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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
enterisch bis entfalter (Bd. 3, Sp. 512 bis 515)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) enterisch, insolitus, mirus, monstruosus, unheimlich, ungeheuer, ein nur in Baiern, Österreich und Schlesien fortlebendes, in der Schweiz, in Schwaben nicht vorkommendes wort: mir ist so enterisch, ich bin nicht gsotten und nicht braten = mir ist nicht recht, nicht just, nicht geheuer. Schmeller 1, 77; wies (dMali) beim thürl drauszen war, so is mir alleweil was abgangen, es is mir völli entrisch worden. Hans Jörgel 9, 29; da kamen die todtengräber, trugen die mutter fort und dem knaben kam es jetzt so leer und enterisch vor in dem hause. Zingerle Tirols volksdichtungen 2, 339; Weinhold 17b verzeichnet das schlesische entersch, bei Frommann 5, 465. 473 steht es aus Mähren und Deutschböhmen. es ist nichts anders als das ahd. antrisc, entrisc antiquus (Graff 1, 387), mit dem begrif des alten verband sich der des veralteten, ungewöhnlichen, seltsamen. in Karajans denkm. 23, 4

ein tiefir charchære
der stuont alle wîle lære,
des habeten entrische loute vergëʒʒen,

den hatten die ehmaligen, alten bewohner vergessen, offen stehen lassen. vgl. mythol. 491.
 
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entern, gingrire, garrire, schnattern wie enten. Henisch 897, 19. Stieler 382.
 
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entern, in navem injicere ferreas manus, harpagare, ein fremdes, aus der schiffersprache angenommnes wort, Stieler hat es noch nicht, zuerst Frisch 1, 228b, nnl. enteren, schw. äntra, dän. entre: die schiffe enterten, so wie eins auf das andere stiesz, an einander. Heilmanns Thuc. 1001; man kam so nahe, dasz man entern konnte; der feind versuchte zu entern. früher leitern anwerfen, anklettern, über bord klettern.
 
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entfachen setzen neuere dichter für anfachen:

zu kühlen was den busen mir entfacht.
Platen 45;

in der stadt entfachte dieses
munds rubin verwirrten handel. 159;

sie hat verlöschte kerzen
mit ihrem lächeln entfacht.
Rückert 358.

[Bd. 3, Sp. 513]


das verstattet zweisilbige participia für die drei silben angefacht.
 
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entfädeln, filum solvere, ausfädeln, gegensatz von DWB einfädeln:

entfädelt der empörung rauhes öhr,
unthread the rude eye of rebellion. king John 5, 4.


 
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entfahren , exire, excidere, effugere, entgleiten, entwischen, ahd. infaran, mhd. envarn, nnl. ontvaren, franz. échapper.
1) der wagen entfährt; der pfeil ist entfahren;

komm ich zu meinen jahren,
so hast du mich nicht lang bei dir,
ich werde bald entfahren,
die frembde wil in kurzem mein.
Sim. Dach V 2;

alle klarheit ist entfahren,
aller schein und herlichkeit.
Spee 252 (230).


2) häufig aber mit dat. der person, unbedacht, unversehens, plötzlich entfallen, wie wort, seufzer, fluch u. s. w.: oder wenn eine seele schweret, das im aus dem mund entferet, schaden oder guts zu thun, wie denn einem menschen ein schwur entfaren mag. 3 Mos. 5, 4; entferet ir aus iren lippen ein verbündnis über ire seele. 4 Mos. 30, 7. 9; denn sie betrübten im sein herz, das im etliche wort entfuren. ps. 106, 33; denn wer ist dem nicht zuweilen ein wort entferet? Sir. 19, 16; wenn ich nu des teufels und der welt zorn ungewonet were, solt mir wol etwas entfaren sein für solchen groszen ernst. Luther 6, 19b; wie sie nun sahen, das sie ir (der wolke) nit entfahren konten. Staden f 2; ein hauptmansfluch etzt durch neun harnisch, mir aber entfährts zu zeiten, wie den nonnen der Zinzius herr Andres nonnentröster, wann ihnen ein nadel entfällt: wie bald entfährts eim wanns eim entfällt? Garg. 244b; es entfuhr ihm einer, pepedit; der fisch entfuhr mir unter den händen. Steinbach 1, 401; herr gevatter, laszt euch das wort entfahren sein! Weise comödienprobe 255; auch das lateinische ist mir entfahren. sittenlehre 119; dieses oder jenes entfarnen wörtchens halber. ehe eines mannes 288; entfuhr mir folgende tage nach einander s. v. alles was in meinem magen und gedärmen vorhanden war. Felsenb. 1, 28; viele der schönsten züge entfahren ihnen oft. Stolberg 10, 220; die erste thräne, die ihnen aus verdrusz entfahren ist. Lessing 1, 238; wenn dir in gegenwart meiner frau so ein wort entführe! Göthe 14, 141; es ist doch wunderbar, entfuhr mir hierbei, dasz die Griechen, das aufgeheiterte volk, sich mit den fabeln über die gottheit so ernsthaft und zuweilen so abergläubisch grausam beschäftigen konnten. Ardinghello 2, 103; im winterjahr, wenn alles grün wieder den wäldern entfährt (ausbricht). Fr. Müller 1, 22;

doch dem war kaum das wort entfahren,
möcht ers im busen gern bewahren.
Schiller 59a.


 
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entfähren, liberare damno, periculo:

darumb er got und mensch zugleich
uns kont, uns wolt und solt entfähren.
Weckherlin 315.


 
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entfalben, decolorare, entfärben, doch nicht, wie dies, mit privativem, sondern mit dem gelinden ent gebildet, fahl werden lassen, fahl machen:

wie morgenduft die flur entfalbe,
das tusch ich hin mit sauberm fleisz,

läszt Schlegel den Matthisson im wettgesang sagen; der begeisterte selbst wird vor ihnen (den kalten menschen) vernichtet und entfalbt sich mager, so wie sich im frost die fettesten gesichter zu hageren einziehen. J. P. dämm. 33.
 
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entfallen , elabi, delabi, excidere, schwächer als entfahren. ahd. intfallan, infallan, inphallan, mhd. enpfallen, nhd. bis ins 16 jh. noch oft empfallen, doch stellt Luthers bibel entfallen her. alts. antfallan, nnl. ontvallen. gewöhnlich mit dem dativ.
1) mir entfällt etwas: und hub auf den mantel Elia, der im entfallen war. 2 kön. 2, 13; das im das schwert aus seiner hand entfallen musz. Ez. 30, 22; denn es wird ewer keinem ein har von dem heubt entfallen. apostelg. 27, 34; das in die stang empfiel. Steinhöwel Esop 1487. 70;

an keim schuch thu ich ein kein schnallen,
wie oft sie mir von füszen enpfallen. fastn. sp. 564, 7;

und ob einem ein gulden enpfall,
der heb in phentlich (behende) wider auf,
dasz wir nit alle platzen drauf. 790, 22;

es ist ein pranger hoch aufgestellt,
manchem davor das haupt empfelt.
Schmelzl lobspr. 93;

darvon sof sie ihrem kind zeitlich das leben ab und entzündet ir selbsten das gehenk dergestalt, dasz es ihr auch bald hernach entfiele. Simpl. K. 725;

[Bd. 3, Sp. 514]


eine thräne, die mir still den wangen entfiel.
Klopst. 1, 22,

mit zwei dativen, der person und sache;

in deinen wonnebecher, allgütiger,
entfielen niemals thränen des dankes ihm.
Stolberg 1, 20;

bis mir die stimm entfällt.
Gökingk 1, 48;

und er schwitzte vor angst und häufige losung entfiel ihm.
Göthe 40, 176.


