittelbar von höfischer sprache beeinfluszt sein: (gott) meinet aber niht die tugent, daz etelîche liute tugent heizent. sô einer eine botschaft hovelîchen gewerben kan oder eine schüzzel tragen kan oder einen becher hovelîchen gebieten kan unde die hende gezogenlîche gewerben kan oder für sich gelegen kan, sô sprechent etelîche liute: 'wêch! welch ein wolgezogen kneht daz ist ...! daz ist gar ein tugentlîcher mensche: wê wie tugentlîche er kan gebâren!' sich, diú tugent ist vor gote ein gespötte Berthold v. Regensburg 1, 96, 23 Pf.; sich der (höfischen) tugende ahtet got niht, wan also lêret man einen hunt wol, daz er die füeze für sich habet unde daz er schône gebâret ... er wil deheiner tugent niht ahten, wan dâ mite man allen untugenden widerstrîten kan. aber sunderlîche siben untugende sint, daz sint siben houbetsünden ebda 1, 96, 31.
b) tugend als sittliches verhalten in der weltlichen literatur seit dem 13. jahrhundert.
die tugendauffassung der spät- und nachhöfischen weltlichen literatur ist das ergebnis einer auseinandersetzung der höfischen tugend mit dem ihr entgegentretenden religiössittlichen gebrauch von tugend (siehe oben III B 1 u. 2 a), wie er seit Notker wirksam ist. gefördert wurde diese umbildung durch das stärkere hervortreten des bürgertums gegenüber dem rittertum. die voraussetzungen für eine solche umgestaltung der standesmäszig gebundenen ritterlichen tugendauffassung ins sittliche im eigentlichen sinne liegen in der höfischen tugend selbst (s. unten α). zunächst umfaszt auch die höfische tugend in ihrer forderung der mâze, milte, der ritterlichkeit überhaupt (s. oben II A 2) sittliche züge, dann aber geriet die ursprüngliche gradualistisch gefaszte tugend, die äuszeres und inneres einbezog, im verlauf der auflösung des gradualistischen weltgefühls in eine veräuszerlichung, indem sie immer mehr auf das äuszere standesgemäsze benehmen beschränkt wurde. tugent als werltlich werc aufgefaszt (schon bei Konrad v. Würzburg d. welt lohn 48) und damit entwertet, bot die grundlage für die ablehnung durch Berthold v. Regensburg und ihre neubelebung und umformung vom kirchlichen tugendbegriff her (s. die belege unter III B 2 δ). bei den nachhöfischen dichtern (bezeichnend der jüngere Titurel, die epische lehrdichtung, die spruchdichtung, der meistergesang; bes. Joh. Rothe im ritterspiegel, vgl. dazu J. Petersen das rittertum in der darstellg. d. Joh. Rothe [1909]) dringt, beeinfluszt von der reformpredigt, die neue auffassung in die höfische begriffswelt ein und wandelt einen groszen teil des wortschatzes vom höfisch seinsmäszigen ins moralische, so kiusche, stæte, reine, mâze, zuht, triuwe, am deutlichsten tugent, vgl. H. Kunisch spätes mittelalter in: deutsche wortgeschichte 1 (1943) 217ff.
α) übergangsformen der sittlichen tugendauffassung. die neue verwendung entwickelt sich zunächst innerhalb des höfischen zusammenhanges. vielfach sind die mit tugend verbundenen begriffe die gleichen wie in der höfischen dichtung. die ersten andeutungen des neuen finden sich noch in der ritterlichen dichtung selbst; bei Hartmann, Wolfram und Walther ist tugend noch gradualistisch empfunden, die angeführten belege zeigen aber die ansatzmöglichkeiten für eine umbildung. die sittliche wertung setzt sich erst in heftiger auseinandersetzung durch, s. auch unter β und γ und oben II A 1; bei manchen dichtern der übergangszeit, z. b. Konrad v. Würzburg, Konrad Fleck, Albrecht v. Scharfenberg, Johann v. Würzburg, und selbst bei späteren, wie Joh. Rothe, begegnet neben der neuen auffassung noch höfische wertung. das ergebnis der umbildung ist eine begrenzungund damit verdeutlichungdes allseitigen begriffes der höfischen tugend auf das sittliche verhalten im engeren sinne, das in bezug auf die frau mit 'keuschheit' gleichbedeutend wird und

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dessen gegenteil, untugend, gleich 'unkeuschheit' ist. die gleiche richtung setzt sich im nhd. fort und führt zusammen mit der rationalisierung namentlich in der aufklärung zu einer völligen entwertung des tugendbegriffs (s. unten III 3 c, e, g; 4):

ez ist reht daz man sî krœne,
diu zuht unde schœne,
hôhe geburt und jugent,
rîcheit und kiusche tugent,
gete und wîse rede hât
Hartmann v. Aue Iwein 6466 B.;

hêrre, ich bin des iemer frô,
daz ir mich von dem bescheiden hât,
der nihtes ungelônet lât,
der missewende noch der tugent
Wolfram v. Eschenbach Parzival 467, 15;

tugent und reine minne,
swer die suochen wil,
der sol komen in unser lant: da ist wünne vil
Walther v. d. Vogelweide 57, 11 Kr.;

nû ist zît daz ich sagen wil
waz vrümkeit und waz zuht sî
und waz tugende unde wî
beidiu wîp unde man,
swerz von im selben niht enkan,
ze guoten dingen komen sol
Thomasin v. Zirclaere d. wälsche gast 26 R.;

hie bi, zhtic man, nu lern
daz du die selben vliehest
und din sinne zu den ziehest,
die tugent und ere minnen!
so lazz mich got gewinnen
die vræude diu da niht zergat!
der tiuvel verkereren (den tugendlosen) hat
berait ain læsterliches bat:
hab tugent liep, daz ist min rat!
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österr. 10839 R.;

man kan mit keinen dingen
rîchtuom zesamne bringen
ân sünde und âne schande gar;
des nemen die rîchen hêrren war.
manc armer hêrre tugende hât,
so er rîch wirt, die er danne lât
Freidank bescheidenheit 43, 18 Grimm;

swer in zorne ist wol gezogen,
dâ hât tugent untugent betrogen ebda 64, 19;

diu minne lêret grôze milte,
diu minne lêret grôze tugent,
diu minne lêret, daz diu jugent
kan ritterlîch gebâren under schilte
Reinmar v. Zweter 31, 10 R.;

ich wil in lêren, werdiu wîp;
der lêre volgt: sô wirt getiuret iuwer reiner lîp:
besliezt in iuwerm herzen tugende, kiusche unt dar zuo reinen muot ebda 37, 3;

si sol sich vlizen reiner site,
so daz ir wibes guete unt wîbes tugende volge mite ...
si sol sprechen, lachen unde schimpfen,
also daz si sich tiure mit gelimpfen,
mit wibes tugent ir lop gemeren.
si sælic wip, diu also kan
mit rehter kiusche erwerben man! ebda 44, 5;

etzwanne di ediln, fromen aldin
ere kindir grosze togunde lartin,
in solchin zcuchtin si wordin gehaldin
daz sy zcemelichin gebartin
Joh. Rothe ritterspiegel 38 Neumann;

(die 'ritter' bei der kreuzigung Jesu waren)
von unendelichem geslechte
und darczu de tufilz kint.
daz prufit man bi der cleidir spel
daz an der femestad geschach,
wan eris gutis dez waz nicht vel,
der togunde und eren en gebrach ebda 924.


β) in deutlicher abgrenzung von der höfischen tugend; höfische werte wie sælecheit, êre, guot, schœnheit werden der tugent entgegengesetzt. aufschluszreich sind jetzt auftretende kennzeichnungen wie werltlich tugent, der êren tugende, tugent des lîbes, werltlich êre für die höfische wertung und geistlichiu tugent, der sêle tugent, hôhste tugent, innerlichiu mugent für die neugewonnene haltung (vgl. den ähnlichen vorgang im nhd., wahre tugend als abhebung gegenüber einer veräuszerlichten tugendauffassung, III B 5 b).

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anfänge dazu innerhalb der höfischen welt liegen bei Walther v. d. Vogelweide (inre tugent 81, 4); er nimmt den höfischen anstand von der tugend aus, s. oben II A 1:

jô lob ich niht die schœne nâch dem schîne:
milter man ist schœne und wol gezogen.
man sol die inre tugent ûz kêren:
sô ist daz ûzer lop nâch êren,
sam des von Katzenellenbogen
Walther v. d. Vogelweide 81, 4 Kr.;

ein tœrscher man der siht ein wîp
waz si gezierd hab an ir lîp.
er siht niht waz si hab dar inne
an guoter tugende und an sinne.
sô merket ein biderb man guot
ir gebærde und ouch ir muot
Thomasin v. Zirclaere d. wälsche gast 1307 R.;

tugent ziert alter und jugent:
nu gêt untugent vür die tugent
sô verre, daz herren und rîche liute
untugent sich nimmer schement hiute
Hugo v. Trimberg renner 9187 Ehrism.;

sît junge und alte, man und wîp
mêre flîzes legent an iren lîp
denne an der sêle tugent und êre
sît wart unwert der wîsen lêre ebda 9965;

die ûzer lêr der jugendedes ersten was bescheiden,
daz si der eren tugendeûzen trgen sich ze werden cleiden,
und dester baz der under wurden venge,
wan hort (dat.) der hôhsten tugendewas ie der zühte kunst (lesart: werltlich tugent!) ein anegenge d. jüngere Titurel 559 H. (geändert nach Zarncke); ebda 548;

vonde dise frouwe here
niht werlthcher ere
uzerliche enschte
joch anders niht gerchte,
wene alles geistlicher dugent,
unde ouch an innerliche mugent
ir gemude wande hl. Elisabeth 2479 Rieger;

daz sach man an der claren
bi iren jungen jaren,
bluwende an ir jugende,
an crefte hoher dugende;
doch werltlicher ere
di blme dorren sere
began in ir gemde,
wi doch ir dugent blde ebda 2470;

dy sele (acc.) sy (d. weisheit) gar edil machit,
daz gemute sy reyne smedit,
dez libis togunt si vorsachit,
vor schadin si befredit
Joh. Rothe ritterspiegel 1395 Neumann;

ez schadit eyme ediln manne nicht
ab her ist swarcz und obil gestalt,
wan em der togunde nicht enpricht
so ist sin ere gar mannigvalt ebda 1983;

von selikeid ouch manchir spricht
der si wenig kan irkennen;
sundirn der ist selig der togunde had
gesamment wol in sime muthe
und furit di wort und ouch di tad
wi geringe her si von guthe ebda 1909.


γ) die wandlung gegenüber der höfischen tugend wird besonders betont in der umwertung des adels. in der spätmittelalterlichen dichtung begründet nicht mehr die adelige haltung die tugend (s. oben II A 2 e), sondern adel hat, wer tugendhaft ist; F. Vogt der bedeutungswandel des wortes edel, Marburg 1909; G. Ehrismann zs. f. dt. a. 56 (1919) 156. die neue wertung setzt sich nur schwer durch, sodasz es begegnen kann, dasz späte dichter den geburtsadel verteidigen (so Muskatblüt 68, 127 ff.; 69, 41ff., wo aber das wort tugend nicht erscheint) oder beide auffassungen bei einem dichter nebeneinander stehen, vgl. die belege von Johann v. Würzburg hier und oben II A 2 e. des näheren vgl. G. Roethe Reinmar v. Zw. s. 231 f. u. die anmerkungen zu den sprüchen 79ff.; Ehrismann gesch. d. dt. lit. 2, 2, 1, s. 308f., bes. anm. 1.: swâ man sî (die tugend) hât, ist der mensch unedel, ist er arm, ist er krank, ist er ungestalt, ist er ungespræche, ist er ungelêrt der buoche oder ander behendekeit ... daz übersiht man allez samt und hât in liep unde wert, ob er lûter tugende hât David v. Augsburg in: dtsch. mystiker 1, 309, 28 Pf.;

[Bd. 22, Sp. 1599]


ez schadet vorhtelôsiu jugent:
sost nieman edel âne tugent.
swer âne vorhte wirt erzogen,
an dem ist elliu tugent betrogen
Freidank 53, 18 Grimm;

swer rehte tuot derst wol gehorn:
ân tugent ist adel gar verlorn
er sî eigen oder frî. ebda 54, 7:

ein man der rehte tæte ...
wær des geburt ein wênic laz,
der behagte doch der welde baz
dan von küneges fruht ein man
der tugent noch êre nie gewan Meier Helmbrecht 494 Panzer;

wær von geburt der ain gebur,
der tugent und zuht hat,
der trait von reht des adels wat
Joh. v. Würzburg Wilhelm v. Österr. 5923 R.;

zwei adel sint an den liuten ouch:
von sînem kūnne ist einer edel
unt ist doch selbe ein gouch,
der ander ist von sînen
tugenden edel unt niht von hôhem namen
Reinmar v. Zweter 81, 3 R.;

swelch ritter nû die (neun) tugende hât, (gottesminne, minne
zu reinen frauen, kämpfen, hochgemüte, ehre, treue, wahrheit,
milde, barmherzigkeit)
daz er sie volliclich begât,
ich nim iz ûf die triuwe mîn,
er mac vor got ein ritter sîn Seifrit Helbling 7, 1197;

daz adil ist eyn lobelichir wan
und ist eyn fremmede clarheit
den di fromen luthe vordinet han,
und hastu dez nicht in wahrheit,
so machit ez dich nicht gud darzeu;
ist daz dir der togunde gebricht
und daz du ouch edellichiu mogist getu,
so hilffit dich diner eldirn adil nicht
Joh. Rothe ritterspiegel 1514 N.; vgl. 1977;

er adil daz quam nicht von der gebort ...
sundirn von togunden also ir had gehort,
di in der sele daz werkin ebda 563.

die gleiche auffassung auch im nhd.: wer den rechten adel haben wölle, der hab got lieb, wann götliche lieb ist ain form vnd leben aller tugent, vnd die tugent würckent den adel. alls bald aber die lieb gotes erlischt, so seind abgestorben all tugent; wenn dann der mensch nit tugent hat, wa ist dann sein adel? Keisersberg granatapfel (1510) B 6d;

ausz tugend herkombt adels eer
wo einr sich hat geflissen
der tugent groszmit jren genosz
nach eren hat thun streben
ein solchen manhat man nit landa hinden stan
G. Forster fr. teutsche liedlein 9 ndr.;

wie wol er von geschlechte unedele was, doch von tugent nit edeler gesein mochte Arigo decamerone 248 Keller; das plte nyemant den adel geyt als ir wol wist; sunder alleine die tugent den geyt ebda 71; wöllen wir denn recht bedencken was adel ist, so finden wir nicht anderst, denn dasz allein die tugendt im gemüt den adel gibt buch d. liebe (1587) 126d;

tugend für allen adel gehet
adel mit tugend gantz wol stehet
Bas. Faber thes. (1587) 548a;

der tugendreich ist wolgebohrn,
ohn tugend ist adel verlohrn
Lehman flor. polit. (1662) 1, 154;

da doch alle wohlgesittete völker jederzeit dafür gehalten, dasz es rühmlicher sey den adel von der tugend, als von den ahnen zu zehlen Lohenstein Arminius (1689) 1, vorber. c 1b; denn hierdurch kan sich der mensch allein edel machen, indem das geblüte nur den leib, tugend und wissenschaft aber den gantzen menschen edel macht. der adel ist, wie Salicetus sagt, eine tochter der wissenschaft, und hat, wie Marius beym Salustius redet, seinen ursprung aus der tugend genommen ebda c 1b; die tugend adelt mehr, als das geblüth Pistorius thes. paroem. (1715) 143; virtus nobilitat tugend macht edel Spanutius (1720) 572.

[Bd. 22, Sp. 1600]



δ) auszerhalb des höfischen rahmens und ohne betonung des gegensatzes zum höfischen:

dem bevalh sîn muoter in,
durch die sælde und den gewin,
daz er in tugende lêrte
und im sîn herze kêrte
ûf die wâren minne gotes
Konrad v. Würzburg Silvester 119 Grimm;

mir (dem kaiser) wirt geboten und gegeben
ûf erden aller ougen blic:
ob tugent an mir nem den sic,
des ahtet manger muoter kint ders. Silvester 2612 Gereke;

ein frum man sol ze allen stunden
daz bœse haben smæhe,
und ob ez niemen sæhe,
ze tugenden sîn geflizzen,
und sol daz rehte wizzen
ob er tugent von herzen minnet,
daz er sîn lôn gewinnet
zuo der werlde und wider got
Konrad Fleck Flore 59 S.; vgl. 72;

got nimt vor aller tugendedri gar sunderliche:
daz ein ksch in jugende,daz ander ist der demutig riche,
daz dritte liden armut mit gedulde.
dise tugent werbent fur ander tugentvil der gotes hulde d. jüngere Titurel 246 H.; vgl. 503f.;

alle gîtiger sint beteler:
alein der biutel in sî swêr,
doch sint ir herze tugende lêr:
dâ von sint si gote unmêr,
wenne si getrûwent nieman ûf erden
Hugo v. Trimberg renner 7887 Ehrism.;

wölle wir der tugende acker jeten,
sô müeze wir wachen, vasten, beten,
uns selber zemen und âne verdriezen
mit ougen regen die sât begiezen,
ê denne daz unkrût si verderbe
und schaden mit schande ûf uns erbe ebda 6489;

Krist gap uns zallen tugenden rât
und verbôt uns alle missetât
Freidank 173, 18 Grimm;

swer got minnet als er sol
des herze ist aller tugende vol ebda 1, 16;

von ir munde
quâmen ze deheiner stunde
üppic oder müezic wort.
ir zuht bants an der tugent ort
Lamprecht v. Regensburg Francisk. 1722 Weinhold;

wil aber ieman vragen mich
waz tugent sy dem antwurt ich,
tugent ist der sel gestatt
d ordnung und maz hat liedersaal 3, 24, 43 Laszberg;

swer sich nâch gotes hulden sen,
der sî den tugenden gerne bî Seifrit Helbling 7, 435 Seem.;

daz erste stucke sprichet von den thugenden dar uf alle orden gefundiret sint, an di denhein geistlich meinse mag bihalden werden hl. regel 2, 4 Pr.;

deiswar, bruder Pelagius
den mac man werdeclich in geben (als seelsorger eines frauen-
er hat so schone ein tugende leben klosters),
daz ir closter zu aller vrist
wol mit im beraten ist väterbuch 35956 R.;

warhait, stæt, mit rainer tugent,
di hat er von chindes iugent
geladen in seinz hertzen schrein
Suchenwirt 11, 97 Primisser;

Aristotilis ouch also spricht
daz eynen toguntsammen man
machit eyn togunt alleyne nicht
di her ubit und tribit an.
eyn swalbe ouch nicht brengit
den lenzcin wan sy kommit gefiogin,
ein togunt ouch nicht alleyne vorhengit
daz eyner in wiszheit werdit gezeogin
Joh. Rothe rittersp. 1787 Neumann;

Beda der lerer spricht:
wer di e ein togund nicht,
god hette sy nicht gehaben an
mit Adam unnd mit Evan ebda 1811.

