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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
furchthenne bis furchtsam (Bd. 4, Sp. 708 bis 709)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) furchthenne, f. ein furchtsamer mensch. in Tirol, wo man aber, das alte forcht für furcht (s. d.) wahrend, forchthenn spricht. Schöpf 147. vgl. DWB furchthase, DWB furchtgrethe.
 
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fürchtig, adj. , ahd. forhtîc, forhtîg, mhd. vorhtec, thüring. im 15. jahrh. furchtigk (Rothe chron. s. 604). nhd. vorchtig im voc. theut. von 1482 mm 3b, aber auch furchtig ebenda i 6a. förchtig, fürchtig. Henisch 1173, 27. von furcht, forcht. s. forchtig, förchtig, wo für diese formen belege gegeben sind; hier kann nur die form fürchtig in betracht kommen. das wort bedeutet
1) furcht habend, zur furcht geneigt, sich fürchtend, sich leicht fürchtend, timidus, pavidus. hier ahd. forahtag in den gl. jun. 256, richtiger forahtîc. nhd. bei Luther offenbarung 11, 13 in einer reihe von ausgaben des neuen testamentes: und zu derselben stund ward ein gros erdbeben und das zehende teil der stad fiel und wurden ertödtet in der erdbebung sieben tausent namen der menschen, und die andern wurden furchtig und gaben preys dem gott des himels. aber in der vollständigen bibel geändert in die andern erschracken und gaben ehre. andere stellen aus Luthers werken sind: gott wird dir geben ein furchtigs, verzagtes hertz. 1, 409b (grund und ursach); ist aber jemand schwach und fürchtig, der fliehe im namen gottes. 3, 393. als geläufiges wort auch bei andern: reisset er (Christus) sich mit beschwertem und fürchtigem hertzen von jnen eines steinwurffs weit. Mathesius fastenpredigten 22b. s. nachher das adv. fürchtig. noch stehe hier eine stelle zu der form förchtig (s. d.). Thais. bis nit forchtsam myn mensch, ich bitt dich. Chrem. gee hin, solt ich förchtig sin, niemand unter allen menschen lebt, der minder furcht. Terentius deutsch 71b (Eun. 4, 6, 19). noch bair. und tirolisch förchtig. Schmeller 1, 560. Schöpf 147.
2) im bewustsein des geringerseins oder der schwachheit gegenüber einem höhern wesen oder überhaupt höherem in beziehung auf dieses nach pflicht und rücksicht sich bezeigend, timens. so in gottesfürchtig (s. d.), in welchem zusammengesetzten worte fürchtig heute noch in der schriftsprache fortlebt, während es sonst in dieser überall erloschen ist.
3) in furcht setzend, fürchterlich, terribilis. mhd. belege s. Ben. 3, 385b. nhd. noch im 18. jh.: ich fiel demnach in einen sehr tieffen schlaff, in welchem ich aber mit allerhand fürchtigen träumen beschäfftiget war. Pierot 1, 273; es war eben mittag, als wir auf der wahlstatt, da unsere feinde lagen, ankamen. meine gesellen verwunderten sich über die fürchtige creaturen. 2, 347. noch oberpfälzisch förchtig = furchtbar. Schmeller 1, 560. in der schriftsprache trat für fürchtig, das erlosch, fürchterlich ein.

[Bd. 4, Sp. 709]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fürchtig, adv. von dem vorigen adj., von dem es aber oft nicht unterschieden werden kann, so dasz ungewis bleibt, welches von beiden gemeint ist.
1) furcht habend, sich fürchtend, zur furcht geneigt, sich leicht fürchtend:

sie (die pestilenz) ist was schrecklich, das ist wahr,
und thut uns furchtig machen.
Ringwald in Mützels geistl. liedern 2, 630,

in dem liede »ach, lieben christen, trauret nicht«, von welchem ein einzeldruck v. j. 1598 vorhanden ist, in dem furchtig in furchtsam geändert wurde;

und sich was furchtig machten. dessen evangelia Q 2b;

und wil ... alle menschen ...
von hertzen furchtig machen,
das sie ... werden heulen. Ll 1a.

noch heute wetterauisch, oberhessisch einen fürchtig machen, ihn fürchten machen, machen dasz er sich fürchtet. doch haben diese mundarten fêchtig. vgl. DWB furcht, DWB fürchten.
2) in furcht setzend, fürchterlich, terribiliter. vgl. das adj. 3). eine bedeutung, für die ich keinen beleg habe, die aber doch wol möglich ist.
3) in sehr hohem grade, überaus. so schwäb. in den verbindungen fürchtig grosz, fürchtig weit, fürchtig schön, fürchtig arm. Schmid 210. vgl. das adj. und das adv. fürchterlich 2).
 
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furchtleer, adj. gegen erwarten von furcht nicht erfüllt. dann auch adv., in folgender stelle mit hoffnungsleer verbunden, wie auch furcht und hofnung (s. sp. 690) vorkommt:

und (ich) sehe furcht- und hofnungsleer
den krieg auf gut korsarisch führen.
Göckingk 1, 211.


 
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furchtlich, fürchtlich,adj. ahd. forhtlîh, mhd. vorhtlich.
1) furcht habend, furcht kund gebend, furcht verrathend. ahd.

ginâda ih sîna (nemlich Christi) fërgôn (dringend bitte) mit forahtlîchên suorgôn,
ër ouh in thësemo wërkezeichan sînaʒ wirke.
O. III. 1, 9.

mhd. dû hâtest vorhtlîche klage. Barl. 46, 5 (bei
Pf. 7);

diu frouwe umb einen mitten tac
eins angestlîchen slâfes pflac.
ir kom ein forhtlîcher schric. Parz. 103, 27;

dër gelieʒ nie vorhtlîchen sweiʒ. 145, 6.

nhd. scheint diese bedeutung erloschen.
2) zu furcht veranlassend, in furcht setzend, furchtbar. mhd.

ir vater hieʒ (hiesz sie) in (es ist Hagen gemeint) küssen: dô blicte si in an:
ër dûhte si sô vorhtlich,daʒ si ëʒ gërne hëte lân. Nib. 1604, 4.

nhd. fürchtlich, erschröcklich, terribilis, horribilis. Henisch 1173, 29. von den abbildungen ... ist was fürchtliches wahrzunehmen. Herder. vgl. fürchterlich.
 
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furchtlich, fürchtlich, adv., von dem vorigen adj. abgeleitet. ahd. forahtlîcho, forhtlîhho, in dem sinne mit ängstlichkeit, mit ängstlicher sorgfalt, mit schüchterner treue, timide, mhd. vorhtlîche in gleichem sinne, aber auch in dem: im bewustsein des geringerseins oder der schwäche gegenüber einem höheren wesen oder überhaupt höherem nach pflicht und rücksicht sich bezeigend. vgl. DWB furcht 2). die bedeutung geht von der ersten des adj. aus. nhd. denn davon mus man die augen abkeren und furchtlich warten, was gott davon helt. Luther 1, 32a.
 
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fürchtling, m. ein feiger mensch. in Appenzell, wo man jedoch förchtlig spricht. Tobler 201a.
 
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furchtlos, adj. weder furcht habend noch zeigend. sag deinem herrn — sprach der harfner mit männlicher, furchtloser stimme — Ulfar sey zum tode bereit. V. Weber 1 (1787), 418. ein furchtloses herz. furchtlose, tapfre scharen. früher forchtlos. forchtlosz, ohne forcht, expers timoris, metus. Henisch 1174, 49.
 
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furchtlos, adv. von dem vorigen adj., doch läszt sich oft nicht erkennen, ob dieses oder jenes gemeint ist.

kaum drei finger
überm rande des todes schwimmt (auf dem bret des gescheiterten
schiffes) der kühne sicher und furchtlos.
Herder z. sch. l. 14, 320 = Terps. 3, 156;

was die gerechtigkeit gesprochen, furchtlos,
vor aller welt wird es die macht vollziehn.
Schiller 407b (M. Stuart 1, 2).


 
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furchtlosigkeit, f. ein fernsein aller furcht. Ludwig (1745) 676.
 
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furchtsam, adj.
1) so aussehend dasz es in furcht setzt, beschaffen oder geeignet in furcht zu setzen, gefürchtet. ahd. noch

[Bd. 4, Sp. 710]


nicht nachgewiesen, aber mhd. wird vorhtsam, vorhtesam, das bereits im 12. jh. erscheint, geläufig. s. Ben. 3, 385.

ër was ein forhtsamer (= gefürchteter) man:
dës was im slëht undertân
rômisch lant und rômisch mark. Dietrichs ahnen 2499.

nhd. e. f. g. sol das bedencken, das gott in der gantzen schrifft keinen heidnischen könig noch fürsten je hat lassen loben, so weit und lang die welt gestanden, sondern allzeit mehr straffen lassen, das ist ein gros furchtsam bild allen oberherrn. Luther 1, 499b (ausleg. des magnificat); darumb wehe allen denen, die sich nicht fürchten, und jre sünde nicht fülen, und sicher einher gehen, gegen dem furchtsamen gericht gottes, für welchem doch kein gut werck gnugsam sein kan. 3, 2a; ein verweser der ... frembden thieren furchtsam seye, zu verordnen. Kirchhof wendunmuth 63; diesemnach solten so vil traurige ausbrüche alle machiavellische schrifften den regimentspersonen verleiden, furchtsam und abscheulich machen. Butschky Patmos 525, vgl. meuchellistig;

das lager, wo ihr ruht, sey wie ein stilles Gosen,
an eurem himmel steh kein furchtsamer comet.
Günther 776;

mitten in der nacht an einem wüsten und furchtsamen orthe. Plesse 1, 17; dasz ich mich zu meiner Leen in ihr bette des nachts begab, hierzu reizte mich ein des nachts bald unter meinem bette, bald über demselben, bald anderwärts in meiner kammer entstehendes furchtsames pochen. Leipziger avanturier 58.
häufig erhielt sich bis ins 18. jh. auch die dem mhd. gemäsze form forchtsam, und selbst noch 1745 bei Ludwig sp. 676 findet sich furchtsam oder forchtsam verzeichnet. ich (spricht der löwe) was meniglichen forchtsam und hatten mich alle thier in sorgen, und allein an mich gedenckend erschrack jedermann. Steinhöwel (1555) 32b; do hiesz der keiser dry forchtsame reder machen und die waren mit schnydenden scharsachen, die solten do iren lybe allen durch schnyden. in einem (Seb. Brant beigelegten) passional 2, 66; auszwendig was Simon Gerasenus, ein rädlin furer eines neüwen auffrrs, denen inn der statt eben so forchtsam als die Rhömer. Frank chron. 37b; alles so forchtsam gestalt (gestaltet), das (dasz) es erschrocklich ist anzsehen. weltbuch 198b;

auch ward jhr (der zu einer bärin werdenden Callisto) süsz lautende stimm
verwandelt, gantz forchtsam und grimm.
H. Sachs IV. 3, 100d;

verachten all menschen gemein
weil sie alln leuten forchtsam sein.
Waldis päpst. reich M ija (2, 5);

ach, wolt ihr den geist thun beschwern,
last mich zuvor von hinnen kehrn,
dann er ist gar zu forchtsam mir.
J. Ayrer schöne Sidea 434b;

eine forchtsame, sehr miszliche und gefehrliche, auch betrugliche zeit. Thurneisser magna alchymia 1, 105; daher wuchsen die bäume dick ineinander und ward so finster und forchtsam, dasz auch die priester ein entsetzen darab hetten. ang. weisheit lustgarten 7. vgl. nachher bei dem adv. die stelle aus dem buch der liebe 228, 4. noch tirol. forchtsam, furchtbar. Schöpf 147. bair. forchtsam und förchtsam. Schmeller 1, 560.
2) für furcht empfänglich, der furcht leicht hingegeben, von furcht befangen, eigen seiende furcht ausdrückend. eine bedeutung die erst aus der zeit des überganges des mhd. in das nhd. nachzuweisen ist, aus der die in Tübingen befindliche, 1425 geschriebene handschrift eines mitteldeutschen vocabularius ex quo enthält: anxius, vorhtsam, bange. s. Mones anzeiger 6, 218, 94. forchtsamer oder voller forcht, timorosus. voc. theut. v. 1482 i 1b; vorchtsamer, fretus .i. (= i. e.) timidus vel pavidus. mm 1b. forchtsam, timidus, timorosus u. s. w. voc. incip. teuton. e 8a. pavidus, forchtsam. vocab. gemma- gemmarum von 1505 s iijb. »pavidus« und »timidus«, forchtsam. Dasypodius 174b u. 246a. Serranus dict. r 7b. bb 1a. pusillanimis, micropsychus, kleynmtig i. e. furchtsam, verzagt. Alberus dict. ss 4a; superstitiosus, furchtsam, da keyn forcht ist, der all zu forchtsam ist in seinem aberglauben. ss iijb. forchtsamm. Henisch 1173 und 1297, der, wie auch später Stieler 588 bei furchtsam, nur diese bedeutung hat; eben so kennen nur sie im 18. jh. Steinbach 1, 530 und Frisch 1, 308a. sie scheint demnach schriftdeutsch im 17. jh. nach und nach allein noch gegolten zu haben. jr kleingleubigen, warumb seid jr so furchtsam? Matth. 8, 26; wie

[Bd. 4, Sp. 711]


seid jr so furchtsam? Marc. 4, 40. oder ist das wort in beiden stellen adv.? furchtsamme schiffleuth, fuhrleuth, vectores timidi. Henisch 1294, 27;

bisz heimmlich, furchtsamm, halt dich schlecht,
disz hab dir von einem weisen knecht. 34;

ihr mustet weiter fort, gott weisz mit was für grauen,
und euer furchtsams heyl der strengen see vertrauen.
Fleming 80;

was die matrosen sprachen,
das war für uns ein ach! wie furchtsams wort.
das todte schiff liegt nun vor uns ertruncken. 104;

ein unglück drohet uns, doch was? solt ichs nicht wissen.
sei furchtsam, wo du bist, doch fürchte selbst Melissen.
Dusch verm. werke 129;

da lauschen furchtsame nymphen,
nur halb durchs junge gesträuche bedeckt!
Uz (1768) 1, 8;

mir läuft ein schauer übern ganzen leib —
bin doch ein thöricht furchtsam weib!
Göthe 12, 142;

erst das podagra, die folge seiner eignen sünden, hat ihn etwas mürb oder vielmehr nur zum furchtsamen hasenfusz gemacht. J. M. Miller K. v. Burgheim 1, 154; nach meiner furchtsamen meinung ist mehr sein (Lessings) mensch ein actives genie als sein philosoph. J. Paul vorsch. der ästhetik 1, 64. bildlich:

wie lieblich flistert dort im hayn
der schlanken espen furchtsam laub
am ufer.
E. Chr. v. Kleist neue ged. (1758) 59.


Henisch hat vorzugsweise die alte form forchtsam: forchtsamm. 1173 u. 1297. forchtsam hertz, cor pavidum. 1173, 48, vgl. 1294, 21. forchsamme (lies forchtsamme) schamheit, pudor timidus 51; ein weibischer, feiger und forchtsammer sinn. 1294, 24. o glück, wie störcklich hilffestu den kecken und den forchtsamen bistu wider zäm (s. widerzäme). Wirsung Cal. (1520) G 1b; ey du hast geleich die forchtsamen an uns funden! O ijb. auch hier noch in dem angegebenen sinne, wie in dem vorigen, tirol. forchtsam (Schöpf 147) und eben so bair. forchtsam und förchtsam (Schmeller a. a. o.).
Sprichwörter und sprichwörtliche redensarten: forchtsamer dann ein haasz. Henisch 1173, 36, vgl. 1294, 50, bei Stieler 588 er ist furchtsamer als ein hase. des furchtsamen brust ist mit einem hasenbalg gefüttert. Lehmann, s. Wander 1, 1281, 13. dem furchtsamen rauschen alle blätter. Simrock nr. 2929. der furchtsame sieht überall gespenster. Wander 1, 1281, 10. die forchtsamme haben kein rast. Henisch 1294, 36. der furchtsam förcht sich wie ein grindiger kopff vor der laug. Lehmann, s. Wander 1, 1281, 4. den forchtsammen hülfft das glück nicht. Henisch 1297, 58, bei Stieler 588 und Steinbach 1, 530 furchtsame haben kein glück zu gewarten. ein forchtsammer trägt sein gemüeth inn den geberden desz angesichts. Henisch 1294, 11. furchtsame hunde bellen am meisten. Stieler a. a. o. und Steinbach 1, 531.
3) wofür zu fürchtend. das wort drückt also von etwas aus, dasz für dasselbe zu fürchten ist.

für reuberey fürcht sich ein wandersman,
weil er weisz, das er forchtsams treget:
hergegen gar wol sicher reysen kan,
der läer (= leer) geht und die sorg ableget. ang. weish. lustgarte 373.

 

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