Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
barmherzigkeit bis barn (Bd. 1, Sp. 1136 bis 1137)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) barmherzigkeit, f. misericordia, gratia, mhd. barmherzekeit. pass. K. 4, 11; nhd. sihe dieweil dein knecht gnade funden hat fur deinen augen, so woltestu deine barmherzigkeit grosz machen. 1 Mos. 19, 19; die barmherzigkeit thu an mir, das wo wir hinkommen, du von mir sagest, ich sei dein bruder. 20, 13; und die dirne gefiel im, und sie fand barmherzigkeit fur im. Esther 2, 9; und der könig gewann Esther lieb über alle weiber, und sie fand gnade und barmherzigkeit vor ihm vor allen jungfrauen. 2, 17;

etlicher ist beim trunk andechtig
als wer er voller heiligkeit,
und ist bier und barmherzigkeit.
Ringwald laut. warh. 79,

wortspiel mit bier und barm, hefe.

mein sohn, wie hat uns der mittler
mit barmherzigkeiten, mit huld, mit gnade beseligt!
Klopstock Mess. 11, 261;

wie denn auch eine beleidigende art des wolwollens, barmherzigkeit genannt, die ein wolwollen ausdrückt, was sich auf den unwürdigen bezieht, unter menschen gegen einander nicht vorkommen sollte. Kant 5, 295. man sagt ohne gnade und barmherzigkeit, da ist keine gnade und barmherzigkeit, kein erbarmen; sie schlugen ihn ohne gnade und barmherzigkeit tod. Opitz braucht es einmal für hang des herzens:

für allen sol uns nicht barmherzigkeit beiwohnen
auf euszerliche pracht. 4, 327.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
barmherziglich, adv. misericorditer:

demnach du nu mein gott ...
mein gebet barmherziglich erhöret.
Weckherlin 124.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bärmig, misericors, mhd. barmec. pass. K. 439, 30; nhd.

recht bärmig milde nie verdarb,
kargheit grosz schand allzeit warb.
Brands Freidank 1539. 14b,

wo der urtext liest 87, 16:

reiniu milde nie verdarp,
sô erge manege schande erwarp,


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bärmlich, misericors, misericorditer, bei B. Waldis.

wenn andre bärmlich sich beklagen.
Göthe 13, 126.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bärmuf, m. manica e pelle ursina facta.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
barmung, f. misericordia, erbarmung. mhd. barmunge. Walther 7, 36. 36, 23. pass. K. 147, 89. 639, 34. nhd.

auf das bleib in der wag
barmung in mittelmasz.
H. Sachs II. 2, 64c;

würst an deiner barmung nit vil gwinnen. III. 1, 20;

sein barmung über uns leszt walten. III. 1, 153c;

durch seiner milden barmung gnaden. IV. 1, 57c.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bärmutter, f. uterus, matrix, gebärmutter, nnl. baarmoeder, dann auch für mutterbeschwerde, passio hysterica: die weil mancherlei sinn und ursach von dem grimmen (colica) gehalten werden zu sein, darumb entspringen viel seltzamer namen, das einer torsiones, tormina, der ander colicam, der dritte bärmutter, der mutter siechtag nennt. Paracelsus 1, 527c; ich gieng kainmal schlafen, ich hett dann ein renftlin brot verzert und zu ietlichem bissen ein glas wein ausgezächt, das bekame mir ganz wol an der bermter, die mich vast engstiget. Wirsung Cal. K 2b; luna, welche hals, genick, schlund, magen, bauch, bärmutter, link seit ein hat. Fischart groszm. 93; da er (Lemnius) mit gestank gebranter abschnidling von leder und hörnern die pest wolt vertreiben, als ob die leut die bärmutter hetten. Garg. 182b. vgl. deutsche mythol. s. 1111.

