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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
fürtugend bis fürübergehen (Bd. 4, Sp. 923 bis 926)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fürtugend, f. eine tugend die einer in hervorstechender weise vor einem andern oder überhaupt vor andern menschen besitzt: secht, solch fürtugenden liessen sich in diesem desz Socrates unachtsamen und nicht auff aronisch verbrustlatztem herzenschrein finden. Fischart Gargantua A 4a = 1608 Biiija.
 
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fürübel, adv., gleich fürgut (s. d.) zusammengerückt, aber gewöhnlich, wie dieses, getrennt gesetzt für übel. s. oben sp. 627, wozu hier noch eine stelle nachgebracht wird:

wo hab ich jhe erzürnet dich?
du wöllst mirs nicht für ubel han.
Alberus Esop (1550) 13.

[Bd. 4, Sp. 924]



mit abschwächung des mhd. vür zu ver auch verübel, wie gleicherweise vergut aus mhd. vürguot, verlieb aus fürlieb sich bildete: das sein weybe der andern sere verübel hette, ir übel redet und fluchet. Steinhöwel decameron (Keller) 369, 16; lieber herr, hant mir nichts verübel und verzeicht mir! H. Sachs, in Köhlers vier dialogen s. 23, 16;

ich scheid, hab nichts verübel dir.
Ayrer 403b (kön. in Cypern).

s. verübel und übel.
 
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fürüber, adv. , s. vorüber. eine erst nhd. aufgekommene auf zweierlei weise entstandene zusammensetzung, die sich nach den bedeutungen von für und über scheidet, wie sie einerseits hier in 1) b), andererseits in allen übrigen bedeutungen hervortreten. in diesen sollte die zusammensetzung fürüber das bestimmter, voller und damit deutlicher bezeichnen, für welches früher das einfache praepositionaladverb für genügte, das auch neben dem neuen ausdrucke noch lange zeit sich forterhielt, zumal in zusammensetzung mit verben. s. DWB für II 4), wozu eine schöne ahd. stelle die im gegensatze zugleich hier enthält, nachzutragen ist: dër winter ist hina, dër rëgan ist vure, die bluomon schînent in alle dëmo lante, dës rëbesnites zît ist hier. Williram hohel. 2, 11 (Hoffmann s. XVII, 25), wo bei Luther an der stelle der regen ist weg und dahin. dasz in der stelle vure elliptisch genommen werden kann, so dasz gegangen ausgelassen wäre (s. gramm. 4, 136), ändert hinsichtlich dieses praepositionaladverbs nichts. übrigens mögen ausdrücke, in denen die praep. für mit einem subst. in verbindung mit über bei dem verbum, wie herr, hab ich gnade funden fur deinen augen, so gehe nicht fur deinem knecht uber (1 Mos. 18, 3, in der vulgata ne transeas servum tuum) zur bildung und befestigung von fürüber eingewirkt haben. das wort erhielt sich bis ins 18. jh. und herscht bei Stieler, der sp. 1374 »fürüber, et vorüber, praeter« hat, aber in den dazu gehörigen beispielen nur fürüber setzt, offenbar noch vor. Rädlein, Kirsch und der diesem folgende Matthiä nehmen blosz fürüber auf, aber Wilhelmi, Dentzler, Weismann Aler wieder beide, jedes an seiner stelle im alphabete, jedoch die beiden letztgenannten vorüber mit verweisung auf fürüber, während Ludwig, Hederich, Nieremberger, Moerbeek, Weber in seinem deutschlat. universalwb. bei diesem kurzhin auf jenes verweisen. das bis dahin mehrere jahrzehnte hindurch, was schriftwerke betrifft, nur noch kümmerlich in den wörterbüchern sich erhaltende fürüber erlosch dann gegen vorüber gänzlich, und blosz mundarten haben es treu bis heute bewahrt.
fürüber steht
1) örtlich oder räumlich, in den bedeutungen
a) an der seite hin und fort, von einer seite zu der entgegengesetzten hin und fort. bei Luther in der bibel noch getrennt: da ich ein wenig fur uber kam. hohel. 3, 4; da die Midianiter, die kauffleute, fur uber reiseten. 1 Mos. 37, 28; und da der könig fur uberzoch, schrey er den könig an. 1 kön. 20, 39; denn sihe, könige sind versamlet und mit einander fur uber gezogen. ps. 48, 5; schreib das gesicht und male es auff eine tafel, das (dasz) es lesen künde, wer fur uberleufft. Hab. 2, 2; wenn denn (spricht gott zu Mose) nu mein herrligkeit fur ubergehet, wil ich dich in der felsklufft lassen stehen, und meine hand sol ob dir halten, bis ich fur ubergehe. 2 Mos. 33, 22; da man fur ubergieng, sihe, da war er da hin. ps. 37, 36; die aber fur uber giengen, lesterten jn. Matth. 27, 39. selten sind für und über zusammengerückt, so dasz beide als éin wort erscheinen: wie ein geschrey das furuber feret. weish. 5, 9; so es (das schif) furuber ist. 10. dagegen häufig genug bei andern: ich gehe oder ker füruber, weitter. Alberus dict. Xija; lasz sie auch vor deiner thüre fürüber geen. Agricola sprichw. 16a;

Jesu, sun Davids, hör min bitt,
hilff mir und gang fürüber nit.
Funckelin Lazarus auferw. E 1b;

wer hie fürüber geht, sprech amen.
Mathesius leichpred. 2, 13b;

ein guter frommer mann, der fürüber gieng. Olearius Lokmanns fab. 14; ein fuchs, so ohngefähr fürüber gieng. 29; ein einsiedel wil dem könig, so fürüber gieng, nicht sonderliche ehre anthun. dessen pers. rosenth. 1, 31; und hat es nie keiner, so allhie fürüber gezogen, gesehen. Amadis 120, 249; Galaor wischet auff die seiten neben ausz, also dasz der ander mit grausamer sterke fürüber fuhr. 365, 778; dasz alle die, so fürüber passierten, es höreten. Ulenhart, Lazarillo de Tormes 31; die örter, da Salomo fürüber passirt. Schuppius 108. praeterferri, fürüber passiren. Corvinus fons latinit. 1, 257a.

[Bd. 4, Sp. 925]


wenn die Sahl (Saale), so an der mawer fürüber fleusset, auszleufft. Mathesius Sarepta (1562) 177b;

darein (in Italia) die Tyber sich ergeuszt,
mit stillem lauff fürüber fleuszt.
Spreng Aeneis (1610) 41a;

und Pergama das schlosz voran,
Xanthus der flusz fürüber ran. 51b.

daneben aber setzt Spreng auch noch, wie oben Luther, beide wörter getrennt:

zu trencken sie (pferde und maulesel) im wasser tieff,
das auff der strasz für uber lieff. Il. (1610) 344a.

s menschen läben ist glych dem rouch,
dem schatten an der wand sich glycht,
der in eim iust fürüber schlycht.
Funckelin Lazarus auferw. C 7b,

aber auch Judeæ hohes haupt verläst sie (die das schiff lenkende jungfrau) hinder sich
und musz bey Magræ schlund sich was fürüber biegen,
sie sehn wie Tripoli für jhnen uberschlich.
Werder Gottfried (1651) 15, 18;

als sie fürüber war. 17, 37;

damit die leute sich in den häusern hielten und die strassen, so lange bisz sie (der könig mit seinem frauenzimmer) fürüber, meideten. Olearius persian. reisebeschr. 4, 44.
auch bei der praep. für mit dem dat. steht fürüber, und dann hat jenes die bedeutung an der vorderseite von —, an. wann seine freund haben für dem ort sollen fürüber reysen, da Hiob sasz, werden sie einen andern, wiewol bösen und ungebanten weg genommen haben. Schuppius 176. früher setzte man bloszes über: und da der herr fur seinem (Moses) angesicht ubergieng, rieff er: herr. 2 Mos. 34, 6, in der vulgata quo transeunte coram eo, ait. vgl. vorhin Werder 15, 18.
die in den adverbien für und über liegende ursprüngliche praepositionalkraft bricht auch noch in fürüber durch, wenn dieses, wie zuweilen vorkommt, mit dem acc. gefügt wird: als ich den orth ... fürüber zog. Olearius persian. reisebeschr. 7, 11.
b) gegenüber, vis-à-vis. bair., im Ries. Schmeller 1, 555. bei Maaler 477a, also schweiz.: »vorüber, contra, adversus, e regione«, und »grad vorüber, gegen über, e regione«, beides nach »adversus, gegenüber, gerad vor über« bei Frisius (1556) 43a, dann »adversum, e regione, gerad vorüber« 43b und 1135a, an welcher letzten stelle wieder gegen über zugefügt ist. für wie vor bedeuten hier so viel als vor dem angesicht, angesichts. auf der vorderseite. s. DWB für II 1) oben sp. 650. übrigens findet sich fürüber weder bei Frisius noch bei Maaler.
2) zeitlich und bedeutet: aus der gegenwart dahin und fort, für die gegenwart dahin und fort. wenn aber dieselben hinweg sind und diese zeit fürüber ist, da wird ein fall geschehen. Luther tischreden 1, 7; so aber die zeit seiner gnaden unnd gedult fürüber kompt. Agricola sprichw. 61a; denn er (Luther) lasse keinen tag fürüber gehen, da er nicht ein drey stunde, so zum studiren am bequemisten sein, zum gebet neme. Mathesius Luther (1566) 104a; wurden gewahr, dasz die nacht schon schier füruber. Amadis 210, 440; innerhalb dem gieng die nacht schier gentzlich fürüber 267, 563; damals ware die nacht schier gar für uber. 403, 863; zu derselbigen stund war die nacht mehr dann halber fürüber. 367, 783; es sind noch nit zehen tag fürüber, dasz ich ihn gantz gesundt verlassen hab. 231, 487.
3) in den abgeleiteten bedeutungen:
a) darüber hin, darüber hinaus. doch kondte man nicht für uber, man muste das alter und bergkbuch bey ehren erhalten. Mathesius Sarepta (1562) 30b. eine aus 1) a) hervorgegangene bedeutung.
b) fort und zu ende. eine bedeutung, die von 1) a) wie 2) ausgeht. das wetter ist für uber, der wein ist uns dest lieber. Fischart Garg. 94b (1608 Lvb); wo ewer l. gefellig, wöllen wir die grosse hitze lassen für uber gehen. Amadis 361, 768;

