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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
graszach bis gräszlich (Bd. 8, Sp. 2019 bis 2021)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) graszach, n., s. DWB grassach.
 
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graszbaum, m., zu grasz, n. (s. d.), nur bair.-österr. mundartlich: graszbaum, m., tannenbaum, der zur weihnachtszeit neben dem bauerngehöfte aufgestellt wird Unger-Khull steir. 303b; hinter dem Brenner herauf ist schon alles voll, mehr Franzosen als graszbäume Rosegger schr. (1895) I 2, 294. gelegentlich, im anschlusz an grassach (s. d.) auch in der seitenbildung grassabaum: fichte und tanne sind grassabama Blau Böhmerwälder hausind. 1, 217.
 
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graszeichen, n., legitimationsmarke für gepachtetes grasland; vgl. gras-zeichen sind ... auf blech-stücklein geschlagene ... zeichen, welche denen bauer-weibern, so die gräserey von einer herrschafft gemiethet, zugestellet werden Zincke allg. öcon. lex. (1744) 982; in dem sog. Engelmannsbuch (zwischen 1494 und 1516) ist auch schon von besonderen graszeichen die rede Schwappach hdb. d. forst- u. jagdgesch. (1886) 1, 171. —
 
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graszeit, f., der frühling als die zeit, in der das gras frisch und besonders saftig ist; vgl. DWB grasmonat: doch gehen sie (die pferde) in der graszzeit auch wohl in der weide O. Dapper Africa (1670) 20b; nimm frischen kühkoht, der des morgens in frühling zur besten blumen und grasz-zeit gesammlet Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 331. auf die besten lebensjahre eines menschen übertragen:

zu alt bin ich, um mitzuthun, indessen,
graszeit ist hin, und heu ist jetzt mein fressen.
dies weisze haupt spricht laut von meinen jahren,
und mit dem herzen steht's wie mit den haaren
Düring Chaucers w. 2, 131.

[Bd. 8, Sp. 2020]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) graszen, vb. , fast ausschlieszlich mhd. (grâzen, mit gesicherter vokallänge); frühnhd. und modern mundartlich nur vereinzelt bezeugt. seit dem 16. jh. in der bedeutung 2 weitgehend von dem neu aufkommenden lautähnlichen, aber unverwandten grassieren (s. d.) vertreten, möglicherweise verdrängt. eine herleitung wird dadurch erschwert, dasz die mhd. belege für die bedeutung meist nur soviel erkennen lassen, dasz das wort eine affektäuszerung bezeichnet, von den wbb. als 'leidenschaftliche erregung durch laute oder gebärden ausdrücken, sich übermütig und anmaszlich gebärden u. ä.' umschrieben. die recht differenzierten mhd. belege lassen sich zwei bedeutungskomplexen ('schreien, weinen' und 'zornig sein, wüten, sich wild gebärden') zuordnen, denen sich auch die dürftigen frühnhd. und mundartlichen spuren des wortes einfügen. dementsprechend bieten sich für die etymologische herleitung zwei möglichkeiten an. man könnte das schwache vb. graszen an das got., an., as. als reduplizierend bezeugte germ. *grētan anknüpfen, für das durch das kausativum ahd. gruozen eine ursprünglich allgemeinere bedeutung 'schreien, tönen' zu erschlieszen ist. es wäre dann übertritt in die schwache klasse anzunehmen oder aber mhd. grâzen als intensivum in einem ursprünglichen sinne von 'heftig schreien, heftig weinen' aufzufassen. andererseits liesze sich graszen in einer ursprünglichen bedeutung 'wüten, zornig sein, wild sein' mit mhd. graz 'wütend, zornig, wild' zur germ. wz. *grēt-, grat- stellen. es könnte dann zu grasz, adj. (s. d.) im ablaut stehen. möglicherweise aber fallen in mhd. grâzen die verben beiderlei herkunft zusammen.über die im folgenden gegebenen mhd. nachweise hinaus s. weitere in mhd. wb. 1, 568b; Lexer 1, 1075.
1) von einer grundbedeutung 'schreien, weinen' her.
a) von pferden soviel wie 'schnauben' oder 'wiehern':

ir ros begunden grazzen (:lazzen)
Herbort v. Fritzlar liet von Troye 14740 Fr.;

vgl. Wolfram v. Eschenbach Willehalm 59, 17 L. vereinzelt mit der frz. ableitungssilbe -ieren:

grâzieren unde scherren
din ros man hôrte lûte
Konrad v. Würzburg turnier v. Nantes 754 E. Schröder.


