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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
phiole bis physiognomie (Bd. 13, Sp. 1833 bis 1835)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) phiole, f., ahd. fialâ (Graff 3, 495), aus griech. φιάλη, mhd. viole aus mlat. fiola (trinkschale), franz. fiole, kugelförmige glasflasche mit langem halse:

ich grüsze dich, du einzige phiole!
die ich mit andacht nun herunterhole.
Göthe 12, 42;

rasch wurden .. teste, phiolen und andere zubehör angeschafft. Siegfr. von Lindenberg2 2, 223; (man fand bei ihm) lebendigen merkur in phiolen. Schiller 4, 220.
 
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phlegma, flegma, n. das griech.-lat. phlegma,
1) wässerigkeit im geblt. Roth dict. (1571) M 6b, der (vermeintliche) schleim im blute, die schleimblütigkeit als grundlage des phlegmatischen temperaments, die natürliche trägheit: phlegma bedeutet affectlosigkeit, nicht trägheit (leblosigkeit), und darf man den mann, der viel phlegma hat, darum sofort nicht einen phlegmatiker oder ihn phlegmatisch nennen, und ihn unter diesem titel in die klasse der faullenzer setzen. Kant 10, 322; das mädchen ist ganz geschaffen, das phlegma eines überladenen gehirns durch das flüchtige salz ihres umgangs zu reitzen, aufzulösen und vor einer gänzlichen vertrocknung zu bewahren. Thümmel reise 3 (1794), 140; die knappen warfen ihm etliche dutzend kiesel in die rippen, das brachte ihn doch einigermaszen aus seinem phlegma. Siegfr. v. Lindenb.2 2, 201; das phlegma der erdkugel. J. Paul Kampanerthal 3; das phlegma, das wir in heiszen kampfestagen oft verwünschen, ist es doch wieder, was einzelmenschen und ganzen völkerschaften die kraft der ausdauer verleiht. Auerbach ges. schriften 15, 53; davon phlegmatisch (natur, temperament), phlegmatiker, s. oben Kant 10, 322.
2) in der chemie der wassergehalt einer geistigen flüssigkeit, die beim destitlieren zurückbleibt, eigentlich und übertragen:

(die kastraten sind) wie wein von einem chemikus
durch die retort getrieben,
zum teufel ist der spiritus,
das flegma ist geblieben.
Schiller 1, 269.

vergl. geist 12, a.
 
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phönix, m., das griech.-lat. phoenix, während mhd. fênix, fênis (Lexer 2, 64), frühnhd. phenix aus franz. phenix entlehnt ist: fênix ist ain vogel in dem land Arabia .. er hât die art, wenn in daʒ alter beswært, sô suocht er im .. den aller schœnsten paum auf den hœhsten pergen ob ainem aller lustigisten prunnen und machet im ain nest auf den paum von .. edeln würzen und kräutern, und wenn diu sunn ir hitz auf daʒ nest wirft, sô wæt der fênix zuo mit seinen vetachen, unz die pürd des edeln dings enprint. sô daʒ geschiht, sô legt er sich in daʒ feur und verprinnet, dar nâch über wênig tag wirt ain würmel auʒ dem aschen und gewint dar nâch flügel, dar nâch wirt dar auʒ ain vollkommener fênix. Megenberg 186, 16 ff., vergl. Heiden Plinius 351. Heuslin Gesners vogelb. 403; ein kleines sternbild am südlichen himmel. Frisch 2, 59a. mathem. lex. 1, 1008; oft übertragen in bezug auf etwas seltenes und einziges seiner art oder auf die wiedergeburt des wundervogels: also wirt zu jeder zeit etwo ein gelerter, der für ander von gott mit vil künsten begabt, ein phenix genent. Roth dict. (1571) M 6b; der helden phoenix. Weckherlin 632; der welt phönix und wunder. 666; o Haydn, phönix der instrumentalmusik! Heinse Hildeg. (1857) 210; dasz der zufall sie unverhofft .. in dieser gesellschaft (von schauspielern) einen wahren fönix, eine geistvolle und tugendhafte schauspielerin .. finden liesz. Wieland 12, 122; Adelheid. der ruf ... hatte euch so zahnarztmäszig herausgestrichen, dasz ich mich überreden liesz zu wünschen: möchtest du doch diese quintessenz des männlichen geschlechts, diesen phönix Weislingen zu gesichte kriegen! ich ward meines wunsches gewährt. Weislingen. und der phoenix ward zum ordinairen haushahn. d. j. Göthe 2, 101;

ihr seid vereinigt fürsten! Frankreich steigt
ein neu verjüngter phoenix aus der asche.
Schiller 13, 258 (jungfr. von Orl. 3, 3);

[Bd. 13, Sp. 1834]



du siehst die liebe aus des hasses flammen
wie einen neu verjüngten phoenix steigen. 14, 36 (braut von Mess. 1, 6).

zusammensetzungen: phoenixvogel Simpl. 1, 1006, 19; phoenixgleich Weckherlin 680; phoenixasche J. Paul Titan 3, 191; phoenixflug A. Grün ges. werke 4, 166.
 
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phosphor, m. , aus franz. phosphore, griech.-lat. phosphorus (lichtträger).
1) der morgenstern: mit dem hesper schleicht ein jüngling in deine grotte; wo liegt er, bis der phosphor kommt? F. Müller 1, 142; übertragen:

o, du mein phosphor, meine kerze,
du meine sonne, du mein licht!
Göthe 5, 184.


2) ein im dunkeln längere oder kürzere zeit leuchtender, vorher dem tageslichte oder der glühhitze ausgesetzt gewesener körper Zedler 27, 2194 ff., im engern sinne die zuerst von Brand und Kunkel im jahre 1669 aus dem urin gezogene, hernach aus den thierischen knochen bereitete, im dunkeln leuchtende und leicht entzündliche substanz (Zedler 27, 2203), die nun vorzugsweise zu streichhölzchen verwendet wird. Schedel waarenlex. 2, 213; zusammensetzungen: phosphordampf, -salz, -säure, -glanz (Göthe 3, 153) u. a., davon phosphorisch adj. phosphorartig:

die schöne Klelia war eine von den seelen
der fosforischen art, die lauter flamme sind,
wie Amor sie berührt.
Wieland Klelia u. Sinib. 2, 198;

ein morscher baum liegt dir die welt,
vom ehernen zeitenflügel gefällt;
du rettest aus dem moderfeuchten
dir klug sein schön phosphorisch leuchten.
A. Grün ges. werke 4, 173;

phosphorescieren, phosphorartig leuchten, phosphorescierendes holz u. dergl.: desto mehr fing vor mir der blumengarten an zu phosphoresziren. J. Paul paling. 1, 8; im nothfalle wurden oft solche phosphoreszirende lichtputzer selber statt der gassen-reverberen aufgehangen oder aufgehenkt. jubelsen. 52.
 
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photograph, m. verfertiger von lichtbildern; photographie f., lichtbildnerei, dadurch erzeugtes lichtbild nach dem vom Engländer Fox Talbot 1839 erfundenen verfahren (engl. photography eigentlich lichtschrift, lichtzeichnung, von griech. φωτός, licht und γράφω, ich schreibe); davon photographieren, ein lichtbild wovon machen; photographisch adj., auf photographie bezüglich, photographisches papier, photographischer apparat, photographische anstalt u. s. w.
 
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phrase, f. im 17. jahrh. entlehnt aus franz. phrase vom griech.-lat. phrasis, rednerischer ausdruck, redewendung, (nichts sagende) redensart: narren und ignoranten, welche sich in ihren discursis und schreiben der lateinischen phrasen und wort gebrauchen, und dermaszen mit latein zuwerfen, als hetten sie stattlich studirt. Albertinus landstörzer (1615) 396; die antiquitet hat solche (seltzam gebrauchte lehrwörter) gleichsam geadelt, dasz der heute für einen tapfern philosaufaus gehalten und geehret wird, der mit Thoma de ... Aquino freie alte phrazen (so) an tag geben kan. Schuppius 535; solche frassen hört man hier nicht, man kans nicht ohne lachen lessen. Elis. Charl. (1871) 124; dem classischen stil nachgeahmte phrasen. J. Grimm kl. schriften 1, 234; die übersetzung (von Newtons optik ins lateinische) musz, um des lateinischen sprachgebrauchs willen, oft umschreiben und phrasen machen. Göthe 54, 108; wenn man's sich einbilden wollte, klangen sie (Lothario's französische briefe) warm und selbst leidenschaftlich; doch genau besehen, waren es phrasen, vermaledeite phrasen! 19, 240;

deiner phrasen leeres was
treibet mich davon. 5, 23;

bejahendes nicken,
gewundene phrasen. 41, 31;

Klopstock, der ist mein mann, der in neue phrasen gestoszen,
was er im höllischen pfuhle hohes und groszes vernahm.
Schiller 11, 115 u. anm.;

wie mancher dünkt sich virtuos ...,
der blosz als leere phrase drischt was Göthe sprach und Schiller.
Platen 4, 32;

er sieht das wort nicht vor lauter phrasen. 3, 14;

was wollen sie mit diesen geschraubten phrasen? 3, 97; ich kenne die verderbliche macht der phrase. Gutzkow ritter4 6, 165; du weiszt ja, dasz die vornehme welt alles zur lügnerischen phrase abnutzt. Auerbach ges. werke 15, 210. — zusammensetzungen: phrasenhafter mensch, phrasenhafte reden u. dergl.; phrasenhaftigkeit Auerbach zur guten stunde 2, 114; phrasenmacher Klinger betrachtungen 2, 432; phrasennebel H. Heine suppl. 164.

