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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
grieszwurz bis griffel (Bd. 9, Sp. 288 bis 304)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) grieszwurz, -wurzel, f., amerikanische pflanze, cissampelos pareira Schwan nouv. dictionn. 1, 789b; Nemnich 209; Oken 3, 2, 1243; zur sache besonders Dietrich 3, 114 f.; diente als heilmittel gegen steinbeschwerden.
 
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griete, f., beim schiffbau rippe zwischen den deckbalken Bobrik 319b.
 
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grietlich, -ling, s. grittlich, -ling.
 
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griff, m. , prehensio, tactus, pugillus, uncus. form.
1) griff ist verbalsubst. zu grîfan, grundbedeutung: das greifen; westgerm. als masc. *gripi-: ahd. -grif (in compositis); mnd. gripe, grepe, nd. grēp, grǟp; mnl. grepe, greep, nnl. greep; aengl. gripe, engl. gripe; nordgerm. als neutr. *gripa-: ält. dän. grib; norweg. grip; schwed. grep (anord. *grip fehlt); daneben steht ein germ. fem. *graipō, grundbedeutung anscheinend: das greifende ding: ahd. greifa bidens Graff 4, 319; mnd. nd. grēpe mistgabel; ebenso mnl. nnl. die beiden substantiva, zu denen noch ein germ. schw. masc. *gripan- kommt (aengl. gripa manipulus, pugillus; norweg. gripe greifende hand, pugillus; schwed. grepe griff, henkel), haben sich gegenseitig beeinfluszt: im nl. sind masc. und fem. infolge der formalen annäherung fast bis zur untrennbarkeit verschmolzen; im nd. scheint der unterschied grēp, m., griff, und grēpe, f., gabel, im ganzen noch intact (s. sp. 10 f. unter 2greif und unten II E 2); im hd. sind wieder vermischungen zu beobachten: es erscheint ein st. masc. greif gabel (s. sp. 10 f. 2greif); ferner griff als gabelförmiger hebel, also in der bedeutung des fem. (s. u. II E 2).
2) ob auch bei gewissen scheinbar rein dialectischen oder usuellen schwankungen in form und schreibung aufgesogene formen mit hereinspielen, sei zur erwägung gestellt; mehrfach erscheint griefe als länge: acc. ein grieffe: dieffe H. Sachs (s. u. II A 3 a); diesen griffe (: tieffe) Kehrein kath. kirchenlieder nr. 478, 38; die schreibung grieff ist häufig, namentlich im 17. jh. und besonders auf ostmd. boden; vor allem im schles., wo die form aus der ma. zu erklären ist (vgl. grieff: schlieff dormivit Logau sinnged. 100 lit. ver.); bei Opitz und Lohenstein reichlich zu belegen; noch Steinbach schreibt nur grieff wb. 1, 639; weiter des öfteren in druckwerken sächsischer herkunft: Mathesius Syrach (1586) 121a. 121b; V. Herberger (s. u. II B 1 c); Chr. Weise d. drei klügsten leute (1675) 127; Schütz hist. rer. pruss. (1592) 6, c ivb; Pape bettel u. garteteufel (1586) P 3 R. auf westd. boden fast ausschlieszlich in Frankfurter drucken (vgl. aus heutiger ma. grief Ruckert unterfr. 64); Kirchhof wendunm. (s. u. II B 4); volksb. v. dr. Faust (s. u. II B 2); Nigrinus von zäuberern (1592) 83. Corvinus fons latin. (1646) 81; sonst ganz selten: Guarinonius (s. u. II B 2); sing. auch grief Lohenstein Armin. (1689 f.) 2, 188b. 355b. 620b; Butschky Pathmos 405; höchst merkwürdig: bey den blutigen griefen Gerstenberg (s. u. II A 3 a). bedeutung.
wie in dem verbum greifen zwei verba verwandter, aber klar gesonderter bedeutung vereinigt sind, nämlich grîfan capere und greifôn palpare (vgl. sp. 14 f.),

[Bd. 9, Sp. 289]


ist auch beim substant. eine zwiefache richtung des sinnes erkennbar, wenngleich sich beim substant. noch entschiedener als beim verbum die bedeutung capere durchgesetzt hat.
I. an grîfen palpare, tasten, fühlen, sind anzuschlieszen
1) griff als gefühl, direct zur bezeichnung des 5. sinnes; bis ins 16. jh. ganz gebräuchlich:

sîn gesicht, sîn hœren und sîn mas,
sîn smak und grif kiusche was
W. v. Rheinau 38, 22 Keller;

(das bestimmen der mineralien) geschicht ... in viererley weg, als im gesicht, am griff, am geschmack und am gehörd Ryff spiegel (1544) 119b; die instrument der empfindtligkeit verletzen, als das aug von hällem glantz, ... den griff wenn etwas zu kalt oder zu warm ist Frisius dict. (1556) 274b; es ist finster und must schier nach dem griff schreiben Luther 23, 471 Weim.; (er) schosz im ritt, im tritt, im lauff, im sincken, nach dem augenmasz, im griff, nach des daumens absehen Fischart geschichtklitt. 284 neudr.; hier ist offenbar die im älteren nhd. nicht seltene bedeutung 'berührung' anzuschlieszen: tactus Diefenbach nov. gloss. 357b; und so man daruff greift, das das pferd den griff nit empfindet Mynsinger v. d. falken 76 lit. verein; lindharte marmolbrüstlein ... auf die prob der spanischen filtz, die nach palmenart vom griff nicht weichen Fischart geschichtklitt. 113 neudr.; die unholden lämend etwan lüt und vych, wenn sy dieselben nun anrüerend, streichlend oder inen griff gebend Staub-Tobler 2, 710 (quelle von 1569); dasz .. leuth gewest seien .. welche nur mit eim griff der schlangen stich geheilet und das gifft, so sie ein hand darauff gelegt, aus dem leibe gezoget haben Heyden Plinius (1565) 7 (serpentium ictus contactu levare solitos, hist. nat. 7, 2, 13); die brechung würdt erkant bey dem griff Braunschweig chirurgia (1539) 95a; so namentlich am griff 'beim berühren, anfühlen': aspera tactu rauch am griff Frisius dict. 1288a; die delphîn ... gespitzelt zungen haben scharpf und rauch an dem griff K. v. Megenberg buch d. natur 235, 21; der honig .. sei .. goldtgelb von farben, .. am griff klebrig und feyst Ryff confectbuch (1548) 2b; die leftzen .. kleiner und am griff härter Wirsung arzneibuch (1588) 541a; so under der haut am leib auflief ein harts gewächs, das sich nit bewegen liesz ... und wer am griff demselbigen glied gleich Paracelsus chirurg. bücher 619 B Huser; vgl. wâ das vel (des menschen) dik ist, dâ ist ez sleht und ains senften griffs K. v. Megenberg buch d. natur 24, 2; im 17. jh. erlischt dieser gebrauch; doch spürt man die nachwirkung noch spät: hiesige wolle, ich bitte hand ans werk zu legen .. die herren selbst aber scheinen nicht von hier zu sein und sich auf blick und griff .. nicht verlassen zu können Hippel lebensläufe 1, 9. in derselben bedeutung wurzelt der griff von geweben: 'ein kleidungsstoff hat griff, wenn er, indem man ihn durch die hand gleiten läszt, innere festigkeit bekundet, ohne gerade steif zu sein' Staub-Tobler 2, 710; alle diese operationen sind bestimmt, das ansehen und den griff der gewebe zu beeinflussen Karmarsch-Heeren 1, 171; eine art des appretirens, .. um .. den geweben griff und steifheit zu verleihen Lueger 5, 19; ähnlich vom mehl: kein müller soll das mel zäch und schlymerig machen, sonders uf den griff (wie mans nennt) malen Staub-Tobler 2, 710 (quelle von 1593).
2) griff als ausdruck der schlächtersprache: 'gewisse kennzeichen vermittelst des anfühlens und angreifens, woraus der schlächter beym einkauf die fleischigkeit, fettigkeit ... eines stücks vieh beurtheilet' Jacobsson technol. wb. 2, 152b;

ein feiszes (kalb) weisz ich fast wol zfinden,
gt am griff, schwr an der gwicht
Georg Binder in: schweiz. schausp. 1, 258;

vgl. DWB denn schon mehr als einer .. hatte mit eigentümlichem griffe meinen strotzenden mantelsack betastet, ungefähr wie die metzger thun, wenn sie ... ein stück rindvieh auf seine fettigkeit prüfen und ihm kreuz und lenden begreifen G. Keller 3, 116; sprichwörtlich: ein

[Bd. 9, Sp. 290]


stich und ein griff ist einem metzger erlaubt Fischer schwäb. 3, 833; s. u. II A 3 a; dann auch concret die entsprechenden stellen am körper des schlachtviehs; im schweiz. vorzugsweise der strich der haut vom bauche bis zwischen die hinterkeulen beim rindvieh Staub-Tobler 2, 710; sonst meist das stück fett zwischen den hinterkeulen in der nierengegend Schmeller 1, 991; Amaranthes frauenz.-lex. 688; die faistin oder griff von dem gemästen vich nit herauss zue schneiden Fischer schwäb. 3, 833 (quelle von 1553)
3) griff vom betasten der frauen; die analogie des verbums (II A 3, sp. 24) weist diesen gebrauch auf die linie palpare, obgleich das sprachgefühl der späteren zeit noch energischer als beim vorigen eine umsetzung auf die linie capere vorgenommen hat; schon ahd. concret anegrip secretum mulieris Graff 4, 318; besnîdet ... iwer hente von ubeln griffen spec. eccles. 20, 9 Kelle;

sô gap sie (die weibliche brust) griffe suoze
H. v. Türlin krone 23739;

die unkäuschen schinf haben mit halsen, kussen und bosen griffen Jelinek böhm. 332 aus Joh. v. Iglau; gripet ein mensche den anderen an in unkuschliker leve ... unde wolde he de unkuscheit also gerne don, mochte he de stede unde tyt dar to hebben als den grepe Schiller-Lübben 2, 144;

ein neuer liebender kömmt nicht mit vollen griffen,
es hiesse sonst: monsieur, ihr seyd zu ungeschliffen
Henrici ernst- scherzh. u. sat. ged. 1, 304;

wag es einmal mit unzüchtigem griff meinen leib zu betasten Schiller räuber 3, 1; denn der meister Holder ist auch auf mich zugekommen mit unvorsichtigen griffen O. Ludwig 2, 48. — auf weitere spuren der bedeutung palpare wird unter B 1 c gewiesen.
II. die von grîfen capere, fassen, ergreifen abgeleiteten bedeutungen wiegen seit jeher vor.
A. die thätigkeit des greifens.
1) ahd. nur im compos. anagrif Graff 4, 318 zu belegen; im mhd. voll entwickelt.
a) im eigentlichen sinn:

er (der löwe) hetem den schilt nâch genomn:
sîn êrster grif was alsô komn,
durch den schilt mit al den klân Parz. 571, 24;

wann ihr fein züchtig greifen wolt
und nicht zu geitzig in das golt,
so will ich euch ein griff erlauben
Fischart Eulensp. 443 Hauffen;

eine grosse glücksbude, da griff nun hinein wer wolte, es muste aber die person vor einen iedweden griff einen ducaten geben Chr. Reuter Schelmuffsky 102; indem ich die ärmel wieder hervorziehe, die meinen armen bei dem hohen griff etwas zu kurz geworden Brentano 5, 392; in jüngerer sprache öfter gesteigert zur bedeutung des gewaltsamen ergreifens, packens:

o arm und hände Jesu ...
umbfasset mich nit lind noch leisz,
darf euch der griff ermahnen:
starck heftet mich an seine brust
Spee trutznacht. (1649) 6;

was mir mit ungestümer hand
ein unerlaubter griff entwandt
Triller poet. betracht. (1750) 6, 348;

betracht' ichs recht, so gleicht die hand des menschen,
wenn sie die finger ausreckt, einer spinne.
ein griff — sie hält — und läszt nicht wieder los
Wildenbruch Karolinger (1898) 74;

dasz es (das thier) sich bald seinem griffe entwinden würde Ratzel völkerkunde 2, 29; legte sich hammer und zange zum griffe bereit Immermann 1, 123 Hempel; so wiederholen sich beim substant. bedeutungsschwankungen des verbums, s. greifen I B 3; sprichwörtlich:

fünf finger und ein griff ...
hat mehrmals schon ...
die rechnung ohne wirth gemacht (d. h. gestohlen)
Stoppe Parnasz (1735) 254;

anders: fief finger un een greep is de beste bewies ein handgreiflicher beweis ist der beste Schütze holst. 2, 70;

[Bd. 9, Sp. 291]


er nimmts im griff fährt unbesonnen zu, temere agit Staub-Tobler 2, 709; als technischer ausdruck: und soll darzu vor der entlichen tödtung ... der leib mit glüenden zangen gerissen werden, nemlich mit N. (so und so viel) griffen carolina art. 194; vgl. art. 130; händedruck: ich kannte dich, ohne von einer geheimen gesellschaft zu seyn, am wort, am griff, am schlage Herder 17, 131; in der liebe giebt es, wie in jedem geheimen orden, zeichen, wort und griff Hauff 3, 276; halb concret, der beutung E 1 nahekommend:

ein haus, ein landgut kann der kleinen habsucht stillen,
da stadt und länder kaum der grossen griffe füllen
Hagedorn 1, 56;

geht, nehmt meine zügel aus des alten manns griff Arndt 6, 224 Rösch-Meisner; gelegentlich auch als sichtbare spur des griffs: noch heute ist der griff (des versinkenden ritters, der sich am geländer festzuhalten suchte) auf dem eisen zu sehen Grimm dtsche sagen (1891) 1, 235.
b) in übertragenem gebrauch wesentlich erst im 19. jh.: was wunder, wenn er (könig Franz) da oft mit despotischen griffen dazwischen fuhr Laube ges. schr. 4, 141; niemand war sicher vor den griffen seiner polizei Treitschke dtsche gesch. (1897) 1, 218; der sing. gelangt zu prägnanterer bedeutung: jedes volk arbeitet nach seiner art. der griff, womit es die arbeit anfaszt Riehl dtsche arbeit 1; er (Rudolf v. Habsburg) war erprobt ... als führer von schnellem entschlusz und eisenfestem griff Freytag 18, 81; dem vor lauter nachsinnen ... der beherzte griff des verdichtens abhanden kam E. Schmidt in O. Ludwig ges. schr. 4, 4; besonders von einer maszregel, entscheidung, wahl, die kühn, überraschend, erfolgreich zugleich ist: alles grosze verlangt zu seiner behandlung eine gewisse kühnheit, einen 'griff' O. Ludwig ges. schr. 5, 447; allein wenn es (das bild) gegen die natur ist, so sage ich, es sei der kübne griff des meisters, wodurch er auf geniale weise an den tag legt, dasz die kunst der natürlichen nothwendigkeit nicht ... unterworfen ist Göthe gespr. 6, 110 Biedermann; dies (der renommist) ist das berühmteste unter seinen stücken; er hätte auch viel mehr recht gehabt, sich auf diesen griff etwas einzubilden als auf den Murner Gervinus gesch. d. dtsch. dicht. 4, 103; so namentlich glücklicher griff: weil sie ... auf der gränze des erhaben-poetischen ... steht, so will ... die darstellung mit einem glücklichen griff des geschmacks gehascht sein Göthe 48, 67 Weim.; es war ein unübertrefflich glücklicher griff Scharnhorsts, dasz er die wahl auf Blücher zu lenken wuszte Häusser dtsch. gesch. 9, 127; dieser gang ist für den genialen griff eines ächt analytischen kopfes anzusehen Hegel 3, 349; ähnlich: der seine ansicht aus ganz andern quellen, mit viel praktischerem griff ausgebildet hatte Gentz schr. 1, 230; etwas anders, mit hinneigung zu B:

der feine griff und der rechte ton
das lernt sich nur um des feldherrn person
Schiller Wallensteins lager 6.


2) stereotype präpositionale verbindungen; abgesehen von an (s. o. I 1) und mit wesentlich erst seit dem 18. jh.
a) griff nach präpositionen; am verbreitetsten ist mit, zu dem sich typische adjective gesellen:

du (leier), die sonst meine hand mit kühnem griff gerührt
Cronegk schr. (1766) 2, 219;

die unbequemen thatsachen der geschichte schiebt der idealist mit einigen kühnen griffen zur seite Treitschke hist. u. polit. aufsätze 1, 24; so packte er sie (die gans) mit sicherm griff am hals Hebel 2, 215 Behaghel; er wuszte nicht einmal unter den mustern der dichter mit sicherem griffe zu scheiden Gervinus gesch. d. dtsch. dichtung 3, 499; hielt ihm mit einem geschickten griff beide arme gegen den rücken zusammen Fouqué zauberring 1, 127; stieszen mit einem mächtigen griff die ... lanzen fest in die erde hinein Steffens was ich erlebte 8, 83; mit eisernem griff umklammerte ihm Ingo den arm Freytag 8, 99; er musz es ertragen, dasz

[Bd. 9, Sp. 292]


der kranke nerv seines gewissens mit rauhem griff berührt wird jahrb. d. Grillparzergesellsch. 8, 31; seit dem älteren nhd. häufig:

ich will dich mit eim griff umbbringen
Rollenhagen froschmeuseler (1595) D VIa;

mit einem griff
zergreif' ich den quark
R. Wagner 6, 89;

etwas anders: man könne ein katholisches mädchen von einem protestantischen mit einem griffe unterscheiden Nicolai reise durch Deutschland 2, 467; in derselben bedeutung nl. met éen greep woordenb. d. nederl. taal 5, 635; ich will auf einen griff so viel zu mir stecken, davon ich ein halbes jahr genug zu schiessen ... werde ... haben Zend. a Zendoriis winternächte (1682) 693; wie viele parapluie müssen sie machen, um 100 fl. zu profitiren — hier haben sie sie auf einen griff Bäuerle kom. theater 2, 77; ich ... machte den rantzen auf ... und langte im ersten griff einen seckel herauss Grimmelshausen Simpl. 139 ndr.; ebenso 28;

das steht Cleant nicht an, ...
der was er ohne müh und in dem ersten griff
nicht haben kan, verschmäht
Warnecke poet. versuch (1704) 39;

der alte Gram hatte sie auf den ersten griff Seidel Leber. Hühnchen (1899) 26; vgl. DWB du erlagst bey dem ersten griff Schiller 2, 97; unter den griff, unter dem ich dich hitzt hab, krieget ich dich dann kein zweits mal wieder Anzengruber 1, 119;

die bremse stöhnt laut unter starkem griff
Arent-Conradi-Henckell mod. dichterchar. 56;

seine hand löste sich von der kehle des kindes, welches sich unter seinem griffe wand Hauptmann bahnwärter Thiel (1892) 56; nd. to gräp zur hand, bereit Stürenburg 74a.
b) präpositionen nach griff; am häufigsten in:

steht uns ein griff oft in den glückstopf frey
Günther ged. (1742) 942;

und wenn eine ganze armee viele jahre mit blinden griffen in den schriftsack zubrächte Reimarus wahrheiten d. natürl. religion 126; Lasally ... sagte mit einem griff in die tasche Gutzkow ritter v. geiste 2, 340; es kann der griff in ein wespennest werden Alexis ruhe (1852) 1, 218; nach analogie von ins herz, in den busen greifen (s. sp. 36 f.): (der herr hat den ungetreuen haushalter entlassen): das ware ein grober griff in seinen busen Abr. a St. Clara etwas für alle 1, 245; zuweilen geschieht ein blick, ein grif in den eigenen busen Lichtenberg nachlasz 37, 26; das stumpfe küchenmensch aber antwortete: so bin nicht ich! ... ein eben so tiefer als wahrer griff in das menschliche herz, deren man bey diesem schriftsteller so viele findet Klinger 12, 20; Olga fühlte etwas wie einen kalten griff in ihr herz Gutzkow ritter v. geiste 6, 181; vgl.jenes nagen an dem eigenen herzen, was uns diese stücke (Z. Werners) verleidet, hängt mit diesem unwohlthuenden griffe in unser gefühl zusammen Gervinus gesch. d. dtsch. dichtung 5, 610; auch nl. een greep in het gemoed, het hart woordenb. d. nederl. taal 5, 636; jedes grosze werk musz mit einem vertrauensvollen griff in die zukunft begonnen werden Stifter 14, 285; 'eingriff' (vgl. greifen C 2 a, sp. 38):

dies verbrechen, das dem neuen griff
in unser recht erwünschten vorwand lieh
O. Ludwig 3, 130;

nach: sein erster griff war nach der auster in der patrontasche Gaudy 13, 88; der griff nach der Elbgrenze war ein gewaltiger Mommsen röm. gesch. 5, 52; jener griff nach der krone war dem zweiten geschlechte vorbehalten Laube 4, 211;

und eh auf einer dornenkrone schlief,
als einen griff nach einer goldnen wagte
Blumauer ged. (1782) 116;

