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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
tuft bis heraustüfteln (Bd. 22, Sp. 1553 bis 1558)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tuft, m., auch n., dass. wie 1tuff, m., (s. d.); wohl entstanden durch kürzung der im älteren deutsch geläufigen verdeutlichenden zusammensetzung tuffstein (s. d., sp. 1550), die wegen der wolkig lockeren erscheinungsform des porösen gesteins volksetymologisch an 1tuft angelehnt worden ist. nur mhd. und mundartlich nhd.:

nû erfunden die heiden daz,
daz si fuorten dâhin
holz und stûdach darin,
darûf tuft und stein,
unden grôz, oben klein,
hiezen si zuo fullen
und daz mit erden hullen
Ottokar österr. reimchron. v. 49075 S.

bis in die gegenwart lebendig geblieben im deutsch der Alpenländer, wo allerdings auch entlehnung aus it. tuffo mit rein lautlichem t-antritt wie in huft, hüfte vorliegen kann; als masc. Schöpf Tirol 773; als n. Hunziker Aargau 64.
 
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tuft, m., büschel, s. 2tuff, m., sp. 1545/6.
 
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tüfte. f., kartoffel, für gewöhnlich nur pluralisch gebraucht; nach auskunft von H. Brömse entweder als angleichung der silbenanlaute der aus tüffelke verkürzten verkleinerungsform tüffke (s. d., sp. 1550) oder als ihre vereinfachung zu fassen, bei der sich als zwischenstufe ein gleitlaut-t nachträglich zwischen f und k (tüftke) entwickelt hätte (vgl. zs. f. dt. maa. 1912, 160ff.; A. Lasch mnd. gramm. § 309 anm.). nach B. Martin handelt es sich bei tüfte um eine mit altem nd. diminutivsuffix -te gebildete form. wortgeographische aufnahme zeigt es dicht gestreut in Mecklenburg und den östlich angrenzenden maa., ferner in der nördl. Mark Brandenburg; im übrigen nd. westen und osten nur vereinzelt, s. teuthonista 2 (1925) 64-67 mit pauskarte; für Niedersachsen bezeugt es Th. Imme soldatensprache 109; für Mecklenburg Pritzel-Jessen 382b; an mundartenwbb. verzeichnen es Mensing schlesw.-holst. 5, 198; Mi Mecklenb. 95a und umlautlos Frischbier

[Bd. 22, Sp. 1554]


pr. wb. 2, 414b. literarisch nur in nd. mundartdichtung oder zur kennzeichnung landschaftlicher gebundenheit in schriftsprachlicher umgebung: dat sei vör annere lüd dor nützlich gewächs tög, minentwegen kohl un räuben un tüften Fr. Reuter w. 6, 29 S.; as mamsell nu mit den schönsten apptit ehr fisch un tüften tau bost slahn hadd ebda 7, 155; vgl. 1, 55; 7, 115 (daneben gelegentlich tüffeln; s. d.); wer ihm seine tüften stecken und den weizen mähen und dreschen mag W. v. Polenz Grabenhäger (1898) 1, 61; sprichwörtlich: de dummsten lüd bugen de meisten tüften; ick hadd also dat grote glück, Aurelia'n allein tau drapen Fr. Reuter w. 4, 416 S.; vgl. 4, 476. als zweites glied von zusammensetzungen unter schriftsprachlichem einflusz: un att meckelbörgsch pölltüften Fr. Reuter w. 3, 282 S.; en biwstück mit bradtüften ebda 4, 257. — zusammensetzungen: -feld ebda 3, 420; -land ebda 4, 476.
 
