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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
strohkranz bis strohmal (Bd. 19, Sp. 1668 bis 1671)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) strohkranz, m. , aus stroh geflochtener kranz; sertum stramineum Stieler stammb. (1691) 1042.
1) als zeichen des tadels, der schande und entehrung, vgl.: der strokrantz ist ein zaichen desz auszlachens, desz verspottens, des verachtens Meichel creutzschuel (1630) 11.
a) besonders für zügellose dirnen, aber auch für mädchen, die ihre jungfrauschaft vor der ehe verloren haben; den strohkrantz tragen portar la ghirlanda di paglia (pena ò affronto della sposa che và à ricever benedittione sacerdotale, havendo già conosciuto lo sposo) Kramer t.-ital. 2 (1702) 1015b; öffentliche huren (müssen) als eine straffe auf dem rücken ... grosse und mit flederwischen ausgesteckte strohkräntze auf dem kopfe tragen, wenn sie des landes verwiesen werden Noel Chomel, öcon.-physic. lex. (1750) 8, 1733; ehedem muszten geschwächte weibespersonen am tage ihrer hochzeit an statt des brautkranzes zum zeichen der verlohrnen ehre mit einem strohkranze erscheinen Adelung 4 (1780) 833; s. auch strohbraut, strohbräutigam, strohhochzeit, strohjungfer: und stnd freilich mancher vermeinten scheinjungfraw ein strohkrantz

[Bd. 19, Sp. 1669]


besser an, als schnr und borten Artomedes pred. (1604) 34; unsere herren von gerichten pflegen den unzchtigen metzen einen strohkrantz auffzusetzen, und lassen jhnen also zum thor hinaus paucken Herberger hertzpostilla (1613) 1, 628;

vorm kyrieleison z'opfer gau,
ist bei der bursch nichts neüs,
mit strohkränz vor die kirchen stau,
ist schon ein alte speisz Ostracher liederhs. 35 Rattay;

o, es steht tausendmal schöner, mädchen, wenn ihr für eure gespielinnen braut- und lorbeerkränze schlingt, als wenn ihr ihnen strohkränze und halseisen dreht und krümmt Jean Paul w. 11/14, 345 Hempel;

doch als neun monde gingen
stets müder durch den sand,
den strohkranz sie ihr hingen
ans haus ob ihrer schand'
Brentano ges. schr. (1852) 2, 371;

ein mädchen, das spöttische gaukelspiele ... strohkränze usw. als die strafe seiner sünde ... voraussieht, musz fühlen, dasz ihm zu viel geschieht Pestalozzi s. schr. (1819) 7, 376; das wort gottes hätte ihnen übel geschmeckt ohne mindestens ein liebespärchen mit strohkränzen vor dem altar und ohne verlesen geschärfter sittenmandate G. Keller ges. w. (1889) 5, 183; nun stand es so mit ihr, dasz die rede umging, man müsse ihr einen strohkranz aufs haupt setzen und sie mit dieser zier am sonntag durch die kirche führen Rosegger schr. (1895) I 2, 193.
b) seltener in der anwendung auf andere personen; als schandzeichen für verräter, narren u. dgl.: aber den Nicolaus ... Sture ... liesz er diese schmach anthun, dasz man ihn ... mit strohernen stiefeln, auch mit einem strohkrantz auf dem haupte, durch die stadt fhrte und als einen landverrther ... ausschrie E. Francisci traursaal (1681) 4, 14; es ist noch nicht lang, dasz einer, so sich vor einen poeten und reichsritter ausgegeben, allhier in Wien in einen gewissen caffehausz mit einem strohcranz gecrnet worden, und sich selbsten als einen narren agiret Neiner tändlemarckt (1734) 224; wenn ich sie am ende nicht noch alle ... wie räudige hunde ins wasser warf, um die menschheit von ihnen zu reinigen, so sollen sie mir die augen ausstechen, mir einen strohkranz aufsetzen und ich will im lande herumziehen Klinger theater (1786) 4, 208. gelegentlich auch als zeichen der impotenz (vgl. DWB strohmann 4): gar nichts anderes bleibe ihr zu vermuten übrig, als dasz der kranz, den er trage, ganz einfach der strohkranz der unfähigkeit sei Th. Mann ges. w. (1955) 4, 543. als erziehungsmittel: strohcrantz ist ein von stroh rund-ausgewölbter und mit allerhand bunten fleckgen und schellen behengter crantz, den die kleinen jungfern in den nehr- oder anderen lernschulen zur straffe und schimpff auffsetzen müssen, wenn sie in ihrem thun faul und nachläszig gewesen Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 1915; er vertheilt an die fleiszigen schüler werthvolle bücher, an die trägen strohkränze, die ihnen in Leipzig bei einem öffentlichen actus ... feierlich überreicht zu werden pflegten Gutzkow d. paumgärtner v. Hohenschwangau (1880) 1, 33. als scherzhafte neckerei: sie setzte ihm (dem ungeschickten jäger) heimlich einen strohkranz auf, sie band ihm einen gänseflügel vor den flintenlauf Storm s. w. (1900) 1, 182; bildlich für 'tadel, vorwurf': das musz man lassen wie es ist, wenigstens ich möchte mir nicht den strohkranz eines Ballhorn daran verdienen (1873) G. Keller br. u. tageb. 3, 57 Ermat.
2) ohne abschätzigen nebensinn als scherzhaft-frivoles hochzeitsgeschenk (anknüpfend an 1 a), vgl.'bey einer jeden feyerlichen hochzeit pfleget der neuvermählten jungen frau den andern hochzeitstag ein strohkranz überreicht zu werden, welches von dem strohkranzredner (s. u.) mit einer scherzhaften strohkranzrede (s. u.) geschiehet' Adelung 4 (1780) 834:

