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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
goti bis götlein (Bd. 8, Sp. 997 bis 1016)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) goti, n., s. götlein, n.
 
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göti, m., dim. zu göte 'pate', s. DWB göte, m.
 
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gotik, f. , stil- und epochenbezeichnung, zunächst in der bildenden kunst, dann auch für das zugrundeliegende lebensgefühl. gegen ausgang des 18. jhs. zu gotisch gebildet mit dem auf gr. -ικη (sc. τέχνη), lat. -ica (sc. ars) zurückgehenden, im 19. und 20. jh. stark wuchernden abstraktsuffix -ik (wie klassik, romantik, technik).
für sich steht das im 18. jh. belegte substantivierte adj. das gothique aus frz. le gothique allgemein von mittelalterlicher kunst (frz. la gothique ist 'die gotische schrift'): sie wird auch ew. hochfürstl. durchlaucht übrigen kunstsamlung dadurch noch einen merklichen vortheil schaffen, dasz nemlich inskünftige das gothique von denen antiquen und neuern kunstwerken zu beider vortheil, ganz separiret werden wird (1768) R. E. Raspe bei: R. Hallo R. E. Raspe 2. dazu zunächst als gelegenheitsbildung in eingedeutschter form das fem. die gotik: alles, was man unter dem namen der gotik verstehet, ist übertrieben, mit einem ängstlichen fleisz überladen, ohne vernünftige verhältnisse Ad. Fr. Öser ebda 202.
1) seit dem 19. jh., wie gotisch B 2 c, zuerst in der fachsprache der kunstgeschichte.
a) der baustil Mitteleuropas gegen ende des hoch- und im spätmittelalter: gothische kirchen dürfen unter ein bestimmtes masz der grösze nicht herabsinken, ohne dasz ihre wirkung beeinträchtigt wird. die gothik ist so ernst und grosz, dasz sie sogleich lächerlich wird, wenn man

[Bd. 8, Sp. 998]


sie auf zu kleines anwendet (1859) Stifter s. w. 14 (1901) 127; es ist bemerkenswert, dasz alles gotische oder aus der gotik hergeleitete auf unserem märkischen boden seit wiederbelebung dieses stils (eine epoche, die kaum zwei menschenalter zurückliegt) nicht gelingen wollte Fontane Havelland (21880) 426; ich ... meine wähnen zu dürfen, dasz den grünen Alpen nichts besser stehe, als die gothik des deutschen mittelalters Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 287; von der späteren romanischdeutschen baukunst, insbesondere von der rheinischen, giebt es keinen unmittelbaren übergang zur gotik Springer hdb. d. kunstgesch. 2 (1895) 186; diese notwendige ideenverbindung zwischen gotik und architektur deckt sich mit der historischen tatsache, dasz die stilepoche gotik von der architektur ganz beherrscht wird ... wenn wir ... von der gotik sprechen, dann steht sofort das bild gotischer kathedralen vor uns Worringer formprobleme d. gotik (1911) 60; die zweite hälfte des mittelalters, die wir im engeren sinne gotik nennen Schmarsow gotik i. d. renaiss. (1921) 16; mystische raumstimmung eignet der gotik wie keinem anderen baustil Schwietering in: zs. f. dt. altert. 60 (1923) 123; die gotik hat nicht einzelne lagen aufeinandergeschichtet, um in die höhe zu kommen, sondern alles geht in einem schusz empor Wölfflin ged. z. kunstgesch. (1941) 114; für die gotik liegt das bedeutsame nicht in der beharrenden form, sondern in der bewegung, nicht im sein, sondern im geschehen ebda 112; ... dasz die gotik mehr gewesen als die frucht der verfallenen römischen und griechischen architektur Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 352; ein rathaus, im baucharakter zwischen gotik und renaissance schwebend ders., Faustus (1948) 59.
b) schon früh bahnt sich eine bedeutungserweiterung an, bei der die inhaltsgrenzen ins flieszen geraten (vgl. 3): wird nicht die ganze frucht der modernen aufklärung ... mit der vernichtung bedroht, wenn ... der extremste radikalismus des kritischen verstandes sich mit den bunten gebilden einer groszartig wilden gothik der phantasie versöhnt? Lange gesch. d. materialism. (1866) VIII; da war dann allerdings von düsterer deutscher gothik und all den alfanzereien nicht mehr die rede; dagegen flosz das stück unter den händen meines freundes mit einer 'griechischen heiterkeit' über das klavier hin (1869) R. Wagner ges. schr. u. dicht. 8, 317 Golther.
c) die kunstwissenschaft des 20. jhs. entwickelt zu schärferer gliederung der gesamten stilepoche zusammensetzungen mit dem grundwort gotik (vgl. gotisch B 2f): die grundlage der gesamten zeitgenössischen spätgotik Wölfflin d. kunst Dürers (1919) 236; (es) trifft nach unserm gefühl jedenfalls nicht das bezeichnende am stilwillen und am seelischen gehalt der hochgotik (1936) A. Hübner kl. schr. (1940) 271; 'spätgotik' läszt erwarten, dasz vorher eine 'hochgotik' sich zu ihr gewandelt habe ... uns fehlt einfach ein deutlicher name, und deshalb nehmen wir den an sich irreführenden 'spätgotik' an Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 283; er machte aus der 'deutschen gotik' ... die 'deutsche sondergotik' ebda 301; neu- oder neogotik für die bauten des 19. jhs., die die bauformen der echten gotik des mittelalters nachahmen.
2) daneben im 20. jh. unter dem bestimmenden einflusz des kunsthistorikers Wilhelm Worringer zu allgemeiner stilbezeichnung geweitet, die den festen zeitlichen rahmen, der bisher als integrierender bestandteil zum vorstellungsinhalt gehörte, sprengt und allein bestimmte konstruktive grundzüge der gestaltung als entscheidend für die zuordnung ansieht (vgl. die entsprechende entwicklung für gotisch B 2 d): so geht also der stilpsychologische begriff der gotik auch nach der gegenwart zu über den schulbegriff gotik hinaus W. Worringer formprobleme d. gotik (1911) 28; der romanische stil ist eine gotik ohne enthusiasmus, eine gotik, die noch in materieller schwere befangen ist, eine gotik ohne letzte transzendentale auslösung ebda 94; die geheime gotik vor der eigentlichen gotik aufzudecken ..., um auch die geheime gotik nach der eigentlichen gotik bis hinauf in unsere zeit hinein festzustellen ebda 127;

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man weisz, dasz eine heimliche gotik durch alle jahrhunderte deutscher kunst durchgeht Wölfflin gedanken z. kunstgesch. (1941) 123. ihre eigenart steht in schärfstem gegensatz zur baugesinnung und künstlerischen gestaltung in klassik und renaissance: denn gotik nannten wir die grosze unvereinbare gegensatzerscheinung zur klassik, die nicht an eine einzelne stilperiode gebunden ist, sondern durch all die jahrhunderte hindurchgehend in immer neuen verkleidungen sich offenbart Worringer a. a. o. 126; der ganze europäische kunstverlauf der nachantiken zeit läszt sich geradezu reduzieren auf eine konzentrierte auseinandersetzung zwischen gotik und klassik ebda 9; der mann und begriff Raffael ... zeigt symbolisch, ... dasz wir die gotik messen nach der renaissance R. Benz d. dt. volksbuch (1913) 35. sie erscheint als kennzeichnender ausdruck bestimmter völkischer anlagen und beziehungen: anderseits deckt sich allerdings diese spezielle heranziehung der Germanen mit unserer ansicht, dasz die disposition zur gotik nur da eintritt, wo germanisches blut sich mit dem blute der anderen europäischen rassen mischt; die Germanen sind also nicht die alleinigen träger der gotik und ihre alleinigen schöpfer; Kelten und Romanen haben denselben wichtigen anteil an der gotischen entwicklung. wohl aber sind die Germanen die conditio sine qua non der gotik Worringer a. a. o. 29; erheblich war ihm allein (Raspe), dasz gotik ausdruck jenes germanischen wesens war R. Hallo R. E. Raspe 226; und wie sehr die kunst Italiens im natürlichen verankert ist, beweist allein die tatsache, dasz die gotik hier nie eigentlich hat fusz fassen können Wölfflin gedanken z. kunstgesch. (1941) 55.
3) gleichzeitig erfolgt eine bedeutungsausweitung in anderer richtung durch übertragung auf entsprechende stilformen in anderen künsten (vgl. oben unter 1 b; gotisch B 2 e): Bachs musik ist gotik A. Schweitzer Bach (11908) 336; (über Bachs musik:) was seinem wesen nach dichterische und bildliche musik ist, stellt sich als klang gewordene gotik dar ders., leben u. denken (1932) 55; musik der gotik — damit meinen wir die musik, die mit den kathedralen wuchs, die neue klangwelt, die diese geheimnisvollen säulenwälder erfüllte Schmidt-Görg musik d. gotik (1946) 7; ordnung und bewegung: so erkannten wir die grundelemente der musikalischen gotik ebda 27; W. Stammler prosa der deutschen gotik (1933) titel. ferner auf die geistig-seelische haltung, das lebensgefühl und den ausdruckswillen der menschen und der zeit bezogen, die vollendete werke gotischer kunst hervorgebracht haben: uns Deutschen steht das erbteil der gotik jedenfalls näher als die leichten freiheiten Hellas Ginzkey Brigitte u. Regine 18 Reclam; die opern Händels ... sind deutsches barock, sind barocke gotik G. Müller gesch. d. dt. seele 3; aus dem abfall von der gotik, den die römischen jahre (Göthes) gebracht hatten, wurde (im alter) eine rückkehr zur gotik A. Hübner kl. schr. (1940) 276.
 
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gotiker, m. , junge ableitung von gotik.
1) im engeren sinne zu gotik 1: der im gotischen stil bauende architekt oder schaffende künstler: der versuch ..., es mit der gotik und ihren dependenzien zu wagen; aber diese versuche scheitern jedesmal, wenigstens für das auge dessen, der ... das kennt, was mit immer wachsendem verständnis unsere westdeutschen neu-gotiker danach bildeten Fontane Havelland (21880) 427; bald aber fanden sich ... überzeugte gotiker, die sich namentlich des kirchenbaues bemächtigten Pauli klassizismus u. romantik (1925) 44; Verrocchio ..., Mantegna ..., Botticelli ... sind ... spätgotiker des südens W. Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 304; die renovierung unserer kathedralen durch unsere neuen gotiker ... ist schlieszlich auch nicht besser Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 464.
2) daneben im 20. jh. in erweiterter bedeutung zu gotik 3: der von mittelalterlichem lebensgefühl erfüllte und bestimmte künstler und mensch allgemein: des gotikers lebensgefühl steht unter dem druck einer dualistischen zerrissenheit

[Bd. 8, Sp. 1000]


und friedlosigkeit ... der gotiker baut seine dome ins unendliche Worringer formprobl. d. gotik (1911) 71; dem hohen idealismus des gotikers A. Schmarsow gotik i. d. renaiss. (1921) 8; dem gotikervolke der Nordfranzosen steht das nicht gotisch empfindende Deutschland gegenüber Pinder kunst d. dt. kaiserzeit (1937) 185; Mell ist in linie, haltung und sprache reinster gothiker; sein christentum basiert nicht auf dem 17. jahrhundert R. Hohlbaum i. d. dt. allgem. zeitg. v. 10. 11. 1932; man wird unter den edelsten der lyrischen kunstgebilde des 'guszeisengotikers' George vergebens nach jenem deutschen naturlaut suchen qu. v. j. 1940; wenn man Dante den letzten groszen gotiker genannt hat Chr. Obermüller d. dt. stämme 56; der gotiker Paracelsus Hans Kayser d. dom, bücher d. dt. mystik 4, 7.
 