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tüftelei, f. , in der ersten hälfte des 19. jhs. von tüfteln (s. d.; sp. 1555 ff.) gebildet; wie dies anfänglich mit schwankender schreibung zwischen d und t wie zwischen i und ü.
1) von besonderem handfertigkeitsgeschick: eine ins einzelne gehende, auf feinheit und genauigkeit im kleinen gerichtete, äuszerste sorgfalt erfordernde tätigkeit der hand: es war dies überaus schwierig, da ich meinen faunen lebensgrosz mache, und also kräftig ohne diftelei daran gezeichnet werden musz (1845) Anselm Feuerbach br. an s. mutter 1 (1911) 29. in dieser verwendung wie tüfteln 1 sehr rasch durch die übertragung ins geistige verdrängt.
2) übertragen auf angestrengte gedankliche arbeit: schwierige, ins einzelne gehende, genaue überlegung, untersuchung; wie 1 zunächst durchaus zu sachlicher feststellung, meist im bereich von kunst und wissenschaft: nach den langweiligen tifteleien Petrarcas sehne ich mich keineswegs zurück Joh. Scherr Schiller (1855) 1, 130; der wissenschaft ist aber hier die subtilste tüftelei nicht blosz erlaubt, sondern pflicht (1865) H. Rückert kl. schr. 1, 163 Sohr-R. in der begriffsbestimmung unklar verschwimmend: ich füge diesmal diese tüftelei noch hinzu: 'hi au ha! fiel dumpf der chor ein!' welcher vers (Freiligraths) mir immer aufmunternd in den ohren klingt (1857) G. Keller br. u. tageb. 2, 440 Erm. bald verbindet sich mit der anwendung des wortes ein abschätziges werturteil: die art der überlegung wird als übergenau, gekünstelt und verstiegen empfunden; sie verstöszt gegen die natürlichkeit gesunden menschenverstandes, hat allzu rasch den boden der tatsachen unter den füszen verloren: die tüftelei moderner kommentatoren hat freilich zur verdunkelung ihrer ursprünglichen bedeutung beigetragen (1905) W. Schulze kl. schr. (1933) 500, anm. 1; um ein beispiel für die überhandnahme der tüftelei zu geben, möge eine auslegung aus der kabbala hier wiedergegeben werden Max Schlesinger gesch. d. symbols (1912) 298; darzutun, dasz die da capo-form nicht ein ergebnis meistersingerischer tüftelei, sondern ein wichtiges formprinzip des ganzen minnesangs ist G. Müller in: dt. viertelj. schr. 1 (1923) 102. das wort gewinnt langsam gegenüber älterem klügelei an boden: 'das ist tüftelei, lieber amtsbruder', verwies er ihn Bernhard Faust d. liebesgarten 24; er reklamiert Gabriele mit der ihm eigenen sucht zur tüftelei E. M. Mungenast d. pedant (1939) 140. trotz seiner jugend hat es eingang in niederrhein. maa. gefunden: tiftelei Elberf. ma. 163a; 'grübelei, kleinliches wesen' Rovenhagen Aachen 145.
 
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tüftelfritz, m., leis spottendes appellativ der umgangssprache: tiftelfritze, tiftler, tiftelkopp grübler, erfinder Müller-Fraureuth 1, 219; vgl. tippelfritze kleinlich sorgfältiger mensch, der in allem mit peinlichster gründlichkeit vorgeht ebda 1, 265; tiftelftritze Weise Altenbg. ma. (1889) 119. —
 
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tüftelgenie, n.: da war mr. Dühring, perpetuum-mobile-sucher und tiftel-genie (1898) Fontane von 20 bis 30 (1925) 57. —
 
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tüftelig, adj., s. tüftlig, sp. 1559/60.

