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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
grasseuche bis grasspier (Bd. 8, Sp. 2001 bis 2004)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) grasseuche, f., 'durchfall (des viehs) infolge unvermittelten übergangs von der winterfütterung zur weide' Martiny wb. d. milchwirtsch. (1907) 47; vgl. grassieche. —
 
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grassichel, f.; vgl. fenaria graszekel (nd. 1417), grassichel (obd. 15. jh.), grasz sichel (obd. 1502) Diefenbach nov. gl. 170a; feneca grasz sichel (md. 1440) ders., gl. 229c; fenera graszsichel (Nürnberg 1482), gras sekele (nd. 15. jh.) ebda; grassichel falcinola da segar l'erbe Jagemann dt.-it. (1799) 541. häufig mit fugenvokal, vgl. grase sichel (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 229c s. v. fenaria; grase-sichel A. Beier v. handwerckszeuge (1691) 99; Kramer t.-ital. 1 (1700) 557a; Ludwig t.-engl. (1716) 806: hatte eine in ihrem leben ... geschwind ein last grasz grasen knnen, so war ein hbsche grasz-sichel daran (auf dem grabstein) gegraben grillenvertreiber (1670) 159; grasen, heisset das gras von ... grase-plätzen ... mit der gras-sichel abbringen Zincke allg. öcon. lex. (1744) 981; alsdann hob er eine grassichel neben dem blumengärtchen auf Jean Paul w. 3, 155 Hempel. übertragen im anschlusz an das bild vom tod als mäher: nach dem erquickenden perl-thau, musz unsre lebens-wiese doch endlich die gras-sichel fühlen, und ihr grünes röcklein fallen lassen Er. Francisi wol d. ewigkeit (1717) 196. —
 
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grassiech, adj., krank vom grasfutter, in beziehung auf rindvieh; vgl. grassiech 'an durchfall leidend, vom vieh, wenn es im frühling blätter der herbstzeitlose gefressen hat' schweiz. id. 7, 198: so ein rindt graszsiech ist und blut harnet Tabernämontanus neuw kreuterb. 1 (1588) 769. — dazu grassieche, f.: grassiechi 'durchfall des rindviehs' schweiz. id. 7, 199.
 
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grassieren, vb. , wüten, toben, heftig vorgehen; sich ausbreiten. im 16. jh. nach dem typus der -ieren-verben zu lat. grassari gebildet, dem es in allen anwendungen entspricht. der anklang an das in der bedeutung 1 entsprechende mhd. grâzen (s. 1graszen 2) ist rein zufällig. ein frühes grâzieren bei Konrad von Würzburg turnier von Nanthes 754 Bartsch ist eine okkasionelle und nicht fortwirkende bildung zu mhd. grâzen (s. unter 1graszen 1 a). lexikalisch: grassirn wten, toben, vngestm sein, wlen, grewlich durch gehn Roth dict. (1572) G 8a; grassiren herum schwermen, toben Apinus gloss. nov. (1728) 254 u. a.
1) im hinblick auf personen, besonders soldaten, räuber, raufbolde, 'heftig vorgehen, ungezügelt umherschwärmen,

[Bd. 8, Sp. 2002]


wüten, toben'; nur im älteren nhd.: darmb hat der Trcke auch also grassirt und gewtet, auch alles eingenomen (1537/38) Luther 46, 607, 25 W.; (gott gebe,) das sie (die katholiken) nit also in blindheit beharren und auch in die toten (gegen verstorbene protestanten) grassieren thun (1559) briefw. d. herzogs Christoph v. Wirtemberg 4, 719 anm. 3 V. Ernst; so begab sichs auch, das bald nach des keisers Leonis tode Odoacer der Rugianer knig inn Welschland einfiel, und gantze 14 jar grausamlich darin wtet und grassiret Menius chron. Carionis (1562) 2, 182a; und unter sich ein brderliche verbndnsz, wider die grassirenden ruber und andere jhre knfftige feinde gemacht Peccenstein theatrum Saxonicum (1608) 3, 75; (studenten) welche jhrer eltern sauren schweisz mit extra, mit fressen vnd sauffen, mit spielen vnd grassiren, mit buhlen vnnd stoltziren ... durchjagen vnd verzehren Moscherosch gesichte (1642) 1, 348; es hatte aber mehr auff sich, wenn sie schon damals mit raub und mord wie die wilden bestien grassirten Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 294b; er hat von zorn angefangen zu grassiren Aler dict. (1727) 1, 977b. vergleichbar: denn das schwert gottes zornes wird mchtig grassiren, und an leib und seele gesetzet werden Jac. Böhme s. w. 7, 467 Schiebler.
2) häufiger in der beziehung auf abstrakte gegebenheiten.
a) im hinblick auf elementargewalten und äuszere ereignisse wie kriegsnot oder hunger, die über menschen hereinbrechen und sich ausbreiten; nur im älteren nhd.: (feuer) welches ... durch die gantze statt grassiert vnd vmb sich gefressen Lewenklaw neuwe chron. türck. nation (1595) 139; bei gegenwärtigen allenthalben in Deutschland grassirenden kriegswesen (1641) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 5, 141 Erdm.; hat in Teutschland ein solcher grausamer hunger grassiret Schupp schr. (1663) 783;

bellum grassiret in der welt,
herr Omnis spricht hett ich nur geld
J. Prätorius reformata astrologia (1665) 156;

anno 1692 ergosz sich ein gewaltsamer wettersturm ber die Ingol- und Johann Georgen stadt, welche ... mit grosser gewalt bey gedachter stadt vorbey grassirte Chr. Lehmann hist. schauplatz (1699) 293.
b) überaus häufig und bis heute gebräuchlich in der beziehung auf epidemisch auftretende, um sich greifende krankheiten und seuchen: als die pestilentz da grassierte, sollen bey die achtzig menschen vnter dem singen (einer litanei) den geist auffgeben haben Nigrinus papist. inquis. (1589) 223; das podagram ist nicht eine so grausame, allgemeine, grassirende, grewliche ... kranckheit, als andere seyn mchten Moscherosch gesichte (1650) 2, 478; dasz ... die seuche dermassen unters vieh grassire, dasz auch die strrckesten ochsen vorm pfluge unvermuthet niederfielen Prätorius anthrop. pluton. (1666) 1, 189; die hietze fieber und andere kranckheiten grassiren hier starck und nehmen viele leute weg (1715) Berliner geschrieb. zeitungen 17 Friedl.; dasz in Göttingen eine ansteckende seuche grassire Lichtenberg br. (1901) 1, 54; mein kleiner Ernst hatte in diesen tagen die masern, die hier sehr stark grassieren (1801) Schiller br. 6, 319 Jonas; hier hat das nervenfieber schrecklich grassiert (1841) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 484 Schulte-K.; seuchen sollen ja immer dort am heftigsten wüten, wo sie zum erstenmal grassieren Klemperer l. t. i. (1949) 220.
c) von b her im sinne von 'sich ausbreiten, herrschen' auch auf laster, üble gewohnheiten, modeerscheinungen bezogen; das moment des heftigen, wütenden ist abgeschwächt, doch behält das wort, von vereinzelten fällen abgesehen (s. bes. unten Göthe), einen abwertenden ton: ehrsucht ist das lteste laster, und grassiret durch alle stnde Butschky Pathmos (1677) 675; in Österreich, alwo for 60 70 iahren eben gedachte irtumb (des protestantismus) seint grassiert Abr. a s. Clara neue pred. 106 Bertsche;

[Bd. 8, Sp. 2003]


mein vater hatte die gewohnheit nicht angenommen, die häufig graszirt, das griechische zu verlateinen Hippel lebensläufe (1778) 2, 220; die ganze ceremonie mag wohl manchem pueril erscheinen, oder in seinen augen allenfalls nur als parodie der grassirenden ordensmanie gnade finden Gaudy s. w. (1844) 6, 89; das wort künstler grassirt sehr in Wien H. Laube ges. schr. (1875) 9, 42; die bildungssucht in Zürich grassiert immer fort, alle wochen wenigstens zwei vorlesungen vor damen und herren (1857) G. Keller br. u. tageb. 2, 434 Ermat.; die einsiedlerabteien, nachahmungen von Marly, waren im zweiten und dritten jahrzehnt des 18. jahrhunderts eine an den deutschen fürstenhöfen grassierende mode Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 353; 'sonnig' grassierte damals in den gefallenenanzeigen Klemperer l. t. i. (1949) 156. so gern von literarischen erzeugnissen: dasz er die hier grassirende poesie zu hülfe nahm Thümmel reise (1791) 9, 38; das vorspiel habe ich nochmals durchgesehen und es an Cotta abgeschickt. es mag nun auch in der weiten welt grassiren (1802) Göthe IV 16, 115 W.; und Dingelstedt vollbrachte eine wahre Midasthat, indem er seinem nachtwächter die dürre prosa der einst so stark grassirenden politischen liederdichterei in das reine gold echter poesie verwandelte Hebbel w. I 12, 61 Werner; um diese zeit grassirte in diesen romantischen erzeugnissen (der romanliteratur) der junge professor oder sonstige hochgebildete mann, der ... gegen Frankreich ins feld zieht H. Seidel vorstadtgesch. (1880) 142. mit ausdrücklichem bezug auf den gebrauch von b: glauben sie denn, die titelpest grassire nur hier zu lande? Kotzebue s. dram. w. (1827) 18, 86; die niederträchtigste silbenknickerei grassirt wie eine seuche Schopenhauer w. 2, 145 Gr.; warum grassiert denn in den ländern, die solches schulwesen noch nicht haben, diese schmähliche unkunst-seuche nicht? R. Dehmel ges. w. (1906) 8, 128.
3) in der ganz vereinzelten beziehung auf ein geschosz könnte bedeutungsmischung mit grasen 4 (s. d.) vorliegen oder einwirkung der seltenen lat. wendung arma, tela grassantur, s. thes. ling. lat. 6, 2, 2203: schossen sie von der stadt wälle ..., wiewol ohne jenigen effect; allein dass eine grassirende kugel einem reiter den rücken zerschlug (17. jh.) Hoppe gesch. d. ersten schwed.-poln. krieges 96 Toeppen.
 
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grassierung, f., vereinzelt und nur älter bezeugt. zu grassieren 1: dasz sie in behertzigung ziehen solten, Bethlehem Gabors, newlich inn Ungarn beschehenes feindlichen einfalls, tyrannisch und unchristlich grassirung Ensz fama Austriaca (1627) 294b. zu grassieren 2 b: bey grassirung der pestilentzialischen seuchen und kranckheiten ist anzubefehlen, dasz die soldaten alle morgen wieder die böse lufft von bär-wurtzel, oder angelickenwurtzel etwas zu sich nehmen Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 326.
 
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grassig, grässig, adj., 'zornig, frech', weiterbildung des adj. grasz 'heftig, zornig' (s. d.). anscheinend vornehmlich auf das westl. md. beschränkt, älter vereinzelt bis ins elsäss. zurückreichend. daneben stehen nhd. gretzig (s. teil 4, 1, 6, sp. 204) und mnd. grettich (s. Schiller-Lübben 6, 144a), von swv. 1gretzen (s. teil 4, 1, 6, sp. 204), mnd. gretten 'reizen' (s. Schiller-Lübben 2, 145a) abgeleitet, welche ihrerseits faktitiv zu hd. grasz, bzw. nd. *grat, adj. gebildet sind. grassig, grässig ist gelegentlich im 16. jh. und in lebender mundart bezeugt: noch mcht weiter jm (Luther) uffgerupfft werden, daz hart gressig oder bissig verantworten und schreiben M. Zell christeliche verantw. (1523) f 1a; anders nuanciert: parasitator vel parastinator vel parstinator fauler grassiger bube (anf. 16. jhs.) Diefenbach gl. 412b; hess. ein grasziger mensch ein unwilliger Pfister nachtr. 83. Pfister a. a. o. macht den sehr gewagten versuch, ein bei Estor d. Teutschen rechtsgelahrth. 3 (1767) 1408 bezeugtes gräszig 'wohlschmeckend' mit hess. graszig 'widerlich schmeckend' zusammenzubringen und beide auf grund eines zu unrecht gegensätzlich verstandenen ahd. grazzo vehementer und

[Bd. 8, Sp. 2004]


grazlîcho subtiliter (vgl. s. v. grasz, adj.) von grasz her zu verstehen. auch ein rhein. grässig 'häufig weinend, schreiend, mürrisch, unzufrieden, zänkisch, frech' rhein. wb. 2, 1363 gehört etymologisch nicht hierher, sondern zu 1graszen (s. d. 1 b).
 
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grässing, m., 'tannensprosz, junges waldbäumchen', mit zugehörigkeitssuffix -ing zu grasz, n. (s. d.) gebildet. auch in den formen gressing (s. teil 4, 1, 6, sp. 197 s. v. 1greszling) und gröszing (ebda sp. 555 s. v. 1gröszling), vgl. ferner 1gräszling: item es solle kainer an dem Penzenpichl groszing (var.: gräszing) noch anders holz abschlagen (1694) österr. weist. 1, 146, 39; in so einem bauernwald stehen bäume aus verschiedenen generationen. die jüngsten, die 'grässinge', werden ... stehen gelassen Rosegger schr. (1895) II 11, 119.
 
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grassode, f., ein ausgestochenes, durch sein wurzelwerk zusammengehaltenes gras- oder rasenstück: bey wichtigen staudämmen ... wirft man, wenn die erde übers wasser beginnet zu kommen ..., an der äussern seite eine bis übers wasser ragende lage gras-soden allg. haushalt-lex. (1749) 1, 339; abgestochene grassoden von unbrauchbaren plätzen können durch ihre vermoderung einen trefflichen dünger geben Thaer rat. landwirthsch. (1809) 2, 212; die grassoden ... wurden stellenweis zum schutz gegen die nagenden wellen mit fester strohbestickung überzogen Storm s. w. (1899) 7, 233; das baumaterial (der häuser) sind steine und grassoden Reinerth haus u. hof d. Germanen (1937) 124. —
 
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grasspatz, m., eine bezeichnung der grasmücke (s. d. 1), bes. der schwarzköpfigen, sylvia atricapilla L.; vgl. DWB grassperling, DWB grasmusch: (diese vögel) werden allein im herbstmonde ficedul, das ist, grasz oder grauspatzen geheiszen, kurtz aber nach dem herbst nennet man sie melanchoryphos, das ist, mnchlin oder schwartzkpff Heyden Plinius (1565) 454; grasspatz motacilla atricapilla Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 207; sylvia atricapilla der mönch, ... schwarzkopf, schwarzköpfige oder schwanzplattige grasmücke, ... grasspatz Naumann vögel (1822) 2, 492. —
 
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grassperling, m., eine bezeichnung der grasmücke (s. d. 1); vgl. häufigeres grasspatz und grasmusch: grassperling Krünitz öcon. encycl. 19 (1780) 781; Voigtel wb. (1793) 2, 126b; Campe 2 (1808) 443b s. v. grasmücke. —
 
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grasspier, n., grashalm; im nd. und rhein., vgl. rhein. wb. 2, 1360; grāsšpeīr Bauer-Collitz Waldeck 41a: wo mannich grasspyr up der êrden, so mannich perikel is in der bôlschap Tunnicius sprichw. 94 Hoffmann.dazu das im hd. bezeugte dim. grasspierlein, n.: hetten die richter die tantzpltze der hexen auch nehest folgends tags nach gehaltenen tntzen besehen, wurden sie kein fuszstapffen da gesehen, noch einig grasz spierlein da zertretten gemerckt haben (1597) Lercheimer christl. bedencken 134 Binz.

 

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