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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gräteln bis gratförmig (Bd. 8, Sp. 2050 bis 2052)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gräteln, grateln, vb., mundartliche verbalbildung zu 1grat (s. d.) in verschiedenen bedeutungen dieses wortes, vgl. schweiz. id. 2, 822; Fischer schwäb. 3, 804.
 
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gräten, vb., 'die beine spreizen, grosze, weite schritte machen', bair. graten, vereinzelt auch grätten, gretten. aus älterer zeit im reim nur md. (hêtet: grêtet, grêten: treten, grete: rete [= ræte]) belegt, doch ist als stammsilbenvokal mhd. æ wahrscheinlicher als e. die gleichbedeutenden lautlich anklingenden grageln (s. d.), gritte(l)n (t. 4, 1, 6, sp. 386), grigge(l)n (ebda sp. 314) und greiten (ebda sp. 94), wozu uuito zegreit 'weit auseinandergespreizt' Notker 1, 754, 10 P. und unzegreit ebda 278, 11, weisen auf lautmalenden charakter der sippe, oder, wenn der unter gritten vermutete zusammenhang mit got. grids βαθμός, idg. *ghredh 'schreiten' zu recht besteht (bezweifelt von Walde-Pokorny 1, 652; Pokorny 456) auf lautmalende variationen von einer alten wortgruppe aus. durchweg in der bedeutung 'spreizen'. zufrühest bei Joh. Rothe ende 14., anf. 15. jhs. (nicht, wie Weigand 51, 761 'um 1300'!) in dessen 'leben d. hl. Elisabeth:

ez mûste mit den fûzin grêten (:treten)
glîch ab si eme holczern wêrin bei
F. Bech in: Germ. 6, 275 (nicht Elisabeth 2092 Rieger, wie Trübners wb. 3, 227 angibt).

wohl mit n-abfall:

daz machen die torechten tummen rete
dye man sihet vor den fürsten grete
vnd kunnen nicht rechtlich gesten,
also hat sie die hochfard durch gen,
daz machit si sint snellich erhaben
darvmme si czu den sitin vz haben
Joh. Rothe v. d. stete ampten 851 Vilmar

wohl kaum hierher, wie Weigand 51, 761 s. v. grätschen will, sondern vielmehr zu gerâten 'anraten':

den die nit tuond ir sünd büzen,
die tuon ich (der teufel) denn so hoch grüzen
als tuot graten hoffart,
die an den herren ist ain boesi art des teufels netz 7669 Barack;

vnd machtest deine schne zu eitel grewel, du gretest mit deinen beinen gegen allen, so fur vber giengen, vnd triebest grosse hurerey (1. dt. bibel: du hast getailt dein füsz) Hes. 16, 25; Nachenmoser prognost. theol. (1595) 3, 25a; dasz (pferd) sprang so eilendt auff allen vieren herab, dasz blosz vnter jhm nider sanck, vnd auff alle viere fiel, vnd gretent, doch vnverletzt wider auffstunde Rivander festchronick (1602) 2, 691; grätten ... divaricari (1786) bei Fischer schwäb. 3, 806; man nennt diesen sprung auf den voltigirböden den grätsprung oder grätschsprung, von gräten oder grätschen, einem alten worte, welches so viel heiszt, als die beine auseinander sperren Vieth encycl. d. leibesüb. 2 (1795) 63; in der neueren hochsprache durch grätschen (s. d.) verdrängt. für die moderne ma.: grätte, ... spreizen, mit gespreizten beinen, breit gehen. bei Spreng (um 1760), langsam zu werke gehen, nicht von der stelle zu bringen sein Seiler Basel 146; schweiz. id. 2, 823; graten grosze, weite schritte machen Schmeller-Fr. 1, 1015; grąttn (Unterinntal) weit ausschreiten Schatz wb. d. Tiroler maa. 1, 251. im nd. sprachgebiet nur: gretten (gredṇ) 'die beine weit spreizen' Mensing schlesw.-holst. 2, 477.
 
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gräten, vb. , verbale ableitung von 1grat, in den bedeutungen 1 und 4 auch von 1gräte her möglich. vorwiegend lexikalisch und mundartlich, nur vereinzelt literarisch nachzuweisen.

[Bd. 8, Sp. 2051]



1) 'ausgräten, entgräten', entspr. 1grat A 1, 1gräte A 1: piscem exossare den visch greten Golius onomast. (1585) 319; den visch graden Chyträus nomencl. 371; gräten oster les arrestes. leuar la arresche Hulsius-Ravellus dict. (1616) 144a; gräten et entgräten exossare Stieler stammb. (1691) 692; grâten abnagen, loslösen, das fleisch von den knochen; ausgräten Frischbier preusz. wb. 1, 251a.
2) 'zerreiszen, auseinanderreiszen' als terminus in der älteren sprache der tuchweber, zu 1grat B 3 a, vgl. dort bes. die wendung durch den grat schneiden, hauen: der statt zaichen in eren zu halten, und damit dehain linwat zu zaichenen, sy hab dann ir recht lengi, diki und braiti, als denne das gesetzt ... ist; und welhi das nit hab, die sond ir zerschniden oder gräten (Konstanz um 1400) in: zs. f. d. gesch. d. Oberrheins 20, 297 Mone; grätet tuch, unredliches tuch, welches zur warnung der käufer von den schauherren geschrenzt worden (aufgerissen, entzweigerissen) Spreng id. Rauracum (um 1760) in: Alemannia 2, 203. vgl. noch Fischer schwäb. 6, 2065 s. v. gräten. ob ein bereits um 1220 nachweisbares vergræten 'zerstören, verwüsten' hierher zu stellen ist, musz offen bleiben:

jâmern ûch daz muoste,
ob irz geschouwet hêtet,
sô gar was ez (das bistum) vergrêtet
Ebernand v. Erfurt 348 Bechstein

(vom herausgeber zu grât 'stufe' gestellt mit einer daraus hergeleiteten bedeutung 'schritt', die jedoch vor dem 17. jh. nicht begegnet, vgl. 1grad I B).
3) 'im grat zusammenfügen', zu 1grat B 4 c: und die strebe von zusamen gegreten quadern iber 20 β hoch herausgefiert worden, und send dan quader so gegreht ... weit in die strebe hennein versetzt worden (um 1600) bei Fischer schwäb. 3, 803. im schweizer. noch heute gebräuchlich, s. schweiz. id. 2, 822.
4) gerste gräten 'dreschen, um die grannen zu entfernen' Fischer schwäb. 3, 803, vgl. 1grat A 2 a, 1gräte A 2.
5) im schweizer. für eine bestimmte art des pflügens, bei der in der mitte des ackers eine fortlaufende erhöhung, ein grat (s. 1grat B 3 c) entsteht, vgl. schweiz. id. a. a. o.
 
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gräten, vb., 'heftig begehren', s. 1greten t. 4, 1, 6, sp. 202, vgl. dazu noch Stieler stammb. (1691) 691 s. v. gräten; ferner 2grat, m. und 2grätig, adj.
 
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grätenartig, adj., zu 1gräte A 1 'fischgräte': der unterschnabel (des pelikans) besteht ... aus zwei sehr dünnen, niedrigen, blosz hinten etwas höhern, auszerordentlich biegsamen, grätenartigen knochenarmen Naumann vögel (1822) 11, 154; vgl. Brehm tierl. 5, 473 P.-L.
 
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grätenfisch, m., in der zoologie des frühen 19. jhs. als klassifizierende benennung im gegensatz zu knorpelfisch, für welch letzteres nicht mehr gebräuchliches wort heute die bezeichnung knochenfisch eintritt: dann theilt er sie in knorpel- und grätenfische Oken allg. naturgesch. (1839) 4, 485; in den fischen, die den regelmäszigen oder grätenfischen näher stehen Vischer ästhetik (1846) 2, 131. in anderer bedeutung vereinzelt schon: der grätenfisch ... ein fisch, der gräten hat, besonders, der viele gräten hat Campe 2 (1808) 444b. —
 
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grätenförmig, adj., was grätenartig (s. d.): die zungenkernstücke ... articuliren mit dem länglichen körper des zungenbeins, an dem dann jederseits die dünnen, gräthenförmigen ... hörner des zungenbeins eingelenkt sind (bei gewissen vogelarten) Naumann vögel (1822) 1, 30; vgl. Oken allg. naturgesch. (1839) 5, 79. —
 
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grätenkürasz, m., s. ob. 1gräte B 2 e. —
 
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grätenlos, adj., 'frei von (fisch)gräten': wegen seines (des häslings) fast grätenlosen, im sommer fetten und wohlschmeckenden fleisches Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 395; vgl. bereits Campe 2 (1808) 444b. —
 
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grätenreich, adj., im ggs. zum vorigen: eine kleine grätenreiche fischart, von den Berlinern stäkerlinge genannt Parthey jugenderinner. (1871) 1, 46; vgl. Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 383.

[Bd. 8, Sp. 2052]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gratförmig, adj. zu 1grat B 2 b α im älteren sprachgebrauch der anatomie: von der mittel-gegend des schlüsselbeins, von der obersten achsel, und dem grat-förmigen fortsatz des schulterblats Woyt thes. pharm.-chir. (1696) 140.

 

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