[Bd. 22, Sp. 1555]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) tüfteln, vb. herkunft, form und verbreitung.
junges, erst seit dem letzten viertel des 18. jhs. nachweisbares, noch nicht bei Adelung (1774-86) verzeichnetes wort mit zunächst stark schwankender aussprache wie schreibung zwischen d und t im anlaut wie i und ü im stammsilbenvokal; vgl. teil 2, sp. 1149; Paul dt. gramm. 1, 195; 335. der häufig erwogene zusammenhang mit tüpfeln trifft kaum das rechte; 'grosze verbreitung und student. vermittlung bei geringem alter lassen an rotw. ursprung denken; hier liesze sich an duft(e) 'gut' anknüpfen' Kluge etymol. wb. (151951) 813; 'die unerwartete entrundung in Hettingen u. Lörrach verstärkt die meinung, dasz das wort rotwelschen ursprungs sei und zu einer nebenform von tof gehöre' bad. wb. 1, 587. von der bedeutung her handelt es sich klärlich um eine verbbildung mit dem noch voll lebendigen iterativen diminutivsuffix -eln (wie in fädeln, grübeln, künsteln, klügeln, trampeln, vgl. W. Henzen dt. wortbildung § 147).
das wort ist sämtlichen hd. maa. geläufig, greift aber zunächst kaum über die lautverschiebungslinie nach norden hinaus und findet sich, ohne landschaftliche sonderung, in der sprache des modernen arbeiters, s. O. Basler in zs. f. dt. wortf. 15, 253. in der verwendung 2 tritt es in der schriftsprache an die stelle des wohl von Luther gebildeten klügeln (teil 5, sp. 1282f.) und verdrängt das im 16. und 18. jh. besonders beliebte wort in neuester zeit unmerklich. dabei fällt die entsprechung in der sprachlichen bildung auf (übereinstimmung im stammvokal und im suffix; vgl. auch sinnverwandtes grübeln). seine erst langsam erstarkende lebenskraftein zeichen seiner jugenderweisen die seit der mitte des 19. jhs. häufiger begegnenden ableitungen (tüftelei, tüftler, tüftlig) und zusammensetzungen (aus-, er-, heraustüfteln s. u.). in der schriftsprache ist es, zumindest seit der 2. hälfte des 19. jhs., im ganzen dt. sprachgebiet bekannt (vgl. zur geographischen verbreitung die belege unter tüftlig).
im anlaut verzeichnen di- v. Klein 1 (1792) 84; Göpfert Erzgeb. 39; Gerbet Vogtland 311; Hertel Thüringen 248; Reinwald Henneberg 1, 20; Spiesz Henneberg 43; Weise Altenburg 67; Hofmann nd.-hess. 243a; Vilmar Kurhessen 79; Kehrein Nassau 111; Fischer schwäb. 2, 204; bad. wb. 1, 587; Seiler Basel 76; Schmeller-Fr. bayr. 1, 491; so auch Ziesemer pr. wb. 2, 53a (hier nicht erkennbar, ob nur auf das hd. sprachgebiet beschränkt oder auf einsickern der hochsprache in die ma. beruhend, wie das fehlen der bezeugung bei Hennig 1785 und Frischbier 1883 vermuten läszt); de- Heinzerling-Reuter Siegerl. 37b; dü- Vilmar Kurhessen 79; Crecelius Oberhessen 309; Kehrein Nassau 111; bad. wb. 1, 587; auffallend Sallmann Estland (1877) 31 (s. u.); ti- Müller-Fr. 1, 219a; Liesenberg Stieger ma. 91; Weise Altenburg 119; Ruckert unterfränk. 181; wb. d. Elberf. ma. 163; Hönig Köln 155; Rovenhagen Aachen 145; Wegeler Koblenz 85; Meisinger Rappenau 200a; tü- Block Eilsdorf, nd. jb. 34, 99a; Martin-Lienhart elsäss. 2, 658. bedeutung und gebrauch.
wie die schreibung schwankt die angabe der bedeutung.
1) von der tätigkeit der hände: eine feine, knifflige, langwierige arbeit sauber verrichten, zu der behutsame, geschickte, willige finger und unermüdliche zähe ausdauer erfordert werden: arbeiter, welche (wie man in Sachsen mit einem ausdrucksvollen provinzialworte sagt) sehr gerne tüfteln mögen Nicolai reise (1781) 1, 255; als junge mädchen werden wir gewöhnt, mit den fingern zu tifteln und mit den gedanken umherzuschweifen (1821) Göthe I 24, 294 W.; manche stunde der nacht sasz ich unbeobachtet da und diftelte an der schwierigen arbeit O. v. Horn Friedel (1847) 177. auch in den obd. wie md. maa. ist diese bedeutung seit ausgang des 18. jhs. mehrfach bezeugt: für Österreich 'difteln und tandeln, zeigt eine müssige bewegung der hände bey einer sache an, so wie wenn die kinder mit etwas spielen' v. Klein dt. provinzialwb. 1 (1792) 84; für

[Bd. 22, Sp. 1556]


