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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
hungervierteljahr bis hungrig-nüchtern (Bd. 10, Sp. 1951 bis 1952)
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[Bd. 10, Sp. 1951]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) hungervierteljahr, n.: die drei letzten monate vor der roggenernte (juni, juli, august) pflegt man das trockene oder hungervierteljahr zu nennen. Mülhause die urreligion des d. volkes 280.
 
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hungerwach, adj. wach vor hunger:

jetzt heulen wölfe am verschneiten grunde,
wie bettler, hungerwach, in nächtger stunde
am grabe eines milden königs jammern.
Lenau neue ged. 79.


 
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hungerwiese, f.:

(die kunst zu reimen, die) dich aber auf den weg der hunger. wiesen führt.
B. Neukirch ged. 141-


 
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hungerwurm, m. hunger unter dem bilde eines wurms:

ach! niemand that mir was zu leide:
allein der hungerwurm nagt mir am eingeweide.
Musäus kinderklapper 64.


 
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hungerwüste, f. wüste, hungersnot erzeugende gegend:

was thaten wir, als halb im sand
Bourgoynes heer sein grab
durch jene hungerwüste fand,
und halb sich uns ergab?
Gökingk 3, 77.


 
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hungerwüthig, adj. mit der wut des hungers behaftet: ein griff gäbe dem hungerwüthigen das, wofür er mahlzeit, zimmer, gastgeber und das haus des gastgebers kaufen könnte. Tieck nov. kranz 4, 96.
 
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hungerzahn, m., plur. -zähne, kleine zacken, fast wie nadelspitzen, auf den mahlzähnen junger schafe; es pflegen sich diese zacken zu bilden, wenn die jungen schafe nicht zunehmen wollen, wenig fressen und elend aussehen. Nemnich.
 
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hungerzeit, n. zeit der kärglichen oder stockenden nahrung: das fett musz bei einigen (thieren) zur erhaltung des lebens während der hungerzeit dienen. Brehm illustr. thierl. 1, xxxiv.
 
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hungerzitze, f., plur. -zitzen, zitzen welche sich öfters innerhalb der lefzen und am gaumen der pferde befinden. Nemnich.
 
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hungrig, adj. und adv. hunger habend; ahd. hungarag, hungereg, mhd. hungerc.
1) nach hunger 1, im eigentlichen sinne: (sie waren) hungerig und durstig, und ire seele verschmachtet. ps. 107, 5; brich dem hungerigen dein brot. Jes. 58, 7; ich bin hungerig gewesen, und ir habt mich gespeiset. ich bin durstig gewesen und ir habt mich getrenket. Matth. 25, 35; hungerige mucken beiszen übel. Schottel 1120a; dem hungrigen ist nicht lang predigen. 1142b; lasset mir die satten fliegen sitzen, kommen hungerige, die saugen und saufen viel härter. Schuppius 833; dem hungrigen bauch schmeckt alles wohl. hungriger bauch singt einen bösen alt. einem hungrigen bauch kann niemand lügen. Simrock sprichw. 269;

auf eines felsen steiler höh,
die weder gras noch fetten klee
dem hungrigen zur speise gab,
stand eine ziege.
Gleim 3, 324;

wann, wie ein winterstrom, der brausend überflieszt,
sich in Campanien dein (Hannibals) hungrig heer ergieszt.
Uz 2, 58.

bildlich, vom feuer: itzt verschlingt dich schnell die hungrige flamme. J. Paul flegelj. 1, 74;

und flammen athmend in die hütten drangen,
und ihren schlund — ein hungrig grab —
mit menschen fülleten.
Ramler 1, 39.


2) hungrig, von zeiten und orten, die hunger leiden lassen, wo nahrungsnot herscht: mhd. hungerige jâr hungerjahre Lexer wb. 1, 1386; dann die fuhr- und kaufleut die meiden oft die weg zu den gasthäusern, wo es hungerig daher gehet, fahren weitern umkreisz herumb, damit sie für einen bösen und mühsamen tag, ein guten abend bekommen. Schuppius 740; aber besichtige Polen, Preuszen und andere mitnächtige länder .. und wer ist doch der nicht weisz, dasz selbige ort nicht hungerige, sondern dem paradeisz schier selbst gleichende örter sein? 741.
3) hungrig (nach hunger 3), heftiges verlangen habend, begierig: füllet die hungerige seele mit gutem. ps. 107, 9; dann würde mein hungriger stolz satte demuth. J. Paul uns. loge 2, 57; wollen wir auf die deutschen philosophen hinschauen? jetzt haben wir deren so viele, dasz nicht einmal der hungrigste eklektiker noch eine neue mehr verlangt. nachdämmerungen s. 65; mit entschieden verächtlicher nebenbedeutung: er ist ein hungriger kerl, gierig nach gewinn; so entstand in hungriger geschwindigkeit, in bankerotter begeisterung das leben Napoleons (von W. Scott), ein buch das ... gut bezahlt werden sollte. H. Heine 3, 46;

nicht hungrig hungerharken wir.
genug noch fand zu lesen hier
der wais und wittwe hand.
Voss 2, 91.

[Bd. 10, Sp. 1952]


in der ältern sprache heiszt es hungrig eines dinges: dasz die jungfrawe, welche so lange zeit dem Palinges widerstanden und ir jungfrawschaft erhalten, dasselbige in ihres bulen herrn Galoars armen verlore, welcher dazumal dieser kürzweil ganz hungerig ward. Amadis 277; später hungrig auf, nach etwas: als sei er nach neuen wundern hungrig. J. Paul flegelj. 3, 81;

wer hungrig ist auf lob, ist gern an tugend leer.
Logau 2, 144. 15;

der teufel, hungrig nach dem raube.
Gotter 1, 156;

die lust, die jede frau, die jedes mädchen hat.
ich bin nicht hungrig drauf, doch bin ich auch nicht satt.
der putz, der ball!
Göthe 7, 49;

so niederträchtig unser richter ist, so hungrig er ist, sich bestechen zu lassen. Rabener sat. 3, 52.
hungrig in obscönem sinne:

nimpt er ein weib zuo der ee,
die under der gürtel wer hungrig und geitig. fastn. sp. 317, 12;

ir ding ist hungerig als des wolfs magen,
so hat mir der schaur in die pruch geschlagen.
also hungerig ist sie und so geitig,
das mir die kifarbeis alle nacht sein zeitig. 346, 16 (= 732, 10).


4) hungrig in der gewerblichen sprache der tuchmacher: kein fleming sal sin tuch czu hungerig machen, by der gesaczten busze. Ortloff rechtsquellen 1, 291, soll jedenfalls bedeuten zu arm an kern, zu lockern gewebes.
 
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hungrig-nüchtern, adj.:

dein hungrich-nüchtrer mund.
Weckherlin 215.

 

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