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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ideal bis ideenarm (Bd. 10, Sp. 2039 bis 2041)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ideal, adj. dem ideale entsprechend: die ästhetische welt, das reich der schatten im idealen sinne. Schiller an Göthe 1, 168; wenn die jugend die zukunft des lebens nur voll idealer blüten und das alter sie voll dürrer reiser erblickt. J. Paul herbstblum. 3, 3.
 
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idealheld, m.: der unermüdende, unermattende ist mein idealheld. Fr. Müller 3, 148.
 
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idealisch, wie das adj. ideal: die idealische vernunft, die noch über die sphäre einer möglichen erfahrung hinausgeht. Kant 2, 228; idealische wesen (gedankenwesen, gedanken ohne realität). 512; ein strenges, dennoch aber nicht idealisches, sondern wahres vernunftgebot. 4, 244; jene idealische zweckmäszigkeit der natur (die blosz in der idee vorausgesetzte zweckmäszigkeit). 7, 28; dasz er nun von dem idealischen zum reellen .. übergeht. Schiller an Göthe 1, 180;

welch herrliches werk! wie konnt es so vollkommen,
so idealisch, aus menschenhänden kommen?
von welchem sichtbarn gotte ward das modell genommen?
Wieland 4, 218 (n. Amad. 9, 30).


 
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idealisieren, verb.: hätte schon von der wiege an eine idealisirende kunst sie umgeben. Schiller an Göthe 1, 7; er tritt von einem leeren und unbestimmten ideal in ein bestimmtes thätiges leben, aber ohne die idealisirende kraft dabei einzubüszen. 180. reflexiv, in der bedeutung sich zum ideal, zur idee einer sache erheben: wie sehr sind wir (Lessing und Herder) aber in dem eindrucke verschieden, den dieses stück (Sophokles Philoktet) machen soll. einer von beiden kann nur recht haben, und der andre hat sich nur nicht gnug idealisiren können, um nicht zu lesen, sondern zu sehen. Herder krit. wälder (1769) 1, 62.
 
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idealisierung, f.: eine nothwendige operation des dichters ist idealisirung seines gegenstandes. Schiller 1233a.
 
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idealismus, m. lehre von der ursprünglichkeit und wesenheit des ideals. Schiller an Göthe 1, 353.
 
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idealist, m. anhänger solcher lehre: sollte für die bedürfnisse des idealisten nicht etwas mehr gesorgt sein? ebenda 188.
 
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idealistisch, adj.: obgleich seine phantasie auf sein sehen einflusz hat, so ist dieses doch nur idealistisch, nicht phantastisch. ebenda 172.
 
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idealvollkommenheit, f.: (die frage) welche unter denen in Europa recht bekannt gewordenen sprachen der idealvollkommenheit einer sprache, die worte braucht, am nächsten kömmt. Herder zur litt. 1, 216.
 
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idee, f. (betont idée, zweisilbig, plur. idéen, dreisilbig), das griech. ἰδέα, lat. idea.
1) gebrauch und begriffsentwickelung dieses von Plato zuerst in eigenthümlicher philosophischer bedeutung verwendeten wortes in deutschen philosophischen werken seit dem vorigen jahrhundert ist hier näher nicht zu berühren. Kant, der an den Platoschen sinn von idee anknüpfte: Plato bediente sich des ausdrucks idee so, dasz man wohl sieht, er habe darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den sinnen entlehnt wird, sondern welches sogar die begriffe des verstandes, mit denen sich Aristoteles beschäftigte, weit übersteigt. die ideen sind ihm urbilder der dinge selbst, nicht blos schlüssel zu möglichen erfahrungen, wie die kategorien. 2, 290; die idee der tugend, in ansehung deren alle mögliche gegenstände der erfahrung zwar als beispiele, aber nicht als urbilder dienste thun. 291, gibt seine eigene definition des wortes: ich verstehe unter der idee einen nothwendigen vernunftbegriff, dem kein congruirender gegenstand in den sinnen gegeben werden kann. 298; der unterschied der ideen, d. i. der reinen vernunftbegriffe,

[Bd. 10, Sp. 2040]


von den kategorien oder reinen verstandesbegriffen. 3, 251; der absolute raum ist ein nothwendiger vernunftbegriff, mithin nichts weiter als eine blose idee. 8, 560.
2) früher hat namentlich der französische sprachgebrauch des 17. jahrh. das wort zu der bedeutung einer gedanklichen vorstellung, eines gedankens, eines begriffes von etwas verflüchtigt (Littré 2, 5c). in diesem sinne treffen wir dann idee auch bei deutschen schriftstellern der 1. hälfte des 18. jahrh., entschieden unter französischem einflusse, es wird sogar bisweilen mit französischem accent versehen: wie köstlich sind vor mir, o gott, deine gedanken, sagt David, deine speculationen, deine idéen die du gehabt (bei erschaffung der erde); ihrer ist eine summa, so grosz wie der sand am meer. Zinzendorf in Wackern. leseb. 31, 1065 (Homilie von 1747); das ist so der erste gedanke, die erste hinreiszende gefühligste idée, die uns .. alle zugleich einnimmt. 1069;

sasz etwas stille, dacht, und schien
die ganz zerstreueten ideen zusammen und zu recht zu ziehn.
Brockes 8, 418 (neujahrsgedicht auf 1745);

ging, mit sanften schritten, im ganzen zimmer auf und nieder,
von mancherlei ideen voll, gesenkt, im ernsten überlegen. 420.

seit dieser zeit bürgert sich das wort, in mehrfachem sinne, zunächst in der gewählteren sprache ein.
3) idee der gedanke, sofern er verschiedene seiten eines ganzen zusammenfasst, einheitlich betrachtet und durchdringt: die idee ist ein selbständiger, in sich lebendiger und die materie belebender gedanke. Fichte grundzüge des gegenw. zeitalters 115; es sind nicht diese gegenstände (blume, quelle, bemooster stein, dichterisch dargestellt), es ist eine durch sie dargestellte idee, was wir in ihnen lieben. wir lieben in ihnen das stille schaffende leben, das ruhige wirken aus sich selbst, das dasein nach eignen gesetzen, die innere nothwendigkeit, die ewige einheit mit sich selbst. Schiller 9, 441 Kurz; derjenige welcher selbst nicht die allgemeine idee der wissenschaft hat, ist ohne zweifel am wenigsten fähig, sie in andern zu erwecken. Schelling vorles. über d. meth. des acad. stud. 9;

ich erseh,
in der die grosze welt vereinenden idee,
ein wunderbares bild von gottes werk gemahlt,
woraus die gottheit selbst mir in die seele strahlt.
Brockes 8, 422.

namentlich auch der im dichter schaffende gedanke: sobald er (der dichter) zum werke schreitet, musz der vorwurf, und nichts als der vorwurf, die herrschende idee in seiner seele sein. er hüte sich in diesem augenblicke seine regeln allzu deutlich vor augen zu haben. Mendelssohn philos. schr. 1, 21; wir haben nicht ermangelt die begriffe, welche auf dem wege der erfahrung in den verstand des blosz sinnlichen menschen kommen, von den ideen, welche schlechthin ohne alle erfahrung durch das in sich selber selbständige leben in dem begeisterten sich entzünden, streng zu unterscheiden. Fichte grundz. des gegenw. zeitalters 146;

nun wüst ich nicht, was dir besondres bliebe?
'mir bleibt genug! es bleibt idee und liebe!'
Göthe 4, 81.


4) idee, das durch dichterische thätigkeit erzeugte bild, phantasiegebild:

den helden sing, der lange die welt berg auf berg ab
durchzog, das gegenbild von einer schönen zu finden,
die aus dem reich der ideen herab
gestiegen war, sein junges herz zu entzünden.
Wieland 4, 3 (neuer Amadis 1, 1);

nicht fern vom thurme, worin der junge Amadis
der liebe zu einer idee, die auszer seinem gehirne
wohl nirgends ist, sich schmachtend überliesz. 76 (3, 25);

an einem solchen ort liesz oft ein schmeichelnder traum
die schöne idee, die er liebt, ihn unter rosen erblicken. 74 (3, 26, später s. 79 hirngespinste genannt).


5) idee, der dichterische, künstlerische vorwurf, stoff: wenn ich nicht immer neue ideen zu bearbeiten habe, werde ich wie krank. Göthe an frau v. Stein 2, 281; (das gedicht) ist so musterhaft schön und rund und vollendet, dasz ich recht dabei gefühlt habe, wie auch ein kleines ganze, eine einfache idee, durch die vollkommene darstellung einem den genusz des höchsten geben kann. Schiller an Göthe 1, 312; auch die skizze eines künstlerischen gedankens: sollten denn nicht wir beide unter ein paar freunden Lessings ein monument auf seinem grabe zu stande bringen können? ... ich bitte sie, machen sie doch eine idee, z. b. von einer ganz simplen pyramide mit einer ganz simplen aufschrift. Nicolai an Eschenburg, in Heinemanns Lessing 166.

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6) idee, gedanke, vorstellung überhaupt, zunächst in litterarischer beziehung: alle die schönen ideen, die er (Wieland) aus den alten Griechen will geschöpft haben. Lessing 6, 21; wie wunderbar hat der dichter (Sophokles im Philoctet) die idee des körperlichen schmerzes zu verstärken und zu erweitern gewuszt! 394; der poet will nicht blosz verständlich werden, seine vorstellungen sollen nicht blosz klar und deutlich sein; hiermit begnügt sich der prosaist. sondern er will die ideen, die er in uns erwecket, so lebhaft machen, dasz wir in der geschwindigkeit die wahren sinnlichen eindrücke ihrer gegenstände zu empfinden glauben. 471; welche gladiatorseele gehörte dazu, um ein stück auszuhalten, in welchem diese idee, dies gefühl des körperlichen schmerzes, hauptidee, hauptgefühl wäre? Herder krit. wälder (1769) 1, 65; zu einem fruchtbaren umtausch der ideen. Schiller an Göthe 1, 2; dasz ich mich auf eine öftere auswechselung der ideen mit ihnen recht lebhaft freue. 5; er fand so viele spuren eines neuen urgenies darin (in einem aufsatz), so tiefe und doch so praktische ideen, dasz er es sich sechsmal hintereinander vorlesen liesz. Tieck 15, 172 (unterschieden von den praktischen ideen Herbarts: wie nun jeder kunstlehre ein theil der allgemeinen aesthetik entspricht, der zu ihr die vorbilder enthält: so auch stützt sich die tugendlehre auf die ursprünglichen bestimmungen des löblichen und schändlichen, oder auf die praktischen ideen. lehrb. zur einleit. in die philos. 1813 s. 5); — dann auch überhaupt: ich will aufhören, sie mit diesen traurigangenehmen ideen (gedanken über Mylius' tod) zu beschäftigen. Lessing 4, 446; nicht blos der wirkliche gestank, auch schon die idee des gestankes erregt eckel. 6, 524; es greift sie zu stark an, liebe Lotte! ich weisz, ihre seele hängt sehr nach diesen ideen (dasz die verstorbene mutter sie umschwebe). Göthe 16, 84; sogar dem gemeinsten realisten, dessen ideen und tage sich auf raupenfüszen und raupenringen fortwälzen, macht ein unnennbares etwas das breite leben zu enge. J. Paul vorsch. d. ästh. 1, 75. eine fixe idee, eine vorstellung die die seele unaufhörlich und alle andere vorstellungen beherschend, einnimmt.
7) idee, begriff den man von etwas hat oder faszt, meinung: das ist auch wirklich die idee, welche die lehrbücher der mahlerei mit dem worte erfindung verbinden. Lessing 6, 448; der schwächere leser kann sich nicht entwehren, eine geringschätzige idee mit dem namen solcher männer zu verbinden, denen solche stümper solche armseligkeiten unausgepfiffen vordociren dürfen. 8, 206; ich würde kaum eine gute idee von dem jünglinge fassen, den .. diese bilder nicht rührten. Herder krit. w. (1769) 1, 51.
8) heutzutage ist das allgemein gebrauchte wort überhaupt mit gedanke synonym, sowol in dessen eigentlicher bedeutung, als sofern man darunter vorstellung, meinung, begriff, absicht versteht: ich habe eine idee, man könnte das só machen; ich habe keine idee, was das geben soll; ich hatte anfänglich die idee, nach N. zu reisen, gab sie aber auf; die sachverständigen haben keine gute idee von der solidität dieses unternehmens; als bild für etwas geringfügiges, eine kleinigkeit: das getränk sollte um eine idee süszer sein; das kleid ist um eine idee zu kurz; mit keine idee! wird stark negiert, wie sonst kein gedanke! gebraucht wird.
 
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ideenarm, adj. gedankenarm, arm an vorstellungen.

 

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