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grätschbein bis grätscher (Bd. 8, Sp. 2059 bis 2062)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) grätschbein, n., 'der im gehen die beine auseinander sperret' Schrader dt.-frz. wb. 1, 570. possessivkompositum (bahuvrihi, vgl. Henzen dt. wortbildung 84) zu 1grätschen, vb. (s. d.); nur lexikalisch, seit dem 17. jh., älter auch mit der 1gräten, vb. (s. d.) entsprechenden nebenform grätbein M. Kramer t.-ital. 1 (1700) 557b: grätschbein

[Bd. 8, Sp. 2060]


varus et vatius Stieler stammb. (1691) 124; grätschbein varo Kramer t.-ital. 1 (1700) 74c; grätschbein 'der einen solchen (grätschigen) gang hat' Adelung 2 (1775) 782.
 
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grätschbeinig, adj., 'mit gegrätschten beinen', zu 1grätschen, vb. (s. d.), älter auch grätschbeinicht M. Kramer t.-ital. 1 (1700) 75a, gratschbeinen Kramer hochniderteutsch dict. (1719) 2, 100b:

... plätschernd flosz da ein bach.
grätschbeinig über dem die männer bald
nackt stehn, sich waschen
Paul Ernst d. kaiserb. (1923) 1, 1, 285.

mundartlich für das thüring. (vgl. S. Kleemann nordthür id. 7c; Hertel Thür. 109) u. luxemb. (vgl. grâtsche' bèngtges Gangler Luxemb. 187) nachgewiesen.
 
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gratsche, f., seitenbildung zu grapsche (s. d.) wie vergleichbares gratschen (s. d.) zu grapschen, gratsen (s. DWB gratschen) zu grapsen. nur mundartlich, im ostmd. verbreitet, vgl.: grotše menschenhand Gusinde sprachinsel im poln. Oberschles. 168b; grôtsche, f., hand Weinhold schles. 29b; Bernd Posen 80.
 
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grätsche, f., als terminus der turnersprache zu 1grätschen, vb. (s. d.), für älteres grätschsprung (s. d.). literarisch zuerst bei Fr. L. Jahn greifbar: der grätschsprung oder die grätsche. stütz, hurten, grätschen. die hände stoszen ab und schnellen den körper hinüber, so dasz er auf der r(echten) seite des pferdes mit dem rücken gegen den s(attel) zur erde kommt w. (1884) 2, 46 Euler.
 
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grätscheln, gratscheln, vb., 'die beine spreizen, spreizbeinig, ungeschickt gehen, watscheln', seltener krätscheln. iterativbildung zu 1grätschen, (s. d.). literarisch seit dem frühen 17. jh. nachgewiesen: sind herr ... Grüttschreiber, Venediger, Prinz, Antorff abgestiegen, einen fuszsteig hinauf geklettert, der dann dermassen gefährlich abschüssig ... gewesen, dass sie sehr langsam, sonderlich Grüttschreiber, Venediger, Prinz mit solchem ach und zittern, seufzen und beten darüber 'gegrätschelt' und hernach berichtet, sie hätten zeit ihres lebens keinen gefährlichern gang gethan (1627) Zach. Allert tageb. 60 Krebs. terminologisch in der reitkunst der barockzeit: greif mit lincker hand an des sattels knopf, und mit rechter hand hinten an sattel, indem du auf des pferdes lincker seiten stehest, springe mit beyden füszen über den sattel, dasz dein lincker fusz auszerhalb des knopfs kömt, und dein lincker (lies: rechter) fusz auszerhalb des hintertheils an sattel, und du auf die rechte seite zu stehen komst, welches der gekretschelte sprung genennet wird J. G. Pasch kurtze, iedoch gründl. beschr. d. voltesirens (ca. 1660) 8; grätschen oder grätscheln die beine weit von einander setzen Rädlein europ. sprachsch. (1711) 405a. bei Steinbach dt. wb. (1734) 1, 635 als 'vox plebeja, quae in scriptis non adhibetur' gekennzeichnet, bei Campe 2 (1808) 445a als 'niedriges, aber doch nicht verwerfliches wort': da gratschelt's schon den steinweg herauf Sohnrey im grünen klee (1903) 89. mundartl. namentlich md. verbreitet, vgl. gerätscheln Crecelius oberhess. 1, 433; gratscheln rhein. wb. 2, 1366; grätscheln Hertel Thür. 109; grâetschele Kleemann nord-thür. id. 7c; jrātscheln Liesenberg Stieger ma. (1890) 93; gratscheln Müller-Fraureuth obersächs. 1, 437, grätscheln Knothe Markersdorfer ma. 44. wohl vom angrenzenden md. her: gratscheln Schambach Göttingen 68a; gratscheln aber auch bei Frischbier preusz. 1, 251a. —
 
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gratschelig, adj., zum vorigen: das thier war überaus häszlich; ein schwarzer, trächtiger nuszleib mit gelben und schwarzen punkten, und mit fingerlangen, gratschligen beinen Robe könig Og u. s. nachkommen (1839) 1, 97.
 
