Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
hungerleiderisch bis hungerquelle (Bd. 10, Sp. 1947 bis 1948)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) hungerleiderisch, adj.: ein hungerleiderisches benehmen.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungerling, m. eine sorte roter weinbeeren, die bald reif werden und vielen, aber schlechten und geringen wein geben. Nemnich; bei Frisch 1, 476c hüngerling; hüngerling ist gar ein schlechter und dürrer most. Hohberg 3, 1, 258b.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungermann, m. wie hungerleider:

was fängt er an, der magre thor!
hat so ein hungermann humor?
Göthe 41, 53 (der herold zum geize).


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungermatt, adj. matt von hunger: die hungermatten spechte konnte man mit der hand fangen. dorfzeit. 1844, s. 210.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungern, verb. esurire, esurientem facere. goth. huggrjan, alts. hungrian, ags. hyngran, altnord. hungra, ahd. hungeran und hungarôn, mhd. hungern; das ältere nhd., wie noch jetzt die wetterauische mundart kennt neben hungern auch hüngern (belege unten 1 und 7). die fügungen sind mehrfach.
1) am frühesten bezeugt ist unpersönliches hungern mit accusativ, das gefühl des hungers haben; goth. þana gaggandan du mis ni huggreiþ. Joh. 6, 35; ahd. mih hungrita inti ir gâbut mir eʒʒan. Tatian 152, 3; mhd. nhd. und dô her gevastete vîrzek tage und vîrzek nacht, dar nâch hungirte en. Behaims evang.-buch, Matth. 4, 3; und inen brot vom himel gegeben, da sie hungerte, und wasser aus dem felsen gehen lassen, da sie dürstete. Luther Neh. 9, 15; hungert deinen feind, so speise in mit brot, dürstet in, so trenke in mit wasser. spr. Sat. 25, 21; mit seinem schöpfer war er gar nicht zufrieden, dasz er ihm einen magen gegeben hatte; denn er glaubte, der mensch würde viel ersparen können, wenn ihn nicht hungerte. Rabener sat. 1, 196;

da sprach der wolf (zum lamm): die sach ist schlecht,
du kompst mir jetzundt eben recht,
dieweil mich hüngert, solt du mir
zutheil werden.
Alberus Esop (1550) s. 14;

mutter, mutter! es hungert mich,
gib mir brot, sonst stirb ich!
Uhland volksl. 270;

es hungert mich nach etwas schlägt schon in die bedeutung 4 über: mich hungert nach fischen, piscis esuritur Stieler 645.
2) auch unpersönliches hungern mit dativ findet sich (vergl. ebenso bei dürsten theil 2, sp. 1751): ob deinem feind hungert, gib im ze essen und ob im dürst, gib im wasser zu trinken. bibel 1483 304; als ihnen hungerte. pers. rosenth. 1, 6; es sei denn dasz ihnen hungere. 3, 6;

dem rathsherrn hungerte.
Zachariä 1, 195.


3) persönlich, ich hungere habe, ertrage hunger: ahd. wê iu, thie thar gisatôtê birut, bithiu wanta ir hungeret. Tatian 23, 2 (Luc. 6, 25; bei Luther in unpersönlicher fügung euch wird hungern); weil nun die glocke eben zwei schlug und jedermann hungerte, so wurde einhellig für gut befunden, dasz man vor erst zu mittag essen .. wolle. Wieland 11, 207; so weisz der magen recht gut, wenn er hungert und durstet. Göthe 23, 243; — doch wird in der neuern sprache diesz persönliche hungern, gegenüber der unpersönlichen fügung, immer mehr durativ verwendet: die reichen müssen darben und hungern. ps. 34, 11; sihe, meine knechte sollen essen, ir aber solt hungern. Jes. 65, 13; da sie nu lange hungerten. Luther 4, 184b; ich aber wolte lieber hungern, als meinen leib so abmergeln (mit wache stehen). Simpl. 1, 390 Kurz;

in freiheit dich zu setzen und in ihr
zu hungern.
Gleim 3, 379;

einen hungern lassen: er demütiget dich und lies dich hungern. 5 Mos. 8, 3;

und weh dem armen teufel von lakaien,
der eine nacht sie (die nachtigallen) hungern läszt!
Kl. Schmidt poet. br. 57;

ein hungernder magen; der arme hat nicht brot für seine hungernden kinder;

ihr dämpft den zornruf, o despoten,
des volkes nicht, das hungernd droht.
Freiligrath dicht. 3, 188.

[Bd. 10, Sp. 1948]



4) hungern übertragen (vgl. oben hunger 3), heftige begierde haben, verlangen; in persönlicher und unpersönlicher construction, häufig wird das verlangte durch nach mit dem dativ verbunden: selig sind die da hungert und dürstet nach der gerechtigkeit, denn sie sollen sat werden. Matth. 5, 6; meine predigt ist süszer denn honig ... wer von mir isset, den hungert immer nach mir. Sir. 24, 28; aber die seele .. hungert und dürstet nach dir. Schuppius 435; liebe hat nur éin gut, thut verzicht auf die ganze übrige schöpfung; herrschsucht hungert beim raube der ganzen natur. Schiller Fiesko 4, 14; schon hungert ihn nach dem vermögen anderer, welches er als seine beute ansieht. Rabener sat. 4, 366;

hab er beinah sich blind und steif gegafft,
ob seiner hungernden begierde
ein günstig fenster nicht sich endlich öffnen würde.
Wieland 21, 187.

in obscönem sinne (vgl. DWB hunger 3 a. e.):

ich urteil, ainer, der ein frauen hat,
und si des nachts ser hungern lat,
und fuoters gnuog hat in seim parn,
und wil das andren pübin sparn,
und sein frauen lest hungern, dasz si nicht mag slafen,
den sol man an seinem leib darumb strafen. fastn. sp. 310, 5;

hungert die dirn ob irn knieen,
so schol ir muter darnach stellen,
und schol ir vor geben ainn jungen gesellen. 747, 29.


5) in dieser bedeutung (4) ist hungern auch transitiv, aber ungewöhnlich, gebraucht:

herr, speise mich mit dir, ich dürst, ich hunger dich,
du bist das himmelbrodt.
Fleming 30;

vgl. dazu dürsten 2, theil 2, sp. 1751.
6) reflexives hungern, mit einem ortsadverbium, hungernd wohin gelangen:

so lang ein edler biedermann
mit éinem glied sein brot verdienen kann,
so lange schäm er sich, nach gnadenbrot zu lungern!
doch thut ihm endlich keins mehr gut,
so hab er stolz genug und muth,
sich aus der welt hinaus zu hungern.
Bürger 79b;

auch mit angabe der wirkung: ich war krank, aber ich habe mich gesund gehungert.
7) einen hungern, hungrig machen, hunger leiden lassen (vgl. DWB aushungern), sich hungern, sich der nahrung enthalten: die fruo âʒen und trunken und in der füll lebten (bei einer seuche), den geschach nihts. welche aber sich hungerten, sam die Walhen pflegent, die sturben, wan der pös luft durchgienc si. Megenberg 112, 13; bairisch einen hüngern, ihn hunger leiden lassen. Schm. 1, 1132 Fromm.;

o diese krankheit ist verflucht,
sie hüngert beide leib und seel.
H. Sachs 3, 3, 10;

mit angabe der wirkung: einen zu tode hungern, jugulare aliquem inedia, fame suffocare, enecare Stieler 645.
8) in der sprache der gerber heiszt es die leder haben in der grube gehungert, wenn sie nicht lohe genug bekommen haben.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungernötig, adj.: famelicus, das ist hungerig, hungerstötig, hungernötig. Thurneiszer magn. alch. 2, 115.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungerpein, n.:

hier soll sie liegen,
bis hungerpein und fieber sie verzehrt. Shakesp. Macbeth 5, 5;

here let them lie,
till famine and the ague eat them up.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungerpfote, f.: in der redensart die hungerpfoten saugen, in hunger leben ( Adelung), nach dem bär, der im winter darbend an seinen tatzen saugt.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungerprediger, m. hungriger, armer prediger: dasz ich mich schande halber krumm biege und daher trete, wie ein hungerprediger, kein aufsehn zu erregen. Fr. Müller 2, 180.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungerqual, f. inedia, esuries; hungersqual Stieler 1487;

ihn (den wolf) quälte hungerqual.
Rückert;

ich bin gar ein armer wicht,
bin die feigste memme,
halten durst und hungerqual
mich in angst und klemme.
Bürger 50b.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
hungerquelle, f. was hungerbrunnen: (ein thurm in Halle) hat einen quellbrunnen, .. welcher vor eine hungerquelle ausgegeben und aus dessen starken oder schwachen überlaufen von dem gemeinen mann theurung oder wohlfeile zeit geweissaget wird. Dreyhaupt Saalcreys 1, 1016. in übertragener bedeutung: die leichtigkeit, durch täglich wiederholte

[Bd. 10, Sp. 1949]


versuche die hungerquelle des vergnügens zu erschöpfen. Thümmel 5, 55; diese bisher bald strömende, bald stockende hungerquelle von thränen. J. Paul biogr. belust. 1, 90; in uns verfeinerten ständen hingegen musz .. die hungerquelle der rührung nur allmälig versickern. leben Fibels 62.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: