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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
fürgrif bis fürhaben (Bd. 4, Sp. 737 bis 738)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fürgrif, m. s. vorgrif.
1) ein unberechtigtes ansichnehmen einem andern oder andern voraus und ihnen weg.
2) ein unbefugtes zuvorthun dessen das einem andern oder andern zukommt. beide bedeutungen bei Ludwig (1745) 676 nach fürgreifen 2) und 3).
3) eine übereinkunft, in welcher leistung und gegenleistung oder bezahlung bedungen ist, ein accord. mhd. unde sie (die mit eisen arbeitenden handwerksleute) sulnt alle samt getriuwe unde gewære sîn mit ir amten, sie wirken tagewërk oder fürgrif (= mögen sie für tagelohn oder im accord arbeiten), wan daʒ tuont in dem amte vil zimberliute unde steinmetzen. unde wirkent sie tagewërk sie sulnt niht dëste træger sîn, daʒ dër wërke manigeʒ wërde. ist ëʒ fürgrif, sô solt dû niht dëste balder dâ von îlen, daʒ dû sîn schiere abe kumest unde ëʒ über ein jâr oder über zwei dernider valle. Berthold 147, 16. 19. nhd. furgriff haben. Tucher baumeisterbuch 274, 23, = übernahme im accord haben; wa aber iemant ein furgriff besteet. 21, = einen accord eingeht, ihn übernimmt;

auch stet hie geschriben bi,
dasz uf der herren parti
sechshundert driszg und sechs person
arbeiten, nit umb tagelon
ze fürgrif (= im accord) das bestanden was.
Liliencron hist. volksl. 1, 189a, 1779.

diser leugt nach dem fürgryff das (dasz) sich die balcken möchten biegenn, ist reich daheim, hat aber weyt zur herberg. Frank trunkenheit Da (dij).

[Bd. 4, Sp. 738]



häufig steht, nach dieser bedeutung, der gen. sg. adverbialisch in dem sinne: im allgemeinen, überhaupt. wie seind die kinder diszer welt fürsichtiger, denn die kinder des liechts? das will ich dir sagen. er spricht: in generatione sua, in irer geburt, comparative, nit fürgriffs, aber mit eim zsatz. Keisersberg post. 3, 68a; so solt du indenk sein, das (dasz) da ist zweierlei freier will. einer der da geschicht mit geding, begird oder wünschen. der ander der da geschicht on geding, sunder fürgriffs on allen zsatz so begert und erwölt er stif sollichs. dessen trostspiegel (ausg. in 40) EE 2b; diser will (der vernünftige freie wille) sündet nit, wenn er ist nit fürgriffs on zsatz und gestat nit stif auf im selbs. EE 3a; der vernünftig bedacht frei will, der da aufgat in dem mönschen schlecht fürgriffs on geding. EF 4b; das begeren frömbd gut oder ein unrimlich ding, nit fürgriffs mit ungedingtem willen, sunder mit ausgetrucktem oder verborgnem gedinge. christl. künigin CC 2a. noch schweiz. in den redensarten etwas fürgriffs kaufen, verkaufen, tauschen, nach muthmaszlicher schätzung des werthes, gewichtes, nach bloszer allgemeiner schätzung, überhaupt. Stalder 1, 480. Schmeller 2, 106.
4) vorrath: so mag sie ein paumeister woll furderen, an stein furgriff zu hawen. Tucher baumeisterbuch 40, 19.
 
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fürgriffig, adj. einem andern oder andern zugehöriges sich zueignend. fürgriffig, die ander leüten das jre an sich ziehend, alienis commodis inhiantes. Maaler 148a.
 
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fürgrifs, adverbialisch gesetzter gen. sg. von fürgrif (s. d.).
 
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fürgugelfranz, m. einer der zur probe in einem kloster ist, um mönch zu werden? ein noviz? werden etwan caveler (schinder), fürgugelfrantzen, wann sie den Hans von Geller (rauhes brot) nicht acheln (essen) mögen unnd schmalkachel (übles redende, verleumder) sind. Fischart praktik groszmutter 50 (bei Scheible 583). wie diese stelle zeigt ein wort der gaunersprache, in der gugelfranz = mönch und gugelfränzin, gugelfrenzin, gugelfranzin = nonne. Gengenbach 368a. weimar. jahrb. 1, 340. 4, 97. Grolman 27a. Train 50b. das vorgesetzte für würde dann die bedeutung »vorher« haben. s. DWB für II 3).
 
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fürgucken, hervorgucken. s. DWB vorgucken.

da musz ein langer schwantz der schaube gucken für. jungfernanatomie 117.


 
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fürgürten, durch gürten vorbinden. fürgürten, praecingere. Stieler 716. Dentzler. Kirsch. Matthiä (1761). fürgürten, an sich gurten. Henisch 1784, 58. heute vorgürten.
 
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fürgürten, n. der als subst. gesetzte inf. des vorigen verbums, praecinctus. Stieler ebenda, zugleich mit vorgürten n., welches allein heute schriftdeutsch ist.
 
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fürgürtle, n. fürschürtz, fürtch der weyberen, ventrale, semicinctium. Maaler 148a, nach Frisius (1556) 1197a, besonders aber 1357b. schweiz. und noch bernisch. Stalder 1, 500. das dim. gürtle ist von gurt (s. d.) abgeleitet.
 
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fürgut, adv., zusammengerückt wie fürlieb (s. d.), aber gewöhnlich getrennt gesetzt für gut. s. oben sp. 627 und gut.
 
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fürhaar, n. das »vornen« an der stirne herabhangende haar. fürhaar, haarschopp, vornen an der stiren, antiae, capronae, capilli in fronte demissi. Henisch 1301, 12. solches haar kommt bei menschen wie bei den pferden vor. s. ebenda.
 
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fürhaben , s. vorhaben.
1) vor sich haben, in betrachtung haben, zur beschäftigung vor sich haben.
2) zu thun oder auszuführen im sinne haben, in absicht haben, beabsichtigen: da nu Judas höret von dem zug, den Nicanor furhatte. 2 Macc. 8, 12; denn gott verkündiget Pharao, was er fur hat. 1 Mos. 41, 25, vgl. 28; denn wo man was newes fürhat. Sir. 27, 21; sehet da, ob jr nicht böses furhabt? 2 Mos. 10, 10; hastu genarret und zu hoch gefaren und böses fürgehabt. spr. Sal. 30, 32; wo ich unrecht furhette in meinem hertzen, so würde der herr nicht hören. ps. 66, 18; gleich, wie der herr Zebaoth furhatte, uns zu thun, darnach wir giengen und theten, also hat er uns auch gethan. Sach. 1, 6; nach dem ich furhatte euch zu schreiben von unser aller heil. Judas 3; darumm hat er für, ein andere zunemen und ein wolleben an zu richten. Alberus Esop. 8 (C 1b); und (der) viel weniger willens ist dieses zuthun, so jhr fürhaben (= fürhabet). Amadis 221; des unbillichen trotzs halber, den er gegen der jungfrawen fürhabet. 187; nacher zogen sie den weg, welchen die jungfraw für hat, inner desz sie vielerley mit einandter redten. 281; welche (jungfrau) ... sie fraget, was wegs sie für hetten. 394; so bald ich jmmer von meiner reise, so ich fürhabe, widerumb komme. 204; dieweil sie alle jhr fürgehabte handlung gantz wol volfüret. 297.

[Bd. 4, Sp. 739]


etwas sonderliches fürhaben, practicirn, architectari, machinari. Henisch 1301, 19: fürhaben, fürnehmen, sinnes sein. Rädlein 312b. etwas fürhaben, inducere animum ad aliquid. Weismann 2, 135b. auch bei Kirsch, Nieremberger, Hederich, Matthiä ist das wort verzeichnet, bei Ludwig (1745) 676 zugleich mit verweisung auf vorhaben.
S. auch fürhabend und vgl. DWB fürnehmen.
3) in gewohnheit haben, in übung haben:

und sprach zu in: ich halts fürs best,
das ich auszfliege nach der speis
wie ich hab teglich für ein weisz.
Waldis Esop 2, 4, 6.


4) vor sich, d. h. gegenwärtig haben, um zur rede zu setzen, (einen) vornehmen. in folgender stelle mit norddeutscher verwechselung des accusativs und dativs, in dem dieser für jenen steht: du möchtest mir wol fürhaben unnd mich darz straffen, warumb ich gelert hab. Hier. Braunschweig chirurgia 76.
5) übrig haben, reliquum habere. Dentzler 2, 118b.

 

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