Elsasz und die Pfalz diftlen 'künsteln, aussinnen, erfinden, eine künstliche arbeit machen'; auch 'sehr lange an etwas arbeiten' ebda; 'erfinderisch tätig sein; kunstfertig bereiten, mit geschick bearbeiten; daheim herumarbeiten, bosseln; mühsame kleinarbeit mit (übertriebener) sorgfalt verrichten' bad. wb. 1, 587; kleinliche, mühsame arbeit verrichten Meisinger Rappenau 200; leichtere, feinere arbeiten langsam verrichten, kleinigkeiten mit sorgfalt verrichten Kehrein volksspr. in Nassau 111; kleine, kleinliche arbeit machen. allgemein üblich in Althessen Vilmar 79; kleine arbeiten machen Wegeler Koblenz 85; tiftele, tüfteln mit sorgfalt und ausdauer kleine handarbeiten machen Hönig Köln 181; kleinlich, langsam und umständlich an etwas arbeiten Heinzerling-Reuter Siegerländer wb. 37; sich mit allerlei kleinigkeiten beschäftigen, feine, kleinliche arbeit verrichten Hofmann niederhess. wb. 243; kleinigkeiten arbeiten, welche freie zeit und ausharrende geduld erfordern, z. b. bappkästerchen dëafdeln Crecelius oberhess. 309; pünktlich ausarbeiten Reinwald Henneberg (1793) 1, 20; kleine arbeiten machen Weise Altenburg 67; mit kleiner arbeit sich abgeben Sallmann Estland (1877) 31. weil dabei oft auch eine entsprechende geistige leistung notwendig ist, gerät die verwendung des worts in dieser bedeutung auf den weg der übertragung: ich habe zeither fleisig an meinen operibus fort gebosselt und getüftelt (1788) Göthe IV 8, 347 W.; so in mundartnaher sprache im südlichen Deutschland bis heute: als Lex ... mit der ersten fuhre kornmehl abfuhr. ... endlich — nach vielem tüfteln und prüfen — kletterte er ein wenig steif auf den sattelgaul Peter Dörfler Apollonias sommer (1934) 201; dutzende kunstvoll getiftelter geräte gab es da, die licht, schatten, kühle, wärme und feuchtigkeit zu regeln hatten in dieser zauberhöhle von wohnung Anton Dörfler 7 spiegel der liebe (1938) 11. die sachliche beziehung zu unmittelbar handwerklicher tätigkeit bleibt (wie in der Goetheschen briefstelle) oft bis in den wortlaut greifbar; dabei erscheint fürs 20. jh. hochmütiges aburteilen über die zugrunde liegende geistige enge und beschränktheit solcher arbeitsauffassung beinahe selbstverständlich: bürgerlich beschränkt bis ins kleinlichste spieszertum, tüftelnd und kräuselnd wie der handwerksmeister, dem nichts schwierig genug werden konnte (1927) Schubart glaube u. bildung (1947) 159; Gutenberg ist ja nur ein tüftelnder handwerker, ein verknöcherter hagestolz ohne schwung und phantasie! dieser schulmeister ... G. Birkenfeld schwarze kunst (1943) 227. dieser gebrauch bezeichnet den übergang zu der im späten 19. und im 20. jh. allein schriftsprachlichen bedeutung 2.
2) von gedanklicher tätigkeit: genau, bis in die feinsten einzelheiten hinein überlegen, angestrengt und ausdauernd nachsinnen, tief nachdenken, nachgrübeln, ergrübeln, erklügeln, spintisieren: was ich denn eigentlich tue? ich kann ihnen nichts sagen, als dasz ich immer allein bin, etwas schreibe, lese, spekuliere, tüftle oder träume und die zeit abwarte, wo das rasche fertigmachen endlich sich einstellen will (1850) G. Keller br. u. tageb. 2, 245 Erm.; mit solchen stellte er sich dann gern vor ein im bau begriffenes haus, vor ein saatfeld, vor einen wetterbeschädigten apfelbaum oder vor eine neue zwirnfabrik und düftelte auf das angelegentlichste über diese dinge, deren zweckmäszigkeit und den kostenpunkt, ... von was allem er nicht den teufel verstand G. Keller ges. w. (1889) 4, 218; tüfteln und klügeln und ein sauber gefeiltes stückchen zierlich zum andern fügen, bis zuletzt ein ganzes entsteht, welches man nur ebenso langsam und vereinzelt auf sich wirken lassen kann, wie es langsam und stückweise entstanden ist (1853) W. H. Riehl musik. charakterköpfe (1899) 1, 228; darum wirken auch in Dantes groszem gedicht das begriffliche denken, das verzückte schauen, das gläubige rechnen und tüfteln, das künstlerisch sinnenhafte gestalten ... einhellig zusammen K. Voszler in: d. neue schau 3 (1941) 137b. so auch seit dem auftreten des wortes in den hd. maa.: für die Pfalz und das Elsasz 'künsteln, aussinnen, erfinden' v. Klein (1792) 1, 84; 'spekulieren' Reinwald Henneberg (1793) 20; entsprechend

[Bd. 22, Sp. 1557]


bei Schmeller-Fr. 1, 491; Fischer schwäb. 2, 204; Seiler Basler ma. 76; bad. wb. 1, 567; Meisinger Rappenau 200; Martin-Lienhart els. 2, 658; Crecelius Oberhess. 309; Hönig Köln 181; Rovenhagen Aachen 145; Ruckert unterfränk. 181; Liesenberg Stieger ma. 91; Spiesz Henneberg 43; Hertel Thüringen 248; Weise Altenburg 67; Müller-Fraureuth 1, 219; Gerbet Vogtland 311; bereits jenseits der lautverschiebungsgrenze Block Eilsdorf, in: nd. jb. 34, 99a; vermutlich so auch Ziesemer pr. wb. 2, 53a. wachsend verbindet sich in neuer zeit mit der anwendung des wortes ein urteil, das solche gedankliche tätigkeit als unfruchtbares grübeln und klügeln in abwertenden gegensatz zu der schlichten natürlichkeit gesunden menschenverstandes oder zu dem unreflektiert geradsinnigen, echten gefühl des herzens stellt: wenn sie (in der kunst der gegenwart) die getiftelten, raffinirten palettenkünste wegnehmen, was bleibt? eine unerhörte armseligkeit der form, ein paar witze oder hochtrabende 'ideen' und die nackte leinwand (1876) P. Heyse im paradiese (1892) 1, 250;

lasz die moleküle rasen,
was sie auch zusammenknobeln!
lasz das tüfteln, lasz das hobeln,
heilig halte die ekstasen
Chr. Morgenstern galgenlieder (1905) 1;

gerade die feinen und gelehrten geister ... würden oftmals durch die sophismen und jesuitische scheinweisheit des teufels betört, weil ihrem im tüfteln geübten geist solche kost schmeckte Ric. Huch d. grosze krieg (1920) 3, 210; man würde die pharisäer dieser zeit falsch beurteilen, wollte man in ihnen die tüftelnden erfinder kleinlichster ordnungen erblicken Schubart glaube u. bildung (1947) 64; sie (die verse) sind so ungeheuerlich form geworden, ohne bestrahlungen des tüftelnden und glättenden gehirns Paul Zech Rimbaud (1947) 16. zusammensetzungen. im 19. jh. kommen nach dem muster entsprechender bildungen beim synonymen klügeln (teil 5, sp. 1289f.), die ähnlich dem schicksal des simplex dadurch in ihrer geltung bedroht werden, zusammensetzungen mit vorsilben auf, die den gebrauch des einfachen tüfteln wachsend einschränken und vielfach in die maa. übergegriffen haben, stets in der übertragenen bedeutung 2 von geistiger überlegung.
austüfteln: in reiner sachfeststellung zur betonung der ungewöhnlichen schwierigkeit der überlegung, des gedankenganges: ich werde mir deshalb anstatt des abatjours von porzellan einen dicken papierschirm machen; den schnitt dazu habe ich mir schon selbst ausgetiftelt (1864) W. v. Kügelgen lebenserinn. (1925) 333; listig tüftelte ich mir schon unterwegs die reden aus, durch welche ich das himmlische wesen in die unterhaltung des abends einzuführen gedachte Carossa verwandl. e. jugend (1929) 61; jeden tag hatte sich der töpfer einen anderen plan ausgetüftelt A. Dörfler d. tausendj. krug (1935) 214; das larghetto ... kann jedoch ohne rechenschieber gespielt werden (um die kleinen notenwerte auszutüfteln) Aulich-Heimeran stillvergn. streichquartett (1936) 127; ich habe irrsinnig gearbeitet, weil mir alles dies doch fremd ist und ich mir alles erst austifteln und ausprobieren musz. ich habe das blatt ganz raffiniert in spritztechnik gemacht (1940) J. Karsch br. (1948) 58. aburteilend wegen der künstlichkeit, verstiegenheit der gedanklichen überlegungen; mit vorliebe im part. prät.: und werde nun zu hause mit wichtigem gesicht mich an eine höchst raffinierte und ausgetüftelte tätigkeit machen (1854) G. Keller br. u. tageb. 2, 357 Erm.; als ich die korrektur der zweiten auflage erhielt, sah ich die scheinbare zote wieder und wollte sie korrigieren, vergasz es aber glücklich! so strafen sich die allzu ausgetüftelten schnurren! (1875) ebda 3, 137; die bisher vielfach befolgte regel ... ist durchaus willkürlich ausgetüftelt worden und hat zu keiner zeit in der lebendigen sprache geherrscht Grunows gramm. nachschlageb. (1905) 76; ich habe mir schwere gedanken darüber gemacht ... ich habe aber nichts anderes ausgetiftelt als dasz ich einen mächtig langen brief ...

