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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
bauer bis bauerburschenschaft (Bd. 1, Sp. 1175 bis 1178)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) bauer, m. cubile, cubiculum, cavea, habitatio, gen. bauers, pl. bauer, ahd. pûr (Graff 3, 18), mhd. bûr, alts. ags. bûr, engl. hower, altn. hûr n., schw. bur, dän. buur. wie wol auf gothisch? ohne zweifel baurs, wenn männlich, baur, wenn neutral. die herkunft von bauan ist offenbar, wie auch das einfache bau in seiner ersten bedeutung völlig dazu stimmt. das angefügte ableitende R in baurs von bauan gleicht dem in akrs von akan, in ligrs von ligan. pûr, bûr ergeben sich wie pûan, bûa aus bauen, und jenes goth. baurs wäre báurs, unterschieden von baúrs genitus, filius, altn. burr, ags. byre, dessen R der wurzel bairan gehört. Bedeutungen,
1) cavea, aviarium, nach Frisch 1, 72b m., nach Adelung n. bau war das nest, bauer ist der käfich, zumal für kleine singvögel, vogelbauer. Henisch 209 hat das bawer, vogelhäusle; besser ein vogel im bawer, dann tausent in der luft; in ein gut bawer gehört ein guter vogel; es lautet übel, wenn das bawer schön ist, und der vogel darin singt nicht wol; man musz den vogel im bauer haben, ehe man ihn will pfeifen lehren;

die freundin, sprach er (der hänfling), gieng mir nah,
die ich in diesem bauer sah,
sie rief und durch das glück bewogen
um sie zu sein, kam ich geflogen.
Gellert 1, 251;

einst lehnt ihr Damon zum vergnügen
das thürchen nicht beim füttern an,
so dasz sie aus dem bauer fliegen
und in der stube flattern kann. 1, 284;

ich geh und will den hahn zur sie in bauer stecken,
die jungen bring ich mit, sobald die alten hecken. 3, 397;

viel glücks! die vögel sind dem bauer
entwischt.
Wieland 9, 211;

keine dieser stellen entscheidet für m. oder n. (obwol Gellert in der letzten ins bauer für in bauer = in den bauer geschrieben hätte, wenn er das n. meinte), deutlicher ist die folgende:

ein jeder hatte seinen bauer.
Pfeffel 5, 124;

Schoppe begleitete die sänfte fast zehn schritte weit, um den vogel des bauers (den in der sänfte sitzenden ordensherrn) besser zu beschauen. J. Paul Tit. 2, 25. s. gebauer.
2) das altn. bûr ist penuarium, das schweiz. bauer käsespeicher (Stalder 1, 147), das engl. bower mastkorb und laube.
3) das altn. bûr gynaeceum, gemach der frauen und mägde, kämmerlein:

môðir mik fœddi biört î bûri. Sœm. 230a;

ags. þät on bûre âhôf brŷd Abrahames
hihtleásne hleahtor. Cœdm. 144, 7;

ahd. her furlaet in lante luttila sitten
brût in bûre, barn unwahsan. Hildebr. lied.

mhd. bûr, nhd. bauer nicht mehr in diesem sinn.
 
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bauer, m. voluptas, libido. aus der vorstellung des wohnens und ruhens leitet sich die des freuens her, vinja die weide (des hirten wohnplatz) wird zur wonne, wunnia (wonne und weide); salida, selida, selde, habitatio wird zur sâlida, sælde felicitas; ginâda, ruhe, herablassung zur gnade, gratia, favor; gemach, kammer, stube ist auch behagen und wonne. hiernach geht auf das gothische, vorhin angesetzte baurs cubile zurück das bei Ulfilas erscheinende gabaurs κῶμος, frohes gelag und mahl, gabaurjôþus ἡδονή, gabaurjaba ἡδέως, dies auf gabauris ἡδύς, volupis, welche alle mit der wurzel bairan nichts zu schaffen haben, sondern aus bauan erwachsen. gabaurjaba ist gleichviel mit us lustum, gern, von freien stücken.
Diese gothischen wörter scheinen nun fortzuleben in einem ἀπόῥητον der heutigen sprache, dem alle glossare ausweichen, so allgemein es verbreitet ist, als bezeichnung einer turpitudo, die der europäische sprachgebrauch durch den ausdruck onanie (nach 1 Mos. 38, 9) verschleiert. unsere deutsche philologie kann aber nicht umhin eine benennung zu erkunden, die wol von uralter zeit her züchtige rede auf unzucht anwendet; denn was möchte besser anstehn als lust wider die natur kalte lust zu heiszen? kalt, wie frigidus und ψυχρός, gibt den nebensinn von miser und languidus, infestus, inutilis, frigida negotia sind nullius momenti, kalte ratschläge sind böse, in der edda liest man 67a scolo þer æ köld râð koma; 138b köld

[Bd. 1, Sp. 1176]


ero mer râð þîn; kallaði kaldri röddo, infesto sermone; kalte träume sind unglückliche. lust hat, neben der bedeutung wollust, immer auch den reinen sinn behauptet. bauer für lust ist uns erloschen, in kalte bauer haftete das wort, längst unverstanden und desto gemiedener.
Der ausdruck herscht, vielleicht mit ausnahme nördlicher, niederdeutscher landstriche (namentlich soll er in Holland unbekannt sein), in ganz Deutschland und läszt sich über Schlesien, Deutschböhmen und Österreich bis in die Steiermark, über das Elsasz in die Schweiz verfolgen. ein elsässischer arzt sagt, bauer sei insgemein σπέρμα, warmer bauer die natürliche beiwohnung, kalter bauer onanie, und so genommen liesze sich bauer unmittelbar zu φύειν zeugen, φύσις zeugende, schaffende natur halten, vielleicht auch die schweizerische bedeutung von bau, befruchtendem dünger vergleichen. denn in der Schweiz kommt daneben vor: er tribtem selb d'natur ab, gewöhnlicher: macht en chalte bûr; die chalte bûre hâ bezeichnet pollutionen haben, gleichsam erfolglose, unwirksame lust. in Steier heiszt onanieren den kalten bauer schlagen oder herunter reiszen, die Slovenen in der gegend von Laibach übersetzen wörtlich aber falsch merzel kmet, bauer für rusticus nehmend, ebenso unrichtig die polnischen Schlesier zimny chlop, eigentliche Polen wissen nichts davon. unter dem westfälischen volk ist der name meistentheils gangbar, unbefangen und ohne sittlichen vorwurf heiszen ihm spuren der pollution de kalle bûr. in Niedersachsen scheinen wenigstens die städte, wenn auch nicht überall die dörfer das wort zu kennen. weitere forschungen müssen darthun, ob es in Scandinavien auftaucht, oder diesem volksstamm gebricht.
 
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bauer, m. agricola, colonus, rusticus, mit schwankender flexion, die sich auf zwei oder drei ältere gestalten zurückzieht, nemlich bauer, gen. bauern und pl. bauern ist das ahd. gipûro, pl. gipûron (Graff 3, 19); bauer gen. bauers, sowol das ahd. gipûr, pl. gipûrâ, als pûari pl. pûarrâ, mhd. bûwære, buwære (Ben. 1, 290), doch den pl. bilden wir für diesen starken sg. dennoch schwach bauern. man würde, weil dem heutigen bauer meistentheils der vorsatz ge mangelt (einzelne fälle werden unter gebauer aufgezählt), es überall von pûari, bûære ableiten, wo nicht die vorherschende schwache flexion des sg. und pl. entgegenstände. den gen. sg. sichert Fischart recht entschieden, indem er bei den spielen unter no 320 auch eins namhaft macht 'des bauren'. Keiner dieser formen bedient sich die altn. mundart, sie setzt entweder bûi = ahd. pûwo, oder bôndi, schw. dän. bonde = ahd. pûanti.
In Luthers bibelübersetzung begegnet bauer nur wenigemal: es gebrach, an bauren gebrachs in Israel (vulg. cessaverunt fortes in Israel). richt. 5, 7; da sage man von der gerechtigkeit des herrn, von der gerechtigkeit seiner bauren in Israel (vulg. fortes). 5, 7; ich wil deine hirten und herde zerschmeiszen, ich wil deine bauren und joch zerschmeiszen (vulg. et collidam in te agricolam et jugales ejus). Jer. 51, 23. gewöhnlich gebraucht er ackermann, wenn vom landmann die rede ist, und auch heute verbinden wir mit diesen beiden wörtern einen edleren begrif als mit bauer, welchem daneben noch die vorstellung des gemeinen, groben und unedlen anhaftet, in welchem sinn es dann auch als schelte von andern, die nicht bauern sind, gilt: er ist ein rechter bauer, ein grober bauer;

