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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gratial bis grätig (Bd. 8, Sp. 2052 bis 2056)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gratial, n. entsprechend der neulat. bildung gratiale, im deutschen seit dem ausgehenden 17. jh. belegbar. gelegentlich in der schreibung grazial, vgl. Musäus volksmärchen 2, 111 Hempel; Jagemann (1799) 542. 1) 'vergütung, entgelt, honorar': dasz er (der arzt) sicher auf ein schönes gratial rechnen könnte Thümmel reise (1791) 7, 21; beide (buchhändler) meinen auch, dasz jetzt zwei louisdor schon ein ansehnliches gratial sei Görres ges. br. (1858) 2, 511; der papierformen-schneider, welcher Leibgebern silhouettirte, und statt des erhofften gratials mit gleichem schwarzbildnis, mit seinem eignen, ... beschenkt wurde Gaudy s. w. (1844) 24, 88. im frühesten beleg, im zusammenhang eines bildes, geradezu soviel wie 'zinsen':

das leben, das du hast, ist nur ein capital,
der himmel, der es lehnt, verlangt ein gratial.
die seelen werden nur auf zinsen angelegt,
je mehr man kinder hat, je mehr man zinsen trägt
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 6, 18.

2) 'dankgeschenk, erkenntlichkeit, dank': gevatter-essen ... heisset diejenige gasterey oder mahlzeit, so der kindtauffen-vater nebst seiner frau, an etlichen orten, wo man keine gevatterstücken (marzipan, backwerk) herum schicket, denen gevattern, so das neugebohrne kindlein aus der tauffe gehoben, statt des gratials giebet Amaranthes frauenz.-lex. 666;

und weil zu ihrer quaal
in magen nichts mehr ging, liesz ich zum gratial,
von meinem hofchirurg sie insgesamt clystiren spukereien d. teufels (1788) 19;

gratial ... ein dankgeschenk, eine belohnung, erkenntlichkeit, auch spöttisch: zum gratial noch vorwürfe bekommen Heinsius wb. d. dt. spr. (1818) 2, 522a; ein poetisches

[Bd. 8, Sp. 2053]


genie, ... welches sich im Erbherzog festkneipte, und welches wir honoratioren von Bützow vermittelst einer kollekte auslöseten und weiter spedierten, hat uns diesen vers ... als gratial zurückgelassen (1869) W. Raabe s. w. I 6, 350. 3) 'trinkgeld': dasz der bibliotheksdiener jeden morgen um 9 uhr zu mir käme, die früher empfangenen bücher abholte und meine neuern zettel empfinge. ich will bey meiner abreise (von Jena) recht gern diese bemühung mit einem kleinen gratial anerkennen Göthe IV 20, 326 W.; gratial eine erkenntlichkeitsbezeichnung. man sagt auch eine erkenntlichkeit schlechtweg; und in bezug auf geringe leute trinkgeld und biergeld Campe verdeutschungswb. (1801) 389. —
 
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gratialdorf, n.: 'gratialgüter und gratialdörfer sind solche güter und dörfer im Ermlande und in Westpreuszen, welche eigentlich zu den domainen gehören, von der landesherrschaft aber jemanden auf lebenslang unter gewissen bedingungen geschenkt worden sind, nach dessen tode aber der landesherrschaft wieder anheim fallen' Goldbeck topogr. d. königr. Preuszen (1785) 1, 66. —
 
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gratialgut, n., s. das vorige. dazu: wer aber beschreibt nun die grosze freude auf dem gratialgute (des klosters) Eichendorff s. w. (1864) 3, 306.
 
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gratias, n. , nach dem anfangswort lateinischer gebetstexte.
1) im eigentlich religiösen bereich.
a) vor allem als bezeichnung für ein gebet zum schlusz der mahlzeit, vgl. das auch in klöstern übliche gratias agamus deo sowie das gratias agamus domino in der praefatio des messetextes: ez sllen alle swester gemeinlich mit einander ordenlich z dische gan und von dische z dem gracias, uzzenemen die ligersiechen und die in dienent (1384) urk. z. schweiz. gesch. 2 (1900) 178; (ca. 1400) Hans v. Bühel königstochter v. Frankreich 5789 Merzdorf;

nach dem tisch so bis nit las,
sprich got ze dank das gracias liederbuch der Hätzlerin 278 Haltaus;

bei und seit Luther meist in deutlicher beziehung auf den übersetzungstext von ps. 106, 1; 107, 1 u. ö.: wie ein haus vatter sein gesynde sol lernen das benedicite und gratias sprechen (1529) Luther 30, 1, 323 W.; das gratias . also auch nach dem essen sollen sie gleicher weise züchtig und mit gefalten henden sprechen. danket dem herrn, denn er ist freundlich und seine guete weret ewiglich (1529) ebda 324; das gratias beten oder singen heiszt, das dankgebet hersagen, das danklied singen Campe verdeutschungswb. (1801) 389; mit verlaub, hochwürden, es wäre wohl an der zeit zum gratias Ina Seidel Lennacker (1938) 149. von daher geradezu für das ende einer mahlzeit:

bring uns auch fürs gratias rhin
ein glasz mit gtem gsirten wein
Wickram w. 5, 208 Bolte.

vgl. rhein. wendungen wie tösche alleroge ('aller augen warten auf dich') on gratias beim essen; no et gratias noə heəm komme nach dem essen rhein. wb. 2, 1365 mit weiteren redensarten.
b) bestandteil des gloria in der messe mit den anfangsworten gratias agimus tibi; nur in musikgeschichtlicher fachsprache für die komposition dieses textes zu belegen: nur nebenbei sei erwähnt, dasz die h-moll-messe auch entlehnte stücke enthält. das 'gratias' stammt aus der kantate 'wir danken dir' A. Schweitzer Bach (1948) 684.
2) für eine danksagung überhaupt:

darnach als Jesus Christ vernam,
das diese from gesellen (die pharisäer),
sich zanckten, über tisch zusam,
wol vmb die oberstellen,
er jhnen ein capitel las,
vnd sagt sowol das gratias,
dem wirt für allen gesten
B. Ringwaldt evangelia (1646) Ff 2b (vgl. Luc. 14, 7);

[Bd. 8, Sp. 2054]


wann du gewesen bist zu gast,
vnd dich sehr wol gefüllet hast,
so sag dem herren nimmer danck,
das halt ich für ein gten schwanck:
zeuch heim, mach nicht vil gratias
C. Scheit Grobianus 4709 ndr.; ebda 938.

auch als interjektion, soviel wie 'dank' oder 'dankeschön!': (Albert:) das (Breme) ist ein gescheidter mann, auf den ich vertrauen habe. (Breme:) gratias, gevatter Göthe I 18, 24 W.
 
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gratie, f., s. grazie.
 
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gratieren, vb., gradieren (nach radieren), 'gravieren, einritzen' aus franz. gratter (vgl. Littre dict. de la langue franç. 1, 2 [1863] 1922b), das seinerseits aus fränk. *kratton (woraus dt. kratzen) entlehnt ist (Bloch-v. Wartburg dict. ét. de la langue française 2289). nur vereinzelt im 17. jh. belegbar: was zu desz herrn unsterblichem lob auf versprochenen guldenen schaupfenning für ein sinnbild zu pregen oder zu gratieren (in der 1. auflage: gradieren) seyn möchte Harsdörffer frauenz.-gespächsp. 1 (1644) 300; radiren, ist so viel als auskratzen, ausschaben, auswischen. so wird aber auch diejenige arbeit auf kupffer genennet, welche mit scheide-wasser zu verrichten. der grund der platten wird mit warmem wachse überzogen, in selbiges darauf mit einer nadel die figur gerissen, und scheidewasser darauf geschüttet, auch endlich den groben stichen mit der nadel nachgeholffen; andere heissens auch gradiren Hübner cur. u. reales lex. (61732) 1635. —
 
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gratierer, m., gradierer, zum vorigen, nur vereinzelt bezeugt: (die kupferschmiede) schmieden kupfferne platten vor die kupfer stecher und gradierer, um allerley figuren, vermittelst des grab-stichels, darauf zu stechen, oder die durch die nadel in den aufgetragenen grund gemachte risse und zeichnungen, mit dem scheidwasser künstlich einzuetzen Abr. a s. Clara etw. f. alle (1699) 2, 345.
 
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gratifikation, f. , älter meist gratification; aus dem kanzleilateinischen gratificatio übernommen. zu frühest als gratification (1514) bei Aloys Schulte die Fugger in Rom 2, 87 in fraglicher bedeutung, häufiger erst seit dem 18. jh. belegbar (s. dazu noch Schirmer wb. d. kaufmannsspr. 76).
1) 'auszerordentliche (auszertarifliche) geldzuwendung', vgl. in noch latein. flexion: der könig hat ihm auch keine equippage-gelder accordiren wollen und bekömpt monathlich nicht mehr als 150 rthlr., da doch der baron von Knyphausen 400 rthlr. und noch extraordinaire gratificationes gehabt (1717) Berliner geschrieb. zeitungen 5 Friedländer; der corpschef sagte blos: ... sie können (statt der erbetenen gratifikation) ihre jahresgage als vorschusz erheben. — das war nicht viel. wahrscheinlich, meinte er, soll die gratifikation erst von meinen leistungen abhängig gemacht werden Holtei erz. schr. (1861) 6, 39; professor Werder hat endlich vom minister Eichhorn erlangt, dasz ihm die bisherige gratifikation von dreihundert thalern nun als ständiges gehalt ausgezahlt wird Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 3, 37. heute namentlich prägnant in diesem sinne: gratifikation, eine vergütung, die dem arbeitnehmer aus besonderem anlasz gezahlt wird, z. b. weihnachts-, abschlusz- oder jubiläums-gratifikation. eine freiwillige gratifikation darf nicht auf den tariflohn angerechnet werden d. gr. Brockhaus 5 (1954) 21a. als 'trinkgeld': als ich Old Bailey besuchte, fand auch ich platz auf einer solchen galerie, die mir von einer alten pförtnerin gegen gratifikation eines schillings erschlossen wurde H. Heine s. w. 3, 456 Elster.
2) daneben nur älter für eine als honorar, vergütung, entgelt, entschädigung vereinbarte zahlung: Friedrich Schiller erbietet sich gegen eine jährliche gratifikation von 50 ducaten eine dramaturgie ... zu liefern Schiller 3, 525 G.; da er (der verleger Göschen) auf einen brief, den ich ihm schrieb, den gedanken aufgegeben, eine prachtedition

[Bd. 8, Sp. 2055]


von dem Carlos zu machen, so ist er vielleicht zu bewegen, dasz der Carlos in 3 oder 4 jahren wenigstens in unserer sammlung, gegen eine gratification an ihn, mit darf abgedruckt werden (1798) ders., br. 5, 355 Jonas; man hatte (in Hallstatt) eine eigentümliche vorrichtung getroffen, um die aufgedeckten gräber mit ihren gerippen zu konservieren und sie dem neu- oder wiszbegierigen publikum gegen eine gratifikation vorführen zu können (1864) W. Raabe s. w. I 6, 282 Klemm.
 
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gratifizieren, vb., älter gratificiren. im 16. jh. aus lat. gratificari. seit dem 18. jh. kaum noch geläufig. 1) 'belohnen, vergüten, zugutetun': nun hätten ihre kais. maj. die dienste und meriten des grafen zu consideriren und möchten ihm gerne gratificiren (1641) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 1, 766 Erdm. (oder zu unt. 3?); gratificirn, gutthat beweisen (wilfahren) Overheide verm. teutsche schreib-kunst (1668) 103; demnach nun die Schotten gekommen und in norden gute dienste geleistet, erachtete man für gut, sie mit selbigem blute, darnach ihnen so hefftig gedurstet hatte, zu gratificiren Gryphius trauersp. 474 lit. ver. 2) 'begünstigen', so wohl schon im frühesten beleg: vnd doch hiezwischen (= inzwischen) dem gemeinen nudz vnd etlichen eintzigen knechten, als (= indem) sie (die behörden) durch die finger sahen, vnd die hinziehenden nicht auffhielten, listiger weisz gratificieren vnd gnug thun wolten Halverius warh. beschr. (1570) 2, 329; (offiziere des königreichs) deren etliche nur darauff sahen, wie sie ihren brüdern und freunden gratificiren ... möchten Abelin theatrum Europaeum (1652) 1, 414a. 3) 'willfahren, zu diensten sein, einem wunsche entsprechen': als will dieselbe ich hiermit dienstlich gebetten haben, mir dieselbe (die 'materi') zu communiciren, auff dasz ich meinen fautoribus auch weiter gratificiren möge cursus Kleselianus (1619) A 3a; baldt nach mittage haben die Lubecenses (eine lübische gesandtschaft auf dem durchzug nach Moskau) mir (dem Danziger stadtsekretär Mittendorff) zur andtwortt gegeben, das sie wegen habender befelich ... e. e. radt dieser stadt nicht gratificiren könten (1603) in: hans. gesch.-quellen 7 (1894) 38; gratificiren lat. morem gerere, indulgere, obsequi, ueniam dare alicui; einen in allen gratificiren maxime indulgere alicui Apinus gloss. nov. (1728) 254.
 
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grätig , älternhd. auch gräticht, grätlicht, grätechtig, adj., zu 1grat und 1gräte gebildet.
1) im anschlusz an den eigentlichen gebrauch von grat und gräte, s. dazu noch heiszgrätig s. v. 2grätig.
a) von der bedeutung 'fischgräte' (grat und gräte A 1 a) her soviel wie 'gräten habend', besonders 'viele gräten habend', seit dem ausgehenden 16. jh.: (die fische) haben ein zehe ... grädtechtige substantz H. Frölich offenb. d. natur (1591) 245; wir brachten ein essen fisch zuwegen ausz diesem see (von Tiberias), dieselbigen waren so grätig, daz ich dergleichen nie keine gessen hab Schweigger reyszbeschr. (1619) 318; ein grätichter fisch un pesce pieno di arreste Kramer t.-it. 1 (1700) 557b; die nase (naso) von dem obern rüssel, der hinter sich gebogen, also genennet (eine fischart), hat ein weisses, weiches sehr grätiges fleisch, sonicht gar gesund Hohberg georg. cur. 3 (1715) 2, 304a; das ... gräthige fleisch wird beym kochen gelblich Oken allg. naturgesch. (1839) 6, 309. mit nebenton:

falsches kind!
kalter, grätiger fisch! (die nixe)
R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 5, 205.

für die lebende mundart: gra'erige fiske Böning Oldenburg 40 und gretig 'viele gräten habend' Fischer schwäb. 3, 804.
b) vereinzelt zu grat A 2 b 'dorn, stachel': spinosus dornig vel gradtig (var. gradrig) (15./16. jh.) Diefenbach gl. 547a. älter auch in der anwendung auf die angel bzw. den angelhaken, doch ist dabei wohl nicht von einer für grat und gräte unbezeugten bedeutung 'spitzes instrument'

[Bd. 8, Sp. 2056]