wolan was hingegangen ist,
das (dasz) sey fürüber zu der frist.
Spreng Il. (1610) 219a.


Die zahlreich angeführten belegstellen zeigen im 16. und 17., selbst lange im 18. jh. fürüber nicht mit dem verbum, zu welchem es gehört, zusammengesetzt, sondern noch von diesem getrennt, und das findet selbst statt, wenn beide substantivisch nach einer praep. stehn: unnd erwartet also ihrer im füruber passieren. Amadis 356, 758; und risse jm Galaor (als der stercker war) im fürüber rennen dieselbig (es ist ein speer gemeint, aber an lanze gedacht) aus der faust. 368, 785; und versetzt dem ersten, im füruber rennen, ein solchen streich, dasz er onmechtig auff den platz herab fiel. 238, 502;

[Bd. 4, Sp. 926]


ich habe mich gesetzt bey diesen buchbaum hin,
gleich wie ein wandersman thut im fürüber ziehn,
indem die sonne sticht.
Opitz 2, 183.

doch kommen auch in jener zeit zusammensetzungen vor, zumal des fürüber mit einem wirklichen substantiv. es reicht hin, nur eine anzahl derselben hier in besonderer anführung folgen zu lassen.
 
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fürübereilen, s. vorübereilen.
 
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fürüberfahren, s. vorüberfahren. Stieler 409. Wilhelmi 2, 104a. Weismann 2, 137a. Hederich 994.
 
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fürüberfliegen, s. vorüberfliegen. Stieler 512. Wilhelmi 2, 104a. Weismann 2, 137a. Hederich 994.
 
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fürüberfliehen, s. vorüberfliehen.
 
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fürüberflieszen, s. vorüberflieszen. Wilhelmi 2, 104a. s. DWB fürüber 1) a). fürüber oder vorüberflieszen. Stieler 514. fürüberflüssen. Weismann 2, 137a.
 
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fürüberführen, s. vorüberführen. Wilhelmi a. a. o. Weismann a. a. o. fürüberfüren. Stieler 414.
 
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fürübergang, m., s. vorübergang. dasz die fundamentalkünsten in den unteren schulen obenhin und gleichsam im fürübergang tractirt werden, meyn ich, seye die fürnehmste ursach, dasz der glückseligere progresz desz studirens verhindert werde. Schuppius 727.
 
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fürübergehen, s. vorübergehen. Stieler 627. Wilhelmi 2, 104a. Weismann 2, 137a. s. DWB fürüber 1), 2) und 3) b). örtlich oder räumlich gesetzt: wer wolte ohne seufftzen die neugeborne kinder in wilden tüchern eingewickelt ansehen, die jenige sag ich elende geburt uff der erden ligend, welche die eltern den fürübergehenden mit auszgestreckter hand zeigen. Schuppius 694. von der zeit: welcher taugentliche und glückliche zeit hat und selbige läst lehr (leer) fürubergehn, der erlangt sie selten ... widerumb. Amadis 361, 769.

 

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