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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ihm bis ihrer (Bd. 10, Sp. 2047 bis 2055)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ihm , dat. sing. masc. und neutr., zu er und es.
1) goth. imma (gebildet vom eigentlichen demonstrativstamme i mittels des als pronominales dativsuffix mehrfach fungierenden -mma aus sma, sanskr. smâi, vgl. Leo Meyer goth. spr. s. 272), alts. imu, ahd. imu, imo, ime, mhd. ime, im; die andern deutschen dialecte bilden die entsprechende form von einem andern stamme. das nhd. behält die form ime, ihme, vereinzelt bis ins 17. jahrh.: aus dem glauben in ime. Luther 6, 328a; Christus gehet in das haus desz starken und nimpt ime seine waffen. Reiszner Jerus. 2, 56b;

wer andren lebt, lebt recht: wer ihme lebt, lebt gut,
weil jener andren wol; ihm übel der nicht thut.
Logau 1, 33, 15.

bei Fischart auch die form imo: gott .. der uns in form und weisz, als es ihn gut bedunkt, schafft, wie ein hafner seine geschirr imo. Garg. 247b; eine form, die mit der ahd. nichts zu thun hat, sondern wie die gleich auslautenden dero, ihro erst im 16. jahrh. neu ersteht.
2) substantive verwendung der casusform:

Daja. ihre ganze seele war
die zeit her nur bei euch — und ihm. Nath. bei ihm?
bei welchem ihm?
Lessing 2, 194.


3) neben den fällen, wo ihm in gewöhnlicher weise als dativ sing. des persönlichen geschlechtigen pronomens masc. und neutr. steht, und die hier weiter nicht zu belegen sind, dient es als reflexivum, wie ahd. und mhd. im ahd., wo es einen dem goth. sis entsprechenden dativ des reflexivpronomens nicht mehr gibt, vertritt der dat. imu überhaupt mit den dativ des reflexivums, so dasz nur der zusammenhang lehrt, welcher gemeint sei, eben so im mhd., nur dasz schon hier in den anfängen die erst nhd. einreiszende gewohnheit aufkommt, den accusativ des reflexivums sich für den dativ mit zu verwenden und demnach den dativ des persönlichen geschlechtigen pronomens von diesem gebrauche auszuschlieszen (vgl. gramm. 4, 324 fg. 327 fg., mhd. wb. 2, 2, 291b fg. und oben theil 3, 683). nhd. dauern die nachklänge der ahd. und mhd. weise anfangs häufiger, später seltener bis in den anfang dieses jahrh., ihm steht für unser heutiges datives sich; es genügt eine auswahl aus den vorhandenen überreichen belegen. ein herr het mancherlei lüt under im. Keisersberg bilg. 8b; wer verstendig ist, der leszt im raten. spr. Sal. 1, 5; unser keiner las

[Bd. 10, Sp. 2048]


im feilen mit brangen, das man allenthalben spüren müge, wo wir frölich gewesen sind. weish. Sal. 2, 9; andern hat er geholfen, und kan im selber nicht helfen. Matth. 27, 42; also das einer bei iiij quatrin eins tags haben msz, der ihm gng wasser will trinken. Frank weltb. 185b; nach solchem wurde er beides, durch seinen beichtvatter und sein eigen gewissen angesport und getrieben, dasz er mich mit ihme im bette copulieren liesze. Simpl. 3, 24 Kurz; aber wie ist dem miszgünstigen zu helfen? der ihm selber eine marter ist. pers. rosenth. 1, 7; so musz der schadenfroh ihm selbst sein henker sein. 1, 45; man kan ihm leicht einbilden, wie dem guten Ruben zu muthe gewesen. Zesen Assenat 76; dahero musz man ihm die freiheit, in der natur selbsten zu studiren, stets vorbehalten. Sandrart teutsche acad. 2, 3, 17b; solchen antrag läszt ihm Taubmannus gefallen. Brandt bericht vom leben Taubmanns s. 39; sobald er ein büchlein ans licht giebt, musz er es ihm auch gefallen lassen, dasz man es lieset. Liscov 257; er musz glauben, dasz der bär ihm habe das fell über die ohren ziehen lassen. 697; im wechsel mit sich, wo solches zweimal gesetzt übel klänge (vgl. die theil 3, 683 mitgetheilte stelle aus Lessing 2, 259): als der patient so mit ihm reden hörte, liesz er sich sogleich den andern morgen die stiefel salben. Hebel 2, 141 (rheinl. hausfreund von 1809);

da erwelt im der fuchse schier
ein gesellschaft von vogel, thier ..
H. Sachs 1, 482d;

und keiner lässet ihm, was recht und billich wol gefallen.
Weckherlin 48;

der machte seine wehr und schild ihm wol zu nutze.
D. v. d. Werder Ariost 11, 17, 1;

Coecutus ging zum brillenmacher, um eine brill ihm zu erkaufen.
Brockes 8, 460.

vgl. auch ihr, ihnen.
4) ihm, als dat. sing. des neutr. es, steht mit den verben sein und thun, zurückdeutend, auf eine schon früher erwähnte sache im allgemeinen sich beziehend (vgl. einen eben solchen gebrauch von dem theil 2, 966) und zusammenhang mit ihr betonend: aber ihm ist wie gesagt. Fischart bienk. 72a; der liebe dienstbar sein, .. heiszet die liebe zum herren haben: dann welcher dienet, musz einen herren haben dem er dienet. ist ihm nicht also? Opitz 2, 250; dasz alles was schön ist, aus ursache der schönheit, schöne sein müsse. dieses ist nun, was ich mir kühnlich zu behaupten getraue. ist ihm nun nicht also? Hoffmannswaldau sterb. Socr. 102;

ja, ich waysz wol, wie ym ist. ring 42d, 43;

im sei nu gleich wol wi im sei,
so helf uns got und steh uns bei,
dasz wir di rechte warheit erkennen.
Schade sat. 2, 195;

was msz ich aber thn sprichstu, dʒ ich des kropfs ab komme und der alten federn, und dʒ ich gar nüw werde? ... ich wil dich leren, wye du im thst, das du dich muszest und des kropfs ouch abkumpst und ganz ein nüwer fogel wurst. Keisersberg bilg. 10a; es war aber der ein seer reich worden, .. der ander hat gar nichts, deszhalb der reich sein spottet und sprach: wie hast du im doch gethon, dasz du so gar nichts hast überkommen? Wickram rollw. 28, 7 Kurz;

nu mag ichs lenger nit vertragen,
ich musz ie sehen, wie ich im thu. fastn. sp. 40, 13;

ratt (rathet), lieben herren, wie ich im doch thue. 48, 26.


 
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ihn, acc. sing. zum pronomen er, vgl. theil 3, 682 fg., goth. ina, alts. ina und einmal inan (in welcher form vom demonstrativstamme i das accusativsuffix doppelt steht), ahd. inan (gekürzt nan), in und im falle der anlehnung auch ene und en (Merseburger zauberspr.), mhd. inen und gewöhnlich in; nhd. dauert neben dem gedehnten ihn, wofür im 16. jahrhundert noch in oder jn geschrieben, die vollste form ihnen fort, zum theil wechselnd mit dem häufiger in den ältern quellen erscheinenden ihne; die unter er gegebenen beispiele lieszen sich sehr vermehren: treffe es unsir ein an (einen von vier amtleuten, dasz er verklagt werde), so sollen die andern dry uber inen sprechen. treffe es unsir zwene an, so sollent die andern zwene uber ine sprechen. weisth. 1, 532 (Mainz, 15. jahrh.); wie Gurgelstrotza den Bittergrollinger könig Picrochol .. angriff, und ihnen nach erlegung seins volks ausz dem land pfiff. Garg. 264b (ihne begegnet daselbst häufiger, z. b. auch 159b. 241b); bemerkenswert ist ein heutiges ihnen eum, das mit nachdruck für ihn steht und nur der volkssprache angehört: auf die annonce meines mannes bemerke ich, dasz derselbe keine frau ernähren kann und nicht einmal credit hat, trotz seinem gehalt als bahnwärter,

[Bd. 10, Sp. 2049]


da ich ihnen ernähren musz von meinem wenigen taglohn. Hallisches tageblatt 1866 s. 1524. — Über die nhd. kürzung en, n im falle der anlehnung vgl. theil 3, 685; so hab ichn mir immer von klein auf vorgestellt. Claudius 1 u. 2, xii.
 
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ihnen , dat. plur. des persönlichen geschlechtigen pronomens aller drei geschlechter, vgl. DWB sie. goth. im (vom demonstrativstamme i mittels des gewöhnlichen suffixes des dat. plur. gebildet), alts. im, ahd. im, in und mit erweiterung durch doppelt gesetztes suffix inen (Weinhold alem. gramm. s. 457), mhd. in und inen.
1) die ursprüngliche kürzere form dauert, anfangs als in, dann auch in der dehnung ihn, auch im nhd. noch lange fort: die wilden felthabich die haben an yn das sie sich uff thn gegen den warmen osterwint. Keisersberg bilg. 11a (sonst öfter bei diesem schriftsteller inen, ynen); glöcklein und schellen, die ein fast grosz gethön von in geben. Frank weltb. 199a; ihn für ihnen noch bei A. Gryphius 1663 s. 682; namentlich bei dichtern des 16. jahrh. die gewöhnliche form, während in prosawerken die gedehnte vorwiegt:

vom himel kam der engel schar,
erschein den hirten offenbar,
sie sagten jn, ein kindlein zart,
das ligt dort in der krippen hart.
Luther 8, 358b;

kom heiliger geist, herre gott,
erfüll mit deiner gnaden gut
deiner gleubgen herz, mut und sinn,
dein brünstig lieb entzünd in jn. 360b;

mein gute werk die golten nicht,
es war mit in verdorben. 366a;

den (denen) wer das narrenbat gesunt
und scherfet in ir sin.
H. Sachs 1, 100, 52 Gödeke;

die fliegen sie hart bissen und stachen, ..
machten in allenthalben bang,
das in beid zeit und weil wardt lang.
B. Waldis Esop 4, 57, 7;

solch böser lohn ward in gegeben.
E. Alberus 17b;

bei Fischart im wechsel mit ihnen:

der jnen so weit gholfen hat,
der helf in weiter zu der statt. glückh. schiff 517;

je meh von jnen der schwais flos,
je meh muts jn die rais eingos. 617.

in anlehnung an diese kürzere form wird in der sprache noch des heutigen gemeinen lebens, mit einer verbalform verschmolzen, blosz en gehört: laszten (lasst ihnen) das vergnügen; er behandelt seine leute hart, gönnten (gönnt ihnen) kaum das liebe brot; und in unzählichen andern fällen.
2) zu der gewöhnlichen erweiterten form inen, ihnen sind nebenformen ine: ob ine künftigclich icht habe oder gute zustunde. Nürnb. pol.-ordn. 26; haben wir .. jne auf zway monat gancze beczalung gethan. urk. Max. no. 231 s. 310; inne. Maximilians geh. jagdbuch 24; innen: dasz man von innen sol das recht nemen, da sy gesessen syend. weisth. 1, 45 (Zürich, von 1543); das die uneliche kind elich liberben nach irem todt und abgang hinder innen verlieszent. 153 (Schwyz, 15. jahrh.). die form ihnen selbst ist in poetischen quellen des 15. jahrh. noch ganz selten:

vor inen farnder leuten vil
mit pfeifen und mit saytenspil
dönten sunderleichen wol. ring 48a, 9.


