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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
furchtbarwild bis fürchten (Bd. 4, Sp. 694 bis 705)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) furchtbarwild, adj. furcht erregend wild:

da schlug, mit furchtbarwildem angstgeschrey,
ergriffen von der fallsucht, neben mir,
zur erde Rosz (ein habsburg. söldner).
V. Weber Tell 222.


 
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furchtbarwütend, adj. mit verbreiten von furcht wütend.

die, einen schlangenkranz im haar, ...
verwüstend in der tiefe lacht,
geflohn auf ihrem höllenthrone,
die furchtbarwüthende basilica.
Baggesen ged. 2, 62.


 
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furchtbegossen, adj. ganz von furcht befallen. Karschin neue ged. (Mitau 1774) s. 38.
 
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furchtbeherzt, adj. beherzt aus furcht vor angedrohtem oder dem der androht: die meisten sind furchtbeherzt. man jagt sie zu einer that. Meyern Dya Na Sore 2, 120.

[Bd. 4, Sp. 695]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) furchtbild, n. ein furcht hervorbringendes oder furcht erweckendes bild. auch ein aus einer furcht hervorgehendes und furcht bewirkendes bild, eine vorstellung die aus furcht entspringt und furcht bewirkt:

mein fürst! wenns doch kein leeres furchtbild wäre,
wenn gottes vorsehung sich dieses mundes
zu Ihrer rettung wunderbar bediente!
Schiller 401a;

ein blinder schrecken nur hat uns besiegt,
der schnelle eindruck eines augenblicks.
dies furchtbild der erschreckten einbildung
wird, näher angesehn, in nichts verschwinden. 463a.


 
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furchte, f., s. DWB furcht.
 
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furchte, praet. von fürchten. s. d.
 
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fürchte, f., s. DWB furcht.
 
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furchteinjagung, f., das subst. von furcht einjagen. Melissus ps. L 5b. s. DWB furcht 1).
 
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fürchten , im bewustsein der schwäche in der seele bewegt meiden oder besorgen, oder in diesem bewustsein und dem des geringerseins nach pflicht und rücksicht in der seele bewegt sein gegen —. goth. faúrhtjan, ahd. furahtan, furhtan, aber auch mit der durch das a der ableitungsendung -ah bewirkten brechung des u forahtan, vorahtan, forhtan, mhd. vürhten, auch nach den eben angegebenen formen mit o vörhten, welcher form gemäsz denn auch im 16. jh. häufig, im 17. und 18. jh. hin und wieder förchten (s. DWB forcht 3, 1889), im 15. jh. mit unterdrücktem umlaute forchten, vorchten (voc. theut. von 1482 mm 3b), mitteld. vurchten, alts. forahtian, forhtian, mnd. mnl. vruchten, nnl. veraltet und durch vreezen verdrängt, ags. forhtian, engl. fright, altfries. fruchta, nordfries. frügten (Bendsen 316), dän., dem deutschen nachgebildet, frygte, eben so schwed. fruckta. das wort ist, wie das subst. furcht (s. d.), von dem bei diesem angegebenen adj. abgeleitet und bedeutet daher ursprünglich wol »furchtsam machen in beziehung auf«, was dann sich zu »furchtsam werden in beziehung auf« gestaltete.
ausfall des ch zeigt sich schon, wenn auch vereinzelt, im 11. jh., aus welchem ein in W. Wackernagels altd. leseb. 1861 sp. 139, 17 abgedrucktes sprichwort furtin für furhten hat, wozu im 12. jh. noch im pl. praet. vorten (Rother 2006) für vorhten so wie der auf worhte, würkte = baute, reimende sg. praet. vorte im Annolied 488 kommt. mhd. fürten = fürhten, vürhten, lesen wir in dem von J. v. Laszberg herausgegebenen Eggenlied str. 109, 3. 159, 5. 160, 8. eben so findet sich in diesem str. 219, 3 das praet. fort = forhte. noch dauert mundartlich, z. b. fränkisch-henneberg. förten (Frommann 2, 496. 3, 543, 21. 4, 238, 2), farten (2, 496), färten (4, 238, 2), fichtelgebirgisch ferten (2, 556, 10) fort. ausfall des r dagegen ergibt sich in mittelrhein. fuchten, pertimescere. voc. ex quo vom j. 1469. dazu gehört das praet. focht, wie es in urkunden und schriften des westlichen Mitteldeutschlands ebenfalls aus dem 14. und 15. jh. vorkommt:

dës focht sich das kindelîn. das zwölfjährige mönchlein, Frankfurter hs. s. 223,

ër fochte daʒ im untrouwe
sîn geselle têde. der maler von Wirzburg, Frankfurter hs. 26c;

wan sie vochten, in solde mislingen
daʒ sie die stad in wirde und êre
nicht mochten gehalden mêre.
Eberhard Windeck spottged., Darmstädter hs. s. 1, bei Fichard 336;

daʒ er (ihrer) keiner die gemeine fochte. s. 7 (345);

glich alse sold die gemein fochten sich. ebenda.

ich focht, das (dasz) Ungernland in dësem jâr obel wirt stên. brief v. j. 1439 in Janssen Frankfurts reichscorrespondenz 1, 484; ich focht, das (dasz) sîn gnâd sye zûsammen wirt knoppen, das nit vil gûtes dâraus kome. ebenda. niederrheinisch etwa um 1200

nit in vohte dit ungemach
dise quale sal dich vermiden. Tundalus 98, in Lachmanns niederrhein. ged. s. 169.

stellen aus dem mitteld. des 15. jh., nemlich aus Morolt, merkt Jacob Grimm auf einem zettel an. sie enthalten, die letzte ausgenommen, das praes.:

sô fochten ich michel sêre
Morolf, sînen brûder, dën listigen man. 520;

dâ fochte ich dën zorne dîn. 1283;

ër fochte daʒ mortgrimme wîp. 1393;

nû fochten ich daʒ ich dir schade gar. 2314.

noch sagt man z. b. wetterauisch mit e für ü fêchde, praet. fôchd, auch fêchd, part. praet. gefôchd, auch gefêchd. ausfall des t erscheint in sonnebergisch färchen (Schleicher volksth. aus Sonneberg

[Bd. 4, Sp. 696]


