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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
furchtlos bis furchtsamlich (Bd. 4, Sp. 709 bis 713)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) furchtlos, adj. weder furcht habend noch zeigend. sag deinem herrn — sprach der harfner mit männlicher, furchtloser stimme — Ulfar sey zum tode bereit. V. Weber 1 (1787), 418. ein furchtloses herz. furchtlose, tapfre scharen. früher forchtlos. forchtlosz, ohne forcht, expers timoris, metus. Henisch 1174, 49.
 
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furchtlos, adv. von dem vorigen adj., doch läszt sich oft nicht erkennen, ob dieses oder jenes gemeint ist.

kaum drei finger
überm rande des todes schwimmt (auf dem bret des gescheiterten
schiffes) der kühne sicher und furchtlos.
Herder z. sch. l. 14, 320 = Terps. 3, 156;

was die gerechtigkeit gesprochen, furchtlos,
vor aller welt wird es die macht vollziehn.
Schiller 407b (M. Stuart 1, 2).


 
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furchtlosigkeit, f. ein fernsein aller furcht. Ludwig (1745) 676.
 
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furchtsam, adj.
1) so aussehend dasz es in furcht setzt, beschaffen oder geeignet in furcht zu setzen, gefürchtet. ahd. noch

[Bd. 4, Sp. 710]


nicht nachgewiesen, aber mhd. wird vorhtsam, vorhtesam, das bereits im 12. jh. erscheint, geläufig. s. Ben. 3, 385.

ër was ein forhtsamer (= gefürchteter) man:
dës was im slëht undertân
rômisch lant und rômisch mark. Dietrichs ahnen 2499.

nhd. e. f. g. sol das bedencken, das gott in der gantzen schrifft keinen heidnischen könig noch fürsten je hat lassen loben, so weit und lang die welt gestanden, sondern allzeit mehr straffen lassen, das ist ein gros furchtsam bild allen oberherrn. Luther 1, 499b (ausleg. des magnificat); darumb wehe allen denen, die sich nicht fürchten, und jre sünde nicht fülen, und sicher einher gehen, gegen dem furchtsamen gericht gottes, für welchem doch kein gut werck gnugsam sein kan. 3, 2a; ein verweser der ... frembden thieren furchtsam seye, zu verordnen. Kirchhof wendunmuth 63; diesemnach solten so vil traurige ausbrüche alle machiavellische schrifften den regimentspersonen verleiden, furchtsam und abscheulich machen. Butschky Patmos 525, vgl. meuchellistig;

das lager, wo ihr ruht, sey wie ein stilles Gosen,
an eurem himmel steh kein furchtsamer comet.
Günther 776;

mitten in der nacht an einem wüsten und furchtsamen orthe. Plesse 1, 17; dasz ich mich zu meiner Leen in ihr bette des nachts begab, hierzu reizte mich ein des nachts bald unter meinem bette, bald über demselben, bald anderwärts in meiner kammer entstehendes furchtsames pochen. Leipziger avanturier 58.
häufig erhielt sich bis ins 18. jh. auch die dem mhd. gemäsze form forchtsam, und selbst noch 1745 bei Ludwig sp. 676 findet sich furchtsam oder forchtsam verzeichnet. ich (spricht der löwe) was meniglichen forchtsam und hatten mich alle thier in sorgen, und allein an mich gedenckend erschrack jedermann. Steinhöwel (1555) 32b; do hiesz der keiser dry forchtsame reder machen und die waren mit schnydenden scharsachen, die solten do iren lybe allen durch schnyden. in einem (Seb. Brant beigelegten) passional 2, 66; auszwendig was Simon Gerasenus, ein rädlin furer eines neüwen auffrrs, denen inn der statt eben so forchtsam als die Rhömer. Frank chron. 37b; alles so forchtsam gestalt (gestaltet), das (dasz) es erschrocklich ist anzsehen. weltbuch 198b;

auch ward jhr (der zu einer bärin werdenden Callisto) süsz lautende stimm
verwandelt, gantz forchtsam und grimm.
H. Sachs IV. 3, 100d;

verachten all menschen gemein
weil sie alln leuten forchtsam sein.
Waldis päpst. reich M ija (2, 5);

ach, wolt ihr den geist thun beschwern,
last mich zuvor von hinnen kehrn,
dann er ist gar zu forchtsam mir.
J. Ayrer schöne Sidea 434b;

eine forchtsame, sehr miszliche und gefehrliche, auch betrugliche zeit. Thurneisser magna alchymia 1, 105; daher wuchsen die bäume dick ineinander und ward so finster und forchtsam, dasz auch die priester ein entsetzen darab hetten. ang. weisheit lustgarten 7. vgl. nachher bei dem adv. die stelle aus dem buch der liebe 228, 4. noch tirol. forchtsam, furchtbar. Schöpf 147. bair. forchtsam und förchtsam. Schmeller 1, 560.
2) für furcht empfänglich, der furcht leicht hingegeben, von furcht befangen, eigen seiende furcht ausdrückend. eine bedeutung die erst aus der zeit des überganges des mhd. in das nhd. nachzuweisen ist, aus der die in Tübingen befindliche, 1425 geschriebene handschrift eines mitteldeutschen vocabularius ex quo enthält: anxius, vorhtsam, bange. s. Mones anzeiger 6, 218, 94. forchtsamer oder voller forcht, timorosus. voc. theut. v. 1482 i 1b; vorchtsamer, fretus .i. (= i. e.) timidus vel pavidus. mm 1b. forchtsam, timidus, timorosus u. s. w. voc. incip. teuton. e 8a. pavidus, forchtsam. vocab. gemma- gemmarum von 1505 s iijb. »pavidus« und »timidus«, forchtsam. Dasypodius 174b u. 246a. Serranus dict. r 7b. bb 1a. pusillanimis, micropsychus, kleynmtig i. e. furchtsam, verzagt. Alberus dict. ss 4a; superstitiosus, furchtsam, da keyn forcht ist, der all zu forchtsam ist in seinem aberglauben. ss iijb. forchtsamm. Henisch 1173 und 1297, der, wie auch später Stieler 588 bei furchtsam, nur diese bedeutung hat; eben so kennen nur sie im 18. jh. Steinbach 1, 530 und Frisch 1, 308a. sie scheint demnach schriftdeutsch im 17. jh. nach und nach allein noch gegolten zu haben. jr kleingleubigen, warumb seid jr so furchtsam? Matth. 8, 26; wie

[Bd. 4, Sp. 711]


seid jr so furchtsam? Marc. 4, 40. oder ist das wort in beiden stellen adv.? furchtsamme schiffleuth, fuhrleuth, vectores timidi. Henisch 1294, 27;

bisz heimmlich, furchtsamm, halt dich schlecht,
disz hab dir von einem weisen knecht. 34;

ihr mustet weiter fort, gott weisz mit was für grauen,
und euer furchtsams heyl der strengen see vertrauen.
Fleming 80;

was die matrosen sprachen,
das war für uns ein ach! wie furchtsams wort.
das todte schiff liegt nun vor uns ertruncken. 104;

ein unglück drohet uns, doch was? solt ichs nicht wissen.
sei furchtsam, wo du bist, doch fürchte selbst Melissen.
Dusch verm. werke 129;

da lauschen furchtsame nymphen,
nur halb durchs junge gesträuche bedeckt!
Uz (1768) 1, 8;

mir läuft ein schauer übern ganzen leib —
bin doch ein thöricht furchtsam weib!
Göthe 12, 142;

erst das podagra, die folge seiner eignen sünden, hat ihn etwas mürb oder vielmehr nur zum furchtsamen hasenfusz gemacht. J. M. Miller K. v. Burgheim 1, 154; nach meiner furchtsamen meinung ist mehr sein (Lessings) mensch ein actives genie als sein philosoph. J. Paul vorsch. der ästhetik 1, 64. bildlich:

wie lieblich flistert dort im hayn
der schlanken espen furchtsam laub
am ufer.
E. Chr. v. Kleist neue ged. (1758) 59.


Henisch hat vorzugsweise die alte form forchtsam: forchtsamm. 1173 u. 1297. forchtsam hertz, cor pavidum. 1173, 48, vgl. 1294, 21. forchsamme (lies forchtsamme) schamheit, pudor timidus 51; ein weibischer, feiger und forchtsammer sinn. 1294, 24. o glück, wie störcklich hilffestu den kecken und den forchtsamen bistu wider zäm (s. widerzäme). Wirsung Cal. (1520) G 1b; ey du hast geleich die forchtsamen an uns funden! O ijb. auch hier noch in dem angegebenen sinne, wie in dem vorigen, tirol. forchtsam (Schöpf 147) und eben so bair. forchtsam und förchtsam (Schmeller a. a. o.).
Sprichwörter und sprichwörtliche redensarten: forchtsamer dann ein haasz. Henisch 1173, 36, vgl. 1294, 50, bei Stieler 588 er ist furchtsamer als ein hase. des furchtsamen brust ist mit einem hasenbalg gefüttert. Lehmann, s. Wander 1, 1281, 13. dem furchtsamen rauschen alle blätter. Simrock nr. 2929. der furchtsame sieht überall gespenster. Wander 1, 1281, 10. die forchtsamme haben kein rast. Henisch 1294, 36. der furchtsam förcht sich wie ein grindiger kopff vor der laug. Lehmann, s. Wander 1, 1281, 4. den forchtsammen hülfft das glück nicht. Henisch 1297, 58, bei Stieler 588 und Steinbach 1, 530 furchtsame haben kein glück zu gewarten. ein forchtsammer trägt sein gemüeth inn den geberden desz angesichts. Henisch 1294, 11. furchtsame hunde bellen am meisten. Stieler a. a. o. und Steinbach 1, 531.
3) wofür zu fürchtend. das wort drückt also von etwas aus, dasz für dasselbe zu fürchten ist.

für reuberey fürcht sich ein wandersman,
weil er weisz, das er forchtsams treget:
hergegen gar wol sicher reysen kan,
der läer (= leer) geht und die sorg ableget. ang. weish. lustgarte 373.


 
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furchtsam, adv. vom vorigen adj., doch läszt sich oft nicht erkennen, ob dieses oder jenes gemeint sei.
1) in der bei dem adj. unter 1) angegebenen bedeutung.
2) in der bei dem adj. unter 2) angegebenen bedeutung:

so oft der schäfer mit ihr sprach,
so schlug sie erst die augen nieder,
und denn erhob sie nur dieselben furchtsam wieder.
Rost schäfererz. 15. schäferged. 20;

er blieb ganz traurig stehn
und sah mich furchtsam an, als wenn er fragen wollte:
ob er denn Silvien nun gar verlieren sollte? schäferged. 132;

von banger ahndung schlug sein furchtsam liebend herz.
Uz (1768) 2, 201;

er scheint zu furchtsam, nur die augen aufzuschlagen.
Wieland Oberon 11, 52.


furchtsam machen, von furcht befangen machen, der furcht hingegeben machen: und sie (die Assyrer) rieffen mit lauter stimme auff jüdisch zum volck zu Jerusalem, das auff den mauren war, sie furchtsam zu machen und zu erschrecken, das sie die stad gewünnen. 2 chron. 32, 18; denn sie alle wolten uns furchtsam machen und gedachten, sie sollen die hand abthun vom geschefft. Neh. 6, 9. ein kind durch erzählung von gespenstergeschichten furchtsam machen. auch

[Bd. 4, Sp. 712]


noch die form forchtsam kommt hier vor: forchsamm (lies forchtsamm) machen, jemands erschröcken, forcht einjagen, territare, terrere, perterrere, metum adferre. Henisch 1173, 42.

o blindheit, zittern, furcht und schrecken,
drinn die gottlosen allzeit stecken,
macht sie forchtsam ein rauschend blat.
Mauricius die weisen a. d. Morgenland B 6b.


übergetragen auf einen gegenstand, bei, an oder auf dem furcht erfüllt, diese mag von demselben oder sonst woher veranlaszt sein:

und also foltert dich kein bellendes gewissen,
das die tyrannen plagt, wenn um die mitternacht
ein schwärmendes gespenst ihr lager furchtsam macht.
Günther 964.


Zweifelhaft, ob die erste oder die zweite bedeutung gemeint sei, scheint das wort zu stehn in folgenden stellen: sol man den göttern jhr opffer auffsagen, das jnen verheissen worden ist, das ist unbillich, sol man die schlachten (opfern), die uns von jhnen geschenckt sind (nemlich die todt geglaubten, aber lebendig wiedergefundenen kinder), ist sorgfeltig und forchtsam. buch der liebe 228, 4;

der abgewandte moon
zoog seine hörner ein, wie furchtsam, anzuseehen,
was bey der bösen nacht euch würde bald gescheehen.
Fleming 79.

doch darf hier die zweite bedeutung als die richtige angenommen werden.
3) der pflicht und rücksicht gemäsz gegenüber dem höheren sich bezeigend: die fraw oder iunckfraw, die er nemen wil, sey hübsch züchtig, schamig, vorchtsam, gehorsam. Albr. v. Eybe 16a.
 
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furchtsamdreist, adj. und dann auch adv.: dreist und dabei zugleich wie schüchtern zurückhaltend.

erröthendes verlangen
und schöne ungeduld bekennet, furchtsamdreist,
in ihrem schwimmenden blick, auf ihren glühenden wangen,
des jünglings sieg.
Wieland Ob. 11, 53.


 
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furchtsame, f. was furchtsamkeit. das von dem adj. furchtsam abgeleitete subst., das, wie es scheint, mehr der Schweiz und Schwaben angehört. timiditas, forchtsame. Frisius (1556) 1311b und danach Maaler 139c. forchsammkeit (lies forchtsammkeit), forchtsamme. Henisch 1173, 59. der Zürcher Dentzler hat es nicht mehr, dafür aber unter »timiditas« 1, 810b das zusammengesetzte forchtsamkeit, das an die stelle des einfachen forchtsame trat.
 
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furchtsamfreudig, adj. und dann auch adv.: mit schüchterner zurückhaltung freudig. er hörte menschenschritte ... und furchtsamfreudig dachte er daran, es könne sein vater sein. Jean Paul Titan 1, 149.
 
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furchtsamkeit, f. die eigenschaft oder die geneigtheit sich leicht zu fürchten, die empfänglichkeit für furcht, die zurückhaltung aus innewohnender furcht. das wort erscheint erst neben dem von dem adj. furchtsam, forchtsam abgeleiteten furchtsame, forchtsame und verdrängt dann dieses ganz. forchsammkeit (lies forchtsammkeit). Henisch 1173, 59, s. DWB furchtsame; furchtsammkeit, mollities, timiditas. 1294, 42. furchtsamkeit. Stieler 588, wo die beifügung »idem quod furcht« nicht von scharfer auffassung des begriffes zeugt. was die form forchtsamkeit betrift, so hat dieselbe noch 1745 Ludwig sp. 676 neben furchtsamkeit. vgl. oben furchtsam sp. 710.

vom tode kann kein junges mädchen hören:
oft werden sie, aus bloszer furchtsamkeit,
schon krank, wenn nur die katze schreit.
Rost schäfererz. 28 = schäferged. 39;

sie blickt ihn an, doch ihn zu küssen,
konnt ihre furchtsamkeit sich lange nicht entschlieszen. 32 = 43;

anfangs that er etwas schüchtern, welches aber, wie ich nachher sah, mehr von bescheidenheit, als von furchtsamkeit herkommt ... etwas umständlichkeit hab ich an ihm bemerkt, die er aber bald ablegen wird. sie hat auch blosz seine furchtsamkeit zum grunde, jemand zu beleidigen. J. M. Miller briefw. dreier akad. freunde 233 (nr. 22).
Sprichwörtlich sagt man furchtsamkeit taugt nicht im streit. Wander 1, 1281.
 
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furchtsamkühn, adj. trotz furchtsamkeit kühn, mit einer schüchternen zurückhaltung kühn.

der schleyer, der vor allen fremden augen
sie dicht umhüllt, fällt im gemach zurück,
erlaubt sogar dem furchtsamkühnen blick
sich, bienen gleich, in hals und busen einzusaugen.
Wieland Ob. 6, 20;

[Bd. 4, Sp. 713]


schwarz wie die nacht, und mit allen leisen fühlbarkeiten der nacht begabet, sitze ich (eine fledermaus spricht) in meiner dunkelheit und rausche hervor, furchtsamkühn, in ungewiszscheuem fluge. Herder Kalligone 1, 154.
 
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furchtsamlich, adj. furchtsamkeit habend, furchtsamkeit zeigend. Stieler 588. s. das folgende adv.

 

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