[Bd. 22, Sp. 1601]



sehr vereinzelt erscheint tugend im ethischen sinne auch von tieren (die möglichkeit solcher übertragung bot sich auf grund der tugend als 'wert, auszeichnung' von dingen und tieren, s. oben II D): iedoch hât der spärwær ain tugent an im, daz er winterzeiten ainen lebentigen vogel, den er gevangen hât, die ganzen naht helt under seinen klâen, daz im dester wermer sei, und læzt in des morgens fliegen Konrad v. Megenberg buch d. natur 208, 10 Pf.; ez sprechent auch die maister, daz die jungen widhopfen ain ander tugent haben gegen den alten, wan sô die alten vor alter niht mêr gesehen mügent, sô pringent die jungen ain kraut, daz ist von nâtûr in bekant, und salbent der alten augen dâ mit, sô werdent si wider gesehent ebda 228, 17; und wegen solcher tugend der liebe und danckbarkeit werde dieser vogel gar zierlich von denen Teutschen ein storch geheiszen J. Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 152.
3) nhd. 'sittliche tüchtigkeit', vom sittlichen tüchtigsein im strengen sinne einer echten ethik bis zum bloszen anständigsein in verschiedenen stufungen, die keine neuen wortbedeutungen darstellen, sondern nur den charakter des wortes vom strengen, verbindlichen bis zum unverbindlich nebensächlichen verändern. philosophisch gesehen wandelt sich die auffassung der tugend von der einer seinsverfassung (habitus, so in antike, scholastik und noch im frühnhd.) zu der einer bloszen dispositio, einer willensneigung oder moralischen gesinnung (namentlich seit dem 17. jh.), deutlich ausgeprägt in der formalen ethik Kants, gegen die sich die verschiedenartigen versuche der 'rehabilitierung' in der romantik, bei Nietzsche und vor allem in der materiellen wertethik Schelers und N. Hartmanns richten.
aufs ganze gesehen herrscht bei diesem gebrauch der singular vor, wenn auch nicht in der ausschlieszlichkeit wie bei der sittlichen tugend im engeren sinne ('keuschheit', s. unter 4); der plural bleibt daneben im gebrauch, näheres s. unter DWB C. vgl.: alle erklärungen der tugend stimmen darin überein, dasz das wort etwas ganz innerliches bedeutet, eine beschaffenheit der seele, eine bestimmtheit der gesinnung. ferner auch darin, dasz diese bestimmtheit die sittliche ist, von jedem auf dasjenige bezogen, was ihm den inhalt der ethischen idee ausmacht Schleiermacher ausgew. w. 1, 151 Braun; die alte frage ... ob die besonnenheit und beharrlichkeit der bösen denn auch könne tugend genannt werden. auf diese alte frage kann immer nur die alte antwort wiederholt werden, dasz kein böser als solcher weder tapfer noch besonnen sein, noch irgendeine andere einzelne tugend haben könne ebda 1, 372; denn so reden wir alle von der tugend als von etwas im menschen, und zwar woraus seine handlungen hervorgehen nicht nur, sondern auch woraus handlungen gewisser art notwendig hervorgehen müssen, indem eine untätige tugend niemand denken kann ebda 1, 357.
a) religiös-sittlich, von der seinsmäszigen hinordnung der menschlichen natur auf die erreichung des guten, letztlich gottes. die religiöse bestimmtheit ist besonders ausgeprägt in der reformationszeit, danach gewinnt eine verweltlichte auffassung im sinne eines anständigen, vernunftgemäszen benehmens die oberhand (c), dazwischen ist bei einzelnen die religiöse anschauung in geltung. eine strenge scheidung zwischen a, b und c ist nur schwer möglich, namentlich in der aufklärungsphilosophie, für die religion im wesentlichen in einer vernunftmäszig begründeten sittlichkeit besteht: so malet er glych als anderer Apelles ... er howet gestain als Praxiteles und ist der kunst der artznie ouch nit unwissend. und ich tn hier zu die kunst der tugenden, die den menschen recht fürent und regierent Niclas v. Wyle translationen 18, 10 Keller; weiter, lieben brüder, was warhafftig ist, was erbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wol lautet, ist etwa eine tugent, ist etwa ein lob, dem dencket nach (si qua virtus, si qua laus diciplinae εἴ τις ἀρετὴ καὶ εἴ τις ἔπαινος) Philipper 4, 8; so wendet allen ewren vleis daran, und reichet dar in ewrem glauben tugent, und in der tugent bescheidenheit (erkenntnis), und in der bescheidenheit messigkeit (in fide vestra virtutem ἐν τῇ πίστει ὑμῶν τὴν ἀρετήν) 2. Petr. 1, 5; hat aber

[Bd. 22, Sp. 1602]


jemand gerechtigkeit lieb? ir erbeit ist eitel tugend, denn sie leret zucht, klugheit, gerechtigkeit und stercke, welche das aller nützest sind im menschen leben weish. 8, 7; (Eleasar) ist also verschieden, und hat mit seinem tod ein tröstlich exempel hinder sich gelassen, das nicht allein die jugent, sondern jederman zur tugent ermanen sol (exemplum virtutis et fortitudinis) 2. Macc. 6, 31; disz elend leben ist eyn reych aller sund und bszheyt, darynne eyn herre ist der bsz geyst ... deyn reych aber ist eyn reych aller gnaden und tugent, darynne eyn herr ist Jhesus Christus, deyn lieber sohn, aller gnaden und tugent eyn haubt Luther 10, 2, 398, 14 W.; dye selben wisszen nith, das gottis reych sey nith anders dan frum, tzuchtig, reyn, milt, sanfft, gutig und aller tugent und gnaden voll sein, also das goth das sein yn uns habe und er allein in uns sey ebda 2, 98, 35; warlich der gleichen burger ist yetzunder groszer mangel: er ist ein man bewerter tugent vnd glaubens, von dem nit leichtlich etwas bses entstanden sey in der gemein Boltz Terenz deutsch (1539) 95b; und dasz die vierdte seul (auf der die kunst des arztes gegründet ist) sey die tugent, und bleibe beim artzet bisz in den todt, die da beschliesz und erhalte die anderen drey seulen (philosophie, astronomia, alchemie) Paracelsus opera 2, 10 Huser;

ich wolt der welt louff beschryben,
do mst ich vff der form belyben,
spotten, lachen, schympffred tryben;
das alles mir wer überbliben,
hett ich von gott vnd tugent gschriben
Murner dt. schr. 2, 456 Spanier;

ich halt aber, wer gott vor augen hat, nach frömbkeit stellt vnd sich der tugendt fleisset, dem schadet die vngunst der boszhafftigen nit so gar hart buch d. liebe (1587) 87c; was ist tugent üben? nüt anders, dann gottes gebot halten Keisersberg brösamlin (1517) 2, 76b;

der wahre glaub an Jesum Christ
die höhest zierd und tugend ist
Petri d. Teutschen weiszheit (1605) B 3b;

so bald der mammon ... für ein gott gehalten wirt, treibt vnd verjagt er alle tugent hinwegk, vnd besetzt die statt mit lastern vnd vnbilligkeit Scheit Grobianus 4 ndr.;

wie man wol solche gattung (von büchern) find,
der sich wol schemen frome kindt
zulesen, weil darin nicht mehr,
als schantwordt sind, ohn alle lehr,
dadurch geergert wird die jugendt
vnd abgewiesen von der tugendt
B. Krüger Clawerts werckl. hist. 3 ndr.,

wann er nuhn durch gottes gnade und beistand, durch veranlassung der tugend, ... die böse natur bricht Ph. Zesen rosen-mând (1651) 41;

die tugend tröstet mich, macht sie mich hier veracht,
so werd' ich durch sie doch nach meinem tode leben
Grob epigr. 221 lit. ver.;

die arbeit wird nach werth bezahlt,
der tugend folgt die crone
J. Chr. Günther s. w. 2, 265 lit. ver.;

ein weib, das gott den herren liebt
vnd sich stets in der tugend übt,
ist vielmehr lobs und liebens wehrt
als alle perlen auf der erd
Paul Gerhardt in:
Fischer-Tümpel ev. kirchenl. 3, 376a;

er (gottes geist) lehret uns die furcht des herrn,
liebt reinigkeit und wohnet gern
in frommen, keuschen seelen.
was niedrig ist, was tugend ehrt,
was busze thut und sich bekehrt,
das pflegt er zu erwehlen ders. ebda 3, 345b;

die tugend wird durchs kreuz geübet,
denn ohne das kann sie nicht sein
Joh. Chr. Nehring in: ev. gesangbuch, prov. Brandenburg (1906) 290;

das erste (christliche) jahrhundert war so glücklich, leute zu sehen, die in der strengsten tugend einhergiengen, die gott in allen ihren handlungen lobten, die ihm auch für das schmählichste unglück dankten, die sich um die wette bestrebten, die wahrheit mit ihrem blut zu versiegeln (1750) Lessing 14, 158 L.-M.; in dieser ehrfurchtsvollen

[Bd. 22, Sp. 1603]


gemüthsverfassung gegen die gottheit und in den gütigen gesinnungen gegen die menschen; in der ausübung der handlungen, die uns durch diese empfindungen angepriesen werden, und folglich auch in der beherrschung unsrer sinnlichen begierden ... besteht die ganze summe der pflicht und tugend, und also auch die summe unsrer glückseligkeit Gellert s. schr. (1784) 6, 117; denn wenn nun Seydel tugend und rechtschaffenheit in einem sehr empfindlichen herzen hat, wenn güte und bescheidenheit seinen charakter ausmachen Caroline Lucius an Gellert (1765) in: briefwechsel Chr. F. Gellerts mit demoiselle Lucius (1823) 439; suche also auch selbst aus den zeiten der bibel nur religion, und tugend, und vorbilder und glückseligkeiten, die für uns sind: werde ein prediger der tugend deines zeitalters Herder 4, 364 S.; sprich, wie heiszet der trieb, der dir dein herz bewegt? ... heiszt er göttliche tugend? Klopstock in: br. von u. an Klopstock 5 Lappenberg; das beste mittel, einen edeln reiz über sein gesicht auszubreiten, ist, dasz man ein herz voll religion und tugend habe Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 31;

und die tugend, sie ist kein leerer schall,
der mensch kann sie üben im leben,
und sollt er auch straucheln überall,
er kann nach der göttlichen streben,
und was kein verstand der verständigen sieht,
das übet in einfalt ein kindlich gemüth
Schiller 11, 258 G.;

ist denn eure tugend und frömmigkeit ein so zerbrechliches ding, dasz keiner daran schlagen darf, ohne sie zu zertrümmern? Klinger w. 3 (1815) 84;

etlich' kämpfe — tugend und gewissen —
nur noch schwach bewegen sie das herz,
wieder umgefallen! — und es flieszen
neue tränen, neuer schmerz
Hölderlin s. w. 1, 9 v. H.;

die menschen, die bessern aus ihnen, suchen tugend, suchen gerechtigkeit (δικαιοσύνη = gerechtsein vor gott) J. Mich. Sailer v. d. relig. d. gemüthes (1810) 78; die tugend ist tätige vollkommenheitsliebe nach dem muster der höchsten vollkommenheit ders. glückseligkeitslehre 1 (1787) 238;

unwissenheit, der seele finsternisz,
haszt er (des menschen geist), und sucht das licht; der weisheit
lehren,
der tugend ruf, wird er nie satt zu hören
Zachariae poet. schr. (1772) 2, 192;

übergang des guten herzens zur tugend — geht der nicht durch das böse? nein, aber durch die philosophie Novalis schr. 3, 232 Kl.;

wild lodernd bricht ein längst verdorbnes herz
der menschlichkeit und tugend letzte schranken
Annette v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 243;

ich weisz es wohl, nicht würdig bin ich dein (d. pfingstgeistes);
doch hast du nie die tugend ja gemessen,
der glaube zieht, die sehnsucht dich allein
Geibel ges. w. (1883) 1, 152;

tugend ist aber die tüchtigkeit nicht zu irgend etwas, sondern zum wollen und tun eines als ideal gesollt gegebenen und erlebten Max Scheler formalismus in d. ethik (31927) 245.
in der verbindung gottesfurcht und tugend: sofern er ... in aller gotsforcht und tugend lebet Joh. Mathesius Sarepta (1571) 1b; es ist freylich eine alte löbliche weise vnd gewonheit ... die liebe jugend damit als einem spiegel, bild und exempel der furcht gottes vnd aller tugend zu berichten F. Dedekind d. christl. ritter (1590) A 7a;

... so wird doch ... hier die jugend,
unterricht in gottesfurcht und tugend,
die der weisheit anfang sein
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 185;

selig sind die elttern, welche jhre kinder ... zur tugend vnd gottesforcht anmahnen können Moscherosch insomnis cura parent. 73 ndr.;

schmück alls mit einer kron
mit gottesfurcht und tugend
das volck im gantzen land
Paul Gerhardt in:
Fischer-Tümpel ev. kirchen. 3, 344b.

[Bd. 22, Sp. 1604]



b) tugend und glückseligkeit. in der aufklärung findet die religiöse auffassung der sittlichen tugend ihren besonderen ausdruck in der verknüpfung von tugend und glückseligkeit. das ziel des vernunft- und naturgemäszen, d. h. tugendhaften strebens ist die glückseligkeit des menschen. die verbindung von tugend und glückseligkeit begegnet auch auszerhalb der typischen formel und ohne die besondere aufklärerische betonung, geht aber kaum weit in das 19. jh. hinein: und weilen ... die tugend auch nichts anders ist, als eine fertigkeit mit verstand zu handeln ... so erscheinet daraus erklärlich, dasz aller ethik und politik zweck dies seyn sollte ...: wie andere dahin zu bringen, dasz sie zu unser und auch ihrer erkänntnisz, liebe, und also auch glückseligkeit bestens arbeiten, mithin die ehre gottes vergröszern mögen Leibniz dt. schr. 2 (1840) 39; die tugend jaget der gemüths-ruhe nach, und wenn sie dieselbige erhalten, giebt sie ihr durch eine stets wehrende bewegung tugendhafter thaten das leben, und ist also zugleich die mutter und tochter der wahren glückseligkeit Chr. Thomasius v. d. kunst vernünfftig u. tugendhafft zu lieben (1692) 111; die beobachtung des gesetzes der natur ist es, so den menschen glückseelig machet. da nun die fertigkeit dem gesetze der natur gemäsz zu leben die tugend ist, so machet die tugend den menschen glückseelig. und demnach kan man ohne tugend niemand glückseelig nennen Chr. Wolff vern. ged. v. d. menschen thun u. lassen (1720) 41; tugend und glückseligkeit sind die zwei angelsterne des erdbodens Lohenstein Ibrah. sultan (1680) 1 zuschr.; wenn die glückseligkeit in dem genusse des höchsten und dauerhaften guten bestehet, dessen ein mensch fähig ...: so lehret uns alles, die vernunft, unser herz und die erfahrung, dasz die tugend der einzige und sichre weg zu unsrer glückseligkeit sey; oder dasz uns der besitz und die ausübung der tugend die höchsten und beständigsten freuden gewähre Chr. F. Gellert s. schr. (1784) 6, 109; (gott) aber erkennen, und empfindungen der seele gegen ihn haben, die dieser erkenntnis gemäsz sind, und das tun, was diese empfindungen uns empfehlen, dieses ist die anbetung gottes, das wesen und das glück der religion, die höchste tugend und daher die höchste staffel der menschlichen glückseligkeit ebda 117; da man ... durch die traurige erfahrung gelernt hatte, dasz alleine tugend und gerechtigkeit die menschen glücklich machen können K. W. Ramler einl. i. d. schön. wiss. (1758) 1, 63; gesezt, alle seine ermahnungen und lehren zielten auf das einzige, was uns ein glückliches leben verschaffen kann, auf die tugend Lessing 14, 160 L.-M.; die tugend hat einen solchen einflusz auf das glück oder unglück des menschen, dasz man die meisten lagen des lebens von ihr abhängig machen kann Göthe I 40, 232 W.dagegen vgl.: das glück ist also keineswegs der lohn der tugend, sowenig als die tugend mittel zur glückseligkeit ist. wohl aber ist es die wurzel und die quelle der tugend, eine quelle, die aber selbst schon nur eine folge der inneren wesensgüte der person ist M. Scheler d. formalismus in d. ethik (31927) 373.
c) verweltlicht, tugend als sittlich gutes verhalten, oft in unmittelbarer nähe der religiös betonten tugend (a u. b) u. schwer davon zu trennen. in seiner höheren und strengen form die pflichtmäszige, gesetzmäszige ausrichtung des willens auf das gute, 'moralisches gefühl', so besonders, auf Kant fuszend, in der aufklärung. tugend wird zum ausdruck der humanität und gewinnt dort, wo die starre der aufklärung überwunden wird, verbindung mit dem 'edlen' und 'groszen', daneben auch mit 'poesie' und 'schönheit'. wichtig für diese auffassung ist die enge verbindung mit dem begriff der pflicht (zur kritik dieser haltung vgl. M. Scheler d. formalismus in der ethik [31927] und N. Hartmann ethik [1927]). die religiöse wertung ist in die der 'pflicht' eingegangen (s. auch oben zu a). vgl.: tugend d. i. die fest gegründete gesinnung, seine pflicht genau zu erfüllen Kant s. w. 6, 182 Hartenstein; tugend ist die stärke der maxime des menschen in befolgung seiner pflicht ebda 5, 220; für ihn (Kant) ist tugend nur ein niederschlag der

[Bd. 22, Sp. 1605]


einzelnen pflichtgemäszen akte, die ja allein ursprünglich gut sind. faktisch ist die tugend (resp. das laster) fundierend für den sittlichen wert aller einzelnen akte M. Scheler d. formalismus in d. ethik (31927) 24 anm. 1.
literarisch seit dem 16. jh. nachweisbar: sie (der christl. adel) möchten, als die von angeborner tuget vnd erberkeyt sich unerlicher sachen alwegen geschemet haben Emser in: Luther und Emser 1, 16 ndr.;

(wenn) etwan einer wol bericht,
erzelen will ein alt geschicht,
von frid vnd einigkeit der alten,
vnd wie sie gt ordnung gehalten,
da tugent noch war lieb vnd werdt
Scheit Crobianus 1288 ndr.;

darinn (in der Odyssee) der printz und vatter aller poeten (Homer) die mrfart des gedultigsten ... helds Ulyssis also artlich, ordenlich und zierlich beschreibt, das ainem yeden weltmenschen ausz allen weltlichen büchern zu raitzung und lieb der tugent, zu viler dingen erfarung, auch zu laitung der vernunft ... nit leicht etwas fruchtbarlichers ... erdacht mag werden Schaidenreisser Odyssea (1537) vorrede 2;

... der ohrenbläser ehrt
und tugend unterdruckt und redligkeit verdencket
Gryphius trauersp. 31 Palm;

aus dieser (d. komödie) ist die satyra entsprungen, welche ... mitten unter dem lachen und schertzen nützliche anweisung zur tugend thut Aug. Buchner poeterey (1665) 10; daraus im willen eine neigung zum guten, das ist die tugend, entstehet Leibniz dt. schr. (1838) 1, 423; da nun die tugend eine fertigkeit ist, seine handlungen nach dem gesetze der natur einzurichten, so gelanget man zur tugend, wenn man den willen bessert, und wer den willen bessern will, der verlanget tugendhaft zu werden Chr. Wolff vern. ged. v. d. menschen thun u. lassen (1720) 283; die fertigkeit seine handlungen nach dem gesetze der natur einzurichten ist es, was wir die tugend zu nennen pflegen. hingegen das laster ist eine fertigkeit, dem gesetze der natur zuwieder zu handeln ebda 40;

wenn anders noch tugend
kommende zeiten entzückt, so werden sie (Bodmer, Klopstock
u. Wieland) kommende zeiten,
als die predger der tugend, den spätesten enkeln erheben
Zachariae poet. schr. (1772) 2, 91;

denn da (auf der höhe d. glücks) kann niemand sicher stehen,
der nicht sein herz der tugend schenkt.
die zeit entdeckt die faulen ränke,
wodurch die bosheit sich erhöht
Gottsched ged. (1751) 1, 111;

tugend, dichtkunst, sprachen üben,
das war uns zur freundschaft gnug ebda 1, 206;

sie vielmehr kommen aus einer andern welt, aus der schönen welt der imagination, ... wo ein lehrer der tugend auch allemal tugendhaft und ein lehrer der weisheit weise ist Fr. Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 105; keuschheit und eingezogenheit, häusliche sorgfalt, treu im handel und wandel, patriotische liebe des vaterlandes, ordnung in der einnahme und ausgabe, alle tugenden flohen, fast zusehens, aus dem von der gottesfurcht verlassenen lande A. v. Haller slg. kleiner schr. (1772) 1, 41;

der weise liebt aus sympathie
die tugend und bedarf nicht knechtischer gesetze,
um edel, grosz, ein menschenfreund zu seyn
Gotter ged. (1787) 1, 379;

und so wenig sich der mensch ohne gesundheit wohl befindet, so wenig kann er ohne die güte des herzens ruhig und glückselig seyn; die tugend ist die gesundheit der seele Gellert s. schr. (1784) 5, 200; weil ... der karakter Agathons auf verschiedene proben gestellt werden sollte, durch welche seine denkart und seine tugend geläutert, und dasjenige, was darin unächt war, nach und nach von dem reinen golde abgesondert würde Wieland s. w. (1794) 1, xx Göschen; Agathon, der, von den irrungen der fantasie und der empfindung zurück gekommen, weise genug geworden ist, um sich dem höchsten schönen,

[Bd. 22, Sp. 1606]


der tugend, ganz zu ergeben ebda 3, 348; (Claudia:) wie ungerecht, Odoardo! aber lasz mich heute nur ein einziges für diese stadt, für diese nähe des hofes sprechen, die deiner strengen tugend so verhaszt sind Lessing 2, 397 L.-M.; hat ein einziger (fehler) so unselige wirkungen, dasz er eine ganze reihe unsträflicher jahre vernichten kann: so ist kein mensch tugendhaft; so ist die tugend ein gespenst, das in der luft zerflieszet, wenn man es am festesten umarmt zu haben glaubt ebda 2, 276; des menschen tugend ist ja nichts anders als moralische gesinnung im kampfe, und stetes fortschreiten in der vervollkommnung Bürger s. w. 399b Bohtz; so bildete sich der wunsch des jungen mannes (Ludwig XIV.), allenthalben nur ausgezeichnet zu seyn und sich selbst auszuzeichnen. mit anstand that er dies, obgleich nicht immer mit tugend, eitel-erhaben oder erhaben-eitel Herder 23, 39 S.;

näher am altare will ich knieen. —
denn, o Carl! wenn kunstgefühle hier,
wenn der tugend höh're triebe glühen,
hier in dieser brust, — so dank' ich's dir!
Schubart s. ged. (1825) 2, 5;

an Gellert, die tugend und die religion glauben, ist bei unserm publico beinahe eins Göthe I 37, 197 W.; was ist die tugend anderes als das wahrhaft passende in jedem zustande Göthe unterhaltungen mit dem kanzler Fr. v. Müller (1870) 116 Burkhardt;

(gräfin Terzky zu Wallenstein:)
vergisz die alten hoffnungen, wirf dein
vergangenes leben weg, entschliesze dich
ein neues anzufangen. auch die tugend
hat ihre helden, wie der ruhm, das glück
Schiller 12, 229 G.;

der tod hat eine reinigende kraft,
in seinem unvergänglichen pallaste
zu ächter tugend reinem diamant
das sterbliche zu läutern und die flecken
der mangelhaften menschheit zu verzehren ebda 14, 123;

nein, nein, das edle ist nicht ganz erstickt
in euch! ...
ihr müszt gewalt ausüben an euch selbst,
die angestammte tugend zu ertödten;
doch, wohl euch! sie ist mächtiger als ihr
und trotz euch selber seid ihr gut und edel! ebda 14, 345; vgl. 4, 3;

ich wollte erweisen ... dasz unser wohlgefallen an wahrheit, schönheit und tugend sich endlich in das bewusztsein eigner veredlung, eigner bereicherung auflöset ebda 4, 44; die tugend ist offenbar nicht bloszer anstand, feine sitte, decorum. der tugendhafte kann feine sitte haben, aber die feine sitte ist nicht die tugend selbst J. M. Sailer glückseligkeitslehre aus vernunftgründen 1 (1787) 227; (das gewissen) ist nicht dies und jenes, es gebietet nicht in allgemeinen sprüchen, es besteht nicht aus einzelnen tugenden. es gibt nur eine tugend — den reinen, ernsten willen, der im augenblick der entscheidung unmittelbar sich entschlieszt und wählt Novalis schr. 1, 236 Kluckh.; um das innigste gefühl des kummers ... die entzückende wehmut, diesen schatten des verlohrnen geliebten ... möcht ich dich beneiden. und sieh wie leicht sich wahre liebe in begeisterung der tugend auflöst, wie sanft sie sich in diese verschmelzt. liebe kann der nächste schritt zur tugend werden Caroline 1, 13 Waitz; idee zu einem katechismus der vernunft für edle frauen ... der glaube ... ich glaube an begeisterung und tugend, an die würde der kunst und den reiz der wissenschaft Athenäum 1, 2 (1798) 111; die überzeugung, dasz reine tugend und güte irgendwo sind, ist ja die beste, die uns werden kann, und selbst die seele des lasterhaften reibt sich vor vergnügen ihre unsichtbaren dunklen hände, wenn sie wahrnimmt, dasz andere für sie gut und tugendhaft sind G. Keller ges. w. (1889) 3, 17; ebensowenig ist, lehrt Shaftesbury, unser sittliches urteil und gewissen ein zufälliges gesellschaftliches und psychologisches produkt. denn die tugend ist nichts anderes als die natürliche schönheit, das ebenmasz der seele K. Justi Winckelmann (21898) 1, 216; die liebe, in jeder gestalt, ist scheu, wie

[Bd. 22, Sp. 1607]


die tugend, und die ehrfurcht zaghafter als selbst die furcht A. Stifter s. w. 1 (1904) 227; ich weisz ... wie wenig es mit dem stolz unserer tugend auf sich hat Fontane ges. w. (1905) I 1, 140.
d) tugend als von der vernunft geregeltes verhalten, in verschiedenen abstufungen; am einseitigsten und engsten ausgebildet in der aufklärung und dem rationalismus, wo tugend ganz dem vernünftigen handeln gleichgesetzt ist und einer äuszersten abstraktion verfällt; später auch lebendigere auffassung. die neuzeit setzt die in antike und mittelalter geläufige ansicht fort, wonach es kein sittliches verhalten ohne einsicht und klugheit gibt (vgl. Thomas v. A. s. theol. I-II q. 58 a. 4; q. 65 a. 1; I-II q. 58 a. 1 wird Cicero [de invent. rhetor. l. 2. c. 53] zitiert: virtus est habitus in modum naturae, consentaneus rationi). daneben besteht im mittelalter seit Augustinus die auffassung, dasz die caritas, minne, liebe die mutter aller tugenden ist (belege unter III B 2 u. IV 3). der aufklärung geht im 17. jh. die verbindung von tugend und kunst, witz, wissenschaft voran. im gefolge der aufklärung gerät die intellektuell bestimmte tugend immer stärker ins äuszerliche und meint ein nach vernünftiger zweckmäszigkeit geregeltes äuszeres verhalten. die antike und mittelalterliche bestimmung der mâze kehrt hier als der 'mittelweg' wieder; der echte sittliche impuls verflüchtigt sich. vgl.: sie (d. aufgeklärte zeit) hegte eine lebhafte theoretische begeisterung für die abstracte 'tugend'; der ausdruck hatte noch nicht, wie heutzutage, den nebensinn der philisterhaften leere Treitschke dt. gesch. (1897) 1, 151; dieses wort (tugend) das heute, obgleich es an seinem adel nichts eingebüszt hat, dennoch einer gewissen an inhaltslosigkeit gränzenden allgemeinheit wegen immer seltener gebraucht zu werden pflegt, war damals (1764) prägnanten inhalts voll und bezeichnete im activen, strebenden sinne das höchste geistige gut, das dem gebildeten menschen erreichbar dünkte Herm. Grimm Göthe (1877) 1, 40;
seit frühester zeit literarisch nachweisbar: vera commemoras (philosophia), o nutrix omnium virtutum uuar ist taz tu sagest, meistra allero tugede Notker 1, 78, 19 P.; diu verstantnüsse lêret tugende, der wille enphâhet sie und üebet sie ûz mit den werken David v. Augsburg in: dt. mystiker 1, 310, 10 Pf.;

in sînem muot man stille sol
einn vrumen man erweln wol
und sol sich rihten gar nâch im,
daz ist tugent unde sin
Thomasin v. Zirclaria d. wälsche gast 630 R.;

di togunt wel eynen furer han
und daz mag wol sin di wiszheid
di si wole uzgerichtin kan
Joh. Rothe ritterspiegel 1901 N.;

beschaidenhait (discretio) in deinem würken soltu haben ... vnnd all zeit radt haben vernunfftiger vnd bewärter menschen vnd den gefölgnig sein vnd auf dich selbs nit zvil pawen. disse tugent nennen die leerer ain mutter aller tugent Keisersberg granatapfel (1510) e 2d; wann beschaidenhait ist ain mtter aller tuget, on die alle gtte wercke vnfruchtbar seind ebda a 5 b; nach dem von meinen älteren ich zeits der ersten jugend in dem christenthumb einfältig als ein kind unterwiesen, bald im eylften jahr auf die nächstgelegene hoheschul an der Ill, umb kunst und tugend allda zuerlernen, verschicket worden Moscherosch gesichte (1650) 1, 5;

wenn man die freyen künste liebet,
und sich in solchen tapfer übet,
disz ist der rechte götterwagen,
worauf so mancher heldengeist
wird in die ewigkeit getragen,
und von der sterblichkeit sich reist.
die tugend lesset keinen sterben
noch ihres dieners lob verderben
Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 151;

giebt gott mir tugend, witz und kunst
so bin ich wohl vergnüget.
drum rühm ein andrer disz und das,
es kan mir mein studiren
ein ehrenseul aufführen ebda 1, 147;

[Bd. 22, Sp. 1608]


was der müller auffschütt bösz oder gut, das mahlet die mühl. vernunfft schütt tugend auff, wollust böse begierd Lehman floril. polit. (1662) 1, 264; immaszen die tugend darin bestehet, dasz man eine neigung und fertigkeit habe, nach dem verstand zu würken, und folglich alles zum rechten endzweck, das ist zur wahren erkänntnisz und liebe gottes zu richten Leibniz dt. schr. 2 (1840) 42 G.; weil wir ins künfftige sehen werden, dasz alle handlungen der menschen und also auch ihre tugenden und laster durch die bewegungsgründe und folgends die maximen, nach welchen sie gewohnet sind das gute und böse zu beurtheilen, sich unterscheiden lassen: so kan man dadurch zugleich erkennen, zu was für tugenden und lastern der mensch geneigt ist, wenn man seine maxime weisz, darnach er das gute und böse zu beurtheilen pfleget Chr. Wolff vern. ged. von d. menschen thun u. lassen (1720) 116; die poesie ist zu allen zeiten ... vor eine lehrerin der weiszheit und tugend angesehen worden Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 103;

(so wie die sonne dem monde sein licht verleiht)
so musz der tugend schein
der weisheit glanz verleihn;
dich weisheit, such auch ich,
doch tugend, blosz durch dich!
Chr. F. Weisze lieder f. kinder (1767) 49;

alles also, was nicht aus einer vernünftigen überzeugung und einem edlen gefühle unsrer schuldigkeit, und aus der absicht, der göttlichen bestimmung gemäsz zu handeln, seinen ursprung nimmt, ist für uns eigentlich keine tugend Gellert s. schr. (1784) 6, 125; laszt sie (die schöne seele) die gottheit der tugend kennen lernen! diesz ist der augenblick, wo sie sich selbst kennen lernt; wo sie fühlt, dasz tugend kein leerer nahme, kein geschöpf der einbildung, keine erfindung des betrugs, — dasz sie die bestimmung, die pflicht, die wollust, der ruhm, das höchste gut eines denkenden wesens ist Wieland s. w. (1794) 3, 243; tugend ... soll ordnung und gleichmaas seyn in all unsern kräften zum groszen werk des lebens Herder 5, 610 S.; meine vernunft ist mir jezt alles, meine einzige gewährleistung für gottheit, tugend, unsterblichkeit Schiller 4, 35 G.; was ist also das wesen der tugend? nichts anders als liebe zur glückseeligkeit, geleitet durch den verstand. tugend ist das harmonische band von liebe und weiszheit! ebda 1, 62; tugend ist zur energie gewordene vernunft Friedrich Schlegel in: Athenäum 3, 8; ihr haltet die freiheit des geistes gefangen, den einzigen leitengel des menschen zum weg der tugend Bettina dies buch gehört d. könig (1843) 1, 281; denn kein sittliches kann zustande kommen, weder ein inneres noch äuszeres, wenn nicht verstand und gefühl dabei geschäftig sind und darauf gerichtet; welche meinung eben zum grunde liegt, wenn gesagt wird, die tugend sei eine erkenntnis Schleiermacher ausgew. w. 1, 155 Braun.
e) im 17. bis 19. jh. gefühlsmäszig betont, an treue und redlichkeit angelehnt und als besondere deutsche art welscher leichtfertigkeit gegenübergestellt. mit diesem gebrauch steht die benennung des tugendbundes in zusammenhang, der 1808 in Preuszen gegründet wurde, um die inneren kräfte zum widerstand gegen Napoleon zu stärken (s. unter tugendbund u. tugendverein): hie, in Teutschland, sind schulen vnd gute knste. im Teutschland kanstu tugend lernen; darffst nit allererst in die wälsche lande lauffen, da die tugend vor lange jahren schon jhr endschafft genommen Moscherosch gesichte (1650) 2, 130; dann mein, was kan die alte teutsche tugend vnnd redlichkeit auff der welt mehr nutzen ebda 2, 818; welches (Deutschland) biszhero durch die gnad gottes ein wohnhausz vnd herberg der ehren, tugend, würden ... gewesen Zinkgref apophthegmata (1628) b 3; (ein) lied ... voll einer liebenswürdigen schwärmerey, die von tugend und vaterland glüht Gerstenberg recensionen 302 lit.-dkm.; sein (des bardiets) lob würde rechtschaffenheit und tugend vornehmlich das, was man seit jahrhunderten teutsche treu und glauben hiesz, ehren Kretschmann s. w. (1784) 1, 11;

[Bd. 22, Sp. 1609]


also kamen sie (germanische krieger), und umarmten sich, da sie, sich sehend,
jeder im antliz des andern die züge des heldenmuths fanden,
und den adel der deutschen tugend
Wieland I 1. 179 akad.;

und meiner jüngsten (schwester) reicht er die deutsche biederhand, sie liesz schamhaft die ihrige hinein fallen. noch niemals hat schöner tugend die unschuld begrüszt maler Müller w. (1811) 1, 356; kann nichts auf der welt, nicht einmal die rechtschaffenheit und tugend selbst uns vor unglück sichern? J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 94;

tüchtig wird geübt der leib,
und gestählt zu kraft und tugend
wird die ganze deutsche jugend
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 4, 300.


f) mit der begründung der tugend im verstand (d) hängt die entwertung der sittlichen tugend zusammen. 'schicklichkeiten', 'angenehme und nützliche eigenschaften und vorzüge' werden als tugenden bezeichnet (gelegentlich liegt die deutung als 'vorzug, wert', cf. II B 4, nahe). die tugend gibt sowohl die verbindung mit dem religiösen wie mit dem pflichtgedanken auf und wird ausdruck einer nützlichkeitsgesinnung: sparsamkeit, welches freylich eine berühmbte tugend ist grillenvertreiber (1605) 3. buch, 66; dasz die tugend das allernützlichste sey, weil sie uns lerne, bey sehr wenigen vergnügt zu seyn, und uns geschickt mache, andern leuten rechtschaffen zu dienen Chr. Thomasius wider d. unvernünftige liebe (1692) 474; darum ist freundlichkeit an einer hohen obrigkeit ein sondere tugend Reinicke Fuchs (1650) 139; bescheidenheit ist immer eine liebenswürdige tugend Bürger in: br. v. u. an Bürger 1, 41 Strodtm.; hätte ich diese tugend (eine ungeheure correspondenz mit bequemlichkeit zu bestreiten) nachahmen können, so würden sich nicht so viele menschen über mein stillschweigen zu beschweren haben Göthe IV 22, 46 W.; die bewegung, die frische luft tun das ihrige und die sorglosigkeit ist eine nährende tugend ebda IV 4, 160; in jedem guten haus ist reinlichkeit die erste tugend W. Alexis hosen d. herrn v. Bredow (1846) 1, 24; wie kam er plötzlich dazu, mit andern spasz zu machen und so nette dinge zu sagen? — eine neue tugend, die sie ihm nicht zugetraut hätte M. Meyr erz. a. d. Ries (1868) 1, 339; Alberti zuerst erklärt ganz offen die sparsamkeit nicht für eine notwendigkeit für die armen, als die sie stets galt, nicht für eine tugend im sinne der christlichen askese, im sinne der 'freiwilligen armut', sondern als eine tugend für die reichen M. Scheler v. umsturz d. werte (1919) 2, 274.
4) tugend in einem engeren sinne als enthaltsamkeit von sinnlichen genüssen, 'sittliche reinheit', 'unantastbarkeit', 'keuschheit'. im späten mittelalter vorbereitet, im ganzen aber erst kennzeichnend für die neuzeit, bes. das 18. jh. in verschiedenen stufen: innerlich, ernst; eng, das geschlechtliche verachtend (aufklärung); äuszere unversehrtheit, spiel mit dem genusz, ans frivole streifend (anakreontik, Wieland); anständigkeit, bravheit; vgl. zu den verschiedenen formen, die mit der bewertung der liebe zusammenhängen P. Kluckhohn d. auffassung d. liebe in d. romantik (21931). bezeichnend ist in stärkerem masze noch als bei der allgemein weltlichen tugend ('sittliche tüchtigkeit', oben 3) der singular; es gibt nur noch eine tugend als moralisches verhalten; die weite der antik-mittelalterl. tugendauffassung ist verloren gegangen.
a) allgemein, oft im gegensatz zu unsitte und laster: nu die keuscheit zu preysen, will nicht not sein: wann die tugende vnd was gut ist, loben sich selbs Albrecht v. Eyb dt. schr. 1, 13 H.; dasz ihn damals weder nach frauen oder jungfrauen, nach kebs- oder eheweibern ... gelüstet, und ich glaub, wann einer mich hätte sehen können, dasz er mir auch gleiche tugend wird zugetraut haben, so lahm war ich noch Grimmelshausen 2, 383 Keller; der grund vernünfftiger liebe und freundschafft, die hochachtung tugendhaffter leute ist ein fast unbekantes wesen, indem die tugend verachtet und ausgelachet, und im gegenteil die offenbaresten laster, oder zum wenigsten die scheintugenden

[Bd. 22, Sp. 1610]


aestimiret und vorgezogen werden Chr. Thomasius wider d. unvernünftige liebe (1692) 7;

liebet und eilt mit vereinbartem lauff auf den bahnen der tugend
eurer göttlichkeit zu! geniesze du liebling des schiksals
die durch tugend erst süsze, erst fülbare wollust der liebe,
welche das herz erhebt und zu groszen verrichtungen stark macht
Wieland I 1, 163 akad.;

o! wenn dieser heilige geist Christi die geistlichen, die lehrer, die aeltern, die hausväter, die obrigkeiten der stadt, regirte: wie bald würde die tugend überhaupt, und insbesondere die öffentliche ehrbarkeit, die öffentliche schamhaftigkeit, die verdrängte keuschheit in unserer stadt die oberhand gewinnen J. Mich. Sailer v. d. religion d. gemüthes (1810) 86; freylich, wenn das laster auch die festen des karakters erschüttert, wenn mit der keuschheit auch die tugend davon fliegt, wie der duft aus der welken rose verdampft Schiller 2, 53 G.; die oekonomie desselben (d. schauspiels 'die räuber') machte es nothwendig, dasz mancher karakter auftreten muszte, der das feinere gefühl der tugend beleidigt und die zärtlichkeit unserer sitten empört ders. 2, 5 (vgl. ebda zeile 18: diese unmoralische karaktere); weil sie (d. seelenkunde) den grausamen hohn und die stolze sicherheit ausrottet, womit gemeiniglich die ungeprüfte aufrechtstehende tugend auf die gefallne herunter blikt, weil sie den sanften geist der duldung verbreitet ders. 4, 64; den lesern allein macht er (Lafontaine) es recht, deren sinn sich nicht von so widerwärtigen vermischungen abwendet, die er in eine schmeichelnde stimmung versetzt, wo der lockung kein widerstand geleistet zu werden braucht, weil doch die tugend unverletzt bleibt Aug. W. Schlegel in: Athenäum 1, 1, 157;

hier laden mich zwei rosenwangen ein,
in ihrem kusz die sinnen aufzuwiegeln,
dort zeigt ein leichtgeschürzt gewand ein bein,
geschickt, selbst Katos tugend zu entsiegeln
Novalis schr. 1, 134 Minor;

wie die frau S. in den ruf einer schönen frau gekommen ist, ist mir nicht recht begreiflich. der fehlt nun für mich alle atmosphäre ... in der ganzen erscheinung etwas lebloses, unreales, was meine tugend, die, wenn auch nicht aus sand, doch auch nicht aus granit bestehet, vollkommen unerschüttert läszt briefe von und an Herwegh (1896) 283; man weisz ja, dasz, wo die versunkenkeit der sitten am tiefsten ist, musterhafte tugend sich auch am kräftigsten emporhebt, so wie unter den lasterhaftesten kaisern Roms der erhabenste stoicismus blühte U. Hegner ges. schr. (1828) 1, 7; mit einem worte: die romantik war eingekehrt bei uns mit dem theater, und die älteren frauen sagten mit recht: nun ist's vorbei mit der tugend! H. Laube ges. schr. (1875) 1, 31; du bist für immer ins schuldbuch der tugend eingeschrieben ... du muszt (wegen angegriffener gesundheit) leben wie eine eingemauerte nonne Fontane ges. w. (1905) I 5, 75; theaterleute haben, die tugend selber ausgenommen, allerlei tugenden, und unter diesen auch die der mitteilsamkeit ebda I 3, 231. — in eigenartiger weise auf die unberührtheit der natur übertragen: man stand einen augenblick stumm, die herzen der menschen schienen die feier und ruhe mitzufühlen; denn es liegt ein anstand, ich möchte sagen, ein ausdruck von tugend in dem von menschenhänden noch nicht berührten antlitz der natur, dem sich die seele beugen musz, als etwas keuschem und göttlichem A. Stifter s. w. 1, 243 Sauer.
b) besonders ausgeprägt von der frau, 'keuschheit, standhaftigkeit', 'unschuld'; oft sehr veräuszerlicht nur das äuszere korrekte, musterhafte verhalten bezeichnend, ohne die frivolität und das spiel auszuschlieszen. oft formelhaft entleert im kanon der werte und vorzüge einer frau.namentlich im 17. und 18. jh., im jahrhundert der moralität, aber auch später:

aber vor allen nach tugenden freyen,
eine die züchtig, keusch, fromm vnnd rein,
siehet man täglich die liebe vernewen.
tugend bestehet ja gantz allein;

[Bd. 22, Sp. 1611]



leibliche schönheit gar stracks zersteubt,
reichthumb vnd hoheit sich flucks zerreibt,
doch tugend bleibt Venusgärtlein 14 ndr.;

gott (ist) nichts angenehmer als die edle tugend, die jungfrauschafft Abr. a s. Clara etwas f. alle (1699) 2, 216;

wer erspriezlich freien wil, musz sich zu der tugend wenden'
reichthum, schönheit, adel, pracht, können oft die freier blenden:
denn es sezet wenig segen, wenn man sich zur eh begiebt,
und die jungfer nicht von innen, sondern nur von auszen liebt
Joh. Grob dichter. versuchgabe (1678) 72;

ihr unvergleichliches tugendhafftes gemüthe gestattet ihr nicht das geringste vorzunehmen, welches wider tugend und erbarkeit läuffet Parthenophilus das galante, ehrliche u. tugendh. frauenz. (1719) 19;

was uns die gottesfurcht und greiser brauch beflehlt,
das nehmet von mir an, ihr spiegel aller frauen,
die nicht auf schönheit mehr als auf die tugend schauen;
der weiber besten schmuck!
P. Fleming dt. ged. 1, 121 Lappenb.;

wolte gott aber, dieser unmensch (Varus) hätte nur ihr (d. fürstin Walpurgis) leben, nicht aber ihre tugend auszuleschen sich bemühet. alleine diese heldin hat das erste an ihr selbst hertzhafft ausüben müssen, womit Varus, der keuschheit tod-feind, das andere zu vollbringen gehindert würde Lohenstein Arminius (1689) 1, 11b; da auch jemanden der bulenlieder nahme schrecken wolte, lebe ich der hoffnung, ... dasz sie (meine lieder) mehr auf tugendt vnd sittsamkeit als geilheit zielen H. Albert in: Königsb. dichterkreis 3 ndr.; ein gewisser mensch ... hat seiner silbernen weste soviel zugetrauet, dasz sie vermögend seyn würde, meine tugend zu fällen d. vernünftigen tadlerinnen (1725) 1, 120 Gottsched; was vor einen ... rat stellestu mir ... vor die augen? einen, welcher meine tugend verleitet, und meine ehre in schiffbruch bringen solte schausp. engl. comöd. 83, 5 Creizenach;

unempfindlichkeit und tugend
sind der Doris eigenthum;
beyde schmücken ihre jugend
und die jugend ihren ruhm.
dennoch sagt und glaubet man,
dasz man sie erbitten kann
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 66;

glücklich ist das land, das viel solche töchter aufweisen kann, aber auch diese finden sich belohnt, wenn sie von einem verehrer der tugend bemerkt werden, der sie auch ausländern so schön zu empfehlen weis Gottschedin br. (1771) 1, 4; sie haben mein herz geliebet; darum verschonen sie meine tugend! Cronegk schr. (1771) 1, 109; (d. frohe muse) sinnt auf lieder für dich, für dich nur, schönste Daphne! denn dein gemüth voll tugend und vollunschuld, ist heiter, wie der schönste frühlingsmorgen S. Gessner schr. (1777) 1, 14; vielleicht würde ich (Sophie) alle welt beleidigen, wenn ich sagte, dasz mir von jezt an eine jede freche kleidung oder bewegung eines frauenzimmers, ein beweis sein wird, derjenigen person, die sich so vergessen kan, sei ihre tugend lästig J. T. Hermes Sophiens reise 1 (1778) 101;

denn war Monime schön: so war ihr herz zugleich
an unschuld, wie ihr blick an geist und feuer, reich.
die tugend, die dem wunsch erhitzter buhler wehrte,
trieb selbst den buhler an, dasz er sie mehr verehrte
Gellert s. schr. (1784) 1, 93;

M.:) ach Sara, wenn ihnen alle zeitliche güter so gewisz wären, als ihrer tugend die ewigen sind — (S.:) meiner tugend? nennen sie mir dieses wort nicht! Lessing 2, 276 L.-M.; ihr mannspersonen müszt doch selbst nicht wissen, was ihr wollt. bald sind es die schlüpfrigsten reden, die buhlerhaftesten scherze, die euch an uns gefallen; und bald entzücken wir euch, wenn wir nichts als tugend reden ebda 2, 286; die ihrer selbst nicht mehr mächtige priesterin nahm für beleidigenden spott auf, was ich aus der wolgemeynten, aber allerdings unzeitigen absicht, ihrer versinkenden tugend zu hilfe zu kommen, sagte Wieland Agathon (1766) 1, 305; endlich erinnerte er sich, dasz die

[Bd. 22, Sp. 1612]


dame sich jederzeit durch eine sehr spröde tugend und einen erklärten hang für die metaphysick unterschieden hatte ebda 2, 229; sie schrieb es vermuthlich einer schüchternen unentschlossenheit oder einem streit zwischen ehrfurcht und liebe bey, dasz ich ... ihr keine gelegenheit gab, die delicatesse ihrer tugend sehen zu lassen ebda 1, 288;

... (sie) schwört den triton ewig zu hassen,
wofern er — kurz, sie spielt die tugend wie sichs gebührt
und musz — was ist zu thun? — am ende doch sich fassen ders. s. w. (1794) 4, 80;

weh! vom arm des falschen manns umwunden
schlief Louisens tugend ein
Schiller 1, 227 G.;

man sagt, sie (Fieskos gemahlin) sei ein beispiel der strengsten tugend ebda 3, 14; schauspiele und kleine geschichten ... gaben ihm oft anlasz zu zeigen, was für ein schwacher schutz die sogenannte tugend (eines 'ehrbaren' mädchens) gegen die aufforderungen eines affects sei Göthe I 22, 267 W.; der schein ist vielleicht nicht zu ihrem (Marianens) vorteil, aber ich bin ihrer treue und tugend so gewisz als meiner liebe ebda 21, 93;

wenn einem mädchen, das uns liebt,
die mutter strenge lehren gibt
von tugend, keuschheit und von pflicht ebda 4, 158;

einem plan beyzutreten ...: die tugend ihrer tochter, unter einer zweydeutigen versicherung auf vermählung, so theuer an den günstling zu verkaufen, als er sie kaufen wollte Klinger w. 3 (1815) 130; wenn er (der mann) sich selbst nicht beherrschen kann, die ehrfurcht, die er der unschuld und tugend schuldig ist, aus den augen zu setzen Lenz ges. schr. 1, 55 Tieck; Adelheid, ein frauenzimmer, das besondere schönheit, tugend und witz in gleichem grad mit einander verband M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 2, 34; so lange aber Rom sich selbst treu war, so lange war tugend der höchste ruhm des weibes Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 317; (Genoveva) in ihrer sicherheit und ungeprüften tugend stolz auf etwas, was nicht ihr verdienst ist O. Ludwig ges. w. (1891) 4, 35; in welch letzterer eigenschaft sie (ein hausmädchen) ... sich auch durch einen exemplarisch sittlichen lebenswandel ausgezeichnet hatte, denn sie gehörte zu denen, die, wenn engagiert, innerhalb ihres engagements alles geforderte leisten, auch gebet, tugend und treue Fontane ges. w. (1905) I 6, 365.
c) personifiziert, tugendhafte person:

ich seh dich, himmlische Doris! du kommst aus rosengebüschen
in meine schatten, voll glanz und majestätischem liebreiz;
so tritt die tugend einher, so ist die anmuth gestaltet
Chr. E. v. kleist s. w. (1760) 2, 23;

schön ists, in dem schoosse des ruhms, im zirkel von freunden,
aus krystallen zu trinken ...
und doch ist es schöner,
in den armen der weiblichen tugend dem himmel zu danken
Zachariae poet. schr. (1772) 2, 127;

meinetwegen vergasz sich diese unerfahrne tugend (Sara). meinetwegen risz sie sich aus den armen eines geliebten vaters Lessing 2, 351 L.-M.; (v. Gr.:) ich bewundere sie, Evchen! — in diesem ton (Evchen:) spricht beleidigte tugend H. Wagner d. kindesmörderin (1776) 23; ich bin schuldig, eine seufzende tugend, die ich beleidiget habe, wieder glücklich und froh zu machen C. D. Schubart ges. schr. (1839) 6, 147;

hart kann die tugend seyn, doch grausam nie,
unmenschlich nie
Schiller 5, 2, 402 G.;

(er) glänzte an höfen, bei weibern und unter wizigen köpfen, trieb manche spröde tugend zu paaren H. P. Sturz schr. (1779) 1, 241; 'sie ist die erste tugend am theater', sagte ein Hamb. logensteher über eine sittsame schauspielerin Fr. Hebbel tageb. (1903) 1, 14. — vom manne wenig üblich: etliche ... wiederriehte ihm (d. fürsten) ... sagende, dasz er (d. soldat) ein vntugend ... desto besser, sagt der herr, dann were er ein tugend vnd frommer mensch, dient er zu keiner verrätherey Zinkgref-Weidner

[Bd. 22, Sp. 1613]


teutscher nation weisheit 3 (1653) 49; die bewährte tugend (hier: d. alte sir William) musz gott der welt lange zum beyspiele lassen, und nur die schwache tugend, die allzu vielen prüfungen vielleicht unterliegen würde, hebt er plötzlich aus den gefährlichen schranken Lessing 2, 350 L.-M.
von da vereinzelt im älteren deutsch einer festen anrede (vgl.ew. gnaden u. ähnliches) nahekommend: (der ritter) zhand anfieng; also sprach ... ich keyn stund ewer schönen und adelichen tugendt nye vergessen hab Wickram w. 1, 46 lit. ver.; Ehrenfried nahm ein glasz mit wein, sagende: allerwehrteste Eusebia, wann dero tugenden nicht verdrieszlich fiele ..., werde ich dieses glasz wein deren frau hertzens- und blutschwester als einer guten schützin ... überreichen Ettner v. Eiteritz med. maulaffe (1719) 14.
5) tugend als unwert; ablehnung und verächtlichmachung der tugend als folge der veräuszerlichung der tugendauffassung des 18. jhs. (s. oben 3 e u. f u. 4); damit zusammenhängend versuch einer neubewertung.
a) negative bewertung.
α) tugend als äuszerliche korrektheit, wohlanständigkeit, als zur schau getragene bravheit des lebensfremden philisters; zur entwicklung vgl. den beleg von Treitschke unter III B 3 d, ferner: es giebt menschen genug, die die tugend nicht kennen, und sie deszhalb als etwas saurtöpfisches, finstres, peinliches abmalen sich und andern J. Mich. Sailer v. d. religion d. gemüthes (1810) 41; die tugend ist uns vor allem darum so unleidlich geworden, weil wir sie nicht mehr als ein dauernd lebendiges glückseliges könnens- und machtbewusztsein zum wollen und tun eines in sich selbst ... allein rechten und guten verstehen, ... sondern blosz als eine dunkle unerlebbare disposition und anlage, nach irgendwelchen vorgeschriebenen regeln zu handeln Max Scheler umsturz d. werte (1919) 1, 14; elende tugenden unsers weibischen zeitalters! firnisz seyd ihr; und nichts weiter Lessing 13, 210 L.-M.; so habe ich mich herzlichst erlechzt einmal wieder wahrhafte leidenschaften an mir vorüber gehn zu sehn, die nicht nach der sogenannten tugend stinken in: briefw. Göthe-Zelter (1833) 2, 10; und was ist dein ganzer prunk von äuszern tugenden werth, wenn du diesen flitterputz nur über ein schwaches, niedriges herz hängst Knigge umgang m. menschen (1796) 1, 42; ist das menschliche leben etwas anders, als ein gewebe von pein, laster, qual, heuchelei, widersprüchen und schielender tugend? F. M. Klinger bei Sauer stürmer u. dränger (1791) 1, 296; je mehr ich der sache nachdenke, desto heller leuchtet es mir ein, dasz die tugend der echten schul-, stadt- und heermoral ... nichts anderes als eine art von nebel ist, der alles leichtfertige auszenwesen ... verhüllt F. H. Jacobi w. (1812) 1, 61; gegentheils können andre die tugend niemals los werden, und ergieszen ihr bächlein, da gute lehre und warnung innen fleuszt, hinter dem dichterlande vorbey, um die äcker der pädagogik und aszetik zu wässern Aug. Wilh. Schlegel in: Athenäum 1, 1, 168; jeder tugend entspricht eine spezifische unschuld. unschuld ist moralischer instinkt. tugend ist die prosa, unschuld die poesie. rohe unschuld — gebildete unschuld. die tugend soll wieder verschwinden und unschuld werden Novalis schr. 2, 283 Minor; korrektheit gilt ihnen (d. lehrhaften schriftstellern) für tugend Aug. W. Schlegel in: Athenäum 1, 2, 54;

könnt ich löwenmähnen schütteln
mit dem zorn und muth der jugend,
wie gewaltig wollt ich rtteln
an des tages blasser tugend,
an dem trug der feigen, matten —
E. M. Arndt w. 5, 276 R.-M.;

rückt mir nicht auf den hals mit eurem soliden, häuslichen, langweiligen glück, mit eurer abgestandenen tugend im schlafrock Eichendorff s. w. (1864) 2, 116;

genug! nichts mehr
von diesem ausbund aller tugenden,
dem doch der hochmuth auf der stirne sitzt!
P. Heyse dram. dichtg. (1864) 31, 36;

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lasz den muckern ihre tugend;
was daran ist — herr, du weiszt es!
Bodenstedt Mirza Schaffy (1866) 148,

jetzo verstehe ich klar, was einst man vor allem suchte, wenn man lehrer der tugend suchte. guten schlaf suchte man sich und mohnblumige tugenden dazu Nietzsche w. 4, 1, 30 B.
β) im besonderen ablehnung der tugend der frauen als unehrliches, unnatürliches verhalten (s. auch oben 4 b und c):

die göttin fühlt den schmerz; voll mitleid sagte sie:
... sollt ich ein herz bekriegen,
und über sprödigkeit verstellter tugend siegen; ...
so wäre meine macht bereit dir beyzustehn
J. Fr. W. Zachariae poet. schr. (1763) 1, 118;

schon gut, herr vater; von Julianens tugend will ich nichts sagen; die tugend ist oft eine art von dummheit Lessing 1, 347 L.-M.;

welkes alter — rosenfrische jugend,
warme jungen mit dem muntern blut,
spröde damen mit der kalten tugend,
blonde schönen mit dem leichten mut!
Schiller 1, 186 G.;

auch meine sorge für deine jugend,
recht geschnürt und gequetschte tugend
erreicht nur hier das höchste ziel
Göthe I 38, 49 W.;

ich habe immer eine grosze anlage gehabt, weibern, die sich mit ihrer tugend breit machten, etwas die ehre abzuschneiden und ihre tugend zu schmälern, damit die andern sich nicht so ängstlich drücken müszten, die ihre tugend selbst schmälerten Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 321; sie war stolz auf ihre tugend und sie war es mit recht, aber sie verstand unter tugend nichts anders, als was man freilich oft mit dem worte 'weibliche tugend' andeutet, nämlich die strenge in vermeidung aller auszerehelichen zärtlichkeiten. dasz sie keinem einzigen vom männlichen geschlecht je einen kusz, geschweige andere freiheiten gestattete, das war ihr ganzes groszes ideal von tugend ... und eben dieser irrthum, der sie verführte, in der strenge der sittsamkeit die höchste tugend zu suchen, hatte folgende nachtheilige wirkungen C. F. Bahrdt leben (1790) 2, 127;

schwachsinnig weib mit der erlognen tugend,
die heilig möchte heiszen, weil sie kalt!
Grillparzer s. w. 6, 212 Sauer.