7), koburgisch ferchen (Frommann 3, 177, 62), das auch zu und um Lauterbach bei Fulda gehört wird.
man conjugierte ahd. praes. furhtu, forhtu, praet. forahta, forhta, part. praet. kaforaht (Diut. 1, 522b), kifurhtit, mhd. praes. vürhte, praet. vorhte, auch vurhte (Ben. 3,386a), part. praet. gevorht, auch gevürhtet (Gregor. 467) und, wie Jacob Grimm zum wb. aufgezeichnet hat, blosz vorht MS. 2, 144b, wofür aber an derselben stelle MSH. 2, 194b, 98 gevorht steht. nhd. praes. fürchte, förchte, praet. forchte, bei Luther und andern furchte, daneben auch vereinzelt förchte (Schwartzenberg 156, 1b), forchtete (Micrälius alt. Pommern 1, 113), part. praet. geforcht, gefurcht (so z. b. habe mich gefurcht. edelmann 371). noch Stieler 587 führt an inf. fürchten, auch förchten, praet. forchte, förchte und förchtete, part. geforcht und gefurcht. Steinbach dagegen hat im praes. blosz fürchte, im part. praet. gefürchtet; das praet. ist nicht ersichtlich, er wird aber, da er kein furchte verzeichnet, fürchtete annehmen, wie denn Gottsched in seiner grundlegung 1748 s. 261b = sprachk. 1762 s. 323a fürchten unter den einfachen richtigen zeitwörtern aufführt, also entschieden im praet. fürchtete, im part. praet. gefürchtet will. so auch Adelung und Heynatz. dennoch erhielt sich furchte bei Schnabel in der insel Felsenburg, bei Rost, Lessing, Ramler u. s. w., selbst noch bei Fr. Stolberg (s. sp. 699), Stilling (s. sp. 704) und in einer unten (sp. 699) angeführten stelle von Göthe in seinen briefen an frau von Stein. später kommt furchte wie forchte nur noch alterthümlich vor. aber mhd. taucht im part. praet. neben gevorht ein unorganisches starkes gevorhten auf, das, auch mit un- zusammengesetzt, in einem ungevorhten, ohne sich zu fürchten, ohne furcht, sich zeigt:

Ërnst gîng ungeforhten wider
von dëm pallas hin nider
dâ ër sîn geverten vant. Ernst 1155.

gleicher weise bildete sich von mhd. ervürhten, fürchten, neben dem organischen part. praet. ervorht ein unorganisches ervorhten (Trist. 13099 = Maszm. 329, 21. s. auch Lachmann zu Nib. 1723, 4. Ben. 3, 387a). jenes geforchten nun findet sich auch nhd. z. b. im französischen Simplicissimus, bei Abraham a Santa Clara (s. die stellen sp. 697 u. 701), und noch conjugiert der Baier praes. i (ich) fircht, mir (wir) ferchtn, praet. farcht, part. praet. geforchtn, gefarchtn (Schmeller 1, 560 f.). eben so hört man zu Nürnberg das part. praet. geforchten. mit recht weist bei dieser bildung Schmeller 1, 561 auf fechten und flechten hin, denn nach dem vorbilde der mhd. participien gevohten und gevlohten scheint eben jenes mhd. gevorhten entstanden, ohne gefühl dasz von dem schwachen vürhten die form nicht möglich war.
Das wort steht
I. transitiv oder vielmehr gleichsam transitiv in den bedeutungen:
1) im bewustsein der schwäche in der seele bewegt meiden oder besorgen, bei wirklich oder möglicher weise oder blosz nach einer einbildung bevorstehendem oder übel bringendem die gedanken mit besorgnis oder vielmehr fern haltender seelenregung richten auf —.
a) mit acc., wofür gramm. 4, 671 belege aus dem ahd. gegeben und aus dem mhd. nachgewiesen sind. zahlreichere bietet für jenes Graff 3, 690 f.; für dieses, nemlich das mhd., aber s. auch Ben. 3, 386b. für das goth. würden, wenn uns mehr an schriftlichen denkmälern erhalten wäre, keine belege mangeln, denn in hva faúrhteiþ, leitil galáubjandans! (Matth. 8, 26) in dem sinne: was fürchtet ihr, kleingläubige? blickt der acc. durch mit vollem rechte wird deshalb in der gramm. a. a. o. bemerkt, dasz goth. faúrhtjan und das ahd. forhtan eben so wie das gleichbedeutende goth. ôgan den acc. regiere. es steht aber bei dem worte
α) bloszer acc. der person: mhd.

daʒ swërt leg ûʒ dër hant,
dâ mit du hâst verwundet mich:
tuostu daʒ nicht, sô vörht ich dich.
Bonerius 31, 30.

nhd. denn ich furchte das volck und gehorchet jrer stim. 1 Sam. 15, 24; Herodes aber furchte Johannem, denn er wuste, das er ein fromer und heiliger man war. Marc. 6, 20;

hersch ich gleich streng zum theil unbillig,
so straf ich darbey auch grausamlich
dasz jederman musz fürchten mich,
darmit halt ich das volck im zaum.
H. Sachs III (1588). 2, 221c;

wenn du sie gleich straffst hertiglich,
dasz sie all müssen fürchten dich,
so fürchtens dich als ein allein
du must sie fürchten allgemein. ebenda;

sie ... wuszte nicht ob sie den schatz in die lade verschliessen oder in den keller vergraben sollte, fürchtete

[Bd. 4, Sp. 697]


diebe und schatzgräber. Musäus (1788) volksm. 2, 130; man fürchtet ein bekanntes oder unbekanntes mächtiges wesen, der starke sucht es zu bekämpfen, der schwache zu vermeiden. Göthe 22, 10;

es fürchte die götter
das menschengeschlecht! 9, 78;

der fürchte sie doppelt
den je sie erheben! ebenda;

nicht eine welt in waffen fürchten wir
wenn sie (Johanna) einher vor unsern scharen zieht.
Schiller 459b (j. v. Orl. 1, 10);

wen fürcht ich mit dem schwerte meines gottes? 473a (3, 9);

ist das (Johanna) die mächtige, gefürchtete,
die eure scharen wie die lämmer scheuchte? 482a;

was kümmerts mich noch, ob die götter sich
als lügner zeigen ...
wer für nichts mehr
zu zittern hat, der fürchtet sie nicht mehr. 512b (braut von Messina);

die alte Zürich selbst schlosz ihre thore,
die dreiszig jahr lang offen standen, zu,
die mörder fürchtend und noch mehr — die rächer. 549a (Tell 5, 1).

die form forchten, förchten erscheint in das (dasz) wir ihn zugleich forchten und lieben müssen. Micrälius alt. Pommern 3, 516; er förcht kein teuffel, gar niemand. Henisch 1174, 13; glaubet sicherlich, wir hätten so zween Frantzosen, drey cöllnische churfürsten und ein halb dutzet feurwerckerische bischöffe weniger geforchten, als drey einen zu förchten pflegen. franz. Simplicissimus 2, 173.
β) bloszer acc. der sache: mhd.

si vorchten all dës löwen zorn.
Boner. 8, 26, in Beneckes ausgabe.