b) 'weinen, klagen'. hierher?:

und sprichest (du, Jesus, am kreuz) in der massen:
'trost sey den umbsteenden hie!'
die red het hertes graszen kl. mhd. erz. 2, s. 178 Euling;

vgl. schweizer. grāssen weinerlich tun, um etwas zu erzwingen schweiz. id. 2, 799. in ähnlicher bedeutung rhein. grässen rhein. wb. 2, 1363. ein schweizer. grazen 'mit heiserer kehle singen oder sprechen, gellend schreien oder weinen' schweiz. id. 2, 835 dagegen ist wohl wie mhd. grezzen 'schreien, krähen' jh. Titurel 4939, 1 Hahn; Hadamar v. Laber d. minne falkner 127, 2 Schmeller lautmalende bildung gleich krassen 'wie ein rabe schreien', s. t. 5, sp. 2069 oder krähen.
2) von einer grundbedeutung 'zornig sein, wüten, sich wild gebärden' her.
a) allgemein in diesem sinne:

idoch in der selben not
daz wib noch tobete sere ...
der (der frau innewohnende) tuvel wart do grazen,
do in Syrus nicht uzwarf passional 409, 74 K.; vgl. 264, 96;

der lîcham gots gebenedît, ...
wart jêmirlîch durch iren nît
behant, besulwit, angespît.
sumelîche in vrâzen,
etslîche durch ir grâzen
in wurfin mit unwerde
nidir ûf dî erde
Nicolaus v. Jeroschin kronike v. Pruzinlant 23 543 Strehlke;

so noch älternhd.: so du wenest eynen christlichen ernst haben, so hestu eynen grassenden hunt (in dir) Keisersberg bilgerschaft (1512) 141c; modern mundartlich anklingend:

[Bd. 8, Sp. 2021]


grasen unzufrieden, unwirsch sein, knurren, brummen, nörgeln. he grast wie ne rösege (rasender) hongk (hund) rhein. wb. 2, 1362.
b) 'kämpfen, streiten':

dâ was manc sunder grâzen (: gelâzen) (in einer schlacht)
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 402, 17 L.;

wir leben friuntlich, ich und er,
ze himel âne grâzen
Heinzelein v. Konstanz 128, 61 Pfeiffer.


c) 'gegen jmd. mit worten oder handlungen wüten, hart verfahren':

(beim tode eines bischofs)
ey nu wirt sere grazen
der wolf uf dine schefelin passional 610, 10 K.;

daz si den gelovben
Cristes niht wolde lazin,
schelten smehis grazin
muoze div maget liden
Hugo v. Langenstein Martina 109, 12 Keller


d) 'wild nach etwas verlangen, gieren':

wan er (der fürst) grazet nach eren hie, rehte als ein
vederspil nach [den] vogel'en in den lüften
der Meiszner in: minnesinger 3, 108a v. d. Hagen.


e) 'sich wild gebärden, sich aufbäumen', von pferden:

do Wildehelm daz ersach
daz der knge schar uf brach
gein sinem knge ze eren,
daz ros begund er leren
grazzen und springen
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 6265 Regel.


 
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graszen, vb., nebenform zu groszen t. 4, 1, 6, sp. 532f., vgl. ferner grolzen 3 und grotzen, nur frühnhd., in der variante eines bekannten, a. a. oo. verschieden gedeuteten sprichwortes: wann man denn bauren bitt, so grast ime der bauch J. Herold chron. v. d. stadt Hall in: württ. gesch.-qu. 1, 194 Kolb.
 
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graszettel, m., erlaubnisschein zum grasrupfen oder -schneiden; vgl. Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 731; rhein. wb. 2, 1361; grâsezedl Damköhler Nordharz 64a: in denen commun- und privat-wäldern, wo ohne schaden gegraset werden mag, seynd die eigenthümere keineswegs ... schuldig von denen forstämtern ... graszettel zu holen (1744) bei Fischer schwäb. 3, 801.
 
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graszgramen, subst. vb., 'zorn, grimm', unter einflusz von grasz 'zornig' (s. d.) aus griesgramen umgedeutet (vgl. teil 4, 1, 6, sp. 268): dasz jn der richter mit graszgramen höret, vnd gedencket, ey schwig der bb nun Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 166a. vgl. noch: grasgram(m)en knirschen, erbittert sein (nicht mehr gebraucht) Fischer schwäb. 6, 2064.
 
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graszheit, f., 'zorn, heftigkeit', abstraktbildung zu grasz, adj. (s. d. 1 b), nur älternhd.: also so ein mensch vnd sunderlich die closterlüt die in einer gemein by ein ander wonen, so der selben eyns ist geneygt zu graszheit oder vnuertreglicheit gegen einen andern Keisersberg bilgersch. (1512) 90b; ebda 144d.
 
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graszins, m., grase-zinsen Zincke allg. öcon. lex. (1744) 118, weidegeld; vgl. DWB grasgeld, -pfennig: ex his tribus villis mutatus est census in tres libras denariorum et insuper dimidum talentum in festo sancti Georgii quod vocatur graszins (Passau 13. jh.) in: dt. rechtswb. 4, 1078; graszins in officio Weiborn (1333) mon. Boica 36, 1, 325; (es soll niemand mehr vieh, als er während des winters mit eigenem futter halten kann,) auf dem gemainen pluembbesuech aufzukern oder umb ainen benannten graszins aufzunemben nicht befuegt sein (1676) österr. weist. 2, 157, 18; (das vieh ist) auf die sommerweide aufzutreiben, und von ieden rosz ... ein gulden, von einem stück rindvieh aber dreissig kreizer graszins in die gemeindscassa zu erlegen (18. jh.) österr. weist. 2, 151, 26.
 
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gräszlich, adj. das wort ist im 14. jh. aus mnd. greselîk 'schaudererregend, gräszlich' (vgl. Schiller-Lübben

[Bd. 8, Sp. 2022]


2, 144b; s. v. 1grieselich teil 4, 1, 6, sp. 265) ins ober- und mitteldeutsche zunächst entlehnt, dann fälschlich als ableitung zu graz (s. o. s. v. grasz) 'wütend, zornig' gefaszt (so u. a. noch von Kluge-Götze etym. wb. 17267b) und diesem entsprechend lautlich umgedeutet worden. etymologisch gehört aber mnd. greselîk zusammen mit ae. grislîc (vgl. Bosworth-Toller 490b; suppl. 488a), engl. grisly, afries. grislic (vgl. Richthofen 787), mnl. greselîk (vgl. Verwijs-Verdam 2, 2131), griselijc (ebda 2148), mnd. grisliken (vgl. Schiller-Lübben 2, 149b), ahd. grîsenlîh Notker 1, 122, 30 P., nhd. grieselich (vgl. teil 4, 1, 6, sp. 265) und den entsprechenden verben ae. grîsan, stv. 'schaudern, fürchten' (vgl. Bosworth-Toller 490b), engl. to grise, mnl. mnd. grîsen, stv. 'schaudern' (vgl. Verwijs-Verdam 2, 2148; Schiller-Lübben 6, 144b), mnl. mnd. gresen, swv., nhd. gresen (vgl. s. v. gräsen) zur germ. wz. gris- (vgl. Falk-Torp 144), welche vielleicht (vgl. Walde-Pokorny 1, 646 f.) weiterbildung zur idg. wz. *ghrei- ist. zu ahd. graslihho subtiliter vgl. ob. s. v. grasz. der prozesz der umwandlung und umdeutung von greselîk zu gräszlich, wofür die obd. hochsprache den anstosz gegeben zu haben scheint, läszt sich an der schreibung des wortes verfolgen. der stammsilbenvokal ist in auszernd. belegen des 14. jhs. als -e- bezeugt (gresselich Tauler pred. 209, 7 Vetter; grêzlîchir Nicolaus v. Jeroschin kron. v. Pruzinl. 18 471 Strehlke), noch überwiegend als -e- vom 15. bis 17. jh.; ä-formen finden sich zufrühest obd.: gräszlich Hätzlerin 246a. seit dem 18. jh. ist die ä-schreibung allgemein, vereinzeltes greszlich noch bei Lichtwer Äsop. fabeln (1748) 94. neben -e- und -ä- steht in älteren, vorzüglich obd. quellen seltenes -a-, so buch d. liebe 193, 1, zuletzt bei F. Würtz wundtartzney (1624) 459. für sich bleibt eine (wenn überhaupt hierher gehörig, falsche) nd. form grasselick in einem fläm. Wolkenstein-gedicht (25, 1 Schatz), wo für den vokal anlehnung an hd. grasz, adj., erwogen werden könnte.der dental findet sich im 14. jh. obd. einmal als -ss-: gresselich Tauler pred. 209, 7 Vetter, das 15. jh. schreibt noch vorwiegend -s-, seit dem 16. jh. herrscht bereits -sz-schreibung vor, die zufrühest schon im liederb. d. Hätzlerin 246a anzutreffen ist; doch haben im 16. jh. namentlich Luther und Fischart noch meist -s-, im 17. jh. u. a. Schottel (vgl. haubtspr. [1663] 367). späteste literarische -s-schreibungen sind aus dem 18. jh. anzuführen: gräslich Lindenborn Diogenes (1742) 1, 131; Hippel lebensläufe (1778) 2, 361. seit dem 19. jh. herrscht -sz- ausschlieszlich. eine grundsätzliche verbindung von -a- und -sz-, -e- und -s-schreibung besteht nicht. in den mundarten ist das hochsprachlichvolksetymologische gräszlich nicht recht heimisch geworden. als halbmundartlich verzeichnet es Fischer schwäb. 3, 801 (zu alem. graeslik statt mundartgerechtem graesli vgl. PBB 13, 237), in rhein. wb. 2, 1363, Fischer Samland 108, Müller-Fraureuth obersächs. 1, 436b stammt das wort wohl aus der hd. umgangssprache. das alte mnd. greselîk lebt in einigen nd. maa. fort: greslik, gressek Doornkaat-Koolman 1, 680b, greslik Schambach Göttingen 68b. das schlesw.-holst. hat statt dessen gresig (vgl. Mensing 2, 477, s. auch s. v. gräsig), das nordfries. griszlick (vgl. PBB 45, 10), das wfries. gryslik frysk wurdboek 1, 151, das westfäl. grisselik (vgl. Woeste-N. 85b), das rhein. greislich und griselig (vgl. rhein. wb. 2, 1390 u. 1416) in fortsetzung oben aufgeführter schwesterformen von mnd. greselîk.
1) 'wütend, zornig, drohend, wild', in (etymologisch ungerechtfertigtem) anschlusz an die bedeutung von grasz (s. d. 1) als bezeichnung einer affekthaltung: so koment etliche mit den grúwelichsten worten und geberden, als si finden, als gresselich und als zornig und bitten umb ein klein ding Tauler pred. 209, 7 Vetter; das volk ist alczu greslich den vremdin lutin: wen si eynen voen, so beschaczin si yn, und mak her des gutis nicht gebin noch di beschaczunge, so totin si yn (mitte 15. jh.) md. Marco Polo 52, 10 Tscharner; wie greszlich sie (die welt) ymer widder yhn (den christen) wütet und tobet Luther 17, 1, 308 W. gern auf den blick eines menschen bezogen:

[Bd. 8, Sp. 2023]


er sahe so gräszlich drein, und machte so grausame und bedrohliche minen, dasz sich keiner an ihn reiben dorffte Grimmelshausen Simpl. 228 Scholte. nur vereinzelt in jüngerem gebrauch nachklingend, wie unter gräszlichkeit 1: und wehe dem, der ihm (Wilhelm) etwa in einer Neronischen stimmung in die quere kam, der wurde gewisz mit so einem gräszlichen blick ... zurückgeschröckt, dasz für dieszmal wenigstens ruhe ward Göthe I 51, 36 W. vielleicht schon von 2 a her bestimmt: Zawisch, nicht so gräszlich schauen — was willst du? — — ich fürchte mich Aug. Sperl d. söhne d. h. Budiwoj (1927) 382. auch mit der bedeutungsnuance 'herausfordernd, übermütig, trotzig': da wandte sich Theagenes ein wenig nach der seyten zu dem Ormeno (seinem von ihm im wettlauf besiegten nebenbuhler), sahe jhn frech vnnd greszlich an buch d. liebe (1587) 194c.
2) sonst im anschlusz an die bedeutung 'grauenhaft, schrecklich, abscheulich' von mnd. greselik.
a) meist liegen hier die vorstellungen eines an einem sachverhalt haftenden objektiven merkmals und einer dadurch ausgelösten subjektiven wirkung als zwei aspekte ein und derselben sache mehr oder minder unlöslich ineinander.
α) am häufigsten im bereich physischen und existentiellen grauens. das bedeutungsmoment 'grauen, entsetzen, abscheu erregend' als einer subjektiven wirkung kann besonders hier deutlich vorwiegen, namentlich in der beziehung auf visuelle eindrücke und in wendungen wie gräszlich aussehen, gräszlicher anblick u. ä.: der greuliche rise Polyphemus ... hat ein kerln, den er gefressen, mit den schenckeln noch zum maul heraus zottend gehabt, vnd so greszlich ausgesehen, das jhnen alle haar gen berg gestanden Faust 131 Petsch; ey, sprach der müller, in was gestalt du wilt, doch das es nicht gar erschrecklich oder greszlich anzusehen sey B. Hertzog schiltwache (o. j.) K 1a; sie (Mignon) fuhr auf, und fiel auch sogleich wie an allen gelenken gebrochen vor ihm (Wilhelm) nieder. es war ein gräszlicher anblick Göthe I 21, 228 W. und sonst von der wirkung optischer eindrücke: eyn leopart is gar eyn greyslich deyr an zo siene pilgerf. d. ritters von Harff 79 Groote; Zorndorf und alle dörfer in der runde waren in brand gesteckt, wodurch der anblick des schlachtfeldes noch gräszlicher hervortrat Ranke s. w. (1867) 30, 330. selten auf geistige eindrücke und erkenntnisse übertragen: dem ... einsichtigen aber bleibt es gräszlich, eine ganze ... generation unwiederbringlich im verderben zu sehen (1823) Göthe IV 37, 190 W. hierher vielleicht noch eine vereinzelte ältere anwendung auf gott, wenn nicht mehr von 1 a her empfunden: god ist grot vnde greselik (magnus et terribilis) (ps. 88, 8) Halberstädter bibel (1522) bei Schiller-Lübben 2, 144b. auch auf gehörseindrücke bezogen, sofern diese beim hörenden auf bestimmte seelische voraussetzungen treffen: ein solcher schrecklicher anblick ... wie am berge Sinay, da das volck Israel das gesetz empfienge, da ein gros, dicke und finster wetter war ..., und der posaunenhall greslich lautet (1540) Luther 48, 127 W.; mit jedem schritt ... fürchterlich näher die verfluchte maschine (der galgen), wo ich einlogiert werden sollte ..., und die lauernden schindersknechte, und die gräszliche musik — noch raunt sie in meinen ohren Schiller 2, 93 G.; das gräszliche zischeln und flüstern im ohr, das ich 1915 kennenlernte, wenn die garbe der maschinengewehre über den liegenden hinfegte Klemperer l. t. i. (1949) 271. im übrigen ist, neben dem subjektiven moment und mit ihm zusammen, die vorstellung von gräszlich als einer objektiven eigenschaft fühlbarer mitgegeben. so im bereich des akustischen:

dâ beiz er (ein hetzhund) în mit grimme
in grêzlîchir stimme
vast allumme gnarrinde (nagend)
und doch dî wîle zarrinde
des vleischis von dem lîbe gnûc
Nicolaus v. Jeroschin kronike v. Pruzinlant 18 471 Strehlke;

wenn die hunde so ungewöhnlich und gräszlich heulen; so stirbet gemeiniglich gerne einer aus dem hause J. Prätorius philosophia colus (1662) 94;

[Bd. 8, Sp. 2024]


doch hör' ich aus der ferne hier und da
ihr (der furien) gräszliches gelächter
Göthe I 10, 49 W.

gräszliches geschrei, gebrüll u. ä. in fester verbindung, manchmal freilich mit flieszendem übergang zu 3 a: die räuber stürmeten mit greszlichem geschrey ... herzu Bucholtz Herkuliskus (1665) 120; vgl. Ziegler asiat. Banise (1689) 662; in gräszlichem gebrülle stieg der meer-löwe vor allen herauf maler Müller w. (1811) 1, 46; ein gräszlicher schrei ertönte M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 127. vor allem in gegenständlicher zuordnung verstärkt sich das objektive bedeutungsmoment; so in der typischen und kennzeichnenden anwendung auf ungestaltete, miszgestaltete, maszlose erscheinungen im naturhaften bereich, z. t. β nahe: syn (des kindes) hovet was van grezeliker forme. dat anghesichte von vor to was eyme hunde lik, men van achter to was id schapen alze en krade edder padde (Lübeck z. j. 1412) städtechron. 28, 58; also das die erzte ... mit dem brennen die leute (die die krätze hatten) zu heilen sich vnterstunden, darmit sie viel fürnemer leut am gesichte greszlich verstelleten Rätel Curaei chron. (1607) 217;

... das ungeheuer (die Skylla) hat ...
... sechs häls' unglaublicher läng', auf jeglichem halse
einen gräszlichen kopf, mit dreifachen reihen gespizter
dicht geschloszener zähne voll schwarzes todes bewaffnet
J. H. Voss Odyssee 219 B.; vgl. 157;

damals trat kein gräszliches gerippe
vor das bett des sterbenden
Schiller 6, 24 G.;

aber wie mochte das aussehen, wie gräszlich dies: ein mann mit einem stierkopf Ina Seidel labyrinth (1922) 13. als substantiviertes neutrum gern in begrifflicher bestimmung oder phänomenologischer benennung, seit dem späten 18. jh.: mit dem schrecklichen scheinet sich das eckelhafte noch inniger vermischen zu können. was wir das gräszliche nennen, ist nichts als ein eckelhaftes schreckliche Lessing 9, 150 L.-M.; das gräszliche ... ist dasjenige, dessen anblick ein schauderndes zusammenziehen der haut und eine krampfhafte bewegung der glieder erregt, dergleichen der im höchsten grade heftige, sinnliche naturabscheu des ekels und des grausens zu wirken pflegen Eberhard synonymik 2 (1797) 152; er häuft die geister- und gespensterscenen, schwelgt mehr im gräszlichen Scherer lit.-gesch. 325.
β) die schon unter α oft spürbar mitklingende bedeutung 'abscheulich, ekelhaft, grotesk häszlich' kann sich schon früh in rein ästhetischem sinn und gebrauch verselbständigen, wobei wiederum subjektive und objektive merkmale sich durchdringen, im ganzen aber, deutlicher als unter α, der charakter einer dem gegenstand anhaftenden eigenschaftsbezeichnung stärker hervortritt:

dan von dem hassen kompt je häszlich
vnd sicht bey thiern vnd menschen gräszlich;
aber die schöne ist ein schein,
den jederman halt werd vnd rein
Fischart w. 1, 363 Hauffen;

heute peszlich, morgen gebreslich und greslich, heute roht, morgen todt Joh. Pomarius gr. postilla (1588) 2, 246a;

es stritten ihrer zwey, ob schön, ob Glauca heszlich?
gemahlet ist sie schön; natürlich ist sie greszlich
Logau sinnged. 485 lit. ver.;

die zwietracht, die mit gräsz'lichem gestank,
im eig'nen schwarzen gift erstickt, zu boden sank poesie d. Nieders. (1721) 1, 11 Weichmann;

man unterschied sie (die nixfrauen v. d. gewöhnlichen) allein an den groszen und gräszlichen augen br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 39;

ein ehrenmann, fürwahr! doch etwas — unschön,
beinahe möcht' ich's lieber gräszlich nennen
Grillparzer s. w. I 3, 256 Sauer;

er (ein taubstummer) ist auch recht gutmütig und freundlich, aber ungebildet und unangenehm durch seine gräszliche sprache und die grimassen, wodurch er das unverständliche zu ersetzen sucht (1837) A. v. Droste-

[Bd. 8, Sp. 2025]


Hülshoff br. 1, 187 Schulte-K.; polka, française, ja selbst polka-masurka werden (natürlich in gräszlicher übersetzung ins plumpe) von den bayerischen bauern gestampft Böhme gesch. d. tanzes (1886) 187.
γ) im religiösen und sittlichen bereich. auch hier sowohl im sinne von 'abscheu erregend, das (religiöse oder sittliche) empfinden verletzend' wie namentlich in der objektiven kennzeichnung einer schändlichen gesinnung oder eines bösen, lasterhaften verhaltens. seit dem 16. jh.: turpitudo peccati, das szo ein solch greszlich, grauszam dingk ist umb die sunde und ein solcher unlust (1519) Egranus pred. 15 Buchwald; noch ist hie kein bischoff noch geistlicher, der ein threnen liesze für solche gresliche, hellische lesterung Christi Luther 30, 2, 289 W.; für solcher greszlichen vnd heszlichen sünde hüte sich jeder getauffter christ Casp. Julius Susanna u. Daniel (1610) (?) 3a; er suchte rath bei einer hexe, und entleibte sich selbst. gräsliche folgen der gottlosigkeit und des aberglaubens J. M. v. Loen d. einz. wahre religion (1750) 474; Aristoteles sagt: man musz keinen ganz guten mann, ohne alle sein verschulden, in der tragödie unglücklich werden lassen; denn so was sey gräszlich Lessing 10, 131 L.-M.; schauderhaft gräszlich, empörend, war die scene, welche sich jetzt (nach der eroberung von Magdeburg) der menschlichkeit darstellte Schiller 8, 176 G.; es entsprangen gräszliche gedanken gegen den, der das schicksal der menschen leitet, aus diesen betrachtungen Klinger w. (1809) 3, 137; in den geschlechtern germanischer volkskönige begegnet man nicht selten bei den frauen einer gräszlichen verbindung von ehrgeiz, rachsucht und blutgier Ranke w. (1867) 14, 21; die Enneberger ... hatten keine entschuldigung für das gräszliche verbrechen Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 350. hierher wohl auch in der geläufigen beziehung auf fluch und verwünschung: dieser (der seiltänzer), der sich jetzt nur auf die waffen seines mundes reducirt sah, fing gräszlich zu drohen und zu fluchen an Göthe I 21, 161 W.; mit noch gräszlichern flüchen rief er endlich Klinger w. (1809) 3, 157; endlich auf betrug ertappt, betheuerte er seine wahrhaftigkeit mit gräszlichen verwünschungen J. H. Voss antisymb. (1824) 1, 103. substantiviert. selten in persönlicher beziehung:

das sagst du mir zaubrische, gräszliche
Grillparzer s. w. 5, 190 Sauer.

häufiger als neutrum, in begrifflichem gebrauch:

die hirten
will ich zusammen rufen im gebirg,
dort unter'm freien himmelsdache ...
das ungeheuer gräszliche erzählen
Schiller 14, 301, G.;

das nenn' ich einen gehörigen rassenhasz! ... etwas gräszliches wahrhaftig und dummes obendrein M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 110.
b) allgemein 'furchtbar, schrecklich, grausam, entsetzlich', und hier nun lediglich als eine irgendwelche erscheinungen, zustände, vorgänge oder dinge kennzeichnende eigenschaft. das übergewicht dieses mindestens seit dem 16. jh. möglichen gebrauchs liegt in jüngerer sprache, vgl. aber schon in nicht ganz eindeutiger verwendung: durch waz sache so ein greslichis orteil von des kunigis antlicze were uzgegangen (die weisen von Babylon zu töten) Cl. Cranc prophetenübers. 274 Ziesemer (Dan. 2, 15);

ein schrecklich, greszlich end er (Herodes) nam
vnd brent jtzt in der hellen flamm
Nic. Herman sonntags-evangelia 41 Wolkan;

nebenst der gar greszlichen see (dem Arendsee i. d. Altmark), die aber in einer nacht anno 815 sol entstanden seyn (und dabei, der sage nach, ein schlosz mit fast allen bewohnern verschlungen hat) Prätorius anthrop. pluton. (1666) 1, 106; (die gefallenen engel) waren vor bestürtzung über ihrer gräszlichen veränderung gantz auszer sich selbst Bodmer crit. schr. (1741) 1, 20; das ist meines mörders stimme, rief eine fürchterliche gestalt, die auf

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einmal in unsrer mitte stand, mit bluttriefendem kleid und entstellt von gräszlichen wunden Schiller 4, 248 G.; von dem gräszlichen abenteuer, das er mit der ersten (geliebten) erlebt, erzählt man folgendes Göthe I 41, 1, 190 W.; an jeder straszenkreuzung entging er nur mit mühe dem gräszlichen tode durch das rad W. Raabe hungerpastor (1864) 2, 68; eine vollständig verödete, kalte und vom gräszlichsten schmutze erfüllte wohnung Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 173. in der kennzeichnung eines inneren zustandes (der angst, des grauens u. ä.) und seiner äuszerungen schon beinahe mit blosz steigernder, intensivierender funktion (s. 3 b): todt lag es (das kind) da, und ich neben ihm in wüthender gräszlicher verzweiflung Göthe I 11, 151 W.; 'mein kind! mein kind!' flüsterte sie (eine mutter am sterbebett ihres kindes) in gräszlicher angst den doktor ansehend W. Raabe s. w. I 1, 127 Klemm. substantiviert: das tragisch gräszliche seines todes mag dichtung ... seyn Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 243; und er wuszte, was es gräszliches um den krieg bedeutet Klemperer l. t. i. (1949) 268.
3) in einem 2 gegenüber gemilderten und abgeschwächten, manchmal auch leicht ironischen sinne, analog der z. b. bei schrecklich, furchtbar u. a. noch sehr viel ausgeprägteren gleichen erscheinung.
a) soviel wie 'greulich, schlimm, böse, unangenehm', immer noch stark affekthaltig, aber durchweg in ungewichtigeren beziehungen als unter 2; häufiger erst seit dem 18. jh., modern sehr geläufig: (er) gab dem Prahlhanszky gelegenheit die gräszlichsten dinge in seiner vertheidigung anzuführen, wodurch er verleitet worden wäre (von einer frau, die in wirklichkeit er verführt hat) Gottsched d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 230; er breitete gräszliche gerüchte von meiner heterodoxie aus Nicolai Sebaldus Nothanker (1773) 2, 61; er roch gräszlich nach pflaster Knigge roman m. lebens (1781) 1, 213; der gebrauch des Kreuzbrunnens, der mir so nöthig ist, wurde durch die gräszliche witterung gestört, ja umgekehrt Göthe IV 33, 133 W.; ein wahrhaft gräszliches gemisch kluger und toller ... bestimmungen Thibaut bürgerl. recht (1814) 417; als ein geistlicher gräszliche worte über unsere tote sagte ... schien es mir als wäre besser kein wort über sie gesagt worden Binding erlebtes leben (1928) 231; kannst du dir vorstellen, dasz er (der vater) nun bald alt sein wird?' diese frage schien Annunziata sehr zu entrüsten: 'was für gräszliche gedanken du hast!' Werfel geschw. v. Neapel (1931) 21. auf eine subjektive empfindung bezogen, aber einen geringeren grad anzeigend als unter 2 a: mir ist nichts jräszlicher, als immer meine visage sehen Fontane ges. w. (1905) I 5, 23. auch als persönlich moralisch charakterisierendes wort hat gräszlich hier, 2 gegenüber, geringeres gewicht: diese sonntagsspaziergänger sind gräszliche leute Weigand d. löffelstelze (1919) 214; die tante Amalie war zwar im traum so dicht an sein bett getreten, dasz Lieven in gelinder verzweiflung dachte: wenn sich nur nicht das gräszliche frauenzimmer auf mein bett setzt A. Seghers d. toten bleiben jung (1950) 36. vgl. umgangssprachlich ein gräszlicher mensch, ein gräszlicher kerl. in der beziehung auf hörbares und auf gehörseindrücke komplexer, mit flieszender grenze teils zu 2 a α oder β, teils zu dem blosz noch verstärkenden gebrauch 3 b, besonders in den festen verbindungen gräszliches geheul, geschrei u. ä.: sie ... endlich dieses fest mit gräszlichen gehäule beschlossen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 4, 2, 315; kömmt ihnen (den wacholderdrosseln) einer derselben (der sperber) nahe, so entfliehen sie mit gräszlichem geschrei Naumann vögel (1822) 2, 1, 308; den andern morgen um sechs uhr ward an ihrer kammerthür ein gräszliches gepolter gemacht Miller Siegwart (1777) 1, 226.
b) im sinne von 'sehr, überaus' und 'grosz, stark' zu blosz (aber stark) steigernder funktion entleert. bereits in frühen ansätzen, aber vorwiegend in jüngerem gebrauch, und hier eher der umgangssprache als gehobener redeweise angehörig.zunächst nur in negativ wertendem zusammenhang und dem gebrauch 2 noch näher:

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doch sült ir nit so gräszlich clagen
vnd an mt so gar verzagen liederb. d. Hätzlerin 246a Haltaus;

se worpen en in eine unreine kule,
wente he stanck greseliken vule (1498) Reinke de vos 59 Prien;

nun bekäme zwar der schlusz folge; aber nun wird er auch der gräszlichste unsinn Herder 5, 145 S.; gräszlich stupid, nicht wahr? Pückler briefw. (1873) 1, 284; der aber, an stärke, wie ich leider zu spät bemerkte, mir weit überlegen, packte mich, ohrfeigte mich gräszlich ab E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 182 Griseb.; (der kofferträger) setzt den ... koffer ... auf den boden ab und ... schnauft gräszlich W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 8; zudem langweilten ihn die karten von jeher gräszlich Ina Seidel labyrinth (1922) 29; 'wenn mein mann hier nur nicht so gräszlich unbeliebt wäre', meinte die künstlerin H. Mann d. blaue engel (1950) 206. in der sehr viel selteneren, aber schon verhältnismäszig frühen anwendung auf neutrale gröszen oder auf positive werte, vgl. dazu Paul prinzipien d. sprachgesch. 592: es wúerde die sach der heyligen religion z Costnitz (Konstanz) und in ander weg greslich gefierdert werden (, wenn der als tüchtig und gelehrt bekannte herr v. Lunda bischof würde) (1537) G. Blarer br. u. akten 1, 319 H. Günter; wann ihr nicht an meiner (der amme) brust gesogen hättet, meinet ihr dann, dasz ich euch so gräszlich lieben würde (1711) ollapatr. 327 Wiener ndr.; wenn du nun zum könig kommst, der die wunderschöne prinzessin verlangt, so sag ihm: hier wäre sie. darauf wird gräszliche freude sein kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 267; gräszlich vill ... 'sehr viel' rhein. wb. 2, 1363.

 

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