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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
fürchtend bis fürchterlichernst (Bd. 4, Sp. 705 bis 707)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fürchtend, part. praes. von fürchten (s. d.).
 
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fürchtenicht, m. einer der sich nicht fürchtet, einer der keine furcht kennt. auch einer der sich alles erlaubt und dabei vor nichts zurückschreckt. in diesem sinne von Rückert gebildet:

herr vom unverschämten gericht
Habegern von Fürchtenicht. makamen 2, 31.


 
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furchtentseelt, adj. durch furcht entseelt, wie todt oder halbtodt von furcht:

der blosze anblick bleicht schon alle wangen
und auseinander flieht die furchtentseelte schaar.
Schiller 30b.


 
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fürchter, m. einer der sich fürchtet. Stieler 588, der die bemerkung zufügt, dasz das wort nicht sehr im gebrauche sei, aber furchtsamer. Steinbach 1, 531 stellt es blosz auf, um fürchterlich als damit zusammengesetzt zu bezeichnen. aber noch hört man schwäb. fürchter = furchtsamer mensch. Schmid 210.
 
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furchterblasset, furchterblaszt, adj. aus furcht blasz geworden:

diesz gesehn erschraken alle
sechs und dreiszig mohrenkön'ge:
furchterblasset stand Bukar.
Herder Cid 68.


 
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furchterfüllt, adj. Beckers weltgesch. 12, 136.
 
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furchtergriffen, adj.:

(ein schatte) schreitet drei mal
vor ihren starren, furchtergriffnen augen.
A. W. Schlegel Shaksp. Hamlet 1, 2.


 
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furchtereignis, n. ein mit furcht erfüllendes ereignis: die furchtereignisse nach könig Hamlets tode. Herder z. sch. lit. 12, 260 (1827 17, 243).
 
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fürchterlich, adj.
1) in furcht setzend, besonders in einen hohen grad von furcht setzend, in tief ergreifende furcht setzend. ein zuerst bei Steinbach 1, 531 verzeichnetes wort, das demnach, zumal da es frühere wörterbücher nicht haben, in den ersten jahrzehnten des 18. jh. entstanden scheint. Frisch 1, 308b führt zwar fürchterlich an, bemerkt aber daneben »oder förchterlich« und schreibt diese form. aus der beifügung, das wort werde von den meisten gar nicht gebraucht, ergibt sich, dasz es im anfange des vierten jahrzehents des 18. jh. noch nicht durchgedrungen gewesen ist, wie Frisch meint weil es keine richtige herleitung habe, »dann es käme von forchter, wie meisterlich von meister, kümmerlich von kummer, mörderlich von mörder«, forchter aber sei kein gebräuchliches wort. übrigens läszt er am schlusse noch die bemerkung folgen, es werde, weil man kein gewöhnlichers habe, wol bleiben. allerdings ist forchter oder, wie Stieler und Steinbach verzeichnet haben, fürchter (s. d.) kein gebräuchliches wort, aber herleitung von diesem würde auch schon darum unstatthaft sein, weil dasselbe nicht einen der fürchten macht bedeutet, sondern einen der sich selbst fürchtet. fürchterlich, das an die stelle des erloschenen furchtlich (s. d.), fürchtlich trat, ist ein in so fern unorganisches gebilde, als es nach dem vorbilde von ärgerlich, erinnerlich, hinderlich, veränderlich, veräuszerlich, verwunderlich u. s. w. entstand, die mit verbis auf -ern zusammengesetzt sind, während es kein fürchtern gibt, das bei fürchterlich zu grunde liegen könnte. vgl. gramm. 2, 685. es sollte wirklich, wie ebenda weiter bemerkt ist, fürchtlich lauten, zusammengesetzt mit fürchten, und mit recht vergleicht Jacob Grimm auf einem zettel zu fürchterlich die wörter bleiberlich, singerlich, die, mit bleiben und singen zusammengesetzt, unorganisches -er haben, als wenn ein bleibern und singern vorhanden wäre.
Zachariä gebraucht das wort bereits und zwar in seinem 1741 gedruckten renommisten 5, 333:

[Bd. 4, Sp. 706]


auf schwarzem throne sitzt, in fürchterlicher pracht,
die göttin Schlägerey und herrscht in graus und nacht.
dann: die zwietracht flog indesz mit fürchterlichen schwingen
durch die galante welt, die herzen aufzubringen. schnupftuch 1, 33;

doch itzo trifft dein haupt der fürchterlichste blitz. 2, 15;

so schlägt dem blassen Faust die fürchterlichste stunde,
die teufel schleppen ihn zum rothen höllenschlunde. 249;

ein fürchterliches thier kam ihm indesz entgegen. 4, 150.

