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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
fürsich bis fürsichtigkeit (Bd. 4, Sp. 816 bis 822)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fürsich , mit dem ton auf für, die praep. für und der von ihr regierte acc. sich zusammengeschoben. aber am häufigsten auch ehedem, wie nach den ersten jahrzehnten des 18. jh. und heute immer, wieder getrennt für sich geschrieben. s. DWB für I A 1) b). jenes fürsich bieten Frisius, Maaler, Rädlein, Dentzler in ihren wörterbüchern und zwar hat es Rädlein mit der beifügung in klammern »nicht: für sich«, also mit ausdrücklicher misbilligung der trennung beider wörter. neben fürsich setzt er aber auch sowol erklärend als gleichgeltend vorsich (s. d.). mundartlich erscheint fürsich heute noch als éin wort. das zeigt wetterauisch frschĭch, noch mehr aber die völlige schwächung und kürzung des sich in schweiz. fürsi (Rütte 26), fürschi, förschi (Tobler 203a), tirol. fürschi (Schöpf 162. Frommann 5, 337), bair. fürsi, fürschi (Schmeller 1, 555), schwäb. fürsche

[Bd. 4, Sp. 817]


(Schmid 209). gegensatz ist, wie auch unten angeführte stellen mehrfach zeigen, hinter sich, im 15. und 16. jh. oft genug auch hindersich geschrieben. Bedeutungen:
1) vornhin vor die eigne person. fürsich sehen. Rädlein 313b, wozu noch unten das belegende beispiel mit seht fürsich = »seht für euch« zu vergleichen ist. dann: vornhin vor augen, vornhin in gegenwart. fürsich lassen, dare aditum, accessum. Maaler 150b; einen ein oder fürsich lassen und verhören, dare alicui accessum. ebenda, nach Frisius (1556) 14b, der aber yn für ein und diesmal getrennt für sich schreibt. aus Maaler schöpft dann Henisch 1306, 13 u. 14 die beispiele. davon: vor den geist, in absicht, durch entschlusz in ausführung. fürsich nemmen, destinare, decernere. Maaler 150b, nach Frisius 366a; eine reisz oder fart fürsich nemmen, profectionem suscipere. ebenda, nach Frisius 1278b, = sie unternehmen.
2) vorwärts, und zwar
a) auf die blosze richtung gehend:

sein helm ist auch ausz stro gemacht,
bedeut, dasz er (ein schlemmer ist gemeint) nicht fursich tracht,
darhinder er bleibt sicher fro.
H. Sachs I (1590), 254b.

hierher gehören auch der schlusz der nachher angeführten stelle von Dürer und unten die stelle von Plater.
b) bewegung in dieser richtung bezeichnend. propellere, fursich treiben. Eychman q 7a; predo (in späteren drucken »prodeo«) euszerlich erscheynen, fursich auszhin geen. q 6a. selbst in einer in eine zusammensetzung übergehenden verbindung: processio, ein procesz (procession), creuczgangk, eusserlich fursich ganck. q 5b. nachfolgent will ich ein instrument machen damit man an vil end, hoch, nyder, zn seytten, fürsich oder hyndersich, eyn schlangenlini deten und reiszen mag, solchs instrument wirdt an stangen gebogen gewandt und umbgeryben unnd in glidern der stangen söllen scheiben seyn. in der centrum söllen die bg sein darin es (das instrument) umb geet, ein teil mag fürsich, das ander hyndersich oder wo man hyn will gebogen werden oder alle mit eynander fürsich oder hyndersich. Dürer messung D 1b; hindersich kern tregt mir weder danck noch nutz, so mangelt auch der beharrung kain sorg, wasz sol ich thon (fürsich gen oder wider kern). Wirsung Cal. (1520) E 4b; wie so zwen mit eynander über veld gon, so kombt ettwan der eyn der halben zeit eh heym, der ernstlich on rgen fürsich gaht, dann der mit jm usz gangen ist und allen schatten der baum, alle lustige brünlin besehen und eyn ieden klen lufft schlucken will. Herr ackerwerk Columelle 105b. mit den unchristen, der die welt vol ist, kan niemand hindersich noch fürsich. Luther 5, 237b; haemorrhoia, haemorrois, ist rot und schwartz, kreucht langsam, nit fürsich, sondern zwerisch, wont in felsichten orten. Alberus dictionar. kija;

wer sein zeit musz darinn (in dem tadel der welt) vertreiben,
der musz sich nit anfechten lan,
dasz er der welt nit recht kan than,
sonder geh jmmer fürsich hin
den nechsten weg und bleib darinn.
H. Sachs I (1590), 324a.

s. auch unten die stelle aus Aimon p 2, die unter diese bedeutung gehört. Maaler 150a führt an: fürsich geneigt oder geheldt, pronus, propensus; fürsich gon, gressum dirigere; fürsich halden, prominere, proclinare, mit fürsichhaldende maur, murus proclivis, praeruptus; fürsich machen, yferig arbeiten; fürsich sencken, fürauszsencken, proclivare. fast alle sind nach Frisius angeführt, aus dem sich noch weitere beibringen lassen, z. b. proclivis, nidsich oder fursich haldende. s. 1063a. wer nicht fürsich gehet, der gehet hindersich. Henisch 1305, 46, der in den belegen, auch in den Maaler entnommenen, wol fürsich, meist aber getrennt für sich schreibt. dagegen erklärt sich Rädlein, indem er 313a fürsich (nicht: für sich), vorsich, fürwärts, vorwärts setzt, ausdrücklich für das ungetrennte fürsich, das er auch in seinen belegen streng festhält: fürsich (vorsich) gehen, vorwärts gehen; fürsich hangen. ebenda. Dentzler hat wieder schwankend fürsich und getrennt für sich, aber die spätern Weismann, Kirsch u. s. w. haben nur diese letzte schreibung, die auch fortan festgehalten wird.
3) weiter. eine von der vorigen kaum zu scheidende bedeutung, die W. Grimm bei aufzeichnung der nächsten stelle beigesetzt hat. und giengen also gemach fürsich. Pauli schimpf 50b; und (hiesz) die sein (seine leute) fürsich reiten. Aimon S; nach den worten gingent Reynhart und Magis fürsich. B iiij; darnach gingent Reynhart und die sein jren weg fürsich. Y ij.
4) nach wunsch vorwärts, in günstiger weise vorwärts, vorwärts so dasz es fördert, in förderlicher weise vorwärts. eine bedeutung,

[Bd. 4, Sp. 818]


die aus den beiden vorigen sich entwickelt. ich het erlangt den tittel eines frölichen manns, wa das glück het wöllen fürsich farn. Wirsung Cal. (1520) P ija = guten fortgang haben, günstig sein; fürsich bringen, fortkommen, erwerben. Rädlein 313a, wozu dann nachher noch ein belegendes beispiel mit fürsich = für mich kommt; fürsich (vorsich) gehen, fortgang haben, geschehen, was draus werden. 313b; seine heyrath wird nicht fürsich gehen, es wird aus seiner heyrath nichts werden. ebenda; der vorgeschlagene friede wird nicht fürsich gehen. ebenda.
Das die bedeutungen, die auch dem gemäsz sind, wie sich das wort im volksmunde gebraucht findet: wetterauisch, oberhessisch fîrschĭch, vornhin vor die eigne person, vorwärts; koburg. fürschich, vorwärts geneigt, in fürschich gehn (Frommann 2, 85, 35); schwäb. fürschĕ, vor sich vorwärts, gerade aus; oberschwäb. fürrsi, voran (Kuen oberschwäb. wb. der bauernsprache, Buchau 1844, s. 17a); bair. fürsi, fürschi, tirol. fürschi, vor sich hin, vorwärts; kärnt. fürschi, vorwärts (Lexer 232). Aber fürsich steht eben so wol, wie von der dritten person oder einer sache, auch wo wir sonst für mich, für dich, für uns, für euch sagen, sich also hier für den acc. sg. und pl. der pronomina der ersten und der zweiten person: dann ich fiel mehrtheils fürsich. Th. Plater 22; trettent jr ferner fürsich, ich zerspalt euch ewer haupt. Aimon P ij. ich kann nichts fürsich bringen. Rädlein 313a, der hier bei fürsich noch ausdrücklich in klammern setzt nicht: für mich. seht fürsich, dasz ihr nicht fallt. 313b. bei getrennter schreibung im 15. jh.:

so will ich für sich komen schier.
Vintler s iiij, s. Zarncke zu Brants narrensch. s. 317a;

so aber wir went narren sin,
in sunden leben für sich hin.
Brant epigramme 11, 14 (Brants narrensch. s. 155b);

ich bit dich, liebes kind, du wöllest deinen jrgang verlassen unnd schlecht für sich gehen, als dein vater und nit neben noch hinder sich, dardurch würstu gelobt. Steinhöwel in Brants narrensch. s. 317b. s. DWB für I A 1) b), wozu diese drei stellen hier nachgebracht werden. das ist aus der volkssprache geschöpft, die gleicherweise auch bei andern praepositionen sich statt mich, dich, uns, euch verwendet. s. DWB hintersich, DWB nidsich, DWB übersich, untersich. es scheinen diese ausdrücke sämmtlich, wie schon gramm. 4, 320 mit scharfem blick vermuthet wurde, adverbiale verhärtungen, deren sich das volk von der dritten person aus ungefühlt mit der regierenden praep. auch auf die erste und zweite person übertrug. aus der verhärtung erklärt sich dann auch die zusammenschiebung der praep. mit ihrem sich in der schreibung zu éinem worte.
Dasz eben so wol, als fürsich, auch vorsich gesagt wurde, ergibt sich aus belegen oben von Rädlein, der auch bei jenem worte auf vorsich verweist, jedoch dieses im V nicht verzeichnet. Zusammengesetzt fursichvallen, precidere, findet sich in dem um 1500 erschienenen vocabular. incip. teuton. f 4a, aber die späteren wörterbücher haben das verbum immer von fürsich getrennt und nur, wie oben an einem beispiele sich zeigt, im part. praes. zusammensetzung. im 18. jh. schreibt Ludwig deutsch-engl. wb. 2346 vor-sich-bringen, vor-sich-gehen. doch ist dies eine nur ausnahmsweise vorkommende erscheinung, denn das übliche ist zu der zeit, wie heute, getrennte schreibung der drei wörter, also vor sich bringen, vor sich gehen u. s. w.
Einen andern sinn, als fr sich, hat für sích, welches so viel als »von andern getrennt, auf sich beschränkt, ohne anderes oder andere allein«, ausdrückt. s. DWB für I A 4) i) u. vgl. oben sp. 621.
 
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fürsich, n., das vorhergehende fürsich als subst. gesetzt. die betonung ist danach frsich und also verschieden von der des folgenden substantivs.
 
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fürsich, n. das getrennt- und abgeschiedensein von anderem oder andern, das zurückgezogensein auf sich allein, das beschränktsein auf sich: den Deutschen ist nichts daran gelegen zusammen zu bleiben, aber doch für sich zu bleiben. jeder, sey er auch welcher er wolle, hat so ein eignes fürsich, das er sich nicht gern möchte nehmen lassen. Göthe 49, 61. das wort ist die verbindung für sích, die Henisch 1305, 22 auch ausnahmsweise fürsich schreibt, als subst. gesetzt mit wahrung des tones auf sich, der also durch das anschieben dieses pronomens an seine praep. keine veränderung erleidet.
 
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fürsichbasz, adv. vorwärts. das bair. förschibasz. Schmeller 1, 555. substantivisch ebenfalls bair. aufm fürsichbasz hausen, für die zukunft hausen, sparen, wirthschaften. ebenda.

[Bd. 4, Sp. 819]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fürsichgang, m. das vorwärtsgehn, der fortgang. das tirol. fürschigang m. (Schöpf 162. Frommann 5, 337) hochdeutsch gebildet. vgl. DWB fürsich 2) und 4).
 
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fürsichling, adv. vor sich hin vorwärts. das bair. und tirol. fürschling (Schmeller 1, 555. Schöpf 162. Frommann 4, 64) hochdeutsch gebildet.
 
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fürsichsehen, n. das sehen vor sich hin beim gehen, das sehen vor die fürsze beim gehen zur verhütung dasz man nicht schaden nehme: providenter, fürsichtigklich, mit weytem umbsähen oder fürsichsähen. Frisius (1556) 1085a.
 
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fürsicht, f. , s. vorsicht. ahd. findet sich nur das erst bei Notker vorkommende foresiht, providentia, d. i. nhd. vorsicht, aber kein unserm nhd. fürsicht entsprechendes furisiht, obgleich einmal ein dieses voraussetzendes adj. furesihtîg neben foresihtîg auftaucht (s. das adj. fürsichtig), auch furisëhan neben forasëhan (s. DWB fürsehen). mhd. könnte vürsiht vorkommen, doch vermag ich es nicht nachzuweisen. nhd. ist anfangs weder fürsicht noch vorsicht häufig, man setzte lieber fürsichtigkeit. erst in der zweiten hälfte des 17. jh. scheint das wort mehr in gebrauch zu kommen, wenigstens verzeichnet Kramer in seinem deutsch-ital. dictionar. (1678) s. 1196a vorsicht. aber dann hat wieder Stieler keins der beiden aufgenommen, eben so wenig Wilhelmi, Dentzler, Weismann, Kirsch und selbst noch, diesem letzten folgend, Matthiä, auch nicht der sonst so reichhaltige Ludwig. Rädlein dagegen verzeichnet vorsicht, welches auch Hederich und der ihm folgende Nieremberger bieten, doch nur mit verweisung auf vorsichtigkeit, womit wol dieses als das üblichere wort bezeichnet werden soll. dasz trotzdem fürsicht und vorsicht gangbar waren, zeigt ihre aufnahme bei Steinbach 2, 569 und die des letzten wortes bei Frisch 2, 273a b. Adelung verweist bei fürsicht kurz auf vorsicht und bemerkt bei diesem, dasz sich fürsicht für vorsicht zwar erklären lasse, aber wider die wahrscheinlichere abstammung sowol, als wider den hochdeutschen sprachgebrauch sei. die eine behauptung jedoch ist so wenig stichhaltig als die andere, denn ein ahd. furisiht, furesiht ist nach dem oben bemerkten keineswegs unmöglich, und fürsicht im hochdeutschen zu Adelungs zeit wird durch die unten folgenden stellen belegt. dasz auch noch gegen ende des 18. jh. fürsicht gleich fürsehen und fürsehung vertheidiger gefunden, erwähnt Heynatz antibarb. 1, 436. Campe und nach ihm Heinsius verweisen, nach Adelung, bei fürsicht kurz auf vorsicht, ohne aber bei diesem das mindeste über jenes zu bemerken. Haas in seinem deutsch-franz. wb. (1786) hat nur vorsicht, in dem spätern deutsch-lat. handwb. aber beide wörter, und dieses letzte findet auch bei Bauer (1798) statt, der überdies sp. 2825 bei vorsicht noch in klammern beifügt besser, wenigstens in manchen fällen, fürsicht. Heinrich Braun dagegen setzt in seinem deutsch-orthograph. wörterb., trotz seiner scheidung von fürsehung und vorsehung, s. 247a nur vorsicht, und allein dieses nehmen auch Scheller (1805) und der spätere Heyse (1833) auf. der heutige sprachgebrauch läszt allerdings nur vorsicht gelten.
das wort ist aus für und sicht zusammengesetzt, wie ahd. foresiht aus fora, fore und dem nur in zusammensetzungen erscheinenden siht (s. sicht). aber diese bildung erfolgte unverkennbar unter dem einflusse des ahd. verbums forasëhan nhd. vorsehen und so auch jene, nemlich die von fürsicht, unter dem von ahd. furisëhan nhd. fürsehen. grundbedeutung ist hiernach die voraussicht, das voraussehen, woraus dann die bedeutungen hervorgehn, in denen das wort sich wirklich findet:
1) die auf voraussicht gegründete achtsamkeit zur vermeidung etwa zukommenden übels. ... (die mönche) ein volck sind, das kein bedacht noch fursicht hat. Luther evang. von den tzehen aussetzigen (Wittemb. 1521) C iiija, s. Ph. Dietz 1, 219a. in demselben sinne hat es auch Steinbach a. a. o., Bauer 1082, der namentlich fürsicht brauchen, die fürsicht brauchen anführt, und Haas deutsch-lat. handwb. 210. Treuwerth. ach! ich fühle die vorwürfe ... Mariane. keine vorwürfe, regeln der klugheit, der fürsicht! hier ist die einzige sicherheit in der flucht! C. F. Weisze lustsp. 3, 180; ich danke dir, gott, dasz du mich stelltest an die spitze der beutelschneider! — diese schlüssel verlachen die fürsicht der hölle. Schillers räuber, Mannheimer theaterausg. (1782) 4, 16;

eine waise liesz er mich,
nicht ohne fürsicht.
F. L. Stolberg 4, 267;

Thecla aber, vertrauend des bruders gesinnung, Jucundens
reinem gemüth, und dem wink der leise lenkenden fürsicht,
offenbarte dem bruder: wie ihr Jucunde des herzens
heimlichstes gestern vertraut.
Kosegarten Jucunde (Berlin 1803) s. 176.

[Bd. 4, Sp. 820]



2) was fürsehung 6). ich traue dem vater seiner geschöpfe. die wege seiner fürsicht sind verschlungen und dunkel, aber sie führen zum ziele, das die allgüte gesteckt hat. Voss briefe 1, 253. aber auch, wie fürsehung in dem sinne, übergetragen auf das voraussehende und vorauswissende und danach das zukünftige bestimmende und leitende wesen, d. h. gott selbst:

die freyheit hilft verstand und willen
der fürsicht groszen zweck erfüllen,
den sie den menschen vorgestellt.
Christoph Mylius verm. schriften (Berlin 1754) s. 459;

nach vielen (l. vielem) ruhn sah er das beszre land,
den gütgern himmel, der ihn plötzlich heilt.
die fürsicht leitet ihn beglückt dahin.
E. v. Kleist neue ged. (1758) s. 44.

daneben bei demselben dichter freilich auch vorsicht:

bald schilt er die vorsicht, die ihn in purpur und reichthum verabsäumt. ged. (1756) s. 88;

dann strafe, woferne du kanst, die vorsicht und ordnung der erde. 89.

fürsicht = dei providentia, numen. Haas deutsch-lat. handwb. 210a.
 
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fürsichtig, adj. , s. vorsichtig.
1) vorhersehend, voraussehend. ahd. daʒ sihet io doh ana daʒ fure sihtîgâ ougâ alliu ding fore wiʒende. N. Boeth. 238 (Graff s. 247, 236). dies ist auch die einzige ahd. stelle, die furesihtîg bietet, sonst steht foresihtîg, aber auch nur bei Notker und zwar ps. 64, 1 und Mart. Cap. 79 (Graff s. 64, 78).
2) mit voraussicht sorge tragend, in hinsicht auf zukommendes sorgsam thätig. mhd. Augustînus spricht, daʒ diu henn die art hab, daʒ si gar vleiʒig und fürsihtig sei gegen irn kindlein, wan si sament si under ir flügel und füert si und beschirmt si vor dëm weien oder vor dëm hüenrarn. Megenberg 193, 4. nhd. »prospector, ein fursichtiger«. Eychman q 7b.

(Esopus) lobt die ameisz im parabel,
die arbeitsam war und fürsichtig,
veracht den grillen faul und nichtig.
H. Sachs I (1590), 164d.


3) vorausbedacht verständig, vorbedächtig verständig, um- und einsichtig. mhd. an dëm stain man vint (als bild eingegraben) ain slangen, die ainen aimer auf dëm ruk hât oder auf dëm zagel ainen raben, dër macht seinen tragær kluog oder kündich und fürsihtich und benimt übrig hitz. Megenberg 468, 1. nhd. die mit hübschen sprichworten fürsichtiger schneller antwort etlichen seine wort und red, als pillich und recht waz (l. was = war), den, der sich gar kluge dauchte, züchtiglichen mit den iren worten haben peyssen und stechen und die auch gächlinger forchte und erschrecken von in haben treyben können. Steinhöwel decamerone (Keller) 377, 22; ich handel fursichtig und redlich bey denen die mir zugehören, und wandel trewlich in meinem hause. ps. 101, 2; das (dasz) die albern witzig und die jünglinge vernünfftig und fürsichtig werden. spr. Sal. 1, 4; o wie fein stehets, wenn die grawen heubte weise und die alten klug und die herrn vernünfftig und fürsichtig sind. Sir. 25, 7; und achtet der hochgelart, fursichtiger neydhard, ich sol es nit mercken. Luther bapstum zu Rome A ijb, s. Ph. Dietz 1, 756b; ich will gleich wol furt farn und meinem fursichtigen weisen rat folgen. Alberus wider Witzel K 3a. dagegen schlägt bei Alberus in seinem dictionar. i 1b »fürsichtig, circumspectus, providus« in die folgende vierte bedeutung über. prudens, fürsichtig, fürsinnlich, bedachtsam, gewarsam, behutsam. Schöpper synonyma nr. 7.

o richter fürsichtig, weisz und klug,
mach disem kampf ein frölich end.
H. Sachs I (1590), 169c;

das ainhoren ist ein figur
eins manns behertzt, vernünfftig, weisz,
fürsichtig, der mit allem fleisz
in aller sach ist wol erfarn.
dasz er sich täglich wol bewarn
kan vor mancherley ungelück. IV. 2, 115d,

aber auch hier überschlagend in die folgende vierte bedeutung;

also ein weiser man fürsichtig
allenthalb redlich und auffrichtig. ebenda;

derhalb thu sich ein mann abziehen
solch schmeichelhafftig zungen fliehen
und denck mit fürsichtigen witzen
es thu ein schalck dahinder sitzen
der schmeychelt nur und suchen thut
wahrhafftig mein gut oder blut. 3, 104a;

dasz er mit fürsichtigen sinnen
auch sol jm selb ein rechnung machen,
was er teglich darff zu sein sachen,
was jm in seinem hausz auffgeh. V, 375d.

[Bd. 4, Sp. 821]


prudens administrandi, fürsichtig unnd bericht ein ding weyszlich zuverwalten. Frisius (1556) 1086b und danach Maaler 150b. fürsichtig, der alles vorbedenckt, scharpfsinnig, anschlägig, weisz, behutsamm, gescheid, besinnet, guter vernunfft. Henisch 1306, 19; durch das alter fürsichtiger unnd verständiger werden. 33. noch bei Stieler 2026 fürsichtig, aber bereits fast völlig in die folgende bedeutung übergegangen. eben so bei Wilhelmi, Rädlein, Dentzler, Weismann, von welchen der letzte und Rädlein auch vorsichtig an seiner stelle im alphabete aufgenommen haben, doch dieser, indem er fürsichtig noch einmal beisetzt, ein zeichen dasz ihm dasselbe vorzuwiegen scheint. später blieb fürsichtig in der bedeutung hier und seiner form fast nur noch als ehrenwort in titeln geltend, während es sonst in der schriftsprache veraltet. fürsichtig nemlich war im 16. jh. würdenprädicat des gesammten rathes oder im einzelnen eines schultheiszen, bürgermeisters oder rathsherrn einer stadt, kommt aber den frauen derselben nicht zu. einem erbarn fursichtigen rat. Luther das (dasz) man kinder zur schulen halten solle A ijb; fürsichtigen weysen lieben herrn. dessen an die radherrn (rathsherrn) aller deutscher stedte A ijb; dem erbarn und fursichtigen N. dessen sendbr.ief von dolmetschen A iijb. s. Ph. Dietz 1, 756b. dem achtbarn ersamen und fursichtigen weisen herrn Caspar Querhamer, der löblichen stadt Hall radtsmeister. Vehe gesangbüchlein s. 3. dem ernvestenn fürsichtig (l. fürsichtigenn) unnd weysenn herrn Oigern vonn Melem, ältern burgermaisternn zu Franckenfurt. schreiben von 1551 bei Tycho Mommsen gesch. des gymnas. zu Frankfurt a. M. 1 (1869), 38. dem ersamen und fursichtigen Hansen Widmann, burger zu Zwickaw. Rebhuhn klag des armen manns s. 3. so schreibt auch das zu Frankfurt am Main 1556 erschienene formular, allerlei schriften, briefe und instrumenten u. s. w. zu stellen und zu geben, 5a in der titulatur jener genannten männer vor ersamer, fürsichtiger, weiser, lieber herr oder günner, in der eines bürgermeisters einer mächtigen reichsstadt oder dergleichen fürsichtiger, ersamer, weiser, lieber herr, in der eines gemeinen rathsmannes ewer fürsichtigen weiszheit. auch Schmeller 3, 218 gibt fürsichtig und wolweis als ältere courtoisie gegen rathspersonen von städten und märkten an. im 18. jh. aber sinkt der ausdruck in der titulatur und wird von dem 1784 bei Brönner zu Frankfurt erschienenen titularbuch nur noch in der eines altarmannes oder kirchvaters auf dem dorfe, eines bürgers und eines handwerkers gebracht, bei jenen ehrengeachter und fürsichtiger herr, bei den letztgenannten ehrengeachter und fürsichtiger (oder vorsichtiger) meister, bei einem schneider ehrenfester und vorsichtiger meister. mit dem ausgange des jahrh. verliert sich auch hier das wort.
4) zur vermeidung von etwa zukommendem übel vorausbedacht verständig, zur wahrung oder sicherung vor etwa kommendem übel vorbedächtig, vorbedächtig behutsam. dasz in diese bedeutung schon die vorige überschlägt, wurde bereits unter dieser mehrmals bemerkt, auch gezeigt dasz die wörterbücher sie neben der vorigen haben. neben dieser hat sie auch Frisius 1085a, wenn er lat. providens erklärt fürsichtig, der künfftige ding versehen kan unnd sich darnach hten, was dann Maaler 150b aufnimmt und aus diesem weiter Henisch 1306, 25. fürsichtig, fürsichtigklich, bedächtig, bedachtsammlich. Henisch 1306, 36; fürsichtig sein, sich fürsehen, vor schaden sein, guten rath haben. 53. bei Kirsch dagegen, der übrigens nur fürsichtig hat, überwiegt sie, eben so bei dem ihm folgenden Matthiä, der jedoch schon in der ersten ausgabe seines lexicons vorsichtig mit kurzer verweisung auf fürsichtig mitaufnimmt. Hederich und Nieremberger verweisen bei diesem ohne weiteres auf jenes, das sie mehr umfänglich in seinen bedeutungen haben. Steinbach 2, 569 bringt »für- et vorsichtig« und bietet in den beispielen bald dieses bald jenes, aber die bedeutung hier ist die hervortretende. Frisch 2, 273b verzeichnet in gleicher weise nur vorsichtig, eben so Ludwig (1745) 2346, der aber dem worte, das er blosz in der bedeutung hier hat, oder fürsichtig beisetzt. in dieser und der unter 3) angegebenen findet sich bei Haas deutschfranz. wb. 2, 1809 wieder allein vorsichtig, desgleichen bei Scheller (1805) 3328, doch bringt jener in seinem deutsch-lat. handwb. fürsichtig an der dem worte in der alphabetischen ordnung zukommenden stelle, während vorsichtig an der, wo es stehn sollte, nur durch ein versehen fehlt, was sich darin kund gibt, dasz sich die lat. ausdrücke dafür vorfinden. Bauer deutsch-lat. lex. (1798) 1082 hält, wie fürsicht, auch fürsichtig fest und setzt dasselbe sp. 2825 noch einmal bei vorsichtig, indem er die bedeutungen 2), 3) und 4) gelten läszt. von schriftstellern hat Göthe in der

