Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
bedünken bis bedürftig (Bd. 1, Sp. 1237 bis 1240)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) bedünken, bedunken, videri, ahd. pidunchan, pidûhta (Graff 5, 176), mhd. bedunken, bedûhte (Ben. 1, 360a): mich bedünkt, mich bedauchte, mich hat bedaucht. der sprachgebrauch irrt nach drei seiten ab, indem er sowol bedaucht oder bedäuchtet ins praes. als bedünkte, hat bedünkt ins praet. setzt, und statt des acc. einen dat. der person beifügt. man

[Bd. 1, Sp. 1238]


sehe das einfache dünken, dauchte und halte sich an die analogie von bedenken, bedachte. Luther scheint sich des wortes überhaupt nicht zu bedienen.
1) auch mich stets bedunkt, wie mir alle mein haar aufsteigen. Bocc. 1, 5b; in eins zwei bedaucht (er schöpfte verdacht). 1, 25a; nun fragstu, als mich bedünkt, so wer das klappern und eerabschneiden ein ding. Keisersberg sünden des munds 46b; bedaucht dich die versorgung deiner einigen seele nit schwer genug. Petr. 94a; denn er, wil mich die sach bedunken, der rechte thäter ist. Galmy 264; als mich die sach bedünken wil. 309; und derwegen mag der papst, inmaszen Antonium de Rosellis bedunket, einem sein hab und gut nemmen. Fischart bienenk. 134a;

als mich bedaucht, ich liebte.
Gryphius 1, 249;

ihr irrt, so euch bedünkt, ihr wäret angenemer.
Logau 2, 3, 59. s. 70;

du brennst für lieb und bist doch blasz, Pyrinna, mich bedunkt,
der brand zeucht sich von auszen ein auf seinen mittelpunct. 3, 10, 69;

als ich so zusahe, bedauchte mich. Simpl. 1, 66; da bedauchte (es steht verdruckt bedachte) michs zeit. 2, 435; so viel uns bedunket. Schuppius 522; mich bedünkt, der seie der erste politicus, der u. s. w. 559;

so wird die vorsicht uns weise,
der himmel uns gnädig bedünken.
Kleist 2, 134;

es hätte sie bedünkt, dasz er mehr damit habe sagen wollen, als seine worte an sich selbst gesagt hätten. Wieland 1, 291;

dasz ihn bedünkt, ihr kaltes herz erwarme. 17, 291;

mich wollte fort und fort bedünken, als hätt ich ihm und unserm zusammensein das erfreulichste stiften können. Göthe 31, 195;

wenn du dich so bedünktest, wäre mehr gefahr. 10, 14;

was unerreichbar scheint, bedünkt so schwer.
Platen 28;

dasz es die zwei auch mochte so bedunken (: versunken).
Rückert 141.


2) sich bedünken lassen, sibi videri:

da liesz sich Esopus bedünken.
Alberus 106;

nun lasse ich mich bedunken. Susanna com. Hibeldeha 4, 4;

was bistu für ein bengel, was laszt dich bedunken, ich hab mein hütlin für dir abgezogen? Fischart bienenk. 142a; was läsztu dich umb diese beide bedünken? Ayrer proc. 1, 10;

wie man Christi leib kan essen, wie man Christi blut kan trinken,
leszt sich jener disz vernehmen, leszt sich dieser das bedünken.
Logau 3, 4, 8;

o ich liesz michs wol bedünken. 3, 8, 56;

kaiser August liesz sich bedünken, dasz seine gewalt die siege aller Römer übertreffe. Lohenst. Arm. 1, 1055; weswegen ich mich ein vollkommen geschickter kerl zu sein bedunken liesz. Felsenb. 2, 370. heute ungebräuchlich.
3) die ältere sprache fügte, nach lateinischer weise, zu bedünken den acc. mit dem infinitiv: lasz ich mich bedünken not sein unter uns ein haupt zu machen. Bocc. 1, 8b; doch bedunkt dises schreibens ursach gewest sein. Melanchthon annot. Röm. 1; bedunkt michs ein unnütze und torechte forcht sein. Wickram bilger A 4; der ander leib bedunkt sich ohne schüppen sein. Forer fischb. 39a; bedünkt uns zeit sein. Uffenbach roszbuch 1, 192. bald aber muste zu beigesetzt werden: der fromme mann bedünkte ihn als eine aufbrechende rose zu sehn (auszusehen) und gleich eine süsze singende nachtigal zu sprechen. pers. baumg. 4, 27; bedeuchte mich schöner zu sein. Simpl. 2, 454; diejenige, welche lieber gewolt spitzfindig disputieren, als fromb und verständig leben, bedunken mich den seiltänzern und gauklern gleich zu sein. Schuppius 707; ich habe aus beiden eine dritte lesart zusammengesetzt, die mich die nächste zu sein bedünkte. Lessing 9, 130.
4) belege des fehlerhaften dativs: besonders wenn es wahr wäre, was dem Erasmus bedünkte. Lessing 8, 517; auch mir bedünkt es selbst. Wieland 18, 145;

zehnmal räumlicher wird dann
unser stübchen dir bedünken.
Gökingk 1, 47;

was nun bedünket den erlauchten ständen?
Schiller 663;

sie klagt uns alle an vor jenem rächer,
dem unsre that nicht wird so leicht bedunken.
Tieck 1, 162.

[Bd. 1, Sp. 1239]


gewohnt, bei bedünken an videri und scheinen zu denken, construierte man, wie zu diesen, den dativ.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedünken, n. opinio, sententia:

merk, dürch mein kunst ist mir bekant
aller menschen auf erden stand,
auch wie als wetter wirt gethan,
das zeig ich nach bedunken an.
Schwarzenberg 120, 1;

meines bedünkens, ex mea sententia. Wickram rollw. 50; dieweil es, irs bedunkens, ein grosze narrheit gewesen wer. Fischart bienenk. 110b; unserm bedünken nach. Wieland 3, 87; unsers bedünkens hat es mit einer geschichte wie diese die nemliche bewandtnis. 12, 320; weil er die sprache nehmen musz, wie sie ist, und nicht, wie sie, nach seinem gegründeten oder ungegründeten bedünken, sein sollte. Klopstock 12, 208.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedünklich, opinabilis: seltzamlich und so bedünklich bös. Simpl. 1, 27.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedürfen , egere, indigere, ahd. pidurfan, pidarf (Graff 5, 207), mhd. bedurfen, bedarf, bedorfte, nhd. bedürfen, bedarf, bedurfte; über die wurzel vgl. das einfache dürfen.
1) mit partitivem gen. der person oder sache: wenn du eins bedarfst, so schmeichlest du im, und wenn du sein nicht bedarfst, so beiszest du in. Keisersb. sünden des munds 34a; so wil ich in nu mit dem spiesz stechen in die erden, das ers nicht mer bedarf. 1 Sam. 26, 8; nach eines ieglichen willen, wie ers bedurft. weish. Sal. 16, 25; nim zu dir von des fisches gallen, denn du wirst ir bedurfen. Tob. 11, 4; so bedarf er keiner fahr überall. Agricola 112a; item, wan der römische glaub der apostolische wer, bedörft er nit neuer wunderwerk. Fischart bienenk. 26b.
2) mit acc. der person oder sache: noch so bedarfstu danocht freund. Keisersb. sünden des munds 47b; ewer vater weisz, was ir bedürfet, eh denn ir in bittet. Matth. 6, 8; die aber der chirurgicus nit achten bedarf. Gersdorf 15; ausgenommen der westwind, welchen er zu seiner heimfart bedorfte. Fischart bienenk. 41b; ergo darumb bedörfen die leien keinen wein. 91b; dieser theil des menschengeschlechts war in der ausübung seiner vernunft so weit gekommen, dasz er zu seinen moralischen handlungen edlere, würdigere bewegungsgründe bedurfte und brauchen konnte. Lessing 10, 321;

wofern sie nichts dazu
als eine jungfer bedürfen.
Wieland 4, 207;

denn mag er noch so viel sich stellen,
als wenn er keines menschen kind
bedürfte.
Gökingk 2, 110;

er bedurfte jetzt mehr als jemals den guten willen der staaten. Schiller 797. der unterschied des partitiven gen. und des acc. ist wie sonst, ich bedarf des weines, etwas von dem wein, ich bedarf den wein, habe ihn überhaupt nöthig. oft aber tauschen beide casus gleichgültig.
3) bloszes bedürfen, ohne casus, arm, bedürftig sein: ja, fuhr er fort, ich fühle, dasz ihr bedürft, und was ich vermag, will ich euch leisten. Göthe 19, 54;

für mein bedürfend unerfahren herz
zufällig einen gegenstand zu haschen. 9, 180.


4) mit folgendem infinitiv: mir bedörft ir nichts geben braucht ihr nichts zu geben). Agricola spr. 97a; dise species zu probieren bedarf ich nicht wort brauchen. Mich. Stifel 94; dasz kein mensch auf erden so heilig gewest noch seie on Christus alleine, der nit selbst mit sünden beschmeiszt were gewesen und bedörft hab für eigene missethaten zu bitten. Fischart bienenk. 46b; er bedarf schlechts des jahrs einmal beichten und hochzeit halten. 232b; die vernunft, welche dem zusammengesetzten das einfache zu grunde zu legen bedarf. Kant 3, 338; was den beweisgrund seiner wirklichkeit von der erfahrung herzuholen bedarf. 4, 152; stärke, erhabenheit, würde bedürfen weit weniger von dem ausdruck unterstützt zu werden. Schiller 28; zu trinken bedurfte ich nicht, denn ich hatte mich an den früchten hinreichend gelabt. Göthe 24, 91; dasz ich die folgenden erläuterungen gar nicht zu geben bedarf. J. Paul teufelsp. 2, 120.
5) mit folgendem dasz: ich bedarf wol, das ich von dir getaufet werde, und du kommest zu mir? Matth. 3, 14.
6) unpersönlich, es bedörft allein (brauchte nur) zwo oder dri predig. Keisersb. sünd. d. munds 82b; dennoch bedarf es, gedachten (modo dictum), ja alle prediger treulich zu vermahnen und warnen. Luthers br. 4, 425; aber was bedarfs vil wort? die kinder auf der gassen wissen genugsam. Fischart bienenk.

