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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gräten bis grathobel (Bd. 8, Sp. 2050 bis 2052)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gräten, vb. , verbale ableitung von 1grat, in den bedeutungen 1 und 4 auch von 1gräte her möglich. vorwiegend lexikalisch und mundartlich, nur vereinzelt literarisch nachzuweisen.

[Bd. 8, Sp. 2051]



1) 'ausgräten, entgräten', entspr. 1grat A 1, 1gräte A 1: piscem exossare den visch greten Golius onomast. (1585) 319; den visch graden Chyträus nomencl. 371; gräten oster les arrestes. leuar la arresche Hulsius-Ravellus dict. (1616) 144a; gräten et entgräten exossare Stieler stammb. (1691) 692; grâten abnagen, loslösen, das fleisch von den knochen; ausgräten Frischbier preusz. wb. 1, 251a.
2) 'zerreiszen, auseinanderreiszen' als terminus in der älteren sprache der tuchweber, zu 1grat B 3 a, vgl. dort bes. die wendung durch den grat schneiden, hauen: der statt zaichen in eren zu halten, und damit dehain linwat zu zaichenen, sy hab dann ir recht lengi, diki und braiti, als denne das gesetzt ... ist; und welhi das nit hab, die sond ir zerschniden oder gräten (Konstanz um 1400) in: zs. f. d. gesch. d. Oberrheins 20, 297 Mone; grätet tuch, unredliches tuch, welches zur warnung der käufer von den schauherren geschrenzt worden (aufgerissen, entzweigerissen) Spreng id. Rauracum (um 1760) in: Alemannia 2, 203. vgl. noch Fischer schwäb. 6, 2065 s. v. gräten. ob ein bereits um 1220 nachweisbares vergræten 'zerstören, verwüsten' hierher zu stellen ist, musz offen bleiben:

jâmern ûch daz muoste,
ob irz geschouwet hêtet,
sô gar was ez (das bistum) vergrêtet
Ebernand v. Erfurt 348 Bechstein

(vom herausgeber zu grât 'stufe' gestellt mit einer daraus hergeleiteten bedeutung 'schritt', die jedoch vor dem 17. jh. nicht begegnet, vgl. 1grad I B).
3) 'im grat zusammenfügen', zu 1grat B 4 c: und die strebe von zusamen gegreten quadern iber 20 β hoch herausgefiert worden, und send dan quader so gegreht ... weit in die strebe hennein versetzt worden (um 1600) bei Fischer schwäb. 3, 803. im schweizer. noch heute gebräuchlich, s. schweiz. id. 2, 822.
4) gerste gräten 'dreschen, um die grannen zu entfernen' Fischer schwäb. 3, 803, vgl. 1grat A 2 a, 1gräte A 2.
5) im schweizer. für eine bestimmte art des pflügens, bei der in der mitte des ackers eine fortlaufende erhöhung, ein grat (s. 1grat B 3 c) entsteht, vgl. schweiz. id. a. a. o.
 
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gräten, vb., 'heftig begehren', s. 1greten t. 4, 1, 6, sp. 202, vgl. dazu noch Stieler stammb. (1691) 691 s. v. gräten; ferner 2grat, m. und 2grätig, adj.
 
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grätenartig, adj., zu 1gräte A 1 'fischgräte': der unterschnabel (des pelikans) besteht ... aus zwei sehr dünnen, niedrigen, blosz hinten etwas höhern, auszerordentlich biegsamen, grätenartigen knochenarmen Naumann vögel (1822) 11, 154; vgl. Brehm tierl. 5, 473 P.-L.
 
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grätenfisch, m., in der zoologie des frühen 19. jhs. als klassifizierende benennung im gegensatz zu knorpelfisch, für welch letzteres nicht mehr gebräuchliches wort heute die bezeichnung knochenfisch eintritt: dann theilt er sie in knorpel- und grätenfische Oken allg. naturgesch. (1839) 4, 485; in den fischen, die den regelmäszigen oder grätenfischen näher stehen Vischer ästhetik (1846) 2, 131. in anderer bedeutung vereinzelt schon: der grätenfisch ... ein fisch, der gräten hat, besonders, der viele gräten hat Campe 2 (1808) 444b. —
 
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grätenförmig, adj., was grätenartig (s. d.): die zungenkernstücke ... articuliren mit dem länglichen körper des zungenbeins, an dem dann jederseits die dünnen, gräthenförmigen ... hörner des zungenbeins eingelenkt sind (bei gewissen vogelarten) Naumann vögel (1822) 1, 30; vgl. Oken allg. naturgesch. (1839) 5, 79. —
 
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grätenkürasz, m., s. ob. 1gräte B 2 e. —
 
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grätenlos, adj., 'frei von (fisch)gräten': wegen seines (des häslings) fast grätenlosen, im sommer fetten und wohlschmeckenden fleisches Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 395; vgl. bereits Campe 2 (1808) 444b. —
 
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grätenreich, adj., im ggs. zum vorigen: eine kleine grätenreiche fischart, von den Berlinern stäkerlinge genannt Parthey jugenderinner. (1871) 1, 46; vgl. Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 383.

[Bd. 8, Sp. 2052]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gratförmig, adj. zu 1grat B 2 b α im älteren sprachgebrauch der anatomie: von der mittel-gegend des schlüsselbeins, von der obersten achsel, und dem grat-förmigen fortsatz des schulterblats Woyt thes. pharm.-chir. (1696) 140.
 
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gratgewölbe, n., im anschlusz an 1grat B 2 e 'ein kreuzgewölbe, dessen construction aus der durchschneidung zweier tonnengewölbe über einem quadratischen raume zu erklären ist, wodurch vier sphärische dreiecke entstehen, welche in scharfen kanten, graten ... aneinander stoszen' Otte archäol. wb. (1877) 92. das wort ist zufrühest im 16. jh. nachgewiesen: muster vnnd fisierungen ... an kreutz, grat, ruch vnd ander dergleichen gewelben Fronsperger bauw ordn. (1564) 96b; ebda 2a; soll er von wegen dess mäurer-handwercks auch prob thun und ein grat-gewölb von grund auss machen (1655) bei Fischer schwäb. 3, 804. dann erst wieder seit dem späten 19. jh. belegbar, vgl. Müller-Mothes archäol. wb. (1877) 1, 491a: gratgewölbe und rippengewölbe, spitzbogen und rundbogen werden (in der deutschen gotik) unbekümmert gemischt Dehio gesch. d. dt. kunst (1919) 1, 221.
 
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grathobel, m., zunächst in der schreibung gradhobel (s. u. Noel-Chomel, der allgem. grad für grat schreibt, vgl. ob. im kopf von 1grat); Campe 2 (1808) verweist von gradhobel 438b auf grathobel 444b. vielleicht war es eine solche d-schreibung, die den Duden (1949) 198c veranlaszte, unter fälschlicher beziehung auf gerade, geradhobel als regelform anzusetzen (vgl. die umgekehrte verwechslung s. v. grateisen). das wort ist aber zu 1grat 'fugleiste' (s. d. B 4 c) gebildet: 'grathobel ein hobel, dessen eisen nicht nur unten, sondern auch an der einen seite eine schneide hat ... und zum einhobeln schwalbenschwanzförmiger vertiefungen ... benutzt wird' Helfft wb. d. landbaukunst (1836) 160. vgl. schon: jedoch variieren dieselben (die leistenhobel) in nachfolgenden gattungen, als dem kehl- sims- grad- grund- nut- oder nath-hobel ... mit diesem grad-hobel wird der grad an die einschiebe-leisten gestoszen Noel Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 5, 477; grathobel Prechtl technol. encycl. (1830) 7, 511. vgl. noch schweizer. grathobel schweiz. id. 2, 822 s. v. gräten 2.

 

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