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götin, f., patin. moviertes fem. zu göte, m. (s. d.). nicht umgelautete formen sind selten: gottin (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 417a; gotin (obd.) Diefenbach nov. gl. 283a; die jngeren damen ... shnten ... sich mit ihren gothinnen durch eine gemeinschaftliche sitte aus Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 1, 5. sonst durchaus mit umlaut: götin (obd. 15. jh.) Diefenbach gl. 417a; und ward ... die burgrafin der kunigin ... göttin dt. volksbücher 137, 16 Bachmann-Singer; meine gthin legte sich auff die viehzucht Grimmelshausen Simpl. 404 Kögel; 's kindl bleibt uns nit, d'rum is d' hebmutter mit der nachbarsliesel als gödin h'raufg'rennt, dasz's nur gleich g'tauft wird Anzengruber ges. w. (1890) 1, 153. hierher auch wohl der folgende beleg mit im alem. möglichem ausfall des endungs-n:

und liess im darz sprechen dritthalbe messen
von sant Grix und siner götte
N. Manuel 141 Bächtold.

in den heutigen maa. selten, vereinzelt: gottin Schmeller-Fr. bair. 1, 962.
 
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gotisch, adj. , auf das in den stürmen der völkerwanderungszeit zugrundegegangene volk der Goten bezogen; bezeichnung für den stil insbesondere der bildenden künste im Mitteleuropa des späten hoch- und des spätmittelalters. vgl. G. Lüdtke in: zs. f. dt. wortf. 4, 133 -152.
A. lehnübersetzung. im 16. jh. nach vorbild und unter einflusz des humanistisch-gelehrten gebrauchs des mittellat. gothicus vom volksnamen Gote zu rein sachlicher kennzeichnung der zugehörigkeit oder herkunft abgeleitet. doch setzt sich diese lehnübersetzung, an deren stelle in der 1. hälfte des 16. jhs. noch gern umschreibungen mit Gote begegnen, zunächst nur zögernd durch; vgl. gotthicus dasz den gotthis zuo gehört Dasypodius dict. (21536) 86 und die belege aus diesem zeitraum unter gote 1-3. die ältesten belege für gotisch: 1536 Wicelius (unter 3); 1572 Hondorff (3); 1575 Fischart (2); 1591 Scherdiger (3). die bedeutung entwickelt sich entsprechend der des grundworts Gote 1-3.
1) allgemein: germanisch. so in der antiquarischen gelehrsamkeit des barock: gestalt (indem) die überwundenen der sieger wort, sprache und sitten annehmen, wie wir sehen, dasz die frantzösische sprache von der celtischen, griechischen und römischen oder lateinischen, die welsche von der lateinischen und gotthischen, die spanische von der gotthischen, arabischen und lateinischen gemenget sind Ph. Harsdörffer schutzschr. f. d. teutsche spracharbeit (1644) 14; dasz aber die gotische sprache eben diese, welche man die teutsche nennet, im grunde gewesen sey, ist gar gewisz, wie solches aus den uhralten nahmen der gotischen männer und weiber, auch aus jhren alten reimen abzunehmen Schottel haubtspr. (1663) 54. diese verwendung hält sich bis in die romantik unabgeschwächt; zu beachten bleibt, wie die zeitliche vorstellung 'altertümlich, mittelalterlich' immer stärker hineinschwingt: so verschiedene geschöpfe ein alter griechischer und ein gothischer held der mittlern zeiten ... so verschieden auch die bilder ihrer tapferkeit (1769) Herder 3, 400 S.; dem zeitgeschmacke ..., der sich, als eine vermischung des nordischgothischen, des spanisch-arabisch ritterlichen, des barbarisch-christlichen mönchsgeschmacks über Europa

[Bd. 8, Sp. 1001]


daherzog ebda; auf gothischen grund und boden alle vorzüge fremder nationen zu verpflanzen, sollte unser höchster stolz seyn. wenn also diejenigen provinzen Deutschlands, in denen sich noch die meisten überreste der gothischen sprache und denkart erhalten haben, (mit anderen zur festlegung des sprachgebrauchs) zusammenträten ..., unsere sprache ... würde ... nichts zu befürchten haben (1776) Lenz ges schr. 2, 322 Tieck; eine ursache von dem unterschiede der farben bei den menschen sucht F. auch in den wanderungen der völker, von welchen unsere heutigen nationen abstammen; die slavonischen haben eine bräunliche, die gothischen eine weisze farbe allg. dt. bibl. anh. z. bd. 25/36 (1778) 3, 1486; ein mildgemischtes blut flosz leicht doch langsam in den adern unserer gothischen vorfahren J. G. Forster s. schr. (1843) 5, 176; nachdem auch die Burgunden und Vandalen, und einem theile nach selbst die Longobarden, gothische völker gewesen sind, ... so ist dieses der eigentliche welthistorische nahme für die gesamtheit der germanischen und deutschen volksstämme (1805) Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 181; dieser charakterzug (phantasie) ist aus der germanischen wurzel gekommen und wird daher mit recht gothisch genannt ebda 6, 182; ein zweiter abschnitt zeigt dann die verwandtschaft des isländischen mit den übrigen von ihm (Rasmus Cristian Rask; 1818) sogenannten gotischen, d. h. germanischen sprachen H. Paul in: grundrisz d. germ. philol. 1 (1891) 79.
2) gotische schrift, eine im 13. jh. aus der karolingischen minuskel sich entwickelnde schriftart, ist heute im allgemeinen sprachgebrauch gleichbedeutend mit deutscher schrift (auch fraktur im weiteren sinne), in der fachsprache des druckers jedoch eine bestimmte drucktype. in älterer sprache hat die verbindung noch keine festen begrifflichen umrisse. Fischart gibt 'il luy apprenoit a escripre gotticquement' bei Rabelais (Gargantua XIV) wieder mit: hiezwischen solt jhr auch wissen, dasz er die gottische schrifft hat lehrnen schreiben, wie deren exempel etlich Lazius und Goropius zeigen Garg. 218 ndr. (kapitel 17). er bezieht also die worte seiner vorlage auf gotische textproben bei Lazius und Goropius und ihre gotischen schriftzeichen, der übertragene gebrauch von gotischer schrift ist ihm noch unbekannt, s. Lüdtke a. a. o. 134. Schottel, der in der gotischen sprache eine vorstufe des deutschen sah, konnte die gotischen buchstaben nur als die ältere stufe der deutschen schrift ansehen: die uhralten teutische oder celtische oder gotische buchstaben haubtspr. (1663) 56; so auch: die lettern haben fast die form der alten gottischen M. Grundmann geschichtschule (1655) 156. der mönchsschrift gleichgesetzt (s. mönchenschrift t. 5, sp. 2492): in der bücherey heisset gothische schrifft eine alte art schrifft, die gegen der heutigen etwas gröber erscheinet, wird auch mönchschrifft genennet Jablonski allg. lex. (1721) 255b. dagegen sehr viel schärfer gefaszt und mit kenntnis der entstehung: die erste und wahre mutter aller unserer heutigen europäischen buchstaben ist die alt-römische, welche man auch die quadrat-schrifft, und in buchdruckereyen die versal nennet. daraus seynd allerhand verdorbene grobe buchstaben entstanden, ... welche zusammen von Mabillon und den meisten gelehrten gemeiniglich, obschon nicht allerdings recht, die gotthischen genennet werden. ... wir laszen es aber diesesmahl bey den gemeinen begriffen und nennen iene mit dem groszen hauffen schlechthin die gotthischen, und alle kleinere schrifft mittlerer zeiten oder die so genannte alte mönchschrifft, auch mit vielen gelehrten, schlechthin die langobardischen buchstaben J. Fr. Christ anzeige u. ausleg. d. monogrammatum (1747) 39.
durch den geläufigen gegensatz zur lat. schrift, der heutigen antiqua, wird gothische schrift (buchstaben) gleichbedeutend mit deutscher schrift, auch fraktur (bruchschrift), so schon seit mitte des 18. jhs.: diejenigen werke mit lateinischen buchstaben drucken zu lassen, welche verdienten, von den ausländern gelesen zu werden. bey dem Jacob und Joseph hätte man die gothischen buchstaben also immer noch behalten können Lessing 4, 408

[Bd. 8, Sp. 1002]


L.-M.; schick mir keine uhrbänder, sondern diesmal etwas zu lesen in gothischen buchstaben (1785) Caroline 1, 17 Waitz; mit den deutschen buchstaben hatte Louis Armand ... seine noth. diese kleinen gothischen buchstaben unserer schrift ... waren ihm peinlich Gutzkow ritter v. geiste 5 (1851) 263; als ich garnichts mehr anzubringen sah, schrieb ich ... unter den strausz mit gothischer schrift den namen der künftigen eigentümerin G. Keller ges. w. (1889) 1, 243; das titelblatt war ganz einfach. in groszen schönen gothischen lettern stand dort 'blumenbuch' H. Seidel ges. schr. (1907) 2, 253; die anfangsbuchstaben prangten als inkunabeln in rot und gold. die gotische schrift herrschte durchaus. antiqua hatte ich nie leiden können J. Schaffner Johannes (1922) 2, 157; ebda 2, 254; was den namenszug 'E. Krull' betraf, der, im gegensatz zu den spitzig-gotischen zeichen des textes, den lateinischen duktus aufwies Th. Mann hochstapler Krull (1948) 41.
3) verengt auf das Germanenvolk der Goten, parallel der gleichsinnigen bedeutungsentwicklung von deutsch. der gebrauch 1 stellt sicher, dasz bis zur romantik noch keine scharfe begriffsabgrenzung gegenüber allgemeinem germanisch wie deutsch bestand. die Goten werden als das geschichtlich bekannteste und in der antiken literatur am häufigsten genannte germanische volk beispielhaft für die Germanen überhaupt gefaszt (vgl. DWB Gote 1, sp. 987): die Gothi haben vorzeiten die heiligen bibel in jhre gothische zungen gewandelt G. Wicelius annotat. (1536) d 3b; Roderich, der göttische deutsche könig in Hispanien Hondorff prompt. (1572) 263b; der ... gotische bischof Ulphilas Schottel haubtspr. (1663) 57; gothisch oder die alte sprache des vermeinten Ulfilas Lessing 15, 231 L.-M. die jüngere scheidung bahnt sich in der zusammenstellung mit den namen anderer germanischer völker an: die Spanier so gottisches unnd vandalisches geblüts sind Scherdiger novae novi orbis hist. (1591) C 4b; durch die gothischen, vandalischen, langobardischen und andere völcker angerichtete allgemeine verwüstung Jablonski allg. lex. (1721) 255b; man dringt von allen seiten auf die zukommlichsten werke ihrer befestigung ... mit einer hitze ein, die mehr einem gothisch-vandalischen sturm als einer überdachten belagerung ähnlich sieht (1778) Lichtenberg verm. schr. (1844) 4, 18. erst seit dem aufkommen der germanistik und der jungen geschichtswissenschaft zuverlässig auf Ost- und Westgoten bezogen: gothisches glossar (1847) Ernst Schulze buchtitel; gothische grammatik (1880) W. Braune buchtitel; rief der voranschreitende fackelträger ... in gothischer sprache F. Dahn kampf um Rom (1901) 1, 4; das zelt, welches schon von gothischen heerführern erfüllt war ebda 3, 66; wie ich (Totila) nur gothisch denke, kann ich auch nur gothisch fühlen ebda 1, 365; (Läsö hat) im gegensatz zu allen übrigen dänischen inseln bewohner gotischer herkunft und dementsprechend einen eigenartigen wirtschaftsbetrieb Krause in: ber. d. dt. botan. ges. 11 (1893) 309. substantiviert das gotische 'die gotische sprache': älter als unser deutsch gibt das gotische des Ulfilas aufschlüsse Fr. Kluge unser deutsch (1911) 19.
4) sonderentwicklung, entsprechend Gote 3, nur gelegentlich während der schwedischen herrschaft in Norddeutschland begegnend: die britannische (frau) hingegen hat keinen mangel an holdseeligkeit, und sie hat auch den nöthigen vorrath an feuer in sich. ... die gothische aber hat so viel schnee im hertzen, als auf ihrer haut. ... ihrer adern blut ist eben so starck gefroren, als die flüsse ihres vaterlandes; ... dasz die (liebe) in norden ausz seinem eisz-meere den ursprung habe Lohenstein Arminius 2 (1690) 1022b.
B. lehnbedeutung. im 18. jh. auf eine ausgeprägte stilform künstlerischer wie alltäglicher gegenstände und der lebensweise bezogen. das vorbild des übereinstimmenden gebrauchs von französ. gothique (Littré dict. 1, 1896c) und engl. gothic (Murray 4, 313a-b) 'mittelalterlich verworren und dunkel; barbarisch, roh' prägt dem adjektiv infolge des

[Bd. 8, Sp. 1003]


starken literarischen einflusses erst des französischen, seit der jahrhundertwende auch des englischen mit beginn des jhs. eine lehnbedeutung auf, neben der freilich die ältere verwendung, wenngleich sich mannigfach damit verschlingend, weiterläuft. die it.-frz.-engl. wortbedeutung geht unmittelbar zurück auf die haszvoll verächtliche einschätzung der mittelalterlichen bauten Italiens durch das völlig andersartige formgefühl der italien. renaissance seit dem 15. jh. (vgl. DWB Gote 4). sie werden von ihr in bausch und bogen auf die Goten, d. h. also die Germanen (vgl. DWB A 1), zurückgeführt. in dieser bezeichnung spiegelt sich ihr aus einer verzerrten überlieferung erwachsener hasz gegen die fremden 'barbaren'. insbesondere ist diese auffassung durch die 'lebensbeschreibungen d. renaissance' von 1550 u. 1568 des italien. kunstgelehrten Vasari allgemein verbreitet, doch schon vorher von den deutschen humanisten übernommen worden: an non vides, quanto Gottorum manus olim fuerit operosior Romana Erasmus v. Rotterdam op. omnia 1 (1703) 925; gotthicum ingenium ein grobe vnuerstendige art Dasypodius dict. (21536) 86; gotthicus das den Gothis zgehrt et pro barbaro accipitur ebda (31537) 88 a. diese ausländische umfärbung der bedeutung aber bleibt unserer sprache im ganzen noch zwei jahrhunderte hindurch fremd. nur vereinzelt wird sie in gelehrtem wissen um diese verwendung mit deutlich ironisch-überlegener distanzierung gebraucht (vgl. DWB Gote 4, sp. 988; tüdesk teil 11, 1, 2, 1543 f.):

(die Italiener:)
wenn sich die deutschen bestien
auf jener seit befestigen ...
sie kommen zu uns nächstes jahr.
solche bastart und gothisch rott (um 1634) bei
Opel-Cohn 30-jähr. krieg (1862) 338.

entsprechend später:

ja, die unsterblichkeit musz ein gothischer dichter entbehren,
weil sie nur römischen liedern gebührt (1756)
Kästner in: Göttinger musenalman. auf 1770 40 Redlich.


erst der volle einstrom französisch-englischen gedankenguts in der aufklärung schwemmt diese auffassung in die lebendige sprache; häufig verrät sich das wort als blosz äuszerlich deutsch gewandeter fremdling:

man dächte, dasz Ronsard mit seinen haber-kielen
sich noch erkühnete, ein gothisch lied zu spielen
(vient encore fredonner ses idylles gothiques)
Abel Boileau's satyr. ged. (1729) 2, 21;

in mancherley figur- und formen, (wie es die phantasie erteilt),
von regen wellen so formiert, sich schnell krystallne pyramiden
erheben, blaue pforten schwellen, sich gothische gebäud' erhöhn
(swells the blue portico, the gothic dome
shoots fretted up)
Brockes Thomsons jahres-zeiten (1744) 511;

eine unartige satyre über die geistlichkeit, ... die aber, gleich andern überbleibseln von den gothischen sitten, anfienge, sich zu verlieren (like other remains of Gothic manners Bode Yoricks empfinds. reise (1768) 1, 166; ein volk ... hat eine grosse seele, vom himmel begeistert, aus gothischer finsternisz herausgerufen (from Gothic darkness call'd) J. Tobler Thomsons jahreszeiten (1774) 2, 155; wir bekümmern uns nicht darum, wie gothisch oder barbarisch unsere muster sind (how Gothic or barbarous our models are) Shaftesbury characteristics (1776) 1, 295; sie waren unter allen Europäern die ersten, die seit dem gothischen geschmack in der poesie den abscheulichen miszton des reimgeklingels abzuschütteln wagten (since the Gothic model of poetry) ebda 1, 88; o mehr als gothische unwissenheit, antwortete die dame (more than Gothic ignorance) Bode gesch. d. Th. Jones (1786) 3, 39.
auf dieser herkunft in der hauptsache beruht die für ein volles jahrhundert kennzeichnende inhaltliche verschwommenheit und vieldeutigkeit des neuartigen gebrauchs: die mitlere verfassung Europas, die wir meistens mit dem weitschweifigen, unbestimmten wort gothisch nennen Herder 5, 515 S.; unter der rubrik gothisch, gleich dem artikel

[Bd. 8, Sp. 1004]


eines wörterbuchs, häufte ich alle synonymischen miszverständnisse, die mir von unbestimmtem, ungeordnetem, unnatürlichem, zusammengestoppeltem, aufgeflicktem, überladenem, jemals durch den kopf gezogen waren. nicht gescheidter als ein volk, das die ganze fremde welt barbarisch nennt, hiesz alles gothisch, was nicht in mein system paszte, von dem gedrechselten, bunten puppen- und bilderwerk an, womit unsere bürgerlichen edelleute ihre häuser schmücken, bis zu den ernsten resten der älteren deutschen baukunst, über die ich, auf anlasz einiger abenteuerlichen schnörkel, in den allgemeinen gesang stimmte: 'ganz von zierrath erdrückt!' und so graute mir's im gehen vorm anblick eines miszgeformten, krausborstigen ungeheuers (1772) Göthe I 37, 144 W.; gothisch man bedient sich dieses beyworts in den schönen künsten vielfältig, um dadurch einen barbarischen geschmak anzudeuten; wiewol der sinn des ausdrucks selten genau bestimmt wird Sulzer theorie 2 (11771) 433; vgl. G. Lüdtke in: zs f. dt. wf. 4, 133 ff. die ältesten belege für die lehnbedeutung in freiem deutschen stil finden sich 1715 (2 b schluss), 1721 (2 b), 1722 (1 a γ) und dichtgestreut seit 1725.
1) in wertender stellungnahme.
a) zum ausdruck der geringschätzung und verachtung, wobei in naiv-betontem selbstbewusztsein der eigene geschmack als der selbstverständliche wertmaszstab für die ausdrucks- und lebensformen aller zeiten gilt. daher kann sich das wort auf die verschiedensten verhaltensweisen und ausdrucksgestaltungen bis zu äuszerster gegensätzlichkeit beziehen und sein bedeutungsinhalt derart stark schillern, dasz die einzelnen gebrauchsweisen weithin ineinander verschwimmen und nicht sauber gegeneinander abgegrenzt werden können. die ablehnende wertung herrscht in der 1. hälfte des 18. jhs. unbestritten.
α) 'mittelalterlich' im sinne von 'längst überwunden, höchst veraltet, zurückgeblieben, ausgesprochen unmodern'.
in der aufklärung aus dem überlegenheitsbewusztsein verstandesmäsziger klarheit, rationaler erkenntnis erflieszend: andere (kunstfreunde) aber, welche mit groszen ideen, aus betrachtung der schönen sachen in Italien, denen Niederlanden oder Franckreich, eingenommen, und mit einem eckel gegen alles das, was von dem gothischen wesen bei sich führt, erfüllet worden, sehen alles, was Cranach gemacht, in gegeneinanderhaltung ihrer bessern ideen, gleich anfangs mit verächtlichen augen an J. Fr. Christ leben Cranachs in: fränk. acta erud. 1 (1726) 342; uns nämlich kömmt St. Klopstocks weltchen als ein ungeheurer garten vor, ... den ... ein geiziger landjunker um ein bischen gras verwildern lassen. hier lieget ein zerbrochenes säulenwerk, ... dort verführet uns ein überbleibsel eines labyrinthes durch die unordentliche wendungen seiner gänge: allenthalben giebts gothische seltenheiten; und nirgends die geringste ordnung (1754) Schönaich ästhetik i. e. nusz 334 lit. denkm.;

so tritt Petrarch und Raphael herbey;
sie machen sie (die kunst) vom gothischen talare
und von der nonnenkappe frey
Pfeffel poet. versuche 6 (1818) 112;

so gefallen mir die allegorischen fiktionen; aber sie weitläuftig ausbilden, die erdichteten wesen nach allen ihren attributen der malerei beschreiben, und auf diese eine ganze folge von mancherlei vorfällen gründen, dünkt mich ein kindischer, gothischer, mönchischer witz Lessing 14, 404 L.-M.; welch ein werk könnte die oper seyn! ... wenn man sich gleich anfangs um die Franzosen und Italiener und ihre alten madrigale und ihre gothischen begriffe unbekümmert gelassen hätte! (1770) Gerstenberg schlesw. lit. br. 344 lit. denkm.; was kann aus einer in geschichte, kunst, wissenschaft und religion gothisch verdorbnen jugendseele werden? und was würde aus einer werden können, die mit den schönsten begriffen des schönen genährt würde? (1769) Herder 4, 456 S.; diesen mnemonischen zwang, der zudem auch kaum von einem gothischen mönchen im achten jahrhundert nachgeahmt werden könnte ebda 6, 80; frau Humbrecht: ich war nächst an den vier und zwanzigen, als ich meinen

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Humbrecht kriegte ... von Grönigseck: gothische zeiten! gothische sitten! (1776) H. L. Wagner d. kindermörderin 11 lit.-denkm.;

da sitz ich jezt in einem hause,
vom urgroszvater noch erbaut, ...
so gothisch, und so öd' und grause
Goekingk ged. (1780) 1, 87;

dasz die menschen die göttliche kraft der religion nicht fühlen und die ihr hergebrachtes, gotisches ansehen ewig behaupten werden (1782) in: Alemannia 10, 182.
in der klassik aus dem gegensatz zu der natürlichen harmonie und der heiteren anmut antiker lebensgestaltung und formengesinnung: bey einer gothischen moral kann keine andre als gothische kunst stattfinden. so lange nicht ein Sokrates mit seiner schule am hellen tag über die strasze zu einer neuen reizenden buhlerin ziehen darf, um ihre schönheit in augenschein zu nehmen: wird es nicht anders werden (1787) W. Heinse s. w. 4, 261 Sch.; in einer so schwankenden, unbiegsamen, breiten, gothischen, rauhklingenden sprache, als unsre liebe muttersprache ist, mit der feinen organisation und dem musikalischen flusz der lateinischen ohne nachteil zu ringen Schiller 6, 346 G.; (Wieland) liest mir Schillers Dionysius, der tyrann ... vor und zeigt das unpassende des metrums, das schielende der construction, das gothisch abenteuerliche in dieser schönen, aber einfach griechischen erzählung (1798) Böttiger liter. zustände (1838) 1, 232; hier (auf Holbeins bild der madonna des bürgermeisters Meyer) offenbart es sich, dass die mit so viel selbständigkeit und liebe dargestellte einfalt der sitten nicht schön und natürlich, sondern eine gothische eingeschränktheit ist, die für diesen (weiblichen) theil der familie nothwendig in das klösterliche übergehen muss A. W. Schlegel in: Athenäum (1798) 2, 72.
im Jungen Deutschland aus der überzeugung, welchen entschiedenen fortschritt die gegenwart über das gerade von der romantik erneuerte und bewunderte mittelalter hinaus getan hat:

erlöse uns nur
von jenem zwitterwesen, ...
das ekelhaft ein gemisch ist,
von gotischem wahn und modernem lug (1840)
H. Heine s. w. 2, 467 Elster;

o nymphen des Apennins, die ihr ... euch zurückträumtet in jene besseren götterzeiten, wo es noch keine gotische lüge gab, die nur blinde, tappende genüsse im verborgenen erlaubt ebda 3, 318; ich greife die gothische physiognomie unsrer erziehung ungern an, weil ich fürchte, die weiszgetünchte flachheit unseres modernen maschinen- und dampfgeistes möchte ihre stelle einnehmen (1846) Gutzkow ges. w. 9, 32; hier (war) die ganze, in englischen universitätsklöstern wohlconservirte und zäh fortgeerbte gothische rumpelkammer mittelalterlicher wissenschaften und bräuche in grotesken knittelversen inventarisirt Justi Winckelmann (1866) 1, 240. so archaisch: wär' den heutigen (romantikern) wohl nach dem herzen, ginge den gotischen frömmlern recht lieblich ein Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 351.
besonders gern mit den begriffen dunkel und unwissend zusammengestellt:

und seit mein Boberfeld (M. Opitz) die gothsche dunkelheit
gleich einer nachtigall mit seinem lied erfreut (1754)
Fr. W. Zachariä zwei polem. ged. 4 lit. denkm.;

unsre gothische fratzen und altweibermärchen sind sehr schlechte erste formen: die ersten eindrücke von tempeln und religion sind gothisch, dunkel und oft ins abentheuerliche und leere ... daher kommts auch, dasz unsre seelen in dieser gothischen form veralten (1769) Herder 4, 456 S.; blinder stolz und gothische unwiszenheit und päbstliche untrüglichkeit halten zusammen das blutgericht dieser inquisition — wie will der menschliche verstand frei wachsen, und fruchtbar gebären? ebda 6, 85; wenn der held eines romanes nach mannigfaltigen schicksalen wieder in das haus zurückkommt, in dem er seine jugend verlebt hat, so stelle ich mir dasselbe immer gotisch und finster vor Grillparzer tageb. 39 (nr. 126)

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diese nachtigall (der sänger Gabirol), die zärtlich
ihre liebeslieder sang
in der dunkelheit der gotisch
mittelalterlichen nacht!
H. Heine s. w. 1, 463 Elster.


β) bei völligem verblassen der ausgangsbedeutung 'mittelalterlich' allgemein 'altmodisch, zopfig, überlebt':

du, der stolz ihrer lieder, hast ihr dein lob nicht versaget,
als sie mit edler freyheit die bande der gothischen reime
muthig abwarf
Fr. W. Zachariä die tageszeiten (1756) 68;

himmel! bey einem haare hätte ich mit einem gothischen hexameter angefangen C. F. Weisze lustsp. (1783) 1, 42; Corneille's prinzen und helden sind uns grösztentheils unerträglich, und man wundert sich, wie andere zeiten diesen gothischen unsinn zusammenfügen, glauben und anstaunen konnten Herder 16, 113 S.; deutsche bücher wurden meist als gothischer hausrath weggeschäzt Schubart leben 1 (1791) 187. 'unschicklich, seltsam, wunderlich, bizarr, abstrus': aber es scheint etwas gothisches zu seyn, wenn man die gröszte kunst des tänzers in dem auszerordentlichen der bewegungen, die er macht, suchen will J. E. Schlegel w. (1761) 3, 418; jede unschicklichkeit (allgemeiner art) ist und heiszt jetzt gothisch Sulzer theorie d. schönen künste 2 (1786) 349; es mag zwar ein gothisches ansehen haben, wenn sich in den gemählden Philipps und seines sohns zwei höchst verschiedene jahrhunderte anstoszen Schiller 5, 1, 3 G.; wo er tragisch seyn will, wird er oft gothisch und burlesk, prosaisch, wo er erhaben seyn soll ebda 2, 379; meine Louise Millerin hat verschiedene eigenschaften an sich, welche auf dem theater nicht wol passieren: z. e. die gothische vermischung von komischem und tragischem (1783) ders., br. 1, 107 Jonas. in der beziehung auf künstlerische darstellung 'abgeschmackt, geschmack-, stillos': das gothische ist ... ein ohne allen geschmack gemachter aufwand auf werke der kunst, denen es nicht am wesentlichen, auch nicht immer am groszen und prächtigen, sondern am schönen, am angenehmen und feinen fehlt. da dieser mangel des geschmacks sich auf vielerley art zeigen kann, so kann auch das gothische von verschiedener art seyn Sulzer theorie d. schönen künste 2 (1786) 347; gothisch ist der in form eines tieres geschnittene baum, die wie eine schnecke gewundene säule, der auf einem hohen und sehr dünnen fusz stehende becher, und so sind sehr viel nach einem völlig willkührlichen geschmack ausgezierte geräthschaften ebda 348; was sonst in der gestalt plumper gothischer humpen und römer, oder massiver suppenschüsseln auf den tischen deutscher fürsten, bischöfe, prälaten und herren glänzte T. H. Friedrich satyr. feldzug (1815) 1, 7; nichts ist gothischer als die modischgroszen schuhschnallen, um ein paar kleine riemen miteinander zu verbinden Jean Paul w. 40, 101 H.; blosz aus gefälligkeit für sie liesz ich mich herab, das verworrene gotische zeug zu studieren E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 27 Gr.
γ) mit genauerer inhaltsbestimmung, doch ohne feste beziehung zu einem bestimmten kunststil: 'überladen; verschnörkelt; verworren'; vereinzelt auch 'maszlos übersteigert'.
von der vernünftigen natürlichkeit der aufklärung her: (von spitzen als weiblichem schmuck) diese unförmliche geburt einer gothischen fantasie, die allen regeln feind ist discourse der mahlern 2 (1722) 131; wer sein wesen einsehen will, kan seine sachen aus dem besondern fleisz in ... einfältigen weiblichen und verzogenen schäuszlichen männlichen, aber dabey allezeit der natur sehr gemäszen, harten und tief einschneidenden falten, auch überhaupt aus seinem gout, der um ein merckliches gothischer und kleiner als Dürers, gar leicht erkennen J. Fr. Christ leben Cranachs in: fränk. acta erud. 1 (1726) 355; wir haben auch noch itzt in der musik solche gothische ausarbeitungen. ... wir sehen solche tonkünstler, die sich eine ehre daraus machen, unverständlich und unnatürlich zu setzen. sie häufen die figuren. sie machen ungewöhnliche auszierungen Scheibe crit. musicus 4 (1737) 755; also ist eine münze von flachem relief nothwendig ohne

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geschmack und gothisch? (1767) Lessing 10, 261 L.-M.; alle unsere jetzigen moden haben blos das verdienst des wunderbaren, des ausschweifenden und des kostbaren. sie tragen nichts zur erhöhung deiner reizungen bei. diese werden vielmehr nur versteckt, beladen und auf eine recht gothische art verziert (1767) J. Möser s. w. 1, 91 Abeken. als 'raffiniert': pudding, rostbeef und ein glas porter mit der freiheit zu sagen, was man denkt, sind besser als alle leckerei unsrer gothischen kochkunst ebda 2, 76. eigenartig ist ein gebrauch des wortes in ethisch wertendem sinne: die schlaue höflichkeit (im gegensatz zur bescheidenheit, d. h. sachlich wertenden kritik) gibt allen alles, um von allen alles wiederzuerhalten ... doch es sei, dasz jene gothische höflichkeit eine unentbehrliche tugend des heutigen umganges ist. soll sie darum unsere schriften eben so schaal und falsch machen als unsern umgang? (1768) Lessing 10, 232 L.-.M. (i. d. einl. zu den antiquarischen briefen).
vom schönheitsideal der klassik aus: ein schöner antiquer rumpf; aber nun — welch ein gothischer kopf ist darauf geflickt! Lessing 8, 74 L.-M.; ein erstes werk, ein erstes buch, ein erstes system, ... geht immer bei mir in dies gothische grosse, und vieles von meinen planen ... ist ... noch nicht von dies m hohen zum schönen styl gekommen (1769) Herder 4, 438 S.; sehen sie einmal, in welcher gekünstelten, überladnen, gothischen manier die neuern sogenannten philosophischen und pindarischen oden der Engländer sind, die ihnen als meisterstücke gelten! ebda 5, 203; die kunst wird wieder gothisch d. i. es werden da glieder angebracht, wo keine seyn dürfen, glieder verwickelt, wo der fortgang des auges eine gelinde succeszion foderte: auf eine oder die andre weise erliegt das ganze unter seinen theilen ebda 5, 359;

zum vollkommnen park
wird uns wenig mehr abgehn.
wir haben tiefen und höhn, ...
fischerhütten, pavillons zum baden,
chinesisch-gothische grotten, kiosken, tings,
maurische tempel und monumente (1777)
Göthe I 17, 38 W.;

von dem tische schreib ich ihnen meine gedancken. ich hab mir wieder so ein fest bild gemacht, wie er aussehn soll, und das ist wieder ein bisgen gothisch (1778) ders. IV 3, 232 (vgl. Öser unter gotik sp. 997); wenn er (Dante) ... einen bessern plan zu seinem gedichte genommen hätte, als so ein gothisches gewirr: so wär er der welsche Homer Heinse bei Brecht Heinse u. d. ästhet. immoralismus (1911) 100; ihr inneres ist ohne geschmack, denn das wenige licht, welches von auszen hereinfällt, macht dem auge nichts als eine menge von flitterzierrathen sichtbar, die in aller absicht gothisch sind J. G. Forster s. schr. (1843) 1, 37; der eckige schnörkelvolle, mit einem wort gothische charakter der deutschen schrift Gedike über du u. sie (1794) VIII; verdrängen musz der hexameter den reim — wenigstens aus allen edeln und ernsten dichtungen — d. h. verdrängen musz der harfenklang das schellengeklingel — das griechische das gothische — die cultur die barbarei (1800) Baggesen briefw. 2, 439; in stiller grösze, kein überflusz, kein schnörkel, kein gothisches beiwesen, nichts von jener romantischen vermischung unsrer tage Tieck schr. (1828) 5, 581.
vom fortschrittlichen lebensgefühl des Jungen Deutschland her: er (Napoleon) hat seit dem Altenburger tage ... die überschwänglichsten dinge im kopfe und scheint mich für einen gothischen wunsch gewinnen zu wollen Immermann w. 16, 520 Boxb.; in äuszerungen gothischen sinns, in der schöpfung der ehrenlegion, in der gründung des erbkaisertums ... endlich in seiner kolossalen tat, in der dotirung der Napoleoniden durch reiche — spricht eigentlich seine ganze seele ebda 18, 209.
δ) all diese gebrauchsweisen verfestigen sich in der aufs 18. jh. beschränkten modischen formel gotischer geschmack als gegensatzbildung zu guter (wahrer, erhabener) geschmack (Winckelmann) anstelle des zu erwartenden logischen gegensatzes schlechter geschmack. in entsprechender