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gratschen, vb., 'aufspüren, erwischen, ergreifen, plump, heftig oder hastig zugreifen'. seitenbildung zu grapschen (s. d.) wie auch seltenes gratsen 'scharren, raffen' Doornkaat-Koolman 1, 676 zu grapsen (s. d.), doch vgl. noch im schweizer. mehrfach bezeugtes ergrätsen.

[Bd. 8, Sp. 2061]


in älterer sprache, und schweizer. ausschlieszlich, in präfigiertem ergrätschen, ergrätsen, deren umlaut vielleicht unter einflusz von 1grätschen steht, mit welchem gratschen aber wahrscheinlich unverwandt ist (vgl. jedoch schweiz. id. 2, 814). bair. grátsch'n Schmeller-Fr. 1, 1017, vgl. Westenrieder gl. (1816) 216; grâtschen Schöpf Tirol 208, kärnt. grâtsch'n Lexer 122, schles. grâtschen Weinhold 29b, vgl. Jungandreas schles. zeitwortbildung 86, im posenschen gra(o)ttschen Bernd 80, aber auch ripuar. gratschen 'hastig an sich greifen, grapschen' rhein. wb. 2, 1367. literarisch und älter lexikalisch im 16. u. 17. jh. aus schweizer. quellen nur in der umgelauteten form ergrätschen, vom 16. bis ins 18. jh. umlautlos als gratschen im schlesischen nachweisbar: dass ir ein kleins völkli ergrätschen und damit die forcht in uns bringen wölltend (1532) in: schweiz. id. 3, 829; retracti, fugitui dicuntur quum reprehenduntur wider ergriffen, widerumb erschnappet oder ergrätst Frisius dict. (1556) 1158a; vgl. 1147a; bis er dich vberrasche oder bey einem öhrlein ergratsche Mathesius Jesus Syrach (1586) 122a;

wirstu einmal darob (über dem begraben) ergretst,
g'wiss wirst vergraben han den letzt(en) (1619) in: schweiz. id. 2, 829;

daz (obere handtuch) nihm du nicht in acht; nur nach dem obern gratsche
mit beyden fäusten es besudel vnd betatsche
Wenzel Scherffer d. Grobianer (1640) 42;

er scharrt, er gratscht, und greifft nach geld,
schnapfft nach den höllschen fliegen
Scheffler sinnl. beschr. (1677) 52;

Köhler schles. kernchron. (1714) 2, 721.
 
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grätschen, gratschen, vb. , auch in der nebenform krätschen (vgl. t. 5, sp. 2069). intensivbildung zu 1gräten (s. d.) und mit diesem seit dem 17. jh. in konkurrenz, die im bereich der hoch- und schriftsprache im 19. jh., wohl unter einflusz der turnersprache, zugunsten von grätschen entschieden wird. das wort wird zufrühest im 17. jh. belegbar. mundartlich ist es in den bedeutungen 'ausspreizen, unbehilflich, langsam, mit gespreizten (luxemb., schwäb.-augsb. auch 'mit krummen') beinen gehen' obd. und namentlich md. verbreitet, durchweg in umgelauteten und umlautlosen formen nebeneinander; nur das schweizer. scheint ausschlieszlich ä-formen zu haben. der vokal ist in der regel lang (vgl. auch H. Paul dt. gramm. 1, 169): grätschen (grátsch ún) Schmeller-Fr. 1, 1017; gretsch ún Lexer Kärnten 122; grâtsche (Oberinntal) grätschend gehen Schatz wb. d. Tirol. maa. 1, 251; grätschen I schweiz. id. 2, 829; gratschen, grätschen Fischer schwäb. 3, 804; grätzen Martin-Lienhart elsäss. 1, 287a; graitschen Follmann Lothr. 213; grätschen luxemb. ma. 152a; gratschen (neben gretschen u. a.) rhein. wb. 2, 1365; grätschen Crecelius oberhess. 433; graetschen (ae = a) Vilmar Kurhessen 135; gratschen Ruckert unterfränk. 64; grätschen Spiesz Henneberg 83; gratschen Hertel Thür. 109; jrātschen Liesenberg Stiege 117; grätschen J. H. Keller Thüring. waldgeb. 24; gratschen (krtšən, kräätšən) Müller-Fraureuth obersächs. 1, 4379; grätschen Anton Oberlausitz 8, 14; grâtschen Weinhold schles. 29b; grätschen Bernd Posen 49.
1) in der bedeutung 'die beine spreizen', auch 'spreizbeinig gehen'; durch Vieth und Jahn in die sportsprache gebracht und heute namentlich von da her geläufig: grätschen ... metonym. distendere pedes, divaricare Stieler stammb. (1691) 691; gräten, gräteln, grätschen, gratteln ... aprire, slargare ... divaricare ... mit den beinen gräten Kramer t.-ital. 1 (1700) 557b; grätschen ... so das hülfswort haben erfordert, und nur im gemeinen leben üblich ist, die beine aus einander sperren, imgleichen mit ausgesperrten beinen gehen Adelung versuch 2 (1775) 782. für Göthes sprachgebrauch vgl.: unsre miliz war doch noch ein lustig volk; sie nahmen sich was heraus, standen mit ausgegrätschten beinen da, hatten den hut überm ohr, lebten und lieszen leben (1788) I 8, 246 W.; so wird es ähnliche bewandtnisz mit dem Fallbachgeist bei Absam haben ..., der ... mit gegrätschten beinen über dem

[Bd. 8, Sp. 2062]


wasser steht Laistner nebelsagen (1879) 259; in dem andern (zimmer wanderte) der mann Clausz auf und ab ..., der hüne auf seinen breit gegrätschten beinen, mit der hand auf einer landkarte die ganze Ukraine zudeckend A. Zweig einsetzg. e. königs (1950) 117. wohl im anschlusz an den sprachgebrauch der älteren voltigierkunst (vgl. oben s. v. grätscheln) als term. techn. der turnersprache, zunächst in bezug auf das turngerät 'pferd': man nennt diesen sprung auf den voltigirböden den grätsprung oder grätschsprung, von gräten oder grätschen, einem alten worte, welches so viel heiszt, als die beine auseinander sperren Vieth encycl. d. leibesübungen 2 (1795) 263; grätschen ... heiszt die bewegung beider schenkel zu gleicher zeit nach beiden seiten Fr. L. Jahn w. 2, 39 Euler. in ironischer charakterisierung:

muszt dich (deutsches mädchen) keck emanzipieren
und mit kindlichem 'ätsch-ätsche'
über männer triumphieren,
muszt wie bombe und kartätsche
deine kräfte demonstrieren.
deutsches mädchen — grätsche! grätsche!
Ringelnatz es zwitschert eine lerche im kamin (1953) 31.


2) nur vereinzelt, entsprechend 1gräteln 2 (s. d.), in der bedeutung 'steigen, klettern': grätschen ... propr. gradus ascendere Stieler stammb. (1691) 691; gratschen ... 'klettern' rhein. wb. 2, 1365.
 
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grätschen, gratschen, vb., vgl. auch kratschen teil 5, sp. 2069, 'knirschen, knarren, knistern, krachen', schallnachahmende bildung, namentl. in obd. dialekten (vgl.gretsch ún Lexer Kärnten 122, gratschn, grâtschn, in Defreggen auch gretschn knarren Schatz wb. d. Tirol. maa. 1, 251, grätschen II schweiz. id. 2, 830, grätschen Martin-Lienhart elsäss. 1, 286, hierzu vielleicht auch gratschen Fischer schwäb. 3, 804 von einem wagen und einer alten schreibfeder, das Fischer auf 1grätschen bezieht), aber auch grätschen 'knirschen' wb. d. luxemb. ma. 152b. literarisch nur aus mundartlicher literatur:

aft hats bald anghöbt zu grátschen
schier zu krachen und zu knall'n
als wann die karfreitárátschen
samt der thurm war umergfalln bei
W. Pailler weihnachtslieder u. krippensp. 2 (1884) 178.


 
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grätschen, gratschen, 'grell schreien', s. DWB krätschen teil 5, sp. 2069.
 
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grätscher, m., 'jmd. der spreizbeinig geht'. zu 1grätschen (s. d.). im 17. u. 18. jh. lexikalisch bezeugt: grätscher divaricans vel distendens pedes Stieler stammb. (1691) 691; der grätscher, grätschbein, der einen solchen (d. h. grätschigen) gang hat Adelung versuch 2 (1775) 782. mundartlich im kärntn. (grätscher Lexer 122), schwäb. (grätscher Fischer 3, 805), fränk. (Sartorius Würzburg 49), thür. (Hertel 109) und rhein. (rhein. wb. 2, 1366) nachgewiesen.

 

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