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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
gost bis gotenturm (Bd. 8, Sp. 983 bis 990)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) gost, göst, adj., 'nicht milchgebend, unfruchtbar', s. DWB güst teil 4, 1, 6, sp. 1205.
 
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gosz, m. (n.), verbalnomen zu gieszen (vgl. DWB gosz 'trichter' s. v. 2gosse). neben dem verbalabstraktum gusz

[Bd. 8, Sp. 984]


steht ahd. mhd. schwach bezeugtes goz oder (und) gôz (urspr. ist für das m. gôz, für das n. goz wahrscheinlicher), als masc. 'regengusz', Lexer mhd. wb. 1, 1063, als neutr. in den konkret-speziellen bedeutungen 'gegossener gegenstand, gegossenes bildwerk': fusile goz (12. jh.) ahd. gl. 3, 695, 36 St.-S.; Lexer a. a. o.; ferner 'gegossene füllungsteile eines gewölbes' (zur sache vgl. Mothes ill. bau-lex. [1881] 2, 549b 'guszgewölbe'):

die hœhe deist der hohe muot,
der sich uf in diu wolken tuot;
dem ist ouch nihtes ze vil,
die wile er sich gehaben wil
hin uf, da sich der tugende goz
ze samene welbet an ein sloz
Gottfried v. Straszburg Tristan 16943 Ranke;

ouch han ich an die liehten want
miner ougen weide vil gewant
und han mich oben an daz goz,
an daz gewelbe und an daz sloz
mit blicken vil gevlizzen ebda 17127;

nhd. ist für diese bedeutungen gusz (guszgewölbe) eingetreten; in mundartlichen resten bege net gosz 'in einer form erstarrte schmalz-, unschlitt- oder wachsmasse' (wofür sonst auch DWB gusz, vgl. d. teil 4, 1, 4, sp. 1217): gosz, m. Unger-Khull steir. 300b; gōss 'gestandene masse', ehemals von milch, unschlitt, schmalz gebräuchlich, dimin. gössle 'unschlittklumpen', auch 'gefäsz für schmalz', goss, gosslet, n., 'stöckchen schmalz' Fischer schwäb. 3, 754; ithem 3 gulden 4 hllr vür einen gosz onslechtes der weig lviii  und vür xxvi  rohes ungesmelzten unslechtes Elsen v. Holczhusen inventar (Frankf. archiv 1410, handschr.); ein ... mundsalben. nim meyenschmaltz 1 pfund, mettwachs 1 vierling. lasz vnder einander zergehen: geusz kleine göszlin darausz. brauchs wann du wilt Gäbelkover artzneyb. (1596) 2, 114.
 
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göszchen, n., münzname, ursprünglich die Goslarer scherfe. mnd. gosler und goske(n), göske(n), gosche(n) 'goslarscher pfennig', s. Lasch-Borchling 1, 2, 137, vgl. mnl. (in den ostprovinzen) gosseler Verwijs-Verdam 2, 2078. seit dem 16. jh. wurde die bezeichnung göszchen, auch gösger (köln. jöstcher), auf andere geringwertige nordwestdeutsche münzen übertragen (vgl. Schrötter münzwesen 1, 163 in: acta Borussica). göszchen eine niedersächsischrheinische scheidemünze: Adelung 2 (1775) 752; Jacobsson techn. wb. 5 (1793) 722b; Campe 2 (1808) 425a; Schaffer dt.-frz. 1 (1836) 755a. — speziell hieszen clevische gösger die unter Friedrich I. geprägten schlechten sechspfennigstücke (die 'roten sechser'): das general p. directorium hat aus dem ... bericht ersehen, welcher gestalt der churpfälzische gesandte zu Regensburg eine valvation der düsseldorffschen stüver gegen so genannte clevische göszger oder hiesige 6 pf. stücken unter der hand herumgehen lasse (1737) münzwesen 1, 507 in: acta Borussica.
 
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goszlinger, m., leichtes schiffsgeschütz. eingedeutscht aus nl. goteling 'guszeiserner gegenstand', 'geschütz aus gegossenem eisen oder metall' (anfangs schlechthin, zur unterscheidung von geschmiedeten geschützen, dann bezeichnung einer art leichterer [schiffs-] kanonen, s. woordenb. d. nederl. taal 5, 453). noch als nl. gebucht bei Fäsch kriegs-lex. (1735) berche, h(oll.) gooteling, ist eine art von geschütze, dessen man sich vor alters auf den schiffen bediente, und von metall waren, die aber von eisen gegossen waren, hieszen barces 88a: goszlinger ein ehemals auf den schiffen gebräuchliches geschütz von mittlerer grösze Jacobsson technol. wb. 2 (1782) 141b; Voigtel hdt. hdwb. 2 (1794) 116a; gostlinger Campe 2 (1808) 425a. dazu: göszlingsschusz, m., als masz für geschätzte entfernungen, nur in unverschobener form bezeugt: auff den abend sind wir an der westseite von der insel Guagam ... ein gotelingsschusz von dem land zu anckern kommen Decker diurnal (1629) 59 bei Kluge seemannsspr. 325; nord-ost von Grauharen ein götlingsschusz ist ein klein niedriger bergholm Manson seeb. (1717) 5 ebda; vgl. gotelingschot woordenb. d. nederl. taal 5, 454.

[Bd. 8, Sp. 985]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) goszsack, m., schöpfbehälter am rad einer wassermühle. zu gieszen, vgl. DWB gosz s. v. 2gosse: die leufte, unszlitt, ohle, geleuchte ... aufschuttfasse, mulden, goszsecke, tücher auf die mühlen ... und alle andere noturft, was zu dem radekasten und in die mühle gehöret, sollen die müller selbst zu schaffen und zu halten schuldig sein (2. hälfte d. 16. jhs.) haushaltung in vorwerken 152 Ermisch-W.; gossack schöpfkasten an mühlrädern Mothes ill. baulex. (1881) 2, 485.
 
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goszstein, m., effusorium, ausguszbecken in form eines ausgehöhlten steines. wohl zu gosz in der bed. 'eingusz' (s. 2gosse). daneben guszstein (teil 4, 1, 6, sp. 1224) und jüngeres gossenstein (in anlehnung an 1gosse 2 b, s. d.): goszstein Schottel hauptspr. (1663) 512; goszstein aquiminarium Stieler stammb. (1691) 2139; spül-stein, wasser-stein, gosz- o. gusz-stein Kramer t.-ital. 2 (1702) 949c; goszstein ist ein hohl ausgehauener stein, mit einem langen kupfernen oder blechernen canal und röhre, meistentheils vor dem küchen-fenster angemacht, worein die magd die spielig-gelte auszugieszen pfleget Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 677; gosse ein ort in der küche, wohin man das unreine wasser ausgiesset, wird auch sonsten der gusz genennet, und weil es meistens ein etwas ausgehöhlter stein ist, so heiszt es der goszstein Frisch t.-lat. (1741) 1, 361; giesz-stein, gosz-stein, gusz-stein Noel Chomel öcon. lex. (1750) 8, 383 s. v. rön-stein; gossenstein kurze steinerne rinne, welche am kopf viel gröszer, als am ende ist. man gebraucht dieselbe ... in küchen, waschhäusern, und dergleichen, da man sie dergestalt einmauert, dasz der kopf in der küche, das ende aber auszerhalb der mauer auf die gasse hervorraget Voch allg. baulex. (1781) 126b; gossstein ein ausgehöhlter stein Helfft wb. d. landbaukunst (1836) 158; goszstein, auch guszstein, schüttstein genannt Mothes ill. baulex. 2 (1882) 485b; gossenstein, gossstein, wasserstein Hoyer-Kreuter technol. wb. (1902) 1, 308; der gossenstein sollte allerdings ein stein von solchen sein, die eine gosse bilden, hat aber gewöhnlich die bedeutung des ausgusssteins für die küchenabwässer Schönermark-Stüber hochbaulex. (1902) 477: o hätte denn ein solcher ... zu fressen, ... was sie muthwillig hat verderben lassen, oder auff den goszstein geschüttet Schupp schr. (1663) 341; die kupferne rinne zum goszstein darff auch flickens, weil sie ausleufft Jac. Thomasius aufzeichn. 63 Sachse; (ich bemerkte) wie architektonisch klug anrichte, gossenstein, topf- und tellerbretter angebracht seien Göthe I 33, 109 W.; da kam eine weisse ente zum gossenstein in die küche geschwommen br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 2, 257;

