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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
scheinadel bis scheinbarlich (Bd. 14, Sp. 2433 bis 2437)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) scheinadel, m. ficta nobilitas, falsi imaginum tituli Stieler 20. auch übertragen: der scheinadel seiner gesinnungen. Campe.
 
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scheinagel, m. ein hölzerner nagel, welchen man, wenn ein schiff vom stapfel laufen soll, in das unten beim kiel gebohrte loch schlägt, wodurch das im scharfe angesammelte regenwasser abläuft. Bobrik 586a.
 
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scheinähnlich, adj. dem scheine nach ähnlich. Campe, apparenter Stieler 29.
 
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scheinarbeit, f. labor fictitius, simulatus Stieler 47.
 
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scheinart, f. unterart, die nur scheinbar eine eigene art ist, subspecies. Nemnich.
 
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scheinauferstehung, f.: so dürfte es sich wahrhaftig fast noch eher denken lassen, dasz die ganze auferstehungsgeschichte Jesu von seinen freunden erdichtet, als dasz diese selbst durch eine von ihm angelegte scheinauferstehung getäuscht sein möchten. Planck gesch. d. christenth. (1818) 1, 302.
 
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scheinausdruck, m.: wie sehr sind mir jetzt alle diese scheinausdrücke, leere gespenster einer scholastischen phantasie, zuwider! Herder zur phil. u. gesch. 9, 236.
 
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scheinäuszerung, f.: scheineuserung, absentia dolosa, abstinentia simulata. Stieler 70.
 
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scheinbar, adj. glänzend, klar, offenbar, sichtbar, anscheinend: scheynbar, vast heiter, gwüssz, illustris, perspicuus, manifestus, conspicuus, elucens, evidens, dilucidus, fulgidus, splendidus. Maaler 350b. ableitung zu schein, also eigentlich was schein an sich trägt. ahd. scînbâri, manifestus, splendidus, fulgens, fulgidus, adv. scînbâro, clare, splendide, liquide Graff

[Bd. 14, Sp. 2434]


6, 511; mhd. schînbære, schîmbære (adj. u. adv.) Lexer handwb. 2, 742. 748; dazu die nebenform ahd. scînbârig, mhd. schînbærec ebenda; mnd. schînbar Schiller-Lübben 4, 96; ebenso nnd. und alem., schweiz. auch assimiliert zu schimper. Hunziker 221.
1) glänzend, leuchtend, hell. candens .. schien-, schinbar Dief. gloss. 94c, candidus .. schienbar wysz ebenda, clarissimus .. der aller schinbarst 125c, fulgidus .. schinbar 250c, nitere .. scheynbar vel liecht werden 381b, rutilans .. scheinbar 505a, rutilus hd. schinbare, -bar, -ber 505b, splendidus .. scheynpar 548a, coruscus .. schinbare 153c, scheinpar nov. gloss. 116b, lucidus scheinber 240a, nitidus scheinper, glantz 264b; scheinbar, lucidus, dilucidus, fulgidus, splendidus, epiphanes, lat. illustris. eyn wenig scheinbar, sublucidus. scheinbar machen, clarificare Dasypodius. in diesem sinne nicht mehr gebräuchlich.
a) glänzend im eigentlichen sinne: sî (das sternbild der krone) rûoret Bootem an dien ahselon, harto skîmbariu einahalb, unde aber anderhalb tuncheliu. Notker 1, 771 Piper (Mart. Cap. 2, 1);

ein sterne erschein in oberlant
alsô schînbâre und alsô grôʒ,
daʒ sîn schîn al umbe flôʒ
und erlûhte die werlt wit. erlösung 3264 Bartsch.

glänzend weisz: und als der selbig leymen (lehm, kot) anzeigt die gestalt einsz herten bodens, hat die dub darin getretten und als bald verwüstet iren schynbaren lyb. Cyrillus 50b; vom glanze des wassers: tiu (aha) daranâh ran, diu uuas coldfaro, unde skîmbare (fulgidus). Notker 1, 707 Piper (Mart. Cap. 1, 11); so auch:

sîn (des brunnens) flôʒ was schînpær unde grôʒ.
Heinrich v. Neustadt v. gotes zuok. 1622 Strobl (s. gloss., als 'sichtbar' erklärt?).


b) vom tageslichte: ymme schynbar (hellen) dage. quelle bei Schiller-Lübben 4, 96a.
c) schön, prächtig: ein salb zu einem scheinbaren schönen angesicht. Gesner vogelb. (1557) 100b; bisz der verstorben begraben wirt, dieweil weschen sy (die Ägypter) sich nitt, trincken auch keyn wein .. brauchen kein scheynbare kleyder. S. Franck weltb. 11b; ein salb zu einem scheinbaren schönen angesicht. Gesner vogelb. (übers. von Heuslin 1557) 100b; Albert Dürer .. hette keinen lust zu denen gemälden, die von vielen farben unterscheiden und scheinbar, sondern die da auffs einfältigst .. auszgemacht weren. Kirchhof wendunm. 3, 163 Österley (4, 169);

heuffig d hast auf yn gelegt
er' nt herliche wird
mit scheinbrem schmk nt zird.
Melissus psatmen H 4b (ps. 21, 5).


d) bildlich, angesehen, hervorragend, ausgezeichnet: weil ich merck, das ewre durchlauchtigste voreltern aus dem allerscheinbarsten stammen der könige von Engelland, meiner voreltern, geboren sind. Luther 2, 211a; als dann liszt er (der priester bei den Ägyptern) jnen ausz jren analibus und gschichtbüchern, seiner vorfaren und anderer fürnämer scheynbarer männer radt unnd that. S. Franck weltb. 9b; das oberst teyl des gantzen Teütschen landts, ist Schwabenland, mitt zweyen herrlichen durchflieszenden flüssen scheynbar. 52a; prächtig, prunkvoll: die priester pflegen über die andern des wollusts, herrlich und scheinbar lebende. 188b; angesehen, geschätzt: werde der herr sie .. mit herrlichen und ehrlichen geschencken begaben .. mit ehrenämptern, ewigen namen unnd titul jhrer ritterlichen thaten wegen zieren und scheinbar machen. Kirchhof milit. discipl. 184;

bekenne, bitt' ich, mir, warumb doch wilt du prangen
mit deiner augen glantz', und deinen zarten wangen;
mit deinem roten mund', und deines leibes pracht,
mit alle dem, was zucht alleine scheinbar macht?
Opitz 2, 165.


2) in die augen fallend, sichtbar, wahrnehmbar, deutlich erkennbar, ersichtlich. so noch mundartlich ten Doornkaat Koolman 3, 125a.
a) für den bedeutungsübergang vgl.: wir sehen, das der mon je ferner er von der sonnen kommet, je klärer und scheinbarer wird. Fischart ehez. A 6b; unde er bringet ûʒ dîn reht, daʒ chît er getuôt îʒ scînbâre also liêht (et educet quasi lumen iustitiam tuam). Notker 2, 127 Piper (ps. 36, 6).
b) sichtbar, von sinnlicher wahrnehmung: werg, die noch ze Rôme schînber sint. quelle bei Lexer a. a. o.; zur lust kan man in die jungen blätter (der indianischen feigen) namen oder figuren subtil einritzen, so wachsen sie mit den blättern, verwimmern und werden scheinbar. Hohberg 1, 614b; hierauf bestatten sie (die Römer) die leiche des verstorbenen; und

[Bd. 14, Sp. 2435]


hernach stellen sie sein bildnisz an dem scheinbarsten orte des hauses auf. Lessing 9, 194.
c) erkennbar, von geistiger wahrnehmung: daʒ die irchorinun scîmbâre (manifesti) uuerden unter iû. Notker 2, 261 Piper (ps. 67, 31);

ir gemeiniu herzeswære
diu wart sô schînbære
under ir beider ougen. Tristan 14344;

dich hât got selbe geêret ...
daʒ ist wol schînbær dar an,
daʒ dîn hort grôʒ unde kleine ...
ist beliben unverschart. Mai u. Beaflor 186, 28;

damit das gt neben dem bösen, die warheit gegen der luge gehalten, dester scheinbarer wurde. S. Franck chron. 255a; durch plendung wird Tobias gedult scheinbar. Fischart bibl. fig. (1576) O 3a; dasz ein schwebender körper, ohne eine scheinbare ursache, durch welche die wirkung seiner schwere verhindert wird, eine ungereimtheit ist. Lessing 6, 424;

in diesem tempel ist kein winckel eingehauen,
darinnen gottes macht nicht solle scheinbar seyn.
Opitz 1, 341.

deutlich (?):

auf das ich schau, mir zm scheinbarn exempel
des herrn schönhait so fein nt lustiglich.
Melissus psalmen K 8b (ps. 27, 3).


d) so besonders in gewissen wendungen der rechtssprache, namentlich auf nd. gebiete: in (den feinden des rechts) is leit, dat recht immer geopenbaret wert, wende ire unrecht dar von scinbare wirt. Sachsensp. 2, 1 (lehnr.) § 78, 3 Homeyer; scheinbare that von der überführung durch den augenschein, oder durch das corpus delicti, sowie auch dieses selbst (vgl. schein 8, c): die ok doden vor gerichte bringet unde klaget dat ungerichte, dat an in gedan si, die solen klagen mit gerüchte, durch die hanthaften dat, de dar schinbare is. Sachsensp. 1 (landr.), 2, 64, 3 Homeyer; desse velscherye dorff he nicht beteren, sunder he werde up der schynbaren dat begrepen. quelle bei Schiller-Lübben 4, 96a; se bekanden dat se gerovet hadden unde de schynbar daet (das geraubte gut) wart by en ghevunden. ebenda; de iss in der handhafftigen daet begrepen, de noch schinbahr iss. quelle bei Haltaus 1607;

hir synt vele klagers unde schynbar daet. Reinke de vos 1731.

übertragen auf die dadurch begründete klage: van der hanthafften claghe de schymbar ist. Haltaus 1608.
e) adverbial, sichtbar, sichtlich:

do ist der gheisz gots schynber kon
wol uber Zacharie son. trag. Joh. A 6;

die tugend bringt es ein was euch am alter fehlet,
o menschliche göttin! und eurer gaben zahl,
mit welchen euch auch fast uns männern allzumal
desz milden himmels gunst hat scheinbar vorgesetzet.
Opitz 2, 107.

mit anklang an die ursprüngliche bedeutung:

o wie scheinbar trost von oben
endlich durch die wolcken bricht!
nie noch keine strahlen gaben
noch krystal so reines licht.
Spee trutzn. 73 Balke.


f) in die augen fallend, augenscheinlich, offenbar, offenkundig: ein scheinbarer beweis, argumentum perspicuum Steinbach 2, 417, als ausdruck der gewiszheit und überzeugungskraft u. ähnl.: aber der unerfahrne disputator, gibt nicht gewonnen ... sintemal sein vorgefaster wahn ihn so sehr blendet, das er die scheinbare klahrheit der folgerey nicht sehen .. kan. Butschky Pathm. 204; nun ist es ja die scheinbare warheit. Spee güld. tugendb. 686; doch der verweisz war zu scheinbar, dasz sie auch die versicherung von sich gaben, keine klagen ferner von sich hören zu lassen. Chr. Weise kl. leute (1675) 153;

so saget er; und mich so gar trewhertzig machte,
dasz ich, als nicht mein selbst, an nichtes böses dachte,
noch, dasz disz werck, so er mir für jetzunder schlug,
wer' eitel schelmenwerck und scheinbarer betrug.
Dietr. v. d. Werder Ariost 5, 26, 4;

offenkundig (?): und hätten auch wohl bey ihr diese reimsätze gelten mögen, welche ein freund einesmals, über eine scheinbare dirne, dieses lauts gesetzet. Simpl. 726 Keller; scheinbares unglück u. dergl., augenfällig:

doe wart dat gelettet
dorch eine skînbâre nôt. Eneit 1121;

das die swaiger mit käsen sullen zinsen und nicht mit pfenning, in nembs dan das ungelück, das scheinpar ist. tirol. weisth. 1, 155, 45. 2, 74, 44;

so scheinbahr und so grosz mein täglich unglück war.
Günther 474.

[Bd. 14, Sp. 2436]



3) wahrscheinlich, einleuchtend, glaubwürdig, annehmbar, als ausdruck der relativen gewiszheit, probabilis, verisimilis: scheinbare gründe, argumenta topica, credibilia Stieler 1753; eine scheinbare ursache vorbringen, causam speciosam adducere. Steinbach 2, 417; nichts ist so unglaublich, das, in erzehlung, etwas scheinbar nicht zu machen. Butschky hochd. kanzl. 386; dasz der periodus fatalis des türckischen reichs herzu nahe .. hat mit vielen scheinbaren argumenten erwiesen ein gelahrter mönch in Braband. Schuppius 373; wenn die in einem beweise vorkommenden sätze und schlüsse vollkommen scheinbar sind und das ansehen der allerbekanntesten wahrheiten an sich haben. Kant 8, 108; sie können es leicht thun; und werden auch leicht eine scheinbare ursache dazu ausfündig machen können. Lessing 2, 372; euer rath ist gut. und auch der vorwand scheinet mir scheinbar genug zu seyn. 373; so wie ich hier bin, biete ich den verführungen aller deiner Cyanen, den scheinbarsten überredungen deiner egoistischen weisheit .. trotz. Wieland 1, 206; was hätte Hyperides selbst, ob er gleich beredt genug war die Athener von der unschuld einer Fryne zu überzeugen, stärkeres und scheinbarers zu deiner vertheidigung sagen können? 2, 214; seine meisten so scheinbaren und feinen bemerkungen voll gutes geschmacks gleiten. Herder 2, 149 Suphan; die vielen und scheinbaren einwürfe Bayle's. z. phil. u. gesch. 9, 178; der graf von Bethüne lies eine öffentliche protestation gegen sie drucken, auf welche Bedemar mit den scheinbarsten gründen antwortete, die er vorzufinden wuszte. Schiller 4, 145; unter dem scheinbaren vorwand von ehrenbezeugungen hatte schon Karl der fünfte die gefährlichsten vasallen der krone durch kostbare gesandtschaften an fremde höfe geschwächt. 7, 62; in adverbialer fügung: obgleich alle kritiker, wie Hume sagt, scheinbarer vernünfteln können, als köche, so haben sie doch mit diesen einerlei schicksal. Kant 7, 142;

mein volck, hör jetzt mich an,
wie scheinbar ich dich überzeugen kan.
Opitz psalmen 97 (nr. 50, 4);

wahrscheinlich oder nicht! — für ihn genug,
scheinbar genug für könig Philipp.
Schiller don Carlos 5, 3;

etwas scheinbar machen:

als auch den königs-mord die feinde auff mich brachten,
und solches vor der welt so listig scheinbar machten.
v. Haugwitz Maria Stuarda 33;