(s. DWB grat A 2 d), als vielmehr von der bedeutung 'scharf schneidendes instrument' auszugehen, die hier ebenfalls sachlich gegeben und im älteren gebrauch von grat (s. d. B 4 a) verbreitet ist, vgl. auch das versnîden im folgenden beleg:

ouch ein vil gretik angel
si (die sündige seele) ver snidet in den tot (hs. um 1300)
Tilo v. Kulm v. d. siben ingesigelen 5440 Kochendörffer;

und nym ... klein gesmeidig angel die da guet grätig afterhacken haben Tegernseer angel- u. fischbüchl. (15./ 16. jh.) in: zs. f. dt. altert. 14, 169.
2) im anschlusz an den uneigentlichen und bildlichen gebrauch von 1grat und 1gräte.
a) wohl von grat A 1 d γ, δ bzw. gräte A 1 c γ,δ oder von grat A 2 b (s. ob. b) her soviel wie 'unwirsch, widerborstig'. der bedeutung wegen eher hierher als, wie vielfach angenommen (vgl. die maa.-wbb.), an 2grätig 'geizig, gierig' (s. d.) anzuschlieszen. seit dem 16. jh. belegbar (vgl. auch ähnlich gebildetes grantig): asper ruch, gretig, vnmilt, vngutig, vnwirsch etc. (Hagenau 1516) bei Diefenbach gl. 54b; grätig spinosus. er ist ein grätiger mensch homo est mordax, rixosus Steinbach dt. wb. (1734) 1, 635; grätig 'zänkisch, böse' Rüdiger zuwachs d. sprachkde (1782) 2, 79; grätig sein 'leicht aufzubringen sein, jede kleinigkeit übel nehmen' oberschles. monathschr. (1789) 2, 176; grätig sein, nicht sanft sein, empfindlich, erbittert sein, und dies durch spitze reden an den tag legen Campe 2 (1808) 445a; ich war aber damals (als der herzog v. Koburg-Gotha seine erinnerungen schrieb) sehr grätig, und er hatte auch veranlassung dazu gegeben (1889) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 379. mundartlich im obd. und md. reich bezeugt, vereinzelt auch ins nd. hineinreichend. wohl gleichfalls hierher gehörig: grätig 'unnachgiebig, fest beharrend, ausdauernd im widerstande gegen die meinung anderer'. klein aber grätig Frischbier preusz. 2, 526; grâtig (Pustertal) unnachgiebig, arbeitsfreudig Schatz wb. d. Tirol. maa. 1, 251. auch: grêtig (Tannheim) lebhaft, munter ebda. hierher?
b) an den gebrauch von gräte A 1 c ε anknüpfend in der bedeutung 'mager, dürr': das einzige kind des hauses war eine tochter, ein braunes, grätiges ding mit zwei langen schwarzen zöpfen und damals kaum dreizehn jahre alt Th. Storm s. w. 5, 136 Köster. von hier aus: noch tau gradig sin, 'noch zu jung sein, von jungen mädchen gesagt, unreif' Mi Mecklenburg 28; die kochfrau lachte schallend heraus. der (herr Belfontaine) war auch schon früher hübscher als du (ein küchenjunge) ... du grätiger pickelhering, sagte sie unbarmherzig El. Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 58. für den mundartlichen gebrauch noch verzeichnet: grätig 'mager' rhein. wb. 2, 1364; grätig 'dürr' Fischer schwäb. 3, 804.
3) im anschlusz an grat B 2, gräte B 2 in der bedeutung 'kantig, scharf'. in diesem allgemeineren sinn nur mundartlich, für das schweiz. nachgewiesen (vgl. schweiz. id. 2, 822). literarisch in speziellem anschlusz an grat B 2 e nur im kunsthistor. schrifttum des 20. jhs.: kreuzrippen mit rundem querschnitt und, was wichtig ist, mit schluszstein (finden wir) in Rosheim etwa 1170—90. die sonst nahe verwandte kirche des Niedermünsters am Odilienberg hatte noch grätige gewölbe Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 123; aber erst die erneuerung (der Speyerer krypta) unter Heinrich IV. übertrug die dort bewiesene wölbekunst auf das mittelschiff durch kreuzförmige aber rippenlose, also gratige gewölbe Pinder kunst. d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 148.
 
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grätig, gretig, (vgl. t. 4, 1, 6, sp. 202), adj., älternhd. auch grätschicht, 'geizig, gierig'. abgeleitet von 2grat (s. d.), gleich got. gredags, an. grāðugr, aschwed. grādhugher, schwed. dial. grdig, dän. graadig, ae. grǣdiʒ, engl. greedy, as. grâdag; mnd. anscheinend ausgestorben, mnl. wohl nur zufällig nicht belegt, nach Franck-van Wijk etymol. woordenb. (1912) 210a aber vorauszusetzen; nl.

[Bd. 8, Sp. 2057]


graag (vgl. woordenboek 5, 510), welches ins westl. nd. entlehnt wurde (vgl. grâg 'begierig' Doornkaat-Koolman 1, 672a; gra, grag brem.-nieders. wb. 2 [1767] 532), ferner ahd. grâtag, mhd. *grætec unbelegt (stattdessen ist grîtec, das zu einer anderen erweiterung der grundwz. *gher- gehört, geläufig [vgl. s. v. greitig]). ein nl. zuerst bei Kilian (1605) 106b erscheinendes gretig 'avidus, appetens', das dann wohl vom nl. her auch ostfries. (von Stürenburg 75a für Emden) belegt wird (vgl. auch Doornkaat-Koolman 1, 682a), ist wohl am ehesten als entlehnung unseres wortes 2grätig zu fassen, welches im 17. jh. im hd. noch einmal lexikalisch belegbar wird und sich vereinzelt in lebenden maa. (s. u.) erhalten hat. dies nl.-ostfries. gretig 'gierig' seines dentals wegen zu germ. *grat (s. ob. grasz, adj. 'wütend, zornig') zu stellen (wie Falk-Torp 139; Franck-van Wijk 214), die bedeutung des wortes aber (wie t. 4, 1, 6, sp. 202) aus einem (jedoch nicht nachgewiesenen) nd. gredig (entspr. unserm wort) herzuleiten, dürfte kaum möglich sein.2grätig ist ahd. nur in frühen glossen des beginnenden 9. jhs. bezeugt: inhiantes cratage ahd. gl. 2, 316, 10 St.-S.; ebda 1, 171, 4; inhians gratac, gratach ebda 1, 191, 29. im 17. jh. lexikalisch (vgl. auch die belege s. v. gretig): grätig, grätiglich, it. grätschicht, adj. avidus, appetens, cupidus, et adv. avide, voraciter Stieler stammb. (1691) 691; grätig 'geil, gehört zu dem stammworte gehren' Rüdiger zuwachs d. sprachkde (1782) 2, 79. für die lebende ma. als gradig 'begierig, neugierig' rhein. wb. 2, 1341, als grädig bei Martin-Lienhart 1, 286b für das rheinhess., sowie in einer nebenbedeutung 'geizig, naschhaft' in heiszgrätig Fischer schwäb. 3, 1398 (vgl. auch teil 4, 1, 6, sp. 94 s. v. greitig), während schwäb. grätig 'mürrisch, leicht reizbar' Fischer 3, 804 und dasselbe wort in heiszgrätig 'leidenschaftlich, zum zorn geneigt' ebda 1398 mit 2grätig in der bedeutung unvereinbar bleibt und vielmehr zu 1grätig (s. d. 2 a) zu stellen sein wird. das gleiche gilt wohl von der bei Fischer s. v. heiszgrätig beigebrachten bedeutung 'hager, kränklich' (s. 1grätig 2 b) und besonders von der zu 1grat B 3 c und 1gräte B 3 c gehörenden bedeutung 'steinig, kiesig, unfruchtbar'; die genannten unterschiedlichen bedeutungen von schwäb. heiszgrätig wären demnach auch etymologisch voneinander zu trennen. anders, aber wohl zu einfach, ist die darlegung t. 4, 2, 918 s. v. heiszgrätig. — nicht zu 2grätig, wie Mensing annimmt, sondern zu geradig t. 4, 1, 2, sp. 3558 gehört: gradig, adj. 'geschwind, hurtig'. de gradig geit, kümmt gradig wedder Mensing schlesw.-holst. 2, 463. dazu vielleicht auch einiges aus den nd. nachweisen s. v. gretig?

 

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