Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gratschen bis grätt (Bd. 8, Sp. 2060 bis 2063)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gratschen, vb., 'aufspüren, erwischen, ergreifen, plump, heftig oder hastig zugreifen'. seitenbildung zu grapschen (s. d.) wie auch seltenes gratsen 'scharren, raffen' Doornkaat-Koolman 1, 676 zu grapsen (s. d.), doch vgl. noch im schweizer. mehrfach bezeugtes ergrätsen.

[Bd. 8, Sp. 2061]


in älterer sprache, und schweizer. ausschlieszlich, in präfigiertem ergrätschen, ergrätsen, deren umlaut vielleicht unter einflusz von 1grätschen steht, mit welchem gratschen aber wahrscheinlich unverwandt ist (vgl. jedoch schweiz. id. 2, 814). bair. grátsch'n Schmeller-Fr. 1, 1017, vgl. Westenrieder gl. (1816) 216; grâtschen Schöpf Tirol 208, kärnt. grâtsch'n Lexer 122, schles. grâtschen Weinhold 29b, vgl. Jungandreas schles. zeitwortbildung 86, im posenschen gra(o)ttschen Bernd 80, aber auch ripuar. gratschen 'hastig an sich greifen, grapschen' rhein. wb. 2, 1367. literarisch und älter lexikalisch im 16. u. 17. jh. aus schweizer. quellen nur in der umgelauteten form ergrätschen, vom 16. bis ins 18. jh. umlautlos als gratschen im schlesischen nachweisbar: dass ir ein kleins völkli ergrätschen und damit die forcht in uns bringen wölltend (1532) in: schweiz. id. 3, 829; retracti, fugitui dicuntur quum reprehenduntur wider ergriffen, widerumb erschnappet oder ergrätst Frisius dict. (1556) 1158a; vgl. 1147a; bis er dich vberrasche oder bey einem öhrlein ergratsche Mathesius Jesus Syrach (1586) 122a;

wirstu einmal darob (über dem begraben) ergretst,
g'wiss wirst vergraben han den letzt(en) (1619) in: schweiz. id. 2, 829;

daz (obere handtuch) nihm du nicht in acht; nur nach dem obern gratsche
mit beyden fäusten es besudel vnd betatsche
Wenzel Scherffer d. Grobianer (1640) 42;

er scharrt, er gratscht, und greifft nach geld,
schnapfft nach den höllschen fliegen
Scheffler sinnl. beschr. (1677) 52;

Köhler schles. kernchron. (1714) 2, 721.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
grätschen, gratschen, vb. , auch in der nebenform krätschen (vgl. t. 5, sp. 2069). intensivbildung zu 1gräten (s. d.) und mit diesem seit dem 17. jh. in konkurrenz, die im bereich der hoch- und schriftsprache im 19. jh., wohl unter einflusz der turnersprache, zugunsten von grätschen entschieden wird. das wort wird zufrühest im 17. jh. belegbar. mundartlich ist es in den bedeutungen 'ausspreizen, unbehilflich, langsam, mit gespreizten (luxemb., schwäb.-augsb. auch 'mit krummen') beinen gehen' obd. und namentlich md. verbreitet, durchweg in umgelauteten und umlautlosen formen nebeneinander; nur das schweizer. scheint ausschlieszlich ä-formen zu haben. der vokal ist in der regel lang (vgl. auch H. Paul dt. gramm. 1, 169): grätschen (grátsch ún) Schmeller-Fr. 1, 1017; gretsch ún Lexer Kärnten 122; grâtsche (Oberinntal) grätschend gehen Schatz wb. d. Tirol. maa. 1, 251; grätschen I schweiz. id. 2, 829; gratschen, grätschen Fischer schwäb. 3, 804; grätzen Martin-Lienhart elsäss. 1, 287a; graitschen Follmann Lothr. 213; grätschen luxemb. ma. 152a; gratschen (neben gretschen u. a.) rhein. wb. 2, 1365; grätschen Crecelius oberhess. 433; graetschen (ae = a) Vilmar Kurhessen 135; gratschen Ruckert unterfränk. 64; grätschen Spiesz Henneberg 83; gratschen Hertel Thür. 109; jrātschen Liesenberg Stiege 117; grätschen J. H. Keller Thüring. waldgeb. 24; gratschen (krtšən, kräätšən) Müller-Fraureuth obersächs. 1, 4379; grätschen Anton Oberlausitz 8, 14; grâtschen Weinhold schles. 29b; grätschen Bernd Posen 49.
1) in der bedeutung 'die beine spreizen', auch 'spreizbeinig gehen'; durch Vieth und Jahn in die sportsprache gebracht und heute namentlich von da her geläufig: grätschen ... metonym. distendere pedes, divaricare Stieler stammb. (1691) 691; gräten, gräteln, grätschen, gratteln ... aprire, slargare ... divaricare ... mit den beinen gräten Kramer t.-ital. 1 (1700) 557b; grätschen ... so das hülfswort haben erfordert, und nur im gemeinen leben üblich ist, die beine aus einander sperren, imgleichen mit ausgesperrten beinen gehen Adelung versuch 2 (1775) 782. für Göthes sprachgebrauch vgl.: unsre miliz war doch noch ein lustig volk; sie nahmen sich was heraus, standen mit ausgegrätschten beinen da, hatten den hut überm ohr, lebten und lieszen leben (1788) I 8, 246 W.; so wird es ähnliche bewandtnisz mit dem Fallbachgeist bei Absam haben ..., der ... mit gegrätschten beinen über dem

[Bd. 8, Sp. 2062]


wasser steht Laistner nebelsagen (1879) 259; in dem andern (zimmer wanderte) der mann Clausz auf und ab ..., der hüne auf seinen breit gegrätschten beinen, mit der hand auf einer landkarte die ganze Ukraine zudeckend A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 117. wohl im anschlusz an den sprachgebrauch der älteren voltigierkunst (vgl. oben s. v. grätscheln) als term. techn. der turnersprache, zunächst in bezug auf das turngerät 'pferd': man nennt diesen sprung auf den voltigirböden den grätsprung oder grätschsprung, von gräten oder grätschen, einem alten worte, welches so viel heiszt, als die beine auseinander sperren Vieth encycl. d. leibesübungen 2 (1795) 263; grätschen ... heiszt die bewegung beider schenkel zu gleicher zeit nach beiden seiten Fr. L. Jahn w. 2, 39 Euler. in ironischer charakterisierung:

muszt dich (deutsches mädchen) keck emanzipieren
und mit kindlichem 'ätsch-ätsche'
über männer triumphieren,
muszt wie bombe und kartätsche
deine kräfte demonstrieren.
deutsches mädchen — grätsche! grätsche!
Ringelnatz es zwitschert eine lerche im kamin (1953) 31.


2) nur vereinzelt, entsprechend 1gräteln 2 (s. d.), in der bedeutung 'steigen, klettern': grätschen ... propr. gradus ascendere Stieler stammb. (1691) 691; gratschen ... 'klettern' rhein. wb. 2, 1365.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
grätschen, gratschen, vb., vgl. auch kratschen teil 5, sp. 2069, 'knirschen, knarren, knistern, krachen', schallnachahmende bildung, namentl. in obd. dialekten (vgl.gretsch ún Lexer Kärnten 122, gratschn, grâtschn, in Defreggen auch gretschn knarren Schatz wb. d. Tirol. maa. 1, 251, grätschen II schweiz. id. 2, 830, grätschen Martin-Lienhart elsäss. 1, 286, hierzu vielleicht auch gratschen Fischer schwäb. 3, 804 von einem wagen und einer alten schreibfeder, das Fischer auf 1grätschen bezieht), aber auch grätschen 'knirschen' wb. d. luxemb. ma. 152b. literarisch nur aus mundartlicher literatur:

aft hats bald anghöbt zu grátschen
schier zu krachen und zu knall'n
als wann die karfreitárátschen
samt der thurm war umergfalln bei
W. Pailler weihnachtslieder u. krippensp. 2 (1884) 178.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
grätschen, gratschen, 'grell schreien', s. DWB krätschen teil 5, sp. 2069.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
grätscher, m., 'jmd. der spreizbeinig geht'. zu 1grätschen (s. d.). im 17. u. 18. jh. lexikalisch bezeugt: grätscher divaricans vel distendens pedes Stieler stammb. (1691) 691; der grätscher, grätschbein, der einen solchen (d. h. grätschigen) gang hat Adelung versuch 2 (1775) 782. mundartlich im kärntn. (grätscher Lexer 122), schwäb. (grätscher Fischer 3, 805), fränk. (Sartorius Würzburg 49), thür. (Hertel 109) und rhein. (rhein. wb. 2, 1366) nachgewiesen.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
grätschig, adj., zu 1grätschen (s. d.), älter auch in den formen grätschicht, grätsicht und, wohl im anschlusz an 1gräten (s. d.), grätig, welche bildung aber neben grätschig nicht durchgedrungen ist und nur mundartlich in schwäb. grättig Fischer 3, 806, elsäss. grattig 'krummbeinig' Martin-Lienhart 1, 284b erhalten ist; jünger mundartlich gratschig 'krummbeinig, watschelig' rhein. wb. 2, 1367, grātschig luxemb. ma. 152: grätsicht ... einen grätschichten gang, einen grät- oder grätsch-gang haben Kramer t.-ital. 1 (1700) 557b; (man sagt) im gemeinen leben grätschig; einen grätschigen gang haben im gehen die beine aus einander sperren, im obd. grätig, grittächt(!) Adelung versuch 2 (1775) 782.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
grätschsprung, m., älter für grätsche (s. d.): man nennt diesen sprung ... den ... grätschsprung Vieth encyklop. d. leibesüb. (1793) 2, 263; nadel. gaffel. grätschsprung (seitensprünge) Fr. L. Jahn w. 2, 43 Euler.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gratsen, vb., s. DWB gratschen.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gratsparren, m., älter auch grad- und grathsparren. 'sparren des dachstuhls, welcher die walmkante eines daches bildet', im anschlusz an 1grat B 2 d β: anno

[Bd. 8, Sp. 2063]


1727 den 3. sept. abends um 5 uhr hat er abermahl in das münster geschlagen, unter der schlag-glocken an der seiten gegen mittag einen gratsparren entzwey geschlagen Elias Frick templum parochiale Ulmensium (1731) 60; dergleichen ('höltzer, die das dach an einem hause formiren helffen') sind die grad-sparren, welche zwey und zwey von dem balcken ... bis oben in den forst mit ihren spitzen zusammen lauffen Wolff mathem. lex. (1734) 1, 1159; Campe 2 (1808) 445a; gratsparren ... bei einem walmdach die ecksparren Mothes ill. baulex. 2 (1882) 519. in zutreffender glossierung?: der grathsparren ... in der zimmermannskunst, diejenigen sparren, welche den grat oder forst des daches bilden Adelung versuch 2 (1775) 781.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
gratstichbalken, m., im anschlusz an 1grat B 2 d (s. d.): gradstichbalken ... sind diejenigen balken einer balkenlage, in welchen die gradsparren einstehen Helfft wb. d. landbaukunst (1836) 159; Schönermark-Stüber hochbaulex. (1902) 89.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
grätt, f., s. 2gräte.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: