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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
furchig bis furchtbarböse (Bd. 4, Sp. 682 bis 693)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) furchig, adj.
1) furchen enthaltend, von furchen durchzogen die hervortretend sichtbar sind. ein furchiger acker, in dem die furchen zu sehr hervortreten.
2) in einfurchig, zweifurchig u. s. w. in hinsicht der bestellung: einmal umgepflügt, zweimal umgepflügt u. s. w. vergl. furche 3). eine einfurchige bestellung, eine zweifurchige bestellung, je nachdem der acker zu dieser einmal oder zweimal gepflügt worden ist.
Die gewöhnliche form namentlich Mitteldeutschlands, mit unterdrücktem umlaute; richtiger ist die folgende umlautende.
 
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fürchig, adj. furchen enthaltend. bair. in einfürchig, zweifürchig, dreifürchig u. s. w., eine, zwei, drei u. s. w. furchen enthaltend. Schmeller 1, 560.
 
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fürchlein, n., dim. von furche. mhd. könnte vürhelîn vorkommen; ich vermag es aber nicht nachzuweisen. nhd. fürchlein, sulculus. Henisch 1293, 27 und danach Stieler 415. und so die selben (die zehen des meerknoblauchs) zertheylt sind, setzt man sie in uffgeworffne fürchlin, da mit sie im winter dester weniger schadens von dem wasser nemen. Herr ackerwerk Columelle 112b (Col. 11, 3). s. auch furche 4).
eine schmale auskehlung an einer säule u. dgl. stria, eyn hol käl an den seülen, kleyne fürchlin an den seülen. Dasypodius 234a und danach Serranus dict. z 8b, der fürchlein schreibt. das hohe fürchlin an einer auszgegrabnen säulen, stria. Henisch 1293, 28. strigilis, eine holzkehle, oder das ausgeholte

[Bd. 4, Sp. 683]


fürchlein an einer seule. Corvinus (1660) 1, 639; scapus striatus, ein stengel der solche fürchlein hat. ebenda. das hohe fürchlein an einer seule, stria, plica. Stieler a. a. o.
 
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furchmacher, m. was furchenmacher. bei Alberus im dict. L ijb, wo es aber, wie »sulcare, proscindere« davor und zackern dahinter zeigen, die zusammengehören, druckfehler für furchmachen. doch dieses spricht für zulässigkeit der bildung furchmacher.
 
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furchnachbar, m. was furchgenosz, s. d.
 
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furcht, f. eine in beziehung auf bevorstehendes oder höheres (erhabenes) zurück- oder fernhaltende seelenregung, timor. ahd. forahta, forhta, in schwache declination übergehend forahtâ, forhtâ, mhd. vorhte, mit abfall des auslautenden e vorht, mit ausstoszung des h vorte, vort, alts. forahta, forhta, mnd. mit versetzung des r vrochte, nnd. mnl. vrucht, nnl. nur in godvrucht, godsvrucht, gottesfurcht, sonst veraltet und durch vrees f. (s. freis) verdrängt, altfries. fruchte (Richthofen 769b). daneben stellt sich goth. faúrhtei f., ags. fyrhto, engl. fright, abgeleitet von dem goth. adj. faúrhts, furchtsam, ahd. alts. foraht, forht, ags. forht. beide aber, dieses adj. wie jenes ahd. und alts. subst. forahta, forhta, bildeten sich durch ableitung mittelst -t dem vermuthen nach von der vorauszusetzenden goth. wurzel faírhan (s. DWB furche), wonach sich bei faúrhts als grundbegrif eindringlich aufgewühlt, d. h. innerlich durchdringend aufgeregt, bei forahta, forhta, durchdringende aufwühlung, d. h. innerliche durchdringende aufregung, annehmen lassen würde. in so fern diese wurzel aber, wie bei furche gezeigt worden ist, auf die einfachere und sonach ursprünglichere goth. faíran, ahd. fëran, führt, berührt sich engl. fright mit dem ebenfalls engl. fear, furcht, welches ags. fær, unser nhd. fahr f. (s. d.), ist. im nord. fehlt eine furcht entsprechende form und nur dän. findet sich frygt, das jedoch dem niederdeutschen nachgebildet ist.
ähnlich dem ahd. forahta hört man noch in Schwaben furacht (betont fúracht). Schmid 210. bair., tirol. forcht. Schmeller 1, 560. Schöpf 147. kärntisch forcht und fuercht. Lexer 105. wie aber nach den vorhin angegebenen mhd. formen mit ausstoszung des h vorte, vort vorkommt, das in dem der mundart rechts vom Oberrhein eignen furt (Birlinger die alemannische sprache rechts des Rheins s. 122) heute noch fortdauert, so mitteld. mit ausfall des r auch fochte. metus i. e. timor, fochte. voc. ex quo v. 1469. noch wetterauisch fôcht. vgl. fürchten.
u statt seiner von dem a der endung -ah-t abhangenden brechung o taucht, wie furchte und furthe bei Diefenbach 360a u. 583c, mnd. vruchte ebenda 360b, zeigen, im 15. jahrhundert auf, während noch früher mnl. vrucht erscheint; die alte form forcht jedoch bleibt dem mhd. gemäsz auch im 15. jahrh. hochdeutsch die fast allgemein gültige und kommt selbst noch bis ins 18. jahrh. häufig vor. forcht, metus .i. (= i. e.) timor, formido. voc. theut. von 1482 ijb. vorcht oder schreck, pavor. mm 3b. eben so haben Eychman v 6a, der voc. incip. teuton. e 8a, der vocab. gemma-gemmar. von 1505, Dasypodius, Serranus, Frisius (1556) und nach diesem Maaler forcht, während Alberus in seinem dictionar. ss iijb furcht schreibt, doch forcht einmal mit unterlaufen läszt (s. DWB furchtsam). bei Henisch ist diese form noch die übliche und jene mit u tritt daneben wie Luthers bibelübersetzung entnommen auf. bei Schottelius findet sich s. 1318 forcht und eben so wol 1321 furcht, bei Stieler sp. 588 als gebrauchte form diese, daneben aber wird forcht blosz angeführt. im 18. jh. setzt Weismann wieder umgekehrt forcht als hauptform und führt daneben 2, 135b nur furcht an, um auf jenes zu verweisen, während Rädlein beide formen neben einander hat und der Zürcher Dentzler blosz forcht zu kennen scheint. Steinbach setzt nur furcht und Frisch nimmt forcht auf, um auf furcht zu verweisen, bei welchem jene form auch nicht einmal mehr erwähnt wird. forcht ist damit als völlig verdrängt zu bezeichnen und furcht allgemein und allein gültig. s. auch DWB forcht 3, 1888.
der unverkürzte sg. furchte bricht hier und da durch und zwar neben furcht bei den nemlichen schriftstellern die dieses haben:

ich mercke dasz bey jhr
mehr furchte sey als leydt.
Opitz 1, 240;

zumal wo furchte steckt.
Tscherning ged. frühl. 88,

vgl. auch die stelle nachher sp. 685, dagegen steht furcht z. b. 227;

als nun der hirten schaar
fast gantz von dannen war
ausz furchte der gefahr (des krieges).
Fleming 402;

lasz dich die furchte nicht bezwingen.
Hoffmannswaldau getr. schäfer 27;

[Bd. 4, Sp. 684]



desz todes furcht ist tod (adj.), mehr als der tod: der tod
verkürtzt, was jhn vergällt, der furchte bittre noth.
Logau 3, 17, 71.

auch bei Luther findet sich neben furcht im dat. furchte (z. b. Luc. 21, 26). weitere belege für die form bieten sich in den unten angeführten stellen. auffällig, weil unorganisch, ist der zuweilen erscheinende sg. fürchte:

da Sina durch den brandt, durch grosses fewerblincken,
durch deiner stimme macht schier meinte zu versincken,
aus fürchte zue vergehn, zu schmeltzen gar und gantz
vor deiner majestet und unerhörten glantz.
Opitz 1624 s. 141,

dagegen 1645 3, 239 an derselben stelle furchte;

denn das sag ich vor gewisz, als ein guter freund,
dasz auch alle die hie stehn gröszer fürchte führen
vor den Reiniken, als sie vor euch laszen spüren. Reinke fuchs, Rostock 1650, s. 25.


der nhd. pl. ist furchten, im 16. jh. auch forchten.

o wie viel
ist noch zu thun? all meine hoffnungen
und furchten starren erschrocken auf und schauen
übers lebens schmalen rand hinab, hinunter!
Herder z. sch. lit. 16, 118;

andre furchten schweben mir vor den augen. Haller Fabius und Cato s. 104; weil die strengste von allen furchten, die furcht lächerlich zu seyn, den Römer zwingen wird, sich seinen verwöhnten mitbürgeren gleichzustellen. 90, wo es auch eben so wol aller furchten heiszen könnte;

wer dich im frieden schawt, ist aller furchten frey.
Opitz 1, 5;

doch uns hat nie verletzet
verzagter furchten blitz.
A. Gryphius (1663) 18 = Leo 2, 37.

am häufigsten ist, wie unten stellen zeigen werden, der dat. gebraucht. heute kommt der pl. des wortes höchstens nur noch alterthümlich vor. vergl. nachher bei in furcht und von furcht die stellen von Klamer Schmidt und Friedr. Aug. Wolf. er lautet aber furchten, nicht weil schon ahd. bei Notker nach schwacher biegung im pl. der nom. und acc. forhtûn, der dat. forhtôn vorkommt und der gen. forhtôn lauten würde, sondern weil nhd. die ursprünglich organisch stark declinierenden feminina auf -e, auch wenn sie dieses, wie schar, zahl u. s. w., abwerfen, den pl. schwach bilden. mhd. vorhte hat, der ganz regelrechten starken declination gemäsz, den nom. und acc. pl. vorhte, den gen. und dat. vorhten. übrigens findet sich dem obigen sg. fürchte gemäsz auch der pl. fürchten und zwar wieder bei einem und demselben schriftsteller neben furchten:

lebest nu in gottes fürchten.
Ringwald laut. warheit 186;

mit grossen fürchten sorgen. dessen geistl. lieder B 4a.

vgl. auch die stellen unten unter 1) b) und unter 2). auffallend ist der gen. sg. furchts statt furcht oder, mit dem artikel, der furcht:

dasz hier mehr furchts und noths!
A. Gryphius 1, 15.

aber dieses s scheint aus dem gen. sg. männlicher und neutraler substantive angetreten und ist völlig unorganisch. s. DWB fürsprache.
Nun zu der angegebenen bedeutung. diese entfaltet sich nach zwei richtungen, die seelenregung nemlich ist
1) eine unangenehme, veranlaszt durch eine wirkliche oder mögliche, auch blosz eingebildete gefahr, durch ein übel das zukommt oder zukommen kann, eben so wol eine unangenehme seelenregung in beziehung auf ein wesen das diese gefahr oder dieses übel zukommen läszt oder doch zukommen lassen kann.
a) furcht in seiner stellung überhaupt. furcht ist nicht in der liebe, sondern die völlige liebe treibet die furcht aus, denn die furcht hat pein, wer sich aber fürchtet, der ist nicht völlig in der liebe. 1 Joh. 4, 18, wobei sich vergleichen läszt

die wenigen, die ihm noch treu geblieben,
knüpft liebe nicht, nur furcht an seine fahnen.
Schiller 578b (Macb. 5, 3);

der herr lies seine furcht uber alle heiden komen. 1 chron. 15, 17;

für weiber ist die furcht.
Fleming 221;

löse, erstgeborner bruder (Jesus ist angeredet),
doch die ruder
meines schiffleins, lasz mich ein
in den sichern friedenshafen
zu den schafen,
die der furcht entrücket sein.
Allendorf, in dem geistl. liede »unter lilien jener freuden;«

[Bd. 4, Sp. 685]


daher beschleunigte ich meine reise, und die furcht machte meinen füssen so zu sagen flugel. N. Klims unterirdische reise (Copenhagen 1765) s. 144; jene theurung und die noch schlimmere furcht, welche leicht zu unordnungen führet, wird alle orte treffen, welche zu sehr auf die wochenmärkte rechnen und sich blos von einem tag zum andern versorgen. Justus Möser 2, 390 (1778 262); der mensch hat bei eignen und fremden leiden nur drey empfindungen, furcht, schrecken und mitleiden, das bange voraussehen eines sich annähernden übels, das unerwartete gewahrwerden gegenwärtigen leidens und die theilnahme am dauernden oder vergangenen: alle drey werden durch dieses kunstwerk (die gruppe des Laokoon) dargestellt. Göthe 38, 49; der natur ist furcht wohl gemäsz, ehrfurcht aber nicht: man fürchtet ein bekanntes oder unbekanntes mächtiges wesen, der starke sucht es zu bekämpfen, der schwache zu vermeiden, beide wünschten es los zu werden und fühlen sich glücklich, wenn sie es auf kurze zeit beseitigt haben. 22, 13; es war die zeit der pfirschen, deren reichlichen genusz sie uns jeden morgen versprach, wenn wir nachts die furcht überwunden hätten. 24, 17; rede! rede! ich bin der mann der bleichen furcht nicht. Schiller 135b;

was nützt der führer muth, der helden arm,
wenn bleiche furcht die heere lähmt?
ein schrecken, wie von gott herab gesandt,
hat auch die brust der tapfersten ergriffen. 451a;

kein merkmal bleicher furcht, kein wort der klage
entehrte meine königin. 440a;

dér furcht kann es entledigt sein. 416a;

furcht, die schreckliche begleitung
der tyrannei, wird schaudernd vor dir herziehn,
und jede strasze, wo du gehst, veröden. 437a (M. St. 4, 9).

zweifelnd noch in dem entschlusse
geht sie, bleibt sie wieder stehn:
furcht heiszt sie mit einem fusze,
liebe mit dem andern gehn.
Boie in Ramlers lyr. blumenl. 1, 309 und in Weinholds Boie 293.

knechtische furcht, eine zu gehorsam u. s. w. nöthigende furcht vor bestrafung. panische furcht, eine plötzlich überfallende und allen muth benehmende, wie wir auch sagen panischer schrecken (s.schrecken): wenn aber das läszige rückwärtssehen den blick der vorsicht schwächt, wenn es den, der ihn thut, in süsze träume wieget, oder ihn gar in eine so panische furcht setzt, dasz er keinen tritt vorwärts waget und, wo möglich, hinter sich selbst zurückbliebe. Herder z. sch. lit. u. k. 6, 300.
furcht kommt einen an, kommt über ihn: und als Zacharias jn (den engel) sahe, erschrack er, und es kam jn eine furcht an. Luc. 1, 12; denn es war sie eine grosse furcht ankomen. 8, 37; es kam auch alle seelen furcht an. apostelgesch. 2, 43. furcht wandelt einen an: als er aber die feurigen augen erblickte, wandelte ihn ebenfalls furcht an. brüder Grimm märchen nr. 36 (1857 1, 192). furcht überfällt einen. furcht ergreift einen (s. sp. 689 die stelle Schiller 503a). furcht erfüllt einen. furcht haben. furcht empfangen, s. unten unter c) γ) die stelle aus Franks weltbuch. furcht machen. furcht erwecken. einem furcht einjagen. einem die furcht benehmen, einen der furcht benehmen. früher auch forcht (s. d.). eim forcht in bsen stossen, einen schräcken ynstossen, einen forchtsam oder angsthafft machen, injicere timorem, afferre metum alicui. Maaler 139c.
b) furcht nach einer praeposition, von der es regiert wird. hier sagt man aus furcht, veranlaszt durch furcht, auf grund der furcht: am abend aber desselbigen sabbaths, da die jünger versamlet und die thür verschlossen waren, aus furcht fur den Jüden, kam Jhesus und trat mitten ein. Joh. 20, 19;

mich dünckt du wohnest jetzt ausz furchte nicht bey dir.
Tscherning ged. frühl. 226,

weswegen denn aus furcht eines geschwinden überfalls sich das gantze lager verlaufen. Hofmanswaldau, bei Steinbach 1, 530; dem etwas aus furcht entfällt, cui aliquid prae timore excidit. Steinbach ebenda;

er macht dich sonst aus furcht nicht von der marter frey.
Rost schäfererz. 18. schäferged. 23.

aus furcht vor gespenstern nachts nicht aus dem zimmer gehn. eben so früher im pl. aus furchten:

zu dem, der lieber uns will sonder glauben wissen,
als dasz man seine furcht aus furchten ein soll schliessen,
und nach dem winde gehn.
Opitz 1, 6.

[Bd. 4, Sp. 686]


auszer furcht, nicht in furcht: o, seyd auszer furcht! schon die politik könnte sie zwingen, wort zu halten. Schiller 123a. durch furcht:

vorsätzlich zögern die, durch furcht, bestochnen!
V. Weber Tell 239.

in furcht, wo furcht entweder dat. oder acc. ist. wenn dat.: in furcht sein. der knabe ist immer in furcht vor seinem strengen vater. früher auch der pl.: indem man wegen abgang des kindes in grösten furchten war. Ettner hebamme 509. dieser pl. begegnet selbst noch zu anfange des gegenwärtigen jh.:

so wie die diener umher, die vor des teufels krallen
in furchten sind und platt zu boden fallen.
Klamer Schmidt kom. dicht. 196.

in furcht stehen, früher ebenfalls der pl.:

der sonsten allezeit hat seine rüstung an,
der nie für schwerdt und todt in furchten pflegt zu stehen.
Werder Gottfried 13, 61;

dasz er hinfüro alle tag und alle stund wird müssen in furchten stehen, dasz er namhafft gemacht, criminaliter angeklagt und für der gantzen welt zu schanden gemachet werde. Schuppius 565; bist du eines andern geboht und willen unterworffen, so stehet er selbst offt in grossen furchten. Butschky Patmos 85; doch was wolte er machen, verantworten kunte er sich nicht, und darzu muste er in furchten stehen, es möchten noch berenheuter und ohrfeigen unter einander auff ihn zufliegen. drei erznarren 353 (1672 s. 366); ich stehe so genung in furchten, wann ich bey denen kindern meine meynung werde mit beytragen sollen. Ettner hebamme 558; weiln er wegen des starcken durchbruchs bey verliehrung der kräfte des patientens in furchten stehet. 799. in furcht leben, in der furcht leben. er musz dem gläubiger die wahl lassen, ob dieser ihm seine bewegliche oder unbewegliche haabe und güter zur bequemen oder unbequemen zeit nehmen wolle, mit einem worte, er musz immer in der furcht leben. J. Möser patr. phant. 2, 231 (1778 s. 104). in furcht schweben. auch hier früher der pl.: musz ich in beständigen furchten schweben. Felsenb. 2, 345. bei andern verben:

dennoch übergieszt mich ein grauen, ...
da ich erfüllt musz vor augen schauen,
was ich in ahnender furcht nur gesehen.
Schiller 507a.

auch die alte form forcht kommt hier vor: in der forcht verschlucken sie jre jungen. Forer fischb. 77b. im pl.: fraw, ich leyd mich in forchten, dann du dich mit recht erzürntest. Wirsung Cal. (1520) F 8b. wenn acc.: in furcht setzen. der in furcht gesetzte bischof übergab die letztern (es sind angeworbene soldaten gemeint) sogleich in die hände des Tilly. Schiller 930b. s. auch vorhin die stelle von Herder zu panische furcht. in die furcht geben, machen dasz die furcht erfüllt: in wil dich sampt allen deinen freunden in die furcht geben, und sollen fallen durchs schwert jrer feinde, das soltu mit deinen augen sehen. Jer. 20, 4. mit furcht, so dasz furcht überkommt und ergreift: und werden secke umb sich gürten und mit furcht uberschüttet sein. Ez. 7, 18;

der ganze hauffe stund mit kalter furcht beeist
und schry: erlöser hilf!
Drollinger 110;

diese anstalten erfüllten den kurfürsten von Mainz, Anselm Kasimir, mit furcht. Schiller 941b. dann: so dasz furcht innewohnt. denn mit furcht bistu aus Egyptenland gezogen. 5 Mos. 16, 3; vordem paszirte ich diese strasze mit furcht und zittern. Justus Möser 2, 427 (1778 297);

sie blickte den Amint mit furcht und schalkheit an,
mit schalkheit, weil er ihr noch nichts gethan,
mit furcht, damit ers auch nicht wagen sollte.
kurz Doris wollte nicht und wollte.
Rost schäfererz. 49. schäferged. 73;

mit widerwillen
hab ichs (das haus) betreten und mit furcht bewohnt
und in verzweiflung räum ichs.
Schiller 512b.

mit furcht nahte er ihm. auch hier kommt früher der dat. pl. vor: mit furchten, mhd. mit vorhten (Walther 32, 8): mit furchten hüten. Luther 3, 27b; so füret ewren wandel, so lange jr hie wallet, mit furchten. 1 Petr. 1, 17;

das volck ging in die stad mit sondern furchten sehre.
Ringwald evang. Ee 8b;

s. auch oben sp. 684 die stelle aus dessen geistl. liedern B 4a.

ade! du hartes wort! mit furchten musz ich scheiden,
mit sorgen musz ich weg.
Fleming 611.