3) ihnen hat, wie die dative ihm und ihr (s. d.) auch reflexive function: diser beiderhant tuben, sollen die kröpf und die federen von in werfen. Keisersberg bilg. 10b; es haben doch wol grosze philosophi ihnen die augen auszgekratzt, damit sie on bücher und specula unverhinderter speculirn möchten. Garg. 242b; wann ein krieg einfiel, erwehleten sie den tapfersten unter ihnen. Micrälius alt. Pommern 2, 215; weil die Stargardischen .. in die vocation eine clausul hinein setzeten, darin sie die macht, ihre prediger zu enturlauben, ihnen anmaszeten. 4, 166; es nahmen etliche wandersleuthe ihnen eine reise vor. pers. rosenth. 2, 5; drumb wollen sie allezeit gerne hoch am brete sein, .. und bilden ihnen viel ein. 7, 20; sie fangen an, mit ihnen selbst nicht zufrieden zu sein. Liscov 414;

sie bilden jhnen selbs nichts für.
Weckherlin 3;

dasz die fürsten über menschen, und nach rechten, herrscher sein,
doch nicht ewig; möchten fürsten ihnen täglich bilden ein.
Logau 1, 40, 49.


 
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ihr , vos, der plur. des persönlichen ungeschlechtigen pronomens zweiter person. goth. jus; alts. gi, ge; niederd. ji; mnl. ghy, nnl. gij; ags. ge, engl. ye; fries. gi und i; altnord. er, schwed. dän. i; ahd. ier, ir, mhd. ir, in mitteld. quellen er. von den urverwandten formen entsprechen am genausten zend. yûs, altpreusz. ioûs, litt. jus, voller und alterthümlicher dem suffixe nach

[Bd. 10, Sp. 2050]


ist das vedische yusmê, dem wieder griech. ὔμμες, ὑμεῖς näher steht. der seinem ursprunge nach dunkle stamm ju-, welcher der pronominalform in den indogermanischen sprachen zu grunde liegt, zeigt sich nur im gothischen noch rein, in den andern dialecten zu gi- ge, i-, e-, in éiner ahd. quelle (Müllenhof sprachproben 2. aufl. s. 16b) zu ie- (nach Scherer gesch. d. deutschen sprache s. 250 vielmehr zu je-) zurückgegangen; der rest des ursprünglichen bildungssuffixes ist im goth. noch als -s, im nord. und hochdeutschen als -r erhalten, in den andern dialecten abgefallen. über die obliquen casus zu ihr, euer und euch vgl. th. 3, 1190 fg.
Verwendung von ihr.
1) nach untergang des duals in den deutschen sprachen (über den dual des pron. zweiter person vergl. theil 3, 1139 unter es) drückt ihr auch diesen numerus mit aus, oft steht das genauere ihr beide, ihr zwei, ahd. ir bêdu (Graff 3, 84): mhd.

ir zwei mit ein ander gêt. Parz. 549, 4;

nhd. o ihr zartfühlenden beide! Gerstenberg Ugol. 23; wollt ihr beide sie treiben helfen? Shakesp. Hamlet 3, 2;

ihr seid alle beide narren.
Lichtwer;

ihr ist vor beide unterdrückt:

beide wolltet gern, da lehrten euch vieles die väter.
Stolberg 11, 402.


2) ihr, in indicativen, conjunctiven, imperativen fügungen die verbalform der 2. plur., nach analogie des singularen du begleik tend, oder ohne jene in der anrede verwendet, wie die grammatilehrt, steht in nachdrücklicher rede doppelt:

ihr habt gut reden, ihr!
Lessing 2, 209;

und empfängt weitere bestimmung durch selbst, selber (vgl. ich selber, du selber, er selber): ir selbs, vos ipsi. Maaler 237b;

das sagt ihr mir so selbst?
Lessing 2, 215;

in andern fällen durch ein beigesetztes substantiv oder substantives adjectiv: mhd.

hungers nôt
habt ir gedolt, ir armen. Parz. 209, 6;

ir reinen wîp, ir werden man.
Walther 66, 21;

nhd. fliegt daher ihr stillen lieder!
Günther 274;

ihr guten herrn, ihr schönen frauen,
so wohlgeputzt und backenroth,
belieb es euch, mich anzuschauen.
Göthe 12, 50;

ihr heitersten umgebet ihn,
im gaukeltanz umschwebet ihn. 306;

ihr lutherischen fechtet
für eure bibel.
Schiller Wallensteins tod 1, 5;

lebt wohl, ihr berge, ihr geliebten triften,
ihr traulich stillen thäler, lebet wohl! jungfrau, prolog, 4. auftr.;

ihr matten, lebt wohl!
ihr sonnigen weiden! Tell 1, 1;

im wechsel mit dem bloszen substantiv, das anredet:

raset, ihr winde, flammt herab, ihr blitze,
ihr wolken berstet, gieszt herunter, ströme
des himmels, und ersäuft das land! 4, 1;

still, kinder, still! der könig hat euch lieb;
unschuldige, harmlose kleinen ihr,
in eurer einfalt könnt ihr nicht errathen,
wer eures vaters tod verschuldet hat. Shakesp. Richard III. 2, 2;

in der schelte: mich sendet die hohe obrigkeit, die über leben und tod spricht — ihr diebe — ihr mordbrenner — ihr schelmen — giftige otterbrut, die im finstern schleicht ... Schiller räuber 2, 3.
3) die blosze imperativform, die von keiner anrede begleitet ist, verschmäht das pronomen ihr, wenn sie strengen befehl ausdrücken will; geht! folgt mir! reizt mich nicht! solche fügungen stehen streng imperativ, geht ihr! folgt ihr mir nur! reizt ihr mich nur nicht! mehr adhortativ; in diesem sinne hört man häufig in gemeiner rede: kehrt ihr nur erst vor eurer thüre; laszt ihr mich nur machen, was ích will; lehrt ihr mich nur nicht die menschen kennen; begnügt ihr euch nur mit dem was ihr habt, u. s. w.
4) barsche rede verwendet nicht mehr als ein bloszes kurzes ihr! vor dem imperativ oder einer frage, um aufmerksamkeit zu fordern:

ihr! hohlt die sterbende, noch eh sie ganz vergeh!
A. Gryphius 1698 1, 167;

ihr, warum kränkt ihr doch mein abgeplagte seel? 325;

ihr mit ortsbestimmung:

doch ihr dort,schelmgezücht!
kroaten, hintern bänken!
laszt nach mit lärm und schwänken!
Bürger 21a;

ihr — ihr dort auszen in der welt,
die nasen eingespannt!
Schiller 1, 121 Kurz.

[Bd. 10, Sp. 2051]



5) ihr in verbindung mit einem relativsatze, in verschiedenen stellungen. das pronomen geht gewöhnlich voraus und wird nach dem relativum widerholt: ihr, die ihr die kranken pflegt und den armen helft. Felder sonderl. 2, 311;

ihr, die ihr uns, die wir verteuft in unglücks-wellen,
noch händ und armen reicht.
A. Gryphius 1698 1, 452;

oder die anrede geschieht ohne ihr und es steht nur nach dem relativpronomen:

o seelen, die ihr noch bei uns, nun alles fällt,
in wahrer treue steht! ebenda;

vergl. das noch weiter gehende mhd.:

alle di iʒ habet vernomen
beide man unde wîb,
denket an den êwigen lîb
unde an daʒ êwige leben;
dar nâh sult ir imer streben.
Lamprecht Alex. 7129;

in gewählterer rede geht der relativsatz voraus, der hauptsatz folgt: die ihr der gewissen böser und guter menschen richter sind, ir sind meine zeugen. buch d. liebe 216c;

die ihr uns sohn und heil itzt wieder sucht zu geben,
geht hin!
A. Gryphius 1698 1, 452.

das ihr des relativsatzes musz ergänzt werden: ihr, die in der letzten zeit der lieblosigkeit, der absonderung und berechnung euch nur noch an frommen klätschen erbauen musztet, ihr würdet da mehr finden ... Felder sonderl. 2, 311.
6) wie der plur. ihr für den sing. du aufkam und um sich griff, ist unter du theil 2 sp. 1475 fg. mit abgehandelt worden:

ists deutscher art gemäsz, mit worten so zu spielen?
wir heiszen éinen ihr, und reden wie mit vielen.
Logau 3, 252, 196 (überschrift ihrzen).

heute ist diesz ihr aus der umgangssprache verschwunden, soweit es nicht in resten landschaftlich dauert, wie in Oberhessen (Vilmar 183), in Sachsen, wo auf dem lande die eltern von den kindern häufig ihr genannt werden; allgemein und uneingeschränkt gilt es noch in den innern cantonen der Schweiz, wo unser sie nicht gekannt wird, und auch in dem offiziellen stile der schweizerischen behörden: die ehe wird dadurch abgeschlossen, dasz der zivilstandsbeamte die verlobten einzeln fragt: N. N. erklärt ihr hiermit, die N. N. zur ehefrau nehmen zu wollen? N. N. erklärt ihr hiermit, den N. N. zum ehemann nehmen zu wollen? bundesgesetz vom 24. december 1874, art. 39.
7) an diesen gebrauch von ihr knüpft an, wenn man von einer sache, um sie als vorzüglicher zu bezeichnen, sagte man musz sie ihr nennen; das ist ein pferd das ihr heiszt, ein kleid das ihr heiszt. Adelung. vgl. dazu den gebrauch von ihrzen unter du theil 2 sp. 1476.
8) von anlehnung anderer pronominalformen an ihr unter gleichzeitiger verkürzung derselben hat die sprache des gemeinen lebens häufig ihrm und ihrn für ihr ihm und ihr ihn: habt ihrm das gegeben?; habt ihrn schon besucht?; damals hattet ihrn noch nicht gesehen; die kürzung ihrs für ihr es ist auch der schriftsprache geläufig: dasz jrs (das kind) .. wöllen auferziehen. Wickram rollw. 16, 27 Kurz; sehet, mensch, da habt ihr euren herrn; mit dem möcht ihrs auszmachen. Simpl. 4, 49 Kurz; wenn ihrs zu machen wüsztet, dasz ich das werkzeug wär. Shakesp. Hamlet 4, 7.
 
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ihr, dat. sing. fem. des persönlichen geschlechtigen pronomens, goth. izai, alts. und ahd. iru, iro, ira, mhd. ir. eine erweiterung zu ihren, die sich im 16. jahrh. findet, s. unten an alphabetischer stelle. die casusform steht auch reflexiv (wie ihm no. 3, vergl. sp. 2047), bis ins vorige jahrh., wo sich die alleinige herrschaft gewinnt:

so wirt wol schîn,
daʒ si ir selber hât bereit
kumer. nôt und arebeit.
Boner edelst. 49, 43;

da Maria Magdalena z ym kam mit ihr bringende ein alabaster büchsz. Frank weltb. 173a; in dieser sachen, die an ir selbst warhaftig ist. Ayrer proc. 1, 6; (eine tochter) die als eine .. christin solche unthat ihres herren ihr nicht gefallen liesz. Micrälius alt. Pommern 2, 204; Beatrix liesze ihr die herstellung der ruhe angelegen sein. Hahn hist. (1721) 2, 138; die gelehrte welt würde an uns beiden viel verlieren; aber wer kann ihr helfen? sie würde es ihr selbst zu danken haben. Liscov 129; ausdrückungen dieser art haben einen höhern ursprung, als die ihr selbst gelassene vernunft des redners. 161;

die sehl, die (hassend dein gebot)
ihr einen falschen got
erkieset hie auf erden.
Weckherlin 52;

[Bd. 10, Sp. 2052]



es zog die schöne dam, aus diesen stuten allen,
ihr ein allein heraus, nach ihrem wohlgefallen.
D. v. d. Werder Ariost 11, 12, 6;

heist dieses denn wol stolz? sie bleibet unten an
und duldet über ihr so leichtlich jederman.
Logau 1, 33, 18.

ihr zu einem neutralen ländernamen, der aber personifiziert, als weib, gedacht wird:

in guter ordnung, wie die säw zum thore laufen ein,
klagt Deutschland, dasz die krieg in ihr biszher geführet sein. 2, 136, 89.

da für du gegen weibliche personen im 17. 18. jh. das singulare sie angewendet ward (theil 2, 1478 fg.), so steht ihr im sinne von dir; der mann redet die frau an: ich werde keinen hochmuth und eigensinn an ihr dulden, ich werde aber auch nichts dergleichen gegen sie blicken lassen. Reichey patriot, drittes jahr (1729) s. 180.
 
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ihr, gen. sing. und plur., s. DWB ihrer.
 
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ihr, pron. possessiv., auf ein feminines substantiv im singular, und auf substantive jedes geschlechts im plural sich beziehend, ejus, eorum.
1) die alte sprache drückt diesen begriff durch die genitive irâ (sg. fem.) und irô (plur.) des persönlichen geschlechtigen pronomens aus, die im mhd. beide in ir zusammenflieszen. in fränkischen quellen hat man zufrühest aus diesem ir ein possessiv gemacht, mit voller adjectivischer flexion, belege aus niederrheinischen gedichten des 12. jahrh. in der gramm. 4, 344:

dane was der wetthero (wächter) nechein
dî dâ behîlden iren sin. Friedberger christ Eb, 13 (
Müllenhoff u.
Scherer s. 77);

nidir wendint waʒʒer irin vluʒ. Annolied 46;

doch bedwang Cesar al iri craft. 292;

ir heilig verch und iriu bein.
Wolfram Willeh. 259, 9;

kurzen muot, langeʒ hâr
habent die meide sunderbâr
die zu irn tagen komen sint. Renner 322.

in alemannischen und bairischen quellen kommt es seit dem 12. jh. auf, verdrängt aber erst nach und nach den gebrauch des genitivischen ir (Weinhold alem. gramm. s. 459. bair. gramm. s. 374); mitteldeutsch als ire und ure: so (sie) nam er den schum von urem munde. chronik des st. Clarenklosters zu Weiszenfels in den neuen mittheil. des dür.-sächs. alterthumsvereins bd. 11 s. 393; su vorchte den zorn uris sonis. 394;

dâ vil manich heiden saʒ,
mit den sie iren kouf triben. livländ. reimchronik 213;

daʒ sie einen meister dar
kôren nâch irem willen gar. 7546.

altfriesisch vergleicht sich das possessiv hiri, hire, aus dem gleichlautenden genitiv herausgebildet (Richthofen 815b).
Im 15. jahrh. ist das possessiv allgemein geworden; mit unechtem diphthongen:

also daʒ die fremden geste
wurden inen des ze leste,
daʒ das scheiden was ze swär,
yerem leben gar zgevär. ring 40c, 38;

und der genitiv dauert nur noch in spuren fort: er (der papst) sei uber die heilige schrift, und die selbige müsse von seinem stuel bestettiget und jr werd empfahen. Luther bei Bindseil 7, 377 (variante jren werd); also schied die fraw vom doctor heimwertz z ir magt. Wickram rollw. 16, 28.
Das neutrum lautet ihres selbst in der stellung unmittelbar vor dem substantiv, in alemannischen quellen: dise wegen (wagen) und ires kirren (knarren) sind erschrockenlich dem feind. Keisersberg hell. löw 5a; ires geliebt kind. das grosze gebet 27; ires geliebtes kindli. 28; ires lieb kind. 92;

die (klosterfrauen) lad ich al hieher z ston,
darz mit aller geistlichkeit,
die von in werfen ires kleit.
Murner luth. narr 4083 Kurz.


2) die abwandlung des ihr ist, wie die der andern possessiva, zunächst nur die starke. die schwache hat statt, wenn ihr in verbindung mit dem artikel substantivisch steht, der ihre, die ihre, das ihre, wofür auch der ihrige u. s. w. gesagt wird: mit dem wîne, der ine off dem iren (ihrem eigenthume) wechst. Mone zeitschr. 4, 391; was sie dann kaufen und in iren hûsern drinken mit den iren (angehörigen). ebenda; sy schen alle das ire, nit das des herrn Jesu ist. Keisersberg pred. teutsch 122a; sie (die liebe) suchet nicht das jre. 1 Cor. 13, 5; sein schiff ist so hübsch eingelaufen, wie das ihre. Lessing 2, 382; was ihren höcker betrifft, so hoffe ich, der meinige darf sich

[Bd. 10, Sp. 2053]


noch immer neben dem ihren sehen lassen. Wieland 12, 280 (271); mhd. wurde in gleichem sinne der genitiv ir substantiv verwendet:

er sprach: ich lâʒe iu iuwer guot,
und iuwer swester habe daʒ ir. Iwein 7689.

das ihre heiszt auch das wozu eine person verpflichtet ist, ihre pflicht: man kann ihr nichts vorwerfen, sie hat redlich das ihre gethan; vergl. DWB das deine theil 2, 911; im falle der anrede (unten no. 7):

kardinal, ich habe
das meinige gethan. thun sie das ihre.
Schiller Carlos 5, 11.


3) die verbindung von ihr mit dem bestimmten artikel auszerhalb dieses falles (no. 2) ist selten, aber ein nachklang mhd. brauches, der zum genitiv ir, wie zu den possessiven mîn und dîn den artikel stellen konnte (gramm. 4, 418. 419):

des morgens in dem mayen,
eh die sonn thet ausstreyen
den jren liechten schein.
H. Sachs 1, 432b;

ich sag eur fraun preis, er und lob
der iren ganz miltreichen güt. 3, 260 Tittmann.


4) ebenso wenig wie der bestimmte geht dem ihr der unbestimmte artikel oder ein adjectivischer unbestimmter zahlbegriff voraus, wir können nicht sagen weitere ihre schritte sind nutzlos; manche ihre dienerinnen; andere ihre bestrebungen; doch bei Fischart: sie für dieben, räubern, spinnweppen, mucken, motten, schaben und anderen iren feinden bewaren. bienk. 183a.
5) einem auf ein folgendes substantiv bezogenen genitiv der eigenheit fügt sich ihr pleonastisch oder nachdrücklich zu, ein alter brauch, heute in der schriftsprache verpönt, aber in ihr bis ins vorige jahrh. oft begegnend, heute noch in der volkssprache lebend (vergl. gramm. 4, 351): ob ich jeder wissenschaft jhren glanz gleich lasse, so ist es doch die poeterey alleine, womit der andern jhre stirnen gleichsam bekleinodet werden. Logau 3, 2; Floramenen ihr brief lautete nicht weniger schmerzlich. polit. stockf. 281; sie haben so viele jahre seit meiner ältern tode für mich gesorgt, dasz ich jener ihren verlust wenig gefühlt habe. Gellert 3, 330; als der alten ihre kinder in marmor. Winkelmann 1, 83; von der art wie der Griechen ihr spondeion war. 121; von der Griechen ihrer art zu denken. 132; der alten ihre zimmer. 401; sonderlich wird die den Römern entgegengesetzte gemüthsart der Griechen offenbar, aus dieser ihren kriegen. 4, 11; es wurden auch der alten ihre ruhebetten mit purpur belegt. 5, 175; ein schriftsteller wird von seinen zeitgenossen und von dieser ihren enkeln nicht gelesen. Lessing 4, 6;

hernach faszt Simeon
der erden ihr bezirk und aller himmel thron
in seine kalte schoos.
Scultetus bei
Lessing 8, 279;

so zeucht der liebsten ihr magnet
den buhler, wo er geht und steht.
Tscherning (1642) 258;

doch schaw, dasz dich nicht wo der welt ihr brauch bethört.
Logau 1, 207, 56;

die grund- und grenzenlose tiefe
des firmaments, der ewigkeit ihr bild,
ist so mit glanz und licht erfüllt ...
Brockes 1, 114;

dasz der materie ihr wahres wesen
sei: dasz sie ausgedehnt. 3, 83;

du fühlest, was sie alle fühlen,
dein brand ist der natur ihr brand.
Haller (1768) 88;

so liegt Miltons gebein von Homers gebeine gesondert,
und der zypresse verweht
ihre klag an dem grabe des einen, und kommt nicht hinüber
nach des anderen gruft.
Klopstock 1, 20;

(fand) den weg, durch eine verborgene thür,
wohl in der prinzessinn ihr sommerlosier.
Bürger 34a.

in den fällen, wo zur verdeutlichung der construction heute jener genitiv schleppender durch ein der oder derjenige mit seinem substantiv vermittelt wird, hielt sich die fügung länger: der künstler, dessen modelle vor seiner mitbewerber ihren den gröszten beifall fanden. Winkelmann 1, 87, heute wäre nur vor denen oder denjenigen seiner mitbewerber möglich; anstatt dasz der Griechen ihre (nämlich beinrüstungen) das schienbein bedeckten. 3, 261; wenn dein herz nicht gröszer ist, als anderer ihrs. der junge Göthe 3, 418 (in den werken 10, 103 geändert in als andrer herzen);

ihr artet mehr nach eures vaters geist
als nach der mutter ihrem.
Schiller Wallensteins tod 3, 2.


Oberdeutsche und mitteldeutsche mundarten setzen den vorausgehenden genitiv in den dativ um (gramm. 4, 351); in Düringen hört man mehr den andern ihre kleider als der andern ihre kleider.

[Bd. 10, Sp. 2054]



6) das plurale ihr ist auf einen vorausgehenden collectivbegriff im singular bezogen: ich will diesem volke licht und recht aufdecken, sie der götter sanfte leitung kennen lehren, will die quelle ihres geistes eröffnen. Klinger 2, 260; das verblendete volk liesz sich von ihren betrügern so betäuben, dasz sie ihren arzt als einen vergifter ansahen. 3, 223; kurz dieses edle brüderpaar hat sich so ziemlich, ohne weiter ihr recht zu beweisen, zu herren und herrschern der .. welt gemacht. 11, 4. kühner ist, wenn das plurale possessiv auf ein aus jenem collectivbegriff geflossenes adjectiv folgt: so waren wir denn an der gränze von Frankreich alles französischen wesens auf einmal baar und ledig. ihre (nun verstanden: der Franzosen) lebensweise fanden wir zu bestimmt und zu vornehm, ihre dichtung kalt, ihre kritik vernichtend, ihre philosophie abstrus und doch unzulänglich. Göthe 26, 71; kann man die teutschen sitten und gebräuche, ihren character, ihre denkungsart nach den werken ihrer schriftsteller beurtheilen? Klinger 11, 7.
7) seitdem man in der sprache der höflichkeit das pronomen der 3. pers. plur. für das ursprüngliche du der anrede setzte (seit der 2. hälfte des 17. jahrh., vgl. unter du theil 2 sp. 1481 fg.), gilt in gleichem falle das plurale possessiv ihr für das der zweiten person. in einzelnen fällen aber haftet bis heute versteinert das pluralpossessiv euer, wir sagen eure majestät, eure durchlaucht, eure gnaden, eure excellenz, und ihre gehört hier nicht der sprache der etikette an, doch findet es sich dichterisch (vgl. auch ihro unten):

mich wundert, dasz ihr gnaden das vergasz. Shakesp. Richard III. 2, 2.

in verbindung aber mit solchen versteinerten fügungen tritt doch ihr auf: euere durchlaucht haben uns ihr (nicht euer) wolwollen bewiesen; eure excellenz erfreuten viele mit ihrem besuche; da eur. hochedl. für ihr blutendes herz ein pflaster aus der hand des herrn empfangen. Seriander rechtschreiberei 242; ew. gnaden werden verzeihen, wenn ich mich heute ganz kurz fasse ... ihre fräulein tochter hat sich in jedem sinne als die erste bewiesen. Göthe 17, 58.
 
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ihre, nur in der verbindung ihre sein, ihr zugehören, die abgeschwächte form des ahd. genit. sg. fem. irâ und des gen. plur. irô, wie sein mit prädicativem genitiv die zugehörigkeit ausdrückt: des herrn sein, des todes, des teufels sein. gramm. 4, 654; wan gotes rîch ist ir. theol. deutsch 51; vgl. auch unten ihren no. 3, und ihro 2. erst mitteldeutsche, vorzüglich obersächsische schriftsteller des vorigen jahrh. nehmen dieses ihre aus der volkssprache auf, gewöhnlich im falle der anrede: dieses geld soll mit der bedingung ihre, dasz sie sich nicht dafür bei mir bedanken. Gellert 3, 170; die andrienne ist so gut als ihre. 411; sie wollen es nicht abwarten? gut! der schade ist ihre. Lessing 1, 293; fordern sie noch mehr, als das dokument; mein halbes vermögen ist ihre. 302; die dose soll ihre sein? 335; der gröszte schade dabei ist ihre. 367;

ach, sprach der gönner ganz erfreut,
nun kenn ich sie; das amt ist ihre.
Gellert 1, 174;

nein, sprach der wackre mann,
nunmehr soll dieses amt nicht ihre. ebenda;

so lang die tasche noch
das biszchen geld verwahrt,
ach! da ist alles ihre.
Göthe 11, 136.

derselbe wagt von diesem ihre einen comparativ: Stella ist schon ihre, wird durch das schreiben immer ihrer. an Johanna Fahlmer (der junge Göthe 3, 72).
 
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ihren , eine im 15. jh. zuerst (Lexer mhd. wb. 1, 605), im 16. jh. öfters begegnende erweiterte form von ihr, vergleichbar dem zu eben dieser zeit aufkommenden deren für der (th. 2, 955 fg.), in allen bedeutungen von ihr bezeugt, aber, während sich deren hielt, bald wieder ausgestorben. Es steht
1) für den dat. sg. fem. ihr: und ihren die nechst insel ist Thaso. Diogenes F 7a; da scherz ich dann mit jhr, .. und schlaf bei jren an jren schneeweiszen armen. Fischart Garg. 225b; wann die braut mit dem schleier ist verhüllet, so setzt man jhren auch ein kränzlein auf. ehz. 5; hat nicht Circe den klugen helden Ulyssen, der sich gegen jhren wuszt fürsichtig zu halten, ubermäszig heftig geliebet? 9; die fraw hielt der magt alles, was sy jren verheiszen hat. Wickram rollw. 17, 10;

das jrn die augen ubergingen.
Fischart flöhhaz 775 Scheible;

ich schauet jren (der jungfrau) fleiszig zu. 797.


2) für den gen. sg. fem. ihr (vgl. unter ihrer):

mit jungfraublut ich jren pflag. ebenda 802.

[Bd. 10, Sp. 2055]



3) für den gen. plur. ihr (jetzt ihrer, s. d.): die jhren warten am besten, seind krank am mehsten. Garg. 249a; es können jhren zwen geruhig neben einander drauf sitzen. 250b; als nun die Bittergrollischen daselbs herumb .. streiften, wart iren Gurgellantua jnnen. 254a; als dann oft geschicht, das jren vil (viel lanzknechte) on gelt wider heim geschickt werden. Wickram rollw. 43, 14 Kurz;

den win nit us den henden gib,
min durst ich löschen musz vorhin,
das übrig sol dann iren sin.
si dorftind in wol gar ufriben.
J. Funkelin in den schausp. des 16. jahrh. von Tittmann 1, 177, 131.


4) endlich für das pron. poss. ihr; im falle der substantiven verwendung (vgl. ihr no. 2): ich hab mich meiner besöldung beholfen, nit gespilt, noch den armen bauren das jren genommen. Wickram rollw. 28, 7 Kurz; den lüten das jren abnemen. Diog. G 7b.
 
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ihrenthalben, -wegen, -willen, s. ihret-.
 
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ihrer , erweiterte form von ihr, wie derer für der, die eintritt, wenn ihr genitiv, sowol sing. als plur. ist, nie, wenn dativ. die pluralform ist zufrühest bezeugt (in einer Klosterneuburger urkunde von 1329, vgl. Weinhold bair. gramm. s. 373), vgl. auch eurer für euer theil 3, 1191; die singulare genitivform erst später.
1) ihrer, pluralform, eorum.
a) die kürzere form ihr, im 16. jahrh. noch die gewöhnliche, hält sich bis ins 17. jahrh.: da wurden jr beider augen aufgethan. 1 Mos. 3, 7; zu der zeit .. wil ich der götzen namen ausrotten aus dem lande, das man jr nicht mehr gedenken sol. Sacharja 13, 2; (deine kinder) frewen sich, das gott wider jr gedacht hat. Baruch 5, 5; ich darf jr (der sacramente) nirgend zu. Luther 6, 27a; daher jr keiner es verbieten will. Garg. 95a;

ihr etlich fielen ab die stiegen,
ihr zwen auff dem mist bliben ligen,
ihr drei giengen an wenden heim.
H. Sachs 2, 103 Göz;

ir viel sich auch aufs saufen legn.
B. Ringwaldt l. warh. 72;

'dieser vers hat schrecklich viel füsze'. so kan er desto besser gehen. ihr werden noch mehr dergleichen folgen. A. Gryphius 1698 1, 732.
b) die erweiterte form ihrer steht bei verben, adjectiven, seit dem 17. jahrh. als die gewöhnliche: ohnwissend ihrer. Leipz. avant. 1, 132; obgleich von denjenigen gelehrten, deren beiträge man sich ausbittet, nichts, was ihrer selbst und einer solchen zeitschrift nicht ganz würdig wäre, zu befürchten ist. Schiller an Göthe 1, 4; in der anrede: thun sie es doch! sie ist ihrer viel würdiger, als ich bin. Gellert 3, 187;

sie schonen ihrer nicht, mit hawen und mit stechen,
sich eins am andern (nicht weisz ich warumb) zu rechen.
D. v. d. Werder Ariost 11, 16, 5;

häufig auch als theilungsgenitiv: so viel als ihrer sind, keinen ausgenommen, sind betrieger, diebe und straszenräuber. Lessing 1, 308; da sind wir nun ihrer drei, ich, du und Charlotte, die wir auf seinen tod lauern. ist es wohl erlaubt, dasz einer ihrer drei so lange aufziehen darf? 2, 549; denn es giebt ihrer, die selbst lachen, um einen haufen alberner zuschauer zum lachen zu bringen. Shakesp. Hamlet 3, 2;

dieweil ein jede jhrer, recht dazu zu haben
sich ausz eigner lieb beredet.
Weckherlin 720;

das weib ist jhres mannes herz; der mann ist seines weibes haupt:
dasz eines einem andren lebt, ist keinem ihrer nicht erlaubt.
Logau 3, 235, 95.


2) ihrer, fem. ejus.
Hier findet sich die alte form ihr uneingeschränkt bis ins 17. jahrh.: sie (die seele) sol lieb haben den lyb, aber vil me sol sie acht haben ir selbs. Keisersberg bilg. 3d; so sprechet, der herr bedarf jr (der eselin). Matth. 21, 3;

gewinn ich diesen schatz, weg aller überflusz:
was soll mir gut und geld, wenn ich ihr (der liebsten) darben musz?
Opitz 2, 233.

bei Schottel 536 wird als gen. sg. zu sie ea nur ihr aufgeführt, bei Stieler lehrschr. von der hocht. sprachkunst s. 118, dagegen ihr und ihrer (irrthümlich auch als dativform, im sprachschatz 2013 ist dieser irrthum vermieden: ihr, sui et sibi, ihrer sui), in Gottscheds kern der deutsch. sprachkunst (1753) wird nur ihrer als gen. des fem. sie mehr gekannt. in verbindung mit verben und adjectiven: er hatte die frau früher einmal gesehen und erinnerte sich ihrer noch lebhaft; liebe die tugend, spotte nicht ihrer; er hatte sie geheirathet, ward ihrer aber bald nach

[Bd. 10, Sp. 2056]


der hochzeit überdrüssig; ich vergesse ihrer, obliviscor ejus. Frisch 1, 487a; eine ihrer selbst bewuszte nation. Bluntschli allg. staatslehre (1875) 112.

 

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