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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
hungerzitze bis hünstkraut (Bd. 10, Sp. 1951 bis 1953)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) hungerzitze, f., plur. -zitzen, zitzen welche sich öfters innerhalb der lefzen und am gaumen der pferde befinden. Nemnich.
 
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hungrig, adj. und adv. hunger habend; ahd. hungarag, hungereg, mhd. hungerc.
1) nach hunger 1, im eigentlichen sinne: (sie waren) hungerig und durstig, und ire seele verschmachtet. ps. 107, 5; brich dem hungerigen dein brot. Jes. 58, 7; ich bin hungerig gewesen, und ir habt mich gespeiset. ich bin durstig gewesen und ir habt mich getrenket. Matth. 25, 35; hungerige mucken beiszen übel. Schottel 1120a; dem hungrigen ist nicht lang predigen. 1142b; lasset mir die satten fliegen sitzen, kommen hungerige, die saugen und saufen viel härter. Schuppius 833; dem hungrigen bauch schmeckt alles wohl. hungriger bauch singt einen bösen alt. einem hungrigen bauch kann niemand lügen. Simrock sprichw. 269;

auf eines felsen steiler höh,
die weder gras noch fetten klee
dem hungrigen zur speise gab,
stand eine ziege.
Gleim 3, 324;

wann, wie ein winterstrom, der brausend überflieszt,
sich in Campanien dein (Hannibals) hungrig heer ergieszt.
Uz 2, 58.

bildlich, vom feuer: itzt verschlingt dich schnell die hungrige flamme. J. Paul flegelj. 1, 74;

und flammen athmend in die hütten drangen,
und ihren schlund — ein hungrig grab —
mit menschen fülleten.
Ramler 1, 39.


2) hungrig, von zeiten und orten, die hunger leiden lassen, wo nahrungsnot herscht: mhd. hungerige jâr hungerjahre Lexer wb. 1, 1386; dann die fuhr- und kaufleut die meiden oft die weg zu den gasthäusern, wo es hungerig daher gehet, fahren weitern umkreisz herumb, damit sie für einen bösen und mühsamen tag, ein guten abend bekommen. Schuppius 740; aber besichtige Polen, Preuszen und andere mitnächtige länder .. und wer ist doch der nicht weisz, dasz selbige ort nicht hungerige, sondern dem paradeisz schier selbst gleichende örter sein? 741.
3) hungrig (nach hunger 3), heftiges verlangen habend, begierig: füllet die hungerige seele mit gutem. ps. 107, 9; dann würde mein hungriger stolz satte demuth. J. Paul uns. loge 2, 57; wollen wir auf die deutschen philosophen hinschauen? jetzt haben wir deren so viele, dasz nicht einmal der hungrigste eklektiker noch eine neue mehr verlangt. nachdämmerungen s. 65; mit entschieden verächtlicher nebenbedeutung: er ist ein hungriger kerl, gierig nach gewinn; so entstand in hungriger geschwindigkeit, in bankerotter begeisterung das leben Napoleons (von W. Scott), ein buch das ... gut bezahlt werden sollte. H. Heine 3, 46;

nicht hungrig hungerharken wir.
genug noch fand zu lesen hier
der wais und wittwe hand.
Voss 2, 91.

[Bd. 10, Sp. 1952]


in der ältern sprache heiszt es hungrig eines dinges: dasz die jungfrawe, welche so lange zeit dem Palinges widerstanden und ir jungfrawschaft erhalten, dasselbige in ihres bulen herrn Galoars armen verlore, welcher dazumal dieser kürzweil ganz hungerig ward. Amadis 277; später hungrig auf, nach etwas: als sei er nach neuen wundern hungrig. J. Paul flegelj. 3, 81;

wer hungrig ist auf lob, ist gern an tugend leer.
Logau 2, 144. 15;

der teufel, hungrig nach dem raube.
Gotter 1, 156;

die lust, die jede frau, die jedes mädchen hat.
ich bin nicht hungrig drauf, doch bin ich auch nicht satt.
der putz, der ball!
Göthe 7, 49;

so niederträchtig unser richter ist, so hungrig er ist, sich bestechen zu lassen. Rabener sat. 3, 52.
hungrig in obscönem sinne:

nimpt er ein weib zuo der ee,
die under der gürtel wer hungrig und geitig. fastn. sp. 317, 12;

ir ding ist hungerig als des wolfs magen,
so hat mir der schaur in die pruch geschlagen.
also hungerig ist sie und so geitig,
das mir die kifarbeis alle nacht sein zeitig. 346, 16 (= 732, 10).


4) hungrig in der gewerblichen sprache der tuchmacher: kein fleming sal sin tuch czu hungerig machen, by der gesaczten busze. Ortloff rechtsquellen 1, 291, soll jedenfalls bedeuten zu arm an kern, zu lockern gewebes.
 
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hungrig-nüchtern, adj.:

dein hungrich-nüchtrer mund.
Weckherlin 215.


 
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hünin, f. riesin: eine hühnin oder riesentochter ergieng sich einst auf dem rücken des Harzes. Grimm d. sagen 1, 368 no. 320.
 
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hünisch, adj. einem riesen eigen: eine hünische gestalt. aber im alemannischen des 15. jahrh. war hünisch (mhd. hiunisch) = roh, grob, gering an stand, eine bedeutung, über deren entwickelung unter heunisch sp. 1291 nachzusehen: der tod übersicht nyeman, er sig jung oder alt, edel oder hünisch, gelert oder ungelert, rich oder arm. Keisersberg trostspiegel (1503); sonst wol auch sittlich roh: racha ein unwirsch ł hunnisch (var. honisch) wort Dief. 482b. — Dasz auszerdem mhd. hiunisch als hinsch, krankheitsname, versteinert sich fortsetzt, ist sp. 1468 gesagt.
 
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hünkel, n. junges huhn; ahd. huonichli, huonichlîn (alemannisch, fränkisch), mit doppeltem verkleinerungssuffix (vergl. gramm. 3, 681); mhd. huoniclîn (Ben.-Müller 1, 622b), pulcinus hunichlin Dief. 471b; später zu hünkel, hinkel verkürzt und auf die mittelfränkischen und benachbarte landstriche eingeschränkt, doch übersetzt es noch in Petris Basler nachdruck des Lutherschen neuen testaments desselben küchlin: küchlin, hunklen, junge hnlin, vgl. Fromm. 6, 43a, sonst gilt es heute in der Wetterau und zwar als hünkel, hinkel, henkel Kehrein 205; pullus gallinaceus ein hünckel Alb. Hh 2a; im bairischen Rheinkreise hünkel Schm. 1, 1133 Fromm.; im westlichen und südlichen Hessen hinkel, küchlein und huhn bezeichnend Vilmar 170; aus diesen landstrichen stammen auch die ältern in der schriftsprache angetroffenen belege: vor ein baummeise (die unerlaubt erlegt ist, soll einer geben) eine hubenrechte henne mit 12 hinkeln. weisth. 1, 465 (Lorsch, von 1423); ein koppechte henen und zwolf hunkeln. 499 (Dreieich bei Frankfurt, von 1338); eine falbe henne mit sieben hünkeln. 535 (Rheingau, von 1324); wenn euch der narr beim halskragen erdappt hätte, er hätte euch zerrissen als ein junges hinkel. schaub. engl. u. franz. com. 2, 145; in der form hünklein: die junge hinkelein, so noch in den eyern stecken. Uffenbach neues rossbuch 2, 81.
hünkel ist kosewort, aber auch scheltwort für eine frauensperson: hinkel, dummes hinkel Vilmar a. a. o.; für personen ohne unterschied des geschlechts: und da sie nicht zu ihrem gewöhnlichen taglohn kommen mochten, musten sie ihre zeit (wie dann solchs liederliche hinkel im brauch haben) mit fratzen und bossen vertreiben. wiszbad. wisenbrünnl. 1, 77; im begegneten drei nasse nackete hinkel mit bickeln, hämern, schaufeln etc. in willens ein grab zu berauben. 2, 5.
 
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hünkeldieb, m. habicht: gesetzt aber, der habicht oder hünkeldieb käme über die hüner. Hätt-gern don Iro 208. im stift Hersfeld heiszt der habicht hinkelhopch (hühnerhabicht) Vilmar 170.
 
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hunne, m. Hunnus; vergl. heune und hüne.
 
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hunne, m. centenarius, ein unterrichter; schon ahd. hunno aus hundo. rechtsalt. 756; niederrhein. honne: der schoultis (schultheisz) sall deme boeden bevelen, dat he gebode die honnen ind (und) dat land, die up der gerichte einich gehoerich sint. weisth. 2, 708 (von 1375). vgl. hund, hunde sp. 1919.

[Bd. 10, Sp. 1953]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) hünsch, f. pest, s. hinsch sp. 1468:

das dich die bül erwurgen msz,
die hünsch und ouch do mit die driesz.
Murner geuchm. y 2a.


 
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hünstkraut, n. sonst hinschkraut sp. 1470; vgl. die stelle unter heinskraut sp. 887.

 

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