[Bd. 4, Sp. 687]


die form forcht war früher auch hier gebräuchlich:

wann ich bin, wie du sagst, umbgeben
mit grosser forcht, angst und unrhu.
H. Sachs III (1588). 2, 222a,

mit forcht, schrecken.
Weckherlin 89 (ps. 22, 13).

selbst der alte sg. forchte erscheint noch in:

dasz wir hertzliebende (Thisbe u. Pyramus) allzwey
zusammen kommen ohne scheuw
augen wincken, mit forchte redn.
Gilhusius 75.

ohne furcht. mhd.

si sündent âne vorhte.
Walther 33, 34;

sît man übel âne vorhte tuot. 112, 13.

nhd. sondern sollen sicher wonen, on all furcht. Ezechiel 34, 28; auch der winckel, darin sie waren, kundte sie nicht on furcht bewaren. weish. 17, 4. Bayard der ritter ohne furcht und tadel, sans peur et sans reproche. ein deutscher patriot (es ist J. G. Fichte gemeint) ohne furcht und tadel. Frankfurter journal 1869 nr. 105.

seyd ohne furcht! Maria Stuart wird
als eine königin und heldin sterben. 440a.

in gleichem sinne steht auch sonder furcht:

so ungern völker sich ins joch der treiber spannen,
die niemand sonder furcht im kronenschmuck erblickt.
Gottsched ged. 2, 26.

vgl. auch oben auszer furcht. über furcht: über furcht klagen. um der furcht willen: ein jglicher hat sein schwert an seiner hüfften, umb der furcht willen in der nacht. hohel. 3, 8. unter furcht: kaum war der gnome in seiner burg angelangt, so wurde der krauskopf ins verhör geführet, der unter furcht und erwartung der dinge, die da kommen würden, die nacht in einem unterirdischen kerker zugebracht hatte. Musäus volksm. (1788) 2, 171. von furcht: von furcht befallen sein. von furcht ergriffen sein. von furcht erfüllt sein. von furcht sprechen, reden. von furcht befreien.

den soll diesz schwert durchbohren,
der mir von furcht spricht und von feiger flucht.
Schiller 464a;

von einer groszen furcht sind wir befreit. 548b.

im 16. und 17. jh. eben so wol von furchten:

erlöse dieses landt von furchten und beschwer.
Opitz 1, 52.

doch auch noch gegen ende des 18. jh.:

von furchten entgeistert (metu exanimis).
F. A. Wolf Horat. 1 sat. s. 5.

vor furcht:

mein herz entsetzet sich und musz vor furcht erkalten.
ich sterbe schier vor angst.
Joh. Peter Titz, s. v. d. Hagens Germania 10, 217;

die kinder bebten und gebehrdeten sich ängstlich vor furcht und schrecken, dasz sie der vater zu Rübezahl führen wollte. Musäus volksm. (1788) 2, 106. vor furcht wollte er keinen schritt weiter gehn. zittern vor furcht. die alte form forcht findet sich in:

vor forcht würt oft der weisz ein stumm.
Schwartzenberg 157b;

dasz sie vor forcht haben im feldt
sampt dir geben das fersengelt.
H. Sachs III (1588). 2, 206c;

die haben jn vor forcht nit mehr wollen einlassen. Reiszner Jerusalem 2, 55b. auch früher wol im pl. vor furchten, wie denn mhd.

vor vorhten bleichent mir diu wangen rôt.
Walther 123, 12.

im 16., 17. und 18. jh. auch für furcht, das sich alter- und volksthümlich selbst bis in das gegenwärtige jh. erhalten hat: und da jn die jünger sahen auff dem meer gehen, erschracken sie und sprachen: es ist ein gespenst! und schrien fur furcht. Matth. 14, 26; die hter aber erschracken fur furcht und wurden als weren sie tod. 28, 4; und die menschen werden verschmachten fur furchte und fur warten der dinge, die komen sollen auff erden. Luc. 21, 26; der ich für furcht zitterte. N. Klims unterird. reise 151, während auf der seite vorher vorkommt vor furcht fast erstarret;

Ihr sehet Eure noth und unsre, herr,
und dasz wir all am rand des todes schweben —
die steuerleute aber wissen sich
für groszer furcht nicht rath.
Schiller Tell, erster druck s. 162.

[Bd. 4, Sp. 688]


wegen furcht: endlich aber hat es der dienstfertige herr Solbist auf sich genommen, ihn wegen dieser furcht in sicherheit zu setzen. Lessing 1, 135.
c) furcht mit besondern fügungen.
α) mit einem gen., der ausdrückt, wer die furcht hat. leider rechtfertigen deine worte die furcht des volks, die allgemeine furcht! Göthe 8, 265. die furcht der eltern bei der gefahr eines kindes. die furcht des fuchses, wenn er den jäger erblickt.
aber der gen. wird auch gesetzt, um das auszudrücken, in beziehung auf dessen gegenwart, dasein, entstehn, zukommen, gegenübersein, entgegensein, einwirken oder wirken furcht innewohnt: in der furcht des zorns. Luther 3, 1b, = vor dem zorne; das (dasz) viel der völcker im lande Jüden wurden, denn die furcht der Jüden kam uber sie. Esth. 8, 17, = vor den Juden; auch alle obersten in landen und fürsten und landpfleger und amptleute des königes erhuben die Jüden, denn die furcht Mardachai (gen.) kam uber sie, denn Mardachai war gros im hause des königes. 9, 3, = vor Mardachai; die kauffleute solcher wahr, die von jr sind reich worden, werden von ferne stehen fur furcht jrer qual, weinen und klagen. offenb. 18, 15, = vor ihrer qual; so würde niemand aus furcht der diebe ruhig schlaffen können. Olearius pers. baumgarten 2, 24, = vor den dieben; die furcht der diebe zu vertreiben. pers. rosenthal 3, 27; aus furcht des elends elend leiden. 7, 6;

dasz keine furcht der pein
bestritten meinen geist.
A. Gryphius (1663) s. 63;

aus furcht der schande oder ernährung. Ettner unwürd. doctor 945 = vor der schande oder ernährung; vor furcht der kälte. Butschky Patmos 50, = aus furcht vor der kälte; di der ganzen welt angebohrne furcht des heisgirigen todes. kanzlei 682, = vor dem heiszgierigen tode; vil seyn ehrliche leute aus furcht der strafgesäzze. 308, = vor den strafgesetzen; ältern, welche die liebe und das zutrauen ihrer kinder zu gewinnen wissen, werden sie immer sichrer und besser regieren, als diejenigen, die ihr häusliches regiment auf blosze gewalt und furcht der strafe gründen. Wieland 28, 274, = vor der strafe; nur der procesz, in welchen er mit unserm vater verwickelt ist, hat ihn, durch die furcht einer schimpflich abschläglichen antwort, abgehalten, um ihre hand zu bitten. Lessing 1, 135, = vor einer schimpflich abschläglichen antwort; die furcht der spanischen inquisition kam erneuert zurück. Schiller 814b. auch die form forcht begegnet hier: forcht der arbeit, faulheit, pigritia. Henisch 1172, 65, = vor der arbeit; forcht eines vorstehenden ubels, timor. 1173, 3, = vor einem bevorstehenden übel; beharrliche forcht eines ubels, formido, formidatio. 9. seltner steht der gen. so, wie wir gewöhnlich für in dem sinne »in beziehung auf« mit dem acc. setzen. vgl. DWB für I A 1) e). aus furcht seines lebens. Olearius pers. baumg. 10, 1, = für sein leben. häufiger als diese genitive aber ist
β) die vorhin beigesetzte fügung der praep. vor mit dem dativ. s. DWB vor. er hatte doch scheu und furcht vor seinem weibe, auf einer unrechten that sich erfinden zu lassen. Musäus volksm. (1788) 2, 140; unglücklicherweise hatte man noch die erziehungsmaxime, den kindern frühzeitig alle furcht vor dem ahnungsvollen und unsichtbaren zu benehmen. Göthe 24, 16;

gräfin. und bange furcht bewegt mich. Wallenstein. furcht! wovor?

gräfin. du möchtest schnell wegreisen diese nacht,
und beym erwachen fänden wir dich nimmer.
Schiller Wallenst., erster druck 2, 222 (W. t. 5, 3).

furcht vor dem tode haben. furcht vor gespenstern haben. im besondern ist auch diese furcht vor gespenstern gemeint, wenn gesagt wird: er weisz von keiner furcht oder er kennt keine furcht. er hat keine furcht im dunkeln. s. auch spalte 685 die stelle von Göthe 24, 17.
an der stelle dieses vor hat die schriftsprache, zumal im 16. und 17. jh. oft für, das selbst noch im 18. jh. nicht selten sich findet. s. oben sp. 645, dann auch vorhin sp. 685 die stelle Joh. 20, 19. es kann hier noch hinzugefügt werden:

was halff ihm alle furcht für dem geliebten weibe. Hoffmannswaldaus u. anderer ged. 1, 173.

der ehrliche Schwab vertrauete ihm seinen unstern so treuherzig, als ob er seine beichte ansagte, ohne seine furcht für dem tode zu verheelen. Musäus volksm. (1788) 3, 125. übrigens kommt statt für mit dem dat. zuweilen, wol mehr durch verwechselung, für mit dem acc. vor, in welchem falle diese praep. freilich auch, wenn es bei furcht nicht zu ungewöhnlich wäre, in der bedeutung »in beziehung auf, in hinsicht auf«, die unter

[Bd. 4, Sp. 689]


für I A 1) e) angegeben ist, genommen werden könnte: denn nur mit mühe vermocht es die überredungskunst des arztes und die mütterliche autorität über sie, dasz sie die furcht für den stählernen zahn des schneppers überwanden und den fusz ins wasser setzten. Musäus volksm. (1788) 2, 169. sicher aber ist die eben angegebene bedeutung und bleibt der acc. unanfechtbar z. b. in furcht für das leben: dasz Kombab ein opfer ... nicht der furcht für sein leben, sondern dem gefühl seiner pflicht, der tugend, brachte. Wieland 10, 245. dies furcht für sein leben ist eins mit dem vorhin angeführten furcht seines lebens bei Olearius.
Wie furcht mit dem gen., in so fern diese fügung dasselbe ausdrückt, was furcht vor mit dem dat. des wortes, das in jenem gen. steht, kann auch furcht mit einem diesem gen. oder vor mit dem dat. entsprechenden possessiv gesetzt werden: und niemand kund jnen widerstehen, denn jre furcht war uber alle völcker komen. Esth. 9, 2 = die furcht der Jüden, wie es oben Esth. 8, 17 heiszt, oder die furcht vor den Juden.
γ) furcht mit einer andern praep., als vor, für, gefügt: die mutter hat furcht ihres kindes halben, das gefährlich erkrankt ist. er ist in furcht ob seines unklugen benehmens. er hat nicht wenig furcht seines bruders wegen, der sich auf einer reise befindet, von der er längst zurück sein sollte. furcht über etwas, die, durch etwas veranlaszt, erfüllt in beziehung auf dieses:

Diego. o jetzt ergreift mich plötzlich bange furcht.
don Manuel. furcht, und worüber?
Schiller 503a.

auch das alte forcht findet sich hier: die fischer haben ein grosse forcht ab solchen fischen. Forer fischb. 6b, s. DWB ab wb. 1, 7. forcht empfangen ab etwas, von furcht erfüllt werden über etwas oder wegen eines dinges: entpfiengen grosse furcht darab. Frank weltb. 213b.
δ) sehr häufig steht bei furcht ein satz, der den gegenstand derselben ausdrückt, d. h. das was gefürchtet wird oder ist. dieser satz kann mit dasz beginnen. einen beleg hierzu bietet vorhin sp. 687 die stelle von Musäus 2, 106. er schwieg aus furcht, dasz man es andere wissen lasse. mit nicht nach dasz ohne änderung des sinnes: aber aus furcht, dasz es der hoffman nicht seinen vetter wissen lasse. A. Gryphius seugamme 14. aber der von furcht abhängige satz kann auch durch ob eingeleitet werden, und zwar dies wenn das, was er ausdrückt, zweifelhaft ist:

er traut sich selbst nicht mehr; der liebe leichtster scherz
erweckt die furcht, ob Oberon ihn verdamme.
Wieland Oberon 6, 19.

der zweifel kann noch durch ein eingefügtes nicht verstärkt werden: in ihm entstand die furcht, ob der freund ihm nicht mistraue. häufig ist der satz ohne dasz und ob gebildet und die abhängigkeit liegt in dem conjunctiv: aus furcht, ich möchte gleich Loths weibe zur saltzsäule oder wenigstens zu einem lorberbaum, gleich der Daphne, werden. Ettner unwürd. doctor, anhang 68;

denn dieses war des landes ewge furcht,
sie (Elisabeth) möchte sterben ohne leibeserben,
und England wieder papstes fesseln tragen,
wenn ihr die Stuart auf dem throne folgte.
Schiller 415b.

er war in furcht gesetzt, er befinde sich krank. auch kann der satz ein um dasz verkürzter sein, indem das verbum in den infinitiv mit zu verwandelt wird:

jedoch sobald ein blitz die wolken trennt,
so bebt er (der spötter) vor der macht, die sein gelächter war,
stimmt lieder an, doch sich nicht zu bekehren,
er singt aus furcht, den donner nicht zu hören.
Rost schäferged. 90.

es war bei ihm die furcht, zu unterliegen. die furcht, gefangen zu werden. endlich kommt das verbum des von furcht abhängigen, ohne dasz gebildeten satzes auch im indicativ vor:

er (der wucherer) kann in ruh nicht schlafen,
aus furcht, die diebe gehn ihm nach,
ihn aus dem nest zu stehlen.
Eschenburg in Ursinus balladen 15.


d) furcht in besondern verbindungen.
α) furcht und schrecken: ewer furcht und schrecken sey über alle thier auff erden. 1 Mos. 9, 2; die bürger wären sonst durch einen unvermutheten unglücksfall in furcht und schrecken gesetzet worden. N. Klims unterirdische reise 182; da mir schon der blosse name eines medici ... furcht und schrecken verursachte. 187; furcht und schrecken ergriffen die ganze partey. Schiller 984a = hist. kal. 1793 s. 744. s. auch oben sp. 687 die stelle von Musäus 2, 106. furcht und entsetzen:

[Bd. 4, Sp. 690]


die leute des grafen kannten ihren herrn kaum, als er wieder zu ihnen kam, so sehr hatten furcht und entsetzen ihn entstellt! Naubert volksm. (1840) 2, 94. furcht und grauen:

und stangen waffnen sie (die häscher), und senden furcht und grauen
vor ihren schritten her.
Zachariä renommist 5, 140;

auch: die nacht brach ein, ich fühlte weder furcht noch grauen. Naubert volksm. (1840) 1, 86. furcht und grausen. furcht und scheu: Franz trat, ohne furcht und scheu, in das vorhaus. Musäus volksm. (1788) 4, 89. furcht und zittern: furcht und zittern ist mich ankomen. ps. 55, 6; mit furcht und zittern lobet jn in seinen werken. Tob. 13, 5; schaffet, das jr selig werdet mit furcht und zittern. Phil. 2, 12.
β) furcht und zweifel:

so lange noch verliebte leben,
ist furcht und zweifel ihre qual.
Rost schäferged. 104,

uns erschüttern furcht und zweifel.
Schiller 566a (Macb. 2, 10);

mein sohn! ich sehe deinen blick umwölkt,
dich quälen furcht und zweifel! — fürchte nichts mehr! 606a (Tur. 5, 1).

in demselben sinne stehn auch sonst beide wörter neben einander:

der geist,
der mich beherrscht, diesz herz, das in mir schlägt,
wird nicht von furcht, von zweifeln nicht bewegt. 579a (Macb. 5, 4).


γ) furcht und hofnung: die dirne machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich furcht und hoffnung in ihrer seele kämpften. Musäus volksm. (1788) 2, 70. hierbei läszt sich vergleichen da ist jmer sorge, furcht, hoffnung und zu letzt der tod. Sir. 40, 2. zwischen furcht und hofnung, in einem zustande dasz eben so wol furcht als hofnung oder eben so viel furcht als hofnung da ist: unterdessen lebte fräulein Emilie zwischen furcht und hoffnung, sie zitterte für das leben ihres getreuen Amadis und legte sich fleissig auf kundschaft, wie es den wintergästen im felde ergehe. Musäus volksm. (1788) 5, 264; so wie leute, die noch zwischen furcht und hofnung schweben, unglücklicher sind, als die schon entscheidung haben. Claudius 4, 201.
Die hierher gehörigen sprichwörter und sprichwörtlichen redensarten sind sehr zahlreich: mhd.

swër âne vorhte wahsetdër muoʒ sunder êre wërden grîs. MSH. 2, 251a, 18,

= wer ohne furcht vor der ruthe aufwächst. nhd. forcht der beste hüter, custos optimus, metus. Henisch 1174, 65. die furcht hütet den wald mehr als der jäger. s. Wander 1, 1273, 16, womit übereinstimmt waldeckisch forcht hütet den wâld (Curtze volksüberlieferungen aus Waldeck 364, 563) und die furcht bewacht den forst (Wander 1, 1273, 12). eben so furcht bewahrt das holz. Wander 1274, 38. forcht ist ein böser hüter desz so lang wehren soll, malus diurnitatis custos est metus. Henisch 1174, 68. bei grossem gut ist übel furcht. 1295, 48. ein widerkehrige forcht macht den vertrag sicher, reciprocus timor foedus tutum reddit. 1174, 61. wo forcht da scham, wo scham da ehr. 1175, 23. Kirsch (1723) 2, 124.

wo kein zucht ist, da ist kein ehr,
wo kein furcht ist, da ist kein lehr.
wo furcht oder zwang ist, da ist auch ehr.
Henisch 1298, 10 u. 11.

furcht gebürt (gebiert) gar offt hasz. 1295, 57, vgl. 1175, 17. furcht ist allzeit ein böser dolmetscher (auszleger), metus semper malus interpres. 1295, 68, vgl. 1175, 15. furcht der hoffnung geferdt (gefährte). 1296, 1, vgl. vorhin γ).

hoffnung und furcht ein jeder hat
darnach gut oder bösz ist sein that. 1297, 26.

frewde soll man allzeit mit furcht mischen. 1296, 31. kein lieb ohn argwohn oder forcht. 1175, 21. die furcht unnd sorge ist allzeit sicher, die sicherheit nirgendt. 1296, 11. furcht und argwon bringt eitel qual. 44. die furcht ist offt grösser, denn die gefahr. 18. furcht dröwet allzeit grösser fahr. 35. die furcht thut viel weher als die gefahr selbst. Lehmann, s. Wander 1, 1273, 21. die furcht inn widerwertigkeit ist ein bösz zeichen. Henisch 1296, 19. es kompt mehr furcht von innen herausz, denn von aussen hinein. 29. durch gelt, furcht, hasz und lieb können auch wol fromme leuth zu fall kommen. 7. furcht hindert und verruckt das gedächtnisz. 3, vgl. 39. furcht, geschenck, lieb unnd neyd verkehren das gericht. 6. die forcht hat offt mehr kraffts, als die lieb

[Bd. 4, Sp. 691]


1175, 13. furcht befridiget das landt. 32. furcht hat kein gesetz. Wander 1274, 48. kein grösser ubel denn forcht. Henisch 1295, 64. jede furcht ist ein dienstbarkeit. 62.

furcht ist ein böser knecht,
sie thut die länge nit recht. 1296, 42;

furcht ist ein tyrann,
der quälet kind und mann.
Lehmann, s.
Wander 1, 1274, 60.

furcht macht beine oder auch macht füsze. s. Wander 1, 1273, 19, wozu stimmt furcht macht lange schritte. 1275, 71. furcht und angst machen auch einen alten mann lauffen. Henisch 1296, 40, womit stimmt alte leuth lauffen auch schnell, wenn sie ein furcht anstoszt. 1295, 42. forcht richt alles anders an, als es gekocht ist. Simrock 2928. furcht hört mit den augen und sieht mit den ohren. furcht hat tausend augen. furcht macht aus mücken elephanten. zu viel furcht zerbricht das glas. von einem, der keine furcht kennt, sagt man er hat davor so viel furcht, wie ein mädchen vor dem brautbette, aber auch er hat davor so viel furcht, wie die gans vor einer habergarbe.
auf einem sprichworte beruht:

man sprichet, wër von vorhten stirbt,
daʒ dër im sëlber daʒ erwirbt,
daʒ man in sol in mël begraben.
Boner 32, 27.

feige männer nemlich wurden nach alter deutscher sitte in koth oder einen sumpf versenkt und mit dorngeflecht bedeckt (s. Tac. Germ. 12). mël (s. DWB mehl) aber bedeutet hier, wie schon rechtsalterth. 695 bemerkt ist, staub, kehricht.
2) die aus dem bewustsein des geringerseins hervorgehende seelenregung der pflicht und rücksicht gegenüber einem höheren (erhabenen) wesen oder überhaupt höherem. eine in der bibel häufig vorkommende bedeutung. du hast die furcht faren lassen und redest zu verechtlich fur gott. Hiob 15, 4. mit gen. bei furcht: die furcht des herrn, das ist weisheit, und meiden das böse, das ist verstand. 28, 28, = gegen den herrn; kompt her, kinder, höret mir zu! ich wil euch die furcht des herrn leren. ps. 34, 12; auf welchem (einem zweig aus der wurzel Isai) wird rugen der geist des herrn ..., der geist des erkentnis und der furcht des herrn. Jes. 11, 2; die furcht des herrn ist ehre und rhum, freude und ein schöne krone. Sir. 1, 11; es ist keine furcht gottes fur jren augen. Röm. 3, 18; so lasset uns ... fort faren mit der heiligung, in der furcht gottes. 2 Cor. 7, 1. s. gottesfurcht.

ein frommer knecht war Fridolin
und in der furcht des herrn
ergeben der gebieterin
der gräfin von Savern.
Schiller 67a.

tugend und unschuld und die furcht der götter sollen das glück meines lebens seyn. Geszner (1789) 3, 155. mit der praep. vor bei furcht: ich habe noch keinen gekannt, der über die furcht vor gott erhaben zu seyn vorgab. Hölty der kenner (Leipzig 1775) s. 253. der dat. pl. furchten kommt auch hier vor. aber die oberkeit so christlich ist und das evangelium leidet, derhalben auch die bawren keinen schein wider sie haben, sol hie mit furchten handeln. und zum ersten die sachen gott heim geben. Luther 3 (1573), 124b;

wer sich in gottes furchten helt.
Ringwald lautere warheit 145;

in gottes furchten. 242;

gib mir, wilstu mir was geben, armut nicht, herr, reichthum nicht,
dieses möcht ausz deinen furchten reissen mich in seine pflicht,
jenes dürffte zwingen mich, mich durch unrecht zu ernähren.
Logau 3, 11, 36.

den alten sg. forcht hat als noch im 15. jh. herschende form die bibel von 1483: sein nam ist heilig und erschreckenlich und die vorcht des herrn ist ein anfangk der weisheit. 288 (ps. 110, 10); die vorcht des herrn wollustiget das herz und gibt freud und freud in die lenge der tag. 319a (Sir. 1, 12).
von menschen gegen menschen: so gebet nu jederman, was jr schüldig seid, schos, dem der schos gebürt, zol, dem der zol gebürt, furcht, dem die furcht gebürt, ehre, dem die ehre gebürt. Röm. 13, 7; auff das auch die, so nicht gleuben an das wort, durch der weiber wandel (nemlich dasz sie ihren männern unterthan sind), on wort, gewonnen werden, wenn sie ansehen ewren keuschen wandel, in der furcht. 1 Petr. 3, 2. kindliche furcht, die auf pflicht und rücksicht sich kund gebende mit liebe gepaarte seelenregung des kindes gegen die eltern oder wie gegen die eltern. vgl. DWB ehrfurcht.

[Bd. 4, Sp. 692]


in guter zucht und furchten haben.
Ringwald deutsche wahrheit (1700) 221.


Sprichwörter und sprichwörtliche redensarten sind: die forcht desz herren ist ein gesegneter gart. Henisch 1296, 63.

wer stets inn gottes fürchten steht,
im unglück nimmermehr vergeht. 1297, 10;

ein christ inn furcht soll immer stehen,
wenn gleich die welt solt untergehen. 1296, 23.


3) Nhd. erscheint furcht in seiner ersten bedeutung auch personnificiert oder doch wie personificiert: wehe! raunte die furcht ihm ins ohr, das ist fürwahr der poltergeist! es ist der wind und weiter nichts, tröstete die herzhaftigkeit. Musäus volksm. (1788) 4, 95;

fürchte nicht!
betrüglich schlosz die furcht mit der gefahr
ein enges bündnisz. beide sind gesellen.
Göthe 9, 74;

dem unglück ist die hoffnung zugesendet,
furcht soll das haupt des glücklichen umschweben.
Schiller 400b (Wall. tod 5, 4).

Dies leitet über auf die bedeutungen
4) etwas das in furcht setzt, das furcht bewirkt:

den ungeheuren krokodil,
des meeres furcht, der erde schrecken, ...
den wütrich in dem breiten Nil.
Lichtwer 3, 3,

= das die geschöpfe des meeres in furcht setzt. vgl. DWB schrecken.
5) etwas das befürchtet wird, ein gegenstand der furcht: den augenblick, mein liebster Friedeberg, erhalte ich die traurige bestättigung unserer furcht. unser lieber, theurer Dörner ist mit fünf andern relegirt, die tausendmal strafbarer wären, als er. (J. M. Miller) briefwechsel dreier akademischer freunde, Ulm 1776, s. 386.
Zusammensetzungen, in denen furcht als letztes wort steht, sind nach den bereits erwähnten ehrfurcht und gottesfurcht: fürstenfurcht, geisterfurcht, gespensterfurcht, gewitterfurcht, höllenfurcht, knechtesfurcht, lebensfurcht, menschenfurcht, scheinfurcht, sclavenfurcht, seelenfurcht, todesfurcht, tyrannenfurcht (Schiller 613b), unfurcht, vorfurcht, wasserfurcht (= wasserscheu, in Matth. Hammer histor. rosengarten, Zwickau 1654, s. 428).
 
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furcht, praet. von fürchten (s. d.). gekürzt aus furchte, wie die volle form lautete. vgl. auch DWB forcht 3, 1889.
 
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furchtbar, adj. furcht hervorbringend, furcht bewirkend. es findet sich weder ahd. noch mhd. und nhd. nicht vor der zweiten hälfte des 17. jh., gegen dessen ende Stieler 588 das wort neben furchtlich hat, aber die blosze anführung bei ihm läszt schlieszen, dasz es noch wenig gebraucht gewesen, und das scheint sich auch dadurch zu erweisen, dasz Rädlein, Dentzler, Weismann, Kirsch, die den ersten jahrzehnten des 18. jh. angehören, furchtbar oder, wie die drei erstgenannten schreiben würden, forchtbar nicht aufgenommen haben. selbst bei Steinbach, Frisch, Ludwig, welche die form mit u haben müsten, sucht man das wort vergeblich. Gottsched, der es übrigens in seiner grundlegung s. 201 unter -bar noch nicht angibt, verzeichnet es in seiner aus jener erweiterten deutschen sprachkunst von 1762 s. 247; dagegen scheinen es Nieremberger, Bernhold, Crichton (1769) und Weber wieder nicht zu kennen. der erste, der es aufs neue in ein wörterbuch aufnahm, war Moerbeek, dessen deutsch-holländ. wb. (3. ausg., Leipzig 1768) s. 116b furchtbar enthält; in das deutsche wörterbuch aber führte es dann für immer Adelung ein, der es in dem 1775 erschienenen zweiten theile sp. 361 mit dem beifügen hat »in der edlen und höhern schreibart der neuern«, was deutlich dafür zeugt, dasz das wort ein nicht lange her geläufig gewordenes ist.
die eben angegebene eigentliche bedeutung ist die üblichste.

und wenn der kalte nordwind blies
und seine furchtbarn flügel stürmten,
die schnee auf schnee verderblich thürmten.
Uz (1768) 1, 187,

durch welche töne wälzt mein heiliger gesang
wie eine flut von furchtbarn klippen,
sich strömend fort und braust von meinen lippen! 207;

die porzelane zeit war es, die mit einer furchtbaren hippe den zerbrechlichen Amor in der laube herumjagte. Thümmel Wilhelmine 113 (1764 s. 81); das hohle furchtbare getöne der stürmenden glocken. 127 (91); man kann einen gegenstand als furchtbar betrachten, ohne sich vor ihm zu fürchten. Kant 7, 111; furchtbarer fremdling! bist du vielleicht der satanische poltergeist dieser wüste? Schiller nachlese 1, 104 (räuber, Mannh. theaterausg. 4, 16); der könig von Schweden mit einer furchtbaren armee vor den thoren. werke 923b;

warum dürfen wir ihrer lachen?
weil wir einen furchtbaren haufen ausmachen! 327a.

[Bd. 4, Sp. 693]



aber diese eigentliche bedeutung geht nicht selten in die über: durch überwältigende grösze furcht hervorbringend. daraus entwickelt sich dann noch die weitere: durch überwältigende grösze oder durch gewaltige macht tiefen eindruck machend. alle bedeutungen lassen sich mitunter schwer scheiden, namentlich die beiden letzten.

ich bringe dir befehle
vom herrscher des Olymps, von jener furchtbarn macht,
von der der himmel bebt, des erdballs achse kracht.
Schiller 41a;

furchtbarer Talbot! unbezwinglicher! 472a;

Sorel. gott, sie verstummt. Thibaut. das musz sie vor dem
furchtbarn namen (des dreieinen),
der in der hölle tiefen selbst
gefürchtet wird! 479b;

sollt ich
noch unglückselger werden, als ich war!
furchtbare heilge! deine hand ist schwer! 482b;

zwar, weil der vater noch gefürchtet herrschte,
hielt er durch gleicher strenge furchtbare
gerechtigkeit die heftigbrausenden im zügel. 489b;

wenn die wolken gethürmt den himmel schwärzen,
wenn dumpftosend der donner hallt,
da, da fühlen sich alle herzen
in des furchtbaren schicksals gewalt. 510b;

furchtbarer schatten! wesenloses schreckbild! 571a;

wo meiner ahnherrn alte mahle sind,
stellt sich ein tempel dar, furchtbar dem meineid. 623a;

was habt ihr denn in eurem furchtbarn rath
beschlossen über sie?
Göthe 9, 284.

vgl. fürchterlich.
 
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furchtbar, adv. vom vorigen adj. und mit diesem gleichbedeutend:

furchtbar wehte die flamm in der nacht, die Moria bedeckte.
Klopstock Mess. 12, 758;

furcbtbar billt aus dampfender grotte
mit weitgeöffnetem schlund
hinter dem fallenden gotte
Garm der höllenhund!
Gerstenberg ged. eines skalden (Kopenhagen 1766) s. 24;

fürchterlich flammte der grimm des königs, furchtbar sein eidschwur.
Kosegarten poesien 2, 12;

ein furchtbar gräszlich ansehn hat die that,
doch der gerechte himmel hat gerichtet!
Schiller 507a;

denn unser furchtbar aufgelöstes schicksal
macht unsre rechte gleich, wie unser unglück. 512b;

mich lasz dem geist gehorchen, der mich furchtbar treibt. 514a;

dann bin ich der vollstrecker des gerichts,
das furchtbar über ihn ergehen musz.
Uhland Ernst 14;

gott! es geht mir furchtbar auf. 30;

von dir, geliebte, soll ich scheiden,
das schwarze loos der trennung fällt.
ich kann nicht das verhängnisz meiden,
das furchtbar seine urne hält.
Schmidt v. Lübeck lieder 222 (1847 s. 216),

wo, wenn das adj. stünde, wol das, furchtbar, seine urne hält abgetheilt sein würde. aber in den folgenden stellen scheint das wort adv., während es eigentlich adj. ist:

doch furchtbar wird die himmelskraft (das feuer),
wenn sie der fessel sich entrafft.
Schiller 78b (glocke);

Leicester. vor solchen waffen (eine bannbulle ist gemeint) zittert England nicht mehr.
Burleigh. sie werden furchtbar in des schwärmers hand. 419a (M. Stuart 2, 4).


 
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furchtbarangenehm, adj. furchtbar und zugleich angenehm:

da schwand der furchtbarangenehme traum.
Herder.


 
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furchtbarböse, adj. furcht erweckend böse:

siehe da trat entgegen dem furchtbarbösen gedanken (Coriolans)
unbewaffnet ein weib, und sie errettete Rom.
Herder zerstr. bl. 6, 38.

 

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