[Bd. 1, Sp. 1240]


56b; darüber bedarfs keiner gloss nicht. 90a; nun bedurfte es keines kampfes, keiner gewaltsamen anstrengung mehr. Wieland 2, 213;

für den zufriednen poeten
bedarfs nur euren witz und wein.
Gökingk 3, 40;

zum behuf der schönheit bedarf es nicht so nothwendig reich und original an ideen zu sein. Kant 7, 182; ebenso wenig bedarf es von dem werthe dieser dinge etwas hinzuzusetzen. Göthe an Friedländer.
7) sich bedürfen: es bedarf sich groszer bescheidenheit, so du wenst, dich treib brüderliche liebe, so treibet dich rach darz. Keisersb. sünden des munds 36a; doch also, dasz jederzeit das eine theil davon zimlich lang für die wunden heraus lange, damit, wann es sich bedarf, du es leichtlich könnest widerumb heraus ziehen. Würtz 346; zwar es bedarf sich auch gar nicht deintwegen zu pindarisieren. Weckherlin 370.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedürflich, egens.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedürflichkeit, f. egestas: wenn man sie wieder setzte in die einfaltige bedörflichkeit, in das unschuldig armut. Hutten 5, 264.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedürfnis, f. und n. indigentia, egestas, res cujus egemus.
1) weiblich: aus äuszerster bedürfnis. Rabener 4, 71; seine gattin, die er liebt und von der er geliebt wird, schmachtet in der äuszersten bedürfnis. Lessing 7, 63; konnte nun wol dieser bewegungsgrund durch die bedürfnis des staats aufgewogen werden? Garve zu Cic. de off. s. 212; weil verschiedene mitglieder dieser zünfte bei bereicherung der sprache eben nicht ekler wahl sein und auch wol die bedürfnis nicht genau mochten untersucht haben. Klopstock 12, 199; die unumgängliche bedürfnis. Kant 2, 120; ungeachtet dieser dringenden bedürfnis der vernunft, etwas vorauszusetzen. 2, 451; die bedürfnis der vernunft, etwas anzunehmen. 2, 464; dieser dringenden bedürfnis abhelfen. 3, 297; zur ersten bedürfnis. Möser 1, 284; und warum befinden wir uns in dieser bedürfnisse? patr. ph. 1, 16.
2) neutral, heute vorherschend: die wechsel sind ausgeblieben, jetzt in diesem dringenden bedürfnisse zum erstenmale ausgeblieben. Schiller 739; den kaiser so lange in seinen bedürfnissen zu verlassen, bis er diese verfügung bestätigt hätte. 888; weshalb denn auch aus benachbarten und entfernteren provinzen lebensmittel und bedürfnisse unversiegbar zuflieszen. Göthe 6, 199; wo man in einem privathause unterkommen und das nächste bedürfnis fand. 29, 101; die bedürfnisse der baulichkeiten und einiges wünschenswerthe der umgebung anzuordnen. 31, 149;

all dieser prunk, all dieser tand,
bedürfnisse des überflusses.
Gotter 1, 20;

uns auf die leichten, die schwankenden halme
hat er des lebens bedürfnis gestellt.
Rückert 215.


3) bedürfnis, naturae necessitas: ein bedürfnis befriedigen, necessitati parere, operam dare, seine nothdurft verrichten, nd. sin behof don.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedürfnisvoll, Göthe 24, 207.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedurft, f. indigentia, ein gutes, jetzt wie das einfache durft veraltetes wort, obschon notdurft fortdauert: nach seiner notturft und bedurft. Paracelsus 2, 12c. auch Logau sagt noch lebensbedurft. das adj. bedürftig, dem hernach wiederum bedürftigkeit entsprieszt, setzt es voraus.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedürften, egere, ein nochmals aus bedurft gezeugtes verbum: auf bedürfteten fall (nöthigen falls). Ettner unw. doct. 551.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bedürftig, egenus, dürftig, necessarius, nöthig: bäten mich loszulassen, weil sie mich in ihrem dienste bedürftig wären. Schweinichen 1, 349, mit bemerkenswerthem acc., wie er bei bedürfen stattfindet. gewöhnlich steht der gen. geldes, trostes bedürftig, der hülfe bedürftig; so oft der gemeine nutzen eines gelds bedürftig. Schuppius 748. häufig auch ohne casus: ein bedürftiger mann. pers. baumg. 4, 12; so wird an der helfte des bedürftigen samens noch ein drittel erspart. Hohberg 2, 26a; lassen sie in dieser ungewisheit des lebens zwischen diesem hoffen und bangen dem bedürftigen herzen doch nur eine art von leitstern. Göthe 17, 192; seltene, schöne, liebenswürdige tugenden, deren friedliche einwirkung die bedürftige welt zu jeder zeit mit wonnevollem genügen umfängt und mit sehnsüchtiger trauer vermist. 17, 410.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: