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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
scheinbarlich bis scheinbeter (Bd. 14, Sp. 2437 bis 2440)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) scheinbarlich, adj. , dasselbe wie scheinbar, besonders häufig in adverbialer function. ahd. noch nicht bezeugt, mhd. schînbærlich was in die augen fällt, glänzend, offenkundig, als adv. schînbærlîche und -lîchen, welch letztere form, eigentlich der dat. plur., auch noch im ältern nhd. häufig als scheinbarlichen, -leichen begegnet. Lexer handwb. 2, 748, mnd. schînbarlik, adv. -en. Schiller-Lübben 4, 96b: rutilus schinberlich Dief. gloss. 505b, splendide 548a; dazu eine abstractbildung schinberlicheit rutilitas, splendiditas ebenda; nhd. scheinbarlich, clarus, pellucibilis .. scheinbarliche art, indoles, scheinbarlichen pellucibiliter, evidenter Dasypodius; bei spätern meist als adverb: scheynbarlich, heyter, verstendtlich, luculenter, clare, perspicue, dilucide, evidenter, illuminate Maaler 350b. Stieler 1755 (s. scheinbar), scheinbarlich, clare, perspicue, simulate Steinbach 2, 417. Frisch 2, 171b; in neuern mundarten: schîbärli in Unterwalden Tobler 386a, nordthür. schînbâerlich, adj. Kleemann 18c, nd. schînbarlik brem. wb. 6, 285 und -lich, adj. und adv. Dähnert 405a. Danneil 185b; überall in der bedeutung: offenbar, augenscheinlich, offenkundig (s. 2).
1) glänzend.
a) im eigentlichen sinne ganz vereinzelt, vergl. z. b. splendona .. schinberlich swert Dief. gloss. 548a.
b) glänzend, prächtig, köstlich, kostbar, luxuriös, scheinbarliche kleider, speise u. a.: ich bin auch hie vor gewesen an der thür in einem schlechten rock, da wolt man mich nicht einlassen, aber jetzt in den scheinbarlichen kleidern bin ich eingelassen worden. Pauli schimpf u. ernst 46a; darnach diser bischof aufgethon hat sin schetz ... zm andern geopfert den cardinelen köstlich gaben und scheinparliche klaider.

[Bd. 14, Sp. 2438]


satiren u. pasquillen 2, 106, 17; zween schöne geflügelte knaben ... welche mit weiszen hemdern, daffeten binden, perlen, kleinodien, göldenen ketten und andern scheinbarlichen sachen köstlich gezieret waren. Simpl. 1, 132, 13; ich gieng weiters und kam zu einem scheinbarlichen hause. 3, 348, 12; seine schlaffkammer (die er .. mit trapezereyen und köstlichen umbhängen umb seine bettstatt aufs scheinbarlichste gezieret .. hatte). 4, 111, 7;

dein speis sey nit scheinberlich,
dein getranck nit ze costberlich.
Cl. Hätzlerin 2, 61, 39;

welchs christen warlich ubel zirt,
den aus der welt zu eiln gebürt.
auff das kriegn das scheinbarlich kleid,
Christum irn trost und seligkeit.
Tirolff Isaak und Reb. J 5.

so auch adverbial scheinbarlich leben, haushalten, essen u. dgl.: unde (der reiche mann) wertschefte degeliken schinbarliken (splendide, griech. λαμπρῶς). quelle (Luc. 16, 19) bei Schiller-Lübben 4, 96b; diser reicher hat sich in die zwo höchste farb geklaydt, in scharlach und hubschen leinwat, auch teglich scheinbarlich geessen. Luther 12, 592, 20 Weim. ausg.; wie der reich man (Luce xvj.), herlich bekleid, asz und trank alltag scheinparlich. H. Sachs dial. 54, 15 Köhler.
c) stattlich, ansehnlich, imposant, was den eindruck der grösze erweckt: der kaiser was umbgeben mit der fursten des reichs scheinparlicher schar. quelle bei Lexer handwb. 2, 748; darumb dann unsere haubt-leuth die ordnung grosz machten, und stellten die glieder weit von einander, damit der hauff desto scheinbarlicher seyn solt. Götz v. Berlichingen 19; so auch:

so hielt die tugend hie auch ihren hof und stab ...
in disem schönen leib ... dan ausz desz leibs gestalt
und scheinbarlicher grös erschien auch alsobald
die gröse des gemühts, die hoheit seiner sele.
Rompler reimged. 115.