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verwendung wie α »unzeitgemäsz, veraltet, unmodern«: ihr putz soll ihn nicht ärgern. nur im kirchenhabit musz er sie nicht sehn; denn darin hat man den gothischen geschmack gewissenhaft aufbehalten (1750) Sulzer in: Klopstock u. s. freunde 1, 89 Schmidt; der gothische geschmack ist unter andern ursachen auch deswegen verwerflich, weil er die mannigfaltigkeit in einer allzu verwickelten ordnung anbringt M. Mendelssohn ges. schr. (1843) 1, 123; wie γ: die Florentiner schlugen sich lange mit dem gespenste des gothischen geschmacks herum, und entfernten es nur mit mühe, bis sie sich auch zur edlen einfalt erhoben Göthe IV 12, 48 W. am häufigsten im sinne von β: 'schlechter, verdorbener, barbarischer, roher geschmack'; für gewöhnlich auf die leidenschaftlich abgelehnte künstlerische gestaltungsweise des voraufgegangenen barock bezogen: die spiele (der comödie) schlechter als im opera. doch das ist ein zeichen des gothischen geschmackes der Teutschen, die ein feines agrément nicht fühlen und anderst nicht als durch garderobe, zweydeutige wörter gerührt werden (1726) Haller tageb. 86 Hirzel; die reime für ein notwendiges stück der deutschen dichtkunst halten, heiszt einen sehr gotischen geschmack verraten (1751) Lessing 4, 345 L.-M.; das leben der meisten menschen ... gleicht den haupt- und staats-actionen im alten gothischen geschmacke in so vielen punkten Wieland Agathon (1766) 2, 192; alle diese verse scheinen ein unglükklicher überrest des ehemaligen allgemeinen gothischen geschmakks zu sein, und geben der deutschen poesie ohne zweifel ein unendlich steifes ansehen Schenk fabeln (1770) 129; wieviele vorurteile drückten nicht Deutschland noch vor fünfzig jahren nieder. pedantische frostige gelehrsamkeit, gothischer geschmack, zum sprüchwort gewordene rohe lebensart, unverträgliche religions-secten, unweise gesetze! (1777) J. G. Forster reise um d. erde, widm. Andreä lebte in zeiten, die vom gothischen geschmack nicht frei waren, ja in denen sich dieser geschmack eben auf die verführendste art zeigte, ... der der geschmack des siebzehenten jahrhunderts heissen könnte und ihm allein eigen bleiben möge (1786) Herder 16, 592 S.; eben dieser mangel des nachdenkens unterhält noch gegenwärtig den gothischen geschmack in den verzierungen, wenn man sie ohne alle rücksicht auf die natur des werkes, das verziert wird, anbringt Sulzer theorie 2 (1786) 348. der wandel zur sachlichen stilbezeichnung (vgl. 2) verändert den charakter der formel zu ruhig-objektiver feststellung und verursacht ihr rasches absterben: der griechische, der gotische, der mohrische geschmack in baukunst und bildhauerei, in mythologie und dichtkunst Herder 4, 41 S.; in Valenzia ... erhob sich ein altes, romantisches schloss, in arabisch-gothischem geschmacke, das Almansor ... erbaut hatte (1793) Klinger w. (1809) 4, 3; der gothische geschmack, die gothische bauart, welche sich durch lange dünne säulen, hohe spitzige gewölbe und bogen und übermäszige schnörkel und spitzen in den verzierungen auszeichnet Adelung wb. 2 (21808) 756 (dagegen nicht in: 11774!). ähnlich: die gothische bauart, die sich durch lange, dünne und meist gekünstelte säulen, durch spitz auslaufende gewölbe und fensterbogen, überhaupt meist durch unförmliche massen, steife und überladene schnörkel auszeichnet, dabei aber nicht selten erhabenheit zeigt Campe wb. 2 (1808) 425a.
b) der umschlag von entschiedener ablehnung zu ergriffenheit, bewunderung, begeisterter zustimmung bei der auffassung des gleichen sachinhalts bahnt sich in der empfindsamkeit an: erblickten sie Goslar mit seinen altvätrischen mauren und thürmen. je näher sie der stadt kamen, je mehr wurden sie von einem heiligen gothischen schauder eingenommen, der sie bei dem anblicke dieser finstern ehrwürdigen stadt überfiel Fr. W. Zachariä poet. schr. (1763) 2, 189. im sturm und drang beginnt man die tiefe der geistig-seelischen gegründetheit der mittelalterlichen schöpfungen zu ahnen: weil der grund unsrer gesetze, unsrer sitten und fast unsrer ganzen lebensart gothisch ist und bleibet R. E. Raspe Hermin u. Gunilde (1766) 17.

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Herder und Raspe (vgl. R. Hallo Rud. Er. Raspe) werden die bahnbrecher der zunächst rein gefühlsmäszig bestimmten begeistert-ergriffenen würdigung mittelalterlicher kunst; Göthe setzt sie unwillentlich in der deutschen literatur mit seinem aufsatz vom november 1772 'von deutscher baukunst' durch (dazu E. Beutler v dt. baukunst [1943]): soll ich nicht ergrimmen, heiliger Erwin, wenn der deutsche kunstgelehrte, auf hörensagen neidischer nachbarn, seinen vorzug verkennt, dein werk mit dem unverstandenen worte gothisch verkleinert, da er gott danken sollte, laut verkündigen zu können, das ist deutsche baukunst, unsere baukunst, da der Italiäner sich keiner eigenen rühmen darf, viel weniger der Franzos I 37, 147 W. dabei hatte gerade er diese bezeichnung, wohl wegen ihrer belastung durch den gebrauch eines halben jahrhunderts, nachdrücklich abgelehnt: da ich nun an alter deutscher stätte dieses gebäude gegründet und in echter deutscher zeit so weit gediehen fand, ... so wagte ich, die bisher verrufene benennung gothische bauart, aufgefordert durch den werth dieses kunstwerks, abzuändern und sie als deutsche baukunst unserer nation zu vindiciren ebda 27, 275; sehr ungern bemerke: wie man uns vom Rhein her den wohlerworbenen ausdruck deutsche baukunst verkümmern und gothische wieder einführen will; dasz doch die menschen, da so gar viel in der welt zu thun ist, das einmal wohl und unschuldig begründete und folgereiche nicht wollen bestehen lassen! (1822) ebda IV 35, 253. doch hat sich die herkömmliche bezeichnung infolge Fr. Schlegels polemischer verteidigung s. w. 6 (1846) 179 ff. und unterstützt durch den um die jahrhundertmitte erfolgenden nachweis der kunstgeschichte vom nordfranzös. ursprung der gotik im engeren sinn (B 2 c) behauptet. diese positive wertung flieszt verständnisweckend und -fördernd in die verwendung als ästhetische stilbezeichnung (2), rasch unscheidbar von ihr, ein.
2) ästhetische stil- und epochenbezeichnung.
a) epochenbezeichnung: im 18. jh. für den ganzen umfang des mittelalters (vgl. Christ unter b): entwurf zur formierung und aufstellung eines gothischen oder altteutschen antiquitäten-cabinettes ... alle kunst-sachen, die in denen sogenanten mitlern oder gothischen zeiten von Carl dem Groszen an bis auf Albrecht Dürer und Rafael oder bis gegen die mitte des sechszehnten jahrhunderts in Teutschland sowohl als in denen übrigen theilen von Europa verfertigt worden sind (1768) R. E. Raspe bei R. Hallo Raspe 1; ein geist des gothischen ritterthums hatte sich über die meisten völker Europas ausgebreitet (1806) Uhland briefw. 1, 16;

kaum deuten in der bögen düsternheit
geschwärzter scheiben reste, dort und hier
im blei der fenster sparsam noch verstreut,
der glasgemälde gothischfromme zier
F. Matthisson ged. 1, 210 Bölsing.

naturgemäsz schwingt die übliche abschätzige wertung des mittelalters in diese verwendung hinein (vgl. 1 a α): das alte residenzschlosz, die stiftskirche zu St. Martin, die bruderkirche ... nebst dem rathaus zeigen den gothischen zeitpunct der stadt (Kassel), der renthof, der marstall, das zeughaus ... den seit dem 16. jahrhundert besser werdenden geschmack der baukunst ...; die Oberneustadt und Kassels eigentliche prachtgebäude ... schildern die theilnehmung der landgrafen unsers jahrhunderts an dem nunmehr verbesserten geschmack bei Bibra: journal von u. f. Deutschland 6, 1 (1789) 11a. diese bedeutung wird auch für die bekannten spielanweisungen in Faust I und II durch die beiwörter gesichert (gegen Beutler Faust [1940] 531; am nächsten kommt dem sachverhalt Saran in: zs. f. dt. philol. 30 [1898] 510): nacht. in einem hochgewölbten engen gothischen zimmer Faust unruhig auf seinem sessel am pulte Göthe 14, 27 W. (bereits im Urfaust); hochgewölbtes enges gothisches zimmer, ehemals Faustens, unverändert. ... erblickt man Fausten hingestreckt auf einem altväterischen bette ebda 15, 90.
b) stilbezeichnung: von der aufklärung bis zur romantik der stil der bildenden kunst, mit besonderem nachdruck auf

[Bd. 8, Sp. 1010]


der architektur, während des gesamten mittelalters, zunächst ohne unterscheidung im einzelnen: gothisch, gothicus, gothique in der bau-kunst eine bau- und seulen-ordnung, die von der alten griechischen und römischen art weit entfernet und besondere proportiones hat. sie ist zu der zeit aufgekommen, da nach der ... allgemeinen verwüstung ... die länder sich wieder zu erholen und zu erbauen angefangen. sie ist beständig und prächtig, wie die davon allenthalben noch übrige ansehnliche gebäude zeugen, auch zierlich, wie wohl von einer andern art der zierlichkeit, darum sie den heutigen baumeistern nicht gefallen will Jablonski allg. lex. d. künste u. wiss. (1721) 255b; so wird alles das gothisch genennet, was in diesen seculis vom einfall der Gothen bisz auf wiederherstellung der kunst (welche ... in Teutschland ... unter Dürern, unserm Luca und Holbeinen erfolget) an gemählden, statuen, gebäuden und dergleichen verfertiget zu finden J. Fr. Christ leben Cranachs in: fränk. acta erud. 1 (1726) 342; Eggers neues kriegslex. (1757) 1, 1082; übrigens dürfte die benennung der gotischen baukunst, sobald man diesen groszen nationalnamen nur in seinem vollständig umfassenden sinne auffasst, für die altchristliche und romantische bauart des mittelalters, von Theodorich bis auf die moderne zeit, sehr angemessen und für immer beizubehalten sein (1805) Fr. Schlegel s. w. 6 (1846) 180. dasz dieser kunstgeschichtliche terminus erst im anfang des 18. jhs. aufgekommen ist (gotisch fehlt Kramer t.-ital. 2 [1702]; Ludwig t.-engl. [1716]; selbst Adelung [1774]; nur übersetzend gothisch gothicus Steinbach wb. [1734] 1, 623; lexikalisch erst: gothisch in der baukunst; die gotische bauart ist nicht mehr im brauch Frisch [1741] 1, 361), zeigt der älteste beleg, in dem alt d n inhalt des offenbar noch nicht selbstverständlichen worts verdeutlichen musz: Buchhorn, ein kleines reichsstättlein ... neben der stifftfräulin kirch, die grosz altgottisch gebaut, ist die lutherische pfarkirch, dass ist ein altes schönes minster G. König v. Solothurn wiener. reiss-beschrb. (1715) in: beitr. z. vaterl. geschichtsforsch. (1895) 2, 2, 65.
α) die verwendung als sachliche stilbezeichnung setzt sich rasch durch: also ist zum exempel in gothischen gemälden zu sehen, dasz darinnen weder proportion und eintheilung des menschlichen leibs noch die wahre bewegung und affect in gliedern und gesichtern ... noch die geringste richtigkeit in der bau-kunst, perspectiv, form und dergleichen ... anzutreffen J. Fr. Christ leben Cranachs in: fränk. acta erud. 1 (1726) 345; so wenig schön, als ein altes gothisches gebäude durch einige darauf gegypste zierrathen oder vergoldete leisten schön wird Gottsched anmuth. gelehrsamk. (1751) 2, 224;

wenn bald mit seinen weissen wänden
mir Breitensee entgegen lacht,
bald Milz mit seinem thurm in gothisch alter tracht (1753)
Uz s. poet. w. 334 Sauer;

die beschriebenen zettelchen, die auf alten gothischen gemählden den personen aus dem munde gehen (1766) Lessing 9, 86 L.-M.; das sogenannte drachen-gebürge ... sind drey aneinander stehende felsen-hügel, welche wie 3 nach gothischer art an einander gebauete häuser aussehen, wo man zwar die giebel (frontispicia), aber nicht die dächer sehen kan St. Schultz leitungen d. höchsten (1771) 1, 247; unter tadlern der gothischen baukunst aufgewachsen Göthe I 27, 274 W.; romantische gemälde im antiken, gothischen und modernen geschmacke (1793) titel. unter der nachwirkung von Goethes vorschlag (siehe B 1 b) schwankt die bezeichnung um die jahrhundertwende: die im altdeutschen oder sogenannten gothischem styl arbeitenden architecten (1817) S. Boisserée in: Witiko, zs. f. kunst u. dichtg. 1 (1928) 232; ich lasse ihn im stich der gothischen, oder, wie er will, altdeutschen spitzgewölbe Tieck schr. (1828) 4, 21; gothisch ... einem herrschend gewordenen miszbrauch gemäsz überhaupt für altdeutsch. gotische bauart, richtiger altdeutsche, da zurzeit ihrer blüte der volksnamen der Gothen längst erloschen war Heyse hdwb. (1833) 1, 606. dagegen: grundzüge der gothischen baukunst (1805) in: ansichten und ideen von

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der christlichen kunst Fr. Schlegel s. w. 6 (1846) 179; das auf gothische weise von stroh geflochtene raugraf Gockelsche erbhühnernest Cl. Brentano ges. schr. 5 (1852) 21. von der empfindsamkeit an spielen bauwerke im gotischen stil als stimmungsträger in der landschafts- und raumgestaltung eine bedeutsame rolle: mitternacht. sturm. ruin (!) einer verfallnen, mit schutt überwachsenen gothischen kirche (1776) maler Müller w. (1811) 2, 9; als in einigen sommernächten ... aus den etwas entferntern trümmern eines sinkenden ritterlichen schlosses, und aus ihren wohnungen im alten gothischen kirchthurme die philosophische eule ihre hohle accente manchmal darunter sties Herder 1, 484 S.; indes liegt doch die einheit da, wo ein gothischer thurm mit prächtigen römischen gebäuden ... glücklich zusammen stimmet (1781) J. Möser üb. d. dt. sprache u. lit. 16 lit.-denkm.;

schlummert sanft, ihr frohen dorfbewohner,
hier um eures tempels
gothisches gebäude!
Hölty ged. 52 Halm;

wer aber könnte auch diese gothischen trümmer (der burg Hohenzollern) ansehen, ohne sie mit der prächtigen königsstadt und den stolzen pallästen des groszen Friederichs zu vergleichen C. Meiners briefe üb. d. Schweiz (1784) 1, 6; der gothische dom (zu Köln) ist schön in seiner art ... der unvollendete theil giebt einen malerischen anblick von gothischen trümmern (1791) Stolberg ges. w. (1827) 6, 25; ein gothischer saal mit wappenschildern und helmen verziert Schiller 14, 307 G.
β) die stilbezeichnung bleibt durch das ganze jahrhundert mit dem verständnislosen urteil von B 1 a verbunden; besonders in vergleichen: unser jetzige musikalische poesienbau — welch ein gothisches gebäude! wie fallen die massen aus einander Herder 5, 206 S.; sie (Cowley's ode) ist und bleibt ein gothisches gebäude, unzusammenhängend und unübersehbar in ihren theilen ebda 18, 104; da die zehnten ... ein theil des gothischen feudalitätsgebäudes wären, so könnten sie freilich bei einer künftigen neuen ordnung der dinge nicht bestehen (1792) J. G. Forster s. schr. (1843) 8, 257; dieses reich blüht in Deutschland, es ist in vollem wachsen, und mitten unter den gotischen ruinen einer alten barbarischen verfassung bildet sich das lebendige aus (1797) Schiller 11, 414 G.; das ganze gothische angstgebäude des europäischen staaten-system, hat seine form, verfassung, einrichtung, geseze, sitten und gebräuche, fast ganz von dem tongebenden muster des durch Karl gegründeten reichs erhalten europäische annalen (1805) 1, 7. der umbruch in der wertung kündigt sich an: hieraus läszt sich auch begreifen, warum die gothische baukunst an bürgerlichen wohnhäusern so inkonvenient ist und ein so gar schlechtes ansehen macht. in Lübeck stehen noch mehrere wohnhäuser aus dem 14. jahrhundert, die ein abscheuliches ansehen haben. hingegen sehen wir grosse gothische kirchen ... immer mit vergnügen, und es sind noch aus ältern zeiten gothische thürme da (in Regensburg), denen kein moderner thurm beykommt Nicolai reise d. Deutschland u. d. Schweiz (1783) 2, 346.
γ) die enthusiastische wertung im gegenschlag zu der überkommenen verachtung spiegelt sich in den beiwörtern: das weitläufige kloster Eisersthal, eine prächtige gothische ruine (1776) maler Müller w. (1811) 1, 299; in Naumburg ... besahen wir den dom, ein sehr gutes gothisches gebäude, das mir schon bey einer vorigen durchreise gefallen hatte Nicolai reise d. Deutschland u. d. Schweiz (1783) 1, 43; Allsouls college (in Oxford) ist beinahe das schönste, gothische gebäude an einfachheit und schlanker kühnheit seiner rund um das viereck aufsteigenden pfeiler (1790) J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 433; vgl. 3, 28. im bild: unsere sprache ist also jetzt gebildet und verschönert, aber nicht zu dem erhabenen gothischen gebäude, das sie zu Luthers zeiten war (1767) Herder 1, 376 S.; kein vulkan wird sich unter dem ehrwürdigen gotischen denkmal unserer reichsverfassung entzünden, seine zierlich geschnörkelten türmchen, seine schlanken

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säulenbüschel und schaurigen spitzgewölbe in die luft sprengen (1790) J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 176. oder sie wird durch den context vermittelt: die kirche war ein altes gothisches gebäude mit dicken pfeilern, die das hohe gewölbe unterstützten, und ungeheuren langen bogigten fenstern, deren scheiben so bemahlt waren, dasz sie nur ein schwaches licht durchschimmern lieszen. ... es herrschte eine feierliche stille (1785) Moritz Anton Reiser 63 lit. denkm.; die gothische bauart, wie auffallend auch ihre miszverhältnisse sind, ergreift die phantasie auf eine unwiderstehliche weise. wie leicht schieszen diese schlanken säulen so himmelhoch hinan! durch welche zauberkraft begegnen sich ihre höher sprossenden äste und schlieszen den spitzen, kühnen bogen! romantische grösze, schauervolle stille, lichtscheue schwermuth und stolzes bewusztsein füllen die seele, die sich in diesen formen gefiel und in ihnen sich äuszerte; — denn diese formen wecken jene gefühle in einem sinne, der sie wieder auffaszt (1790) J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 433; an den werken der gothischen baukunst erblickt man überall genie, an den werken der neueren nur regeln (1793) Carstens in: allg. ztg. (1866) 3805b; nicht blosz unter italienischem himmel, unter majestätischen kuppeln und korinthischen säulen — auch unter spitzgewölben, krausverzierten gebäuden und gotischen türmen wächst wahre kunst hervor (1797) Wackenroder w. u. br. 1, 63 v. d. Leyen; ihr feines gerippe ist wie ein gothisch kunstwerk Bettine d. Günderode (1840) 2, 149. dasz die vorstellung dieser zeit dabei in der hauptsache von den charakteristischen stilelementen der gotischen gestaltung im engeren sinne (c) bestimmt wird, begreift sich aus der zahl der erhaltenen denkmäler.
c) seit dem 2. viertel des 19. jhs. im engeren sinne der mittel- und westeuropäische kunststil des 13. bis 15. jhs.: zu der bauweise, welche unter dem nichtssagenden, aber nun einmal allgemein gebräuchlichen namen 'gotischer' stil verstanden wird Springer hdb. d. kunstgesch. 2 (1895) 154; das historische wissen vom gotischen baustil hat sich durch viele und seltsame vorurteile hindurcharbeiten müssen, bis es auf festen grund zu stehen kam. solange die in der renaissance aufgekommene verachtung gegen ihn andauerte — bekanntlich bis ins 19. jh. hinein —, wollte keine nation mit ihm zu tun haben, und alle waren froh, die verantwortung für diese barbarische erfindung auf die alten Goten abwälzen zu können G. Dehio in: hist. zs. 86 (1901) 388; was wir gotische baukunst nennen, ist zunächst die ausschlieszlich nordfranzösische form des basilikalen gewölbebaues überhaupt Pinder kunst d. kaiserzeit (1935) 253. erst die romantik hat die zweiteilung der mittelalterlichen deutschen kunst, die die kunstwissenschaft schon in der 2. hälfte des 18. jhs. vorgenommen hat (vgl. Krubsacius unter 2 f), ins allgemeine bewusztsein eingeführt: von den beiden epochen der gothischen baukunst aber könnte die ältere, wegen der in diesem kirchenstyl vorwaltenden idee, am schicklichsten die altchristliche genannt werden. die neuere epoche, welche die Engländer den blühenden normannischen styl nennen, würden wir als romantische bauart bezeichnen (1805) Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 182 (vgl. oben 2 b). die moderne terminologie, die das adjektiv auf den kunststil der gotik im engeren sinne einschränkt, setzt sich seit etwa 1830 durch: wie einst in solchen kleingebieten der romanische baustil noch gepflegt wurde, nachdem er in den offenen groszländern längst dem gothischen gewichen G. Keller ges. w. (1889) 6, 28. in der zeit der romantik läszt sich bei fehlen entsprechender anhaltspunkte nicht sicher entscheiden, ob in der vorstellung der frühere weitere oder moderne engere gebrauch vorliegt: eine ... halle ... auf gothische art überwölbt dt. museum (1812) 4, 495; ein gotisches gebäude, dessen portal reich mit statuen verziert ist E. T. A. Hoffmann s. w. 2, 7 Gr.;

die gassen verliesz ich, vom wächter bewacht,
durchwandelte sacht
in der nacht, in der nacht,
das thor mit dem gotischen bogen (1820)
Platen w. 1, 50 Hempel;

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grosze altäre mit reicher draperie und gotisch verzierte kanzeln W. Hauff s. w. (1890) 1, 164; nachdem das dunkle, gothische thor durchfahren war Immermann w. 1, 199 Hempel. seitdem eindeutig und fest: da fand man dieselben formen in den himmelhohen hölzernen häusern wieder, über die wir in den gothischen baudenkmälern der vorzeit aus sandstein und marmor staunen Alexis Roland (1840) 1, 3; (der dom von Orleans) hat zum schlanken gothischen wuchse etwas südlich sattes durch seine thürme H. Laube ges. schr. (1875) 4, 93; das schreibgerüste, vielfächrig, gothisch, mit einem kostbaren geländer, auf dem braune frösche paszten und gleiszten Stifter s. w. 2 (1908) 137; gleich dem werk eines gothischen baumeisters, der einen kreuzgang baut und für die hundert spitzbogen immer neues maszwerk erfindet G. Keller ges. w. (1889) 5, 162; die gothische architektur des doms C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1904) 115; in der gotischen türe (1859) W. Raabe s. w. I 3, 324; der zug wurde unter der gothischen thorwölbung sichtbar Storm s. w. (1899) 2, 322; das schlosz (Petzow) ... zeigt eine mischung von italienischem kastell- und englischem tudorstil, denen beiden die gotische grundlage gemeinsam ist Fontane Havelland (21880) 426; Brunelleschi erwarb sich in Rom die anschauungen, mit denen er später den gothischen stil völlig besiegte Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 32; da er sich jedoch durchaus nicht für irgend einen stil entscheiden konnte und fortwährend zwischen ... einer gotischen oder romanischen oder renaissancevilla hin und her schwankte H. Seidel Leberecht Hühnchen (1928) 237; Boppard, mit romanischer und gotischer sakralherrlichkeit K. O. Jatho wanderer auf gottes strom (1935) 8; Meyer von Knonau ... der im vortrag und in der gebärde eine schnörkelhaft gewundene linie hatte, die wir gotisch nannten Ric. Huch frühling i. d. Schweiz (31938) 28; die hände über der brust gekreuzt, wie eine gotische steinfigur auf ihrem katafalk Werfel Bernadette (1948) 324; die welt von Maulbronn. dasz über diesem vierzehnjährigen jungen humanisten diese romanischen und gotischen hallen sich aufgetan hatten A. Goes rede auf H. Hesse (1946) 10. als hervorstechendes merkmal fallen die groszen spitzbogenfenster ins auge: diese (öffnung des steigbügels) sieht wie ein gothisches fenster aus, ist aber an der oberen fläche länger und spitzer zugerundet Sömmerring menschl. körper (1839) 5, 843; den kreuzgang des klosters, der ... durch die hohen gothischen fenster desselben sichtbar war Kerner bilderbuch (1849) 167; das nächste hohe spitzfenster des gotischen saales O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 448; ich bekam ein prächtiges zimmer mit hohen gothischen fenstern und der aussicht auf den schloszgarten (1865) Kügelgen lebenserinn. (1925) 359; die kleine landkirche war aus findlingsblöcken und ziegeln von groszem format erbaut, und an den gothischen fenstern ihres chores nisteten hunderte von schwalben H. Seidel ges. schr. (1906) 13, 30; gerade hinter dem organisten sah Klaus ... in der gotischen glasfensterrose ein paar glühende farben funkeln Kluge Kortüm (1938) 412; man könnte fast meinen, diese pforte oder dieses gotische fenster seien in unbekannter zeit von primitiver menschenhand in den fels gehauen worden Werfel Bernadette (1948) 20. zur genaueren unterscheidung der einzelnen epochen des gotischen stils werden im 20. jh. mehrere zusammensetzungen entwickelt, s. unter f.
auch mit dieser sauber umzirkten fachbezeichnung verbindet sich weiterhin die affektgeladene stellungnahme, die ihr seit ihrer entwicklung in der aufklärung eignet, nunmehr, die linie des sturms und drangs und der romantik fortführend, in auswirkung des wachsenden historischen verständnisses im 19. jh. fast ausschlieszlich zustimmend und begeistert: es sind hier (in Münster) wunderschöne uralte gothische kirchen, in denen der alte gottesdienst der römischen kirche mich wahrhaft erfreut (1842) Kügelgen lebenserinn. (1925) 17; das geschmackvolle, gothisch geformte, auseinandergenommene bett der mutter Gutzkow ritter v. geiste 2 (1850) 171; wieviel anheimelndes in dieser gotischen formenfülle, in diesem

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reichtum von details Fontane Havelland (21880) 354; überdiesz liegt die vermuthung nabe, dasz der pfarrer Penz auch einer von denen gewesen, welche die alten ehrwürdigen gothischen kirchlein, statt sie zu stützen und zu erhalten, niedergerissen Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 286; hier liegt der ansatzpunkt für die im 20. jh. einsetzende umriszauflösung und begriffserweiterung (vgl.d). nur selten noch im sinne des 18. jhs. kritisch-abwertend: ich brauche wohl kaum zu erinnern, dasz ich ... allein den antiken baustil und nicht den sogenannten gothischen ... im auge gehabt habe ... wenn er unternimmt, sich jenem als ebenbürtig gegenüberzustellen, so ist dies eine barbarische vermessenheit, welche man durchaus nicht gelten lassen darf. wie wohltätig wirkt doch auf unsern geist, nach dem anschauen solcher gothischer herrlichkeiten, der anblick eines regelrechten, im antiken stil aufgeführten gebäudes. wir fühlen sogleich, dasz dies das allein rechte und wahre ist Schopenhauer w. 2, 488 Gr.; nirgends düstern alte häuser, gotisch-barbarisch an finstere zeiten erinnernd Bergengruen d. grosze Alkahest (1926) 146.
d) im 20. jh. unter dem entscheidenden einflusz W. Worringer s erweitert auf die dem gotischen stil zugrundeliegende menschlich-seelische haltung. damit wird gotisch zum ausdruck des lebensgefühls, das den künstlerischen schöpfungen des späten hoch- und des spätmittelalters zugrundeliegt und das sie selbst aussprechen. da alsbald die kunsthistoriker diese spezifische grundhaltung menschlichen weltverständnisses auch in anderen epochen aufdecken, verliert das wort abermals (wie 1 a β und gotik 2) jede zeitlichgeschichtliche begrenzung: im barock ist der gotische charakter ja trotz der ungotischen ausdrucksmittel noch ganz offenkundig Worringer formprobl. d. gotik (1911) 127; wir wiederholen also, dasz nach unserer anschauung die kunst des ganzen okzidents, soweit sie nicht unmittelbar anteil hatte an der antiken mittelmeerkultur, ihrem innersten charakter nach gotisch war und es bis zur renaissance, dieser groszen peripetie der nordischen entwicklung, blieb ebda 28; (der stilpsychologe) erkennt, dasz dieser gotische formwille nicht äuszerlich, aber innerlich die romanische kunst, die Merowingerkunst, die völkerwanderungskunst, kurz den ganzen nord- und mitteleuropäischen kunstverlauf beherrscht ebda 27; 'gotisch' ist hier nicht in der beschränkung auf die stilperiode zu verstehen, die wir in der kunstgeschichte 'gotik' nennen, sondern in dem weiten sinne, wie Worringer und Scheffler das wort gebrauchen, um eine weltanschauung zu bezeichnen, die der klassischen polar entgegengesetzt ist. der 'griechische geist' und der 'gotische geist' sind an keine bestimmte zeit gebunden, sondern wirken sich als gestaltende formkräfte durch die geschichte des menschlichen schaffens und strebens hin aus Haferkorn gotik und ruine (1924) 5; G. Weise das 'gotische' oder 'barocke' stilprinzip der deutschen und der nordischen kunst in: dt. viertelj. schr. 10 (1932) 206; ebenso steht es mit dem gotischen grundzug der deutschen romantik. es ist nordischer drang in die form und weite, der diesen gotischen grundzug bestimmt G. Müller gesch. d. dt. seele 3. damit wird es immer stärker zum verschwommenen schlagwort für die geistig-seelische haltung und das weltgefühl sowohl des mittelalters wie anderer als entsprechend strukturiert angesehener zeiten schlechthin: jene ganz eigene verbindung idyllischer herzlichkeit mit aufsteigenden, übermächtigen unendlichkeitsempfindungen, jenes wunderlich-gotische ineinander von engem und weitem, wurzelhaftem und himmelstrebendem, heimatsliebe und weltbürgersinn Fr. Meinecke nach d. revol. (1919) 70; gotisches streben nach entmaterialisierung ... von gotischer beseelung spricht auch ein freieres raumgefühl ... das gotische erlebnis des dichters wurzelt in der mystik Schwietering in: zs. f. dt. altert. 60 (1923) 122; die auseinandersetzung des gotischen weltgefühls mit dem antiken bei ... Rilke V. Czapski-Erdmann in: dankesgabe für A. Leitzmann (1927) 104; vielmehr sind auch die deutschen renaissancekünste von dem gotischen fernblick erfüllt, den der Bamberger

