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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
furchtbar bis furchtbarhehr (Bd. 4, Sp. 692 bis 694)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) furchtbar, adj. furcht hervorbringend, furcht bewirkend. es findet sich weder ahd. noch mhd. und nhd. nicht vor der zweiten hälfte des 17. jh., gegen dessen ende Stieler 588 das wort neben furchtlich hat, aber die blosze anführung bei ihm läszt schlieszen, dasz es noch wenig gebraucht gewesen, und das scheint sich auch dadurch zu erweisen, dasz Rädlein, Dentzler, Weismann, Kirsch, die den ersten jahrzehnten des 18. jh. angehören, furchtbar oder, wie die drei erstgenannten schreiben würden, forchtbar nicht aufgenommen haben. selbst bei Steinbach, Frisch, Ludwig, welche die form mit u haben müsten, sucht man das wort vergeblich. Gottsched, der es übrigens in seiner grundlegung s. 201 unter -bar noch nicht angibt, verzeichnet es in seiner aus jener erweiterten deutschen sprachkunst von 1762 s. 247; dagegen scheinen es Nieremberger, Bernhold, Crichton (1769) und Weber wieder nicht zu kennen. der erste, der es aufs neue in ein wörterbuch aufnahm, war Moerbeek, dessen deutsch-holländ. wb. (3. ausg., Leipzig 1768) s. 116b furchtbar enthält; in das deutsche wörterbuch aber führte es dann für immer Adelung ein, der es in dem 1775 erschienenen zweiten theile sp. 361 mit dem beifügen hat »in der edlen und höhern schreibart der neuern«, was deutlich dafür zeugt, dasz das wort ein nicht lange her geläufig gewordenes ist.
die eben angegebene eigentliche bedeutung ist die üblichste.

und wenn der kalte nordwind blies
und seine furchtbarn flügel stürmten,
die schnee auf schnee verderblich thürmten.
Uz (1768) 1, 187,

durch welche töne wälzt mein heiliger gesang
wie eine flut von furchtbarn klippen,
sich strömend fort und braust von meinen lippen! 207;

die porzelane zeit war es, die mit einer furchtbaren hippe den zerbrechlichen Amor in der laube herumjagte. Thümmel Wilhelmine 113 (1764 s. 81); das hohle furchtbare getöne der stürmenden glocken. 127 (91); man kann einen gegenstand als furchtbar betrachten, ohne sich vor ihm zu fürchten. Kant 7, 111; furchtbarer fremdling! bist du vielleicht der satanische poltergeist dieser wüste? Schiller nachlese 1, 104 (räuber, Mannh. theaterausg. 4, 16); der könig von Schweden mit einer furchtbaren armee vor den thoren. werke 923b;

warum dürfen wir ihrer lachen?
weil wir einen furchtbaren haufen ausmachen! 327a.

[Bd. 4, Sp. 693]



aber diese eigentliche bedeutung geht nicht selten in die über: durch überwältigende grösze furcht hervorbringend. daraus entwickelt sich dann noch die weitere: durch überwältigende grösze oder durch gewaltige macht tiefen eindruck machend. alle bedeutungen lassen sich mitunter schwer scheiden, namentlich die beiden letzten.

ich bringe dir befehle
vom herrscher des Olymps, von jener furchtbarn macht,
von der der himmel bebt, des erdballs achse kracht.
Schiller 41a;

furchtbarer Talbot! unbezwinglicher! 472a;

Sorel. gott, sie verstummt. Thibaut. das musz sie vor dem
furchtbarn namen (des dreieinen),
der in der hölle tiefen selbst
gefürchtet wird! 479b;

sollt ich
noch unglückselger werden, als ich war!
furchtbare heilge! deine hand ist schwer! 482b;

zwar, weil der vater noch gefürchtet herrschte,
hielt er durch gleicher strenge furchtbare
gerechtigkeit die heftigbrausenden im zügel. 489b;

wenn die wolken gethürmt den himmel schwärzen,
wenn dumpftosend der donner hallt,
da, da fühlen sich alle herzen
in des furchtbaren schicksals gewalt. 510b;

furchtbarer schatten! wesenloses schreckbild! 571a;

wo meiner ahnherrn alte mahle sind,
stellt sich ein tempel dar, furchtbar dem meineid. 623a;

was habt ihr denn in eurem furchtbarn rath
beschlossen über sie?
Göthe 9, 284.

vgl. fürchterlich.
 
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furchtbar, adv. vom vorigen adj. und mit diesem gleichbedeutend:

furchtbar wehte die flamm in der nacht, die Moria bedeckte.
Klopstock Mess. 12, 758;

furcbtbar billt aus dampfender grotte
mit weitgeöffnetem schlund
hinter dem fallenden gotte
Garm der höllenhund!
Gerstenberg ged. eines skalden (Kopenhagen 1766) s. 24;

fürchterlich flammte der grimm des königs, furchtbar sein eidschwur.
Kosegarten poesien 2, 12;

ein furchtbar gräszlich ansehn hat die that,
doch der gerechte himmel hat gerichtet!
Schiller 507a;

denn unser furchtbar aufgelöstes schicksal
macht unsre rechte gleich, wie unser unglück. 512b;

mich lasz dem geist gehorchen, der mich furchtbar treibt. 514a;

dann bin ich der vollstrecker des gerichts,
das furchtbar über ihn ergehen musz.
Uhland Ernst 14;

gott! es geht mir furchtbar auf. 30;

von dir, geliebte, soll ich scheiden,
das schwarze loos der trennung fällt.
ich kann nicht das verhängnisz meiden,
das furchtbar seine urne hält.
Schmidt v. Lübeck lieder 222 (1847 s. 216),

wo, wenn das adj. stünde, wol das, furchtbar, seine urne hält abgetheilt sein würde. aber in den folgenden stellen scheint das wort adv., während es eigentlich adj. ist:

doch furchtbar wird die himmelskraft (das feuer),
wenn sie der fessel sich entrafft.
Schiller 78b (glocke);

Leicester. vor solchen waffen (eine bannbulle ist gemeint) zittert England nicht mehr.
Burleigh. sie werden furchtbar in des schwärmers hand. 419a (M. Stuart 2, 4).


 
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furchtbarangenehm, adj. furchtbar und zugleich angenehm:

da schwand der furchtbarangenehme traum.
Herder.


 
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furchtbarböse, adj. furcht erweckend böse:

siehe da trat entgegen dem furchtbarbösen gedanken (Coriolans)
unbewaffnet ein weib, und sie errettete Rom.
Herder zerstr. bl. 6, 38.


 
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furchtbardrohend, adj. zu und mit hervorbringen von furcht drohend:

und wie dein (prinz Ferdinand von Wirtemberg ist angeredet) federbusch in dichtgedrängten reihen
der helden Östreichs furchtbardrohend wallt.
Schubart ged. (1787) 2, 126.


 
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furchtbarertönend, adj. zur furcht ertönend:

zwo mücken mit groszen
furchtbarertönenden kriegsposaunen.
Chr. Stolberg ged. (1821) 2, 227.


 
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furchtbarfeierlich, adj., dann adv.: furcht erweckend feierlich. furchtbarfeierlich, indem er die hand auf ihren

[Bd. 4, Sp. 694]


(Luisens) kopf sinken läszt. Schiller, historich-krit. ausg. 3, 500 (kab. u. liebe 5, 7).
 
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furchtbarflammend, adj. mit und zu erweckung von furcht in flammen brennend. dann: gleich flammen glänzend so dasz furcht entsteht oder eingejagt wird.

reine tochter des gottes mit furchtbarflammendem schilde.
Fr. Stolberg 11, 49 (Il. 2, 155).


 
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furchtbarfrei, adj., dann auch adv.: frei und zugleich durch und für die freiheit furcht erweckend.

wir, die uns kranker wollust weihn,
geschwächt vom gifte weicher sitten,
wir wollen derer enkel seyn,
die, rauh, doch furchtbarfrey, für ihre wälder stritten?
Uz (1768) 1, 46.


 
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furchtbargrosz, adj. durch überwältigende grösze furchtbar. vgl. DWB furchtbar sp. 692 unten. in der unermeszlichen ausdehnung furchtbar:

klein fühl ich mich in diesem furchtbargroszen,
und fortgeschleudert, wie das blatt vom baume,
verlier ich mich im gränzenlosen raume.
Schiller 498a (braut v. M.).


 
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furchtbarhehr, adj. furcht erweckend und zugleich feierlich erhaben:

die Erinne,
die furchtbarhehre,
vollbrachte des vaters
Ödipus fluch!
Fr. Stolberg Aeschylos 134.

 

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