nhd. was der gottlose fürchtet, das wird jm begegenen. spr. Sal. 10, 24; wenn ich gedenck, ich wil meiner klage vergessen ...: so furchte ich alle meine schmerzen, weil ich weis, das du mich nicht unschüldig sein lessest. Hiob 9, 28; furchte den tod nicht. Sir. 41, 5; durch den glauben verlies er (Moses) Egypten und furchte nicht des königes grim. Ebr. 11, 27;

wer fürchtet mehr, als ich, der weiber klätschereyn.
Zachariä schnupftuch 2, 223;

und man ist stolz und mit sich eins,
scheut kein geschöpf und fürchtet keins.
Claudius 1 u. 2, 99;

das abgehärmte weib sasz in einem winkel und weinte, fürchtete nach der denkungsart der kleinmüthigen das schlimmste. Musäus volksm. (1788) 2, 101; ohne sich durch die geselligkeit für der gefürchteten gefahr zu sichern. 151; weil sich nun der schalk entdeckt sahe und die schwere hand seines gegners fürchtete. 156;

bis in den schosz der mutter fürchtet ihr
der arglist schlingen, tückischen verrath.
Schiller 492a (braut von Messina);

fürchte des unglücks tückische nähe. 510b;

ihr könige und herrscher!
fürchtet die zwietracht! wecket nicht den streit
aus seiner höhle, wo er schläft. 469b (j. v. Orl. 3, 4);

etwas fürchten und hoffen und sorgen
musz der mensch für den kommenden morgen,
dasz er die schwere des daseins ertrage. 497a (braut von Messina);

hierher gehört auch, wenn an die stelle des acc. nichts gesetzt ist:

holde schönheit, fürchte nichts! 499a.

die form förchten kommt vor in

als unser vater Abraham
anfängklich gottes ehe annam:
förcht er der frummen Sare fal
an des kungs Abimelechs sal.
Schwartzenberg 156, 1b;

bisz er (Jacob) erwarb, als ich erzel
dj bayd, Liam und Rachael,
am haimzug forcht seins bruders kraft. ebenda.


γ) acc. der sache und dat. der person:

süsze labung der menschlichen sorgen, freundliche liebe,
zitternd betrat mein fusz dein mir gefürchtetes reich.
Herder z. sch. l. u. k. 15, 84,

= dein von mir gefürchtetes reich, d. h. dein reich, vor dem ich furcht hatte. diese fügung ist übrigens eine seltne.
b) mit einem abhängigen satze, der als object erscheint, also die stelle eines acc. einnimmt. dieser satz aber kann
α) mit das oder was beginnen: ahd. siê forhton daʒ ze furhtenne në was. Notker ps. 13, 5. nhd. er fürchtete, was

[Bd. 4, Sp. 698]


er zu fürchten gar nicht nöthig hatte. er fürchtet, was ihm irgend schaden bringen könnte.
β) dasz zu anfange haben: ahd.

(der mensch) gisihit thaʒ suaʒâ liabaʒ sîn,thoh forahtit, theiʒ ni megi sîn.
O. V. 11, 30,

theiʒ, durch zusammenziehung aus thaʒ iʒ, dasz es. mhd.

ich vürchte sêredaʒ sî spræche »in wil« (ich will nicht). MS. 2, 195a.

weitere belege s. Ben. 386b. aus dem 15. jahrh. s. oben sp. 695 die beiden stellen aus Janssen Frankfurts reichscorrespondenz. nhd.

trüb ist und bang in ihren verborgensten tiefen die seele,
wenn sie fürchtet, dasz gott sie aus ihrem himmlischen erbe
stoszen werde.
Klopstock Mess. 12, 2;

ach! ich bäte dich auch um deinen segen, allein ich
fürchte, Benoni, dasz du mit langem leben mich segnest.
»jüngling, du fürchtest gröszeren lohn!« 15, 1224;

in ihrem gesicht herrscht, so sehr sies auch zu unterdrücken sucht, ein stilles leiden, und ich fürchte sehr, dasz es ihrer gesundheit schaden möge. J. M. Müller briefwechsel dreier ak. fr. 410; Guebriant fürchtete, dasz die absicht der Schweden sey, die weimarische armee immer weiter vom Rhein zu entfernen und von aller gemeinschaft mit Frankreich abzuschneiden. Schiller 993b = hist. kal. 1793 s. 808. aber es kann auch ein wirklicher acc. gesetzt werden, dem der satz mit dasz folgt, ein deutliches zeichen dasz dieser objectivisch steht: das hab ich gefürchtet, Burgheim, dasz es so gehen würde. J. M. Miller K. v. Burgheim 1, 77.
im 16., 17. und selbst noch im 18. jh. läszt man nach dasz gerne die verneinung folgen, ohne dasz dies im sinne des satzes etwas änderte, doch scheint jene demselben etwas unbestimmteres mitzutheilen: ich fürchte aber, das (dasz) nicht wie die schlange Heva verfürete mit jrer schalckheit, also auch ewre sinne verrücket werden von der einfeltigkeit in Christo. 2 Cor. 11, 3; ich fürcht das mich nit ein unglück angange. Maaler 147a; fürchten dz (dasz) einer uns nit etwas bösz thye. 146d. unterweilen werden sie eifersichtig und fürchten dasz nicht etwan der götz Jupiter ein schwan werde. Schuppius 406;

noch mehr, ich fürcht, Achat, dasz meine schwäche nicht,
wenn ich sie sprechen will, aus jeder sylbe spricht.
J. E. Schlegel 1, 79.

wie vorhin ein acc. das der conj. dasz vorausgieng, so kann hier auch ein accusativisch stehendes nichts vorausgehn: denn ich fürchte nichts so hoch, denn das (dasz) nicht der teufel umb euch bule und euch von Christus reisse. Luther 6, 357a.
γ) mit auslassung von dasz ein abhängiger satz mit dem verbum im conjunctiv sein: mhd.

ich vürhte, man bevinde
daʒ ich zuo iu gegangen bin. Iw. 1515;

ich vürht ëʒ mir niht wol ergê. 2160;

ungërne wolt ich im versagn,
wan daʒ ich fürhter wërde erslagn. Parz. 150, 24;

ich fürht diu habestu lâʒen dort. 254, 16;

ich vörcht, du wërdest ligen tôt.
Boner. 46, 26.

nhd. ich besorg unnd fürcht, du mögest es nit erleyden oder ertragen, timeo ut sustineas. Maaler 147a. ich fürcht du seygist meines sälten schreybens halb nit wol zefriden. ebenda. ich fürchte, der vatter werd es jnnen werden. Henisch 1294, 61. weil er fürchtete, durch eine neue heirath der schwester werde seinen kindern die erbschaft entgehen, die ihnen jetzt, da sie kinderlos ist, schöne hoffnungen gibt. Göthe 16, 119; das podagra zieht mir immer so herum, ich fürcht, es tret einmal in den leib. J. M. Miller K. v. Burgheim 1, 44; er fürchtete, seine Rübezahlsrolle dürfte bald ausgespielt sein, da der wahre Rübezahl sich ins spiel zu mischen schien. Musäus volksm. (1788) 2, 155. auch die form förchten findet sich noch im jahr 1775, wol mehr aus der Straszburger mundart geschöpft: grosz, ich bekenns, unaussprechlich grosz ist die gnade unsrer besten monarchin, aber ich fühl so was in mir, das mich förchten macht, sie komme zu spät. H. L. Wagner reue nach der that 132.
aber dieser conjunctiv wird auch häufig genug mit dem indicativ vertauscht, so dasz aus dem von fürchten abhängigen satze ein, freilich nur scheinbar unabhängiger wird: ich fürchte, ich fürchte, er ist auch ein wenig von der freygeisterey angesteckt. Lessing 1, 256; ich fürcht immer, Du bist noch gar nicht aus ihren schlingen. J. M. Miller K. v. Burgheim 1, 27; ich fürchte, mein gesandter und ich halten es zusammen nicht lange mehr aus. Göthe 16, 101; ich fürchte, wir sind alle betrogen und werden so betrogen, um nie ins klare zu kommen. 20, 193;

[Bd. 4, Sp. 699]


sieh du nach deinen rechnungen — ich fürchte, sie stehen übel. Schiller 212b (kab. u. liebe 5, 7); unsre sachen stehen gut, aber ich fürchte, die rache des himmels wird mich für dieses verwegene gaukelspiel strafen, und diesem thörichten haufen meine schwache sterbliche menschheit früh genug offenbaren. 962a = hist. kal. 1793 s. 593;

ich fürchte, oberst Buttler,
man hat mit euch ein schändlich spiel getrieben. 372a;

o weh! ich fürchte, sie sind aufgewacht
und es ist nicht geschehen. 563a (Macb. 2, 4);

o weh, o weh! ich fürcht, er ist geliefert. 592 (Tur. 2, 4).


δ) statt des beginnenden dasz mit seinem verbum durch einen inf. gebildet werden, indem dieses verbum mit wegfall des dasz in den inf. sich verwandelt, wobei das die person anzeigende pronomen, falls es sich auf das subject bei fürchten bezieht, gleich dasz wegfällt. ahd. bei Notker: siê forhton ferliesen divitias (rîhtuom). ps. 52, 6; ube ër dën scaz në habêti, dën ër furhtet ferliesen. Boeth. 121 (Graff s. 110, 119). mhd.

si begunde trûrenumb ir liebeʒ kint:
daʒ vorhte si verliesenvon Guntheres man. Nib. 61, 3;

Isôt diu vorhte sêre
verliesen lîb und êre. Trist. 15323 (Maszm. 385, 5);

borgtens âne gëlten,
dës vorhten sî engëlten. Iw. 7154;

ich vürhte laster ode dën tôt
von iu gewinnen morgen. 7452.


schon ahd. aber bietet sich auch, von fürchten abhängig, der inf. mit zu dar: Jôsêph, Dâvîdes sun, ni curi thû forhtan zi nëmanne Marîûn thîna gimahhûn. Tat. 5, 8 (Matth. 1, 20); siê forhton terrenum regnum (ërde rîche) ze ferliesenne unde ferluren caeleste (himilrîche). N. ps. 13, 5. sehr häufig und gewöhnlich nhd. und Mose verhüllet sein angesicht, denn er furchte sich gott an zu schawen. 2 Mos. 3, 6;

sie hielt den anblick erst für einen leeren traum.
sie dacht, ein schlummer wollt ihr diese freude machen,
drum furchte sie nichts mehr, als plötzlich aufzuwachen.
Rost schäfererz. 48. schäferged. 72;

schon furcht ich, heut und morgen nichts von Ihnen zu hören. Göthe an frau von Stein 2, 44; fürchte nicht ihn zu betrauren. Musäus volksm. (1788) 2, 207;

(Aias) furchte, von den tapfern schaaren der kriegrischen Troer ...
eingeschlossen zu werden.
Fr. Stolberg 11, 179 (Il. 5, 612), vgl. 13, 11;

schwer entwöhnt sich die protestantische welt von den hoffnungen, die sie auf diesen unüberwindlichen anführer (Gustav Adolf) setzte, und mit ihm fürchtet sie ihr ganzes voriges glück zu begraben. Schiller 967a = hist. kal. 1793 s. 627.
wie verloren erscheint im 16. jh. ein acc. mit inf. bei fürchten:

das (dasz) ich kainn mangel frcht einfallen.
Melissus ps. M 1a.


Sprichwörter und sprichwörtliche redensarten sind: der die blätter fürchtet, gehe nicht inn den wald. Henisch 1295, 11, womit stimmt der alle hecken fürchtet, soll nicht in den wald fahren jagen. Simrock 2932. die das schieszen förchten, gehören nicht inn krieg. Henisch 1294, 44. wer alles nicht fürcht, den beiszt der teuffel auch wol. 1297, 46. wer wasser und fewer nicht fürcht, der ist nicht weisz (weise). 52. ein gebranntes kind fürchtet das feuer, bei Henisch 1175, 3 gebrants kind fürcht das fewer, aber 1297, 40 verbrennts kind. er fürchtet seinen schatten, bei Henisch 1174, 45 der förcht sich vor jhm selbst, er förcht seinen schatten und 1294, 48 er fürcht sein aigen schatten, omnia tuta timet. gehet dirs wol, so fürcht den fall. 1297, 23. desz glaubigen vatter unser und haisse thränen sind wol zu fürchten. 1296, 9. den tod fürchten ist oft sterben. 6. jederman hasset, den jederman fürchten musz. 1297, 30. wen vil fürchten, der musz vil fürchten. 41. fürchte, die dich fürchten. Simrock 2937. besser verachtet, denn gefürchtet, wie man tyrannen fürchtet. Henisch 1295, 46.

wol zu fürchten ist der mann,
der falsch ist und wol reden kann. 1298, 7.

einen weisen mann fürcht jederman. 1296, 26. man fürcht keinen feindt länger, dann er lebt. 1297, 37. furcht den, der armut fürchtet. 1296, 33. von einem, der seine kopfbedeckung nicht abnehmen will, wo es sonst geschieht, heiszt es in Oberösterreich scherzhaft er fürcht, dasz d läus n katarrh kriegn. Wander 1, 1280, 76.

[Bd. 4, Sp. 700]



2) eine aus dem bewustsein des geringerseins hervorgehende seelenregung der pflicht und rücksicht empfinden oder kund geben gegen —. der hier stehende acc. drückt das höhere wesen oder überhaupt das höhere aus, dem gegenüber jenes bewustsein wie die aus ihm hervorgehende seelenregung stattfinden. dasz die oben unter 1) angegebene bedeutung hier mehr oder minder verbunden sein kann, liegt nahe. vgl. DWB furcht 2). vor allem häufig ist gott fürchten, den herrn fürchten. ahd. noh thû ni forhtis got. Tat. 205, 5 (170) = Luc. 23, 40. nhd. denn nu weis ich, das du gott fürchtest. 1 Mos. 22, 12; aber die wehmütter furchten gott und theten nicht, wie der könig zu Egypten jnen gesagt hatte, sondern liessen die kinder leben. 2 Mos. 1, 17; darum müssen jn (den allmächtigen) fürchten die leute, und er fürcht sich fur keinem, wie weise sie sind. Hiob 37, 24; sondern in allerley volck, wer jn (gott) fürchtet und recht thut, der ist jm angeneme. apostelg. 10, 35; wer ist der, der den herrn fürchtet? er wird jn unterweisen den besten weg. ps. 25, 12; das werden viel sehen und den herrn fürchten und auff jn hoffen. 40, 4; denn du, gott, hörest meine gelübde, du belohnest die wol, die deinen namen fürchten. 61, 6; das (dasz) der name des herrn gefürchtet werde vom niedergange und seine herrligkeit vom auffgang der sonnen. Jes. 59, 19. nach diesen biblischen ausdrücken wird fürchten später häufig gesetzt: gott umb etwas fürchten, in hinsicht auf etwas. Maaler 146d. wol zefurchten und in eeren zehalten. 147a. der tugendhafte fürchtet gott, ohne sich vor ihm zu fürchten. Kant 7, 112.
Sprichwörter und sprichwörtliche redensarten:

die zeit gehet hin, herkompt der todt,
thu recht, o mensch, und fürchte gott.
Henisch 1296, 68.

fürcht gott und thu wasz er dich haiszt,
traw auff sein zusag allermaist. 1297, 1.

kein könig hat so grosz gewalt,
wer gott nicht fürcht, den stürtzt er baldt. 35.

gott fürchten ist die höchste seligkeit. 1296, 66. wer gott fürchtet, uber dem ist niemand. 65. arme elende brüder, die gott können (lies kennen), fürchten unnd lieben, seindt reicher, denn gottlose reiche kinder. 50.
II. intransitiv, in der bedeutung: furcht empfinden, furcht haben in beziehung auf etwas.

drum fürchten wir mit grund,
wenn wir den schweif von diesem leib für schlimmer
noch halten, als das haupt.
Tieck Cymbeline 4, 2 (Shaksp. 1840 12, 221).

da der feind in das land eingebrochen ist, wer sollte da nicht fürchten? einen fürchten machen, machen dasz er sich fürchtet. es ist nicht wolgethan, wenn man kinder fürchten macht. man verbindet aber hier auch zu mit fürchten und sagt zu fürchten machen, was freilich heute unserm ohr ungewohnt klingt: man trug sich mit unzähligen spukhistörchen, die sich niemals begeben hatten, machte damit zaghafte wanderer zu fürchten. Musäus volksm. (1788) 2, 51; die welt ist so ungläubig, dasz man nicht einmal die kinder mit euch (Rübezahl ist angeredet) mehr zu fürchten machen kann. 184; diesz ist eine schelmerei von ihnen, um mich zu fürchten zu machen. A. W. Schlegel Shaksp. sommernachtstraum 3, 1 (Shaksp. 1840 4, 263); sie wollen einen esel aus mir machen, mich zu fürchten machen, wenn sie können. ebenda. mit der älteren form förchten: einen zu förchten machen. Dentzler 2, 112b. übrigens steht das part. praes. fürchtend auch deutlich in dem sinne von sich fürchtend: und als Klotilde fürchtend entflohen war. Jean Paul Hesp. 4, 131.
fügungen des wortes sind
1) mit dem genitiv. dieser drückt das aus,
a) für das man furcht empfindet oder besorgt ist. im ahd. zeigt er sich erst bei Notker, s. Graff 3, 691. mhd.

dër vuchs vil sêre vorchte
dër kinden sîn, ëʒ tët im nôt:
si wârn gevangen ûf dën tôt.
Boner. 16, 16,

= der fuchs war gar sehr in furcht und besorgnis für seine kinder. weitere belege s. Ben. 3, 386a. nhd. es ist deinen knechten angesagt, das (dasz) der herr, dein gott, Mose, seinem knecht, geboten habe, das er euch das gantze land geben und fur euch her alle einwoner des landes vertilgen wolle, da furchten wir unsers lebens fur euch seer. Jos. 9, 24, = für unser leben. öfter der haut fürchten, für die haut d. h. für das leben fürchten (vgl. haut):

[Bd. 4, Sp. 701]


mhd.

ër sach dî gaʒin um dën rinc
vol gewâfentir lûte,
dô wart ër furchten sîner hûte.
Dalimil s. 186, 31.

nhd. das (dasz) ich nicht gerne sehe die ketzer verbrennen, spricht er, ich fürchte der haut. Luther 1, 341b (von den neuen eckischen bullen und lügen); du furchtest der haut. 3, 134b; etliche fürchten auch der haut, sorgen, sie müssen leib und gut darüber verlieren. 5, 151a; für hundsklincken und bernhäuter, welche ihrer haut fürchten. Schuppius 382. Witzel furcht seins bauchs. Alberus wider Witzeln F 3a. er fürcht desz golds, oder das man jm das gold nit stäle, formidat auro. Maaler 146d. auch die form förchten findet sich hier: sie förcht jres hauses für dem schnee, denn jr gantz haus hat zwifache kleider. Luther tischr. 313a, = für ihr haus in beziehung auf das zukommen von schnee.
b) wegen dessen man furcht oder besorgnis hat: (Abraham) musste seines weibs auch fürchten. Luther 4, 76a, es zu verlieren;

Herodes tobte sehr, er furchte seiner krohne,
begienge kindermord.
Fleming 4.


c) in beziehung auf dessen gegenwart, dasein, entstehen, zukommen, gegenübersein, entgegensein, einwirken oder wirken man furcht oder besorgnis hat. s. DWB für I B 3) b), aber auch vor.

wird müssen fürchten grosser fahr.
Barth. Ringwald laut. wahrh. 298.


2) mit einer praep., und zwar kann diese sein
a) für mit accusativ. vgl. vorhin 1) a) und s. die bei für I A 4) e) angegebene bedeutung so wie sp. 633 auch zwei hierher gehörige stellen. andere mögen hier folgen:

doch fürchte nimmer
für meine stärke, für mein festes band
mit Rom, mit Scipio und mit der ehre.
J. Heinr. Schlegel Thomsons Sophonisba 20;

wir fürchteten einige tage für ihr leben. Klinger 9, 123; soll ich aufrichtig reden: ich fürchte Oranien, und ich fürchte für Egmont. Göthe 8, 185; weigerten sie sich, den wiederholten mahnungen des königs zu gehorchen, so hatten sie alles für ihre besitzungen, überlieferten sie sich ihren feinden, so hatten sie nicht minder für ihre persönliche sicherheit zu fürchten. Schiller 1050b;

ich fürchte nicht für dich,
denn vor dir fürchten die furchtbaren sich.
Rückert makamen 2, 186.

bei dem part. praes. fürchtend auch ohne für, das sich hinzudenken läszt, wie vor mit dat.: im angesicht Nürnbergs lagern sich zwey gewittertragende wolken, beyde kämpfende armeen drohend gegen einander, beyde sich mit fürchtender achtung betrachtend. 938a = hist. kal. 1792 s. 408;

darf ich es wagen, Ihre majestät ...
an völker zu erinnern, die die spur
durchwachter nacht mit fürchtender befremdung
in solchen mienen lesen würden. 271b (d. Carlos 3, 2);


auch mit hier tadelhaftem vor, das entweder durch mundartliche einwirkung oder durch verwechselung mit für sich da und dort einschleicht. vgl. DWB für I A 4) e). man fürchtete vor eine entzündung im gehirn. Charlotte v. Stein, in Göthes briefen an Friedr. v. Stein s. 165.
b) halb, halben, wegen. vgl. vorhin 1) b). ich fürcht meines läbens halb oder das ich stärbe. Maaler 147a.

jetzt entfliehe! nicht dem tod entgingst du,
wenn du bleibst.nicht meinethalben fürchte,
denn vor weibern zittert nicht der wütrich,
nimmer dann beraubt er mich des lebens.
Platen 326b.

er fürchtet wegen eines freundes, der schwer krank ist.
c) von: destwegen Petrus gefragt: herr, bin ichs? Johannes gefragt: herr bin ichs? Jacobus im gleichem: herr, bin ichs? einer nach dem anderen ehender geforchten von seiner aignen persohn als von Juda Iscarioth. Abraham a. S. Clara Judas 1, 300; jede partei fürchtet von der andern, jeder sieht in seinem nachbar seinen feind. Schiller 844a.
III. reflexiv: sich fürchten, furcht haben, aber auch so viel als furcht und besorgnis haben, mit furcht besorgt sein. organisch ist reflexiver dativ. goth. ni faúrhteiþ izvis! fürchtet euch nicht! Marc. 16, 6, hier ist also izvis nicht als acc., sondern als dat. zu nehmen, wie denn auch das gleichbedeutende ôgan reflexiven dat. hat (vgl. Luc. 1, 13. 30. Joh. 12, 15) und gleiches sinnes mit jenem zurufe ni ôgeiþ izvis! Matth. 10, 26 und Joh. 6, 20 gesetzt wird. vgl. gramm. 4, 29. ahd. ni forhtî thû thir! Tat. 2, 5; ni forhtî thir. 3, 4;

[Bd. 4, Sp. 702]


sprah thô druhtin innan thiu,quad: wiht ni forahtet ir iu!
O. III. 8, 29;

në furhten wir uns. N. ps. 45, 3; siê forhton in. 52, 6. s. gramm. 4, 33. mhd. belege s. ebenda 35 und Ben. 386a b.

si begunden in vurhten sêre. Judith 176, 25;

diu vrouwe vorhte ir sêre. Mai 53, 33.

wie aber mhd., so dauert auch noch nhd. der reflexive dat. fort: gelt du fürchst dir? furchst du dir, so far an galgen! Katzmair 77; fürcht dir nitt! Wirsung Cal. (1520) A 8a, vgl. DWB E 5b und M iijb; wer jm furcht der leg pantzer an. Schmelzl David 22a; fürchte dir nit, du kleine herd. Reiszner Jerus. 1, 97b, = Luc. 12, 32, wo bei Luther furchte dich nicht du kleine herd; ich fürcht mir. Maaler 147a. du fürchst dir, ehe dich jemand angreifft. Henisch 1174, 3. mit der form förchten:

vor zeitten sprach man: förcht dir nitt,
wenn du gast den rechten tritt!
thu yetz recht, fürcht dannoch dir,
keins wird in eern gedacht gar schier.
Murner schelmenz. s. 27;

die frowe sprach: ich förcht mir nitt.
Körners hist. volksl. 64;

gehe hin und förchte dir allweg. Agricola sprichw. 355b; ich förchte mir nicht, der richter wirdt mit meinem dienst zufriden sein. Henisch 1174, 42.
dieser reflexive dativ dauerte, wie die stellen aus Henisch zeigen, in der schriftsprache bis in das 17. jahrhundert und wurde in diesem, in welchem er nur noch sehr spärlich sich findet, dann völlig von dem, wie bereits vorhin die stelle Luc. 12, 32 zeigte, bei Luther gesetzten acc. verdrängt, und dieses aufgeben des organischen dat. überhaupt beim reflexiv scheint, nach der vermuthung Jacob Grimms gramm. 4, 36, dadurch herbeigeführt, dasz der acc. sich auch als dat. geltend wurde. allein verblieben ist er im volksmunde z. b. in Schwaben, woher noch bei Ernst Meier volksmärchen s. 245: da saits mannle: noi, du muszt zerste (zuerst) nüber! »ach, i fürcht mir!« saits weible.
mit reflexivem acc.: er (Adam) sprach (zu gott): ich hörete deine stimme im garten und furchte mich, denn ich bin nacket, darumb verstecket ich mich. 1 Mos. 3, 10; nacht und tag wirstu dich fürchten und deines lebens nicht sicher sein. 5 Mos. 28, 66; nun furchte sich zwar Floramene. polit. stockf. 341; aber sie furchte sich, darum kehrte sie um. Wiedemann dec. 31; weil ich mich vor den spottreden der schneider- und leinweberjungen, am meisten aber vor den leichtfertigen schülern furchte. Felsenburg 2, 443; nicht so der Grieche! er fühlte und furchte sich, er äuszerte seine schmerzen und seinen kummer. Lessing 6, 378 = Laokoon 1766 s. 6, vgl. auch Herder z. sch. lit. u. k. 4, 49; Röschen. ach! thut nur nicht, als ob Ihr Euch auch fürchtetet, sonst fürcht ich mich zehnmal mehr. Marthe. je ja, mein kind, ich will thun, als ob ich mich nicht fürchtete. C. F. Weisze kom. opern 3, 98. alterthümlich auch noch im 19. jh. im praet. forchte sich:

der wackre Schwabe forcht sich nit.
Uhland (1839) 398.


Das reflexive fürchten nun hat bei sich
1) gleich dem intransitiven fürchten einen gen., der das ausdrückt, was wir jetzt durch vor mit dat., auch durch wegen, in beziehung, in hinsicht, in betref mit gen. bezeichnen. s. nachher 2) und vgl. vorhin II 1). ahd. në furhte ih mir dës leides, non timebo mala. N. ps. 22, 4. mhd.

ër vorhte im grôʒer swære
daʒ ër versûmet wære. Gregor. 2899.

nhd. der sich gewiszlich keins manns auff erden fürcht. Ayrer processus 1, 13. in folgender stelle tritt die ursprüngliche genitivische natur von nichts hervor: fürchtet euch nur nichts. Sach. 8, 15. förchten für fürchten, in den beiden ersten stellen noch mit dem reflexiven dativ: sey guter ding, förcht dir nicht einer falschen hoffnung, sie werden gewiszlich kommen, es wirt jnen vielleicht etwas zu handen kommen seyn, dasz sie später kommen. buch der liebe 192, 1, = sei nicht in furcht und besorgnis wegen einer falschen hofnung;

dachte keiner ander herden,
förchtet jhnen keiner dieb.
Spee trutznacht. 238;

das (dasz) man sich nicht mehr förchten dörff unrechts, gewalts und auch auffruhr. Jac. Ayrer stift Bamberg 129a. später erlischt dieser gen. und es tritt an seine stelle das eben angegebene vor oder, wie man früher lieber setzte und in mundarten noch fortlebt, für mit dat., aber auch für mit acc. in der unter diesem worte I A 4) e) angegebenen bedeutung, oder eine praep. wie halben, wegen u. s. w. vgl. nachher 3) a) und b). nur

[Bd. 4, Sp. 703]


in einer redensart hat sich jene alte fügung mit dem gen. erhalten: sich der sünde fürchten, sich fürchten vor sünde, sich fürchten eine sünde zu begehn und darum etwas beabsichtigtes unterlassen, und diese gieng aus von stellen, die den eben angeführten gleich gebildet sind, wie weil aber die calender und almanach unser bibel worden sind, und die leute leyder mehr auff dieselbige, als auff gottes wort achtung geben, und sich derhalben keiner sünden fürchten. Schuppius 614, = vor keinen sünden fürchten, sie zu begehen; fürchte dich deiner sünden nicht, so lange du noch lebest, damit du dich am tage des gerichts vor niemand zu fürchten habest. Olearius pers. baumg. 9, 19, = deiner sünden wegen, in betreff deiner sünden. für die redensart selbst lassen sich beibringen: allein der recensent hat diesen mann (Lavater ist gemeint) seit einiger zeit genauer studiert und würde sich nun der sünde fürchten, dieses urtheil über ihn zu fällen. Göthe 33, 96; ich fühlte mich so glücklich in meiner lage, — liebe Henriette, so weit über alle meine hoffnung glücklich, dasz ich mich der sünde fürchtete, noch glücklicher werden zu wollen. — noch glücklicher? — sage, liebe Henriette, wäre es nicht frewel? — F. H. Jacobi Woldemar 1, 80, dafür in den werken 5, 232 matter dasz ich mich vor der sünde fürchtete. aber schon mhd. findet sie sich, natürlich mit reflexivem dativ, ohne artikel, wobei der pl. keinen unterschied machen kann:

die (eine jungfrau ist gemeint) swëbete in dën unden:
dô vorhte ich mir sunden,
ob (wenn) ich sie lieʒe irtrinken. kaiserchron. 11958.

gleicher weise bleibt auch heute noch im volksmunde, der den freilich in ihm hier vom gen. pl. nicht zu unterscheidenden gen. sg. hat, der artikel weg und man hört sich sünde fürchten oder vielmehr sich sünd fürchten. so in Oberhessen, in der Wetterau, zu und um Frankfurt am Main u. s. w.; in der folgenden stelle aber scheint die redensart der straszburgischen mundart entnommen: Evchen. jetzt geh sie, frau Marthan! geh sie! ich bitt sie darum. frau Marthan. hundert thaler wär mir freylich eîn schönes kapital, ... aber ich thät mich sünd förchten, sie jetzt allein zu lassen. H. L. Wagner kindermörderin 104. Evchen Humbrecht 129, wo fürchten steht. s. DWB sünde.
2) einen dat., der dasselbe ausdrückt, was für in dem sinne von »in beziehung auf, in hinsicht auf« mit dem accusativ. vgl. DWB für I A 4) e):

ich furchte mich nicht mir: dem du den krieg so mehrst
ist der Telemachus.
Opitz 1, 240 (Trojan. 691).

diese fügung aber ist eine sehr ungewöhnliche.
3) eine praep., und zwar
a) statt des eben unter 1) angegebenen gen. zunächst die praep. vor mit dat. in dem sinne: in beziehung auf die gegenwart, das dasein, das entstehn, das zukommen, das gegenübersein, das entgegensein, das einwirken, das wirken von dem was der dat. ausdrückt. man saget sonst im gemeinen sprüchwort: er fürchtet oder ärgert sich vor seinem eigenen schatten selbst. Simplicissimus 1, 3, 2 (s. 256 = Keller 1 s. 385); habt ihr euch vor dem dinge nicht gefurcht? Chr. Weise freim. redner 462; der tod fürchtt sich vor mir. Klinger theater 2, 315, s. gleich nachher die stelle; ist ein rechter bursch, fürcht sich vor hexen. Göthe 8, 21;

er fleht den schiffer um die überfahrt,
der fürchtt sich vor dem sturm und will nicht fahren.
Schiller 518a, W. Tell, erster druck s. 11;

meint ihr, wenn ich die kraft gebrauchen wollte,
ich würde mich vor ihren spieszen fürchten? 536a, = 131;

wir haben mit dem see gefochten, freund,
und fürchten uns vor keinem alpenwasser. 545b, = 194.

früher am häufigsten für, das auch noch bis in die jüngere zeit nicht selten vorkommt, in mundarten bis heute die allein gehörte form ist. s. DWB für I B 3) b). errette mich von der hand meines bruders, von der hand Esau, denn ich fürchte mich fur jm, das (dasz) er nicht kome und schlage mich, die mütter sampt den kindern. 1 Mos. 32, 11; du solt dich fur deinem gott fürchten. 3 Mos. 19, 14; und du fürchtest dich auch nicht fur gott? der du doch in gleicher verdamnis bist. Luc. 23, 40; ich fürcht mich für dir. Alberus dict. ss iija; und forchtete sich eine für der andern. Micrälius alt. Pommern 1, 153;

und hat gefurcht wol eigentlich
für einem welschen süplein sich.
Fischart v. s. Dominici K 3a;

sie furchte sich vornehmlich für der opferzeit,
die götter möchten sie, bei der gelegenheit,
vielleicht vor alt und jung beschämen
und zu beleidigt sein, ihr opfer anzunehmen.
Rost schäfererz. 59. schäferged. 84;

[Bd. 4, Sp. 704]


fürchtest du dich fürm tod? Klinger theater 2, 315, einige zeilen weiter aber steht die vorhin angeführte stelle. besonders zu erwähnen ist für mit nichts: wir fürchten uns für nichts. Hippel lebensläufe 4, 244. Auch die form förchten begegnet hier, in folgender stelle mit reflexivem dat.: förcht dir nicht für desz feuwers glut. buch der liebe 217, 1.
Auffallend erscheint bei sich fürchten der acc. nach der praep., er beruht aber auf verwechselung mit dem dat., der dem acc. im nd. gleich lautet: mache dasz sich dein kind vor dich fürchte, wann du ihm das gute lehrest und das böse abgewehnest. Olearius pers. baumgarten 7, 24.
b) andere praepositionen, als vor und für, zum theil auch statt des vorhin unter 1) angegebenen genitivs: fürchst dir ab dem donner? mir ist nüts drumb. Melander 2 nr. 364, = wegen des donners. vgl. wb. 1, 7. die fahrt über die Apenninen, auf die ich mich so sehr fürchtete, ging auf das beste und bei dem besten wetter von der welt von statten. Platen (1852) 7, 148. er fürchtet sich wegen seines ungehorsams.

o mensch was förchst du dir
ob mir, ich bin kein risz (riese).
H. Sachs I (1590), 298a.


4) einen abhängigen satz. mit dasz:

ach guter mann, nit förchte dir,
das (dasz) du hörst menschlich stimm von mir.
H. Sachs I (1590), 319c (425b).

mit auslassung von dasz, indem das verbum im conjunctiv steht: also dasz ich mir ubel furchte, es werde in kurz uber Teutschland eine plage gehen, dergleichen wir vielleicht bisher nicht erfahren und uns auch nicht versehen. Luther br. 4, 195; da furchte ich mich, es möchte wohl gar Neptuns liebling seyn. Ramler einleitung in die schönen wiss. (1762) 1, 397. mit auslassung von dasz und wandlung des verbums in den inf. mit zu: sie furchte sich nicht von den menschen gesehen zu werden. Lessing 6, 457 anm.; er furchte sich den pastor zu erzürnen. Stilling jünglingsjahre (1778) 19.
mit andern conjunctionen, als dasz: darumb vorchten wir uns nit, so die erde wirdt bewegt und die wasser (es sollte »berge« stehn) werden übertragen in das herz des meeres. bibel von 1483 273b (ps. 45, 3); und (Gideon) sprach zu seinem erstgebornen son Jether: stehe auff und erwürge sie. aber der knabe zoch sein schwert nicht aus, denn er furchte sich, weil er noch ein knabe war. richt. 8, 20.
Seltsam erscheint ein impersonales mich fürchtet = ich fürchte, für welches Heynatz antibarb. 1, 453 mit der mit recht beigefügten bemerkung, dasz es nicht gut sei, einen beleg beibringt: mich fürchtet, der gott Israel schlägt das ganze heer der Midianiter. volkslehrer 1784 st. 8 s. 462.
5) eine besondere nähere bestimmung. dies z. b. in sich zu tode fürchten: wir müssen uns nicht zu tode fürchten für eim lebendigen teufel, viel weniger für sterblichen armen menschen. Luther 8, 42b. sich in etwas fürchten, in einer sache furcht haben: wenn sich einer in etwas nicht fürchten sol, der mus sich zuvor darinnen üben. denn alles bedünket einem swer zu seyn, ehe man es versucht. Butschky kanzl. 426.
Sprichwörter und sprichwörtliche redensarten: wer sich fürchtet, den beiszen die hunde = ein furchtloser oder herzhafter erreicht ohne hemmnis seine absicht, kommt bald zum ziel, oder um bald seine absicht zu erreichen, darf man keine furcht zeigen. ähnlich wer sich fürcht, den beiszt der teuffel. Henisch 1297, 51. fürchst du dich für den pintzen (binsen) im hanf, so friszt er dich, förchst du dich nicht, so thut er dich (lies dir) nichts. 1296, 45. ein jeder fürcht sich, wenn der todt für der thür ist. 25. wer sich nicht fürchtet, dem ist keine übelthat zu grosz. Simrock nr. 2936. die dieb fürchten sich, wann sie ein stimm hören, oder, ein dieb fürcht sich vor einem rauschenden blat. Henisch 1295, 13. von einem allzu furchtsamen, der gleich zum gebete seine zuflucht nimmt, sagt man wer sich fürcht, der lauff inn die kirch. 25, vgl. Simrock nr. 2930. dann heiszt es von einem furchtsamen auch im spott ich fürcht mich für zehen nicht, wenn ich allein bin. 9, vgl. Simrock nr. 2933. wer sich vor funken fürchtet, der gibt keinen schmied ab. Simrock nr. 2926. ein metzger fürcht sich nicht für vil schaafen. Henisch 1296, 15. wilt du dich nicht fürchten für der obrigkeit, so thu guts. 1298, 3.
Zusammensetzungen, in welchen fürchten letztes wort ist, sind: abfürchten (reflexiv sich abfürchten = von furcht erschöpft werden, durch furcht sich erschöpfen, metu confici, debilitari,

[Bd. 4, Sp. 705]


exanimari. bey belägerungen fürchten sich vil leute ab, dasz sie nimmer wieder fro werden. Stieler 588), ausfürchten (Stieler ebenda), befürchten, fortfürchten, zerfürchten.
 
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fürchten, n. der inf. des vorigen verbums substantivisch. ahd. lâ dîn furhten sîn. Boeth. 40. nhd.

stehen nicht Amors tempel offen?
wallet nicht zu dem schönen die welt?
da ist das fürchten! da ist das hoffen!
Schiller 497a;

märchen von einem, der auszog das fürchten zu lernen. brüder Grimm märchen nr. 4. auch hier begegnet früher noch die form förchten: gib mir nitt mer peyn mit deinem förchten, miltr dein red. Wirsung Cal. (1520) H iijb.
Sprichwörtlich

hüet sich wer sich hüeten kan,
fürchten ist ein gefangener mann.
Henisch 1297, 25.


vgl. DWB fürchtung.

 

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