bald wird das wort noch geläufiger: bekömmt nicht die schönste haut hügel und furchen, die feinste wange einen fürchterlichen schimmel? J. Möser patr. phant. 1, 109; das was ihnen durch das vergröszerungsglas ein rauhes ding, eine fürchterliche borke, ein heszlicher quark scheint. 110;

mein gott! was haben wir dem oheim doch gethan?
»ja, königinn, er ist ein fürchterlicher mann.«
nur allzu fürchterlich! ah, wie ists euch ergangen?
C. F. Weisze trauersp. 1, 140;

das schönste götterbild wird fürchterlich,
wenn es der rauch entflammter kerzen schwärzt. 3, 159;

so soll ... liebe und muth das schwankende zerstreute volk zu einem fürchterlichen heere vereinigen. Göthe 8, 272; weil das stück von einer fürchterlichen that ausgeht und der held immer vorwärts zu einer fürchterlichen that gedrängt wird, so ist es im höchsten sinne tragisch. 19, 182;

keine luft von keiner seite!
todesstille fürchterlich! 1, 73;

nein! o gott!
ich hasse meinen vater nicht — doch schauder
(kann ich dafür?) und höllenangst ergreifen
bei den zwo fürchterlichen sylben mich.
Schiller don Karlos, erster druck 1, 2 (Thalia 1, 130);

sie lassen mich allein — allein,
in dieser fürchterlichen angst. werke 380a (W. tod 3, 11);

niemand als du, der ihn mit ruhm geführt,
soll diesen krieg, den fürchterlichen, enden. 382b (15);

der fürchterliche Salsbury, der mauernzertrümmerer,
führt die belagrung an. 450b;

gott schütz uns! welche fürchterliche zeichen! 480a.


wie überleitend zu der folgenden, abgeleiteten bedeutung: händeringend und mit blicken voll verzweiflung stand sie vor dem portrait, machte mir und sich selbst die allerfürchterlichsten vorwürfe. J. M. Miller K. v. Burgheim 2, 46.
2) überaus grosz, überaus viel. vgl. das folgende adv. 2).

und des lebens fürchterliche länge
dehnt sich mir zu ewigkeiten aus.
Kosegarten poesieen 2, 124.


 
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fürchterlich, adv. vom vorigen adj., doch ist oft nicht zu scheiden ob dieses oder jenes gemeint sei.
1) in der bei dem adj. angegebenen ersten bedeutung:

von dem fusze des bergs bis hinauf zu der zinne des tempels
bebete fürchterlicher Maria.
Klopstock Mess. 11, 211;

ich aber lag in grauser kerkernacht
und meine ketten klirrten fürchterlich.
doch fürchterlicher war das angstgebrüll
nach freiheit!
Schubart (1787) 2, 241;

schon naht das verderben sich fürchterlich.
Bürger 36b;

es ist mir sonst nichts fürchterlich,
als dich betrübt zu sehen, dich!
viel sanfter thuts zu sterben.
Lenz an Minna, in Voss musenalm. 1778 s. 47;

die erfahrung lehrt, dasz, je mehr ordnung ... in einem staate ist, desto mehr die verfassung desselben von andern mächten respectiert werde. nicht nur, weil eben dadurch der staat fürchterlicher wird, mehr stärke bekommt, ungerechte angriffe zurückzutreiben u. s. w. Garve anmerk. zu Cic. de off. bd. 3 s. 167; bald wurden sie (es sind tyrannen gemeint) dem friedlichen feldbauer, dem wehrlosen hirten fürchterlich und erpreszten von ihm, was sie wollten. Schiller 1012a;

der knabe
don Carl fängt an mir fürchterlich zu werden. 252b.

mit dem leise oder stärker sich entwickelnden nebenbegriffe: in hohem grade. A. und die da, diese schöne gebietherische nymphe (auf einem gemälde), so fürchterlich lustig ausgeputzt, ist —. B. Omphale. A. behüte — ist die liebe theologie. Lessing 11, 748; deine faust allein kann sie (die feinde) schrecken, denn du bist fürchterlich berühmt im streit. Klinger 1, 21; durch eine stelle Deines briefes hast Du mich fürchterlich erschröckt. J. M. Miller K. v. Burgheim 1, 310; es wird mich fürchterlich erschüttern! 311;

[Bd. 4, Sp. 707]


im fürchterlich verworrenen falle
über einander krachen sie (die stämme) alle.
Göthe 12, 207.


2) in sehr hohem grade: was mir das stück abgeschmackt vorkam, und wie es mir fürchterlich langeweile machte, kann ich nicht sagen. Göthe 27, 128; er hatte sie fürchterlich geliebt. J. Paul Hesp. 1, 31. es ist heute fürchterlich heisz. s. das adj. fürchterlich 2).
vgl. erschrecklich, schrecklich, grausam.
 
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fürchterlichernst, adj. furcht erfüllend ernst, über die maszen ernst. in ihm (einem olympischen gesang Baldes an die heilige jungfrau) herrscht eine fürchterlichernste und glühendzärtliche andacht. Herder Terpsichore 3, 63.

 

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