dank hab, dank hab du grober baur,
was wilt du bei mir holen?
Uhland 693;

er müst ein rechter bauer sein,
der uns so ernehre. Garg. 86a.

so heiszt es: diese fabel leret, das dis buchlin bei bawren und groben leuten unwerd ist. Luther 5, 270b; ich hab lenger, denn zehen jar mich oft gedemütigt und die allerbesten wort gegeben, damit ich sie (die papisten) je lenger je erger gemacht habe, und die bawren nur sich vom flehen deste mehr geblehet haben. 5, 309b. schon bei Keisersberg hatte bauer meistentheils diese ungünstige bedeutung: ein herlich person als ein künig ist, dem zimpt ein köstlich kleid z tragen seines standes halber, und nit ein bauern schanz (grobes kleid, s. DWB schanze). sünden des munds 4b; den bauern geriet weder ir ops noch kraut. 18a; wer ein bauern salbet, so sticht er, wer sie sticht, den salbent sie. 59a; got tht darnach als ein bauer oder als ein metzger. welches kalb ein bauer metzgen wil, das laszt er blitzen und gumpen uf den matten. 18b; got geb dir den ritten, oder die beulen, oder die hünsch (schwere krankheiten), als dan die bauren einem wünschen. 38a; aber wie wol die juristen in iren büchern

[Bd. 1, Sp. 1177]


haben, das ein blosz und schlechte verheiszung (nichts wirke und) müg darum keiner den andern mit recht anziehen (nuda promissio non dat actionem), darumb nemen die bauren den mantel in die hand (sehen sich vor, ut promissio sit vestita). 65a; es kam ein weltweiser einist in ein wirtshaus, und er sah, das ein bauer bei den andern bauern in der urten sasz und hort inen z, was sie redten, und er redt nichts, dan er kunt nüt z den sachen reden. 76a; geheilget werd dein nam, zkum uns dein reich, knecht stich den bauern ze tod! (von unterbrechung des vaterunser bei unandächtigen betern). 84a; das lit also klor am tag, als der bur an der sunnen. post. 3, 52, auch schimpf und ernst cap. 226. wie man das menschengeschlecht überhaupt aus bäumen und steinen hervorgehn liesz, heiszt auch der bauer, der es am einfachsten darstellt, oft aus kieselstein entsprungen, z. b. in Ettners hebamme s. 15.
Aus späterer zeit werden wenige belege genügen: auf dasz die leut an der schrift nicht erwürgen, wie dem bauren schier geschehen war, der ein calender für coriander frasz. Fischart bienenk. 39b; lobt ihn für alle schwangere bauren. Garg. 239b; danzen auf eim fusz, wa ein Schweizer baur zwen bedarf. Garg. 126b; setzt den bauren auf den edelmann, vom pferd zum esel. 129b;

das feld hält sabattag, der acker liget stille,
und duldet nicht wie vor, dasz ihm viel wunden schlug
des bauers frecher arm und ein tyrannisch pflug.
Logau 1, 1, 4;

wer bauren verderben will, müsse bauren mit nehmen. Simpl. 2, 467; die bauren, die beim untergang der sonnen oft streitende kriegesheere erblicken. Liscov 55;

es schleicht der echte schlaf den federpfühl vorbei,
ist falschen städtern falsch und treuen bauren treu.
Hagedorn 1, 23;

eines bauers hütte.
Pfeffel 1, 166;

ich wette fast, ihr bauern, ihr verliert!
Gellert 1, 205;

diesen gesunden, kernhaften, wolgebildeten jungen bauer. Wieland 6, 146; ihn aus einem bauer zu einem staatsbürger umzubilden. 7, 151;

ich bin regent im land an kaisers statt,
und will nicht, dasz der bauer häuser baue
auf seine eigne hand und also frei
hinleb, als ob er herr wär in dem lande.
Schiller 519a;

und zu gericht zu sitzen mit dem bauer. 525b.

Sprüche: bauern sagen auch etwan wahr; bauern machen fürsten; der bauer ist nicht zu verderben, man hau ihm denn hand und fusz ab; wenn der bauer nicht musz, rührt er weder hand noch fusz; der bauer ist ein lauer; gibt der bauer, so sieht er sauer; ein bauer kommt sobald in den himmel als ein edelmann; hinter sich hinaus tragen die bauern die spiesze; in einen bauern gehört haberstroh; wir sollen drauf schlagen als die bauern auf den wolf; die bauern jauchzen dazu, wann sie singen; er fährt hinein, wie der bauer in die stiefeln; der bauer glaubt nur seinem vater; ein reicher bauer kennt seine verwandten nicht; was der bauer nicht kennt, das friszt er nicht; gemach ins dorf, die bauern sind trunken; bürger und bauer scheidet nichts als die mauer.
Man unterscheidet hofbauern, ganze bauern, halbbauern, pferdebauern; es gibt aber auszerdem eine menge anderer benennungen, um die bäuerlichen verhältnisse zu unterscheiden, vgl. DWB hübner, hintersassen, kossäten, meier, spanner u. s. w. Im schachspiel heiszt bauer, der mhd. vende genannt wurde; auch eine muschel, conus rusticus, sonst der aschenpuster, aschenbrödel, führt den namen bauer. Bei der zusammensetzung schwankt der erste theil oft zwischen bauer, bauern und bauers, doch drückt bauer mehr den allgemeinen begrif, der vorgesetzte gen. bauers die abhängigkeit aus und bauern, wenn es den gen. sg. meint, ebenfalls. musz darunter ein gen. pl. verstanden werden, so hat es die allgemeinheit des praefixes bauer. häufig aber dient bauer-, bauern- vor substantiven zur bezeichnung des geringen, schlechten.
 
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bauer, f. societas colonorum seu rusticorum, so nennt man in Niederdeutschland jeden kleinen verein von land- oder grundbesitzern. Möser 3, 71. entweder ein altes bûra, biura, oder blosze kürzung von bauerschaft.
 
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bauerarbeit, f. opus rusticum, besser bauernarbeit.
 
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bauerart, f. rusticitas, mores rusticorum, auch bauernart, bauersart.
 
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bauerband, n. kurländischer flachs, der so versendet wird, wie ihn die bauern gebunden zur stadt tragen.

[Bd. 1, Sp. 1178]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) bauerbart, m. barba sordida, male pexa.
 
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bauerbengel, m. homo agrestis: ein ungeschliffener bauerbengel. Weise kl. leute 377.
 
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bauerbursche, m. juvenis agrestis, rusticus: hab ich dir nicht einmal von einem bauerburschen geschrieben, gleich da ich herkam? Göthe 16, 117.
 
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bauerburschenschaft, f. Martinsgans (wunderh. 1, 226). bauerburschenschaft, lustig losgebunden. Göthe 33, 193.

 

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