b) wahre, echte tugend. mit der entartung der tugendauffassung und dem versuch einer neubewertung hängt die bezeichnung wahre tugend, echte tugend u. ähnlich zusammen; davon geschieden werden falsche, negative tugend. vgl. auch oben den ähnlichen vorgang im mhd., III B 2 b β: die wahre tugend Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1160a; der wahre adel bestehet in der wahren tugend, wahre tugend, wahrer adel ebda 1160a; eine würkliche und geprüfte tugend bedarf keiner feurigen lob- oder schuzrede Joh. Leonh. Staudner rettg. d. kanzleystils (1764) 101; wahre tugend erzwingt unwillkürliche ehrfurcht, und schreckt auch die verwegenste bosheit zurück H. P. Sturz schr. (1779) 1, 42; wahre tugend ist allgemeinherrschende, volltätige liebe gottes über alles andere, und daraus abgeleitete nächsten- und menschenliebe der selbstliebe gleich J. Mich. Sailer glückseligkeitslehre 1 (1787) 229; gesammelt für freunde erlaubter fröhlichkeit und ächter tugend, die den kopf nicht hängt R. Z. Becker Mildh. liederb. (1799) titelbl.; ja, ich erlaube dir, stolz drauf zu seyn; seys auch werth, so und ihn geliebt zu haben. wenn ächte tugend die frucht davon würde, mit welcher wonne wirst du dann an diese zeiten zurückdenken Caroline 1, 106 Waitz-Schmidt; übrigens aber halte ich strenge auf meinem satz: religionsey die wahre tugend und glückseligkeit der frauen, und philosophie die vorzüglichste quelle ewiger jugend für sie, wie poesie für die männer Friedr. Schlegel in: Athenäum 2, 22; (es besteht) die rechte tugendt eines rechtschaffenen regenten darin, dasz er gott ... für augen habe Ranke s. w. (1867) 26, 500; die maximen, unter denen der kaufmann gute geschäfte macht ('ehrlich währt am längsten', ... 'reelle' bedienung,

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kredithebende bürgerliche wohlanständigkeit, onestà, honêteté, honesty, die geschäftsmaxime der 'solidität', deren zugehörige inbegriffe und handlungen), die auch solchen echter tugend irgendwie äuszerlich gleichen können, werden jetzt — zu 'tugenden' umgebogen Scheler umsturz der werte (1919) 2, 275.
er ... sieht überall die eigenliebe, die seine falsche tugenden so durch und durch beflecket J. Mich. Sailer v. d. religion d. gemüthes (1810) 54; in einer durchaus elenden und feigen zeit imponirten sein (Catos) muth und seine negativen tugenden der menge Mommsen röm. gesch. 3 (1866) 156; aber er (Ludw. XIII.) hatte, wenn wir so sagen dürfen, einige negative tugenden Ranke s. w. (1867) 9, 291. — negative tugenden auch anders als im fehlen einer unart, einer untugend bestehend: es kann menschen geben ... die zu solchen negativen tugenden (nicht neugierig zu sein) bildsam sind Göthe I 47, 187 W.; wodurch hat sich Rüdiger die anbetung seiner familie zugezogen? durch eitel negative tugenden. er hat nie schulden M. v. Ebner Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 266. vgl. auch: 'sind etwan wohlwollen, menschenliebe, freundschaft, groszmuth, mitleiden, dankbarkeit nicht tugenden?' 'scheintugenden, mein lieber bruder, weltliche ehrbare scheintugenden' F. Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 6.
c) seit der romantik wird der versuch gemacht, unter ablehnung der entwerteten tugendauffassung dem wort einen neuen positiven sinn zu geben, z. t. in bewuszter rückwendung zu älteren vorstellungen, vgl. auch die belege unter III B 3 a und c, 5 b; aufs ganze gesehen geht der weg dahin, die tugend nicht als dispositio im willen, sondern als habitus im sein zu begründen, vgl. oben zu III B: der begriff der tugend setzt notwendig voraus, nicht zwar, dasz ein mensch sein könne weder durch das höhere allein ohne das niedere, noch durch das niedere allein ohne das höhere, aber doch, dasz groszer raum sei für verschiedenheit in dem zusammensein beider. und nur dasjenige zusammensein beider ist tugend, worin das höhere gebietet und das niedere gehorcht, das umgekehrte aber ist das gegenteil Schleiermacher ausg. w. 1, 359 Braun; wie der reine himmel die welt belebt — wie der reine geist die welt begeistert — bevölkert — so versittlicht gott die welt, vereinigt leben oder himmel und geist. 1. jedes soll himmel — 2. jedes soll geist — 3. und jedes soll tugend werden. 3 ist die synthesis von 1 und 2 Novalis schr. 3, 32 Kluckh.; die wege zur macht: die neue tugend unter dem namen einer alten einführen Nietzsche w. 6, 216; ich erkenne die tugend daran, dasz sie 1. nicht verlangt, erkannt zu werden, 2. dasz sie nicht tugend überall voraussetzt, sondern gerade etwas anderes, 3. dasz sie an der abwesenheit der tugend nicht leidet ... 6. dasz sie gerade alles das tut, was sonst verboten ist: tugend, wie ich sie verstehe, ist das eigentliche vetitum innerhalb aller herden-legislatur, 7. kurz, dasz sie tugend im renaissancestil ist, virtù, moralinfreie tugend ebda 6, 221; der soll der gröszte sein, der der einsamste sein kann ... der mensch jenseits von gut und böse, der herr seiner tugenden, der überreiche seines willens ebda 4, 2, 138; jene 'anlagen' sind nur solche zu gewissen tüchtigkeiten, sind familienhaft, stammhaft, volklich: tugend hingegen ist ein lebendiges machtbewusztsein zum guten Max Scheler umsturz d. werte (1919) 1, 16; ist ein als (ideal) 'gesollt' gegebenes auch unmittelbar als ein 'gekonntes' gegeben, so entspringt aus diesem tatbestand der begriff der 'tugend', tugend ist die unmittelbar erlebte mächtigkeit, ein gesolltes zu tun ders., d. formalismus in d. ethik (31927) 209; anweisung dieser art (tugendlehre als anweisung zur realisation der tugend) ist es, die zu aller zeit ihr ziel verfehlt hat und verfehlen muszte, denn niemand wird durch belehrung gut. sie ist es, was der sittlich feinherzige stets verworfen hat — nicht nur als anmaszung, sondern auch als trivialisierung des höchsten und ernstesten, als dasjenige, was selbst die worte 'moral' und 'tugend' zu etwas langweiligem und halb lächerlichem herabgewürdigt hat N. Hartmann ethik (1928) 380; tugend ist das

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ultimum potentiae, das äuszerste dessen, was ein mensch sein kann; sie ist die erfüllung menschlichen seinkönnens. tugend ist die vollendung des menschen zu einem tun, durch das er seine glückseligkeit verwirklicht. tugend bedeutet die unbeirrbarkeit der richtung des menschen auf die verwirklichung seines wesens, das ist: auf das gute Jos. Pieper über die hoffnung (1935) 27.
6) im gegensatz zu der höfischen tugend, die mit dem adel gegeben ist (angeboreniu tugent, s. oben II A 2 e), ist die sittliche tugend, soweit sie nicht eingegossene tugend ist, abhängig von einsicht und aus der einsicht hervorgehender übung und bemühung, ἕξις (Aristoteles), habitus. daher liesz die nachhöfische zeit nicht mehr die tugend im adel, sondern umgekehrt den adel in der tugend begründet sein (s. oben III B 2 b γ); vgl. auch unten die verbalverbindungen, vor allem tugend üben und tugendübung, f.
a) tugend als ergebnis von bemühung und übung: wande die tugent niemmen gehaben nemach newane den si der wîse listmeister lêret, daz ist got Trudperter hohes lied 108, 33 M.;

der sol sîn verwâzen
swer êre hât verlâzen
und im selben ist sô zart
daz im nie tugent liep wart
durch des lîbes ungemach
Konrad Fleck Flore u. Blancheflur 40 S.;

diser (der mensch, der versucht wird) sol ferr mer gelobt sin und ist sin lon vil mer und sin tugent edler, dann des ersten (der keinen kampf hat), wann volkomenheit der tugent kompt von dem stritt, als sant Pauls spricht: die tugent wirt volbracht in der cranckheit meister Eckhart red. d. unterscheidung 14, 26 D.; alsus sol man leren sich ben in tugenden. wan du mst dich ben, solt du kúnnen. nút enwarte, das dir got die tugende in stúrze sunder din arbeit. man ensol niemer ungebten tugenden gelǒben, das der vatter und der sun und der heilig geist in den menschen flussen Tauler pred. 179, 10 V.;

Seneca der wisir Romer spricht
von der ediln, schonen togunt,
di toge ane den fliz ouch nicht,
man muez si ubin von jogunt
Joh. Rothe rittersp. 1890 N.;

mer dar is nochtan wal eyn werdigher und eyn verdenstliker unde dat oick gode wal mer gheleevet unde ghenoghet, dat is de doghede, de myt groten arbeide verkreghen is, dar mannych sterven unde verwynnen to ghehoert heft, unde dar men oick mannych dodeken umme sterven mot, eer men de doghede wynnen unde werven kan Joh. Veghe pred. 165, 2 Jostes; das dich übung der tugent leichtigklich ankumme ... das entspringt von langem bruch der tugent vnd ist habitus, ein cleid oder ein gewonheit der tugent Keisersberg brösamlin (1517) 2, 23b; müsziggang der tugent vndergang sprichw. schöne weise klugreden (1548) 177a;

wol in dogeden olden will,
ove sick in der yoget des goden vil
Husemann spruchsammlg. (1575) nr. 14 Weinkauff;

diese tugenden (der vernünftigen liebe) wollen ausgeübet seyn, und erfordern aufmercksamkeit, weswegen gar deutlich zu verstehen ist, dasz die geschäftige munterkeit auch ein nothwendiges stück vernünfftiger liebe sey Chr. Thomasius v. d. artzeney wider d. unvernünftige liebe (1692) 182;

tugend kömmt im traume nicht.
wachen, streben, laufen, kämpfen,
wollust, geiz und ehrsucht dämpfen,
dieses ists, was palmen bricht
Gottsched ged. (1751) 1, 209;

was ist der mensch? was soll er auf der welt?
er ist der allmacht werk, die lieblich ihn erhält.
unsterblich ist sein geist, und soll zu seligkeiten
in dieser welt der müh, durch tugend sich bereiten
Gellert s. schr. (1784) 2, 44;

das beschauliche (mystische) leben umfaszt somit nach dem unterricht, den Heinrich Suso seiner geistlichen tochter schwester Elsbeth Stagel gab, zwei kreise: in

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den ersten fällt das übende (in tugenden tätige), in den zweiten das schauende leben G. Greith d. dt. mystik (1861) 324; viele geschlechter müssen der entstehung des philosophen vorgearbeitet haben; jede seiner tugenden musz einzeln erworben, gepflegt, fortgeerbt, einverleibt worden sein Nietzsche w. 4, 2, 139 B.
b) tugend als erworbene, durch einsicht und mühe gewonnene haltung wird naturgemäsz im allgemeinen einem besonneneren, vorgerückteren alter der reife zugeordnet, und zwar je ausgeprägter tugend sittliche, moralische tugend ist, umso deutlicher. manche scheinbare ausnahme erklärt sich, namentlich in früheren sprachstufen, aus dem relativen wert der begriffe 'jugend-alter' usw.
tugend als kraft wird dem lebenskräftigen alter, zuweilen im gegensatz zur kraftlosigkeit der jugend und des alters beigelegt (s. oben I C 1 δ u. ε). der ae. gegensatz von duguðe onde geogoðe (häufig im Beowulf) meint etwas ähnliches, ist aber daneben stark auf den gegensatz der adeligen mannschaft (duguþ) und der knappen bezogen. die höfische tugend wird sehr oft mit jugend und schönheit verbunden, wobei aber jugend doch einen ausgebildeteren zustand bezeichnet und nicht einfach mit 'unerfahrenheit' 'unreife' gleichzusetzen ist (s. oben II A 2 d). wenn demgegenüber vereinzelt schon höfisches tugend in verbindung mit alter im gegensatz zur jugend erscheint, so kann das seinen grund haben in der schwankenden bedeutung von jugend (hier dann mehr als kindlicher, unerfahrener zustand gemeint) wie auch in der bei einzelnen höfischen dichtern beginnenden gegenhöfischen sittlichen auffassung:

gip manlîch ellen dîner jugent:
daz lêrt dich in dem alter tugent
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 348, 30;

Rual der tugende erkande
der geloubete Tristande
und sach die jugende an im an;
so entweich aber Tristan
den tugenden an Ruale
Gottfried v. Straszburg Tristan 4533 R.;

welt, tuo mê des ich dich bite,
volge wîser liute tugent.
dû verderbest dich dâ mite,
wil du minnen tôren jugent
Walther v. d. Vogelweide 60, 28 Kr.;

hânt alte liute jungen muot,
die jungen alten, deist niht guot.
singen springen sol diu jugent,
die alten walten alter tugent
Freidank (21860) 52, 7 Gr.;

wiewol diser Karolusz jung wasz an jaren, ist er doch alt gewest an vernunft und tugendten Knebel chron. v. Kaisheim 399 lit. ver.;

der nachbar ist mürrisch und alt,
und schwatzet und plaudert von tugend,
von lieb und sündiger jugend!
Becker Mildh. liederb. (1799) 49;

sag' mir nur, warum die jugend,
noch von keinem fehler frei,
so ermangelnd jeder tugend,
klüger als das alter sei
Göthe I 6, 218 W.;

tugend gibt dem alter würde volksschausp. i. Bayern u. Österr. 207 Hartmann;

er sei, unangesehen seiner jugend
ein musterbild der frömmigkeit und tugend
Uhland ged. (1863) 460.


c) jugend hat keine tugend. die auffassung der tugend als einer dem jugendlichen alter nicht eigenen haltung zeigt sich deutlich in dem sprichwort jugend hat keine tugend und ähnlich. heute hat es meist den besonderen sinn, dasz jugend zu unbürgerlichem, überschäumendem, die grenzen des wohlanständigen überschreitendem wesen neigt. hier macht sich die verbürgerlichte tugendauffassung ('bravheit', s. oben III B 3) geltend. das sprichwort ist, seinem inhalte entsprechend, erst nhd. zu belegen; vgl. DWB jugend ist nicht allzeit tugend Pistorius thes. paroem. (1715) 589; tugend und jugend ist selten beysammen Kern sprichw. (1718) 49; jugend hat nicht tugend Schellhorn sprichw. (1797) 99; jugend hat keine tugend Nicolai Seb. Nothanker (1773)

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1, 167: und am ende muszte sich der ehrliche fakir mit seinem gewöhnlichen sprichworte, jugend hat nicht tugend, zufrieden stellen lassen Wieland s. w. (1794) 6, 192; hernach, wie er offizier wurde, war er wohl ein bischen ein lockerer zeisig; aber jugend hat nicht tugend Kotzebue s. dram. w. 2, 172; jugend ist jugend, und dasz sie keine tugend hat, ist blosz verleumdung Fontane ges. w. (1905) I 6, 16; vgl. DWB jugend und tugend seynd oft gar weit von einander Abr. a s. Clara w. 4, 293 Strigl.
diesem sprichwort stehen andere gegenteiligen inhaltes gegenüber, wahrscheinlich als nachwirkung höfischer auffassung (vgl. auch den voraufgehenden Fontane-beleg) als ablehnung eines gedankenlos verbreiteten gemeinplatzes: die jugend ist die tugend Petri d. Teutsch. weiszh. (1605) q 5b; der schönen jugend, geziert mit tugend, gebürth der preisz, für dem alter vnweisz ebda o 8b; zucht vnd tugend ... ziert die jugend Lehman floril. polit. (1662) 3, 155.
d) spiegel aller tugend(en), exemplar virtutum; der durch tugendübung erlangte vorbildliche stand sittlicher und religiöser vollkommenheit wird mit der formel spiegel aller tugend umschrieben, im anschlusz an antike tugendlehre schon im höfischen (vgl. auch tugendspiegel, m.; über spiegel als vorbild, muster s. DWB spiegel 4 e, teil 10, 1, sp. 2234 f.); vgl. spieghel der deuchden exemplar virtutum Kilian (1623) Mmb:

daz uns von Kriechen si genomen
der tugent spiegel vollekomen (Helena)
und aller êren überhort
Konrad v. Würzburg troj. krieg 23416 K.;

in dem kloster, da si (Elsbeth Stagel) wonete under den swöstran als ein spiegel aller tugenden Seuse dt. schr. 97, 2 B.;

ir kint, ir reinen vrouwen,
ir sont der tugent ein spiegel sin
und gotes bild, ein klarer schin schausp. d. mittelalt. 1, 217 Mone;

die, die da war allhier ein spiegel aller tugend,
ist mit der frülingszeit im früling ihrer jugend
von uns gerissen hin
P. Fleming dt. ged. 1, 36 Lappenb.;

auch so, jhr wahres bild vnd spiegel aller tugendt,
hat das verhängnisz euch, noch eben in der jugendt,
von hinnen weggerafft
Opitz teutsche poem. 65 Witkowski.

ähnlich muster aller tugend: welch ein mann, meine Emilia, ihr vater! das muster aller männlichen tugend! zu was für gesinnungen erhebt sich meine seele in seiner gegenwart! nie ist mein entschlusz immer gut, immer edel zu seyn, lebendiger, als wenn ich ihn sehe Lessing 2, 403 L.-M.
7) 'tugendwerk'; im anschlusz an sittliche tugend, die der übung und bemühung verdankt wird (s. oben 6), nähert sich tugend der bedeutung 'gute werke' (vielfach tugenden und gute werke nebeneinander, im mhd. auch guottât neben tugend; schon Notker übersetzt virtus mit guottât. bezeichnend ist auch mhd. und frühnhd. guote tugend nach analogie der guten werke), indem tugend als seinsverfassung mit den äuszerungen solches habitus gleichgesetzt wird (vgl. etwa liebe als tugend und als dem menschen zugewandtes tun). damit erreicht tugend einen äuszersten gegensatz sowohl zu tugend als 'habitus' wie als 'gnadengabe' gottes (s. oben III B 2 γ). im ganzen selten, vor allem in der neuzeit, da tugend sich wohl in werken äuszert, aber im strengen sinne kein werk ist:

swer drîzec tugende begât
und tuot elne missetât,
der tugende wirt vergezzen,
diu missetât gemezzen
Freidank (21860) 46, 1 Grimm;

daz wir von den guten werken varn z den bezzer werken und von einer tgent in die andere, als her David spricht: ibunt de virtute in virtutem (ps. 83, 8) altdt. pred. 1, 57, 11 Schönbach; iwer halsperge, den ir uber iwer bruste da ziehen sult, daz sulin sin die vil manigen tugende; wan

[Bd. 22, Sp. 1619]


also manigin rinc so ain halsperch hat, also manige guotæte unde also manige guote tugende muoz der man haben, der sich des tievels wern sol ebda 3, 166, 6; dû solt alle tugent (= ûzerlichin werk oder üebunge) durchgân und übergân unde solt alleine die tugent nemen in dem grunde, dâ si ein ist mit götlicher natûre meister Eckhart 71, 5 Pf. (vgl. den Luther-beleg); alsô ist er ouch in gebete und an allen tugenden: der im rehte tuot, sô heizet ez ein tugent und anders niht ders. 612, 3 Pf.; alle túgende, die ir vermúgent, súllent ir wirken, aber ir ensúllent dar in nit getruwen, sunder in Cristo alleine Seuse dt. schr. 487, 24 Bihlm.; und so der mentsch ie me die tugend bet mit den werchen, so im got ie me tugend und gnade git St. Georgener pred. 216, 6 R.; daz dir der prediger sage, daz gehalt in dim hertzen und lere dich selber wie du tugent übest und gtú werch ebda 240, 19; also heeft ellic mensche syn vrije verkesen, of he wille den bosen gheeste under gheworpen wesen in sundeliken werken of gode in guden dogheden Joh. Veghe wyngaerden 55, 25 R.; angesien dattu in tijt myt dogheden of myt sunden verdenen machst vroude of pine in ewicheit ebda 23, 23; er (Christus) wil mich alleyn haben und sunst nichts mer. und wen ich im gleich alles das geb, das ich thun kont, noch were es ym nichts nicht ... den das euszerliche ding, dye euszerlichen togent seyn alleyn dinstmeyde, er wil die frawe selbst haben. wil haben das ich ausz grund des hertzen sag: ich bin deyn Luther 10, 3, 416, 22 W.; was ist aber haltung der gebott gotts? es seind tugentryche werck, vnd ist übung der tugenden Keisersberg postill (1522) 3, 59b; erbüt dich got und dynem nechsten, in heyligkeit und worheit, mit betten, fasten, wachen und allen guten tugenden ders. bilgersch. (1512) b 3a;

er klagt, dasz so ein mann sein theures haupt soll neigen,
der so viel tugenden auf erden ausgeübt
Canitz ged. (1727) 87;

dasz aber auf der andern seite die tugend auch ein gut genannt wird, kann mit recht nicht anders geschehen, als insofern sie zugleich ein hervorgebrachtes ist — gestärkt und befestigt durch die tätigkeit selbst, und ein anschauliches, welches sich durch taten oder werke als durch zeichen offenbart Schleiermacher ausgew. w. 1, 151 Braun.
C. tugend im gegensatz zu untugend, sünde, laster, fehler. tugend steht häufig zusammen mit gegensatzwörtern; im allgemeinen nur soweit sie moralische tugend (III) ist, also besonders betont (predigt, moralphilosophie) und im umfang begrenzt ist.
die höfische tugend als verschiedene werte umfassender begriff entwickelt keinen gegenbegriff, der ihren gesamtinhalt verneint, auszer untugent, die aber für die höfische zeit noch nicht charakteristisch ist und nur selten in ausgesprochenem gegensatz zu tugent erscheint (s. unten). unêre, dörperheit verneinen nur einzelne seiten der höfischen tugent, sind aber kaum ausdrücklich neben tugend gestellt. ähnlich hat auch tugend als 'vorzug, wert' (II) nur selten einen gegenbegriff neben sich: fehler, mangel.
im ahd. und frühnhd. ist tugend gegensatz zu âchust und lotar, loter; vgl. auch E. Aumann tugend u. laster im ahd. PBB 63 (1939) 143—161: num ea vis est magistratibus ut mentibus utentium inserant virtutes, depellant vitia? ist tanne diu chraft an dien ambahten, daz sie dien ambahtmannen tugede geben, achuste nemen? Notker 1, 145, 17 P. (Boethius III pr. 4, 3); dero achustone haz, dere tugidone minna Bamberger beichte bei Steinmeyer 147, 24;

sô der tiufel unde sîniu lit
alsô gar werdent verniht,
sô ne vehtent in den brusten
die tugende mit ten âchusten,
sô werden wir lûtter unde raine auslegung d. vaterunsers 94 bei
Waag kl. ged. d. 11. u. 12. jhs. 46;

er (gott) leitit uns von allen âkustin an die heiligen tuginde, als ez kît: de virtute in virtutem St. Trudperter hohes lied 18, 17 Menhardt; die âchuste dâ dihaine stat

[Bd. 22, Sp. 1620]


haben, dâ die himilisken tugende wonent ebda 119, 1. — ter nesihet nieht sinero gewizedo, der sih anazocchot fone imo selbemo daz fundenhaben daz anderer fant, unde sih tuomet mit tiu. der feret mit lotere nals mit tugede Notker 1, 116, 12 P. (Boethius II pr. 7, 64).
tugent und untugent. vereinzelt im höfischen:

ezn frumet tugent noch êre
fur den tôt niht mêre
dan ungeburt und untugent
Hartmann v. Aue armer Heinr. 721 G.

häufiger erst als gegensatz von 'sittlicher tugend' und 'sünde', geläufig seit Berthold v. Regensburg: dar umbe daz sie (d. engel) mit ir frîen willekür untugenthaft wurden und untugent für die edeln tugent kurn, dar umbe wurden sie verstôzen in das apgründe der helle 1, 97, 17 Pf.; unde dar umbe durch den almehtigen got sô lernet die siben tugende, dâ ir den siben untugenden mit an gestrîten sult ebda 1, 100, 10; swaz dich an vehti von untugenden, daz vertrip mit tugenden St. Georgener pred. 241, 5 Rieder; das fleische ratet untugent unt bosheit, der geist gottes ratet minne gottes, fride, froedeunt alle tugent meister Eckhart buch d. göttl. tröstung 42 Strauch; als nu diser mensche dise bse untugende alsus ab geschorn hat in sinem beginne, so sol er denne der schosse har war nemen, ... die ... wisent sich als es sin tugende, und sint valsche schine, da hofart in dem grunde lit verborgen Tauler pred. 235, 27 V.; dogede unde undogede mogen nicht tosamen Tunnicius sprichw. nr. 833 Hoffmann; so der mensch nachfolgt vnd das liecht die warheit, die tugend, von der finsternusz, tugend vnnd vntugend absondert, der kompt vom liecht ins liecht vnnd kan nicht jrren Lehman floril. polit. (1662) 2, 738.
tugend und sünde; seit dem mhd.: die zvene herren, den nieman zu male gedinen mach, daz sin die sunde und die tgende, himel und erde, got und der tvele, recht ere und ytel ere, daz vlesch und der geist altdeutsche pred. 1, 48, 28 Schönbach; noch dan mz man striten mit den gaischlichen súnden, daz ist hohfart, zorn, nid, hass, gitkait. dis untugend und ain ieglichú untugend sol man úberwinden mit tugenden (demut, sanftmut, huld, liebeusw.) St. Georgener pred. 245, 6 Rieder; der papst ... ja ausz einer sünden kan er ein grosze tugend vnd frommkeit machen Fischart binenkorb (1588) 250;

eins ist schlimmer noch als sündigen:
sünd' als tugend zu verkündigen
E. Geibel ges. w. (1883) 3, 200

besonders betont tugend und houbetsünde, todsünde: als schiere so únser herre die tugend in die sel gússet, so ist daz ir erst werch, daz si alle hobetsúnde us wirfet, won hobetsúnde und tugend múgent niemer enkain stund bi enander bliben St. Georgener pred. 215, 26 Rieder; von den siben totsünden und ... tugenden A. v. Eyb spiegel d. sitten (1511) a 1a.
seit dem frühnhd. ist am geläufigsten tugend und laster:

also wer in dem bchlein hie,
nicht weisz was er thu, was er flieh,
weisz nicht das thugend heiszt vom thun.
vnd laster von dem lassen nun ...
derselb des büchleins sich entheb
Joh. Fischart vorbereitg. in den Amadis (1572) v. 75;

die prediger ... solten das cristlich volck vermanen z ... hrtzlichem hasz der laster vsz liebe der tugendt Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 21 ndr.; wann das müssiggon ist ein stieffmter aller tugent vnd ein mter aller laster Keisersberg brösamlin (1517) 2, 11a;

was man gewonet in der jugnd,
es sey gleich laster oder tugnd,
das hanget einem immer an
B. Krüger Clawerts werckl. hist. 65 ndr.;

die jugend ... lässet sich von jhren sündlichen neigungen dahin verleiten, dasz sie aus dem laster eine tugend zu machen pflegen Harsdörffer schaupl. lust.- u. lehrreicher gesch. (1651) 1, 69;

der zucht und tugend ehrt, darf wol der laster spotten
J. Grob dichter. versuchgabe (1678) 12;

[Bd. 22, Sp. 1621]


welcher mensch, der nur ein fünklein tugend in seiner seele hegt, wird nicht über dergleichen abschaum aller laster erstaunen und dessen durchteufeltes gemüthe verfluchen? Schnabel insel Felsenburg 1 (1751) 219; die seele lernet man aus ihren würckungen kennen und also aus den wissenschafften und künsten, ingleichen aus den tugenden und lastern der menschen Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun u. lassen (1720) 146;

frag sie (d. vernunft), woher es kömmt, wenn gott die welt regieret,
dasz oft die tugend seufzt, das laster triumphiret?
Gellert s. schr. (1784) 2, 44;

zumal wenn die person ... ein seltsames gemisch von tugenden und lastern an sich hat Lichtenberg nachl. 7, 28 Leitzm.;

er (d. druide) nahm ihn
zu sich in einsame wälder, und führt ihn der weisheit entgegen.
hier gewohnte sein unverfälscht herz, den höfischen lastern
unzugänglich, die rauhe tugend und arbeit zu lieben
Wieland I 1, 139 akad.;

sowohl mit den menschlichen lastern als mit der menschlichen tugend bekannt Göthe I 43, 6 W.; es muszte so viel gutes herz fehlen, um diese that zu begehen. laster ist also nur die abwesenheit von tugend, thorheit die abwesenheit von verstand, ein begriff ohngefähr, wie schatten oder stille? ... wenn es also kein laster im menschen gibt, so ist alles was in ihm thätig ist, tugend, d. i. es ist gut, eben so wie alles tönt, was nicht still ist, alles licht hat, was nicht im schatten steht? Schiller 4, 302 G.; (ein volk) zu stolz ..., fremder tugend zu räuchern, — kann sich nimmermehr an fremdes laster verdingen ebda 3, 399; die bewohner ... leben im bewusztlosen zustande unentwickelter völker. sie ... kennen eigentlich weder tugend noch laster Ritter erdkd. (1822) 1, 399;

(er), der
zu schlimm zur tugend und zu schwach zum laster
in ewger trunkenheit durchs leben taumelt
Grillparzer s. w. 10, 85 Sauer;

beschaffenheiten der person, sofern sie (nach regeln) abhängig von der güte der person variieren, heiszen tugenden; laster, sofern sie abhängig von ihrer bosheit variieren M. Scheler d. formalismus in d. ethik (31927) 83.
die gegenüberstellung von tugend und fehler ist jung: wie weit wären wir gelangt, wenn über alle fehler und tugenden der menschen ... unbewunden gesprochen werden könnte Herder 17, 13 S.; weil wir nur unsere tugenden meist mit willen und bewusztsein ausüben, von unseren fehlern aber unbewuszt überrascht werden, so machen uns jene selten einige freude, diese hingegen beständig not und qual Göthe I 28, 211 W.; vgl. ebda 22, 69;

und das alter wie die jugend
und der fehler wie die tugend
nimmt sich gut in liedern aus ebda 1, 12;

(die religion) hat mich gelehrt, mich selbst mit meinen tugenden und fehlern in meinem ungeteilten dasein heilig zu halten Schleiermacher ausg. w. 4, 219 Bauer; (nach ihrer flucht wurde es in ihrem elternhause so trostlos still) dasz der tolle leichtsinn, all die buntschillernden ... fehler des entflohenen mädchens fast als tugenden erschienen W. Raabe d. hungerpastor (1864) 139.
in der verbindung tugend und fehler wird die verweltlichung der tugendauffassung sichtbar; häufig stehen tugend und fehler nicht mehr in moralischem zusammenhang, sondern bezeichnen vorzug, wert, auszeichnung und deren fehlen: am sichersten, mein urtheil über ihn (Homer) sey nicht voreilend, damit ich ihm das nicht für einen fehler anrechne, was tugend seiner zeit war Herder 3, 203 S.; die tugenden der alten sei'n nur glänzende fehler, sagt einmal, ich weisz nicht, welche böse zunge; und es sind doch selber ihre fehler tugenden, denn da noch lebt ein kindlicher, ein schöner geist, und ohne seele war von allem, was sie taten, nichts getan Hölderlin s. w. 2, 284 v. Hellingr.; leider sind in diesen dingen (zeichnungen) alle meine alten fehler, ohne dasz von neuen tugenden

[Bd. 22, Sp. 1622]


viel zu spüren wäre Göthe IV 19, 357 W. (vgl. oben II B 6); das (die stärke im disputieren) hat er von seiner mutter. nur wollte sie ihr mann niemals drum rühmen. da sieht man, wie die fehler deplacirte tugenden sind ebda 39, 34; ihre (der orientalischen literatur) tugenden lassen sich nicht von ihren fehlern trennen, beide beziehen sich auf einander, entspringen aus einander und man musz sie gelten lassen ohne makeln und markten ebda 7, 102; die Römer konnten nichts löbliches mehr sehen an einem papste von so zähem leben. seine tugenden verwandelten sich in fehler Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 152; bei dem volk war er (Marius) populär wie keiner vor oder nach ihm, populär durch seine tugenden wie durch seine fehler, durch seine unaristokratische uneigennützigkeit nicht minder wie durch seine bäurische derbheit Mommsen röm. gesch. 2 (1874) 190. ähnlich tugend und mangel: seine (des bildes) tugenden und mängel besprechen zu können, ist eine sehr reizende und belehrende unterhaltung Göthe IV 12, 339 W.; (das abgelegene dorf) mit all den mängeln und tugenden, all der originalität und beschränktheit, wie sie nur in solchen zuständen gedeihen Annette v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 261.
bei Nietzsche erscheint der gegensatz von DWB tugend und leidenschaften in einem höheren 'jenseits von gut und böse' aufgehoben (vgl. die neue tugend unter III B 5 c): einst hattest du leidenschaften und nanntest sie böse. aber jetzt hast du nur noch deine tugenden: die wuchsen aus deinen leidenschaften. du legtest dein höchstes ziel diesen leidenschaften ans herz: da wurden sie deine tugenden und freudenschaften Nietzsche w. I 6, 50.
D. weg, pfad, bahn etc. der tugend als gegensatz zu dem der sünde, des lasters, im anschlusz an das biblische bild von dem breiten und engen weg (Matth. 7, 13f.); vgl. auch tugendbahn, -pfad, -weg u. s. w.: die gerechten sint her kommen durch den weg der tugende: demtheit, vorchtsamkeit, gelossenheit und senftmtigkeit Tauler pred. 167, 27 V.;

der tugent steyg ist enger
worden her zu unnseren tagen
Heinrich v. Neustadt Apollonius 4 S.;

(dasz du) noch so jung, auf der tugent pfad
weiter dan vil alte gekommen
Weckherlin ged. 1, 224 lit. ver.;

der tugent strasz ist streng vnd hart,
langweilig vnd trawriger arth
Petri d. Teutschen weiszh. (1605) P 2b;

so hab ich dich auff dem angetrettenen weg der tugend stärcken und dir einige lehren zum unterricht geben wollen Grimmelshausen Simpl. 34 Scholte;

wie ich hier in wahnwitz mich verirret,
wie fern ich von dem pfad der tugend ausgeirret?
Gryphius trauersp. 272 Palm;

ich, der ihr selbst vertrat der keuschen tugend bahn!
ach, was ich nicht gewehrt, das hab ich selbst gethan. ebda 340;

ob man nicht ..., die zärtlichen gemüther hierdurch gleichsam spielende und unvermerkt oder sonder zwang auf den weg der tugend leiten ... könnte Lohenstein Arminius (1689) 1, vorber. c 2b;

betritt der tugend pfad und meid den laster steg
J. Chr. Günther ged. (1735) 1029;

sie haben mich auf den weg der tugend geführt: aber halten sie mich schon für eingeleitet genug, um nun allein auf ihm zu gehn und von demselben nicht abzuirren? Hermes manch hermäon (1738) 1, 159; man musz sich nicht von der menge hinreiszen lassen, sondern man musz den weg der tugend wandeln, und wenn wir auch ganz allein darauf wandelten Lessing 3, 350 L.-M.;

höh're preise stärkten da den ringer
auf der tugend arbeitvoller bahn
Schiller 11, 6 G.