d) von handlungen u. ähnl.: denn wiewol ich höre, von demselben Adrian, das er sey eines scheinbarlichen, berhümten lebens gewest. Luther 2, 447a; ja des Kains opffer ist herrlicher und scheinbarlicher. 4, 34a; aber sihe, was er für ein richter ist, das werck das am scheinbarlichsten, hübschten, und besten ist, verdampt er. ebenda; sonderlich weil sie (die Waldenser in Böhmen) gar hefftiglich von den papisten für ketzer verdampt und ausgeruffen worden, und doch bey jnen ein so schön, scheinbarlich wesen, und ernster vleis der zucht und guter werck gefunden ward. 6, 113a; wie sind den hohen weisen leuten jhre scheinbarliche fürnemen so ubel gerahten. Melanchthon hauptart. christl. lehre 450 im corp. doctr. Christ. (Leipzig 1560); mein begangne hoffart, die ich .. inn meinem ganzen leben getriben habe. spec. vit. human. 28 neudruck.
2,
a) sichtbar, sichtlich, augenscheinlich, augenfällig, offenbar, offenkundig: scynbaerlike plage quelle bei Schiller-Lübben 4, 96b; vor leibes noth oder anderer seiner nottürfftigen scheinbarlichen sachen wegen nicht zu gerichte gehen wolte. urk. von 1395 bei Haltaus 1608; unnd sich vor uffenbarer scheinbarlicher und schentlicher mysztat, unfug unnd unere drewlichen bewarn urk. von 1485 s. ebenda; dasz sie gar eine hohe scheinbarliche gerechtigkeit müssen erzeigen, damit es (das concilium) wieder zu ehren kome. Luther briefe 5, 53; mit erlangung barmherzigs und scheinberlichs trosts und hilfe irer bittungen. Aventin werke 1, 46, 14; als scheinperliche zaichen der baum auszzaigen. 163, 13 (vgl. sichperliche zaichen 11 in demselben sinne); weil mir nun diese meine gedancken eine scheinbarliche frucht zeigten, die sie mitbrachten; sihe, so verfolgte ich sie weiters. Simpl. 3, 424, 17; zum vierten, wann der bestender sein bestandhausz so ubel und ungebürlich hielt, dasz es in scheinbarlichen abfall und ergerung derhalben geriethe. Lennep landsiedelr. 2, 5.
b) namentlich als adverb:

sus lac er (S. Franciscus)
unverborgen schînbærlîche.
Lamprecht v. Regensburg Francisken leb. 4068;

wand in (Ambrosius) erluchte gotes geist
mit der genaden volleist,
die schinberlichen uf in quam. pass. 251, 65 Köpke;

ir habt gelogen scheinperlich. fastn. sp. 660, 23;

Maria heft unsz schinbarliken gehulpen. quelle bei Schiller-Lübben 4, 97b; legt man in (den stein dyadochos) auf ains tôten leichnam, sô verleust er sein kraft und erschrickt scheinpærleichen von dem tôde. Megenberg 444, 28; nach dem mir gott der allmechtige, durch seine gnad und barmhertzigkeit, so scheinbarlich aus diesem gefengnis geholffen hatte. Luther

[Bd. 14, Sp. 2439]


2, 383a; das Henoch nicht heimlich hinweg sey gestolen .. sondern das er sichtiglich und scheinbarlich für jren augen hinweg genomen sey. 4, 43a; den benanten unsern lieben vetern scheinparlich mit hilf zu versehen. Aventin chron. 2, 583, 5.
c) so besonders, mit leichter verschiebung der beziehung, in verbindungen wie scheinbarlich zeigen, kund thun u. ähnl.:

daz viur, dâ von sîn herze enbran,
daʒ sînem lîbe sâ zestunt
schînbærlîche tete kunt,
waʒ nâhe gêndiu swære
und senediu sorge wære. Tristan 932;

daʒ Marîa dî zarte
schînbêrlich offenbârte
sich eime armin manne.
Nic. v. Jeroschin 14342;

weil denn der barmhertzige gott euch zu Bremen so gnediglich heimsucht .. dazu seinen geist und krafft so scheinbarlich unter euch in diesem Henrico erzeigt, das jrs greiffen mügt. Luther 3, 28b;

und gleichwol hat der höchst .. recht scheinbarlich gezaigt,
sein härtz sey allezeit dir lieb-reich zugenaigt.
Rompler reimged. 88;

der kluege kaiser wolt hie scheinbarlich erweissen
dasz er gar wol versteh, es hab ein gantzes land
vil nutzbarkeit darvon, wan leüthe von verstand
und von erfahrenheit hervorgezogen werden. 106.

entsprechend scheinbarlich (deutlich) sehen:

sô man in sîner majestât
Jesum schînbærlîche siht.
Lamprecht v. Regensburg Syon 316;

wand du sihst sîn antlütze
rehte als eʒ ist gestellet
ân irrunge schînbærlîche. 974;

sin leben ist den worten glych,
das sicht ein yeder schinbarlich. trag. Joh. D 3;

das alle die, die dabey sind gewest, scheinbarlich (ital. Or.: manifestamente 206b) gesehen haben, die allerheiligste hostia in der lufft hangen. Luther 8, 207a; da sicht und hort man unverholen und scheinbarlich. Reuchlin augensp. 37a; da erscheine ein groszes wunder, also, dasz man scheinbarlich sahe, zwey kleine schwartze hündlin auff jhrem bette umbgehen. buch d. liebe 289a; gibe dem rosz vier wochen davon zutrincken, so wirstu scheinbarlichen sehen, das es zunimpt. Seuter roszarzn. 110.
3) da scheinbarlich überhaupt in der neuern sprache wenig gebräuchlich ist, so begegnet es natürlich auch nur vereinzelt in der erst in dieser entwickelten abgeleiteten bedeutung einer relativen gewiszheit (dem anscheine nach) oder des gegensatzes zum wesen: scheinbarlich, speciosus, simulatus Haltaus 1609; mein christentuhm erfodert, dasz ich von einem idweden eine gutte meinung habe, bis ich das widerspil sehe: doch nicht allein scheinbarlich sehe, sondern desselben selbst in der taht überzeuget werde. Butschky Pathmos 254; der, vormahls schöne, aber hernach vom himmel gefallene morgenstern, verstellet sich nie lebhaffter, noch scheinbarlicher in einen engel des lichtes, als wann er .. die lügen mit dem rocke der wahrheit verblümet und bedeckt. 829; imgleichen könnte man sich sogar einen scheinbarlich freien durchgang gewisser materien durch andere .. denken. Kant 8, 525.
 
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scheinbarmachung, f.: canditatio wisz-, schinbarmachung. Dief. gloss. 94c.
 
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scheinbart, m. maske, entstellt aus schembart (s. das.):

welche waren vermummet je
mit scheinpärten und frembdem gwant.
H. Sachs 2, 2, 86c.


 
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scheinbedenklichkeit, f.: hätte schon zur zeit der leichenschau auch nur die leiseste vermuthung auf den gebrauch eines so ungewöhnlichen werkzeugs fallen können .. so würde .. wahrscheinlich auch jede scheinbedenklichkeit verschwunden seyn. Feuerbach actenm. darst. merkw. verbr. 1, 164.
 
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scheinbegräbnis, n.: die besorgung des scheinbegräbnisses nahm Suleima über sich. Klinger 4, 51; und ihr scheinbegräbnisz, ihre auferstehung von den todten, ihre heirath, das sind wunder, über die ich meinen verstand verlieren werde. Hebbel 2, 221.
 
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scheinbegriff, m.: jeder begriff, den ich glaube anschauend zu erkennen, da er doch blosz eine wirkung der abstraktion ist, ist ein scheinbegriff in der philosophie. Herder zur litt. 2, 201.
 
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scheinbegründung, f. scheinbare begründung. Campe.
 
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scheinbehelf, m. vorwand, den man als beschuldigung benutzt, tergiversatio. Frisch 2, 171b f. (mit beleg).

[Bd. 14, Sp. 2440]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) scheinbeichte, f.: schein- sive buben- et spottbeichte, confessio hypocritica sive simulata. Stieler 874.
 
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scheinbeilager, n.: wie bei gewissen scheinbeilagern ein dazwischen gelegtes schwert von der schlafgenossin absondert. J. Paul grönl. proc. 1, 63.
 
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scheinbeter, m. hypocrita, pharisaeus. Stieler 177.

 

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