[Bd. 4, Sp. 822]


ersten, 1773 erschienenen ausg. des Götz s. 74 sey fürsichtig, knabe! mir wäre leid wenn dir ein unfall begegnen sollt. später, werke 8, 61, ist es in vorsichtig geändert. heute hört man fast nur noch mundartlich, z. b. wetterauisch, oberhessisch, fürsichtig, und zwar ist das wort auf die bedeutung hier beschränkt.
sprichwörtliche redensarten, die hierher gehören, sind: bisz fürsichtig und halt dich recht. Henisch 1307, 14. daheim heylig, im krieg männlich, inn bayden fürsichtig. 15—16. ein hauszwirth soll fürsichtig sein. 17.

fürsichtig sein, ist allzeit gut,
spitzfindig macht betrüebten muth. 20.


5) für die zukunft versehen. in betref der fortpflanzung: wann so die natur geborn wirt, kumpt der wollust auch mitt jr ann die welt, und wann er sy verlast, wasz ist dann der mentsch unterschidlich dem unvernünfftigen thier, wöllichs die natur mit fürsichtiger wolust begabt hat. Wirsung Cal. (1520) J iijb.
 
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fürsichtig, adv. , von dem vorhergehenden adj. abgeleitet. es geht also, was von diesem gesagt ist, auch jenes an. die bedeutungen sind:
1) mit voraussicht sorge tragend, in hinsicht auf zukommendes sorgsam thätig.
2) vorausbedacht verständig, vorbedächtig verständig, um- und einsichtig, prudenter. ich handel fursichtig und redlich bey denen die mir zugehören. ps. 101, 2, in einigen ausgaben des alten testamentes und des psalters ich thu weyslich, in dem psalter von 1528 ich fare kluglich; aber saget zu der Madasina, dasz sie nit so listig und fürsichtig gehandlet hab, als sie vermeint. Amadis 384, 820.

fürsichtig öffnet seine hand,
wie er nu will, der weiszheit tempel.
Weckherlin 434 (od. 2, 4, 4).


3) vorbedächtig behutsam. darumb gehoret dazu, das (dasz) man hie jmerdar wacker und fursichtig und jnn sorgen lebe, das (dasz) wir nicht ubereylet werden. Luther das 15. cap. der ersten ep. s. Pauli a. d. Corinther a ija, s. Ph. Dietz 1, 756b. was du thust, das thu fürsichtig unnd sihe auff das end. Henisch 1306, 50, = prudenter agas. sich für dem giffte fürsichtigst hütten. Butschky Patmos 414, dagegen kanzlei 300 vorsichtig; darumb solten wir billich gottes wort lieb haben, es gern hören, unsere verderbte natur darausz lernen erkennen, fürsichtig leben und nach des wortes warnung uns selbst nicht zu viel trauen. Schuppius 510.
sprichwörtlich: es schlägt keiner ein ding so fürsichtig an, dasz er nit auch einmal betrogen werde. Henisch 1307, 18.

ht dich fürsichtig, sieh für dich und hinder dich,
die welt ist falsch und wunderlich. 22.


Heute, wie das adj., durch vorsichtig verdrängt.
Vgl. das adv. fürsichtiglich.
 