deine grundsätze, die du unverschämt weisheit nennest und durch eine künstliche vermischung des wahren und falschen scheinbar zu machen suchst. Wieland 1, 205; zuweilen in dem sinne 'einer sache einen anschein geben, sie ansehnlich, gefällig, angenehm machen': eigentliche erfindungskraft hatte er nicht, dagegen aber das gröszte geschick, was er vor sich fand zu nutzen, zurecht zu stellen, und scheinbar zu machen. Göthe 19, 118; welches (biblische handbuch mit bildern) .. Thomas Gwarin ... mit grosem kosten hat gegenwärtiger gestalt zuwegen gepracht, auch, es vor andern angenem und scheinbarer zu machen, sich kain zeit noch müh lasen dauren. Fischart dicht. 2, 283, 30 Kurz.
4) was nur dem scheine nach existiert, nicht wirklich, trügerisch, wesenlos, vergeblich, erdichtet u. s. w. diese bedeutung ist jetzt die üblichste; scheinbar, adj.: das scheint als wann es etwas wäre, speciosus, simulatus Frisch 2, 171b (im gegensatz zu scheinbar, das würcklich etwas ist, perspicuus, manifestus); eine scheinbare liebe, amor simulatus Steinbach 2, 417; der dänische könig wurde durch diese scheinbare danckbarkeit gleichsam aus dem traume seines irrthums erwecket. Hofmannswaldau s. ebenda; will man aber je scheinbare gröszen durch fuszmaasze ausdrücken, so musz man nothwendig sagen, wie weit man sich dieses maasz vom auge denkt. Lichtenberg 7, 11; weil sie (furchtbare naturgegenstände) .. ein vermögen zu widerstehen von ganz anderer art in uns entdecken lassen, welches uns muth macht, uns mit der scheinbaren allgewalt der natur messen zu können. Kant 7, 112; die begriffe dieses reichs sind wie die fata morgana, scheinbare nichtigkeiten zurückgeworfener bilder ohne haltung, ohne dauer. Herder zur phil. u. gesch. 9, 219;

mit dem gesicht,
der scheinbar'n stirn der billigkeit, gewann
er jedes herz, wonach er angelte. Shakespeare könig Heinrich IV. 1, 4, 3.

scheinbare, vorgebliche, heuchlerische meinungen, phrasen u. ä.: die heiligen clösterbrüder .. wie betrügen sie doch die arme leute mit so heiligen und scheinbarn opinionen und einbildungen.

[Bd. 14, Sp. 2437]


Schuppius 533; denn da ich nicht mit leeren oder scheinbaren phrasen ein mir geschenktes zutrauen erwiedern konnte, und doch das jedesmalige vorgelegte im augenblick zu schätzen nicht fähig war; so blieb ich gegen viele bedeutende menschen im rückstand. Göthe an Zelter nr. 418; ähnlich auch: denn für leute von einem gewissen range ist es allemal noch schimpflicher, zur vergröszerung ihrer macht scheinbare betrügereien (ἀπάτη εὐπρέπει 4, 86), als offenbare gewalt zu gebrauchen. Heilmann Thuc. 569.
so auch häufig in zusammensetzungen mit adjectiven: sein körper schenkt gewissen scheinbargeistigen handlungen nicht blos den namen, sondern auch den ursprung. J. Paul grönl. proc. 2, 22; daher ich auch die vortrefflichkeit seiner spashaften schreibart und die feinheit seines scheinbarpöbelhaften witzes nicht entdecken können. 1, 46.
 
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scheinbarkeit, f. splendor, claritas, perspicuitas, speciositas, den verschiedenen bedeutungen von scheinbar entsprechend. ahd. dafür scînbârî, fulgor, nitor Graff 6, 511, mhd. schînbærecheit: claritas .. schinbarkeit Dief. gloss. 125c, nititas scheinperkeit 381b, nitor .. schinberheit 381b, radiantia schinbarkeit 482c, speciositas .. hubsch schinbarkeit 545b, splendor .. schinbarkait 548a; im nhd. meist in den abgeleiteten bedeutungen: scheinbarkeyt, perspicuitas, evidentia, claritas Dasypodius, scheynbarkeit, herrligkeit (die) splendor, perspicuitas Maaler 350b, daneben scheynbare (die), evidentia; scheinlichkeit, scheinbarkeit, et scheinhaftigkeit, die, it. der scheinsal, sive scheinsel, idem quod schein, prophasis, color, fucus, vulgo apparentia, melius verisimilitudo, quae etiam exponitur wahrscheinlichkeit, probabilitas. euserliche scheinbarkeit, species extrinseca Stieler 1753, speciositas, luculentia Steinbach 2, 417, speciositas, perspicuitas Frisch 2, 171b; pracht, prunk: wann einer ausz den Teütschen der zur zeit Julij des keysers gelebt hett, erstnd, und Teütschland .. durchwandert, .. fürnämlich so er alle besetzung .. kleydung, höflicheyt der sitten, scheynbarkeyt der stätt .. warnäme. S. Franck weltb. 47b; der anschein, den man sich gibt (?):

mit solcher scheinbarkeit, sie jedem sich erweist,
trutz, wer Blandin'gen nicht, ein keusche jungfer heist. Simplic. 726 Keller.

in der neuern litteratur in dem sinne: probabilitas, scheinbarkeit eines beweises, grundes u. dergl.: dieser beweis ist der einzige unter allen vertheidigungen der lebendigen kräfte, dessen scheinbarkeit die übereilung entschuldigen könnte. Kant 8, 115; nach gleichfalls gewöhnlichem vorurtheil, welches mit täuschender scheinbarkeit glänzet. Stolberg 10, 215; um diesem vorwand alle scheinbarkeit zu benehmen. Wieland 3, 336; ich kenne nur einen einzigen einwurf gegen ihn (den glauben), der beym ersten anblick einige scheinbarkeit hat. 489;

non liquet; ja und nein hat gleiche scheinbarkeit,
wir überlassen das urtheil dem himmel und der zeit. 5, 114 (der n. Amadis 16, 3).


 
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scheinbarlich, adj. , dasselbe wie scheinbar, besonders häufig in adverbialer function. ahd. noch nicht bezeugt, mhd. schînbærlich was in die augen fällt, glänzend, offenkundig, als adv. schînbærlîche und -lîchen, welch letztere form, eigentlich der dat. plur., auch noch im ältern nhd. häufig als scheinbarlichen, -leichen begegnet. Lexer handwb. 2, 748, mnd. schînbarlik, adv. -en. Schiller-Lübben 4, 96b: rutilus schinberlich Dief. gloss. 505b, splendide 548a; dazu eine abstractbildung schinberlicheit rutilitas, splendiditas ebenda; nhd. scheinbarlich, clarus, pellucibilis .. scheinbarliche art, indoles, scheinbarlichen pellucibiliter, evidenter Dasypodius; bei spätern meist als adverb: scheynbarlich, heyter, verstendtlich, luculenter, clare, perspicue, dilucide, evidenter, illuminate Maaler 350b. Stieler 1755 (s. scheinbar), scheinbarlich, clare, perspicue, simulate Steinbach 2, 417. Frisch 2, 171b; in neuern mundarten: schîbärli in Unterwalden Tobler 386a, nordthür. schînbâerlich, adj. Kleemann 18c, nd. schînbarlik brem. wb. 6, 285 und -lich, adj. und adv. Dähnert 405a. Danneil 185b; überall in der bedeutung: offenbar, augenscheinlich, offenkundig (s. 2).
1) glänzend.
a) im eigentlichen sinne ganz vereinzelt, vergl. z. b. splendona .. schinberlich swert Dief. gloss. 548a.
b) glänzend, prächtig, köstlich, kostbar, luxuriös, scheinbarliche kleider, speise u. a.: ich bin auch hie vor gewesen an der thür in einem schlechten rock, da wolt man mich nicht einlassen, aber jetzt in den scheinbarlichen kleidern bin ich eingelassen worden. Pauli schimpf u. ernst 46a; darnach diser bischof aufgethon hat sin schetz ... zm andern geopfert den cardinelen köstlich gaben und scheinparliche klaider.

[Bd. 14, Sp. 2438]


satiren u. pasquillen 2, 106, 17; zween schöne geflügelte knaben ... welche mit weiszen hemdern, daffeten binden, perlen, kleinodien, göldenen ketten und andern scheinbarlichen sachen köstlich gezieret waren. Simpl. 1, 132, 13; ich gieng weiters und kam zu einem scheinbarlichen hause. 3, 348, 12; seine schlaffkammer (die er .. mit trapezereyen und köstlichen umbhängen umb seine bettstatt aufs scheinbarlichste gezieret .. hatte). 4, 111, 7;

dein speis sey nit scheinberlich,
dein getranck nit ze costberlich.
Cl. Hätzlerin 2, 61, 39;

welchs christen warlich ubel zirt,
den aus der welt zu eiln gebürt.
auff das kriegn das scheinbarlich kleid,
Christum irn trost und seligkeit.
Tirolff Isaak und Reb. J 5.

so auch adverbial scheinbarlich leben, haushalten, essen u. dgl.: unde (der reiche mann) wertschefte degeliken schinbarliken (splendide, griech. λαμπρῶς). quelle (Luc. 16, 19) bei Schiller-Lübben 4, 96b; diser reicher hat sich in die zwo höchste farb geklaydt, in scharlach und hubschen leinwat, auch teglich scheinbarlich geessen. Luther 12, 592, 20 Weim. ausg.; wie der reich man (Luce xvj.), herlich bekleid, asz und trank alltag scheinparlich. H. Sachs dial. 54, 15 Köhler.
c) stattlich, ansehnlich, imposant, was den eindruck der grösze erweckt: der kaiser was umbgeben mit der fursten des reichs scheinparlicher schar. quelle bei Lexer handwb. 2, 748; darumb dann unsere haubt-leuth die ordnung grosz machten, und stellten die glieder weit von einander, damit der hauff desto scheinbarlicher seyn solt. Götz v. Berlichingen 19; so auch:

so hielt die tugend hie auch ihren hof und stab ...
in disem schönen leib ... dan ausz desz leibs gestalt
und scheinbarlicher grös erschien auch alsobald
die gröse des gemühts, die hoheit seiner sele.
Rompler reimged. 115.


d) von handlungen u. ähnl.: denn wiewol ich höre, von demselben Adrian, das er sey eines scheinbarlichen, berhümten lebens gewest. Luther 2, 447a; ja des Kains opffer ist herrlicher und scheinbarlicher. 4, 34a; aber sihe, was er für ein richter ist, das werck das am scheinbarlichsten, hübschten, und besten ist, verdampt er. ebenda; sonderlich weil sie (die Waldenser in Böhmen) gar hefftiglich von den papisten für ketzer verdampt und ausgeruffen worden, und doch bey jnen ein so schön, scheinbarlich wesen, und ernster vleis der zucht und guter werck gefunden ward. 6, 113a; wie sind den hohen weisen leuten jhre scheinbarliche fürnemen so ubel gerahten. Melanchthon hauptart. christl. lehre 450 im corp. doctr. Christ. (Leipzig 1560); mein begangne hoffart, die ich .. inn meinem ganzen leben getriben habe. spec. vit. human. 28 neudruck.
2,
a) sichtbar, sichtlich, augenscheinlich, augenfällig, offenbar, offenkundig: scynbaerlike plage quelle bei Schiller-Lübben 4, 96b; vor leibes noth oder anderer seiner nottürfftigen scheinbarlichen sachen wegen nicht zu gerichte gehen wolte. urk. von 1395 bei Haltaus 1608; unnd sich vor uffenbarer scheinbarlicher und schentlicher mysztat, unfug unnd unere drewlichen bewarn urk. von 1485 s. ebenda; dasz sie gar eine hohe scheinbarliche gerechtigkeit müssen erzeigen, damit es (das concilium) wieder zu ehren kome. Luther briefe 5, 53; mit erlangung barmherzigs und scheinberlichs trosts und hilfe irer bittungen. Aventin werke 1, 46, 14; als scheinperliche zaichen der baum auszzaigen. 163, 13 (vgl. sichperliche zaichen 11 in demselben sinne); weil mir nun diese meine gedancken eine scheinbarliche frucht zeigten, die sie mitbrachten; sihe, so verfolgte ich sie weiters. Simpl. 3, 424, 17; zum vierten, wann der bestender sein bestandhausz so ubel und ungebürlich hielt, dasz es in scheinbarlichen abfall und ergerung derhalben geriethe. Lennep landsiedelr. 2, 5.
b) namentlich als adverb:

sus lac er (S. Franciscus)
unverborgen schînbærlîche.
Lamprecht v. Regensburg Francisken leb. 4068;

wand in (Ambrosius) erluchte gotes geist
mit der genaden volleist,
die schinberlichen uf in quam. pass. 251, 65 Köpke;

ir habt gelogen scheinperlich. fastn. sp. 660, 23;

Maria heft unsz schinbarliken gehulpen. quelle bei Schiller-Lübben 4, 97b; legt man in (den stein dyadochos) auf ains tôten leichnam, sô verleust er sein kraft und erschrickt scheinpærleichen von dem tôde. Megenberg 444, 28; nach dem mir gott der allmechtige, durch seine gnad und barmhertzigkeit, so scheinbarlich aus diesem gefengnis geholffen hatte. Luther

[Bd. 14, Sp. 2439]


2, 383a; das Henoch nicht heimlich hinweg sey gestolen .. sondern das er sichtiglich und scheinbarlich für jren augen hinweg genomen sey. 4, 43a; den benanten unsern lieben vetern scheinparlich mit hilf zu versehen. Aventin chron. 2, 583, 5.
c) so besonders, mit leichter verschiebung der beziehung, in verbindungen wie scheinbarlich zeigen, kund thun u. ähnl.:

daz viur, dâ von sîn herze enbran,
daʒ sînem lîbe sâ zestunt
schînbærlîche tete kunt,
waʒ nâhe gêndiu swære
und senediu sorge wære. Tristan 932;

daʒ Marîa dî zarte
schînbêrlich offenbârte
sich eime armin manne.
Nic. v. Jeroschin 14342;

weil denn der barmhertzige gott euch zu Bremen so gnediglich heimsucht .. dazu seinen geist und krafft so scheinbarlich unter euch in diesem Henrico erzeigt, das jrs greiffen mügt. Luther 3, 28b;

und gleichwol hat der höchst .. recht scheinbarlich gezaigt,
sein härtz sey allezeit dir lieb-reich zugenaigt.
Rompler reimged. 88;

der kluege kaiser wolt hie scheinbarlich erweissen
dasz er gar wol versteh, es hab ein gantzes land
vil nutzbarkeit darvon, wan leüthe von verstand
und von erfahrenheit hervorgezogen werden. 106.

entsprechend scheinbarlich (deutlich) sehen:

sô man in sîner majestât
Jesum schînbærlîche siht.
Lamprecht v. Regensburg Syon 316;

wand du sihst sîn antlütze
rehte als eʒ ist gestellet
ân irrunge schînbærlîche. 974;

sin leben ist den worten glych,
das sicht ein yeder schinbarlich. trag. Joh. D 3;

das alle die, die dabey sind gewest, scheinbarlich (ital. Or.: manifestamente 206b) gesehen haben, die allerheiligste hostia in der lufft hangen. Luther 8, 207a; da sicht und hort man unverholen und scheinbarlich. Reuchlin augensp. 37a; da erscheine ein groszes wunder, also, dasz man scheinbarlich sahe, zwey kleine schwartze hündlin auff jhrem bette umbgehen. buch d. liebe 289a; gibe dem rosz vier wochen davon zutrincken, so wirstu scheinbarlichen sehen, das es zunimpt. Seuter roszarzn. 110.
3) da scheinbarlich überhaupt in der neuern sprache wenig gebräuchlich ist, so begegnet es natürlich auch nur vereinzelt in der erst in dieser entwickelten abgeleiteten bedeutung einer relativen gewiszheit (dem anscheine nach) oder des gegensatzes zum wesen: scheinbarlich, speciosus, simulatus Haltaus 1609; mein christentuhm erfodert, dasz ich von einem idweden eine gutte meinung habe, bis ich das widerspil sehe: doch nicht allein scheinbarlich sehe, sondern desselben selbst in der taht überzeuget werde. Butschky Pathmos 254; der, vormahls schöne, aber hernach vom himmel gefallene morgenstern, verstellet sich nie lebhaffter, noch scheinbarlicher in einen engel des lichtes, als wann er .. die lügen mit dem rocke der wahrheit verblümet und bedeckt. 829; imgleichen könnte man sich sogar einen scheinbarlich freien durchgang gewisser materien durch andere .. denken. Kant 8, 525.

 

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