[Bd. 22, Sp. 1558]


geschrieben habe Frenssen Hilligenlei (1905) 194; was der kranke zunächst einmal von seinem arzt will, nicht sowohl die mit allen schikanen moderner technik ausgetüftelte diagnose, sondern rat und hilfe Erwin Liek d. arzt u. seine sendg. (1927) 30; im ganzen ist das lied formal ganz raffiniert ausgetüftelt C. v. Kraus Walter v. d. V., unters. (1935) 286; diese geborene Albrecht wuszte nicht viel, und sie war doch wohl stärker als die ganze abgeguckt und ausgetüftelt gespielte welt K. Kluge Kortüm (1938) 288. in den maa. gebucht bei Reinwald Henneb. 1 (1793) 20; Sallmann Estland 31; Martin-Lienhart els. 2, 658; bad. wb. 1, 587; Schranka Wien 23; die erweiterung heraustüfteln, bad. wb. a. a. o.: diese bande! irgendwo möglichst viele kleine rinnsale herauszutüfteln ... und so ohne jede arbeitsleistung die ströme geldes, die durch fremder hände fleisz entstanden, immer gründlicher anzuzapfen Mungenast d. pedant (1939) 31. die umgangssprachliche geläufigkeit der zusammensetzungen erhellt aus ihrem auftreten in übersetzungen; aus dem schwed.: ich weisz nicht, welcher art er ist; das auszutüfteln überlasse ich anderen (det fr andra fundera ut) S. Lagerlöf, Nils Holgersen 2 (1919) 142; aus dem dän.: Karl kann lesen; er hat sich das aus den schildern auf der strasze 'rausgetüftelt', wenn er botengänge machte (han har lœrt sig det) Andersen-Nexö Pelle (1949) 2, 158; aus dem russ.: aber betrug steckt dahinter, soviel weisz ich. die herren tüfteln da etwas heraus. ich will die wahrheit wissen (gospoda mudrát čego-to) Gorki, d. mutter (1946) 115.
ertüfteln: so neuklug bin ich aber nicht geworden, um zu ertifteln, wenn sich eine henne zum brüten auf die eier setzt, was für buntes gefieder die küchlein einst bekommen (1847) Fr. L. Jahn bei Crecelius Oberhess. 309; das rhythmisch sehr verzwickte scherzo soll man nicht ertüfteln, sondern frisch und frei nach dem gehör spielen Aulich-Heimeran stillvergn. streichquartett (1936) 84. wieder gern im part.: Hedi wollte sich an einen genau ertüftelten plan halten A. Dörfler tausendj. krug (1935) 127; die erfolgsaussichten des blutigen eingriffs durch eine bis ins feinste ertüftelte, heilungsbefördernde ernährung zu unterstützen E. Penzoldt zugänge (1947) 21.
herumtüfteln: (Apollonia) verlor die geduld nicht, als Gertraud endlos an ihrer schularbeit herumtüftelte Peter Dörfler Apollonias sommer (1934) 209.
vertüfteln, gelegenheitsbildung: gestern haben wir den ganzen abend mit dem Exhegelianer Pilgram verdiftelt (1846) Scheffel br. 52; vgl. verdüfteln teil 12, 257.

 

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