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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
krei bis kreideboden (Bd. 11, Sp. 2136 bis 2141)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) krei, m.
1) in hanenkrey, gallicantus. gemma Str. 1518 K 2c, hankray vocc. ex quo Dief. 256b, mhd. hanen krei Frauenlob lied. 11, 2, 15 s. 261 (die hs. O kreyg). noch bei E. M. Arndt: hahnenkrei des deutschen morgens. ged. 1860 s. 549; sie .. sah schon das dämmernde morgenlicht und hörte schon den lerchengesang und den hahnenkrei, die den tag verkündeten. ders., märchen (1842) 1, 22; und als der hahn seinen dritten krei gethan hatte. 1, 141. es heiszt noch nl. hanenkraai, wol auch nrh. krei; aber da kreien auch gut hd. ist für krähen (s. d. I, 2, c), ist auch noch hd. krei zu erwarten. vergl. das gleichbedeutende kräh.
2) schweiz. krai m. n. ist aber geschrei überhaupt, s. DWB krähen II, 3, a. nicht zu verwechseln mit dem folg.; doch s. auch dort 6.
 
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krei , f. mhd. krîe (voriges ist mhd. krei), schlachtruf, feldgeschrei, dann parole, losung, nach altfranz. crie fem. (jetzt nur cri m.); s. das gleichbed. kreide.
1) im eigentlichen sinne, schlachtruf, feldgeschrei, tessera krei Brack 1487, Dasyp. (Dief. 581a): und was die kry des heres, die dem bapst bystunden 'hie Welph', aber des heres Fridrichs kry was in dem stryten 'hie Gibling'. Scherz 837, s. mehr mhd. wb. 1, 879b, vgl. auch kreiieren.
2) die losung, woran die leute der partei sich erkennen; so z. b. in einem östr. liede gegen die Schweizer v. j 1444 (doch in schweiz. mundartlicher fassung):

und wer von frommkeit sige,
der gang mit freuden dran,
'hie Oesterrich' ist dkrye,
das ruffend frow und mann.
Wolffs hist. volksl. 486,

in dem drucke bei Ettmüller eidgenöss. schlachtlieder s. 80 ff. die krige (wie sîge = sîe sei), bei Liliencron 1, 387a die krije; der 'schlachtruf' ist aber da schon, wie losung heutzutage, zugleich das zeichen der partei, das 'schibboleth'. Frisius 1306a, Maaler 254d erklären: die kry, wortzeichen (waarzeichen Maaler) im krieg oder einer wacht, ein heimlich wortzeichen; das creuz war ihr krey in diesem zug wider die saracenen, lieszen sich auch damit bezeichnen. Wurstisen ad a. 1096 (Frisch 1, 542c). noch im Frisius von 1697, Denzler 1716 tessera, die krey, losung, loszzeichen, kriegswort. s. auch kreischusz signalschusz.
3) vielfach bildlich, z. b.:

singent got der eren krey. Hätzl. 258a, vgl.
Wolkenst. 367,

secht, lieben herren, was das sy,
wie gfalt üch allen dise kry? trag. Joh. h 3.


4) selbst das helmzeichen, als erkennungszeichen im kampfe, in zwei voc. des 15. jh. 'crista, zeychen, crey' Dief. 158c; s. ebenso kreide 4.
5) daher auch für die partei selbst, die schar die zusammenhält, zusammengehört (vgl. fähnlein, signum in gleicher übertragung). das ergibt sich aus folg., wo es bildlich zur bezeichnung der stände angewandt wird, schon i. j. 1422:

merkent hie der dryer kry,
wer dienstbar sy, (wer?) edel, fry.
C. Öttinger bei
Laszberg, lied v. gr. Fritz v. Zolre s. 13, 43;

dar zuo die paterarchen dry
und aller priester wirde und kry
sind komen all von siner frucht. s. 14, 58;

ich halt aller kunste krey.
Vintler b.
Haupt 9, 112,

wol 'gehöre zu allen künsten' wie mitglied einer zunft, so der narren krei ders., er brauchts auch für ordnung, reihe, s. Schöpfs anführungen im tirol. idiot. s. 343.
6) aber auch für schrei überhaupt:

darumb ich schrey
mit lauter krey
'es chomt mir gar uneben!' Hätzl. 46a,

kund war in des jamers krey (: schrey). 1b;

[Bd. 11, Sp. 2137]



ein ander musz dich wecken
und jagen frei
mit hundes krei,
da du nit magst entrinnen. jägerlied (liebeslied) bei
Arnt von Aich, 77 lieder (1519) nr. 44.

