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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
phantasei bis phantasieren (Bd. 13, Sp. 1821 bis 1824)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) phantasei, phantasie, f. was fantasei, fantasie theil 3, 1318 ff. das schon im 14. jahrh. entlehnte wort wurde seit dem 15. jahrh. (nach franz. fantaisie) auch mit f geschrieben; jetzt ist die mit ph anlautende form wieder die herrschende geworden.
1) phantasei (früher auch phantasey geschrieben) die ältere und jetzt noch dichterische form ('dem reim zu gefallen' theil 3, 1319), entsprechend dem mhd. phantasîe, phantasî.
a) die schöpferische, besonders dichterische einbildungskraft (auch personificiert): dî phantasîe und dî bildende kraft. H. v. Fritslar 129, 28; welche poeterei und phantasei zwar von vielen .. verspottet wird. Spangenberg gansk. vorrede 5b;

was mir hat offenbaret frei
in eim gesicht fraw Phantasei. A 1a;

da kam zu mir fraw Phantasei. A 1b;

[Bd. 13, Sp. 1822]



(konntest du) die schwärmende phantasei in schranken erhalten?
Zachariä (1767) 4, 19;

oft kann die phantasei des dichters geist verleiten.
Cronegk 2, 126;

dasz meine phantasei (1778 fantasei), voll kraft,
vernichtet welten, welten schafft.
Bürger 12b;

wort und bilder, bild und worte
locken euch von ort zu orte,
und die liebe phantasei
fühlt sich hundertfältig frei.
Göthe 47, 216;

abgeschiedene seelen .. können zwar niemals unseren äuszeren sinnen gegenwärtig sein ..., aber wohl auf den geist des menschen ... wirken, so, dasz die vorstellungen, welche sie in ihm erwecken, sich nach dem gesetze seiner phantasei in verwandte bilder einkleiden. Kant 3, 74; die feuerkraft seiner (Beethovens) phantasie. Hettner gesch. d. d. lit. 3, 2, 502.
b) etwas durch die einbildungskraft in uns hervorgebrachtes, ein uns beschäftigendes gedankenbild, besonders eine leere und falsche vorstellung, ein trugbild im gegensatz zur wirklichkeit: phantasei, einbildung, wongedanken, ein gesicht, geplärr vor den augen. Roth dict. (1571) M 6a;

ist das nicht phantasei
und grosze narrerei?
Kehrein kirchenlied 1, 701, 9;

entschlage dich solcher phantasei und einbildung von dem tode. pers. rosenth. 6, 1; ich belustigte mich in dieser phantasei, in diesem süszen traum. Schuppius 90;

Adelheid. o dasz du mich so hart versuchen wollen!
Henrich. wie wunderbar ist deine phantasei!
Hagedorn 2, 160;

es war phantasei, aber phantasei, die uns alle wirklichkeit verdächtig machen könnte. Leisewitz Jul. 1, 1; Karl. hörst du es auch in der nacht durch alle zimmer des schlosses wandeln ...? Conrad. das ist lauter phantasei. Tieck 11, 96;

so hat ein jeder mensch auch seine phantasei,
in die er sich verliebt.
Cronegk 2, 123;

plur. (die Araber) haben vil gröszeren lust z allerlai newen gedichten und seltzamen phantaseien. Rauwolff reise 91;

(er träumt) in phantaseien verwirret,
welche die dünste des weins im brennenden blute gebildet.
Zachariä (1767) 4, 23;

als mich ein leichter schlaf .. besiegte
und die gedanken sanft in phantaseien wiegte.
Cronegk 2, 132;

verliebte phantaseien bringen
sie zu dem liebsten hirten hin. 225;

so gaukelt mir in tausend phantaseien
der tag dahin.
Hölty 166 Halm;

(da) werden plötzlich drauf lebendig
meine lieben phantasei'n.
Lenau (1880) 1, 24.


c) gaukelei, kurzweiliges treiben: die murmelthier ... mögen ihr phantasei und abenteuer nit lassen. Stumpf chron. 610a.
2) phantasie mit französischem auslaute (fantaisie).
a) wie 1, a: diese phantasi .. erwecket auch die bewegungskraft des leibes, .. dasz der mensch im schlafe redet, aufstehet, gehet und arbeitet. Butschky rosenth. 805 (374); die einbildungskraft, sofern sie auch unwillkührliche einbildungen hervorbringt, heiszt phantasie. Kant 10, 271; ihm (A. Dürer) schadete eine trübe, form- und bodenlose phantasie. Göthe 19, 156 H.; um eine zerrüttete phantasie in ordnung zu bringen. Leisewitz Jul. 3, 5; seine phantasie thürmte gefahren auf gefahren vor ihm auf. Siegwart 2, 276;

ängsten schrecken meine phantasie. Lotte bei Werthers grabe 1775;

marquis. ein wilder, kühner, glücklicher gedanke
steigt auf in meiner phantasie.
Schiller 5, 2, 273 (don Carlos 2, 15);

namentlich die dichterisch schaffende einbildungskraft (der poete musz εὐφαντασιωτος, von sinnreichen einfällen und erfindungen sein. Opitz poeterei 12 neudruck);

wen die natur zum dichter schuf, ..
dem leiht sie phantasie und witz.
Platen 4, 32.

meist belebt gedacht, auch personificiert als göttin: bilder, die ihm (poeten) seine phantasie lehrt. Breitinger crit. dichtkunst 2. abschnitt; seine feurig aufstrebende phantasie. Schiller 1, 38;

aber ich geb ihn (den höchsten preis)
der ewig beweglichen,
immer neuen,
seltsamen tochter Jovis,
seinem schoszkinde,
der Phantasie.
Göthe 2, 60;

rosenwangichte Phantasie,
die du bilder ins herz deiner vertrauten malst.
Hölty 72 Halm;

[Bd. 13, Sp. 1823]



ewig träufle dein kelch, zauberin Phantasie,
seinen himmel herab auf mich. 118;

wenn ich ... auf wolken der phantasie daher reite. Klinger an Schumann (1774) bei Rieger 372;

phantasie, die schäumend wilde,
ist des minnesängers pferd.
H. Heine buch der lieder 71;

diesz frohe fest verherrliche mein lied!
beflügelt drängt sich phantasie voraus,
sie trägt mich vor den thron.
Göthe 9, 293 (nat. tochter 2, 4);

da regte phantasie mir manches bild,
die schätze der erinnrung sichtend auf. 347 (5, 2);

die phantasie ist die vermittlerin zwischen der himmlischen weisheit und dem irdischen geist. Bettine tageb. 175; diese luftigen gaben ..., diese spiele der phantasie. Tieck in der widmung und vorrede zum Phantasus; und dieses fräulein ist so schön, .. so keusch und zugleich so schmachtend, wie die phantasie unseres vortrefflichen L. Tieck. H. Heine 6, 142; alle phantasie musz jetzt zum leben werden. Arnim Hollins liebeleben 55 Minor; der ächte Deutsche .., keuschen geistes erröthet er bei den buhlerischen küssen der phantasie. Börne 3, 312.
b) wie 1, b:

der liebe zauberwerk ist tolle phantasie (später gauckelwerk).
Gryphius lyr. ged. 236 P.;

die ganze welt aller dieser unsichtbaren wesen erscheint zuletzt selbst wiederum in der apparenz des gröszesten menschen, eine ungeheure und riesenmäszige phantasie, zu welcher sich vielleicht eine alte kindische vorstellung ausgedehnt hat, wenn etwa in schulen, um dem gedächtnisz zu hülfe zu kommen, ein ganzer welttheil unter dem bilde einer sitzenden jungfrau u. dergl. den lehrlingen vorgemalt wird. Kant 3, 103; eine sonderbare phantasie ist mir vorgekommen (dasz Capri, von der spitze des Posilippo aus betrachtet, wie der kopf eines ungeheueren krokodils aussehe) ... diese einbildung kam mir immer wieder, so oft ich hinsah. Seume spaziergang 338; plur.:

wünsche, triebe, phantasien,
alles ist euch izt (im ledigen stande) noch frei.
Gotter 1, 130;

der alte Moor zu Amalia. fahre fort, fahre fort. deine phantasien verjüngen mich wieder. Schiller 2, 246 (räuber, trauerspiel 2, 3); ich würde dann die schweigende öde mit meinen phantasien bevölkern. 163 (schauspiel 4, 5); die lachendsten phantasien der liebe. Thümmel reise 4 (1794), 336; wilde zauberische grotte der nacht, an deren eingang bräunliche phantasien (gaukelbilder) irren! F. Müller 2, 146; speciell, die traumbilder eines fieberkranken (fieberphantasien Schiller 5, 2, 231): dasz die nacht erträglich gewesen und die phantasien nicht mehr so unruhig sind, obgleich die liebe gute frau noch immer im delirio ist. Schiller an Göthe 646 (5, 206), die einbildungen 654.
c) ein tonspiel aus dem stegreife, eine musikalische improvisation (Maria sprang ans klavier und spielte eine phantasie. Siegwart 2, 284), woraus eine classe von tonstücken hervorgegangen ist, die nach anlage und entwickelung sowie nach der freiheit der form als unmittelbare producte der musikalischen einbildungskraft sich darstellen, die phantasien von Mozart, Beethoven, Hummel u. a.: nach einigen angenehmen modulationen spielte sie eine meisterhafte phantasie von Mozart. Heinse Hildeg. (1857) 62; welcher klavierspieler hätte nicht geschwelgt im genusz seiner (Mozarts) phantasie in Cmoll? Hettner gesch. d. deutsch. lit. 3, 2, 490; und wie es ihn (Beethoven) drängt, den flüssigen tonstrom in das bett fester tonbilder zu leiten ... das offenbart sich vorzugsweise in der phantasie (op. 80). 500.
 
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phantasieblume, f.: phantasie-blumen sticken. J. Paul flegelj. 2, 46, vergl. 1, 148.
 
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phantasiegebild, n.: so lebte das phantasiegebild des teufels fast ein jahrtausend im deutschen volk. Freytag bilder (1867) 2, 2, 353;

ich stürmte sonst durch fluren und gefilde ...
jetzt (im alter) sind mir die nur phantasiegebilde.
W. v. Humboldt sonette 42.


 
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phantasiegestalt, f.:

ihr blütenduftgen phantasiegestalten (vorher traumgestalten),
die mich seit meiner kindheit zartem streben
begleiteten durchs reichbegabte leben.
Humboldt a. a. o. 53.


 
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phantasiekraft, f.: wirklich kann man sagen, dasz er (J. Paul) das übermasz seiner phantasiekräfte darin (im Titan) ausgetobt habe. Gervinus4 5, 230.

[Bd. 13, Sp. 1824]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) phantasieleben, n.: dort im 13. jahrh. suchten die Schlegel die eigentliche blüte deutscher dichtung; und weil das ritterthum selbst schon eine poesie in der wirklichkeit war, so sollte dies phantasieleben in liedern und gesängen wie ein neuer frühling des dichterischen geistes wieder aufgehen. Gervinus4 5, 538.
 
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phantasienspiel, n., vergl. phantasiespiel:

sagt mir gründe,
die nicht ein leeres phantasienspiel.
Werner M. Luther 1, 2.


 
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phantasientrug, m.:

wars eitel traum? wars phantasieentrug?
Maria sah mich an so mild, so freundlich.
H. Heine 16, 124.


 
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phantasiereich, adj.: sie ist ein liebes geschöpf, und warum sollt ich ihr die guten phantasiereichen stunden nicht danken, da ich doch alles vergasz, was mich trübte und kümmerte! Klinger theater 2, 153; phantasiereiche dichter, musiker u. s. w.
 
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phantasiereich, n.: wir haben in Deutschland den übergang von poesie zur politik, aus dem phantasiereich in das der wirklichkeit .. gemacht. Gervinus4 5, 389.
 
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phantasieren, verb. was fantasieren th. 3, 1319, aus mlat. fantasiari (Dief. 225a), dem spiel der phantasie sich hingeben, dadurch ein phantasiegebild erzeugen, sich etwas einbilden, im gegensatze zum klar bewuszten denken (phantasirn, dichten, trachten, mit manicherlei einbildung umbgehn .., item lappenweisze und leichtfertige possen treiben, es sei in worten oder werken. Roth dict. M 6a).
1) intransitiv:

mein sinn sich her und wider wugent,
auf was kurtzweil ich solt begeben
forthin .. mein junges leben ...
in solchem schweren phantasieren
ging ich hin für das thor spaciren.
H. Sachs 7, 202, 23;

ich hab genug nun phantasirt
und vom ganszkönig disputirt.
Spangenberg ganskönig A 8b;

dasz poeten phantasiren, ist es dann von nöthen?
Logau 3, zweite zugabe 151;

es (Lottens bild) stimmt weit mehr mit dem überein, was ihr (Kestner) mir von ihr schreibt als alles was ich imaginirt hatte; so ist es nichts mit uns die wir rathen, phantasiren und weissagen. d. j. Göthe 1, 335; noch lag er (der fieberkranke) da mit glutrothen antlitz und phantasirte. H. v. Kleist 3, 39 (Käthchen von Heilbr. 2, 9) H.;

in den armen seines jüngsten
phantasiert der sieche kaiser.
C. F. Meyer ged. (1883) 249;

kredenzt mir wein, auf dasz berauscht wie Hafis
ich phantasire wild von deiner schönheit.
Platen 2, 45.

gaukeln, spielen, kurzweil treiben (s. phantasie 1, c): im erzählen phantasiren sie mit einem stöcklein, gleich die, so aus der tasche spielen. pers. reisebeschr. 5, 6; daz (zur rede) er dann mit seinen fingern fantasiert. Polychor. Sueton. 36a;

da er mit dem bogen anfieng
zu schieszen und zu fantasieren.
Rollenhagen froschm. 2, 2, 11 (Bb 8a);

auf dem klavier u. s. w. phantasieren (s. phantasie 2, c).
2) transitiv: er (don Quixote) kämpfte sein ganzes leben durch mit fantasierten ungeheuern. Wieland 9, 251;

eins nur vergält mir noch den ruhm,
den ich mir fantasiret.
Bürger (1778) 258.

 

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