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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
furchtsam bis furchtschaffung (Bd. 4, Sp. 711 bis 713)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) furchtsam, adv. vom vorigen adj., doch läszt sich oft nicht erkennen, ob dieses oder jenes gemeint sei.
1) in der bei dem adj. unter 1) angegebenen bedeutung.
2) in der bei dem adj. unter 2) angegebenen bedeutung:

so oft der schäfer mit ihr sprach,
so schlug sie erst die augen nieder,
und denn erhob sie nur dieselben furchtsam wieder.
Rost schäfererz. 15. schäferged. 20;

er blieb ganz traurig stehn
und sah mich furchtsam an, als wenn er fragen wollte:
ob er denn Silvien nun gar verlieren sollte? schäferged. 132;

von banger ahndung schlug sein furchtsam liebend herz.
Uz (1768) 2, 201;

er scheint zu furchtsam, nur die augen aufzuschlagen.
Wieland Oberon 11, 52.


furchtsam machen, von furcht befangen machen, der furcht hingegeben machen: und sie (die Assyrer) rieffen mit lauter stimme auff jüdisch zum volck zu Jerusalem, das auff den mauren war, sie furchtsam zu machen und zu erschrecken, das sie die stad gewünnen. 2 chron. 32, 18; denn sie alle wolten uns furchtsam machen und gedachten, sie sollen die hand abthun vom geschefft. Neh. 6, 9. ein kind durch erzählung von gespenstergeschichten furchtsam machen. auch

[Bd. 4, Sp. 712]


noch die form forchtsam kommt hier vor: forchsamm (lies forchtsamm) machen, jemands erschröcken, forcht einjagen, territare, terrere, perterrere, metum adferre. Henisch 1173, 42.

o blindheit, zittern, furcht und schrecken,
drinn die gottlosen allzeit stecken,
macht sie forchtsam ein rauschend blat.
Mauricius die weisen a. d. Morgenland B 6b.


übergetragen auf einen gegenstand, bei, an oder auf dem furcht erfüllt, diese mag von demselben oder sonst woher veranlaszt sein:

und also foltert dich kein bellendes gewissen,
das die tyrannen plagt, wenn um die mitternacht
ein schwärmendes gespenst ihr lager furchtsam macht.
Günther 964.


Zweifelhaft, ob die erste oder die zweite bedeutung gemeint sei, scheint das wort zu stehn in folgenden stellen: sol man den göttern jhr opffer auffsagen, das jnen verheissen worden ist, das ist unbillich, sol man die schlachten (opfern), die uns von jhnen geschenckt sind (nemlich die todt geglaubten, aber lebendig wiedergefundenen kinder), ist sorgfeltig und forchtsam. buch der liebe 228, 4;

der abgewandte moon
zoog seine hörner ein, wie furchtsam, anzuseehen,
was bey der bösen nacht euch würde bald gescheehen.
Fleming 79.

doch darf hier die zweite bedeutung als die richtige angenommen werden.
3) der pflicht und rücksicht gemäsz gegenüber dem höheren sich bezeigend: die fraw oder iunckfraw, die er nemen wil, sey hübsch züchtig, schamig, vorchtsam, gehorsam. Albr. v. Eybe 16a.
 
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furchtsamdreist, adj. und dann auch adv.: dreist und dabei zugleich wie schüchtern zurückhaltend.

erröthendes verlangen
und schöne ungeduld bekennet, furchtsamdreist,
in ihrem schwimmenden blick, auf ihren glühenden wangen,
des jünglings sieg.
Wieland Ob. 11, 53.


 
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furchtsame, f. was furchtsamkeit. das von dem adj. furchtsam abgeleitete subst., das, wie es scheint, mehr der Schweiz und Schwaben angehört. timiditas, forchtsame. Frisius (1556) 1311b und danach Maaler 139c. forchsammkeit (lies forchtsammkeit), forchtsamme. Henisch 1173, 59. der Zürcher Dentzler hat es nicht mehr, dafür aber unter »timiditas« 1, 810b das zusammengesetzte forchtsamkeit, das an die stelle des einfachen forchtsame trat.
 
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furchtsamfreudig, adj. und dann auch adv.: mit schüchterner zurückhaltung freudig. er hörte menschenschritte ... und furchtsamfreudig dachte er daran, es könne sein vater sein. Jean Paul Titan 1, 149.
 
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furchtsamkeit, f. die eigenschaft oder die geneigtheit sich leicht zu fürchten, die empfänglichkeit für furcht, die zurückhaltung aus innewohnender furcht. das wort erscheint erst neben dem von dem adj. furchtsam, forchtsam abgeleiteten furchtsame, forchtsame und verdrängt dann dieses ganz. forchsammkeit (lies forchtsammkeit). Henisch 1173, 59, s. DWB furchtsame; furchtsammkeit, mollities, timiditas. 1294, 42. furchtsamkeit. Stieler 588, wo die beifügung »idem quod furcht« nicht von scharfer auffassung des begriffes zeugt. was die form forchtsamkeit betrift, so hat dieselbe noch 1745 Ludwig sp. 676 neben furchtsamkeit. vgl. oben furchtsam sp. 710.

vom tode kann kein junges mädchen hören:
oft werden sie, aus bloszer furchtsamkeit,
schon krank, wenn nur die katze schreit.
Rost schäfererz. 28 = schäferged. 39;

sie blickt ihn an, doch ihn zu küssen,
konnt ihre furchtsamkeit sich lange nicht entschlieszen. 32 = 43;

anfangs that er etwas schüchtern, welches aber, wie ich nachher sah, mehr von bescheidenheit, als von furchtsamkeit herkommt ... etwas umständlichkeit hab ich an ihm bemerkt, die er aber bald ablegen wird. sie hat auch blosz seine furchtsamkeit zum grunde, jemand zu beleidigen. J. M. Miller briefw. dreier akad. freunde 233 (nr. 22).
Sprichwörtlich sagt man furchtsamkeit taugt nicht im streit. Wander 1, 1281.
 
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furchtsamkühn, adj. trotz furchtsamkeit kühn, mit einer schüchternen zurückhaltung kühn.

der schleyer, der vor allen fremden augen
sie dicht umhüllt, fällt im gemach zurück,
erlaubt sogar dem furchtsamkühnen blick
sich, bienen gleich, in hals und busen einzusaugen.
Wieland Ob. 6, 20;

[Bd. 4, Sp. 713]


schwarz wie die nacht, und mit allen leisen fühlbarkeiten der nacht begabet, sitze ich (eine fledermaus spricht) in meiner dunkelheit und rausche hervor, furchtsamkühn, in ungewiszscheuem fluge. Herder Kalligone 1, 154.
 
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furchtsamlich, adj. furchtsamkeit habend, furchtsamkeit zeigend. Stieler 588. s. das folgende adv.
 
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furchtsamlich, adv. mit furchtsamkeit, in furchtsamer weise. pavide, forchtsamlich. Frisius (1556) 960a; timide, forchtsamlich. 1311b. danach bei Maaler 139c forchtsamlich, mit forcht, und hiernach wieder bei Henisch 1173, 63 forchtsammlich, mit forcht. ist aber, das (dasz) sin sun mit sinem vatter redt, so sol man dieselbe red forchtsamlich lesen. Terentius deutsch 1499 8b. im 18. jh., wie es scheint, erloschen.
 
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furchtsamschweigend, adj. aus furchtsamkeit schweigend:

freilich machet es kühn, wenn dem gebietenden
herrscher sklavengeduld, (lange gewohnt der schmach)
furchtsamschweigend das haupt neigt.
Herder z. sch. l. 14, 74 = Terps. 1, 127.


 
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furchtsamsein, n. das innewohnen der furcht, die geneigtheit sich leicht zu fürchten.

eh uns durch furchtsamseyn die mittel sind benommen.
Lohenstein Cleopatra 40, 230.


 
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furchtschaffung, f. hervorbringung von furcht. Schottelius 387b.

 

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