Das scheint doch eine vermischung des franz. wortes mit dem vorigen heimischen krei m.; noch Stalder 2, 126 gibt neben krai auch kry, wie jenes als m. n., für schrei überhaupt, und schon mhd. findet sich krîe masc., im urspr. höfischen sinne:

diu ros man hôrte grâʒen (im kampfgewirre)
und mangen vremeden krîe
dâ ruofen die storîe.
Konrad troj. kr. s. 368a Keller,

nach zwei hss. (andere haben fem.), auch s. 402b, 722 daselbst hat eine hs. vrömeden krîe (mitth. v. Kellers). Selbst mit dem vocal des vorigen krei (genauer krai):

sie wolden ie sin bi dem riche
und heten auch ein nüwe krei,
'Biberstein' was ir geschrei.
Liliencron hist. volksl. 1, 177b,

fränkisch um 1400; so craye schlachtruf in Wolfr. Wh. 42, 3 in K.
 
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krei, f. kranich: grus, ein kranch, ein krei. Dasyp. (auch im deutschen theile s. v. kranch), ein kry und kranch Frisius 614b, Maaler 254d, der fem. ansetzt, auch im lex. tril. Straszb. 1590 (Dief. 270b); vipiones, jung kryen oder krenich Frisius 1386a. in mhd. form: grus, krie vel kranch voc. opt. 37, 67 (ebenso zu l. in dem Baseler voc. altd. bl. 2, 199), bei Boner 11, 25 krîe, krîge f. (s. die var. bei Pfeiffer s. 193), also dem alem. gebiete eigenthümlich; nach Nemnich 1, 436 noch schweiz. krye. Auch ahd., aber mit ablaut, chreia grus Graff 4, 587, und so auch mhd. kreie in der var. kraye bei Boner a. a. o. Dazu auch ein verb (wie gruere zu grus): kryen, schryen wie ein kry. Frisius 614b, Maaler 254d. s. kranich I, 5.
 
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krei, f. hiesz auch der staar: 'krey, esternulus' im voc. th. 1482 r 3b, bestätigt durch 'esternulus kreia' Graff 4, 587, Mones anz. 4, 96, Germ. 9, 20 (hier freilich daneben 'sturnus sprâ'). wegen des lat. wortes vgl. sternulus, staro Dief. 552a, offenbar nach altd. 'starn' staar 558b. diesz wie das vorige deutet wieder auf ein uraltes krîan schreien.
 
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krei, f. schlacke der steinkohlen. Aachener mund. 127.
 
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kreichen, s. kriechen.
 
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kreide, f. schlachtruf, losung, wie das zweite krei; wie jenes aus altfr. crie, musz diesz stammen aus ital. grida, mundartl. noch crida (auch altspan.), s. Diez 182, 2. ausg. 1, 225; neuit. heiszt das feldgeschrei grido m. es scheint hd. neben krei erst im 15. jh. aufgekommen. aber merkwürdig erscheint nrh. schon im Karlm. 272, 34 dazu sogar ein starkes krîden, praet. pl. kreden (Bartsch 300).
1) feldgeschrei.
a) im genauen sinne, schlachtruf: und hielten sich die Porteninger gar ritterlichen, und schrien allwegen Lusinien, das war ihr kreid. buch d. liebe 269a (in gleichem sinne geschrei u. losung 266d); und war die kryd des heres die dem babst beistunden 'hie Welp', aber des hers Fridrichs kryd war in dem streiten 'hie Gibling', und ward die kryd Gibling genomen von einem weiler, darin die seugam Fridrichs war. Steinhöwels chron., vermehrt durch Köbel, Frkf. 1531 27a (vergl. die stelle aus Scherz unter dem 2. krei sp. 2136);

nun steet auf, schlagt drein mit freuden,
der gott im himel sei ewr kreiden.
Schmelzl Saul 29b.


b) losung, das losungswort, parole: kreiden und losung geben. Reutter 99; so under seinem kriegsvolk kreiden und losung gegeben. Fronsp. 1, 133b; die kreyd und merkzeichen. Stettler ann. helv. 83. so in den wbb.: kreyd, das losz, tessera, der die kreyden gibt, tesserarius. Frischlin nom. 469 (552b); kraid, losung, feldzeichen, symbolum. Golius on. 168, das ai scheint anlehnung an alem. kraien schreien (s. das zweite krei 6).
c) bildlich, wie krei 3 sp. 2136:

vor augen halt dein got,
dein losung und dein kreyden,
dein waffen (wappen) und dein gschmeide (s unter 4, b),
so hats mit dir kein not. lied von 1592, Stöbers Alsatia 1862 s. 100.


2) auch das zeichen zum angriffe (schon in den angaben der wbb. u. 1, b mit gemeint), das nach altdeutscher weise in anstimmung des schlachtrufs bestand: gab er erst die kreide, fiel sie an und übersiegets. Tacius Front. b. Fronsp. 3, 243a, nach signum dedit bei Frontin; hett die lärmenblaser ein groszes wesen erheben und (d)schlachtkreiden geben lassen. 3, 238b, Front. 1, 9, 2 clamorem tolli, signa canere.
3) verabredetes signal überhaupt, einerlei in welcher form: gaben die uf den hohen türnen waren, kryden, dasz die

[Bd. 11, Sp. 2138]


haiden mit aller macht da her zugen. Ehingen 22; so sol er etlich mal blasen und die trommeten mit dem fahnen etlich mal zu eim zeichen oder für ein kreiden umb den kopf schwingen. Fronsp. 1, 42b; blasen sie ein helles horn, auf welches ihre losung oder kreiden gericht ist, dardurch sie zusammen kommen und einander kennen. 3, 142a; sie haben denen in der statt (Pavia, die entsetzt werden soll) mit dreien schüssen aus groszen stücken die kreiden und das wortzeichen (s. u. krei 2 Maaler) geben, dasz sie jetzt wöllen angreifen. hist. der von Frundsberg z. j. 1525; im aufbruch haben si der statt zwaier schüsz ausz groszen stucken kreiden geben .... als die kaiserischen zu dem thiergarten seind einkomen, haben si der stat des (davon) kreiden geben, das si in dem thiergarten .. zusamm komen. flieg. bl., bericht von der Pavier schlacht, L. Bechsteins d. mus. 1, 121, Frundsberg in seinem eignen bericht das. 126. 127 nennt es nur warzeichen. vgl. kreidenfeuer.
4) abzeichen an der kleidung, erkennungszeichen der zusammengehörenden, zuerst im kriege, dann überhaupt.
a) im kriege: der bundschuch ist die kreiden und geschrei gewesen (der aufrühr. bauern). Aventin chr. 1566 336b, 1580 289a, der zusammenhang (s. 2, 523) zeigt dasz es neben der bed. 1 zugleich so gemeint ist, 'geschrei' begleitete das entsprechende fremdwort in seiner entwickelung (s. z. b. 4, 207 gegen unten).
b) im besonderen musz das helmzeichen so geheiszen haben, s. 5, a; auch das geschmeid unter 1, c meint dasselbe. s. weiter kreier.
c) erkennungszeichen auszer dem kriege: ein fürst hat etwann ein liberei, losz, kreid und zeichen. kriegb. des frid. 51. bildlich: an disen zweien stucken, kreiden, losz und hoffarben werde man erkennen, das sie seine (gottes) kinder seien. das. 31; welches der gottlosen kreid und gewiss zeichen. 33. nicht auch für die partei selbst, wie krei 5?
5) übertragen auf thiere.
a) der kamm auf einem schlangenkopfe: die schlang hat ein kreid oder cron auf irem kopf. Heuslin Gesners vogelb. 1557 77a (bei Horst nur eine kron). das erklärt sich, wie das folg., nur aus einer bed. helmzeichen, helmzimier. so galt umgekehrt kamm, helmkamm auch vom helmzeichen (s. sp. 103) und lat. crista von beiden, wie vom hahnenkamm.
b) der hahnenkamm: der han sol haben ein hohe blutfarbe kreide oder kamb. Heuslin a. a. o. 79a; welche krumme schnäbel haben .. rote kryden oder kämm .. dise seind die besten hanen. Herr feldbau 127a. das wort lebt noch im Rheinlande: kreide f., in Caub der kamm der hühner Kehrein nachtr. 31; in Luxemburg kreit f., plur. kreiten, hahnenkamm Gangler 253 (ebend. der schlüssel oder stempel am faszhahne). auch 'crait der vogel' im Teuth. 59b wird crista sein.
c) luxemb. heiszt selbst die pflanze hahnenkamm hoinekreit Gangler 208, und so erklärt sich wol 'crista, kreidt, herba' Dief. 158c aus dem kräuterbuche von Rösslin Frkf. 1533.
6) verabredetes erkennungs- oder parteizeichen überhaupt, symbolum: das erhort ein junger krab, eilet heimelich zum burgermeister, offnet im alle sach, auch der feinden heimliche kryd und wortzeichen. Stumpf Schweizerchron. 158; darzu haben wir ein grosze und lange reise zu thun .. deshalben wöllen wir ein heimliche kreid mit einander machen und anschlagen, dasz wir einander auch zu abwesen und wann wir von einander getheilt (würden) und (von ein.) kommen solten, dasz doch eins möchte erfahren wo das ander hin kommen were. buch d. liebe 199b, wie es scheint zugleich für die verabredung selbst. vgl. DWB kreidenring.
7) mehrfach bildlich und in redensarten, s. schon unter 1, c.
a) gleich losung, erkennungszeichen, motto: ir (der leitenden personen) kreiden und reim ist 'nur vil in mich, wenig in meinen gesellen'. Avent. chron. 3a; neid ist des teufels kreid. S. Frank spr. 1, 28a; leid und meid der christen kreid. ders. sprichw.; das ein gwiss glück und kreid ist des evang. und der wahrheit. Matth. X. ders. chron. 1531 336a; leid und meid, das ist die kreid. Simrock spr. 6310.
b) auch wie unser 'symbol' oder 'typus': den esel halten die rabinschen doctores für ain losz und kreid der groszmütigkait und hohen sterk. S. Frank ... 2, 82.
c) die kreide merken u. ä., etwas verstecktes, eine geheime absicht anderer, nach 6 oder auch nach 1: der herr was beschib und merkte die kreid wol, was sie meint (einen liebeswink). Keisersb. post. 2, 41, s. 1, 1550; die kreiden verstehen Katziporus g 6;

[Bd. 11, Sp. 2139]


der (andere weg) ist sehr lustig, nit unstät,
ir vil han in gebant mit freuden.
vermerket ir nun hie die kreyden?
Heros ird. pilger 1562 21b,

im munde des Cupido, der vom tugendpfade abrät, auf dem Hercules umgekommen sei; da das die andern wurden inn und merkten ihre kreide, verdrosz es sie. Ringwald ev. Bb 7b; als aber der junge geselle die kreiden merkete und das er einem andern zum besten den klöpper auf der streu halten solte, schlug er solchen heurat ganz ab. Schütz Preuszen 114;

sie merkte bald die kreyd' und nahm ihn zu sich ein.
Schwieger geharn. Venus 237;

ich vermerkte bald die kreide. 261;

wie dasz doch die Pierinnen
nicht wo Mars ist, bleiben künnen? ...
darum dasz er nicht kan leiden,
wann jemand kennt seine kreiden.
Logau 1, 4, 44;

ich kenne deine kreide schon!
D. Stoppe ged., 2. samml. s. 27.


d) einem seine kreide zeigen, seine wahre natur blicken lassen, 'farbe bekennen':

das wolten nicht die andern leiden
und zeigten in auch ire kreiden,
wie das sie gar tyrannisch weren.
Fischart S. Domin. F 2a.


e) zuweilen scheint unsicher, ob nicht das folg. kreide gemeint sei, z. b.: ewer gebet ist erhört, Witzel ist bekert, wie gefellt euch die kreid? Alberus wider Witzel K 7a. auch bei Stoppe, Logau, Schwieger vorhin liegt kreide creta nicht fern, zumal die eigentliche bed. des wortes in ihren landen vergessen oder von jeher fremd war, obwol Stieler sie noch mit anführt, aber nur beiläufig unter dem folg.
 
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kreide, f. creta.
I. Herkunft und formen.
a) es ist eig. erde aus Creta (Κρήτη), aber aus dem lat. überkommen (die Griechen nannten sie anders) und eigner weise doch bei uns mit neugriech. aussprache, wie altn. auch die insel Krît hiesz (Egilsson 478a), mhd. Krîde MSH. 2, 95a; ebenso ahd. crîda, mhd. crîde creta, während es doch it. creta heiszt, sp. port. greda, frz. craie (aus croie).
b) im nd. gebiete noch mit dem urspr. t, mnd. crîte, krîte, nrh. kryt Dief. 157b, wie noch jetzt nd., und nl. krijt n.; woher also das hd. d? das nd. t wäre begreiflich durch unmittelbare handelsverbindung mit dem morgenlande. auch altn. krît, schw. krita (dän. krid, kride). eigen älter nrh. im Teuth. 59b crete, des (also n.) die schryver bruyken, creta, neben crijt, knijt 60a.
c) aus dem hd. böhm. křída, wend. kryda, krain. krajda, aus dem lat. oder ital. poln. illyr. kreta, ungr. kréta, wlach. krete, aus dem nord. oder nd. esthn. kriit, lett. krîte, krîts, lapp. klit, finn. klîtu (wie schwed. auch klita Rietz 329b), aus dem hd. litt. kreida, immer den handels- und culturverbindungen entsprechend.
d) nach dem nd. auch in norddeutschem hochdeutsch zuweilen kreite, s. Möser u. II, 1, d, Schoch u. 2, c, Lichtenberg u. kreidestrich, kreidisch.
e) schwache form noch im 17. jh.: wenn der ball des degens mit kreiden bestrichen ist. Butschky Patm. 204.
f) eigen mrh. kneid f. Kehrein 233, nrh. in Neusz knüt m., in Köln knick, s. knijt schon im Teuth. u. b zuletzt.
II. Gebrauch und bedeutung.
1,
a) weisz wie kreide (vgl. kreideweisz):

ir ermlîn wîʒer dan ein krîde. altd. bll. 2, 392;

noch weiszer dann ain kreyd
ist ir leib, ir schaitel schmal. Hätzl. 220b;

der alabasterhals wie nie berührte kreide.
Hoffmanswaldaus u. and. ged. 2, 63.


b) 'eine kreide' ist ein stück kreide: sult ein kollen nemen oder krydt und ein gemirk auf die thüre des hofs machen. weisth. 2, 614, von der Eifel; dasz er (der wirt) selber einer von diesen raubvögeln wäre und alle abend, wenn er etwas von guter beute in seinem hause hätte, mit einer kreide an seine hofthür ein groszes merkmahl schriebe (für die spieszgesellen). Happel kriegsroman Stockh. 1681 1, 109.
c) kreide unter umständen auch für das mit kreide geschriebene: in dem städtchen Walluf tiefer friede, nur die einquartierungskreide an den hausthüren noch nicht ausgelöscht. Göthe 43, 249, v. j. 1814;

mein kreuz und leiden
schreib ich mit der kreiden,
und wer kein kreuz und leiden hat,
der wüsch mir diese kreiden ab. inschrift bei
Sutermeister schweiz. haussprüche s. 52,

[Bd. 11, Sp. 2140]


ähnlich aus Schwaben bei Mörike das Stuttgarter Hutzelmännlein (1853) 120, vgl. 165.
d) aber auch bunte kreide: rod crite, creta rubea, rötelstein Dief. 157b 15. jahrh.; schwarze kreide, pnigitis Schönsleder; rothe, gelbe und schwarze kreite (nach dem nd.). Möser osn. gesch. 1, 99; gelbe kreide angeschafft, die collets gesäubert und gefärbt. Göthe 30, 183. ferner venetianische oder spanische kreide (speckstein), vgl. bleikreide.
e) auch für bleiweisz, schminke Stieler, s. bekreiden.
2) von der schreibekreide mehrere redensarten.
a) von der kreide, mit der man eine schuld aufschreibt:

der dennocht nieman zalen wil,
er richts als ausz mit kreiden (sing.).
Ludw. Hetzer der 37. psalm Davids str. 12.

besonders von der kreide des wirtes:

wo ist der wirt wol in dem haus?
nun heiszt in einher gan,
er nem die kreiden in die hand
und schreib die orten (ürte, zeche) an. lied des 15. jh.,
Wolfs zeitschr. f. myth. 1, 467;

der wirt der ist bezahlt,
und keine kreide malt
den namen an die kammerthür
und hintendran die schuldgebühr.
Hebel 2, 140;

herr wirt, leihet mir jetzt eure kreide, aber nicht die doppelte — die wand könnt ihr wieder abwischen. 3, 475.
b) diese doppelte kreide ist ein alter scherz:

nit schrîb mit zwifalt kriden,
sag mir die warheit ganz!
Altswert 248, 4,

also schon damals bildlich angewandt;

der wirte war ein gschwinder man,
die kreid in seine hand bald nam.
dieselb, wie es dann pflegt zu gen,
für einen strich recht kreidet zwen.
er macht ein X wol für ein V,
damit kam er der rechnung zu. Germ. 13, 270, vgl.
Scheibles schaltj. 4, 265;

und hüt dich wol mit allem fleisz,
dasz nicht zu thewer sei die speis,
dasz auch dein kreid nicht hab zween spitz.
Birk ehespiegel 171;

nun die verstehen die kreide recht zu schneiden (d. i. mehrspitzig), bei mir zu lande macht die kreide oft bei manchem wirt nur zwei strich, und díe macht gar sechs. weim. jahrb. 5, 317 anm.;

der wirt der ist fürwar der best,
er nimpt die kreiden, tröst die gäst,
wenn er ein kanten wein tregt her,
so setzt er zwo, ist on gefehr. Ambr. lb. 130, 37;

brauchen sie allerlei finanz, als mit doppelter kreiden und übernemen. Kirchhof wendunm. 186a; Hildegard wird dir mit keiner doppelten kreide anschreiben. Arnim kron. 1, 21.
c) daher auf die kreide, auf rechnung, auf borg: es soll auch keiner dem andern auf das spil etwas auflenen (leihen) noch weiters dann er bar geld hat mit dem spilen. wo aber einer dem andern wenig oder vil auf die kreiden oder borg abgewonnen, soll ihme der ander weiter, weder (als) sein monatsolt lauft, nicht schuldig sein. landsknechtordnung Mones anz. 8, 170;

in sonderheit die huren meid,
sonst must du kaufen auf die kreid.
Birk ehespiegel 168;

wo käme aber das geld her? 'auf kreite hat der herr weinschenke wein genug'. Schoch stud. leben E 3a; auf die alte kreide zehren Frisch, immer auf éine schuld los; bis eine rechnung von 5 fl. 16 xr. auf der kreide stand. Hebel 3, 10, hier wie rechnung selber.
d) der schuldner ist in oder an der kreide: mit Göschen bin ich zwar etwas stark in der kreide. Schiller an Körner 2, 259, öfter wol bei einem an der kreide sein; bei einem in die kreide gerathen Adelung;

so tief bin ich in deiner kreide,
mit der du doppelt anschreibst.
Kruse die gräfin (1868) 52.

dem entspricht denn: um von der kreide bei ihnen zu kommen. Hippel br. 14, 51, aus der schuld.
e) auch controle wird damit bezeichnet, in dieser weise: der das weitläuftige inventarium unter seiner kreide und aufsicht hat. Thümmel 5, 191.
f) das alles auch bildlich, z. b.: ihr (der neue lehrer) kommet um gut acht tage zu spät. den meisten (bauern) ist das eigentlich einerlei, und sie sind nur froh, dasz ihr schon was auf der kreide habt. Auerbach neues leben (1862) 1, 127, wie werch am rocken, etwas das sie euch zum vorwurf machen

[Bd. 11, Sp. 2141]


können; man werde ihnen (den Engländern, in Frankreich) die schlacht von Waterloo mit dicker kreide anschreiben. Börne 4, 170.
g) ähnlich bildlich von zeichenkreide: ob sichs schikt, die mängel des predigerstands mit so starker kreide zu zeichnen? Hermes Soph. reise 2, 430.
3) noch andere redensarten, zum theil dunkel.
a) eine kaufmännische redensart: einen .. kaufmann, der .. wisse, was in der welt kauf und lauf sei, wie man pfeffer umb kreiden verwechseln (d. i. austauschen) solle. Schuppius 29, wol von tauschhandel nordd. seestädte, die kreide nach dem süden führten; vgl. auch korn um salz sp. 1817.
b) kreide streichen schmeicheln, s. DWB kreidenstreicher.
c) von üblen liebesanschlägen:

er hat es wol dreien (mädchen) getan,
wirft überall sein kreiden an. fastn. sp. 222, 12;

do nun sein (des verführers) kreiden nit wolt haften,
do wart bosheit sein herz durchsaften. 1144;

der warf auch gen ir kreiden an (warb um ihre gunst).
Val. Holls hs. 117b.

man hört unterm pöbel sie geht an die kreide, wie 'geht dran', nimmt männer an.
d) über die kreide treten, 'ausschreiten', von der mensur entlehnt? so im folg.: (die romanisten bedienen sich in der kirche der lat. sprache) dasz, so sie etwa über die kreiden treten, der gemeine man es nit merken oder wissen solte. Kirchhof wendunm. 444b.
e) 'man weisz, wie deine kreide schreibt', d. h. wie du es meinst, was du im schilde führst u. ä.; in einer gesellschaft des 17. jh. hat Fillidor ein zweideutiges rätsel aufgegeben, darauf Lisette: er ist ein liebes herzgen! man wird irgend (wol) nicht merken, wie seine kreide schreibt! Fill. meine kreide schreibt weisz (ich meine es arglos), schreibt ihre schwarz, so weise sie auf, was sie mit beschrieben hat. Weise überfl. ged. 1701 s. 375; da wir aus den portugiesischen gesprächen und heimlichen ohrenpflispern mehr als zu viel geschlossen, wie ihre kreite schriebe. Felsenb. 4, 269; ich hätte es ihm in voraus sagen wollen! ich weisz schon wie meines mannes kreide schreibt! Michaelis 1791 4, 77, wie ers macht, kenne seine art und launen, so auch Steinb. 1, 934, ich weisz schon was seine kreide schreibt Rädlein. die ersten beispiele erinnern an das vor. kreide 6, das aus misverständnis so umgedeutet scheint. man sagt noch sächs., thür., nordfränk. wir wollen, werden ja sehen wie die kreide schreibt, wie das ding gehn, obs glücken wird.
 
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kreideberg, m.
 
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kreideblasz, wie kreideweisz Heine reiseb. 3, 120.
 
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kreideboden, m. kreidiger boden. Göthe 30, 107.

 

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