[Bd. 19, Sp. 1670]


von hertzen liebe braut, hier bring ich ihn gebracht, ...
nimm diesen strohkrantz an, den dir dein bruder bringet,
und deiner jungferschafft damit zu grabe singet
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 3, 446;

nein, des andern tages fingen sie allererst an ihre grösseste gefälligkeit gegen die braut zu bezeigen, dazu gab ihnen die alberne gewohnheit des strohkrantzes anlasz Gottsched vern. tadlerinnen (1725) 1, 239. — hierzu die zss. strohkranzrede, f.: strohkrantzrede, bey der A. und B. hochzeit in Dreszden 1730 (titel) Henrici ged. 3 (1732) 446; strohkrantzreden sind bey adelichen und vornehmen beylagern annoch in gebrauch Zedler univ.-lex. 40 (1744) 1021; noch hatte der gute herr v. W. zwey reden auf dem herzen. die begleitungsrede ins schlafgemach und die strohkranzrede Hippel lebensläufe (1778) 3, 2, 539; hielte mit vergnügen dem guten klassischen paare die traurede und darauf die strohkranzrede Jean Paul w. 45/47, 286 Hempel.strohkranzredner, m. : der glanz der ehre, die ich heute geniesze, einen strohkranzredner abzugeben, verblendet mich gar nicht Schwabe belust. (1741) 7, 87.
3) als festlicher schmuck, als erntekranz:

das ist die güldne friedenszeit,
darüber auch die ackerleut
im felde jauchtzen, springen
vnd hegen jhren schnittertantz
in jhrem stroh- vnd lorberkrantz (17. jh.) bei
Fischer-Tümpel kirchenlied 1, 460;

sät über winter aus, erlebt selbst das gedeyen,
dasz eure pflantzen einst ein strohkrantz wird erfreuen
Henrici ged. 3 (1732) 450.


4) in praktischer anwendung: davor (den krämerläden) anderswo ... spne, strkrntze, wische, bretter herauszgestellet oder gehenget seyn Prätorius anthrop. pluton. (1666) 1, 315; strohkranz auf welchen man gemeiniglich den kupfernen kessel setzet, wenn er nach dem firniszsieden aus dem loche in der erde genommen worden Täubel buchdruckerk. (1805) anh. 27; worauf man in den küchen die kessel, schüsseln u. s. f. zu setzen pflegt, und welcher im gemeinen leben die strohkringe genannt wird Adelung 4 (1780) 833; doch sind die strohkräntze, wenn sie mit theer ... bestrichen werden, auch ein gutes mittel (gegen ameisen) Zincke allg. öcon. lex. (1744) 96; benutzte die zeit, während er noch jenseits der brücke mit dem feinde bataillierte, geteerte strohkräntze um die holzpfeiler legen ... zu lassen Fontane ges. w. (1905) I 1, 397.
 
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strohlack, m.: eine art siegellack, dessen stangen nach schraubengängen gedrehet sind Rüdiger zuwachs d. sprachk. (1782) 2, 122; cire d'Espagne empaillée Schrader dt.-frz. 2 (1784) 1328. —
 
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-lade, f., aus stroh hergestellte (knochen-)schiene; 'lectuli straminei' Noel Chomel, öcon. lex. (1750) 1, 1366; strohladen ... sind stroherne zilinder, welche mit einer leinwand umwikelt zur befestigung der gebrochenen knochen dienen, Blancard, arzneiwb. (1788) 2, 254b. —
 
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-lage, f., strohschicht: der beste mist wird also da bereitet, wo das vieh anhaltend auf demselben stehen bleibt und eine frische strohlage alltäglich die alte unter ihm überdeckt Schwerz prakt. ackerbau (1823) 1, 184; über den damm hin war eine dichte strohlage gebreitet Fontane ges. w. (1905) I 2, 280. —
 
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-lager, n., von stroh bereitete ruhestätte; erst seit dem 18. jh. für älteres stroh (s. d. 1 c α) häufig gebraucht: couche de paille, dict. all.-fr. (1762) 877b; ein von stroh bereitetes lager, eine streu Campe 4 (1810) 717. meist die behelfsmäszig zugerichtete menschliche ruhestätte: er ... stand ihm einen antheil an dem gemeinschaftlichen strohlager zu Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 140; und schlief die ganze nacht unter freiem himmel auf einem strohlager Bode Montaigne (1793) 4, 436; und wie es einem klugen manne geziemt, dachte ich schon an die nacht, an die unbehaglichkeit eines strohlagers H. Heine s. w. 3, 53 Elster; das glück ... wirft ihn bis auf das strohlager eines zum tode verurtheilten verbrechers Immermann w. 19, 14 Hempel. das lager des tieres: in der hütte aber ruhet er (d. hund) auf seinem strohlager Heppe

[Bd. 19, Sp. 1671]


aufr. lehrprinz (1751) 372; je mehr das strohlager von den tieren zusammengetreten wird, um so mehr flüssigkeit nimmt es auf Schwerz prakt. ackerbau (1823) 1, 184. strohunterlage: eine längst geübte praktik gibt den sogenannten strohwein, indem man die trauben ... auf langen strohlagern, tablonen, etwas eintrocknen ... läszt Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 235. —
 
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-latte, f.: schwache latten, womit die strohdächer benagelt werden Adelung 4 (1780) 834. —
 
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-lehm, m.: lehm, welcher mit gehacktem stroh oder häckerling getreten oder gemischt wird, damit er besser bindet und zusammenhängt Campe 4 (1810) 718; von ... schindeldächern, die ... mit strohlehm bedeckt sind allg. dt. bibl. (1765) 71, 137.
 
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strohlein, ströhlein, n., strohbündel, eine bestimmte menge stroh; vgl. DWB stroh 2 c:

und legete sich hin wider
f sîn narrenstrôel nider.
...
'ja!' sprach der tœrische man
und stuont ûf von dem strôel sân (Florenzer hs.: stroelin)
Heinrich v. Freiberg Tristan 5466 Bernt;

sin bette daz waz siden niht,
ez waz ein strolin, als man giht
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 2114 Singer.

redensartlich ein ströhlein dreschen 'händel haben': aber als er hin kam, hetten die feind ausz Culva und die innwoner ausz Calco schon ein strölin mit einander abgetroschen A. Diether v. d. newen Hispanien (1550) 2, 21a.
 
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strohmagazin, n., vorratsraum für stroh, strohspeicher; magazin à la paille, paillier, dict. all.-fr. (1762) 878a: die 5 wurfbatterien sind vorige nacht fertig geworden, und eben itzt geräth durch eine derselben ein strohmagazin ... in feuer Lessing 18, 424 L.-M.; in dem groszen saale, der nun als stroh- und heumagazin gebraucht wird Göthe IV 26, 160 W. bildlich: der in seiner deduction ein körnchen pandektenwitz aus einem strohmagazin von citaten herausdrischt Friedrich satyrischer feldzug (1816) 110. —
 
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-mal, n.; 'bei den schiffern auf der Elbe ein pfahl mit einem strohwische an gefährlichen gegenden' Schrader dt.-frz. wb. 2 (1784) 1328: wo aber am mahlstabe ein zeichen befindlich ist, welches gemeiniglich mit stroh geschiehet, (musz der ruderknecht) rechter hand vorbey (fahren). (dies) zeichen nennen die schiffleute ... ein strohmahl Noel Chomel, öcon. lex. (1750) 3, 856; Mothes baulex. (1881) 4, 282; 3, 323.

 

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