E. die tugenden, später auch die tugend personifiziert. im mittelalter nach den stammbäumen der tugenden

[Bd. 22, Sp. 1623]


und laster als literarisches motiv (im anschlusz an Prudentius psychomachia), conflictus virtutum et vitiorum; in der geistlichen literatur als kampf der tugenden mit den lastern in der menschlichen brust, als ausgeführte allegorie in gröszeren dichtungen: 'der geistliche streit', 'der sünden widerstreit', ferner Seifrit Helbling ged. nr. vii, dazu G. Ehrismann lit. gesch. 2, 2, 2, 372. aus der literatur in die bildende kunst übergegangen, besonders als figuren an kirchenportalen (Straszburg), meist im kampf mit den lastern, dazu F. X. Kraus gesch. d. christl. kunst 2, 1 (1897) 391; J. Sauer symbolik d. kirchengebäudes (21924). später auch auszerhalb dieses zusammenhanges (über tugend als 'tugenahafte person' s. oben III B 4 c):

sô ne vehtent in den brusten
die tugende mit den âchusten,
sô werden wir lûtter unde raine kl. dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 46 Waag (vaterunser);

dâ (im herzen) vehtent die âchuste mit den tugenden. wie? dâ vihtet in diu hôhfart, daz si verwunde die diemt ... dâ vihtet diu unchûsske mit micheleme herige St. Trudperter hohes lied 114, 6 M.; diu gezelt daz sint dîne ûfferrihten sinne in den unde under den râwent die hailigen tugende scarehaft ebda 94, 14;

ein champh han ich inphangen,
daz ist ienoch unergangen,
daz an mir zallen stunden
die tugent habint mit den sunden
wârer schirmære,
du wis der vorvehtære
vr die tugentlichen schare
daz si von dem herzen vertrîben algar
der sunden blîgîne mæsse Heinrichs litanei 16 bei
Kraus mhd. üb.-buch 228;

nu sint sie komen ûf daz velt.
sie hânt gerihtet ir gezelt,
die vînde (d. laster) und ouch der tugenden schar d. geistl. streit 272 Hoepfinger

nû ist geschart der tugende her, ...
diu leste schar legt sich hin zuo;
sô wirt der strît morgen fruo Seifrit Helbling VII, 472 Seem.


der nhd. gebrauch knüpft sowohl an mittelalterliche vorstellungen wie unmittelbar an antike oder renaissance an:

(der sterbende reiche mann):
ach mein freundin, du edle Tugent,
die ich lieb hett in meiner jugent,
ich sich dich dort von ferrn kommen
Hans Sachs 6, 168 lit. ver.;

die alten haben allenthalb die tugent in zerrissen kleidern arm gemalt vnd nindert reich Seb. Franck sprüchw. 1 (1545) 13a; in der alten ewigen stadt Rom waren vorzeiten die beyde tempel, der tugend und ehre S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 2a;

sieh die tugend im staub', und sieh das laster im purpur
Herder 27, 299 S.;

über dieses alles hat Dunkan ...
sein groszes amt so tadellos verwaltet,
dasz wider diese schauderhafte that
sich seine tugenden wie cherubim
erheben werden
Schiller 13, 34 G.;

eines zu seyn mit allem, was lebt! mit diesem worte legt die tugend den zürnenden harnisch, der geist der menschen den zepter weg, und alle gedanken schwinden vor dem bilde der ewig-einigen welt Hölderlin s. w. 2, 91 v. Hellingr.
IV. der plural die tugenden.
1) neben der tugend als das auf das gute gerichtete sittliche verhalten des menschen werden seit der antiken ethik, also auch im deutschen wortgebrauch seit dem ahd., einzelne tugenden je nach ihrer hinwendung auf verschiedene sach- und wertgebiete unterschieden. dabei kann es sich um einen plural oder um einen singular zu einem möglichen (wenn auch nicht ausgesprochenen) plural handeln.
belege für den plural sind bereits unter den einzelnen bedeutungen gegeben, besonders für die weniger reichhaltige frühere zeit (vgl. über das antik-mittelalterl. tugendsystem oben III B 2 a β), hier nur noch vereinzelte nachweise, vor

[Bd. 22, Sp. 1624]


allem für die neuere zeit, da erst in ihr der plural eine besondere bedeutung gewinnt, seitdem im verlauf der stärkeren moralisierung und damit der einengung des umfanges bei den moralphilosophen des 18. jhs. der singular, die tugend, als ein gesamtverhalten besonders deutlich wurde (s. oben III B 3 und 4). bis dahin waren singular und plural nur der funktion, nicht der bedeutung nach unterschieden. vgl. im übrigen darstellungen der ethik, für diesen fall etwa Schleiermacher über die wissenschaftl. behandlg. d. tugendbegriffs (1819), ausgew. w. (1910) 1, 349ff. Braun u. Bauer; N. Hartmann ethik (1926), bes. teil ii; ferner die folgenden philosophischen bestimmungen:

die tugenden hängen alle aneinander.
die tugenden sind so verknüpffet und verbunden,
wer ein' alleine hat, der hat sie alle funden
Angelus Silesius cherub. wandersm. 127 ndr.;

das herz hat eigentlich nur eine tugend, und diese ist der lebendige, kräftige, von dem gewissen und der vernunft erzeugte vorsatz, überall gut und der göttlichen bestimmung ohne ausnahme gemäsz zu handeln ... aus dieser tugend des herzens flieszen, gleich als aus einem meere, viele ströme einzelner tugenden und pflichten Gellert s. schr. (1784) 5, 197; wie der mensch nicht zwei gesundheiten hat, sondern eine, so der tugendhafte eine tugend ... sie ist immer eine, und trägt verschiedene namen nach ihren verschiedenen wirkungen, äuszerungen, gegenständen, graden Joh. Mich. Sailer glückseligkeitslehre 1 (1787) 239; es gibt einen wesentlichen bestandteil der tugend. — alle tugend ist nur eine. verschiedene tugenden entstehen aus der tugend mancherlei verhältnissen Novalis schr. 2, 280 Kluckh., s. 1, 236; die frage, welche im altertume schon so oft behandelt wurde, ob die tugend eine sei oder viele, ist nichts anderes als das natürliche ergebnis aus dem streite jener unvollständigen betrachtungsweisen. denn die natürliche voraussetzung für jeden, der den tugendbegriff zu einer wissenschaftlichen darstellung brauchen wollte, könnte doch nur die sein, die tugend müsse eines und vieles sein in verschiedener hinsicht Schleiermacher ausg. w. (1910) 1, 351 Braun u. Bauer; vgl. ebda 1, 353; (die tugendwerte) sind die werte des menschlichen verhaltens selbst; und da das verhalten sich auf sehr verschiedene arten des sachverhalts erstreckt, so gibt es der material differenzierten 'tugenden' notwendig eine reiche manigfaltigkeit. was ihnen allen gemeinsam bleibt, ist der wertcharakter der tugend als solcher als des auf bestimmte verhältnisse bezogenen guten N. Hartmann ethik (1926) 379.
a) allgemein die tugenden, ohne besondere nennung, aber doch so, dasz nicht ein gesamtverhalten, sondern einzelne weisen gemeint sind:

in sunderen porten stânt doch drî:
bezeichenet ist uns dâ pî,
swelehe in al tugente
sint ze gote hugente,
den werdent die porte ûfgetân himml. Jerusalem 71 bei
Waag 57;

fides, spes, caritas
der geloube joch diu minne,
der zuoversiht darinne
rîhsenet mit gewalte:
dannen choment uns ander tugente manicvalte ebda v. 443;

die heilige wîf,
die uns aller dugende
gegeven havent bilede:
(genannt werden: demut, geduld,
barmherzigkeit, gottesfurcht) Arnsteiner Marienlied 158 bei
Waag 129;

wante allerslahto tugede an dir quekkent, also in demo garten allerslahto krut gruonent Williram hoh. lied 67, 3 S.; den guotin willin gilltit er (gott) uns mit den tugenden. die tuginde giltit er mit ime selbin St. Trudperter hohes lied 12, 26 Menhardt; wane unser herre newil keines menschen herzen besitzen, iz ensie vil reine und mit tugenden wol gezieret bei Schönbach altdtsch. pred. 1, 170, 1; und wie ernest in ist, so lat sú doch got dicke also stan, untze daz nach vil gter werke samenunge der mensche ein volles vas wurt aller túgende und gnaden

[Bd. 22, Sp. 1625]


Seuse dtsche schr. 507, 25 Bihlm.; und alle die in daz geheizen lant wellent komen, die müezent dise zwô unde vierzic tugende haben, die unser frouwe dâ hete (wegen der 42 geschlechter ihrer abstammung, vgl. Matth. 1, 1-16), oder sie koment niemer in daz geheizen lant ... unde iedoch sô mac ich dirre zwei unde vierzic iu aller niht gesagen; sô wil ich iu ir doch ahte sagen Berthold v. Regensburg 1, 249, 16 Pf.; io der do ysset wirdiglich (d. brot des lebens), der sich darz bereytet mit worer penitenz siner sünden und sich vor und darnoch darz also haltet mit gantzer behutsamkeit und mit allen gten tugenden Keisersberg bilgerschaft (1512) 18d;

kein stund soltu hie müssick gon,
darin du dich nit rüstest schon
für got mit dugenden zston
Th. Murner badenfahrt 3, 9 Michels;

vs dem allem klagen sich seer die, so das znemmen der tugenden vsz dem Aristotele, vnd nit vsz Christo gelernt habend H. Zwingli v. freih. d. speisen 35 ndr.; Ambrosius (lehret), dasz uns in den thieren von gott sein vieler herrlicher tugenden bildnis abgemalet, welche einen jeglichen seines ampts erinnern und vermanen sollen Heyden Plinius (1565) vorr. 4b; die fest unserer lieben heiligen seynd eingestellt, auf dasz sie ... uns sollen ... üben in denen tugenden Abr. a s. Clara etwas für alle (1699) 2, 115; wenn ein jeglicher von diesen anderen correspondenten die uns mit generalien geschrieben, sich bey einer eintzigen thorheit, oder bey einer eintzigen und absönderlichen tugend ihres lebens aufgehalten hätte, so könten wir versprechen, dasz ihre brieffe sämtlich das publikum ergetzet, und uns den anlase beschleunigt hätten, von vielen sachen zu reden discourse d. mahlern 2 (1722) 16; was? bist du so zurückhaltend? — (Franz.): nein, gnädiges fräulein; sondern ich wollte es gern mehr seyn. man spricht selten von der tugend, die man hat; aber desto öfter von der, die uns fehlt Lessing 2, 190 L.-M.; wenn sie mich (den vater) noch liebt, so ist ihr fehler vergessen. es war der fehler eines zärtlichen mädchens, und ihre flucht war die wirkung ihrer reue. solche vergehungen sind besser, als erzwungene tugenden ebda 2, 268; welches feld von tugenden öffnet nicht blos die gemeinschaftliche erziehung ihrer (der eheleute) kinder! Gellert s. schr. (1839) 7, 152; jede (zeit) soll mir das bild ihrer eigenen sitten, gebräuche, tugenden, laster und glückseligkeiten liefern, und so will ich alles bis auf unsere zeit zurückführen Herder 4, 364 S.; man musz dem unkraut zuvorkommen, und guten samen, schöne tugenden in das weiche zarte herz (der kinder) hineinpflanzen, und gott vertrauen, so wird's besser werden J. P. Hebel w. 2, 39 Behaghel; wie spät lernen wir einsehen, dasz wir, indem wir unsere tugenden ausbilden, unsere fehler zugleich mit anbauen. jene ruhen auf diesen wie auf ihrer wurzel, und diese verzweigen sich insgeheim eben so stark und mannichfaltig als jene im offenbaren lichte Göthe I 28, 211 W.; seine (Winckelmanns) kindheit fiel in den zeitraum ... wo in den häusern des mittlern und gemeinen standes noch alle die tugenden in ehren waren, woraus echte kräftige charaktere erwachsen ebda 46, 85; man würde nicht vergessen, dasz ein laster, das man im leben antrift, stärker reizt, als zehn tugenden, die man in der vorschrift findet Kaj. Weiller zweck d. erziehung (1798) 31;

denn wer die freiheit verlor, der verlor jede tugend,
und dem zerbrochenen muth hängen die schanden sich an
E. M. Arndt schr. für u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 255;

sie war entzückt von dieser 'stillen, frommen einsiedelei, wo der frieden, die musen und die tugenden wohnten' Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 100; alle tugenden glaubt jeder selbst zu besitzen, wenigstens diejenigen, welche nach seiner lebensweise für ihn wirkliche tugenden sind G. Keller ges. w. (1889) 1, 12.
b) benennung der einzelnen tugenden. tugend umfaszt nicht mehr das gesamtverhalten, sondern bezeichnet einzelne erscheinungsformen des tugendhaften lebens und durchläuft auch hier die entwicklung vom religiös-sittlichen verhalten zum verweltlichten begriff des schicklichen, anständigen (vgl.

[Bd. 22, Sp. 1626]


den gleichen vorgang im singularischen gebrauch III B 3): dise dri vrowen (die 3 Marien am grabe Jesu) bezeichent dri dugende, da mit man unsern herren got sol schen und vinden ... bekentnisse der snde ... den haz der snden ... die bze altdt. pred. 1, 49 Schönbach; wir suln ch haben dri tgende zu uns selber: kscheit mit guten werken und minne und othmticheit ebda 1, 78; unde der selben untugende (hasz) sult ir widerstên mit einer tugende, diu heizet diu wâre minne, diu ein ieglich mensche gein gote haben sol Berthold v. Regensburg 1, 100, 17 Pf.;

ein tugent ist irbarmen
sins selbes und der armen
Heinrich v. Hesler apokalypse 12405 H.;

war und volkomen gehorsamy ist ein tugent vor allen tugeden, und kein werck so gros mag geschehen noch geton werden one die tugent meister Eckhart reden d. unterscheidung 5, 6 Died.; das der mensche werde angetan mit den tugenden unsers herren Jhesu Christi, als ist: demtkeit, senftmtikeit, gehorsamkeit, luterkeit, gedultikeit, barmherzikeit, swigen und gemeine minne und diser gelich Tauler pred. 311, 24 V.; (das reich gottes) ist nah bey dir, so du wilt, ja es ist nit allein bey dir, sundern yn dir, dan tzucht, demuth, warheyt, keuscheyt und alle tugenth (das ist das ware reich gottis) magk nyemandt uber land ... holen, sundern es musz ym hertzen auff gehen Luther 2, 98, 20 W.; gott hat on zwyfel die himmelischen tugend der reinigkeit also in sinem gewalt behalten wellen H. Zwingli dtsche schr. (1828) 1, 40; kein hübscher tugendt ... ist, gunst und ehr von den leuten zu bekommen, denn demütig und züchtig seyn buch d. liebe (1587) 286b; Heinrich, könig in Behemb, graf zu Tyrol war ... an aufrichtigkheit auch anndern tugennden ain hochgezierter, aber in villen fälen, ain vnglickhseeliger fürsst (15./16. jh.) Brandis landeshauptleute v. Tirol (1850) 27; denn die weiszheit ist des reichs ancker, und ein compass des fürsten. nimmt aber diese tugend ab, da lieget die seele der regierung in letzten zügen Ziegler asiat. Banise (1689) 802; die gerechtigkeit ist eine gemeinschaftliche tugend, oder eine tugend, so die gemeinschaft erhält Leibniz dtsche schr. (1838) 1, 414; wenn ohne diese hoheit und stärke des geistes ... überhaupt keine sittlich gute gesinnung möglich ist, so ist auch ein fester und ausdauernder muth insbesondere ganz vorzüglich eine unentbehrliche bedingung derjenigen tugenden, welche den namen der wohlwollenden und gemeinnützigen führen, d. i. derjenigen, welche die moralische veredelung unsers nebenmenschen und die beförderung fremder glückseligkeit zum gegenstande haben Bürger s. w. 400b Bohtz; ich kenne an einem unverheiratheten mädchen keine höhere tugenden, als frömmigkeit und gehorsam Lessing 18, 18 L.-M.; die tugenden jenes musterbildes an treue und reinheit der gesinnungen (d. hl. familie) wurden von uns heilig bewahrt und geübt Göthe I 24, 35 W.;

die höchste tugend, wie ein heiligen-schein
umgibt des kaisers haupt, nur er allein
vermag sie gültig auszuüben:
gerechtigkeit! ebda 15, 1, 10;

bescheidenheit ist eigentlich eine gesellige tugend, sie deutet auf grosze ausbildung; sie ist eine selbstverläugnung nach auszen ebda 7, 141; aus diesen wenigen beispielen ... erhellet, dasz (in der oriental. dichtung) keine gränze zwischen dem was in unserm sinne lobenswürdig und tadelhaft heiszen möchte gezogen werden könne, weil ihre tugenden ganz eigentlich die blüthen ihrer fehler sind ebda 7, 106; sind die ersten tugenden (demut und vertrauen) mehr religiös, so die letzteren (gehorsam, ergebung) mehr sittlich, aufgehoben aber ist ihr unterschied in der liebe, ihrer lebendigen mitte, der einheit von religiösität und sittlichkeit J. A. Möhler symbolik (1873) 238; kurz, die welt würde sein (Kohlhaasens) andenken haben segnen müssen, wenn er in einer tugend nicht ausgeschweift hätte. das rechtsgefühl aber machte ihn zum räuber und mörder H. v. Kleist w. 3, 141 E. Schm.; und ich verehre diese milde und güte

[Bd. 22, Sp. 1627]


um so mehr, als ich solcher tugend nicht in gleichem masze mich rühmen dürfte Varnagen in: Pückler briefw. u. tageb. (1873) 3, 136;

Beda sprach: 'und einer waltet
stark und still ob allen tagen!
stolz und trotz ist eure tugend,
unsre — tragen und entsagen.'
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 210;

das gefolgschaftsleben ist der wahre pflanzboden der treue und der freigebigkeit, dieser zwei den Germanen so hochgeschätzten tugenden A. Heusler Germanentum (1934) 28; soviel scheint sicher, dasz die groszen tugenden, die der Germane anstrebte, die ausstrahlungen des ehrgefühls: tapferkeit, treue, freigebigkeit, — dasz sie in keinem sinne religiös verankert waren ebda 56; durch die groszen und einfachen tugenden erweist sich der führer: durch pietät, durch gerechtigkeit, mäszigung, groszherzigkeit. und ihr unentwindbarer immanent-transzendenter lohn ist die gloria Th. Haecker Vergil (1931) 135.
2) nähere bestimmung durch ergänzungen.
seit der auf antiker grundlage ruhenden ausbildung eines tugendsystems, in dem die erscheinungsformen der tugend einzeln benannt und unterschieden werden, ist die nähere bestimmung der tugend durch attribut, attributiven genetiv, nebensatz geläufig. die folgenden beispiele schlieszen die unterscheidungen und bezeichnungen der wissenschaftlichen (philosophischen und theologischen) tugendlehre (ethik) aus, für sie vgl. die lehrbücher der ethik, moralphilosophie, moraltheologie; zum mittelalterlichen tugendsystem, soweit es sich sprachlich äuszert, s. oben III B 2 a β).
a) tugend mit attributivem genetiv, seit dem mhd.; der genetiv gibt an, um welche tugend es sich handelt: in eynen reynen, kuschen herten, dat vervullet is myt der doghede der oitmodicheit unde myt der doghede der godliker leeften Joh. Veghe pred. 79, 5 Jostes; und wie wol das selbige werck (dasz einer für den anderen bürge wird) scheynet on sunde und eyne tugent der liebe zu seyn, so verderbet es doch gemeyniglich viel leutte Luther 15, 298 W.; tugenden der liebe, der demut, gedult vnd ander tugenden zu üben Keisersberg has im pfeffer (1510) Dd 4c; hat ain siecher ... keine feinde, keinen stolz ... hat er keine gelegenheit zu den tugenden der geduld und gelassenheit? Gellert s. schr. (1784) 5, 73; die tugend der nüchternheit ist auch wirklich fast allgemein unter ihnen J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 326; die erziehung strebt hin auf die tugenden der selbsthilfe, weit weniger auf zähmung und maszhalten A. Heusler Germanentum (1934) 21.
tugend eines bürgers, forschers; meist fordernd, das was ein bürger, forscher etc. sein soll; aber auch, was er der erfahrung nach ist: mit dem gefühl des vaters hatte er (Wilhelm) auch alle tugenden eines bürgers erworben ... o, der unnöthigen strenge der moral! ... da die natur uns auf ihre liebliche weise zu allem bildet, was wir sein sollen Göthe I 23, 137 W.; er (d. husar) begann in geläufigem französisch von den tugenden regulirter truppen zu sprechen ebda 33, 112; die tugenden der weltmenschen sind einem kinde gottes gleichgültig allg. dtsche bibl. (1765) 2, 4; reden wir aber auch von den tugenden eines volkes, so betrachten wir alsdann gewisz dieses ebenfalls als ein einzelnes leben, aus dessen kraft ... die gemeinsamen handlungen hervorgehen, welche das gepräge jener tugenden tragen Schleiermacher ausg. w. 1, 358 Braun; so erfuhr man durch Heyne, dasz er (Winckelmann) vielmehr unter dem niveau dessen stehe, was als gemeine tugend deutscher gelehrter zu gelten pflegte (zuverlässigkeit, genauigkeit, vorsichtigkeit usw.) Justi Winckelmann (1866) 2, 2, 231; in der wanderzeit war die erziehung der königstöchter nicht gemacht, die sanften tugenden einer frau zu entfalten G. Freytag ges. w. 17 (1888) 197; während Anna die tugenden eines hausmütterchens aufs lieblichste spielen liesz G. Keller ges. w. (1889) 1, 240; es gedeiht das kühnste streben ins allgemeine ebenso wie die peinlichste sorgfalt am einzelnen, und in diesen beiden ist alle tugend des forschers beschlossen W. Scherer kl. schr. (1893) 1, 14.

[Bd. 22, Sp. 1628]



der genetiv bezeichnet den wertbereich, dem die tugend angehört:

si (Elisabeth) kuste ouch ane widerrede
di lude an eissamer stede
mit dugent milder sinne hl. Elisabeth 2963 Rieger;

liebe, treu' und holde sittsamkeit
gehn als führerinnen ihr zur seite.
alle tugenden der häuslichkeit
geben seiner trauten das geleite
Bürger s. w. 88b Bohtz;

da treten sie (d. schwestern) alle hervor, jede des bruderkusses werth, jede mein stolz, im gehorsam gegen ihre mutter, in der tugend ihres herzens maler Müller w. (1811) 1, 356; es braucht die tugenden der kriegerischen volkserziehung: wagemut, selbstbeherrschung und ehrgefühl, damit jene todesverachtung vor dem feind entstehe, die den ewigen kriegern und privatfehden den heroischen schimmer verleiht A. Heusler Germanentum (1934) 51.
b) tugend mit adjektivischem attribut, das verschiedene funktionen ausüben kann. einige geläufigere formen heben sich heraus: männliche, weibliche, kriegerische, ritterliche, adelige tugend. die tugend wird als zu einer bestimmten menschenform gehörig bezeichnet. männliche tugend, 'das worin der mann sein wesen am vollkommensten zeigt, tugend, die dem manne ziemt, auch ohne fordernden charakter': ubent euer menlich tugent, dan hie ist nit anderst dan sterben oder ritterlichen genesens Wilwolt v. Schaumburg 112 lit. ver.; anlasz geben ... zur tugendthafften mannheit vnd mannlichen tugendt H. W. Kirchhof militaris discipl. (1602) 5;

geh! ich reisze mich los, obgleich der männlichen tugend
thränen zu weibisch nicht sind.
geh! ich weine nicht, freund
Klopstock oden 1, 44 M.-P.;

der purpur deiner lippen
ist erblichen; nur eine schönheit blieb dir,
männliche tugend.
ohne sie ist das leben tod; um sie nur
lebt man. schiebe nicht auf, vor allem andern
dich zu haben, und werd' in vestem herzen
deiner gewisz erst
Herder 27, 28 S.;

(Cornelius) rief mir beim abschied zu: ich hab's immer gesagt, die hoffnung ist eine grosze männliche tugend Hebbel s. w. (1891) 9, 245; der junge deutsche mensch bekennt sich zu männlichen tugenden: disziplin, beherrschung, härte, ausdauer, energie, treue, tapferkeit A. Hübner kl. schr. (1940) 290.

sittsame töchter, geschmückt mit jeder weiblichen tugend
Wieland s. w. (1794) 16, 106;

ein junger mann ... der aber übrigens so so von der weiblichen tugend dachte Schiller 3, 535 G.

mit den sanfteren künsten der keuschen musen verband er
jede kriegrische tugend
Wieland s. w. (1794) 16, 160;

als während des letzten krieges Ernst Renan ... darauf hinwies, wie weder in den seligpreisungen ... noch sonst irgendwo im evangelium, ein wort sich finde, das den kriegerischen tugenden den himmel verheisze D. F. Strausz ges. schr. (1876) 6, 42; damals war kriegerische tugend das einzige verdienst der nationen H. P. Sturz schr. (1779) 2, 111; auch ihre (d. Germanen) kriegerischen tugenden dürfen wir nicht nur im theaterlicht der mittelmeerbühne beschauen A. Heusler Germanentum (1934) 49.

(Iwein) der ie ein rehter adamas
rîterlîcher tugende was,
der lief nû harte balde
ein tôre in dem walde
Hartmann v. Aue Iwein 3257;

desz kriegens ich gewohnet hab,
vnd mich von anfang meiner jugent,
geübt in ritterlicher tugent
Joh. Spreng Ilias (1610) 80b;

an im (kaiser Titus) alle fürstliche tugenden und freundtlichkeiten erglenzten Kirchhof wendunmuth 1, 42 lit.

[Bd. 22, Sp. 1629]


ver.; das were eine fürstliche und adeliche tugent gewest, davon Salomon spricht: ein furst, der auff dem stuel des rechten sitzt, vertreibet alles unrecht mit seinem anblick Luther 30, 2, 30 W.; dieweil dann ... euwer keys. may. ... mit ... allen adenlichen tugenden ... begabt seyn L. Ercker mineral. ertzt (1580) vorr. 3b.
eng damit zusammen hängen bezeichnungen, die sich auf das menschliche gemeinwesen, bürgerliche, politische, republikanische tugend, oder auf einen engeren kreis beziehen, häusliche, ländliche; gesellige, gemeinschaftliche tugend: zucht, ehr, gottesforcht, redlichkeit, das sind burgerliche tugenden, gehen vnseren fürsten vnd herren allhie nicht an Moscherosch gesichte (1650) 2, 162; man wird die menschlichkeit und die bürgerlichen tugenden, ihre töchter, allemahl in dem gefolge der schönen künste erblicken Ramler einl. i. d. schön. wiss. (1758) 1, 108; dasz er (d. schüler) nicht glaube, als machten etliche einzelne grosze handlungen, die ins auge fallen, schon den tugendhaften charakter eines mannes aus. vergiszt man dieses nicht bey den berühmten beyspielen der alten: so kann man sie mit rechte zu lehrern der bürgerlichen tugenden aufstellen Gellert s. schr. (1784) 7, 148; auch die bürgerlichen 'tugenden' des Alberti und des Franklin haben ihren ort gewechselt. früher hatte sie der mensch — heute sind sie in die geschäfte selbst hineingewandert M. Scheler vom umsturz d. werte (1919) 2, 277. vgl. auch: dieses jahr (1813) ist der gipfel der preuszischen tugend E. M. Arndt schr. f. und an s. lb. Deutschen (1845) 1, 317; in einem staat, worinn der geist der politischen tugend schon erloschen ist Wieland Agathon (1766) 2, 86; so musz es auch nur eine einzige politische tugend geben Th. Abbt verm. w. (1768) 2, 16; (es) musz sich aus unserm staatsleben dort zuletzt eine tugend entwickeln, die sich der politischen tugend der alten in dem grade nähern wird, je mehr der staat ... die erfüllung unserer politischen bedürfnisse wird K. Gutzkow ges. w. (1872) 10, 300. der nazionalgeist der Sicilianer sey eine zusammensetzung von so schlimmen eigenschaften, dasz es ... dem weisesten gesetzgeber unmöglich bleiben würde, sie zur republikanischen tugend umzubilden Wieland s. w. (1794) 3, 8; alle grundsätze und lieblingsgefühle des marquis (Posa) drehen sich um republikanische tugend. selbst seine aufopferung für seinen freund beweist dieses, denn aufopferungsfähigkeit ist der inbegriff aller republikanischen tugend Schiller 6, 37 G.; verschönert ... umgab jetzt ... die grösze ihrer thaten und siege der herrlichste schmuck republikanischer und bürgerlicher tugenden B. G. Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 6.

(Minerva an der wiege des prinzen Friedr. Heinr.):
nimm itzt dein erbgut: fürstlichen genius,
und einst erwirb dir häusliche tugenden
des weisen bürgers Göttinger musenalman. (1771) 22;

ihre häusliche tugenden (sind) es allein, die mir das leben, ..., noch erträglich machen Lessing 18, 348 L.-M.; das muster aller fürstlichen, bürgerlichen und häuslichen tugenden Wieland s. w. (1794) 2, 319;

immer ist so das mädchen beschäftigt (in küche u. keller) und reifet im stillen
häuslicher tugend entgegen, den klugen mann zu beglücken
Göthe I 1, 303 W.


ein frauenzimmer ... gewandt in allen höheren geselligen tugenden Göthe I 25, 1, 198 W.; ich konnte mir nicht läugnen, ... dasz ich aber doch um vieles der freude nicht entbehrt hätte, ihre (Lilis) geselligen tugenden kennen zu lernen und einzusehen, sie sei auch weiteren und allgemeineren zuständen gewachsen ebda 29, 41; nicht besser aber ist es mit dem zweiten, wenn die tugenden, wie vorher die pflichten, eingeteilt werden in gesellige und in auf sich selbst bedachte Schleiermacher ausg. w. 1, 165 Braun; ihre (Klopstocks, Gleims usw.) geselligen tugenden gelten mit recht als ein muster für alle völker Henr. Steffens novellen (1837) 5, 132; sie kennen die geselligen tugenden und pflichten und üben sie auch getreulich aus J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 122. — die gerechtigkeit ist eine gemeinschaftliche

[Bd. 22, Sp. 1630]


tugend, oder eine tugend, so die gemeinschaft erhält Leibniz dtsche schr. (1838) 1, 414; der mitleidigste mensch ist der beste mensch, zu allen gesellschaftlichen tugenden, zu allen arten der groszmuth der aufgelegteste. wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter Lessing 17, 66 L.-M.; so hätten individuelle tugenden wie wahrhaftigkeit, tapferkeit, ernst, umsicht, selbstbeherrschung, keuschheit, ordnung, gewissenhaftigkeit u. s. w. aus dem sittlichen individualzweck ... und ebenso soziale tugenden wie nächstenliebe, gerechtigkeit, nachsicht, milde, dankbarkeit, pietät, treue u. s. w. ... konstruiert werden können E. Troeltsch ges. schr. 2 (1913) 617. — eine begabung im engeren sinne bezeichnend: sie pralen beide mit ihren philosophischen tugenden L. Holberg dän. schaubühne (1743) 5, 251; sie (d. schauspielerin) hatte durch ihre tragischen tugenden uns dergestalt gewonnen, dasz wir sie in keiner mindern rolle, am wenigsten aber als tänzerin sehen wollten Göthe I 36, 227 W.
3) mutter, kaiserin, krone aller tugenden u. s. w. mit der vielzahl der tugenden und deren verschiedenem rang hängt es zusammen, dasz eine als vorzüglichste oder beginn, ausgang aller anderen angesehen wird. bis ins nhd. reicht mutter der tugenden. über die auffassungen der grundlage des tugendlebens (etwa minne [caritas] oder vernunft als mutter der tugenden) sind die darstellungen der ethik und moraltheologie zu vergleichen:

muoter aller tugende
gezimet wol der jugende:
mâze ist siu genant diu mâze in: Germania 8, 97;

ân die minna so nemac nieman behalten werden. wand minna ist ein muoter aller tugendon predigt d. 12. jhs. in: Wackernagel altdt. lesebuch 2301, 7;

mâze als ir (der tugenden) aller muoter
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 2977 W.;

rehtes lîden ist ein muoter aller tugent dt. mystiker 2, 338, 33 Pf.; wann beschaidenhait (einsicht) ist ain mtter aller tuget, on die alle gtte wercke vnfruchtbar seind Keisersberg granatapfel (1510) A 5b; weil dann die justitia oder gerechtigkeit ist ein mutter aller tugenden, wie Ambrosius in seinem buch de officiis schreibet Heupold dict. (1620) 229; liebe ist gewisz die mutter der menschlichkeit und der grösten tugenden J. M. Miller Siegwart (21777) 608; kann er (d. sieche) mit einem worte die liebe zu gott, die mutter aller wahren tugenden, nicht in sich verstärken? Gellert s. schr. (1783) 5, 73;

keuschheit des herzens, sie ist aller tugenden mutter;
rein von auszen zu seyn, läutre den geist und das herz
Herder 28, 302 S.;

der wein erfreut des menschen herz, und die freudigkeit ist die mutter aller tugenden. wenn ihr wein getrunken habt, seid ihr alles doppelt was ihr sein sollt Göthe I 8, 12 W. vgl. noch: kein lieblicher geruch für ihm (Christo) ... als der tugendgeruch, weil er die tugend selbst und aller tugend vatter ist H. Müller thränen- und trostquelle (1675) 420.
krone aller tugenden:

unser zoum ist bescheidenheit,
diu aller tugende krône treit
Hugo v. Trimberg renner 6108 Ehrism.;

die edel tugent der lieb ist ain cron vnd künigin aller tugent Keisersberg ausgang d. Juden (1510) J 2d; was ist also die krone der tugend! was ihr schönster herrlichster schmuck! du o liebe, erstgebohrne des himmels Schiller 1, 67 G. davon zu trennen die frau als krône aller tugenden:

und ir wendent mînen pîn,
aller tugende ein krône
gar ân allen wandel minneclich
Ulrich v. Winterstetten 15, 21 Minor.


königin, kaiserin der tugenden:

dû gotis minni ist ein kunigîn
undir allin dugintin summa theolog. 186 bei
Waag kl. ged.;

[Bd. 22, Sp. 1631]


diu wâre minne karitas
ist aller tugende keiserîn
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 3051 W.;

si (die eine d. tugenden gottes) was ie und ist noch dîn ratgebinne
unt ob allen tugenden küniginne:
mit hulden muoz ich dir si nennen.
ez ist dîn reiniu barmekeit
Reinmar v. Zweter 5, 8 R.;

do preyst man den gehorszam der kirchen und nent yhn eyn konigyn aller tugent, on welchen die andern tgent gar nichts sind Luther 8, 540, 32 W., vgl. hic enim obedientia ecclesiae est virtutum regina 459, 22; darumb so müssent alle tugend weise vnderschid haben, wann sy ist ain fürst aller tugent Keisersberg ausgang d. Juden (1510) j 4a.
einzelnes:

minne ist aller tugende ein hort:
âne minne wirdet niemer herze rehte frô
Walther v. d. Vogelweide 14, 8;

wenne aller tugende küsterîn
ist dêmuot und sol immer sîn
Hugo v. Trimberg renner 11991 Ehrism.;

minne ist ein daz beste wort,
minne ist ein übergulde, ob allen tugenden kamerhort,
minne ist ein sloz der sinne, dâ mite man guotiu werc besliezen sol
Reinmar v. Zweter 32, 2 R.;

demütekeit, die do ist aller tugende ein rehter anevang Seuse dt. schr. 506, 26 B.
V. verbale verbindungen.
1) in höfische zeit zurück geht die verbindung eine tugent tuon 'eine tat verrichten' (belege unter I C 1 b), edle gesinnung durch die tat erweisen (vgl. II A 2), später auch von der sittlichen tugend:

ob er die vierden tugent willeclîchen tæte
Walther v. d. Vogelweide 85, 22 Kr.;

mochte een mensche aller menschen doghede doen Joh. Veghe wyngaerden 19, 11 R.; ynn des thut, mein ungleissender pfarher die tugent, das er gottes reich mehret, den himel füllet mit heiligen, die hellen plundert Luther 31, 1, 199 W.;

dann ist, freundin, die tugend noch!
jene tugend, die du kenst, und bescheiden thust,
die den, welchen du liebst, neben dir glücklich macht
Klopstock oden 1, 81 M.-P.

ähnlich tugent begân, höfisch:

icht nelevet nichein zunge,
die daz gesagen kunde,
waz her tuginde hât begân könig Rother 3754 v. B.;

tugenden der si vil begât
Ulrich v. Gutenburg in: minnesangs frühling 71, 3;

daz was Myndowen sune ein tugent
die er begienc in siner jugent,
daz er sô grôzer erbarmekeit
an die Cristen hatte geleit livländ. reimchron. 7169 Meyer.

noch frühnhd.: zur warnung unsern nachkomen ... damit sie ein wissen haben, wie das bapstum vom fegfeur geleret, und was fur tugent sie daruber begangen haben Luther 30, 2, 390 W.
2) am geläufigsten ist tugent üben (vgl.üebunge der tugend III B 6 und tugendübung, f.). nur von der sittlichen tugend; mhd. und nhd.: wann die neigung (zum bösen) macht den menschen flyciger alweg, sich in der pugent gröslich ze üben meister Eckhart reden d. untersch. 15, 2 Died.; er wil alles den geist ziehen úber den lip hoch und in sinen hohen adele úber alle ding, und daz der licham hie in sinre wúrdekeit blibe und in tugende sich übe und in arbeit und in versmehunge mit getult Tauler pred. 107, 6 V.; in was tugeten sich der mensch vben sol Keisersberg granatapfel (1510) e 1d; sintemahl euch nie keinmahl es an gelegenheit die tugend zu üben gemangelt hat A. H. Bucholtz Herkuliskus (1665) 1; drum, wie nahe der mensch auch sic an gott zu lassen und sich wiederzunehmen vermag, er trägt in sich noch

[Bd. 22, Sp. 1632]


immer die fähigkeit, tugend oder gebrechen zu üben C. Greith d. dtsche mystik (1861) 314. vgl. noch: ich rede nicht von tugenden und lastern überhaupt, sondern von denen tugenden, die meine zuhörer, in ihrer lage zunächst ausüben können J. M. Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 104.
ähnlich sich der tugende(n) flîzen, befleiszen: unde dar umbe suln wir uns tugende flîzen, daz wir der engel genôzen werden in himelrîche Berthold v. Regensburg 1, 95, 6 Pf.; swer mich (gott) in allen dingen meinet und sich vor súnden htet, und sich tugenden flizet, der lobet mich ze allen ziten Seuse 309, 18 B.; z andren tugenden die der mentsch hat, so sol er sich flissen sunderbar funf tugend St. Georgener pred. 295, 20 Rieder; Onias der hohepriester, ..., der sich von jugent auff aller tugent gevlissen hatte (qui a puero in virtutibus exercitatus sit) 2. Macc. 15, 12;

wer sich beflissen hat inn seinen jungen tagen
der tugent unnd der frommigkeit
Spangenberg bei
Dähnhardt griech. dramen 1, 79;

man musz sich der tugend befleiszigen Rabener s. schr. (1777) 1, 80; sich der tugend befleiszen, der tugend geflissen, beflissen seyn Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1160a.
vereinzeltes: nû ist dem menschen gar reht, der in tugenden lebet, wan ich sprach vor aht tagen, daz die tugende wæren in gotes herzen. der in tugent lebet und in tugend würket, dem ist gar reht (valde reste dispositus est homo qui vivit in virtutibus ... quod virtutes essent in corde ipsius dei rechtfertigungsschr. 63, 7) meister Eckhart w. 1, 167, 4 Q.; daz alle die tugende, die alle menschen ie geworhten, die sint dîn alse volekomenlich, als ob dû sie selber geworht hêtist ders. 61, 36 Pf.; dattu by dy selven nicht guedes doen en kanst, noch quaet lijden, noch dogheden werken, noch verdenst verkryghen. dan allene overmits de gracie godes Joh. Veghe wyngaerden 18, 16 R.; nâch tugenden werben David v. Augsburg in: dt. mystiker 1, 312, 1 Pf.; nach tugend streben, der tugend nachstreben Kramer t.-ital. 2 (1702) 1160b; wer der tugend nicht obliegt in der jugend ebda; wie ein lehrer der wahrheit sich selbst der tugend bestreben soll, ehe er sie andere lehret Cl. Bren