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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
phantastisch bis philisterei (Bd. 13, Sp. 1825 bis 1828)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) phantastisch, adj. und adv., nach mlat. fantasticus, fantastice (griech. φανταστικός), franz. fantasque, fantastique, vgl. fantästig, fantästisch theil 3, 1320 und dazu Staub-Tobler 1, 875 (17. jahrh.): die groben fantastischen münchen. Luther hauspost. (1545), wintertheil 49b; ein junger schulmeister in fantastischen kleidern. Zinkgref 2, 37; was für phantastisches gesicht und grundloser lugen-zeug darinn (im alcoran), wird ohne das den mehristen bekand sein. Abr. a S. Clara auf, auf ihr christen 12, 26 neudruck; wo ich gehe, wandelt er an meiner seite, nehret in meinem herz .. diese phantastischen (traumhaften) qualen. Geszner 4, 192; nun war es wenigstens bequemer, den phantastischen Grisaldo zu dramatisiren als das schicksal Konradins. Klinger theater, vorr. A 5a;

(habt ihr) so ganz und gar phantast'sche grillen euch
in kopf gesetzt?
Platen 3, 228;

wenn auch bei phantastischen gewittern
mir nerv und ader ... zittern.
Lenau (1880) 2, 76;

ein phantastisch wahrheitsloses schauspiel.
C. F. Meyer ged. (1883) 24.

substantivisch: der es zu seiner aufgabe zu machen schien, das phantastische mit dem wirklichen leben aufs innigste zu verbinden. Tieck 4, 20.
 
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phantom, n., aus franz. fantome vom griech. φαντασμα: auf einmal stand unter dem breiten schatten einer linde eine göttliche erscheinung vor ihm da ... ich bin Salomo, sagte mit vertraulicher stimme das phantom. Lessing 1, 155;

du, edler mann, du wirst an ein phantom
von gunst und ehre keinen anspruch machen.
Göthe 9, 186 (Tasso 3, 4);

(ein band,) das mich an diese welt allmächtig bindet.
ach, ein phantom vielleicht!
Schiller 5, 2, 237 (don Carlos 2, 8);

um auf fernem boden ein schimmerndes phantom, das ihn doch immer floh, zu verfolgen. 8, 208; deine schöne hoffnungsfreude, das holde phantom, unsers künftigen glücks hat einen augenblick auch mich getäuscht. Hölderlin Hyper. 2, 96; dasz sie mich (den teufel) zu einem lächerlichen phantom gemacht haben. Hauff werke (1869) 2, 40;

der mond, gespiegelt im entfernten strom,
betrachtete sein eigenes phantom.
Platen 3, 167;

an uns vorüber schosz ein fackellauf,
ein glüh phantom, den grauen see hinauf.
C. F. Meyer ged. (1883) 66;

plural: gleich schwarzen phantomen
entklettern die gnomen ...
dem dunstigen schacht.
Matthisson (1825) 1, 146;

[Bd. 13, Sp. 1826]



mancher (pestkranke) dehnet sich noch im mördrischen schlaf und stöszet
dumpfes röcheln hervor, oder winselt von grausen phantomen
warnend umgeben.
Lenz 3, 27;

wilde phantome! naht euch aus euren klüften. 3, 47;

schwachformig: lasz es auch fantomen sein. Schiller 2, 394, phantomen 5, 1, 139;

dem erwachenden blick die leeren phantomen (träume) verschwinden.
Zachariä (1767) 4, 7.


 
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phantomist, m.: sie (die imaginanten) wurden phantomisten genannt, weil ein hohles gespensterwesen sie anzieht, phantasmisten, weil traumartige verzerrungen und incohärenzen nicht ausbleiben. Göthe 38, 130.
 