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reiter veranschaulicht G. Müller gesch. d. dt. seele 2; in diesem Faust gewinnt auch der sprachschöpfer Goethe seine letzte, fast ist man versucht zu sagen, seine gotische gestalt (1932) A. Hübner kl. schr. 267. diese entwicklung gipfelt sprachlich in der modischen prägung der gotische mensch: der dualimus des gotischen menschen steht nicht über dem erkennen wie beim orientalischen menschen, er steht noch vor dem erkennen Worringer formprobl. d. gotik (1911) 52; von dem ewigen zwiespalt zwischen dem gotischen und dem griechischen menschen Eugen Georg verschollene kulturen (1930) 84. dazu vgl. G. Weise das schlagwort vom gotischen menschen in: neue jahrb. f. wissenschaft u. jugendbildung 7 (1931) 404 f.
e) gleichzeitig unter dem einflusz der methode des literarhistorikers Oskar Walzel von der 'wechselseitigen erhellung d. künste' (1917) übertragen auf die hoch- und spätmittelalterlichen ausdrucksformen aller künste und wissenschaften, weil man sie als dem gleichen lebensgefühl und stilistischen gestaltungswillen entsprechend begreift (vgl. gotik 3): selbst der deutsche humanismus des 16. jhs. ist in diesem sinne gotisch geartet G. Müller gesch. d. dt. seele 2. damit nähert sich diese verwendung der reinen zeitbestimmung des 18. jhs. (s. oben a) unter eingrenzung auf das späte hoch- und das spätmittelalter: andere züge dieser frühen ritterlichen, weltlichen dichtung: ... ihre ... haltung freizulegen ... von den umdeutungen in gotischer und moderner zeit Ittenbach d. frühe dt. minnesang (1939) 14; begegnete uns in dem vielen verstandesmäszigen der gotischen musik gewissermaszen die scholastik Schmidt-Görg musik d. gotik (1946) 28.
f) zusammensetzungen mit gotisch als grundwort. den kunsthistorikern des späten 18. jhs. geht die verschiedenheit der darstellungsformen in den bildenden künsten auf, die das 18. jh. unter gotisch zusammengefaszt hatte. sie lösen zunächst den erst seit etwa 1830 allgemein romanisch genannten stil der frühesten jahrhunderte als altgotisch heraus: was aber das gefällige der zierlichen gothischen bauart betrifft, so wird das wohl so leicht niemand läugnen. sie ist in vergleichung der altgothischen allemal für schön zu achten, aber nicht in vergleichung mit der griechischen und römischen bauart (recension von Goethes 'baukunst') Krubsacius in: neue bibl. d. schönen wissensch. u. künste 14 (1773) 290 (vgl. DWB B 2 c, sp. 1012; in anderer verwendung 1715, s. DWB B 2 b, sp. 1010); zweifelhaft bleibt: die altgothische freiheits-stände-eigenthumsform, das elende gebäude im schlechten geschmack Herder 5, 534 S.; im 19. jh. ähnlich der ursprünglichen verwendung zur verstärkung der zeitlichen ferne: der berühmte hat ... eine dem einsturz drohende altgothische kirche unterstützt Heine w. 7, 202;

gehegt ist der hag
altgothischer art
F. Dahn kampf um Rom (1901) 2, 137.

in der romantik erkennt man, dasz auch der im engeren sinn gotische bau- und bildstil des mittelalters im einzelnen sehr verschiedene züge zeigt: die gothische baukunst umfaszt überhaupt nebst ihren zwei hauptgattungen in dem ganzen umkreise ihres unermeszlichen reichthums, noch manche bedeutende unterarten (1805) Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 217. im 20. jh. scheidet man die einzelnen formabschnitte terminologisch genau durch zusammensetzung mit adjektiven, die entweder auf die entstehungszeit (früh, spät) oder das inhaltlich-wertmäszige entwicklungsstadium (hoch in übertragenem sinne) gehen: frühgotisch: noch arbeiten im frühgotischen keltersaal die gewaltigen hölzernen kelterpressen der späten gotik K. O. Jatho wanderer auf gottes strom (1935) 27. —
 
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hochgotisch: jenes feinere zierlichere in der Marienfigur ..., das wir von dem hochgotischen geiste her kennen M. Deri d. bildwerk (1924) 194. — besonders häufig und wohl zuerst gebildet spätgotisch: 'spätgotisch' ist ein ungeschickter name, als ob es sich um einen stil in seiner entartung oder erschlaffung bei diesem geschmack handelte Wölfflin d. kunst Dürers (1919) 237; zu einem spätgotischen stoff griff Goethe, um das tiefste deutschen

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wesens zu gestalten (1932) A. Hübner kl. schr. 267; spätgotische gewölbe, auch wenn sie nicht mehr die spannung der hochgotik besitzen, geben der phantasie doch immer noch das schauspiel wirkender kräfte Wölfflin gedanken z. kunstgesch. (1941) 113. gegenüber diesen festen kunstgeschichtlichen termini treten nur mehr gelegentlich freiere verbindungen auf: ein V und M halb-gotthisch in einander gezogen J. Fr. Christ anzeige u. ausleg. d. monogramm. (1747) 375; die kirche hier mit ihren vorgotischen formen Fontane ges. w. (1905) I 3, 214; das rathaus ..., das mit tausend miszverstandenen türmchen und giebeln pseudogotisch gen himmel fratzte Ina Seidel d. haus zum monde (1917) 132; die fassade (von Limburg a. d. Lahn) ... ist gänzlich ungotisch Pinder kunst d. dt. kaiserzeit (1937) 230; ihre schlankheit scheint gotisch und ihre form hat dennoch einen ungotischen sinn ders., kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 311.
 
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gotisieren, vb. die bildungsweise der jungen ableitung ist besonders in der romantik zur umschreibung der unursprünglichkeit, gewaltsamen umgestaltung, billigen nachahmung, unechtheit beliebt; s. festschr. f. Götze 2, 254; Henzen dt. wortbildung 232.
1) zu Gote 2: wie schon der chan Balamber eine amalische fürstin geheiratet hatte, so wurden mischehen mit der zeit häufiger; die hunnischen fürsten begannen gotische namen zu tragen, man kann geradezu sagen, die Hunnen fingen an sich zu gotisieren Pflugk-Harttung gesch. d. mittelalters 1 (1886) 173; wie unser niederdeutsch ein verdeutschtes ingwäonisch darzustellen schien, so wäre ähnlich unser deutsch ein gotisiertes westgermanisch! F. Wrede in: zs. f. dt. maa. 19 (1924) 282.
2) zu gotisch B 2 c. im engsten sinne: gothisirend werden solche spätromanische gebäude, gebäudetheile, gliederungen und ornamente genannt, an denen einzelne gothische elemente vorkommen Otte archäol. wb. (1883) 90. für gewöhnlich allgemeiner 'in gotischem stil nachschaffen, andere stilformen gotisch umgestalten': hätten zu der zeit, wo die gothischen wälder überall in Europa aufsproszten, in Rom päpste gesessen, denen das geld ... der späteren zu gebote stand, auch hier wäre alles gothisirt worden Herman Grimm Michelangelo (1890) 2, 323; romantisch ist es, ... wenn Philipp Otto Runge in gotisierendem naturalismus ein grabdenkmal entwirft, das über einem kapellenartigen unterbau einen blumenhaft schlanken pfeiler trägt, auf dem ein betender engel kniet G. Pauli kunst d. klassizism. (1925) 64; die grauen mauern der romanischen, später gotisierten Jakobikirche Ric. Huch im alten reich (1927) 307; Weigert (spricht) bei der architektur ebenso von einer neuklassizistischen wie von einer gotisierenden phase Hub. Schrade in: zs. f. dt. bildung 11 (1935) 483; das gegenstück hierzu bildet die haarflechterin 'vor dem spiegel' ..., die er in späteren jahren unter dem einflusz der neuen gotisierenden richtung zum Gretchen abwandelte Leonhardi G. Fr. Kersting (1939) 18. —
 
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gotisierung, f., zum verbum im sinne von 2: einige glasbilder tragen die zahl 1539. um eben diese zeit ... erfolgte die gotisierung des baues, der vorher längst vorhanden und, wie alle die zahlreichen feldsteinkirchen in der Mark, romanisch war Fontane Havelland (21880) 354; sogar: der gemeinsame zug der neunziger jahre (des 15. jhs.) ist ... eine leise regotisierung, erinnerung also an gewisse grundzüge der plastik des 14. jahrhunderts Pinder kunst d. Dürerzeit (1940) 161.
 
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gotle, götle, n., täufling (dim.), s. götlein.
 
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götlein, n. , ursprünglich obd. diminutivbildung mit (i)lî(n)-suffix zu göte, m. und gote, f. (s. d.).
1) für den männl. (sehr selten) und weibl. paten sowie für den täufling beiderlei geschlechts (bei den älteren lexikographen ist es nicht immer sicher, ob das dim. oder die mask. bzw. fem. personalbildung s. v. götel, m. und götel, f. gemeint ist.): matrina godele (obd./nd. 13./14. jh.) Diefenbach gl. 351c; admater, paterna gttele (obd. 15. jh.) Diefenbach n. gl. 9a; 283a; matrina göttlin, filiolus gottel, filiola götli Ulmer voc. A 3; götlein Zehner

[Bd. 8, Sp. 1017]


nomencl. (1645) 304; göttlein Stieler stammbaum (1691) 686; göttlein, gottlin filiolus, got(t)la (-ö-) filiola hist. bei Schmeller-Fr. bair. 1, 962; götile für den männl., goutile für den weibl. paten und täufling Lexer Kärnten 119; götteli (-e-) nur für den täufling schweiz. id. 2, 527; göttele weibl. pate, täufling Martin-Lienhart elsäss. 1, 247; göttle(in), gedle weibl. pate, täufling beiderlei geschlechts Fischer schwäb. 3, 764. — eine diminutivbildung mit einfachem în-suffix für das patenkind kennt das schweizer.: goti, n. Hotzenköcherle ma. v. Mutten 167.
literarisch vor allem für den täufling: ein knäblein das was sein götlin Pauli schimpf u. ernst 1, 342 Bolte;

seind allgemach so hin gezettelt (getrottet)
all die gfattern sampt dem göttel
Fischart w. 2, 31 Hauffen;

diss stuck schenck ich deinem jungen sohn Conradt, meinem götlin Paracelsus chirurg. bücher u. schr. 781 Huser; sie ... beschenkte das gotteli schön Gotthelf s. w. 14, 275 Hunziker-Bl.
md. tritt -chen-suffix ein: götche, gät(t)che, getche, gôdche, vgl. Crecelius oberhess. 430; Kehrein Nassau 169; rhein. wb. 2, 1311; meist für den weibl. paten und täufling. vgl. auch göttchen s. v. göttlein Stieler stammb. (1691) 686; gödchen Schwan nouv. dict. 1 (1783) 774b s. v. gode: des herrn gevattern von Rothleben 2 kinder zur mesz verehret, als beiden gettichen ... fl. 3 (1643) bei Karl Bräuer studien 2, 108; ich bin beinah alle awend bei meiner fra geetche Malsz bürgercapitain (1821) 32.
2) gelegentlich in anderer bedeutung. überhaupt ein mädchen: mein göttel, da wär viel zu sagen Rosegger nixnutzig volk (1906) 175; gott(c)li 'betschwester' schweiz. id. 2, 525; gottele(in) 'patengeschenk' Fischer schwäb. 3, 765.

 

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