[Bd. 9, Sp. 293]


feste formel, vgl. greifen B 1 b, sp. 33; schon war ich im grif nach der hand dieser lieben mutter, um sie zu drücken Hippel lebensläufe 1, 180; andere präpositionen seltener: so sind sie müde, satt und trübe, und der griff zum pistol liegt sehr nah Pückler briefw. u. tageb. 1, 305; indem er, durch einen griff an seine violette mütze, das zeichen zum abschiede gab Nicolai Seb. Nothanker 1, 161.
3) verbale verbindungen.
a) einen griff thun in schwankender bedeutung: aliquid comprehendere Steinbach 1, 639;

bald ein hurtiger schwartzer knab
an eine rant, noch fünf mit ihm,
das weib das kunte schwetzen nimm.
es mst zuvor thun einen griff
Fischart flöhhatz 13, 367 neudr.;

indesz, wie nahe es ihm (Pompeius) auch gelegt war, die weisze binde um seine stirn zu legen, ... als es galt den griff zu thun, versagten ihm abermals herz und hand Mommsen röm. gesch. 3, 192; zumeist mit der vorstellung des greifens in etwas: wie knde ich so gern einen sogtanen grif tn (in den schatz des heiles) Seuse dtsch. schr. 258, 14;

herr, thüet ein grieffe.
doch greuffet nicht zu dieffe
H. Sachs 22, 204 Keller-Götze;

er solt ein griff in das gelt thun, was er in den griff bekäm, das solt ihm verehrt seyn Zinkgref-Weidner teutscher nation weisheit 3, 73; so mag man in den sack einen griff unbesehens thun Olearius verm. reisebeschr. 66; auf dieser thätigkeit des greifens ohne zu sehen (vgl. greifen II A 2, sp. 24) beruht der blinde griff: man thue einen blinden griff in die vindicias meines autors Herder 3, 327; (gott) der freylich in seiner wahl keinen blinden griff thut Dannhauer catechismus milch 4, 522; vgl. Reimarus oben 2 b; auch im nl. een blinde greep woordenb. d. nederl. taal 5, 634; entsprechend ins, ans herz greifen (sp. 36 f. 40): er verdruckte seine ächzer bey den blutigen griefen, die diese obotritischen geyer in seinen busen thaten schlesw. lit. br. 24, 22 lit. denkmäler; es wäre von ihnen begehret worden, Turenne solte etwas anfangen, weil Torstenson dem feinde selbst einen griff ans hertze thun wolte Pufendorf kriegsgesch. (1688) 2, 153a; hemmend eingreifen, einen eingriff vornehmen (vgl. greifen C 2, sp. 38):

kein kreuz und trübsal ist so tief,
mein heiland thut darein ein griff,
führt mich heraus mit seiner hand
Joh. Heermann 67;

item soll keyner dem andern in seine förstliche gerechtigkeyt und wildbann eyn griff thun Sebiz feldbau (1579) 561; andere präpositionen seltener; mit vollem halse ruft jeder seinem glükke zu ..., strekket hertz und hand ausz, immer einen höheren grif nach demselben zu thun Schottel friedenssieg 9 neudr.; mit adjectiven (vgl. II A 1 b): wenn er nicht verrückt ist, ... so hab ich einen glücklichen griff gethan und mir einen unschätzbaren cameraden gewonnen Holtei erzähl. schr. 11, 319; du hast einen schlechten griff gethan, Lebrecht. dieses buch hättest du nicht mitnehmen sollen in gottes grünen wald 14, 117; damit (mit dem handbuch) habe ich einen guten griff gethan Gervinus an W. Grimm, briefw. 2, 60; anders: he dede enen goden greep er nahm nicht zu wenig, hatte dabei einen guten vortheil Dähnert 160b; nach I 2: aber der metzger will erst seinen griff thun, eh er einschlägt O. Ludwig 2, 339; vgl.

den ersten griff, den er (der metzger) ja thät,
den thät er nach frauen, ja frauen
Mittler dtsch. volkslieder 204;

im plural:

wer schyessen will, der lg und triff;
dann dt er nit die rechten griff,
so schüszt er z dem narrenschiff
Brant narrenschiff 73, 36 Zarncke;

fleiszig arbeiten:

gschafft und gschaut ... und viel griff than
Stelzhamer 2, 35 Rosegger.

[Bd. 9, Sp. 294]



b) griffe machen ist weniger entwickelt: beim herabklettern am tau musz man ... griffe machen Jahn 2, 70; er ... bebte und muszte an sich halten, dasz seine hände nicht griffe machten, irgend etwas zu vernichten Polenz Grabenhäger 1, 137; im sinne von I 3:

dasz Furbienus dir verspricht,
er wolle nicht mehr griffe machen
Hoffmannswaldau u. and. Deutsch. ged. 6, 304 Neukirch,

durch die bedeutung B gefärbt: er schämt sich im spiel der allerniedrigsten kunstgriffe nicht ... er hat hiebei das unglück, seine griffe sehr ungeschickt zu machen Hermes Sophiens reise 4, 322; lux. mit spielender formveränderung: griffo machen mausen Gangler 189; lux. ma. (1906) 154b.
c) zu griffe kommen herankommen, anfassen können, nur im nd.: er de lude konden to grepe komen, so brande dat dake ... af städtechron. 7, 402; etwas anders: to greep gaan hitzig zu werke gehn Berghaus 1, 609b; he geit mit mi to greep er geht hart mit mir um Schütze holst. 2, 70; dagegen passivisch: se scholen komen in de grepe alle erer jeghenere ihnen anheimfallen Schiller-Lübben 2, 144.
4) eigen entwickelt sich der gebrauch des wortes im mhd. in der reimmetapher kann sich die bedeutung bis zur bloszen umschreibung verflüchtigen:

ir rede süezekeite vol
unde ir schœner worte grif
hât under mines herzen schif
gezogen und gesenket
K. v. Würzburg Engelhard 2225;

want er vorbesichtic
was und gar intrichtic
in vil wîser sinne grif
N. v. Jeroschin 4835; vgl. 18809;

auf der andern seite ist eine concretisierung zu beobachten:

in sînem vanen stuont ein roch:
daz bedûte sinen wîten grif,
daz im diu erde unt diu schif
volleclîche gâben rîchen zins
Wolfram Will. 382, 3;

'umfang':

der künic, der si sande,
des hêrschaft hete wîten grif
Konr. v. Würzburg troj. 19409;

ir hete Acratôn genuoc,
diu âne Babylône truoc
ame grif die grœsten wîte Parz. 399, 19;

schlieszlich ganz concret 'bezirk': ein múli mit allem griffe, reht und buwe, so dar z hret zs. f. d. gesch. d. Oberrheins 16, 107 (quelle v. 1361); diese ... gut ... mit allen iren gebewen und griffen Fischer schwäb. 3, 833 (quelle v. 1371); später erstorben, nur im compos. begriff lebendig geblieben.
B. die art und weise, wie man greift; der gelernte griff, kunstgriff; weiterhin kniff, list, tücke; namentlich im 16. 17. jh. auszerordentlich verbreitet. dieselbe bedeutungsentwicklung auch im nl. und schwed.
1) auszugehen ist von den griffen einer verrichtung, eines handwerks.
a) bei einer schweren geburt sollen die hebammen die schwangere frawe zum bett verordnen und den ersten und besten brauch der schiebung an die hand nemmen, mit allen griffen, wie in dem ersten ... capitel dieses buch gelehret ... wirdt Ruoff hebammenbuch (1580) 87; der meyster sagt im (dem lehrling) nicht ... all griff, spitz und heymlicheyt des handwercks Seb. Franck sprichw. (1545) 1, 91a;

das ist auf sieden recht der griff
Fischart Eulensp. 266 Hauffen;

der weder art noch griff
zum steuern weisz
Opitz nach
Sanders;

so ist doch dieser grief auf leinwand zu mahlen so gemein Lohenstein Armin. (1689 f.) 2, 188b;

jetz schnitzlet er ihm bald ein schiff,
ein wäglein nach bestem griff
Spangenberg-Fröreisen griech. dr. 2, 208 lit. ver.;

[Bd. 9, Sp. 295]


dann auch in der sphäre des unsinnlichen die technik, methode irgend einer kunst:

in ewren ersten jahren
... habt ihr alsbald erfahren
den griff der rechenkunst
Opitz teutsche poemata 234 neudr.;

die Spanier seyn zimlich langsam auf den rechten griff der poesie gerathen Hoffmannswaldau getr. schäfer, vorr.; gte gewaltige griff im reden brauchen nervose dicere Frisius dict. (1556) 865b; es ist ein besondrer griff in der redekunst ..., den namen eines dinges nicht zu nennen, wenn man das ding selbst bey der hand ... hatte Bode Tristram Schandi 3, 67; ein groszer griff in der versification ist es, verwickelte constructionen ... auch im vers anzubringen Lichtenberg verm. schr. 2, 337;

wer wird uns ferner nun mit stiller griffe weisen,
gelehrtem unterricht, erfahrner weiszheit speisen
Treuer deutscher Dädalus 1, 126;

auch im 19. jh. noch, doch wird das wort dann wieder sinnlicher empfunden:

wie bald ist ein kleines
körbchen gemacht, wenn einer den grif nur tüchtig gelernt hat
Voss ged. (1802) 1, 27;

es wird auch nie eine lehrarbeit recht, wenn ein kind die augen nicht steif darauf hält, bis ihm der griff davon in die hand kommt Pestalozzi Lienh. u. Gertr. 3, 34; andere gehen darauf aus, den geist der kunst ... auf mechanische griffe herunterzusetzen A. W. Schlegel 9, 15; geringere talente glauben immer, es käme nur auf griffe an, welche die groszen meister zufällig entdeckt hätten H. Grimm Michelangelo 2, 5; und mit welcher gewandtheit, die jedes griffs sicher ist, hat der künstler ... Justi Winckelmann 1, 256.
b) speciell technischer griff in der handhabung der waffe: dieser griff und gegenwurf hat wol ein feines ansehen, kan aber leichtlich untüchtig und falsch seyn von der lanze gesagt Reutter v. Speir kriegsordnung 81; der paradeschritt taugt nichts, die griffe bleiben falsch Fontane I 6, 11; wie da die griffe klappten 49; es ist nicht ein griff seit 1812 zugesetzt worden Wilhelm I. militär. schr. 1, 344; griffe kloppen soldatenspr.; zur sache vgl. Poten handwb. d. militärwiss. 9, 157; ähnlich prägnant spricht der turner, der ringer von griffen; im bilde: er (Wagner) ist ein meister hypnotischer griffe, er wirft die stärksten noch wie stiere um Nietzsche I 8, 18.
c) hierher wohl etwas im griff haben, gründlich verstehen, völlig geübt sein (obgleich anknüpfung an griff I tactus nicht undenkbar):

wie luthenschlagen hab ichs im griff
Wickram 5, 127 lit. ver.;

du bereitest es artig und meisterlich als ein künstler, welcher alles im grieff hat Herberger magnatio dei (1607) 427; auch hatte ers im griff, durch leichte bauliche veränderungen die wohnungen um ein kämmerlein ... zu vergröszern G. Keller 6, 290; in jüngerer zeit wird die wendung wieder plastischer empfunden: ebenso hilft es mir nicht, wenn ich den winkel, in welchem ich das rasiermesser anzusetzen habe, ... wenn ich ihn nicht intuitiv kenne, d. h. im griff habe Schopenhauer 1, 98 Grisebach; was da vor wahrheiten mir vor augen stehn, und ich habs nicht so im griff sie in ihrer kraft zu erhaschen Bettina v. Arnim dies buch gehört dem könig 1, 66; in obd. und rhein. maa. heute noch allgemein: der N. hads ziderngspül im griff ist darin sehr geschickt Hügel 71; i hauns im griff wie der mezger im stich Birlinger schwäb.-augsburg. 201b; vielfach mit dem zusatz: er hats im griff wie der bettelmann die laus Fischer schwäb. 3, 833; vgl. Staub - Tobler 2, 710; Martin - Lienhart 1, 271a; Follmann 216b; Leihener cronenberg. 47b; lux. ma. (1906) 154b; Ruckert unterfränk. 64; auch md. und nd., doch meist mit veränderter, an A angelehnter bedeutung, wie auch die präpos. in durch andere ersetzt werden