2) sehr oft bildlich: da entfiel inen ir herz und erschrocken unternander. 1 Mos. 42, 28; es entfalle keinem menschen das herz umb deswillen. 1 Sam. 17, 32; zu der zeit wird dem könige und den fürsten das herz entfallen. Jer. 4, 9; was th ich arme betrübte, wann mein herz entfelt mir gar! Aimon x 5a; bei got, sprach Reinhart, ir seit nit einer hagenputten wert, wann euch ist das herz entfallen. z 1a; es ist eine grosze schande, das dir das herz so entfellt. Luther 3, 64b;

da entpfiel mir so bald mein herz.
H. Sachs III. 1, 203b;

den bauwern entfiel von stund an das herz. Rivander 2, 223; im von stund an seine freud entfallen war. Galmy 179; furchten sich alle heiden, die umb uns her waren, und der mut entfiel inen. Neh. 6, 16; das hett ich nimmermehr geglaubt, dasz euwer muth aller solte empfallen sein. Kirchhof wendunm. 325a; es sieht so schlimm aus, dasz einem der muth völlig entfallen könnte. Pestalozzi 4, 105; da empfiel im alle seine kunst und wuste nichts zu sagen. Luther 6, 15a; (Witzel) will mit der büchsen der guten werk also zu in (den lutherischen) ein schieszen, das in der glaub wol entfalln sol. Alberus wider Witzel L 7b; gab im ein, das er mich unvorsehens ergriffe bei einem wortlin von dem pabsthum gesagt, das mir angefähr empfallen war (captans me in uno verbulo mihi obiter elapso). Luthers br. 1, 511 vgl. 501;

das er kom umb das leben sein,
so empfiel mir die sorge mein.
Ayrer 118a;

und eh ihm noch das wort entfallen,
da sieht mans von den schiffen wallen,
und tausend stimmen rufen sieg!
Schiller 57a.


3) es entfällt mir, excidit, excidit memoria; es ist mir entfallen (vulg. sermo recessit a me). Dan. 2, 5; warlich ich merks, das ir frist suchet, weil ir sehet das mirs entfallen ist. 2, 8; ist dir denn entfallen, was du mir feierlich angelobtest?; das soll mir nie entfallen, das werde ich nie vergessen; euch wird noch unentfallen, unvergessen sein. in ganz anderm sinn sagt man aber auch: das ist mir irgend einmal entfallen, das habe ich bei irgend einer gelegenheit geäuszert, hingeworfen, fallen lassen; ich bitte dich, lasz dir so etwas nicht in gegenwart meiner frau entfallen (sage es nicht). Gotter 3, 365; sie gieng so weit sich entfallen zu lassen (zu äuszern), dasz man wol noch mittel finden könnte. Schiller 852b; vgl. das entfallen des worts unter 2.
4) einer entfällt mir, geht mir ab, stirbt mir: wie wir sehen, wenn vater und mutter den kindern empfallen, wie sie so elend und weislos hergehen. Luther 4, 523b; weil der könig (Cyrus) auszerhalb des landes schwere kriege füret und den juden zu früe entfiel (starb). Mathesius 84b;

als du die segel sich auf hinwerts lieszest wenden,
entfiel Achilles dir.
Opitz 1, 217;

ich hab endlich versprochen, ihnen, wie in andern begnügungen, also auch mit dieser, nicht zu entfallen. Gryphius 1, 183; ja den witwen wird umb der kinder wegen fürnemlich solches beneficium geordnet, dieweil ihnen der vater und nehrer entfallen. Carpzov jurispr. eccl. Lips. 1695 p. 225;

im himmel lebt ein freund
der wird mir nicht entfallen.
Günther 102.


5) einem gegenstand entfallen: der apfel entfällt dem baum; das schwert entfiel seiner hand;

er glaubt den wolken zu entfallen.
Wieland 17, 290;

sie gebar unter todesangst, ohne hülfe, das kind entfiel dem schosze der unvermögenden. Klinger 3, 282; die last entfiel seinen armen.
6) entfallen ohne dativ,
a) mit der praep. aus: entfallet aus eurer eigen festung. 2 Petr. 3, 17; es stehet wol mit euch und es wil gut werden, entfallet nur nicht aus der hand gottes, der euch itzt gefasset hat, euch rechtschaffen christen zu machen. Luther 2, 280b; da ich sie aber zum text zwang, entfielen sie aus dem text. 8, 67b; davon auch bei keinem einfältigen schlechten christen einiger zweifel sein musz, wann er sonst nicht

[Bd. 3, Sp. 515]


aus der zahl der christen entfallen will. Scriver seelensch. 2, 130; sobald sie aber aus dem glücksstande entfallen. Butschky Patm. 311; der gute mann endlich empfindend dasz er gänzlich aus seinem elemente entfallen sei. Göthe 31, 59;

aus deinem wolgefallen,
gott, waren wir entfallen
und nun vom wahren frieden
so wie von dir geschieden.
J. A. Schlegel verm. ged. 1, 198.


b) mit der praep. von:

lasz uns nicht entfallen
von des rechten glaubens trost.
Luther 8, 367a.


c) ohne praepositionen: aber der mann gottes sprach, wo ists entfallen? 2 kön. 6, 6; eilet, dasz schuh und holz enpfielen. Kirchhof wendunm. 260b; da nun sein herr vater zeitlich entfallen (gestorben sei). Corn. Paulsons lebensg. Lübben 1724 s. 295 (vgl. 4); aber auf der andern seiten des Rheins fleuszt der flusz Lona mit viel entfallenden (darein fallenden) flüssen bei Lonstein in Rhein. Frank weltb. 32a; denn den kläger die sache in entfallenem (mangelndem) satsamen beweise an der bezahlung schwer und teuer genug ankömt. Butschky kanzl. 429; entfallene dinge, res obsoletae. heute verwendet man entfallen auch im sinne von fallen, contingere, obvenire: die hiesige recrutierung ist gänzlich vollendet und das auf Wien entfallende contingent mit leichtigkeit aufgebracht worden. kölnische zeitung 1854 no 180; der auf mich entfallende antheil (am gewinn, an der erbschaft); der entfallende (sich ergebende) betrag.
 
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entfalten , explicare, auseinander falten, entwickeln, ahd. intfaldan, mhd. envalten, nnl. ontvouwen.
1) sinnlich, die hände, die flügel: ich entfaltete zuerst meine hände. Hippel 9, 269; ihr habt gesehen, wie sie sich aufrichtete und mit entfalteten händen mich segnete. Göthe 17, 408; der schmetterling entfaltet sein flügelpaar. die falten des gesichts entfalten: er entfaltete wieder seine stirne; sobald dieser name ausgesprochen wurde, hörte man ein trauliches flüstern im wahlkreis, die ernsten gesichter wurden entfaltet und klärten sich auf. Musaeus volksm. 278; als ich unter den reichen schlenderte und ihre trotzige, üppige miene entfaltete. Klingers th. 3, 189. den brief, den schleier, das gewand entfalten:

entfaltet der donnrer die wolken, die vollen,
entgegnet Neptunus dem gräulichen rollen.
Göthe 41, 170;

entfaltet mir die schwerbehangnen äste. 2, 146.


2) bildlich,

dieser gedanke durchströmt mich, je mehr ich
ihn entfalte, je mehr werd ich von seligkeit trunken. Messias 8, 362;

Agathon entfaltete mit jedem tage neue verdienste. Wieland 1, 230; oder kommst du auf meine fragen die räthsel der ewigkeit zu entfalten? Schiller 135b;

denkt euch ein mädchen, das jetzt hold,
jetzt finster sich gestaltet,
und ob es lacht und ob es schmollt,
stets neuen reiz entfaltet.
Gotter 1, 89;

hier (im tanze) entfaltete Fenno alle weichheit, geschmeidigkeit und reinheit der bewegungen, allen ausdruck seines unschuldigen herzens. Klinger 10, 27; der dichter musz zuerst dies neue leben entfalten. Bettine br. 2, 145.
3) sich entfalten:

indessen ihr des Ätnas felsenwege
vertheidigtet, entfaltete die schlacht
mit ungestüm sich an dem ufer hin.
Göthe 7, 316;

die hofnung darf, geliebte tochter, nun
in unserm herzen wieder sich entfalten. 7, 319;

frage nicht, wie sich dies räthsel wird entfalten,
schön entfalten wird sichs ohne deine fragen.
Rückert 329;

weil mein ich sich ganz entfaltet.
Platen 74.


 
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entfalter, m.

und jeder ein wetteifernder entfalter
wird aller keime, die an ihm noch taugen.
Rückert 250.

 

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