[Bd. 13, Sp. 1835]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) phu, interj., vgl. DWB puh: was das heisz macht! puh! ist mir, als trüg ich den Aetna im leibe. F. Müller 1, 162; phu! mein athem wie trocken ... phuh! dasz die welt nur in diesem einzigen hauch versengte! Faust 16, 30 neudruck; ein unausstehlicher geruch! — nicht zum bleiben! — phu! 62, 15.
 
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physik, f., mhd. fisike (Parz. 481, 15), aus franz. physique, mlat. physica (Dief. 236c), vom griech. φυσική (nämlich τέχνη), naturkunde, naturlehre: die wissenschaft von der natur heiszt physik. Kant 4, 3; physik des menschlichen körpers. 1, 217; er beschäftigte sich mit physik. Göthe 53, 256; Rohaults physik. 54, 79; deutsche physik durch Theodor Hersfeld. 176; Hollmann (in Göttingen) liest physik als einen theil des philosophischen curses. 187; das letzte und höchste in der physik (ist) die darstellung von den entwicklungen des naturgeistes. A. W. Schlegel vorles. 2, 57, 21 neudruck; jetzt giebt es kein mirakel mehr, nachdem die physik ausgebildet worden. H. Heine suppl. 153. — davon physikalisch, adj. und adv. (nach mlat. physicalis): physikalischer apparat Göthe 43, 348; physikalische erfahrungswissenschaften Schlegel a. a. o. 2, 56, 35; die frage, ob die erde veraltete, physikalisch erwogen. Kant 9, 1. vgl. physisch. —
 
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physiker, m. kenner und lehrer der physik 56, 37. Göthe 54, 129. 287. Kant 1, 395 u. oft.
 
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physiognom, m. gesichts-mienendeuter, aus einem mlat. physiognomus entlehnt: ein physiognom, und so stelle ich mir auch den R. Lavater vor, ist ein mann, der in allen menschengehäusen den unsterblichen fremdling lieb hat u. s. w. Claudius (1775) 3, 39;

bist kein physiognomus? ha!
F. Müller Faust 61, 7 neudr.;

ich bin ein physiognom. 59, 27; physiognom? ha! so schaut mir doch auch mal in die fratze. 45, 16. —
 
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physiognomie, physionomie f., aus franz. physiognomie (vom griech. φυσιογνωμία), mlat. physionomia, phisomia (woher mrhein. und nrhein. phisonomy, phisonomei, phisomye, phisemy Dief. 236c), gesichtsausdruck, gesichtszüge, gesicht: die phisionomei gibts. Frank sprichw. 2, 18b, weisets aus Tappius 24a (s. Wander 3, 1342); endlich erscheinet ein weibliches ding .., viel physiognomie, wenig schönheit. Lessing 7, 147; wer in solchen (blitzschnellen momenten der völligsten überraschung) seine gesichtszüge günstig und edel bewahren kann ..., dessen physiognomie und charakter werden jede probe aushalten. Lavater nachgel. schriften 5, 4;

gesetzt, so einem geist, der querfeld mir begegnet,
steht meine fysionomie
nicht an.
Wieland 22, 66 (Oberon 2, 20);

das erste blut ... kam von den nägeln zweier hökerweiber her, die einander .. in die fysionomie gerathen waren. 20, 55; eine geistreiche physiognomie. Göthe 36, 80; die phisionomie des letztern hatte etwas ganz ungewöhnliches. Schiller 4, 207; seine physionomie gefiel. 224; ich wendete mich an die erste physiognomie, die mir gefiel. Seume spazierg. 270; mir ahndete ganz ihre physiognomie bei jeder zeile, so wie sie jetzt vor mir stehen. F. Müller Faust 59, 24 neudr.; Achilles hat in der musik ihre (des componisten) physiognomie; und wer sie kennt, kennt síe in seinen melodien. Heinse Hildeg. (1857) 388. — s. v. a. physiognomik: ein kurzer bericht der ganzen phisionomey (Straszb. 1533); die physiognomie ist eine wissenschaft von gesichtern. Claudius (1775) 3, 36;

Mephist. und die physiognomie versteht sie (Margarete) meisterlich,
in meiner gegenwart wirds ihr sie weisz nicht wie,
mein mäskchen da weissagt verborgnen sinn.
Göthe 12, 185.

physiognomik, f., aus neulat. physiognomica, die kunst aus dem äuszern, besonders aus den gesichtszügen und mienen das innere zu erforschen, die damit sich befassende wissenschaft: die physiognomik ist die kunst, aus der sichtbaren gestalt eines menschen, folglich aus dem äuszeren das innere desselben zu beurtheilen. Kant 10, 329; eine physiognomisch-gute nase wiegt unaussprechlich viel in der waage der physiognomik. Lavater nachgel. schriften 5, 37; Gottesspürhund. eure hand! ihr seid Faust. Kölbel. freund, wer sagt ihm das? Gottesspürhund. was man nicht sehen kann — eigentlich physiognomik versichert michs. F. Müller Faust 45, 13 neudr.

 

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