[Bd. 9, Sp. 296]


kann: das hab ich im griffe ich greife das richtige (das rechte masz) ohne zu sehen Müller-Fraureuth 1, 442; he heft et im greppe as de pracher de luus 'er kann das geschwinde thun' Strodtmann osnabr. 76; 'er hat es geschwinde gefasset oder schnell erdacht' Richey hamburg. 80; mancher hat eine lügen im grif, wie der pracher die laus Reinicke fuchs (Rostock 1650) 213; he het se to grepe as de pracher de luus von jemand, der allzeit mit einer lüge bei der hand ist, brem. wb. 2, 544; he hadde dat upn greep er durfte nur die hand danach ausstrecken Dähnert 160b; vgl. schon bei Kirsch im griffe haben in numerato habere, cornucop. 2, 159a, ähnlich Steinbach 1, 639; wo die präpos. an erscheint (vgl. I 1), taucht auch im sinn die bedeutung I tactus wieder auf:

sie wissen ietz die rechten griff,
wa jeder sitz im narrenschiff,
und die rechten strassen find,
obschon einer wer blind,
das es dannocht het am griff,
wa ieder in den narren schliff
Murner luth. narr. 3939 Kurz;

die schlächter, wann sie schlachtochsen kaufen, habens am griffe wie viel ein ochse talck oder unschlet hat viehbüchlein 7; am (im) griffe haben etwas im gefühl haben, es beim greifen sogleich fühlen Campe; doch hat Steinbach in diesem sinne auch in: er hats im grieffe scit quantitatem ex tactu, wb. 1, 639; varianten: der schulmeister machte eine rechnung vor, die schüler sie nach, ... bis sie das nachmachen in griff bekamen Gotthelf ges. schr. 1, 124; so würde man durch die ... handhabung einen griff darauf kriegen allg. dtsch. bibl. 6, 106; weiter ab steht einen guten griff haben: er musz einen guten griff haben, ein gutes lied sowohl hervorzubringen als zu beurtheilen Bürger 133b; in technischer verengung vom gewandten setzer, der ein möglichst hohes resultat in der satzmenge erzielt; gegentheil: einen schlechten griff haben Klenz druckerspr. 49a.
2) doch frühzeitig verselbständigt und von jedem concreten ausgangspunkt losgelöst, wenn auch die erinnerung daran noch vorhanden ist: (der teufel) saget: hier kanstu zum herren werden, da ist ein reiches weib, treibe der liebe mit ihr ... ohn zweiffel ist mit diesem griff der Joseph in Egypten angegriffen worden Schupp schr. 516; mit solchen grieffen haben beinah allezeit die geistlichen den weltlichen herrn nach ihren gütern gegrieffen Spangenberg henneb. chron. (1755) 346; zunächst ohne tadelnden beigeschmack, 'kenntnis, kunst, mittel': ein unerfahrner kriegsmann, deme die kriegsvortheil und geheymbnussen, die lands, feld, strassen durchstrich und andere dergleichen grieff unbewust Guarinonius greuel d. verwüstung (1610) 109;

doch weil der himmel mir gelück allein gewähret
und nicht zugleich den griff dem glücke fürzustehn
Hoffmannswaldau getr. schäfer 147;

ich müszte durch griffe euere gemüter zu sänftigen mich bemühen Opitz Argenis 1, 737; ich sah dieses als einen griff an mir auf eine gute weise zu sagen, ich würde übergangen werden Lichtenberg briefe 2, 345; in der regel aber mit dem nebensinn des listigen, unfairen, betrügerischen (Hildebrand sucht den ursprung dieser bedeutung zu speciell im kampfleben, s. kunstgriff th. 5, 2701):

der heuchler praucht gleich diesen grieff:
mit süesen worten sich lest hören
H. Sachs 22, 366 Keller-Götze;

die geizigen iren nechsten mit täglichen aufsetzischen griffen betriegen Kirchhof wendunm. 1, 218 lit. ver.; jetz- und erkennest du die wunden meines hertzen, es ist zeit, dasz du deine kunst brauchest, alle deine alten steg und renck, alle liebliche und schmeichelhaftige wort und griff buch d. liebe (1587) 209c;

gewisz ein feiner grif! hört und bewundert ihn!
dasz man vorwürfe macht, vorwürfen zu entfliehn
Lessing 5, 118;

meynst du, vogt, wir mercken den griff nicht. er (der schloszherr) will das wirthshausrecht ins schlosz ziehen

[Bd. 9, Sp. 297]


Pestalozzi sämtl. schr. 1, 47; 'dergleichen diebes- und andre dergleichen griffe mehr sonderlich in einer wirthschaft im schwange gehen, davor sich aber ein hauswirth wohl vorzusehen hat' allg. haush. lex. 1, 621; noch heute im dialect: der steckt vollen griffe ränke Fischer schwäb. 3, 833; namentlich von kunstgriffen und ränken in politik und diplomatie: wie aber dieses fehl schlug, nam er einen andern griff vor die hand und liesz ... ein schreiben ... an den obercommendeur abgehen Chemnitz schwed. krieg 1, 455; es steckt aber dahinter ein nicht geringer politischer griff Leibniz dtsch. schr. 1, 194;

es hat der staatskunst griff manch volk ins joch gebracht
Schwabe belustigungen 5, 84;

in diesem regewerden der verachtung aller gewöhnlichen diplomatischen formen und griffe J. Grimm an Wilhelm briefw. 386; überaus häufig ferner in der geistlichen kampfliteratur (s. u. 3—5), gern auch von den schlichen des satans: das ist des diaboli griff, ut 'in occulto' Luther 17, 1, 55 Weim.; derhalben uns auch der getreue gott so treulich ... für desz teuffels grieffen ... wahrnet volksb. von dr. Faust 8 neudr.;

o griff des satans
Triller poet. betracht. 1, 300;

item das ist auch eyn gryff des eygennützes, das drey odder vier kauffleut haben eynerley odder zweyerley wahr unter yhren henden Luther 15, 308 Weim.;

in der stadt,
da eine von den grösten frauen
den griff der buhlerey mir wollen anvertrauen,
ich weisz es, was mein sinn von ihr gelernet hat
Hoffmannswaldau getr. schäfer 21;

bisweilen mit abgeschwächtem sinn als 'maszregel': auf das wir aber die sach mit recht angreiffen und, wie angefangen, hinausz füren, ist das der rechte natürliche griff, das bey nächtlicher weil ein yeder auf der gassen ein windtliecht tragen soll Lindener katzipori 64 lit. ver.; ja eben der griff oder verhüllen war für gott auch nicht ein gut werck sondern sünde Irenaeus Adam u. Eva (1570) S 5b; oder gefärbt als 'geheime absicht, zweck, grund':

das ich sytz vornan in dem schyff,
das hat worlich eyn sundren gryff,
on ursach ist das nit getan
Brant narrensch. 1, 2 Zarncke;

ich hab noch kain lust zu euerm haufen, weyl also rutzigs und reudigs durcheinander geet ... es hat auch sunst noch ein griff; ist der feel, ist es noch hohe zeyt H. Sachs 22, 68 Keller-Götze; L.: warumb blieb der Eberlin nit zu Rynfelden? Z.: do ist ein heimlicher gryff. pfaff N. und N. haben geldt und gutten wein Eb. v. Günzburg 3, 157 neudr.; eigen ist eine nur lexicalisch zu belegende bedeutung: id enim quasi caput et columen impensarum est das ist der recht hafft oder griff, der zu erkennen gibt, ob das gält wol oder übel angelegt seye Frisius dict. (1556) 253a; caput autem est hoc das ist das fürnemst, oder der rächt griff 189b; continens et firmamentum causae dicitur latine quod punctum litis decisorium vocant der recht griff, der fürnembst artickel oder hefft eines rechtshandels 322a; vgl. DWB haft m. 4, th. 4, 2, 130.
3) dem unfesten und sittlich indifferenten character des wortes entspricht es, wenn es in der regel durch attribute ergänzt wird.
a) von den typischen adjectivattributen bewahren einige die erinnerung an den sinnlichen begriff des subst., so vor allem das häufigste, geschwind (ziemlich beschränkt aufs 16. jh.): ambiguitates crocodilinae sophistische argument oder gschwinde griff der sophisten Frisius dict. 346a ; deren überauss geschwinde und bosshaftige griff vil teurer heiligen bey den alten erfaren haben Hedio chron. germ. (1530) Va; die warheyt hat ein einfeltige red und darf nit geschwinder griff oder umbschweyf der auszleger S. Franck sprichw. (1541) 2, 101b; seltener ohne tadel: eines solchen geschwinden griffs sollen sich

[Bd. 9, Sp. 298]


dise ... thier gegen den muscheln z ihrem forteil wissen zgebrauchen Heyden Plinius 368 (tanta sollertia animalium hebetissimis quoque est, nat. hist. 9, 30, 90); solche sprüche werden sie alle mit behenden griffen verdrehen Luther 28, 110 Weim.; mittler zeit nun erfuhr Evander von seiner Pamfilen täglich, was die vorige nacht unter ihnen vorgegangen, ja er wuste fast alle krumme calvinische griffe groszer klunkermutz (1671) 40; später wieder sinnlicher gefühlt:

ein weiser lebt, obgleich nicht krumme griffe
ihm geld und trost in schränk und kasten ziehn
Hagedorn poet. werke 1, 14;

ein blinder griff fallacia Er. Alberus dict. (1540) 89a (blind im sinne falsch, unrecht th. 2, 122); die papisten ... wollen ihr opfermesse ... mit listen und blinden griffen erhalten Luther 30, 2, 612 Weim.; weil wir nu hie so schönen gewaltigen text haben, so last uns fest daran halten und mit keinem blinden griff der vernunft meistern noch verfinstern ... lassen 28, 68; häufig bei Luther, vgl. Dietz 2, 167b; verborgener griff hat concretere bedeutung: 'versteckter mechanismus' (vgl. grifflein): in wölchem ... sehr vül wasserkunst, sonderlichen von verborgnen grüffen; do einer ettwan hinein geth ... hatt es seine grüf, das einer aller nass wüert Sam. Kiechel reisen 227;

auch war ein heimlich schlosz daran,
das kondt nicht öffnen jederman,
es hett verborgne griff zugleich
Spreng Ilias 191a;

fiengend in an mit subtilen griffen anzzepfen, kondten aber nichts von im erfaren Wickram 2, 69 lit. ver.; auss ursachen die lemures zu erkennen ist ein subtiler griff Paracelsus opera 2, 511 Huser; listige griffe namentlich im 17. jh. häufig: wie vielerley arten an schatzung und listige griffe, geld damit auszufischen, sie .. erdacht Breckling regina pecunia (1663) 10; die listigen griffe der clerisey Hahn einl. zu d. teutschen staats .. historie 2, 170;

der aber gewandert ist ein weil
und glernt hat frembde griff,
der weisz wie man der Venus pfeil
schiest
Hock blumenfeld 37 neudr.;

wie es beym dantz abgieng, allwo ich mancher künstlicher und vorteilhaftiger griff warnahm Grimmelshausen vogelnest 2, 397 Keller; ward er (der angreifer) durch einen sonderlichen künstlichen griff des hohmeisters ... anders wohin abgewendet Schütz hist. rer. pruss. (1592) 3, V ivc; einen betrüger, der mit sonderlichen griffen denen leuthen das geld aus dem säckel practiciren kan mediz. maulaffe (1719) 115; ich weisz einen guten grif, mit gott und predigern zu handeln gewissenh. priester (1694) 105; dasz der beste griff sei zu erhalten, was einer gern hab, dasz er einem jeden sage, was er gern höret Opel-Cohn dreiszigjähr. krieg 391; über rechten griff s. u. 4. 5.
b) andere attribute bezeichnen die sphäre der herkunft:

sophistisch griff, ränck, tück und stück
Fischart jesuiterhütl. 893 Hauffen;

du gost mit socratischen griffen um verzucket Pasquinus (1543) 131b; der verfluchte kerl! mit seinen juristischen griffen Gottsched dtsch. schaub. 5, 355;

ich tett ains mauls ain schwebschen griff
H. v. Sachsenheim mörin 5848;

(im selben sinn:

und tet ain tuck nauch schwebscher art 5855);

alle yhre bubenstücke, romische gryff und kunstleyn Luther 18, 255 Weim.; das sie sich von den frantzösischen griffen, die voll list und betrugs seien, weiszlich gehütet haben Achatius 144b;

baut er nur auf schlaue streiche, wälsche griffe, list und kunst
Schönaich Heinrich d. vogler (1757) 6;

auf böse rencke gedencken und auf juristen griffe Luther tischr. 334a; advocaten-, huren-, kunst-, liebes-, schelmen-, wortgriff Kramer teutsch-ital. (1700) 1,

[Bd. 9, Sp. 299]


559a; diebesgriff th. 2, 1095; hilpertsgriff th. 4, 2, 1332; th. 5, 2701.
4) oft erläutern parallel geordnete, synonyme oder sinnverwandte substantiva den begriff des wortes: das ist nichts denn ein falscher tuck und böser griff Luther 26, 584 Weim.; schalckeit und griffe 34, 2, 381; ja er hat ihre griffe und boszheiten vor unzehlig gehalten Arnold kirchen u. ketzerhist. 2, 194b; weil sie die rechte griff und renck nit drauf wissen Aeg. Albertinus zeitkürzer (1603) 61b; kam ihm zu sinn eine practick und grieff, von diesen beyden (einem liebespaar) eine beut zu erlangen Kirchhof wendunm. 2, 444 Oesterley; er erdenkt den list und griff Luther tischr. 326a;

der butz ist wider auf der ban,
braucht vil geschwindigkeit und griff
Fischart d. gelehrten d. verkehrten 1352 Kurz;

durch allerley schlupfwinckel und griffe den Frantzosen die pferde ... practiciren Hohberg georg. cur. aucta 3, 87b; ihre spitzfindigkeit, ihre griffe und hinterhalte Hippel lebensläufe 2, 439; unsre altvordern brauchten das wort finanz ... für böse griffe und kniffe zum übervortheilen Körte sprichwörter 101; in harmloserem sinne: wilche die rechte kunst und der rechte griff ist, aus aller not und angst zu komen Luther 19, 215 Weim.; vorzeiten haben die könige diesen griff und kunst gebrauchet Barth weibersp. (1565) D viib; durch was für griffe und künste sie (die stadt) gewachsen und bis noch im flor stehe Butschky Pathmos 491; diese koppelung bis ins 17. jh. nicht selten; vgl. DWB kunstgriff, das, im 18. jh. in schwang kommend, den ersatz des in diesem specialsinn absterbenden griff übernimmt; es ist gold ... durch einen so gar kleinen und ringen griff und weg der alchimia zu machen Paracelsus opera (1590) 6, 387; und gleich einen rechten feinen griff und mas zeiget, die schrift zu lesen und handeln Luther bibel 7, 464 Bindseil; (Clemens IV.) welcher schöne griff und mittel kont erfinden, gelt und gut zusamen zurasselen Fischart binenkorb (1588) 237b;

ich weiss die rechte griff und weiss,
mein gold machen behelt den preiss
Rollenhagen froschmeuseler (1595) N viib;

weysz ich noch kaum ein gesatz und griff, damit man gemainen landfriden beständiger ... mög erhalten S. Franck chron. Germ. (1538) 259b; die rächten gründ und griff eines redners Frisius dict. (1556) 82b; dis ist die regel und griff die schrift auszulegen Luther wider d. bapstum (1545) Vja; ich spür in historiis zwen griff oder vorteil, damit uns Teutschen der Türck so hart kriegt S. Franck chron. Germ. 154a; bisweilen nähert sich die bedeutung dem sinne 'erkenntnisz, einsicht' (vgl. greifen B 1, sp. 25): die juden hatten ein ... gesatz, die falschen propheten z tdten ... das haben sie nie an keinem falschen propheten vollstreckt, sonder allweg die rechten propheten darfür ergriffen ... es flt ihr (der welt) am griff und urtheil S. Franck paradoxa (1558) 34a.
5) stereotype verbalverbindungen: qui hoc potest facere, der hat den rechten griff Luther 28, 68 Weim.; ein ieder buchstab in der ebreischen sprache ein sonderliches geheimnüs ... in sich habe; aber den rechten grif hat noch keiner Zesen rosenmand (1651) A 5b; davon stehe nur bald ab, es ist nicht der gryff dazu (Bucer: nequaquam hac via assequeris quod venaris) Luther 14, 23 Weim; ähnlich 33, 106, 35; es gehört eyn ander griff datzu, die gewalt thuts nicht 11, 264; und aber so man mit dem rechten griff kompt, alsdann so scheid sich der tartarus in brentenwein Paracelsus opera 1, 55 A Huser; geschiehet wol oft, dasz es einem so sichs unterstehet, aber die rechte griff nicht weisz, also miszlingt Agyrtas grillenvertreiber (1670) 20; disen griff kondt C. Caesar Octavianus Stumpf Schwytzerchronik 171a; der meister hat grosz macht in dem kopf stecken, er gibt gute griff Keisersberg evang. (1517) 15b; ettliche subtile ... männer die haben die bewärung der evangelischen leer erfunden im sybende hausz der hymelschen figur, ... in welchem

[Bd. 9, Sp. 300]


winckel inen die Venus ein gryff hat geben Gengenbach 202 Goedeke; hette freilich der teufel kein neher noch mechtiger griffe erdencken können Luther 30, 2, 598 Weim.; bald erfand er aus der feldstreitkunst einen neuen grif die schlachtordnung zu stellen Zesen gekrönte majestät (1661) 38; lieber, wiltu ketzerey vertreyben, so mustu den griff treffen Luther 11, 269 Weim.; da hat der teufel eynen hübschen griff troffen, das er die leut von der schrift risse 12, 360; mit solchen griffen gehen sie umb Melanchthon in: corp. doctr. christ. (1560) 203; wo mit thut ers aber und was ist der griff, den er dazu braucht Luther 12, 571 Weim.; ebenso im schwed. bruka fina grep.
C. das, woran man etwas ergreift, die handhabe, der handgriff; jung, erst im 17. jh. häufiger; literarisch am weitesten verbreitet ist der griff der hieb- und stoszwaffen: ein ungewöhnlich groszes schwert mit langem griffe Hauff werke (1890) 1, 121; stach seinen degen ihm bisz an den griff ins hertze Lohenstein Armin. 1, 50a; langsam schritt er einher, die linke am griff der seitenwaffe Holtei erzähl. schr. 20, 96; bildlich: (Marduff:) ich bin der griff am schwert Müllner dram. werke 3, 197; vom messer: den griff hatt ich davon verlohren Schoch stud. leben (1657) E 4v; ein florentinischer dolch ..., von zierlich gearbeitetem griff Gutzkow ritter v. geist 2, 380; wie vertraut war die hand meiner väter mit diesen griffen an den lanzen Tieck schr. 11, 82; ist es gestochen, so musz das gewehr von der spitze nach dem griffe zu ... geschmieret werden Fleming vollk. teutscher soldat 356a; englische (gewehr) schäfte haben weder backe noch griff Karmarsch-Heeren 3, 453; den griff der andern pistole ... im kaftane haltend Stifter 3, 31; (den pfeil) faszt er sogleich mit dem griffe des bogens Vieth encyclop. d. leibesübungen 1, 135; des spatens griff Freytag 2, 100; lehnte sich auf einen kleinen stock von ebenholz mit rundem griff Laube 4, 35; der griff oder hals an besaiteten instrumenten Walther musical. lex. 380; vgl. lautengriff manico d'un liuto Kramer teutsch-ital. (1700) 1, 559b; legte ihre schere mit dem groszen und dem kleinen griff ... auf den tisch Auerbach 15, 33; dasz ... es unmöglich ist, die griffe (eines galvano-elektrischen apparates) loszulassen Seidel vorstadtgesch. 180; da ich eben den griff der thüre in die hand nahm Thümmel reise 3, 212; einen nachtriegel fand sie eben so wenig; es fehlte der griff desselben Holtei erzähl. schr. 3, 42; als technischer ausdruck: von vorn wird sie (die vene) durch die thymus und den griff des brustbeines bedeckt Sömmering bau d. menschl. körpers 3, 2, 298; in andern fällen mehr mit der vorstellung des henkelförmigen:

und in des schildes griff musz sich die linke fügen
Schiller 6, 378;

noch hab ich einen korb von mittelmäszger weite
mit einem deckel drauf und griffen an die seite
Dusch verm. werke 476;

eine rokokokommode, die mit schildpatt und groszen goldenen griffen .. ausgestattet war Fontane I 4, 109; verblaszt: seine bücher waren schwarz eingebunden. silberne griffe ..., das heiszt: der titel war mit versilberten buchstaben eingestochen Hippel lebensläufe 3, 237; unsinnlich wie handhabe:

beut den griff
dazu nicht dar, dasz man dich werfe
hin in die gassen
Herder 27, 150;

wenn men nit mit flattiere d' sach g'winnen chönn, so sei sie verloren; gesetzlichen griff hätte man keinen Gotthelf nach Staub-Tobler 2, 710; nd. greep handgriff Dähnert 160b; grepe, gripe handhabe Schiller-Lübben 2, 144; ansia eyn hantgrepe Diefenbach nov. gloss. 25b; ancilla, anxilla grepe ib.; grepe vel togel ut in januis Schiller - Lübben 2, 144 (quelle von 1445); grebb handhabe, henkel, öhr Schmidt-Petersen 53b; dagegen ist den obd. maa. diese bedeutung anscheinend von haus aus fremd; im schweiz. fehlend, im schwäb. 'mehr gebildet' Fischer 3, 833.

[Bd. 9, Sp. 301]



D. das, was man greift, als ungefähres masz: 'grif heisset so viel man mit allen fingern in einer hand fassen kann' allg. haush.-lex. 1, 621; schon das ahd. hat hantgrif für pugillus Isidor 19, 9 Hench; auch mhd. gelegentlich:

herze, dirst ze gâch.
volgest dû den ougen nâch
dâs ein schœne wîp ersehen,
sô verst in den sprüngen brehen
unde gedenkest 'heyâ, het ich disen goldes grif'
Neidhart 100, 35;

die wohlgenährten räte mit einem guten griff der kassengelder in der tasche Hauff 2, 61; einem vogt zuo Zürich süllen werden die buossen, so vor im erteilt werden, die griff salz und der boden wyn und nicht mer Staub-Tobler 2, 711 (quelle v. 1465); von jedem fass fisch bezahlte man 1 griff als zoll, ib. (quelle v. 1474); 'greepe sind in der pomm. haffordnung eine partey fische, welche bey der eisfischerey sich die bedienten und andre von einem zuge ohne entgelt anmassen' Dähnert 160b; ein grieff wolle hapsus lanae Steinbach 1, 639; ein armvoll abgeschnittener halme Campe;

hinter den mähern
sammelten knaben die griff' und trugen sie unter den armen
rastlos jenen hinzu
Voss Il. 18, 555;

(παῖδες δραγμεύοντες, ἐν ἀγκαλίδεσσι φέροντες,
ἀσπερχὲς πάρεχον Σ 555)

im forstwesen = spanne Adelung, in älterer sprache geradezu 'umfang': ist zu versehung solcher schedlicher unortnung (des schlagens von zu jungem holz) geortnet worden, das denen darzue verordneten ein gewise masz, so vil ieder paumb zum wenigisten an dem griff haben musz, zugestölt worden österr. weisth. 11, 407 (quelle v. 1600); vgl. griffig; beim nadler: 'diejenige menge von abgeschnittenen stücken oder drahtenden, soviel ein arbeiter davon auf einmal zwischen seinen fingern halten kann' Jacobsson technol. wb. 2, 152b; beim setzer: eine anzahl gesetzter zeilen Klenz druckerspr. 49a mit weiteren erklärungen; s. auch DWB griffchen; vgl. grips.
E. das, was greift.
1) von thierkrallen:

(der drache) fuorte mit im an den kampf
beidiu rouch unde tampf
und andere stiure ...
an zenen unde an griffen Tristan 9025;

frühzeitig beschränkt auf die klaue der raubvögel (vgl. fang):

sein griff so adeliche,
kain nachtegall fzz ward nie so gar geklenket minnefalkner 45;

und würt ynen (den adlern) der griff oder die klawen ynwerts gebogen Eppendorff Plinius 10, 140; in dem sie uns ... mahlen ... bald mit klawen und griffen, da wir doch weder adler noch greiffen sin Moscherosch gesichte (1650) 25; der grosze adler ... mit ungemein starken griffen Ritter erdk. 4, 52; noch heute ausdruck der jägersprache Behlen forst- u. jagdkunde 3, 497; auch übertragen für einen krallenschuh: pflegt man ihnen (den jagdfalken) einen griff (ist ein finger oder zähe wie ein lederner daumling) zu machen Harsdörffer poet. trichter 3, 191; unklar ist griff als jagdausdruck an folgender stelle:

man wolt nicht lokchen sprintzen
durch paizzen mit dem smalen griff
Suchenwirt xviii, 139.


2) eisenspitze am schuh oder vorn am huf von zugtieren, gegen das gleiten auf eis und schnee Fischer schwäb. 3, 833; Staub-Tobler 2, 711; Martin-Lienhart 1, 271a; da es auch glatt eiset, soll man die hufeisen der arbeitspferde mit scharfen griffen versehen allg. haush.-lex. 1, h 2b; fuszeisen mit zinken, die auf die absätze von bergschuhen genagelt werden Staub-Tobler a. a. o., grobe schuhnägel Martin-Lienhart a. a. o., vgl. griffeisen; hebel, der zum eingreifen in den boden unten mit einer eisernen gabel beschlagen ist Schmeller 1, 991; Fischer schwäb. 3, 833; das nd. hat in der bedeutung (mist)gabel in der regel ein fem. grēpe (vgl. sp. 10f. unter

[Bd. 9, Sp. 302]


2greif), doch sind die belege, namentlich aus älterer sprache, z. th. zweideutig: grepe ciragra (l. creagra) Diefenbach nov. gloss. 118a; tridens 371a; gloss. 596a; tridenarius gloss. 595c; vgl. gräp gabel mit drei zinken Stürenburg 74a; greep fischkesser Dähnert 160b; tasche Schütze holst. 2, 70.
F. griff in der sprache der musik vereinigt verschiedene bedeutungen:
1) urprünglich beim saiteninstrument das greifen der saiten, das den ton erzeugt; dabei liegt das gewicht bald auf der bloszen thätigkeit (griff A), bald auf der kunstfertigkeit des greifens (griff B):

er konde woll der engel griff (beim saitenspiel) Salman u. Morolt 2513;

(die laute) erlangt so viel mit künstlich griffen
als selbst die leut mit ihrem rffen
Fischart lob d. lauten v. 219 Hauffen;

die leyr durch die nägel oder andere instrument durch die schlahenden griff als vilfeltig underscheidliche mancherley stimmen ... zwegen bringen Ryff anatomi (1541) K via;

so leicht
als ein akkord dem griff des lautenspielers
steht euch mein geist nicht zu gebote
Schiller 5, 192,

die töne seiner griffe waren wie ein leises flüstern Heinse 4, 95; er lasse hören, ob er einen bessern meister gehabt hat, dann ich erkenne es balð am ersten griffe, was hinter einem steckt Weise d. drei ärgsten erznarren 202 neudr.; dann auch, mehr als terminus technicus, der griff der linken hand, der den ton variiert, indem er die saiten gegen den hals des instrumentes preszt: die ander art der saitenspiel: dye selben haben nit schlüssel, aber bünde und sunst gewise zile oder gemercke, do man sicher griff mag haben Virdung musica getutscht 10 neudr.;

(der violinist) leistet durch der griffe sicherheit
und seiner finger schnelligkeit
mehr als man menschen möglich dachte
Ayrenhoff 5, 52;

in diesem sinne auch von der flöte: dieser griff gibt C sol Agricola musica instr. 12 neudr.; doch findet dieser griff nur bey langsamer bewegung statt Quantz anw. d. flöte zu spielen (1789) 35; vom tasteninstrument: (der organist) musz ... in der linken hand ... rein anschlagen, als auch mit der rechten hand alle griffe, wie sie ihm vorgeschrieben Scheibe crit. musicus 415; bisweilen allgemeiner 'spiel': ich kenne einen menschen, der in seiner schweren kranckheit an dem lieblichen griff eines clavichordii tausendmal süssere erquickung empfunden Er. Francisci lust. schaub. (1698) 2, 430; häufigste verbale verbindung: (sie) that einen griff in die saiten Göthe 15, 148 Weim.;

doch klingt ein griff verwandter töne,
den gott in unsre harfen thut,
von je und jetzt in gleicher schöne
Brentano 2, 494

(hier klingt die bedeutung 2 an); nachdem er einige griffe auf der laute gethan Gerstenberg Ugolino, dtsch. nat. lit. 48, 266;

als ich nun den letzten griff fast auf rohr und pfeife tähte,
wie hastu dich dar betrübt
Stieler geharnschte Venus 12 neudr.;

nun that er noch einige lebhafte griffe auf dem clavier Fr. H. Jacobi werke 1, 128;

den poeten,
der keinen ton versteht und auf den heischen flöten
stets falsche griffe macht
Gottsched crit. dichtkunst (1751) 53.


2) vom vorigen nicht immer scharf zu trennen ist eine concretisierte bedeutung 'tonfolge, accord', sowohl als grifffigur wie als tonbild (vgl. D):

auch soltu weiter mercken darneben,
das die melodey des griffs wird gehört
und etwas lenger denn sonst gespört
Agricola musica instr. 70 neuar.;

[Bd. 9, Sp. 303]


gleicherweis die falschen griffe auf der lauten dem gehör verdrüsslich, die kunstmässige angenem sind Harsdörffer frauenz.-gesprechsp. 4, 209; welche (trias harmonica) man ... zu nennen pfleget: einen accord oder ... griff Heinichen generalbasz 120; arpeggiare ... gebrochen spielen, oder den vorkommenden griff nicht zugleich, sondern die in selbigem enthaltene noten eintzeln und nach einander anschlagen Walther musical. lex. 51; bey solchen mehrstimmigen griffen die beyden äussersten stimmen auf halben tönen gegriffen werden müssen Bach art d. klavier zu spielen 1, 36; nachdem sie die sanfte weise ... in vollen schönen griffen durchgespielt hatte Fouqué altsächs. bildersaal 4, 575; bisweilen fast = 'klang':

ihr leisen griffe! flieht gemach!
schlaget! locket!
Stoppe Parnasz 125;

wie die griffe rauschten
Denis lieder Sineds 188.


3) nach anderer richtung hin concretisiert (vgl.C): die stelle am hals des instrumentes, gegen die die saite zur erzeugung eines bestimmten tones gedrückt wird: der lauten ihre griffe mit bänden von darmseiten unterschieden seyn Baron instrument der lauten 153; (die cistra) hat beynahe die gestalt einer laute, aber einen längern in 18 griffe abgetheilten hals Walther musical. lex. 166.
 
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griffbequem, adv.: Sophokles, Euripides ... befanden sich griffbequem auf dem bücherbrett just dem sitzenden gegenüber Vischer auch einer 52, 55. —
 
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griffblatt, n., 'ein blatt, auf welchem durch zeichen deutlich dargestellt wird, wie die verschiedenen töne auf der flöte etc. am besten gegriffen werden' Campe.
 
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griffbrett, n., eigentlich 'ein schmales brett, welches so breit als der hals der violine ist und zum theil auf demselben ruhet, zum theil aber über den körper der violine selbst herüber raget' Jacobsson technol. wb. 2, 152b; doch auch schlechthin 'hals': ansa .. ist .. so viel als manubrium, oder das griffbret an einer laute und dergleichen instrumenten Walther musical. lex. 38; im aufsteigen wollen wir itzt den violinisten nicht nachklettern, die mit ihren fingern sich bis über das griffbrett hinaus verlieren Hiller anweis. z. gesang 36; während die kleinen finger aufs neue das griffbrett faszten, hub sie an und sang Storm 5, 271; bildlich: als er fühlte, dasz diese kleinen stahlringe gleichsam als fassung und griffbret seines herzens ihre erschütterungen zu seinen machen würden Jean Paul 7/10, 408 Hempel; dann auch 'tastatur': vom erkenntnisz des griffbretts an dem clavier Mattheson kl. generalbaszschule 68; griffbrett an einer orgel Helfft wb. d. landbaukunst 161; griffbrett der setzmaschine Hoyer-Kreuter technol. wb. 1, 312.
 
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griffchen, n., wie grifflein (s. d.) im sinne von griff II B kunstgriff; im 17. jh. nicht selten, doch harmloser und mehr als demin. empfunden:

wie schleunig der sie kan gewinnen,
der nur die rechten griffchen weisz
Stieler geharnschte Venus 37 neudr.;

kan liebe mich stumm reden lehren, ..
durch dieses griffchen wil ich machen,
das niemand unsre botschaft spührt königsb. dichterkreis 100 neudr.;

sieh, was er alles spinnet,
und zur verhinderung manch heimlich grifchen sinnet
Neumark fortgepfl. music.-poet. lustw. (1667) 2, 272;

ein griffchen tabak eine prise Campe (vgl. griff II D); anderes mehr gelegentlich: dennoch wurde ihme von mir ausser einem griffgen nichts erlaubet, als mit welchem er sich diesen abend muste abspeisen lassen jungfer Robinsone 83 (vgl. griff I 3);

mach von zinne mir die sichel,
giesz ein griffchen dran von messing
Bücher arbeit u. rhythmus 2238.


 
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griffe, f., kuh (stellenweise auch pferd) von dunkler farbe mit weiszer hautfalte am kniegelenk oder mit weiszen

[Bd. 9, Sp. 304]


streifen, flecken an den seiten des bauches Staub-Tobler 2, 719; Bühler Davos 1, 46; vgl. griff I 2.
 