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pharao, pharo, faro, n., aus franz. pharaon, ein hasardkartenspiel, so genannt nach dem ägyptischen königstitel Pharao, der früher als bezeichnung des herzkönigs galt: oder wollen wir uns zum pharao (var. pharo) sezen und die zeit mit spielen betrügen? Schiller 3, 22 (Fiesko 1, 7); zusammensetzungen pharaobank, -tisch, -spiel (schwed. pharaospel Möller 574b) u. s. w.:

hier, wo am pharotisch ...
der spieler stille reihen auf glück und unglück warten.
Zachariä (1767) 1, 189;

plötzlich krachen raketen ..., die spieler laufen mit verwunderung von der pharaobank und nehmen unbefangen das eben verlorne geld mit, die croupiers ihnen nach. Arnim Hollins liebeleben 64 Minor; der gnädige herr sizen oben am pharotisch (var. pharaotische). Schiller 3, 448 (kab. 4, 1); die ruhe ... habe ich oft am pharotisch (var. farotisch) wiedergefunden. 4, 327.
 
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phasan, phasian, m. was fasan th. 3, 1336:

der stoltze phasian ward in ein grab gethan,
dergleichen phönix nur ihm selber geben kann.
Hofmannswaldau hochzeitged. 36.

plur. phasen (: hasen) Waldis Es. 2, 31, 145; umgedeutet phashan Frank mor. encom. 83, 20 Götzinger. Aventin. 4, 673, 33, fashan 5, 279, 5, faszhant Roth dict. (1571) M 6a.
 
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phase, f., aus franz. phase vom gr. φάσις lichterscheinung, besonders der lichtwechsel des mondes, dann eine erscheinung überhaupt und die verschiedenen abschnitte derselben: die kinder Israel .. wurden errettet durch des herrn gang oder phase (wolkensäule). Luther 8, 254b;

alter mond, in deinen phasen
bist du sehr zurückgesetzt.
Göthe 3, 283;

die Fichtesche philosophie ... ist eine der merkwürdigsten phasen der deutschen philosophie überhaupt. H. Heine 5, 211, vergl. 269;

der lange schnurbart ist eigentlich nur
des zopfthums neuere phase:
der zopf der ehmals hinten hing,
der hängt jetzt unter der nase. 17, 136.


 
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phau, interjection, vergl. DWB pah, DWB pfu, DWB pfuh: phau! schrie der witzigere kutscher, ich würde eure herrlichkeit rückwärts hineingeschoben haben. Möser 4, 61.
 
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philipper, m. ein spanisch-niederländischer gulden oder thaler mit dem bildnisse könig Philipps (Philipps-thaler Frisch 2, 59a): ich hab ein philipper zu zehrung gewechselt. A. Dürer tagebuch 68, 35 Leitschuh.
 
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philister, m. ein im 17. jh. in Jena aufgekommener (auch ins schwedische gedrungener Möller 595a) studentenausdruck, der nach Wiedeburgs beschreibung der stadt Jena (1785) s. 155 anm. dadurch entstanden sein soll, dasz sein urgroszvater Georg Götze, generalsuperintendent in Jena, beim begräbnisse eines in einem blutigen raufhandel zwischen studenten und bewohnern der Johannisvorstadt erschlagenen unschuldigen studenten die leichenpredigt gehalten habe über den text (richter 16, 9): Philister über dir Simson, vgl. studentikoses idiotikon (Jena 1841) s. 35. Wander sprichw. 3, 1341. lexikalisch ist das wort erst bei Adelung (1777) verzeichnet, der es vom mlat. balistarii ableitet (denn 'in Wien werden die stadtsoldaten im gemeinen leben sehr gewöhnlich philister genannt'); ältere belege aus Günther, Stoppe u. a. hat Gombert mitgetheilt in den ergänzungen zu Weigands wb. 1877 s. 5 f. und im anzeiger 4, 180.
1) einer der nicht oder nicht mehr student ist: das es unter denen herren studenten so viele burse gibt, die einen philister (so nennen sie uns bürger) wie einen floh achten. Hazards lebensgesch. (1706) 236;

(er war) ein gebohrner feind vom fuchs und vom philister.
Zachariä (1767) 1, 17;

die philister sind von mir verflucht geprellt. 1, 29 und oft im renommisten;

[Bd. 13, Sp. 1827]


Grübel, ein Nürnberger philister (bürger, ohne verächtlichen nebensinn). Göthe 33, 179; und da käme ein philister, ein mann der in einem öffentlichen amte steht. 16, 18;

(du bist) verliebt? — o du crasser philister!
Körner 248b;

zur alten heimat kehr ich (bemoster bursche) ein,
musz selber nun philister sein.
G. Schwab;

ich hatte die freude, dasz er mich gleich .. vor dem 'philister und dem florbesen', auf deutsch, einem alten professor und seiner tochter, .. auszeichnete. Hauff werke (1869) 2, 44; philister einer studentischen verbindung.
2) der hauswirt eines studenten, auch hausphilister (vergl. bierphilister, bierwirt Stoppe ged. 1, 69); der pferdeverleiher, auch pferdephilister (vergl. philisterpferd):

wärst du, o bestie, doch in des philisters stall!
Zachariä (1767) 1, 22.


3) ähnlich wie pfahl- und spieszbürger, ein nüchterner, pedantischer, beschränkter, lederner mensch ohne sinn für eine höhere und freiere auffassung (vgl. 'der philister vor, in und nach der geschichte' von Brentano 1811): für einen leichtgläubigen ..., in einer gemeinen vorstellungsart befangenen philister angesehen zu werden. Wieland bei Campe;

was ist ein phlilister?
ein hohler darm,
mit furcht und hoffnung ausgefüllt,
dasz gott erbarm!
Göthe 56, 104;

ins innre der natur —
o du philister! —
dringt kein erschaffner geist. 3, 112;

gedichte sind gemahlte fensterscheiben!
sieht man vom markt in die kirche hinein,
da ist alles dunkel und düster;
und so siehts auch der herr philister. 179;

still und maulfaul saszen wir
wenn philister schwätzten. 1, 140;

den philister verdriesze, .. den heuchler
necke der fröhliche vers.
Schiller 11, 125;

dort nahet sich täppisch
der philister. 128;

ein solcher philister (Werner) konnte allenfalls durch die jugend und durch seinen umgang mit Wilhelm eine zeitlang emporgetragen werden. an Göthe 179 (2, 95); nur deutsche philister sind im stande, einen groszen mann zu bewundern, ohne ihn zu lieben. Börne 2, 431;

die philister, die beschränkten,
diese geistig eingeengten,
darf man nie und nimmer necken.
H. Heine suppl. 47;

übertragen:

der Blocksberg ist der lange herr philister,
er macht nur wind wie der.
Claudius (1775) 3, 183.


4) einige zusammensetzungen: auch Henrich Steffens könnte mich begeistern, wenn er klarer wäre. seine 'idee der universitäten' wär' ein schönes büchlein, enthielte es nicht deutsche philisteransichten gegen den gröszten mann der welt. Holtei Lammfell2 4, 172;

und soll ich nach philisterart
mir kinn und wange putzen.
Chamisso (1872) 1, 160;

trotz schranken und schreck und philistergeschrei,
ich will dich (poesie) erlösen, du schöne fei!
F. Dahn ged., zweite sammlung 1, 377;

(er war ein) marktschreier, hausnarr, philistergünstling.
H. Heine suppl. 96;

ich wollte ja lieber vor der welt zu schanden werden, als dasz ich mich von philisterhand über einen gefährlichen steig leiten liesz. Bettine briefw. 2, 214;

hilf mir, Hafis, dasz ich flösse mit melod'schen, reichen scherzen
lust in alle dichterseelen, ärger in philisterherzen.
Platen 1, 223;

seht ihr nicht, dasz zwei alte häuser aus diesem philisterkarren gestiegen kommen? Hauff werke (1869) 2, 44; das wohlbekannte philisterlächeln. H. Heine 2, 7; man setzte mir den doctorhut auf die heisze stirn, ich kehrte auf einem weiten umwege in das traurige philisterland zurück. Börne 2, 197; ihr seid ein braver kerl! und das gefällt mir, dasz ihr dem könig dient. was kommt auch heraus bei dem philisterleben. Lenz 1, 289; und so schnurrt auch wieder die alte halbwahre philisterleier: 'dasz die künste das sittengesetz anerkennen und sich ihm unterordnen sollen'. Göthe an Meyer bei Riemer 38;

denn zu hause ist dort (in Deutschland) die philisternatur
und die dumpfige stubengelahrtheit.
Platen 4, 66;

[Bd. 13, Sp. 1828]



ihr könnt mir (Göthe) immer ungescheut,
wie Blüchern, denkmal setzen;
von Franzen hat er euch befreit,
ich von philister-netzen.
Göthe 56, 104;

ich habe nie mit euch gestritten,
philister-pfaffen! neider-brut! 102;

da reitet er auf einem elenden philisterpferde. Kotzebue dram. sp. 3, 240; geschwind, man will den Faust arretiren — die philisterwache (bürgerwache) — F. Müller Faust 55, 16 neudruck; in der philisterwelt leben, sich dahin zurückziehen u. dgl.; ich will nicht läugnen, dasz ich die deutschen hausväter .. herzlich müde bin, die in humoristischer trübe ihrem philisterwesen freies spiel lassen u. s. w. Göthe an Zelter 187 (2, 45); ein mädchen .., die mich im triumph in ihre philisterzirkel führen wird. Klinger 1, 167.
5) burschikos, auch eine neige im glas, ein rest in der tabakspfeife. studentikoses idiotikon 35, 6; 'wenn bei böttchern ein reif zu weit ist, so dasz ein stück dazwischen geschlagen werden musz, so wird dieses stück in Schwaben ein philister, auszerhalb Schwaben aber ein Schwabe genannt'. Adelung 3, 766.
 
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philisterei, f. wesen und thun eines philisters: hier (in Goslar) bin ich ... bei einem wirthe, der gar viel väterlichs hat; es ist eine schöne philisterei im hause (vergl. philister 2). Göthe an frau von Stein, 4. december 1777; er (Wieland) lehnt sich auf gegen alles, was wir unter dem wort philisterei (s. philister 3) zu begreifen gewohnt sind, gegen stockende pedanterei, kleinstädtisches wesen u. s. w. werke 32, 244; unser antheil an öffentlichen angelegenheiten ist meist nur philisterei. 49, 126; auch das unnatürlichste ist natur, auch die plumpste philisterei hat etwas von ihrem genie. 50, 5; Manfred verheiratet? ... er, der vor nichts solchen abscheu äuszerte, als vor jener gesetzten kaltblütig moralischen philisterei? Tieck 4, 20; aber die philisterei ists, diese widerliche abgeschmackte mischung von engherzigkeit und geistesflachheit, der nicht beizukommen ist als mit ihren eigenen waffen. Börne 2, 381; die ganze (den reinen kunstleistungen Göthes und Schillers entgegengesetzte) pragmatische schriftstellerei .. war die fortsetzung der alten philisterei und jener verständigen nüchternheit, die in den zeitschriften ... ihre letzte zufluchtsstätte hatte. Gervinus4 5, 414; im plur.: nun erzählen sie (die Schweizer) das alte mährchen immer fort .., sie hätten sich einmal frei gemacht und wären frei geblieben; und nun sitzen sie hinter ihren mauern, eingefangen von ihren gewohnheiten, ihren fraubasereien und philistereien. Göthe 16, 198; (ich hatte) gar oft die heimatlichen verkehrtheiten und philistereien verdrieszlich durchgehechelt. H. Heine 14, 39.

 

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