der brummer zupfte die flieg' am bein
und warf sie tief in den gossenstein
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 2, 275;

eigentlich hat sie nur die rosinen in den gossenstein geworfen Fr. Huch ges. w. (1925) 1, 61. —
 
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gosztröglein, n., zu 2gosse 1 a: 'aufschüttkasten, mühltrichter' (auch gosz, goszen) Schmeller 1, 950 (vgl. 1tröglein 1 b, teil 11, 1, 2, sp. 794); genauer wohl 'die rumpfmulde', vgl. gosztrühel, n., zu 2gosse 1 a (trühel ist hier als diminutiv zu trog aufzufassen, vgl. teil 11, 1, 2, sp. 1328 und trühlein, sp. 1332): rumpfmulde ist eine kleine mulde, welche die aus dem rumpfe fallenden körner auffängt und durch das loch des obern mühlsteines auf den bodenstein zettelt (l'auget); in Öst. heiszt sie gosztrühel Popowitsch versuch (1780) 402.
 
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götchen, n., pate, täufling, s. u. götlein, n.dazu götchengeschenk(?), n., patengeschenk. in der form götgesgeschenk: der schwester Anna Sibilla zum jungen ihrer magd verehrt wegen überbrachten götgesgeschenk ... fl. 1 (1690) bei Karl Bräuer studien 2, 279.
 
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gote, m. , angehöriger des untergegangenen german. volksstamms der Goten. herkunft und form.
die antike überlieferung (Schönfeld wörterbuch d. agerm. personen- und völkernamen [1911] 120) zeigt zunächst die form Gutones Pytheas bei Plinius nat. hist. 37, 35;

[Bd. 8, Sp. 986]


Γούτωνες Strabon 7, 1, 3 (ci. für Βούτωνες, Βούτονες); Gutones Plinius 4, 99; Γύθωες Ptolemaeus 3, 5, 8; Gotones Tacitus annal. 2, 62; Gothones Germania 43; sodann *Γοῦθθοι im gen. pl. Γούθθωι, parthisch Gut inschrift um 270 bei Persepolis, s. Junker PBB 74 (1952) 297; Goti, Gothi bzw. Γόθοι, Gotthi bzw. Γότθοι, selten Gotti bzw. Γόττοι seit dem 3. jh.; in einheimischer überlieferung findet sich nach Krause der name in Gutani gen. pl. auf dem goldring von Pietroassa (wahrscheinlich 4. jh.) runeninschriften im älteren Futhark (1937) 172; Arntz u. Zeiss d. einheim. runendenkmäler d. festlandes (1939) 52—97 und in ana Gutþiudai 'im Gotenland' (wörtlich 'im Gotenvolk', vgl. an. Suípióð für Schweden und dergl.) im bruchstück eines kalenders bei Streitberg d. got. bibel 472 (die richtige übersetzung gab zuerst Loewe zs. f. dt. altert. 59 [1922] 248f.). danach ist der name der Goten gotisch als Gutans und Gutos anzusetzen. lautlich identisch damit ist agutnisch Gutar (gen. Gutna und Guta), der name der bewohner der insel Gotland. gegen die an sich nicht unwahrscheinliche annahme, dasz aus Gutaz 'Gote' lit. gudas 'Weiszrusse, Kleinrusse, Pole oder russ. Litauer', lett. guds 'weiszrussischer flösser' entlehnt sei, spricht das d des baltischen wortes; diese schwierigkeit sucht Ed. Hermann nachr. d. Göttinger akademie d. wissensch. phil. hist. kl. (1941) 244 durch die annahme volksetymologischen anschlusses (etwa an lit. gudrus 'klug, schlau'), E. Schwarz Goten, Nordgermanen, Angelsachsen (1951) 32 f. durch die sehr kühne vermutung zu beheben, dasz der name schon vor der lautverschiebung im 5. jh. v. Chr. von Goten von der insel Gotland entlehnt sei. auch dafür, dasz Danzig und Gdingen auf den namen der Goten zurückzuführen sei, treten beide forscher, wiewohl mit bedenken, ein.
im anord. und westgerm. ist das u der wurzelsilbe regelrecht zu o geworden: an. gotar (gen. gotna, wonach auch der nom. gotnar) 'helden' (nach anderer auffassung 'Goten'), goti 'rosz', ags. Gotan 'Goten'. die westgerm. vocalisierung ist von Tacitus an für die lat. u. griech. form maszgebend geworden, selbst bei dem Goten Jordanes. danach dann auch Gothiscandza, wie nach Jordanes cap. 4 die aus der insel Scandza auswandernden Goten die küste des festlandes nach sich selbst benannten, was von Müllenhoff dt altertumskunde 2 (1906) 396 als erfindung bezeichnet wurde, meist als 'gotisches ende' (*in gutisk andja 'am gotischen ende, sc. küste'), von A. Kock Svensk hist. tidskr. 25, 19 und G. Neckel zs. f. deutschkunde (1931) 155 jedoch wahrscheinlicher als gutisk-Skandia 'gotisches Scandia' gedeutet wird.
*Gutans, gotar, Goten steht im ablaut zu an. Gautar, schwed. götar, ags. géatas 'Gauten, bewohner von Väster- und Östergötland' (von wo die Goten ausgewandert sind, s. Schwarz Goten, Nordgermanen, Angelsachsen [1951] 18; 150). weitere anknüpfung ist unsicher, am wahrscheinlichsten ist eine urspr. bedeutung 'männer' (vgl. norw. gut 'junge, junger mann, mann') zu giutan 'gieszen' als 'semen emittere', vgl. gr. ἄρσην 'männlich' zur wurzel ers 'flieszen' und Hellquist 3325, wo parallelen für die selbstbenennung von völkern als 'männer, menschen' gegeben werden.
im dt. tegegnet der name zuerst im frühnhd.; ob schreibungen mit tt(h) auf die urspr. kürze des vokals weisen, läszt sich nicht entscheiden: neben die gotthen Ruland dict. (1586) 526a; Faber thes. (1587) 367b; Decimator thes. (1608) 567; Pitiscus lex. lat.-belg. (1726) 660; die gotther Hedio Cuspinian (1541) 140; gotten Luther (s. u.) auch gothen Reyher thes. (1668) 2, 2889; Steinbach dt. wb. 1 (1734) 623; für die unsicherheit kennzeichnend: die Gothoner sind eben die Guttoner, von welchen wir droben aus dem Pythia gehöret, das bey jhnen der bernstein gefunden und verkaufft worden: vnd dieselben werden mit andern nahmen auch Gothen, Geten und Gotten geheiszen Micraelius Pommerland 1 (1639) 15. seitdem wohl zweifellos mit langem wurzelvokal. bedeutung und gebrauch.
erst die besinnung der deutschen humanisten auf die vergangenheit des eigenen volkes führt zur wiederentdeckung

[Bd. 8, Sp. 987]


der Germanen. weil von den in der völkerwanderungszeit hervortretenden Germanenstämmen die Goten dem schicksal der Mittelmeervölker, die damals allein eine literarische kultur besaszen, die stärksten spuren eingegraben haben, finden sie zunächst von allen die gröszte beachtung. das wort wird fast ausschlieszlich pluralisch verwendet.
1) im weiteren sinne: Germanen schlechthin ohne scharfe stammes- und volksmäszige scheidung. aufs frühnhd. beschränkt; von den Cimbern: ich acht vnd halt es mit Johan Carion vnd Procopio, das die Cimbri oder Cimmerij die Gothi seien ausz Gothland der insel, ein teutsch volck, ... haben aber durch so vil krieg vnd fäll den namen Cimbri verlorn und werden itz Gete oder Gothi genent, ausz der insel Getica oder Gothica S. Franck Germ. chron. (1538) 8b; bisz dise greulichkeyt vnnd hitzige brunst in den barbarischen Gothen veraltet ebda 9a; dasz die Gothen aus der insul Scanzia ... alles mit ihrer cimbrischen Gothenmacht ihnen unterthänig gemachet J. Tröster d. alt u. neu teutsche Dacia (1666) 14; von den Alemannen: es hat auch Gratianus ein mercklich schlacht mitt den Gothiern gethan bey Straszburg S. Franck Germ. chron. (1538) 45b.
2) im engeren sinne: das germanische volk der Goten. im 16. jh. ohne scharfe trennung von anderen germanischen völkern, so dasz die entscheidung der bedeutungszugehörigkeit zu 1) oder 2) weithin offenbleiben musz: also sties er (gott) ... das königreich ynn Kriechen durch die Römer, die Römer durch die Gotten und Türcken (ab) (1526) Luther 19, 360 W.; demnach thet er ein plütige schlacht mit den teutschen Gotthis bey Constantinopel ... die Gotthi eylten hinach S. Franck Germ. chron. (1538) 44b; z diser zeyt begerten die Gother (sic!) in Thracia christen z werden; da ward jhn Arrius gepredigt ebda 45a; eine (tochter) gab er (Dietrich von Bern) Alarico der Gotthen künig; dann es hetten die Gotti in Hispania ein künig ebda 51b; (Aurelian) der hat auch die Göther gar strengklich überwunden Hedio chron. (1543) 141. die bedeutungsverschärfung entwickelt sich an der fast formelhaften verbindung mit den Wenden (vgl. 3), d. h. Vandalen: wie er (Christus) denn wol kan seine feinde durch andere feinde straffen, die Juden durch die Rmer, die Romer durch Gotthen und Wenden (1535) Luther 41, 114 W.; (gott) lies die stad Rom durch die Gotten und Wenden jnn kurtzen jaren vier mal erobern, endlich verbrennen und schleiffen ebda 51, 290; in eruptionibus deren Hungern, Gothen, Wenden, Abern und anderer mechtiger völker und nationen Zimmer. chron. (21881) 1, 21 Bar. sogar noch: die wissenschaften wandern, wie die Gothen und Wenden, und auch der geschmack wandert von ost zum west (1767) Gleim in: br. dt. gelehrter an Klotz (1773) 112. das encyclopädisch-antiquarische interesse des barock verfestigt diese einschränkung des gebrauchs:

... wohin der Scyten pferd
den schnellen fusz einsetzt; was Susa vorgenommen;
wie weit der barbar sey; wie weit der Gothe kommen
Gryphius trauersp. 33 lit. ver.;

der Scyth hat erstlich dich (Siebenbürgen),
der Gothe und Sarmat: eh er hier setzte sich
S. v. Birken bei:
J. Tröster poln. adlernest (1666) ):( 10a.