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fürsichtigkeit, f. , s. vorsichtigkeit. ahd. noch nicht nachzuweisen; erst mhd. erscheint das wort, das da eigentlich vürsihticheit geschrieben sein sollte. s. die unter 3) angeführten stellen. im 15. jahrh. fursichtigkeit, eben so im vocab. gemmagemmar. von 1505 viija bei lat. providentia, dagegen nd. im Leipziger vocabularius optimus von 1501 Y 4b vorsichticheit, das auch bereits im 15. jh. vorausgegangen sein wird. fürsichtigkeyt, prudentia. Dasypodius 333c u. 425d und danach Serranus dict. u 1b fürsichtigkeit. diese selbe form haben auch Frisius 1085a u. 1086 und, nach der ersten stelle bei diesem, Maaler 150b. dagegen verzeichnet Reyher nicht allein fürsichtigkeit, sondern auch vorsichtigkeit, gleicher weise Rädlein, nur dasz er bei dem letzten worte jenes erste noch einmal beisetzt, als wenn er es damit als das überwiegendere kennzeichnen wollte. Wilhelmi und Dentzler nehmen blosz fürsichtigkeit auf, doch setzt letzterer 1, 866 bei lat. providentia vorsichtigkeit. Weismann hat beide wörter, jedes an seiner stelle im alphabete, während Kirsch und der ihm folgende Matthiä wieder nur fürsichtigkeit aufnehmen, der letzte jedoch bei lat. prospicientia abweichend vorsichtigkeit setzt. Hederich und Nieremberger verweisen bei fürsichtigkeit kurzweg auf vorsichtigkeit, das allein auch Ludwig, Moerbeek, Bernhold, Crichton, Weber (im universalwb.), Haas (im deutschfranz. wb.), Scheller anführen. Bauer verweist bei fürsichtigkeit auf fürsicht und bei vorsichtigkeit auf vorsicht, läszt damit das von ihm bei vorsicht bemerkte, wie dasselbe oben unter fürsicht angegeben wurde, auch für fürsichtigkeit und vorsichtigkeit gelten. von blosz deutschen wörterbüchern des 17.—19. jahrh. hat Henisch nur fürsichtigkeit, Stieler weder dieses noch vorsichtigkeit, Steinbach 2, 569 beide, Frisch 2, 273b mit Adelung, Voigtel, Campe nur vorsichtigkeit. alles zusammengenommen zeigt sich in der mitte des 18. jh. fürsichtigkeit von vorsichtigkeit zurückgedrängt, kaum zwei jahrzehnte später verdrängt und nur hier und da noch vereinzelt auftauchend.

[Bd. 4, Sp. 823]



Die bedeutungen ergeben sich nach dem adj. fürsichtig, mit dem es zusammengesetzt ist. doch dürfte die als ursprünglich anzunehmende das vorhersehen, das voraussehen, die schon mhd. unaufweisbar ist, nhd. nicht vorkommen. hier finden sich folgende:
1) mit vorkehrung in beziehung auf zukünftiges verbundene sorge. provisio, furbestellung, fursichtigkeyt. Eychman q 8a, vgl. DWB fürbestellung. prospicientia, fürsichtigkeit. Serranus dict. z 4b. Dentzler 1, 741a. Kirsch 1, 885b. fürsichtigkeit, fürsicht, witzigkeit, fürsorg. Henisch 1306, 55. das (dasz) wir in grossem friede leben unter dir und viel redlicher thatten diesem volck widerfaren, durch deine fürsichtigkeit, aller thewerster Felix, das nemen wir an ... mit aller danckbarkeit. apostelgesch. 24, 3, im griech. texte διὰ τῆς σῆς προνοίας. es lest jm auch gott der ameysen hauszsorg gefallen, wie er denn solche fürsichtigkeyt auch von den seinigen haben wil. Mathesius Sarepta (1562) 36b, daneben einige zeilen tiefer vorsichtigkeyt.
2) vorausbedenkende verständigkeit, um- und einsicht. prudentia carnis, weltlich fürsichtigkeyt, klugkeyt der welt. Eychman a. a. o. prudentia, fürsichtigkeit, weyszeit, erkanntnusz, das wissen desz gten und desz bösen. Frisius (1556) 1086b. selig ist der man der do findet die weisheit und dem do zufleuszt die fürsichtigkeit. bibel v. 1483 297a, = spr. Sal. 3, 13, wo die vulgata prudentia und Luther verstand hat; die weisheit ist geschaffen vor allen dingen und die verstentnusz der fürsichtigkeit von ewig. 319a = Sir. 1, 4, wo in der vulgata et intellectus prudentiae ab aevo; wo fürsichtigkeit ist, da sol auch sein einfalt, und bei der einfalt da musz auch sein fürsichtigkeit. Keisersberg seelenparadies 162a; sag mir, Parmeno, ist nit grösser die fürsichtigkeit dann die beschaidenhait? Wirsung Cal. (1520) C 8b; derhalben wir hiemit befehlen durch gegenwertige schrifft deiner fürsichtigkeit, zu welcher wir uns alles gutes im herrn versehen. Luther 1, 102b (schrift bapst Leonis X. an Thomam Cajetanum); und ist eitel gottes gabe und nicht unser fürsichtigkeit odder erbeit. dessen der 147. psalm C iija, s. Ph. Dietz 1, 756b;

dises namens Froto der dritt
ein könig in Dennmarck, der mit
grosser fürsichtigkeit regiert.
H. Sachs II (1591). 3, 101c;

ich wil auch hie die fürsichtigkeit des Ulyssis nicht gegen der hochtragenheit des unsinnigen Aiacis vergleichen. Amadis 137, 287; dieweil wir den verlorn, welcher mit frombkeit, redligkeit, fürsichtigkeit, mannheit und all andern tugenden mehr geziert gewest, dann alle andere hohe ansehnliche personen nur wünschen und erlangen mögen. 227, 478; fürsichtigkeit ist grösser als stärcke. Henisch 1306, 62;

und wann er (Priamus) kompt in sein (Achills) gezellt,
so wird der fürst desz königs schonen,
fürsichtigkeit thut jhm beywohnen.
Spreng Ilias (1610) 340a;

begehrt er gotsforcht, mässigkeit,
fürsichtigkeit, wol zu regieren.
Weckherlin 364 (od. 1, 5);

ist das derselbe mann, dem der fürsichtigkeit
und der erbarmung lob und tittel alle gaben?
Werder Gottfried 13, 67.


In diesem sinne stand allerdings auch fürsichtigkeit ehedem in titeln. so berichtet das bereits mehrmals angeführte (s. die adjective fürsichtig und führnehm) zu Frankf. a. M. bei Egenolffs erben 1556 in folio erschienene formular, allerlei schriften, briefe und instrumente u. s. w. zu stellen und zu geben 5a, dasz einem gebornen herren oder einem prälaten zukomme deiner andacht oder deiner fürsichtigkeyt, eben so einem gemeinen rathsmanne ewer fürsichtigen weiszheyt oder ewer fürsichtigkeyt, und an dieses fürsichtigkeit als ehrenbezeichnung, die sich aus fürsichtig 3) in titeln ergibt, erinnert auch das wort in der vorhin angeführten stelle von H. Sachs. mit dem sinken jenes adj. als ehrenausdrucks erlischt dann zugleich fürsichtigkeit als solcher.
3) vorbedachtsamkeit zur vermeidung von etwa zukommendem übel oder zur wahrung oder sicherung vor einem solchen, auf vorbedachtsamkeit sich gründende behutsamkeit. mhd. iedoch nëment si (die bienen) kainen küng von geschicht (= aus zufall) oder ân (ohne) fürsichtigkait, si prüevent in vor, ob er schön und grôʒ sei und sänftig. Megenberg 290, 24—25. eben so bereits im 13. jh. mitteld.:

ir (spricht der engel zu den drei königen) solent dâ niht wider hin
zu Herôden wider farn:
ir solnt die êrsten wëge sparn ....
ein ander wëc dër sol ûch tragen
wider hin in ûwer lant.
daʒ tûn ich hërren ûch bekant
in ganzer fursihtikeit. erlösung 3378

[Bd. 4, Sp. 824]


nhd. fursichtigkeit, providentia, argia. voc. theut. 1482 i 7b. providentia, fürsichtigkeit. vocab. pro juvent. scholast. 24a. o welche feine redliche leute gehen in diesem laster (es ist der argwohn gemeint), und es lesset sich zuweilen ansehen, als sey es fursichtigkeit, das sie nicht betrogen werden, aber fursichtigkeit siehet auf die zufellige fahr und thut so viel, das sie gewis sey und nicht betrogen werde. Luther schr. Eisleb. 1564 1, 62b; wie nichts thörlichers ist, dann ein verkehrte weisheit, also ist nichts onfürsichtigers dann eine verkehrte fürsichtigkeit. Frank moriae encomium 24a; so er erfur, das (dasz) sie auff geborgt gelt gastung hielten, grosse hochzeyt machten, sich auff frembde gelt kleydeten oder beritten machten, fodert er sein geliehen gelt auff den ersten termin wider auff. diese fürsichtigkeyt kan kein frommer hauszvatter tadlen. leyhen und helffen sol man, an denen es gewandt ist. Matthesius Sarepta (1562) 37a; fürsichtigkeit und fleisz an etwas legen, adhibere cautionem et diligentiam. Henisch 1306, 57.

eyn herold bey dir (Priamus ist angeredet) sey ohn klagen,
der die maulesel und den wagen
regiere mit fürsichtigkeit.
Spreng Ilias (1610) 340b.

sprichwörtlich: unfürsichtigkeit macht arm, fürsichtigkeit grosz. Henisch 1307, 13.
heute die allein noch geläufige bedeutung, doch dauert das wort nur mundartlich fort, denn schriftdeutsch ist es bald nach der mitte des 18. jh. durch vorsichtigkeit verdrängt.
4) was fürsehung 6). vgl. fürsicht 2). predestinatus, furhyn bereit durch die fursichtigkeit gottes. Eychman q 1b. aber deine fursichtigkeit, o vater, regieret es (das schif), denn du auch im meer wege gibst und mitten unter den wellen sichern laufft (lauf). weish. 14, 3; ist das nicht eine sorgfalt und fürsichtigkeit gottes, ehe wir seyn, und wenn wir seyn, wachet er für uns. Butschky Patmos 858.
5) das versehen mit etwas, vorrath:

das vird (der sieben kleinode der stadt Nürnberg) ist ein haus mit korn,
ob ymand auf sie (die stadt) wollt werffen sein zorn,
so haben sie ein soliche fürsichtikeit
ein das haus geschickt von getreitt,
das sie zway gancze jar haben zu essen,
e man dy frucht mag aufgemessen.
Rosenblut spruch von Nürnberg (Lochner) 117.

auch hat ein mehr nd. vocabular des 15. jh. vorrat neben vorsichtigkeit (Diefenbach 468c).

 

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