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griffeisen, n., fuszeisen mit drei langen zacken, das auf die absätze von bergschuhen aufgenagelt wird Staub-Tobler 1, 539; Fischer schwäb. 3, 833; vgl. griff II E 2; im schwäb. auch grosze eiserne stange (zum aufladen) ib.
 
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griffel, m. , graphium, stilus. herkunft und form.
reindeutsche ableitung von grîfan (Wilmanns 2, 262) schon aus gründen der bedeutung unwahrscheinlich; vielmehr aus lat. graphium (gr. γραφεῖον) mit dem deutschen suffix -il der werkzeuge und geräthe gebildet, das auch das geschlecht bestimmt hat; die ausgangsform liegt vor in der glosse grauio zraf (l. graf) ahd. gl. 1, 255, 24 Weigand 51, 768; trotz griffel 5 (s. d.) kaum reinlateinischen ursprungs aus dem in der bedeutung 'schreibstift' anscheinend ungebräuchlichen graphiolum. vom selben grundwort ags. græf, afranz. grefe, mnl. greffie, griffie; vgl. griffe graphium Diefenbach 268c (ndrhein.). der vocal in ahd. grifil durch nachträgliche anlehnung an den stamm griff-; die echte form *grafil ('vox celtica, quae Cambris effertur crafel' Wachter 614) auf deutschem boden nur in unsicheren spuren: greffel graphium Graff 4, 312; kaum hierher aus modernen maa. krefl Martin-Lienhart 1, 271a; grefel Leihener cronenberg. 47b; greffel Hönig köln. 68a; vgl. mnl. griffel, greffel, greffeel; dän. schwed. nur griffel; gelegentlich gerundet zu grüfel Neidhart 48, 11; im älteren nhd. unter anlehnung an greifen gelegentlich greifel: mit eisern greiffeln Menius chronica Carionis (1564) 3, 235a; vgl. den ersten beleg aus Sebiz u. 1; in westlichen maa. bisweilen das griffel Martin-Lienhart 1, 271a; Follmann 216a; stellenweise auch fem. Leihener cronenberg. 47b, wie im mnl. zuweilen und im nnl. allgemein. wie das wort bis in die mhd. zeit ziemlich beschränkt ist auf den literarischen süden, lebt es auch in heutiger ma. wesentlich im obd., dazu in westmd. dialecten, und zwar in der bedeutung 'schieferstift', vgl. Schmeller 1, 991; Fischer schwäb. 3, 834 (stellenweise drieffel); Meisinger rappenau. 78; Staub-Tobler 2, 722; Martin-Lienhart 1, 271a; Follmann 216a; lux. ma. 154b; Leihener cronenberg. 47b; auch bei Fischer samländ. 53 als jröffel. thür. vertreten durch blei-, schieferstift Müller-Fraureuth 1, 442, nd. durch rekensticke u. ä. Adelung. bedeutung.
1) grundbedeutung: der stift des schreibers; grifil, grifel, criphil graphium, stilus Graff 4, 312; griffel graphium, graphius, graphus Diefenbach 268c. 269a; stilus, stilarium 552c; stigulus 552b; fragitida 245b; pugillaris griffel, pfryeme nov. gloss. 308a; also dero geblânetûn tábelun bûohstaba gerizzôt uuérdent mít kríffele Notker 1, 340, 9;

das vessel ist ain tevelein,
da schreybt man mit dem griffel ein
H. v. Neustadt Apollonius 16652;

bringe herausz ain griffel, ain wächsse taffel A. v. Eyb spiegel der sitten (1511) cc viiib; man könnte sagen, Schiller schreibe mit dem griffel in wachs, Goethe halte in seinen fingern ein bleistift zu leichten ... zügen J. Grimm kl. schr. 1, 390; nach jüngerem gebrauch auch für federhalter: grieffel stylus ... quibus in cera, in tabulis scribitur, penna, calamus, quo in papyro, in membrana Serranus synon. (1579) s. v.;

werft, musen, blatt und griffel hin
Schwabe belustigungen 3, 223;

alsdenn zeigte er ... schreibepapier, worauf sie mit griffeln schreiben leipziger avanturieur (1756) 2, 47;

wenn des geliebten namen sonst so gern
die lippe bildet und der griffel zieht
Göthe 9, 384 Weim.;

da sitz ich schon, den tintebetunkten griffel in der erwartungsvollen hand Nestroy 12, 8; so noch heute in schles. umgangssprache; wieder um eine stufe jünger,

[Bd. 9, Sp. 305]


erst im 19. jh. recht gebräuchlich, der schreibstift für die schiefertafel: eins soll zimlich dick von schiferstein sein, mit einem kleinen greiffel, so mit einem schnürlin an der tafel hanget Sebiz feldbau (1580) 473; dasz Teteus gewöhnlich mit einem griffel auf schiefertafeln calculirt Cramer Neseggab 1, 9; das schreiben musz .. zuerst mit dem griffel auf schiefertafeln versucht werden Pestalozzi 5, 172; daneben von jeder andern art des schreibens: Tyridates .. etliche schriften mit einem griffel in dieses marmor eingegraben ersehen (hatte) A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 6; man kratzte die hieroglyphen mit spitzen griffeln ein Becker weltgesch. 1, 105; ein guldîn griffelîn Flore 2358; ein glesîn grüfel Neidhart 48, 11; mit eim silberin griffel Keisersberg brösaml. 8b; schreib in die rinde mit eynem ährinen griffel Sebiz feldbau (1579) 338; ist von Römern ein stylus, schreibstiel oder eiserner griffel gebraucht worden Harsdörffer teutscher secretar. 1, Ccc viiib; (wachstafeln) worauf man mit einem eisernen oder beinernen griffel schrieb bibl. älterer schriftwerke d. Schweiz II 3, 8; baumblätter waren ihr papier, und spitzige hölzerne griffel ihre schreibfedern Meissner skizzen 2, 176.
2) werkzeug des künstlers, und zwar besonders der stift des zeichners oder malers: stylus pictorius Henisch 1743; im 18. jh. sehr gebräuchlich, zumal in der parallele pinsel und griffel: dasz sie sich die emulation lassen aufmuntern, die natur mit ihren federn so .. geschickt nachzufolgen, wie sie mit ihren delicaten pinseln und griffeln gethan haben discourse d. mahlern 1, 1; hier wollt ich nachstammeln der natur, mit meinem griffel aufs tuch hintragen maler Müller 1, 357; ich habe mädchen gekannt, die vortrefflich zeichneten, aber sobald sie frauen ... wurden, war es aus; sie ... nahmen keinen griffel mehr in die hand Göthe gespräche 5, 128 Biedermann; ich war der meinung, dasz ein kunstwerk nicht allein mit hülfe des griffels, pinsels oder meiszels .. darzustellen sei Pückler briefw. u. tageb. 13; so dasz .. dem maler sein inneres gemälde ungehemmt in die fingerspitzen, die den griffel und pinsel führen, übergienge Vischer ästhetik 3, 1, 11; diese formel meist in bildlichem gebrauch, s. u. 3 a; gern in wendungen wie: welche anmuthige grouppe hätte der vortreffliche griffel einer Wernerin nicht entwerfen können Gottschedin briefe 1, 244; dasz die feder eines Aretin und der griffel eines la Fage sich unvermögend hätten bekennen müssen, weiter zu gehen Wieland Agathon 2, 104; daher .. all das phantastische ... und zauberische des Schwindschen griffels in diesen blättern erscheint Stifter 14, 173; weiter: caelum, instrument des kupferstechers Chomel öcon. lex. 4, 1288; grabeisen, schroteisen, caelum, .. quo opifices aliquid sculpunt in aere, ligno, saxo Henisch 1743; fürsten .. setzten eine ehre darin, sich von seinem griffel auf ihren münzen abbilden zu lassen Wackenroder herzenserg. (1797) 30; vgl. die gedanken der gottheit mit dem griffel des bildenden künstlers in die tafeln der natur zu graben Fr. Schlegel im Athenäum 2, 3.
3) zu ausgebreitetem literarischen leben gelangt das wort in bildlichem gebrauch, der an die bedeutungen 1 und 2 anknüpft.
a) in gewissen mehr oder minder typischen verbalen verbindungen metaphorisch für schreiben und jede form literarischen oder künstlerischen schaffens; immer in poetischer oder wenigstens gewählter sprache; schon mhd. sich ankündigend:

daz ander teil hie ende hât:
mîn griffel an daz dritte gât
Thomasin 2528;

nimm den griffel und schreib, schreib was das volk dir sang
Hoffm. v. Fallersleben 6, 230;

dann greif ich zum griffel rasch und wild
und male mit worten das zaubergebild
Heine 2, 57;

erhebend zu des tages feier
den griffel ernster wissenschaft
Rückert 1, 265;

ein andrer leget nicht so bald den griffel nieder,
doch mir ist alle schrifft, die stacheln führt, zuwieder
Canitz gedichte (1727) 92;

[Bd. 9, Sp. 306]


Busch hat seit längerer zeit den griffel niedergelegt Vischer altes u. neues 1, 126;

ach, meiner brust entsinkt der griffel,
wenn mordgier zur entmenschung schwärmt
A. W. Schlegel im Athenäum 3, 162,

beschämt lasse ich den griffel sinken und kann nur im nüchternsten zeitungsstyle .. berichten Gaudy 13, 81: besonders häufig in der wendung den griffel führen, die fast ausschlieszlich bildlich gebraucht wird; dabei schwebt bald der stilus scriptorius, bald der st. pictorius vor; seit dem 17. jh.:

kein so beregter geist, kein so begeistert regen
führt meinen griffel an
Morhof unterricht v. d. dtsch. sprache 1, 791;

dieser hat seine feder in .. drachenblut getaucht, jener (Tacitus) hingegen seinen griffel gantz aufrichtig geführet Butschky Pathmos 496; (epigramme) in denen sie (die liebe) .. den zeichnenden griffel führte Herder 15, 361; dasz bei diesem abrisz nicht der lohn, sondern wahrheit den griffel führt J. v. Voss milit. laufbahn 244;

recht! ich will den griffel schärfen
und dir dein verlohrnes gut,
deiner gattin werth, entwerfen
Gottsched ged. (1751) 137;

die meisten spitzten sich den griffel kluger schriften,
den toderblaszten ruhm, sich selbsten dank zu stiften
Neidhard bei
Gottsched versuch e. crit. dichtkunst 283;

obgleich ein Zoilus den griffel an dir wetzet,
die miszgunst stellt sich stets zu unserm ehren-mahl
Besser schr. 2, 780 König;

verstand er doch so wenig vom innern organismus des menschlichen herzens, wie treffend sein griffel es sonst immer nachzubilden wuszte Holtei erzähl. schr. 11, 195; kaum andeutend wagt der griffel luftgebilde dieser art zu bezeichnen Herder 22, 271; darüber hinaus in freiestem gebrauch: dasz er .. sich einen andern advokaten annehme als der war, durch dessen griffel er mich verklaget hat Laukhard leben u. schicksale 5, 107; mein griffel soll auch die poeten nicht schonen, die doch von andern für könige des Helikons ausgeschrieen werden Schwabe belustigungen 1, 68;

mein griffel wollte nur der wahrheit herold seyn
Gottsched ged. (1751) 1, 399;

Gottsched hat eine ausgesprochene vorliebe für ähnliche metaphern, vgl. neueste ged. (1750) 130; ged. (1751) 1, 190. 191. 219; dtsch. schaub. 6, 57; meisterhafter versbau zeichnet auch sie (die dramen) wie alles, was Platens griffel gleichsam in erz gegraben, wunderbar herrlich aus Holtei erz. schr. 38, 182; in ausgeführtem vergleich oder bilde: der hailig Chrysostomus hat den poeten Aristophanes alls für einen griffel teglichs in seiner hand gehapt und alle seine reden nach im geformt und gespitzt Reuchlin augensp. xib;

und liesz sich keinen rum des zeitenbuchs belieben,
den Mavors griffel nicht mit blut hineingeschrieben
Weichmann poesie d. Niedersachsen 1, 58.


b) mit dem 18. jh. stellt sich ein bildlicher gebrauch ein, der durch ein beigefügtes adjectiv besondere arten und formen literarischen und künstlerischen schaffens characterisiert: du hast die güte sie (die gesänge), den kritischen griffel in der hand, zu durchgehen Göthe IV 10, 111 Weim.; du kennst Leidenfrosts humoristischen griffel Gutzkow ritter v. geiste 3, 177; an den dichtungen des alterthums bildeten sich poeten in antiker weise; mit leichtigkeit führten sie den römischen griffel, aber für die deutsche sache Gervinus gesch. der dtsch. dichtung 2, 261; hier müssen wir .. den elenden griffel des stümpers beklagen allg. dtsch. bibl., anh. zu 13—24, 1456;

was mein leichter griffel entwirft, ist leicht zu verlöschen
Göthe 1, 298 Weim.;

wär ich zugegen gewesen, als die vergleichspunkte entworfen wurden, wohl möglich, dasz einige von ihnen ein schärferer griffel niedergeschrieben hätte Meissner

[Bd. 9, Sp. 307]


Alcibiades 4, 112; die naturwahrheiten seiner gemälde scheinen uns nachlässig mit grobem griffel hingeworfen Gervinus gesch. d. dtsch. dichtung 5, 33; dasz man höchstens mit ungewissem griffel einige kategorien ... zu umreiszen suchen wolle Vischer ästhetik 2, 208; seltener substantivische attribute: die kühnen bilder des korans ... mit dem glühenden griffel der begeisterung hingezeichnet Klinger 4, 15;

hingeschrieben
mit dem griffel des blizes
Schiller 1, 274.


c) gewisse formen bildlichen gebrauchs gehen auf Luthers bibel zurück: die sunde Juda ist geschrieben mit eisern griffeln, .. und auf die tafel ires hertzen gegraben Jer. 17, 1; ah, das meine rede geschrieben würden .. mit einem eisern griffel auf bley Hiob 19, 24; derhalb Paulus nit unartig anzücht das das gsatz gottes mit dem finger und griffel gottes in aller menschen hertz geschriben sei Seb. Franck chronica (1531) 2b (vermischung mit Hebr. 8, 10; 10, 16); die thränen ... sind nicht schlechtes wasser, sondern griffel, die das unrecht dergleichen leute ... in das hertz der nachkommenden welt einschreiben Zend. a Zendoriis winternächte 518;

der seine lieb ins hertz mit eisern griffeln schreibet
Treuer deutscher Dädalus 1, 336;

die schöne zügeinerin ist mit einem guldenen griffel in mein hertz geschrieben Harsdörffer frauenz. gesprechsp. 2, 343; wir aber ... möchten mit ehernem griffel grundsätze in dein herz graben, welche der gefahr ewigen todes vorbeugen Raumer gesch. d. Hohenstaufen 3, 419; hier vielleicht anzuschlieszen fälle wie: betrachten sie mein blasses gesicht. die leidenschaften haben sich mit ehernem griffel hineingegraben; zur Hiobstelle vgl. wendungen wie: es sei ... diese kritik mit eisernen griffeln in metalltafeln eingeschrieben Steffens was ich erlebte 4, 268; qui Jhesum Christum pure praedicat, illius lingua ist ein griffel, quo scribit in corda hominum Luther 27, 155 Weim., vermengung mit ps. 45, 2: mein hertz tichtet ein feines lied, ... meine zunge ist ein griffel eines guten schreibers; eine viel citierte stelle; vgl. dazu: dasz keines redners zunge so fertig, die es könte aussprechen, noch keines dichters griffel so wol gespitzet, der es könte beschreiben Rist friedejauchz. Deutschland (1653) 225.
d) alt ist bildlicher gebrauch in der gegenüberstellung oder vergleichung von schreiber- und schwerthandwerk:

ouch was mir ie vil ger
für den griffel zuo dem sper,
für die veder ze dem swerte
Hartmann Gregorius 1590;

si (die ritter) wâren alle viere
tiurlîche schrîbære.
ir griffel wâren swære
Stricker Daniel 3544;

ob wol die sach nit mit degen oder spiessen entschayden wirt, so erstechen sy sich doch aneinander mit griflen, die mit gifft angestrichen seind Spalatin klage des frids (1531) C 1a;

ach schmolz der väter tugendkraft so weich,
die ernst wie Rom so schwert als griffel führten
Fr. v. Schlegel 10, 11;

frühling! frühling! der griffel wird zur klinge,
die mutig die verjüngte welt befreit
Herwegh ged. e. lebendigen (1841) 89;

einen vormund .., der .. fähig war, für sie den degen des feldherrn und den griffel des gesetzgebers zu führen Mommsen röm. gesch. 2, 373.
e) jüngerer zeit gehört die bildliche wendung vom 'griffel der geschichte' an, auf der bekannten allegorischen darstellung beruhend: aber Klio, mit dem gerechten griffel, schrieb unsichtbare worte darauf (auf den leichenstein) Heine 3, 160; wie ist da die .. wahrheit auf den kopf gestellt! und zwar ganz offenbar, weil Klios griffel vom parteigeist gestohlen ... wurde Scherer kl. schr. 1, 41; allein, ich hoffe, der universalhistorie

[Bd. 9, Sp. 308]


griffel verewigt unsere unterhaltungen noch Cramer Neseggab 4, 504;

die thaten, die umstralt von fabelhaftem lichte,
die ferne nachwelt einst dem griffel der geschichte
kaum glauben wird
Gotter ged. (1787) 2, 320;

auf derselben vorstellung beruhen wendungen wie:

was in das buch mit ehrnem griffel schon
der genius der zeiten eingetragen
Chamisso 4, 55;

die meisten geschichtsschreiber haben den fehler gemein, dasz sie das volk, dem sie ihren griffel weihen, unvermerkt liebgewinnen Zschokke 2, 4; keine zeit aber hat den bewahrenden griffel nothwendiger gehabt als die gegenwärtige Steub drei sommer 1, 321; auch Urania führt den griffel: Urania durch den auf den globus hinweisenden griffel bezeichnet archäol. zeitung 1, 120 Gerhard;

die (himmelskunde) zeichnet rein den gang der sphäre,
ihr griffel regelt nacht und tag
Göthe 16, 303 Weim.


4) seit je auch, ohne die specialisierung von 1 und 2, ein spitzes oder scharfes instrument für die verschiedensten zwecke: griffel scalpellum, radula Wachter 614; griffel zum radiren Kramer teutsch-ital. (1700) 1, 559c; der umgekehrte schreibstift konnte diesem zwecke dienen: sie wissen, wie schwerfällig ich arbeite, und dasz ich mehr mit umgekehrtem griffel als mit dem spitzen ende desselben schreiben musz Hamann 1, 471 Roth; grieffel, zayger, stylus quo pueri monstrant literas Henisch 1743; griffel zum buchstabieren stecco, tocco da lettere Kramer teutsch-ital. a. a. o.; 'ein spitziges hölzchen oder ein draht, womit die kinder in den leseschulen die buchstaben zeigen' Adelung; ein chirurgisches instrument: und wann man das an dem falcken mercket, so sol man im die naslöcher mit ainem silbrin griffel oder nadeln uf prennen Mynsinger von den falken 23 lit. ver.; vgl. wundgriffel Steinbach 1, 639; 'allerhand chirurgische und anatomische instrumente' Chomel öcon. lex. 4, 1351; grabstichel des goldarbeiters Jacobsson technol. wb. 2, 143b; instrument des graveurs Beil technol. wb. 1, 261; wer in (balsam) vorn an ainen griffel tuo und in anzünd, so prinn er K. v. Megenberg buch d. natur 359, 32; vgl. 360, 3; do stach einer ein loch unden in die luzerne mit eime griffel städtechron. 8, 431, 4; die zweig, die sie setzen wöllen, spalten sie so weit als sie in den grund kommen sollen, und nemen mit einem griffel das marck herausz M. Herr feldbau (1551) 67a; fleckige (demant-)steine werden in splitter geschlagen, die man zu griffeln verwendet, womit man in glas graviert, glas schneidet, harte steine durchbohrt Oken allg. naturgesch. 1, 149; Lasa Thimrae, die einen lekythos und einen spitzen griffel, une espèce de stylet (nicht ein schreibzeug) hält Welcker alte denkm. 3, 538; beim drehen des griffels greift ein kleines zahnrad in zwei zahnstangen ein (fensterverschlusz) Karmarsch-Heeren 3, 406.
5) griffel, losz, zweigschosz calamus arborum ac vitium, teres particula ac virga, apta ad serendum in terra, vel quae ramo alicuius arboris inseritur Henisch 1743; Stieler 699; ebenso im mnl., vgl. Verwijs-Verdam 2, 2138; noch heute in westl. maa.: grefel pfropfreis Müller-Weitz 73; vgl.gröff edelreis lux. ma. 154b; hier scheint unmittelbarer zusammenhang mit lat. graffiolum surculus, taleola du Cange 4, 102b vorzuliegen.
6) in botanischer kunstsprache der mittlere theil der weiblichen befruchtungsorgane, der die narbe über den fruchtknoten erhebt; übersetzung von lat. stilus; früheste belege: der mittlere griffel ist zackigt und steht auch noch auf der jungen frucht Gottsched d. neueste a. d. anmuth. gelehrsamk. 3, 257; der griffelbau der pflanzen allg. dtsch. bibl. 69, 441; lexicalisch seit Adelung, Campe.
7) anatomisch: 'eine griffelförmige hervorragung an den knochen (stylus)' Campe; die rechte seite des unterkiefers .. ist auf eine so merkwürdige weise geschwunden, dasz der aufsteigende ast mehr einen zugespitzten griffel als einen breiten knochen darstellt Sömmering

[Bd. 9, Sp. 309]


bau des menschl. körpers 2, cii; vgl. zwei gegliederte griffel am hinterleibsende bei den moderkäferlarven Brehm thierl. 9, 60 Pechuel-Loesche.
8) gelegentlich scheint die bedeutung bestimmt durch substantiva ähnlichen klanges: griffel, m., eisernes, mehrzinkiges geräte Pfister nachtr. zu Vilmar 82 (vgl. greif, m., dreizinkige mistgabel sp. 10); griffel, f., etwas gabelspaltiges Woeste 36a (vgl. nd. grēpe, f. [sp. 10] und gaffel, f., mehrzinkige gabel).

 

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