deutlich wird das vor allem durch die zusammenstellung mit anderen germanischen stammesnamen: der Gothe, Cimber, Sachs, Däne, Wahle, Franke, Schwabe Schottel haubtspr. (1663) a 1b; welcher gestalten vor diesem aus dem lateinischen durch die Gothen und Lamparter das italianisch und durch die teutsche Francken das frantzösisch umbgegossen worden (1673) Grimmelshausen Simpliciana 185 ndr.; durch den einfall der Gothen und Longobarden in Italien J. Fr. Christ leben Cranachs in: fränk. acta erud. 1 (1726) 342. seitdem eindeutig auf das volk der Goten bezogen:

indem sie es bey ihm mit den gelehrten sachen,
nicht besser als vordem die alten Gothen machen (1729)
Abel Boileau's satyr. ged. 5, 176;

dergestalten überschwemmte eine zweyte sündflut die wissenschaften, und die mönche vollendeten (in Rom),

[Bd. 8, Sp. 988]


was die Goten angefangen hatten Drollinger ged. (1743) 240; die kriege der barbaren und das feuer der Gothen haben den künsten geschadet Chr. Ad. Klotz beytr. z. gesch. d. geschmacks (1767) 159;

(spottvers auf Goethes namen)
der von den göttern du stammst, von Goten oder vom kothe,
Goethe, sende sie mir
Herder bei
Göthe 27, 311 W.;

so erweis uns, dasz die Goten schon wirklich so gebaut haben (1773) Göthe 37, 147 W.; sie (die Nickolskirche zu Leipzig) ist im äuszeren, wie die religion, die in ihr gepredigt wird, antik, im innern nach dem modernsten geschmack ausgebaut. aus der kühnheit der äuszeren wölbungen sprach uns der götze der abendtheuerlichen Gothen zu; aus der edeln simplicität des innern wehte uns der geist der verfeinerten Griechen an H. v. Kleist br. an s. braut 62 Bied.; mit den Gothen beginnt eben der vorherrschende einflusz des germanischen stammes und deutschen sinnes in der geschichte ... des abendlandes (1805) Fr. Schlegel s. w. (1846) 6, 181;

und den flusz hinauf, hinunter ziehn die schatten tapfrer Goten,
die den Alarich beweinen, ihres volkes besten toten (1820)
Platen w. 1, 6 Redlich;

gebt raum, ihr völker, unserm schritt,
wir sind die letzten Gothen
F. Dahn kampf um Rom (1901) 4, 18;

ungeachtet der Goten auf der rechten seite des unteren flusses Müllenhoff altertumskde 2 (1906) 3; ein kind ... mag von den Langobarden geboren werden in Oberitalien, oder in Spanien, oder in Afrika, oder von den Goten an der Wolga, sein volk bleibt immer sein volk Anna Seghers d. toten bleiben jung (1950) 500.
3) in speziellerer bedeutung. im formelhaften titel der Schwedenkönige: an doctor Martin Luther x Gustaff von gots gnaden zu Schweden, der Gotten vnd Whenden ... konig (1541) Gustav v. Schweden bei Luther br. 9, 430 W. durch die züge Gustav Adolfs und die schwedische herrschaft in Norddeutschland (bis 1815) bekannt: auf ihrer durchläuchtigsten frauen, ... der Schweden, Gothen und Wenden königin usw. ankunft in Leipzig (1631) P. Fleming dt. ged. 326 Lapp.; geschichte Gustafs III., königs der Schweden und Gothen E. L. Posselt (1793) titel. ohne diese verbindung später historisierend: (Frankreich) sah sich schon damals, als er (Gustav Adolf) den Lechstrom passierte, nach fremden bündnissen um, den sieghaften lauf des Gothen zu hemmen Schiller 8, 301 G.
4) nur selten verbindet sich mit Gote die abfällige wertung der italienischen renaissance des 15. jhs., von der die bauwerke aus der zeit der Germanen- und der mittelalterlichen deutschen herrschaft gegenüber der klassischen kunst der antike als roh, verworren, barbarisch geringschätzig verachtet (näheres s. gotisch B) und die Germanen für die zerstörungen an den heimischen bauten verantwortlich gemacht wurden, wobei die Goten wie unter 1) als die repräsentanten der Germanen mit unklarem einschlusz der mittelalterlichen Deutschen erscheinen. diese auffassung übernehmen die deutschen humanisten aus dem ursprungsland: quam foede disciplinas omnis confuderint isti Gothi, quanto supercilio suam inscitiam perdoceant, quam stolida peruicacia et propriam tueantur ignorantiam et alienam eruditionem aspernentur (1505) Erasmus v. Rotterdam op. epist. 1, 409 Allen; quo tandem jure, ô vos Gothi, è vestris egressi limitibus, non modo Latinorum provincias occupatis (disciplinas loquor liberales), verum etiam ipsam urbem rerum dominam, Latinitatem audetis incessere? ders., op. omnia 10 (1706) 1706. vgl. frz. ostrogot 'ungeschliffener mensch' Gamillscheg etym. wb. (1928) 655. im deutschsprachigen schrifttum zunächst nur gebraucht, um mit überlegener ironie die einstellung des Italieners zum Deutschtum zu charakterisieren: (vgl. gotisch B, sp. 1002 f.):

(der papst:) und förcht, die jungen Gothen (die deutschen bestien) fast
werden mir auch kommen zu gast (um 1634)
Opel-Cohn dreiszigj. krieg (1862) 338;

[Bd. 8, Sp. 989]


(Winckelmann) ist in der zahl der wenigen, die den deutschen namen auch in gegenden (Italien) schätzbar gemacht haben, wo man ihn sonst unter dem namen der Gothen zu begreifen gewohnt ist (1777) Herder 8, 439 S.; der nächste abschnitt (von Lloyd Georges kriegserinnerungen) befaszt sich mit der italienischen front, wo der teutonische schlag, wie ihn L. G. nennt, im october 1917 mit der 12. Isonzoschlacht ... geführt wurde und den 'Goten' die möglichkeit erstand, einen triumphmarsch auf Rom anzutreten dt. allg. ztg. v. 25. 7. 1934 nr. 341. vereinzelt steht ein gotisch B entsprechender ernsthafter gebrauch zu abschätziger wertung des eigenen volks: die Gothen in der tonkunst haben sich noch nicht verloren, ob schon die vernunft und die natur die stücke unserer besten meister beleben. wir sehen solche tonkünstler, die sich eine ehre daraus machen, unverständlich und unnatürlich zu setzen. sie häufen die figuren. sie machen ungewöhnliche auszierungen. sie werden dabey so künstlich, dass sie sich selbst nicht verstehen. folglich entfernen sie sich beständig von der natur und von den absichten ihrer stücke. sind dieses nicht wahre Gothen in der tonkunst? Scheibe critischer musicus 4 (1737) 755; morgen reise ich von hier (Hannover) nach dem Münsterlande, wo Gothen und Vandalen wohnen, und wo die leute gar keine liebhaber der schönen wissenschaften sind (1770) Jacobi in: br. dt. gelehrter an Klotz (1773) 179. hierher wohl mundartl. im sinne von 'aufsässiger kerl, krakeeler, unruhstifter': ich wer mich in obacht nehmen und wer mich zu solchen Gothen setzen Gerhart Hauptmann die weber (1892) 60. vom dichter 10. 3. 1944 brieflich als in Bad Salzbrunn 'oft gebrauchtes mildes schimpfwort' für 'einen nicht bösartigen, aber plumpen und unbeweglichen menschen' erläutert.
5) zusammensetzungen, erst seit ausgang des 18. jhs. üblich werdend.
a) zu rein sachlicher feststellung im sinne von 2: gotenapostel: der Gotenapostel Ulfilas F. Kluge unser deutsch (1919) 19; -banner: F. Dahn kampf um Rom (1901) 3, 302; -bischof: Ulfilas, des Gothenbischofs übersetzung Krünitz öcon. encycl. 228 (1855) 136; -blut: sie ist von echtem, altem Gotenblut! ja, so müssen die altdeutschen heldenweiber gewesen sein Fr. Th. Vischer ausgew. w. 6, 102 Kappstein; einen tropfen Gothenblut vergossen F. Dahn kampf um Rom (1901) 1, 307; -brauch: Fr. Halm w. (1856) 5, 200; -einfall: Ritter erdkde (1822) 1, 664; -frau: F. Dahn a. a. o. 2, 185; -freundlich: die gothenfreundlichen Römer ebda 4, 67; -fürst: Gries Bojardo (1835) 1, 245; F. Dahn a. a. o. 4, 95 u. 207; -haufe: dass die Meraner bauern eigentlich ein alter Gothenhaufe sind Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 267; barocke gelegenheitsbildung: -haus:

du edles land! ... (Dacien, d. i. Siebenbürgen)
du altes Gothen-haus! ... dich hat das Rmer-joch
spat und nicht lang gedrückt
S. v. Birken bei:
Joh. Tröster poln. adlernest (1666) ):( 9b;

-heer: Platen w. 1, 6 Redlich; F. Dahn kampf um Rom (1901) 2, 150; 3, 17; 3, 76; Alten hdb. (1909) 3, 124; — -held: F. Dahn a. a. o. 1, 56; 4, 46; — -herrschaft: ebda 3, 366; — -hort: ebda 4, 16; — -könig: ebda 1, 67; 2, 8; 3, 66; F. Kluge unser deutsch (1919) 30; — -krieg: F. Dahn a. a. o. 4, 49; — -lager: ebda 3, 111; 3, 119; — -macht: (1666) Tröster, s. DWB gote B 1; — -recht: Fr. Halm w. (1856) 5, 193; F. Dahn a. a. o. 2, 161; — -reich: ebda 1, 60; 3, 31; — -schaar: Vischer auch einer (1879) 2, 421; F. Dahn a. a. o. 4, 365; — -schwarm: Alten hdb. (1909) 2, 601; — -verscheuchend:

und mit begeisternder kunst ...
bildet kein Phidias mehr die gotenverscheuchende Pallas (1869)
H. Leuthold ged. (1910) 147;

-volk: F. Dahn a. a. o. 1, 139; 2, 146; 3, 8; Alten hdb. (1909) 4, 320; — -zeit: nur ein riesiger runder thurm aus der Gothenzeit steht noch F. Dahn a. a. o. 3, 204.
b) gelegentlich wird in dichterisch-erhöhtem ausdruck die übliche verbindung von gotisch als ästhetisch-kunstwissenschaftlichem

[Bd. 8, Sp. 990]


terminus (gotisch B) mit dem dazugehörigen substantiv zusammengezogen: gotenbau:

ach, raub und trug hat deine felsenwand,
o Tecklenburg, zertrümmert! ... und vom gewölb
des Gothenbaues hängt der stalaktit
Krummacher d. kinderwelt (1806) 30;

-geschmack:

doch kommen zu gutem glück
zween eiserne männer auf einer alten tapete
in ächtem gothengeschmack,
die diesen augenblick
uns gegenüber hängt, dem dichter zu hülfe (1771)
Wieland Amadis 2, 165 Hempel;

Bruneleschi, der das zu seiner zeit wenig erkannte verdienst sich aneignete, nach den antiken modellen zu studiren. er warf sich zum entschiedensten antagonisten des immer weiter umgreifenden gothengeschmacks auf Matthisson schr. (1825) 4, 178; -tempel: auch würde dieses äolische harfengetön zur füllung des inneren luftraums unserer gothentempel nicht hinreichend sein G. Hiller reise d. Sachsen, Böhmen, Österr. u. Ungarn (1807) 118; — -turm:

ich seh' die berge, die mein thal umsäumen,
dran hängt der dunkle nadelwald, indessen
aus allen dörfern unsere cypressen,
die schlankgebauten gothenthürme, keimen
H. v. Gilm ausgew. dichtg. (1889) 178.

 

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