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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
halfter bis hälizen (Bd. 10, Sp. 226 bis 227)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) halfter, f. capistrum, camus. ahd. halftra, haleftra, halftera (Graff 4, 925), mhd. halfter, ags. hälftre; nd. halfter, helchter und halter. Was abstammung und eigentliche bedeutung des wortes betrifft, so kommt zunächst in betracht das ahd. mhd. halp, griff, handhabe, nhd. helb (s. d.), was nach dem grundsinne des an sich ziehens und reiszens wol eben so wie das adj. halb (sp. 184) mit lat. carp-ere zusammenhängt. das suffix ahd. dara, tara, skr. tarâ, bildet feminina, welche werkzeuge ausdrücken, so dasz half-ter, ahd. half-tara in allgemeinster bedeutung das werkzeug zum erfassen ist, in eingeengtem sinne auf den zaum bezogen, der zum festhalten eines thieres dient. das suffix -tra erscheint in folge der verbindung mit einem andern mehrfach in der form -stra, und hierauf gründet sich die bair. nebenform halster (Schm. 2, 184) mit ausstoszung des letzten wurzelhaften consonanten, eine ausstoszung, die wol auch in der nd. form hal-ter statt hatte (wenn diese nebenform sich nicht überhaupt an halten anschlieszt), während in dem gleichfalls nd. helchter das auslautende f der wurzel nach namentlich niederfränkischer und friesischer gewohnheit sich in ch verkehrte. die form haffter (Diefenb. 97a), die auch bei Frischlin nomencl. 382b erscheint, dürfte wol aus assimilation des lf in ff entspringen.
halfter bedeutet:
1) der zaum ohne gebisz, der zum festhalten der thiere dient: capistrum halfter, halftern, halster Diefenb. 97a; habena, halfter, helfter, halter 272a; halfter, ein band, ein strick, camus Calepin. 190; halfter, maulkorb capistrum Dasyp.; ein halfter anlegen capistrare Maaler 207c; wann ein pfert ledig wirt von dem barn, so es sich schon wol von dem barn abzerret, nichts destminder kegt im die halfter hindennach und mag leicht hämen, so fachet man es wider. Keisersberg geistl. spinnerin, 3. pred. M 3c; man soll dem füllen eine halfter anlegen und ein zaum an die barre binden. Sebiz 150; zur ausmundierung hat ein reuter von nöthen .. ein starke halfter. Böckler kriegsschule 287;

mancher wehrt von den müttern sofort die gesonderten böcklein,
und umheftet die schnauze von vorn mit gestachelter halfter. Virgils ländl. ged. von
Voss 3, 497;

multi jam excretos prohibent a matribus hoedos,
primaque ferratis praefigunt ora capistris. georg. 3, 399.

sprichwörtlich: der halfter an dem barn nicht vergessen, nicht vergessen was zu einer sache gehört. Eck bei Luther 1, 163a.
2) halfter für hosenträger, schon ahd.: halftra brachiale Graff 4, 925; jetzt noch oberdeutsch, namentlich bairisch: halfter und halster Schm. 2, 181; in Kärnthen halfter und haschter Lexer 131; in Tirol gesaszhalfter Fromm. 4, 447. in Schwaben heiszt halfter das strickband an gefäszen zum tragen. Schmid 258.
3) die oben angegebene weitere bedeutung von halfter erhellt auch noch aus dem rechtssprichworte: dem gläubiger wird der schuldner an die hand und halfter gegeben, debitor creditoris discretioni traditur. Pistorius thes. paroem. 5 no. 81 s. 381, in ähnlicher fassung: do sie aber solche zu erlegen nicht vermöchten, so wurden sie vormuge sechsischer rechte dem beschedigten an die halfter uberantwort, ihme dasselbe abzudienen. Leipziger schöppenspruch v. 1545 bei Haltaus 782, was auf Sachsensp. buch 3 art. 39 fuszt: swer schult vor gerichte vurderet ûph einen man, des her gelden nicht ne mach noch bürgen setzen, der richtere sol ime den man antwarden vor daʒ gelt, den sol her halden glîch sîme ingesinde mit spîse unde mit arbeide. hier hat halfter den allgemeinern sinn band, fessel, und wird auch so glossiert: in eine halfter oder fessel spannen. Leipziger schöppenspruch v. 1548 bei Haltaus 782; gleicherweise in folgendem: die Winden understunden sich, sich ausz der halfter der bairischen königen zu ziehen. Aventin bei Schm. 2, 381, was als sprichwörtliche redensart geht, da auch Frisch 1, 401a sich aus der halfter reiszen seditiose agere aus Wurstisens Basler chronik beibringt.
4) halfter ist bei den wundärzten eine art binden, die unter die kinnbacken gemacht wird, und oben auf dem kopf zusammen geht. Frisch 1, 401a.
5) halfter, holländ. halfter und halster nennt man auch bei den vögeln den rand des schnabels nach dem kopfe zu. Nemnich 2, 843.
6) halfter für hulfter, holfter, pistolenhulfter, ist wol nicht vor dem 18. jahrhundert angewendet (Frisch 1, 474a), vgl. holfter

[Bd. 10, Sp. 227]


und hulfter. ähnlich wird auch holfter für halfter gesetzt: als jener seine seele um einen trunk dem teufel vergeben, nahm ihn dieser mit leib und seel, sagend, weil er ein pferd gekauft, so würde er auch den zaum oder den holfter wohl mitbezahlet haben. Scriver seelensch. 1, 22.
7) schwanken des geschlechts. Schiller braucht das wort als neutrum: wer ist der erste, der das halfter über den tiger wirft? 170; in der unter 6 angeführten stelle Scrivers ist es ein masculinum
 
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halfterband, n. zügel an einer halfter:

es ging ein mann in Syrerland,
führt ein kamel am halfterband.
Rückert 67.


 
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halfterförmig, adj. nach halfter 5: capistratus, mit einem halfterförmigen rande umgeben. Nemnich 2, 843.
 
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halftebgeld, n. geschenk an einen knecht bei verkauf eines pferdes: halftergeld sive zaumgelt donarium pro capistro Stieler 682. wegen des brauches vgl. DWB hafengeld sp. 125.
 
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halfterkappe, f. ein stück leder auf dem kummete. Jacobsson 6, 15b.
 
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halfterkette, f. eiserne kette an einer halfter, womit das pferd an seinen stand befestigt wird. öcon. lex. 914.
 
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halftern, verb.
1) eine halfter anlegen, capistrare: habenare halfteren o. zeumen Diefenb. 272a; halftern capistrare Stieler 747; er halftert das pferd, equum capistrat. Steinbach 1, 669.
2) bildlich, sich abquälen, eigentlich wol wie bei der arbeit des halfterns an einem unbändigen pferde; so steht namentlich das nd. haltern in beiden bedeutungen. brem. wb. 2, 473. reflexiv gebraucht sich durch etwas hindurch halftern, sich durch eine mühe oder gefahr hindurch arbeiten: bis dahin haben wir beide uns so dadurch gehalftert. Jung Stilling gesch. des herrn v. Morgenthau 1, 270.
 
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halfterung, f. capistrandi actus. Stieler 747.
 
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hälftewegs, adv., in der mitte des wegs, wie halbwegs 1 sp. 220: mein freund begleitete mich, wir schienen schon unzertrennlich; als ich aber hälftewegs um erlaubniss bat, ihn mit in des amtmanns wohnung zu nehmen, verweigerte es die pfarrerin. Göthe 22, 196.
 
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hälftig, adj. u. adv. eine hälfte bildend oder ausmachend: sieben säulen theilten den luftigen saal hälftig ab. Scheffel Ekkehard (1855) s. 44.
 
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hälizen, verb. ausgleiten: häliczen labi Diefenb. 314a; mundartlich noch in Ober- und Mitteldeutschland: bair. hälizen ausglitschen Schm. 2, 166; kärntn. halitzen labere, lubricare Lexer 131; im Voigtlande helzeln auf dem eise schleifen, kascheln, was schon in einem ostlechischen vocab. von 1432 erscheint: labi heliczen oder schleifen auf eisz Fromm. 4, 304b. es gehört mit schwed. hal-ka ausgleiten, ausglitschen, halkning das ausgleiten, hal-ke glatter weg, hal-kig glatt, schlüpfrig zum adj. hahl, hähl, mhd. hæle sp. 158.

 

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