[Bd. 1, Sp. 1137]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) bärmutterhöle, f. muttermund.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
bärmütze, f. galerus pelle ursina munitus, eine soldatentracht. solche soldaten heiszen auch selbst bärmützen.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
barn, n. infans, proles, der syntactischen fügung nach bald auch m., bald f. (gramm. 4, 267), früher allen deutschen mundarten ohne ausnahme gemein, goth. barn, ahd. parn, mhd. barn, alts. barn, mnl. baren, ags. bearn, fries. bern, altn. schw. dän. barn, heute nur dauernd in den nordischen und friesischen, auch in engl. volkssprache bairn. von der wurzel bairan, bëran, wie τέκνον, τέκος von τεκεῖν, τίκτειν, und dem bêrusis, parens, τοκεύς zur seite. aus den urverwandten sprachen begegnet litt. bérnas, lett. behrns kind, sohn, knecht, gerade wie arbja, erbe, sohn die bedeutung von rab knecht annahm (sp. 539).
Das wort ist nhd. nnl. längst erloschen, schon mhd. überwiegt kint, doch haben barn noch Hugo von Langenstein in der Martina und Helbling 8, 233, nicht mehr Boner, Suchenwirt, Wolkenstein. am festesten könnte es in den zusammensetzungen westebarn und muoterbarn gehaftet haben; auch mnl. erscheint es zuletzt in moederbaren beim dichter der kinder von Limburg, der noch in die zweite hälfte des 14 jh. fällt. das 15 jh. weisz nichts mehr davon und keins der ältesten hd. wörterbücher hat eine spur übrig, auch die oberdeutsche volkssprache nicht. es reicht also nicht mehr ins nhd. gebiet, und wird hier nur angezogen, um die forschung zu schärfen, da es aller mühe werth ist, genauer zu ermitteln, wann ein so alter und natürlicher ausdruck das letztemal auftaucht.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
barn, m. praesepe, krippe, raufe. die ahd., bei Graff ganz mangelnde form ist schwach, parno dat. parnin (Haupt 3, 462), wozu die variante barnen Parz. 269, 4 stimmt. die späteren sumerl. 51, 17 geben praesepe parn und eine gl. bei Mone 7, 591 houbarn foenile. mhd. barn stark:

in den barn er sich sô habte (hielt sich so zur krippe),
daʒ er der spîse swande vil. Parz. 165, 27;

Segramors kastelân
huop sich gein sînem barne sân. 289, 4;

daʒ man den muose legen,
der elliu dinc muoʒ bewarn,
in einer chuo barn. anegenge 31, 48;

und iʒʒet nit gern nâch dem rîten,
den barn gnagt z allen zîten. anlaster 40;

nu hâstû dich in den baren geleit. myst. 343, 15. nhd. darzu sol ein knecht nemen ab dem wagen ein garbe und sol si den rindern für werfen, ald dem meier in den barn. weisth. 1, 307; wo aber ein bauw darauf gesetzt wird, der soll mit vier hohen wenden ufgericht werden und soll darin setzen ein barn und raif (? rauf), darzu ein beth, im fall der gerichtsherrn einer quem, und nit underkomen könt, soll er daselbs mit einem knecht, zweien pferden und eim hund in zu zechen haben. 2, 197; wan ein pferd ledig wird von dem barn, so es sich von dem barn abzerret. Keisersb. g. spinn. bei Oberlin 97;

schwingen das futer in den parn
und furlegen den unsern gurren. fastn. sp. 251, 3;

do mein pferd solt steen am parn. fastn. sp. 1137;

wer ein pfert am baren hat,
zu fusz darf er nit gan.
Uhland 103;

daneben ein hengst am baren halten.
B. Waldis 4, 76;

welcher kein ros am paren hat.
H. Sachs II. 4, 3a;

wo in (den reichen) die armen schuldig warn,
half ich sie bringen zu dem parn. III. 1, 115b;

er hielt leichter vier ros am barn. III. 3, 71b;

ich wil zum barn dich bringen fein
und dich vor dem pfleger verklagen. IV. 3, 41c;

hab also lang fortuna gsungen,
bisz mirs ros ist in baren gsprungen. V, 350c;

ich wil inen nemlich der halfter an dem barn nicht vergessen. Luther 1, 163a; darumb sie von den alten narren fast bescht ward, denen sie auch der halfter am barn nicht vergasz, sondern sie schand die auf das lebendig. Wirsung Cal. E 1a; gott kann uns nicht zum baren bringen, dann durch das creuz. Frank laster f 4; ein ochs erkennet seinen herren und ein esel den barn seines meisters. e 3; da hat er sich an den widerspennigen burgern heftig gerochen und (sie) zum barn bracht. chron. 315a. 517b; ein pferd am (l. an) baren füren. Agricola 66b; es gehören vil ackergurren darzu, bisz sie einen solchen reisigen gaul am baren erhalten. 233a; wer mäszig lebt, des leben sol lang sein, kanst du doch deinen esel am baren wol überschütten. Petr. 15b; noch alle krippen und baren, daraus die pferd essen, wie sie alle die kreuz, so man machen kan, lasset anbetten. Fischart bienenk. 176a;

[Bd. 1, Sp. 1138]


wilt dein vihe gesund halten, so raum zu weihnachten den barn in Joseph esels namen. groszm. 128;

der Eulenspiegel gleich gedacht,
das heiszt die leut zum barn gebracht,
dasz sie in gelt drein müssen speien.
Fischarts Eulensp. 259;

drumb suchten sie ein solchen rauch,
darmit sie einen nebel machten
und fein die leut zum barn brachten.
Fischarts nachtrab G 7;

etliche führen schmale, von thannenholz gemachte baren oder krippen mit, werden an pfäle vor den rossen her angehenkt. Kirchhof disc. mil. 126; nimb lebendigen schwefel, stosz den und gib ims im futter, das futter stell auf die erden und das hew under den baren. Seuter 31; gib ims under dem futter in einem geschirr under dem barn zu essen. 32; und gib ims under dem baren zu essen, desgleichen auch gerstenstroh und was du ihm zu essen gibst, das gib ihm alles nider under dem baren zu essen, so rindt es ihme. 38; es geschicht gar vil, dasz durch hinlässigkeit der knecht die pferd oft in die bären (l. baren) oder zigel springen, wann sie (nemlich die knechte) beim wein sitzen, also das oft ein ros erkrumbt und erlambt. 210; stroh unter den baarn streuen. Hohberg 2, 139b; die pferde laufen wider den baaren. 2, 140b. 156b. 157b; die bärn (l. barn), darein man ihnen das heu gibt, mit samt den krippen, müssen niedrig gestellet werden. 2, 286a. Stalder 1, 122 schreibt baaren, Tobler 36 barn, krippe und heuschober. Schmeller 1, 200 erklärt barn durch fresztrog, futterkrippe und den raum in der scheune, wo die garben zum dreschen aufbewahrt werden; in Bronners leben 1, 195 liest man: ich sprang behende in den kühstall und verkroch mich unter den barn ins heu. Schmids schwäb. wb. 44 gibt: baarn, barn kornscheune, heuboden, verschlag in der scheune, krippe, trog. Höfer 1, 58: barn futterkrippe und einfang zu beiden seiten der tenne, zum legen des strohs und der garben. das böhm. perna, pjrna scheint hiernach entlehnt. in Franken und Henneberg lebt der ausdruck noch, nicht im mittlern und nördlichen Deutschland, das ihn durch banse und krippe ersetzt.
Dieser unterschied der volksstämme zieht an, merkwürdiger weise scheint aber England beiderlei benennungen zu besitzen. banse wurde im ags. bôse, bôsig praesepe erkannt, mit barn stimmt ags. bern horreum, engl. barn, wozu auch ags. berern, beretûn area, engl. barton gehalten werden musz, die schottische form lautet bern (Jamieson 1, 97); also nur die bedeutungen haben gewechselt, da unser banse mehr für scheune, bôse für stall, unser barn mehr für krippe, das ags. bern für scheune gilt. aus bern und berern gewinnen wir aber die etymologie. ags. ist bere hordeum, goth. baris, woraus jetzt auch mit sicherheit ein verlornes ahd. par zu schlieszen, vielleicht dem altn. bar n. semen, gemma arboris zu vergleichen ist. in Alvismâl, auf die frage nach den benennungen der saat, heiszt es Sœm. 51

bygg heitir med mönnom en barr með goðom,

bygg aber ist dän. byg gerste, barr m. also goth. baris. bern und berern kann nichts anders sein als receptaculum hordei, ahd. parno dasselbe, will man annehmen, dasz bern aus berern, parno oder parn aus parnêrin (vgl. DWB ähre area sp. 198) gekürzt sei? (s. DWB barre). die goth. zusammensetzung bleibt schwer zu rathen, musz aber baris in sich enthalten haben. überraschend stimmt nun das lat. hordeum = ahd. kersta, nhd. gerste, und horreum, das wie berern receptaculum hordei war. baris, bere entspricht aber dem lat. far farris und farina (gerstenmehl) und ist, wie dieses von ferre, abzuleiten von der reichen wurzel bairan, beran.
Dies alles lehrt, dasz unsere vorfahren den rossen, wie die Griechen κρῖ λευκόν zu fressen gaben, noch nicht haber, und dasz die deutschen, wie die lat. viehställe vom aufbewahren und füttern der gerste benannt waren; bansts und banse, wie lat. praesepe sind vom geflecht der krippe, raufe und scheune aus reisern entnommen. vgl. DWB krippe.
Uralt müssen die redensarten sein am barn stehn, pferde am barn haben oder halten, sich gegen dem barn heben, sich in den barn haben oder halten, in den barn springen, in den barn beiszen, am barn nagen, zum barn treiben oder bringen, deren einige durch die folgenden zusammensetzungen näher beleuchtet werden sollen. unser heutiges leute zu paaren treiben, bewältigen, zur ruhe bringen scheint nichts anders als das wilde ros zum barn treiben und man musz so gut sagen können: ich will dich schon zu paren treiben als euch. s. DWB barre.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: