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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
griffbrett bis griffelbeere (Bd. 9, Sp. 303 bis 309)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) griffbrett, n., eigentlich 'ein schmales brett, welches so breit als der hals der violine ist und zum theil auf demselben ruhet, zum theil aber über den körper der violine selbst herüber raget' Jacobsson technol. wb. 2, 152b; doch auch schlechthin 'hals': ansa .. ist .. so viel als manubrium, oder das griffbret an einer laute und dergleichen instrumenten Walther musical. lex. 38; im aufsteigen wollen wir itzt den violinisten nicht nachklettern, die mit ihren fingern sich bis über das griffbrett hinaus verlieren Hiller anweis. z. gesang 36; während die kleinen finger aufs neue das griffbrett faszten, hub sie an und sang Storm 5, 271; bildlich: als er fühlte, dasz diese kleinen stahlringe gleichsam als fassung und griffbret seines herzens ihre erschütterungen zu seinen machen würden Jean Paul 7/10, 408 Hempel; dann auch 'tastatur': vom erkenntnisz des griffbretts an dem clavier Mattheson kl. generalbaszschule 68; griffbrett an einer orgel Helfft wb. d. landbaukunst 161; griffbrett der setzmaschine Hoyer-Kreuter technol. wb. 1, 312.
 
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griffchen, n., wie grifflein (s. d.) im sinne von griff II B kunstgriff; im 17. jh. nicht selten, doch harmloser und mehr als demin. empfunden:

wie schleunig der sie kan gewinnen,
der nur die rechten griffchen weisz
Stieler geharnschte Venus 37 neudr.;

kan liebe mich stumm reden lehren, ..
durch dieses griffchen wil ich machen,
das niemand unsre botschaft spührt königsb. dichterkreis 100 neudr.;

sieh, was er alles spinnet,
und zur verhinderung manch heimlich grifchen sinnet
Neumark fortgepfl. music.-poet. lustw. (1667) 2, 272;

ein griffchen tabak eine prise Campe (vgl. griff II D); anderes mehr gelegentlich: dennoch wurde ihme von mir ausser einem griffgen nichts erlaubet, als mit welchem er sich diesen abend muste abspeisen lassen jungfer Robinsone 83 (vgl. griff I 3);

mach von zinne mir die sichel,
giesz ein griffchen dran von messing
Bücher arbeit u. rhythmus 2238.


 
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griffe, f., kuh (stellenweise auch pferd) von dunkler farbe mit weiszer hautfalte am kniegelenk oder mit weiszen

[Bd. 9, Sp. 304]


streifen, flecken an den seiten des bauches Staub-Tobler 2, 719; Bühler Davos 1, 46; vgl. griff I 2.
 
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griffeisen, n., fuszeisen mit drei langen zacken, das auf die absätze von bergschuhen aufgenagelt wird Staub-Tobler 1, 539; Fischer schwäb. 3, 833; vgl. griff II E 2; im schwäb. auch grosze eiserne stange (zum aufladen) ib.
 
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griffel, m. , graphium, stilus. herkunft und form.
reindeutsche ableitung von grîfan (Wilmanns 2, 262) schon aus gründen der bedeutung unwahrscheinlich; vielmehr aus lat. graphium (gr. γραφεῖον) mit dem deutschen suffix -il der werkzeuge und geräthe gebildet, das auch das geschlecht bestimmt hat; die ausgangsform liegt vor in der glosse grauio zraf (l. graf) ahd. gl. 1, 255, 24 Weigand 51, 768; trotz griffel 5 (s. d.) kaum reinlateinischen ursprungs aus dem in der bedeutung 'schreibstift' anscheinend ungebräuchlichen graphiolum. vom selben grundwort ags. græf, afranz. grefe, mnl. greffie, griffie; vgl. griffe graphium Diefenbach 268c (ndrhein.). der vocal in ahd. grifil durch nachträgliche anlehnung an den stamm griff-; die echte form *grafil ('vox celtica, quae Cambris effertur crafel' Wachter 614) auf deutschem boden nur in unsicheren spuren: greffel graphium Graff 4, 312; kaum hierher aus modernen maa. krefl Martin-Lienhart 1, 271a; grefel Leihener cronenberg. 47b; greffel Hönig köln. 68a; vgl. mnl. griffel, greffel, greffeel; dän. schwed. nur griffel; gelegentlich gerundet zu grüfel Neidhart 48, 11; im älteren nhd. unter anlehnung an greifen gelegentlich greifel: mit eisern greiffeln Menius chronica Carionis (1564) 3, 235a; vgl. den ersten beleg aus Sebiz u. 1; in westlichen maa. bisweilen das griffel Martin-Lienhart 1, 271a; Follmann 216a; stellenweise auch fem. Leihener cronenberg. 47b, wie im mnl. zuweilen und im nnl. allgemein. wie das wort bis in die mhd. zeit ziemlich beschränkt ist auf den literarischen süden, lebt es auch in heutiger ma. wesentlich im obd., dazu in westmd. dialecten, und zwar in der bedeutung 'schieferstift', vgl. Schmeller 1, 991; Fischer schwäb. 3, 834 (stellenweise drieffel); Meisinger rappenau. 78; Staub-Tobler 2, 722; Martin-Lienhart 1, 271a; Follmann 216a; lux. ma. 154b; Leihener cronenberg. 47b; auch bei Fischer samländ. 53 als jröffel. thür. vertreten durch blei-, schieferstift Müller-Fraureuth 1, 442, nd. durch rekensticke u. ä. Adelung. bedeutung.
1) grundbedeutung: der stift des schreibers; grifil, grifel, criphil graphium, stilus Graff 4, 312; griffel graphium, graphius, graphus Diefenbach 268c. 269a; stilus, stilarium 552c; stigulus 552b; fragitida 245b; pugillaris griffel, pfryeme nov. gloss. 308a; also dero geblânetûn tábelun bûohstaba gerizzôt uuérdent mít kríffele Notker 1, 340, 9;

das vessel ist ain tevelein,
da schreybt man mit dem griffel ein
H. v. Neustadt Apollonius 16652;

bringe herausz ain griffel, ain wächsse taffel A. v. Eyb spiegel der sitten (1511) cc viiib; man könnte sagen, Schiller schreibe mit dem griffel in wachs, Goethe halte in seinen fingern ein bleistift zu leichten ... zügen J. Grimm kl. schr. 1, 390; nach jüngerem gebrauch auch für federhalter: grieffel stylus ... quibus in cera, in tabulis scribitur, penna, calamus, quo in papyro, in membrana Serranus synon. (1579) s. v.;

werft, musen, blatt und griffel hin
Schwabe belustigungen 3, 223;

alsdenn zeigte er ... schreibepapier, worauf sie mit griffeln schreiben leipziger avanturieur (1756) 2, 47;

wenn des geliebten namen sonst so gern
die lippe bildet und der griffel zieht
Göthe 9, 384 Weim.;

da sitz ich schon, den tintebetunkten griffel in der erwartungsvollen hand Nestroy 12, 8; so noch heute in schles. umgangssprache; wieder um eine stufe jünger,

[Bd. 9, Sp. 305]


erst im 19. jh. recht gebräuchlich, der schreibstift für die schiefertafel: eins soll zimlich dick von schiferstein sein, mit einem kleinen greiffel, so mit einem schnürlin an der tafel hanget Sebiz feldbau (1580) 473; dasz Teteus gewöhnlich mit einem griffel auf schiefertafeln calculirt Cramer Neseggab 1, 9; das schreiben musz .. zuerst mit dem griffel auf schiefertafeln versucht werden Pestalozzi 5, 172; daneben von jeder andern art des schreibens: Tyridates .. etliche schriften mit einem griffel in dieses marmor eingegraben ersehen (hatte) A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 6; man kratzte die hieroglyphen mit spitzen griffeln ein Becker weltgesch. 1, 105; ein guldîn griffelîn Flore 2358; ein glesîn grüfel Neidhart 48, 11; mit eim silberin griffel Keisersberg brösaml. 8b; schreib in die rinde mit eynem ährinen griffel Sebiz feldbau (1579) 338; ist von Römern ein stylus, schreibstiel oder eiserner griffel gebraucht worden Harsdörffer teutscher secretar. 1, Ccc viiib; (wachstafeln) worauf man mit einem eisernen oder beinernen griffel schrieb bibl. älterer schriftwerke d. Schweiz II 3, 8; baumblätter waren ihr papier, und spitzige hölzerne griffel ihre schreibfedern Meissner skizzen 2, 176.
2) werkzeug des künstlers, und zwar besonders der stift des zeichners oder malers: stylus pictorius Henisch 1743; im 18. jh. sehr gebräuchlich, zumal in der parallele pinsel und griffel: dasz sie sich die emulation lassen aufmuntern, die natur mit ihren federn so .. geschickt nachzufolgen, wie sie mit ihren delicaten pinseln und griffeln gethan haben discourse d. mahlern 1, 1; hier wollt ich nachstammeln der natur, mit meinem griffel aufs tuch hintragen maler Müller 1, 357; ich habe mädchen gekannt, die vortrefflich zeichneten, aber sobald sie frauen ... wurden, war es aus; sie ... nahmen keinen griffel mehr in die hand Göthe gespräche 5, 128 Biedermann; ich war der meinung, dasz ein kunstwerk nicht allein mit hülfe des griffels, pinsels oder meiszels .. darzustellen sei Pückler briefw. u. tageb. 13; so dasz .. dem maler sein inneres gemälde ungehemmt in die fingerspitzen, die den griffel und pinsel führen, übergienge Vischer ästhetik 3, 1, 11; diese formel meist in bildlichem gebrauch, s. u. 3 a; gern in wendungen wie: welche anmuthige grouppe hätte der vortreffliche griffel einer Wernerin nicht entwerfen können Gottschedin briefe 1, 244; dasz die feder eines Aretin und der griffel eines la Fage sich unvermögend hätten bekennen müssen, weiter zu gehen Wieland Agathon 2, 104; daher .. all das phantastische ... und zauberische des Schwindschen griffels in diesen blättern erscheint Stifter 14, 173; weiter: caelum, instrument des kupferstechers Chomel öcon. lex. 4, 1288; grabeisen, schroteisen, caelum, .. quo opifices aliquid sculpunt in aere, ligno, saxo Henisch 1743; fürsten .. setzten eine ehre darin, sich von seinem griffel auf ihren münzen abbilden zu lassen Wackenroder herzenserg. (1797) 30; vgl. die gedanken der gottheit mit dem griffel des bildenden künstlers in die tafeln der natur zu graben Fr. Schlegel im Athenäum 2, 3.
3) zu ausgebreitetem literarischen leben gelangt das wort in bildlichem gebrauch, der an die bedeutungen 1 und 2 anknüpft.
a) in gewissen mehr oder minder typischen verbalen verbindungen metaphorisch für schreiben und jede form literarischen oder künstlerischen schaffens; immer in poetischer oder wenigstens gewählter sprache; schon mhd. sich ankündigend:

daz ander teil hie ende hât:
mîn griffel an daz dritte gât
Thomasin 2528;

nimm den griffel und schreib, schreib was das volk dir sang
Hoffm. v. Fallersleben 6, 230;

dann greif ich zum griffel rasch und wild
und male mit worten das zaubergebild
Heine 2, 57;

erhebend zu des tages feier
den griffel ernster wissenschaft
Rückert 1, 265;

ein andrer leget nicht so bald den griffel nieder,
doch mir ist alle schrifft, die stacheln führt, zuwieder
Canitz gedichte (1727) 92;

[Bd. 9, Sp. 306]


Busch hat seit längerer zeit den griffel niedergelegt Vischer altes u. neues 1, 126;

ach, meiner brust entsinkt der griffel,
wenn mordgier zur entmenschung schwärmt
A. W. Schlegel im Athenäum 3, 162,

beschämt lasse ich den griffel sinken und kann nur im nüchternsten zeitungsstyle .. berichten Gaudy 13, 81: besonders häufig in der wendung den griffel führen, die fast ausschlieszlich bildlich gebraucht wird; dabei schwebt bald der stilus scriptorius, bald der st. pictorius vor; seit dem 17. jh.:

kein so beregter geist, kein so begeistert regen
führt meinen griffel an
Morhof unterricht v. d. dtsch. sprache 1, 791;

dieser hat seine feder in .. drachenblut getaucht, jener (Tacitus) hingegen seinen griffel gantz aufrichtig geführet Butschky Pathmos 496; (epigramme) in denen sie (die liebe) .. den zeichnenden griffel führte Herder 15, 361; dasz bei diesem abrisz nicht der lohn, sondern wahrheit den griffel führt J. v. Voss milit. laufbahn 244;

recht! ich will den griffel schärfen
und dir dein verlohrnes gut,
deiner gattin werth, entwerfen
Gottsched ged. (1751) 137;

die meisten spitzten sich den griffel kluger schriften,
den toderblaszten ruhm, sich selbsten dank zu stiften
Neidhard bei
Gottsched versuch e. crit. dichtkunst 283;

obgleich ein Zoilus den griffel an dir wetzet,
die miszgunst stellt sich stets zu unserm ehren-mahl
Besser schr. 2, 780 König;

verstand er doch so wenig vom innern organismus des menschlichen herzens, wie treffend sein griffel es sonst immer nachzubilden wuszte Holtei erzähl. schr. 11, 195; kaum andeutend wagt der griffel luftgebilde dieser art zu bezeichnen Herder 22, 271; darüber hinaus in freiestem gebrauch: dasz er .. sich einen andern advokaten annehme als der war, durch dessen griffel er mich verklaget hat Laukhard leben u. schicksale 5, 107; mein griffel soll auch die poeten nicht schonen, die doch von andern für könige des Helikons ausgeschrieen werden Schwabe belustigungen 1, 68;

mein griffel wollte nur der wahrheit herold seyn
Gottsched ged. (1751) 1, 399;

Gottsched hat eine ausgesprochene vorliebe für ähnliche metaphern, vgl. neueste ged. (1750) 130; ged. (1751) 1, 190. 191. 219; dtsch. schaub. 6, 57; meisterhafter versbau zeichnet auch sie (die dramen) wie alles, was Platens griffel gleichsam in erz gegraben, wunderbar herrlich aus Holtei erz. schr. 38, 182; in ausgeführtem vergleich oder bilde: der hailig Chrysostomus hat den poeten Aristophanes alls für einen griffel teglichs in seiner hand gehapt und alle seine reden nach im geformt und gespitzt Reuchlin augensp. xib;

und liesz sich keinen rum des zeitenbuchs belieben,
den Mavors griffel nicht mit blut hineingeschrieben
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 58.


b) mit dem 18. jh. stellt sich ein bildlicher gebrauch ein, der durch ein beigefügtes adjectiv besondere arten und formen literarischen und künstlerischen schaffens characterisiert: du hast die güte sie (die gesänge), den kritischen griffel in der hand, zu durchgehen Göthe IV 10, 111 Weim.; du kennst Leidenfrosts humoristischen griffel Gutzkow ritter v. geiste 3, 177; an den dichtungen des alterthums bildeten sich poeten in antiker weise; mit leichtigkeit führten sie den römischen griffel, aber für die deutsche sache Gervinus gesch. der dtsch. dichtung 2, 261; hier müssen wir .. den elenden griffel des stümpers beklagen allg. dtsch. bibl., anh. zu 13—24, 1456;

was mein leichter griffel entwirft, ist leicht zu verlöschen
Göthe 1, 298 Weim.;

wär ich zugegen gewesen, als die vergleichspunkte entworfen wurden, wohl möglich, dasz einige von ihnen ein schärferer griffel niedergeschrieben hätte Meissner

[Bd. 9, Sp. 307]


Alcibiades 4, 112; die naturwahrheiten seiner gemälde scheinen uns nachlässig mit grobem griffel hingeworfen Gervinus gesch. d. dtsch. dichtung 5, 33; dasz man höchstens mit ungewissem griffel einige kategorien ... zu umreiszen suchen wolle Vischer ästhetik 2, 208; seltener substantivische attribute: die kühnen bilder des korans ... mit dem glühenden griffel der begeisterung hingezeichnet Klinger 4, 15;

hingeschrieben
mit dem griffel des blizes
Schiller 1, 274.


c) gewisse formen bildlichen gebrauchs gehen auf Luthers bibel zurück: die sunde Juda ist geschrieben mit eisern griffeln, .. und auf die tafel ires hertzen gegraben Jer. 17, 1; ah, das meine rede geschrieben würden .. mit einem eisern griffel auf bley Hiob 19, 24; derhalb Paulus nit unartig anzücht das das gsatz gottes mit dem finger und griffel gottes in aller menschen hertz geschriben sei Seb. Franck chronica (1531) 2b (vermischung mit Hebr. 8, 10; 10, 16); die thränen ... sind nicht schlechtes wasser, sondern griffel, die das unrecht dergleichen leute ... in das hertz der nachkommenden welt einschreiben Zend. a Zendoriis winternächte 518;

der seine lieb ins hertz mit eisern griffeln schreibet
Treuer deutscher Dädalus 1, 336;

die schöne zügeinerin ist mit einem guldenen griffel in mein hertz geschrieben Harsdörffer frauenz. gesprechsp. 2, 343; wir aber ... möchten mit ehernem griffel grundsätze in dein herz graben, welche der gefahr ewigen todes vorbeugen Raumer gesch. d. Hohenstaufen 3, 419; hier vielleicht anzuschlieszen fälle wie: betrachten sie mein blasses gesicht. die leidenschaften haben sich mit ehernem griffel hineingegraben; zur Hiobstelle vgl. wendungen wie: es sei ... diese kritik mit eisernen griffeln in metalltafeln eingeschrieben Steffens was ich erlebte 4, 268; qui Jhesum Christum pure praedicat, illius lingua ist ein griffel, quo scribit in corda hominum Luther 27, 155 Weim., vermengung mit ps. 45, 2: mein hertz tichtet ein feines lied, ... meine zunge ist ein griffel eines guten schreibers; eine viel citierte stelle; vgl. dazu: dasz keines redners zunge so fertig, die es könte aussprechen, noch keines dichters griffel so wol gespitzet, der es könte beschreiben Rist friedejauchz. Deutschland (1653) 225.
d) alt ist bildlicher gebrauch in der gegenüberstellung oder vergleichung von schreiber- und schwerthandwerk:

ouch was mir ie vil ger
für den griffel zuo dem sper,
für die veder ze dem swerte
Hartmann Gregorius 1590;

si (die ritter) wâren alle viere
tiurlîche schrîbære.
ir griffel wâren swære
Stricker Daniel 3544;

ob wol die sach nit mit degen oder spiessen entschayden wirt, so erstechen sy sich doch aneinander mit griflen, die mit gifft angestrichen seind Spalatin klage des frids (1531) C 1a;

ach schmolz der väter tugendkraft so weich,
die ernst wie Rom so schwert als griffel führten
Fr. v. Schlegel 10, 11;

frühling! frühling! der griffel wird zur klinge,
die mutig die verjüngte welt befreit
Herwegh ged. e. lebendigen (1841) 89;

einen vormund .., der .. fähig war, für sie den degen des feldherrn und den griffel des gesetzgebers zu führen Mommsen röm. gesch. 2, 373.
e) jüngerer zeit gehört die bildliche wendung vom 'griffel der geschichte' an, auf der bekannten allegorischen darstellung beruhend: aber Klio, mit dem gerechten griffel, schrieb unsichtbare worte darauf (auf den leichenstein) Heine 3, 160; wie ist da die .. wahrheit auf den kopf gestellt! und zwar ganz offenbar, weil Klios griffel vom parteigeist gestohlen ... wurde Scherer kl. schr. 1, 41; allein, ich hoffe, der universalhistorie

[Bd. 9, Sp. 308]


griffel verewigt unsere unterhaltungen noch Cramer Neseggab 4, 504;

die thaten, die umstralt von fabelhaftem lichte,
die ferne nachwelt einst dem griffel der geschichte
kaum glauben wird
Gotter ged. (1787) 2, 320;

auf derselben vorstellung beruhen wendungen wie:

was in das buch mit ehrnem griffel schon
der genius der zeiten eingetragen
Chamisso 4, 55;

die meisten geschichtsschreiber haben den fehler gemein, dasz sie das volk, dem sie ihren griffel weihen, unvermerkt liebgewinnen Zschokke 2, 4; keine zeit aber hat den bewahrenden griffel nothwendiger gehabt als die gegenwärtige Steub drei sommer 1, 321; auch Urania führt den griffel: Urania durch den auf den globus hinweisenden griffel bezeichnet archäol. zeitung 1, 120 Gerhard;

die (himmelskunde) zeichnet rein den gang der sphäre,
ihr griffel regelt nacht und tag
Göthe 16, 303 Weim.


4) seit je auch, ohne die specialisierung von 1 und 2, ein spitzes oder scharfes instrument für die verschiedensten zwecke: griffel scalpellum, radula Wachter 614; griffel zum radiren Kramer teutsch-ital. (1700) 1, 559c; der umgekehrte schreibstift konnte diesem zwecke dienen: sie wissen, wie schwerfällig ich arbeite, und dasz ich mehr mit umgekehrtem griffel als mit dem spitzen ende desselben schreiben musz Hamann 1, 471 Roth; grieffel, zayger, stylus quo pueri monstrant literas Henisch 1743; griffel zum buchstabieren stecco, tocco da lettere Kramer teutsch-ital. a. a. o.; 'ein spitziges hölzchen oder ein draht, womit die kinder in den leseschulen die buchstaben zeigen' Adelung; ein chirurgisches instrument: und wann man das an dem falcken mercket, so sol man im die naslöcher mit ainem silbrin griffel oder nadeln uf prennen Mynsinger von den falken 23 lit. ver.; vgl. wundgriffel Steinbach 1, 639; 'allerhand chirurgische und anatomische instrumente' Chomel öcon. lex. 4, 1351; grabstichel des goldarbeiters Jacobsson technol. wb. 2, 143b; instrument des graveurs Beil technol. wb. 1, 261; wer in (balsam) vorn an ainen griffel tuo und in anzünd, so prinn er K. v. Megenberg buch d. natur 359, 32; vgl. 360, 3; do stach einer ein loch unden in die luzerne mit eime griffel städtechron. 8, 431, 4; die zweig, die sie setzen wöllen, spalten sie so weit als sie in den grund kommen sollen, und nemen mit einem griffel das marck herausz M. Herr feldbau (1551) 67a; fleckige (demant-)steine werden in splitter geschlagen, die man zu griffeln verwendet, womit man in glas graviert, glas schneidet, harte steine durchbohrt Oken allg. naturgesch. 1, 149; Lasa Thimrae, die einen lekythos und einen spitzen griffel, une espèce de stylet (nicht ein schreibzeug) hält Welcker alte denkm. 3, 538; beim drehen des griffels greift ein kleines zahnrad in zwei zahnstangen ein (fensterverschlusz) Karmarsch-Heeren 3, 406.
5) griffel, losz, zweigschosz calamus arborum ac vitium, teres particula ac virga, apta ad serendum in terra, vel quae ramo alicuius arboris inseritur Henisch 1743; Stieler 699; ebenso im mnl., vgl. Verwijs-Verdam 2, 2138; noch heute in westl. maa.: grefel pfropfreis Müller-Weitz 73; vgl.gröff edelreis lux. ma. 154b; hier scheint unmittelbarer zusammenhang mit lat. graffiolum surculus, taleola du Cange 4, 102b vorzuliegen.
6) in botanischer kunstsprache der mittlere theil der weiblichen befruchtungsorgane, der die narbe über den fruchtknoten erhebt; übersetzung von lat. stilus; früheste belege: der mittlere griffel ist zackigt und steht auch noch auf der jungen frucht Gottsched d. neueste a. d. anmuth. gelehrsamk. 3, 257; der griffelbau der pflanzen allg. dtsch. bibl. 69, 441; lexicalisch seit Adelung, Campe.
7) anatomisch: 'eine griffelförmige hervorragung an den knochen (stylus)' Campe; die rechte seite des unterkiefers .. ist auf eine so merkwürdige weise geschwunden, dasz der aufsteigende ast mehr einen zugespitzten griffel als einen breiten knochen darstellt Sömmering

[Bd. 9, Sp. 309]


bau des menschl. körpers 2, cii; vgl. zwei gegliederte griffel am hinterleibsende bei den moderkäferlarven Brehm thierl. 9, 60 Pechuel-Loesche.
8) gelegentlich scheint die bedeutung bestimmt durch substantiva ähnlichen klanges: griffel, m., eisernes, mehrzinkiges geräte Pfister nachtr. zu Vilmar 82 (vgl. greif, m., dreizinkige mistgabel sp. 10); griffel, f., etwas gabelspaltiges Woeste 36a (vgl. nd. grēpe, f. [sp. 10] und gaffel, f., mehrzinkige gabel).
 
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griffel- als erster compositionsbestandtheil zeigt sich besonders productiv auf zwei gebieten wissenschaftlicher kunstsprache: 1) in der botanik (vgl. griffel 6): griffelast, m. Schlechtendal flora von Deutschland 29, 126; griffelbasis, f. Röhling Deutschlands flora 2, 4; griffelblüthe, f. Oken allg. naturgesch. 3, 737; griffelcanal, m. Schlechtendal 9, 256; griffelfaden, m. Röhling 4, 676; griffelfortsatz, m. Schlechtendal 4, 184; s. auch an alphabetischer stelle; griffelfusz, m. Röhling 1, 40; griffelkappe, f. Illiger thier- und pflanzenreich (1800) 376; griffellos, adj. Schlechtendal 2, 124; vier kleine .. staubfäden befruchten .. den rundlichen, griffellosen fruchtknopf Zschokke 11, 118; auch als gattungsbezeichnung: griffellose agyneia Nemnich wb. d. naturgesch. 210; griffelpolster, n. Schlechtendal 27, 212; griffelpolstrig, adj. Röhling 1, 152; griffelsäule, f. 1, 40; griffelsäulig, adj. 3, 479; griffelschenkel, m. Schlechtendal 29, 47; griffelspitze, f. Oken 3, 3, 1629; griffelzipfel, m. Röhling 1, 413. 2) in der osteologie (vgl. griffel 7); die ausdrücke knüpfen fast ausschlieszlich an den processus styloides des schläfenbeins an und tauchen im ausgehenden 18. jh. auf, meist als grobe eindeutschungen lateinischer termini: griffelbein, -fortsatz s. an alphab. stelle; griffelkieferband, n. Sömmering bau d. menschl. körpers 3, 1, 184; griffelloch, n., auch griffelzitzenloch foramen stylomastoideum Sömmering 2, 55; Ersch-Gruber I 91, 57; dazu griffellochpulsader stylomastoidea Sömmering 3, 2, 72; auch griffelzitzenschlagader Campe; griffelmäuslein, n. Schwan nouv. dict. 1, 790, dasselbe wie griffelmuskel, m., stylohyoideus, styloglossus Nemnich wb. d. naturgesch. 210; griffelschlund(kopf)muskel, m., stylopharyngeus Sömmering 4, 476; 2, xxi; griffelwarzenast, m. 5, 826; griffelzungenbeinmuskel, m., stylohyoideus 2, 58; griffelzungenmuskel, m., styloglossus ib.
 
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griffelähnlich, adj.: eine sehr bestimmte prismatische structur (gewisser schieferarten), vermöge welcher sie beym zerschlagen in griffelähnliche stücke zerfallen Oken allg. naturgesch. 1, 510. —
 
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griffelartig, adj., graphoides Kinderling reinigk. d. dtsch. sprache 176. —
 
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griffelbart, m., exotischer strauch, gynopogon Dietrich 4, 483. —
 
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griffelbaum, m., cercis, der judasbaum, salatbaum Nemnich cathol. 1, 950 f.; Schwan nouv. dict. 1, 790a; name nach κερκίς. —
 
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griffelbeere, f., altbezeugte, anscheinend vornehmlich alem. bezeichnung der preiszelbeere, vaccinium vitis idaea Grassmann 153 (schon bei Matthiolus kräuterbuch [1626]); Nemnich cathol. 3, 210; griffel-, gripfelbeere Pritzel-Jessen 424 aus Hotton thes. pytholog. (1695); grifeln, grifla ibid. (Graubünden); grīflen, f. Staub-Tobler 2, 722; grīfla, f. Bühler Davos 1, 41; grippli Grassmann 153 aus Durheim; in anderen gegenden für vaccinium myrtillus, heidelbeere Pritzel-Jessen 422 (Hessen); Chomel öcon. lex. 4, 1351; la myrsine Schwan nouv. dict. 1, 790a; seltener für andere pflanzen: vaccinium uliginosum, rauschbeere Staub-Tobler 2, 722; uva ursi, bärentraube ibid.; uva spina Stieler 119. —

 

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