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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
bärmeln bis bärmutterhöle (Bd. 1, Sp. 1134 bis 1137)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) bärmeln, misereri, s. das folgende.
 
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barmen , misereri, erbarmen, ahd. parmanto miserando (Graff 1, 423), mhd.

daʒ eʒ barmen muose den Guntheres man. Nib. 806, 3 B;

si barmet sich den armen al ze guote. MSH. 3, 14a;

nhd. ihn barmte der unmündgen harm und weinen.
Tieck 2, 86;

nein, wegen seines barmenden (lamentabilis) geschreies!
Herder 13, 67.

et mug en steen in de eer barmen, sollte einen stein in der erde erbarmen. Schütze holst. id. 1, 70; es verbarmt ihn, erbarmt, betrübt ihn. altn. barma ser, lamentari, vor mitleid jammern, wehklagen; altschw. barma misereri: gud barme then omildhe hempd, deus misereatur immitis vindictae; ömka ok barma, lamentari et misereri. Ihre 137. in Sachsen und Thüringen barmen lamentieren, sie barmt erschrecklich, thut ganz kläglich.
Schon Henisch 190 deutete barmen aus bearmen, ihm folgen Adelung und die neueren, denen auch erbarmen erbearmen (gramm. 2, 808), barmherzig bearmherzig ist. doch heben sich zweifel.

[Bd. 1, Sp. 1135]



1) volles piarmên, bearmen u. s. w. zeigt sich nie, da doch sonst ahd. kiengan kiangti, kiartôn steht, wie nhd. beengen, beerben, für unser bleiben aber mhd. belîben, neben mhd. blangen belangen gilt. bange wurde erklärt aus beange. arpunnan scheint dem arparamên nicht ganz gleich, denn da unnan gönnen, arpunnan misgönnen ausdrückt, sollte auch die bedeutung von armên misereri sich umdrehen in arparmên, grausam, hartherzig sein. allein arparmên meint was armên. man müste sagen, dasz den partikeln ar und pi bald privative, bald intensive kraft beiwohne.
2) wie kommen Schweden und Dänen zu barma, förbarma, forbarme? sie haben keine partikel be, auszer in erborgten, deutschen wörtern, sollten auch jene von uns entlehnt sein? freilich, die altn. sprache gewährt kein forbarma, doch das angezogne barma lamentari, von welchem förbarma, forbarme ungezwungen sich ableiten, barma aber wird von Ihre unbedenklich unter barm gremium gestellt. man musz auch ein ahd. parmôn sicher zu param sinus, gremium stellen: si in barmôta, sustentavit gremio. N. Cap. 62 (Graff 3, 154). Benecke thut jedenfalls zu viel, dasz er auch dieses wort 1, 59 unter arm setzt.
3) nl. und nd. tritt eine eigne, vom hd. erbarmen abweichende wortbildung auf, mnl. ontfaermen, nnl. ontfermen, mnd. entfarmen, z. b. oft im Reineke oder bei Detmar 2, 395. dies kann nicht aus ontbaermen geworden sein, da die partikel ont, ent niemals das anlautende B des folgenden wortes in F wandelt, überdies die hd. zusammensetzung entbarmen nirgends vorkommt; noch weniger liesze sich das F aus einem, gar nicht vorhandnen afaermen (gleichsam abarmen) deuten. vielmehr in faermen, farmen scheint das vorhin unter barm hervorgehobne alts. farm = barm enthalten, wodurch wir nochmals von armen ab und auf barm gelenkt werden.
4) wie das transitive barmôn in gremium suscipere, fovere hiesz, würde ein intransitives barmên sinu commoveri, innerst erregt, bewegt sein, σπλαγχνίζεσθαι aussagen und diese sinnliche deutung von barmen, erbarmen, barmherzig aus barm der oben gewagten von arm miser aus arm brachium zu statten kommen. der unglückliche wird vom mitleidenden in den arm oder auf den schosz, an die brust genommen. beidemal entfaltete sich die abstraction misereri, hinter den abgezognen wörtern läge schön ein sinnlicher grund. ein gangbarer altn. ausdruck für misereri lautet kenna î briosti, in der brust fühlen, und briostgôðr ist misericors, briostlaus ferox, unerbarmend. die ausdrücke für reue haben oft ähnlichen ursprung. scheint doch im lat. miser, misereri, maestus, maerere ein sinnliches nictari, skr. mi, die augen niederschlagen enthalten und unser trauern ihm vergleichbar (Haupt 7, 456). zugleich aber wird der miser ein μισητός, ganz wie der bejammerte elende ein armer, erbärmlicher, verachteter. wenn barmherzig dem misericors nachgebildet sein soll, wie könnte es erbärmlich ausdrücken?
 
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barmherzig, misericors, lamentabilis, ahd. paramherzi, barmherzi (Graff 4, 1046), mhd. barmherze (Ben. 1, 674), nnl. barmhartig, schw. barmhertig, dän. barmhjertig, mitleid, erbarmen im herzen tragend, fühlend. goth. nur armahairts, ags. nur earmheort, ahd. beides armherzi und barmherzi; mhd. nur barmherze, nicht mehr armherze. knechtische nachahmung des lateins braucht hier gar nicht obzuwalten. Ulfilas, wenn ihm gr. text vorlag, dachte bei verdeutschung von εὔσπλαγχνος durch armahairts, von ἔλεος und ἐλεημοσύνη durch armahairtei, armahairtiþa nicht an misericors, misericordia, die goth. sprache konnte selbständig zu diesen ausdrücken, wie zu hauhhairts, hrainjahairts, harduhairts gelangt sein. warum nicht die ahd. zu armherzi, barmherzi, wie zu miltherzi, hreinherzi, rehtherzi, heiʒherzi? Matth. 6, 4 hat die vulg. elemosyna, nicht misericordia, wo freilich auch ahd. elemosina steht, goth. aber armahairtiþa, das wie armaiô den begrif des almosens einschlieszt. neben armherzi aber durfte die sprache sehr wol ein ähnliches, doch verschiednes barmherzi entfalten.
Nhd. findet sich das adj. barmherz gar nicht mehr, nur barmherzig, und in Luthers bibel sehr oft, z. b. gott barmherzig und gnedig. 2 Mos. 34, 6; der herr dein gott ist ein barmherziger gott. 5 Mos. 4, 31; der gottlose borget und bezalet nicht, der gerecht aber ist barmherzig und milde. ps. 37, 21; es haben die barmherzigste weiber ire kinder selbs müssen kochen, das sie zu essen hetten. klagl. Jer. 4, 10; so du demütig bist, keusch lebest, almusen gibst, armen leuten barmherzig bist. Keisersb. sünden des munds 75a;

[Bd. 1, Sp. 1136]


es will der grosze gott barmherzig sein der welt. pers. rosenth. 7, 20.

Barmherzig heiszt aber auch mitleid einflöszend, erbarmenswerth, elend: er kan auch kein besserung seines leidens haben, denn dasz er ein lauten neme und also barmherzige (rührende, zum mitleid bewegende) traurige liedlein schlage und singe. Wirsung Cal. L 3a; wie ist das so ein barmherzige entschuldigung, dasz sie sagen, sie seien leibarzet und nicht wundarzet, damit wöllen sie ihre thorheit beschirmbt haben. Paracelsus chir. schr. 193c; er machte ihm die augen mit speichel nasz, und sah so barmherzig aus, dasz alle alte weiber weinen musten. Gryphius 1, 724; lustig, mädchens! hochzeit, hochzeit! nu? ihr seht ja so barmherzig aus? was fehlt dir Juliane? Lessing 1, 461; da geht der barmherzige (arme) schlucker; der kerl ist ein barmherziger reiter; das ist doch ein barmherziges (erbärmliches) wetter!; ein barmherziger (elender) unterricht. diese bedeutung ist heute fast ungewöhnlich geworden, zeigt aber augenscheinlich den zusammenhang zwischen barmherzig und barma lamentari.
 
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barmherzigkeit, f. misericordia, gratia, mhd. barmherzekeit. pass. K. 4, 11; nhd. sihe dieweil dein knecht gnade funden hat fur deinen augen, so woltestu deine barmherzigkeit grosz machen. 1 Mos. 19, 19; die barmherzigkeit thu an mir, das wo wir hinkommen, du von mir sagest, ich sei dein bruder. 20, 13; und die dirne gefiel im, und sie fand barmherzigkeit fur im. Esther 2, 9; und der könig gewann Esther lieb über alle weiber, und sie fand gnade und barmherzigkeit vor ihm vor allen jungfrauen. 2, 17;

etlicher ist beim trunk andechtig
als wer er voller heiligkeit,
und ist bier und barmherzigkeit.
Ringwald laut. warh. 79,

wortspiel mit bier und barm, hefe.

mein sohn, wie hat uns der mittler
mit barmherzigkeiten, mit huld, mit gnade beseligt!
Klopstock Mess. 11, 261;

wie denn auch eine beleidigende art des wolwollens, barmherzigkeit genannt, die ein wolwollen ausdrückt, was sich auf den unwürdigen bezieht, unter menschen gegen einander nicht vorkommen sollte. Kant 5, 295. man sagt ohne gnade und barmherzigkeit, da ist keine gnade und barmherzigkeit, kein erbarmen; sie schlugen ihn ohne gnade und barmherzigkeit tod. Opitz braucht es einmal für hang des herzens:

für allen sol uns nicht barmherzigkeit beiwohnen
auf euszerliche pracht. 4, 327.


 
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barmherziglich, adv. misericorditer:

demnach du nu mein gott ...
mein gebet barmherziglich erhöret.
Weckherlin 124.


 
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bärmig, misericors, mhd. barmec. pass. K. 439, 30; nhd.

recht bärmig milde nie verdarb,
kargheit grosz schand allzeit warb.
Brands Freidank 1539. 14b,

wo der urtext liest 87, 16:

reiniu milde nie verdarp,
sô erge manege schande erwarp,


 
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bärmlich, misericors, misericorditer, bei B. Waldis.

wenn andre bärmlich sich beklagen.
Göthe 13, 126.


 
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bärmuf, m. manica e pelle ursina facta.
 
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barmung, f. misericordia, erbarmung. mhd. barmunge. Walther 7, 36. 36, 23. pass. K. 147, 89. 639, 34. nhd.

auf das bleib in der wag
barmung in mittelmasz.
H. Sachs II. 2, 64c;

würst an deiner barmung nit vil gwinnen. III. 1, 20;

sein barmung über uns leszt walten. III. 1, 153c;

durch seiner milden barmung gnaden. IV. 1, 57c.


 
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bärmutter, f. uterus, matrix, gebärmutter, nnl. baarmoeder, dann auch für mutterbeschwerde, passio hysterica: die weil mancherlei sinn und ursach von dem grimmen (colica) gehalten werden zu sein, darumb entspringen viel seltzamer namen, das einer torsiones, tormina, der ander colicam, der dritte bärmutter, der mutter siechtag nennt. Paracelsus 1, 527c; ich gieng kainmal schlafen, ich hett dann ein renftlin brot verzert und zu ietlichem bissen ein glas wein ausgezächt, das bekame mir ganz wol an der bermter, die mich vast engstiget. Wirsung Cal. K 2b; luna, welche hals, genick, schlund, magen, bauch, bärmutter, link seit ein hat. Fischart groszm. 93; da er (Lemnius) mit gestank gebranter abschnidling von leder und hörnern die pest wolt vertreiben, als ob die leut die bärmutter hetten. Garg. 182b. vgl. deutsche mythol. s. 1111.

[Bd. 1, Sp. 1137]



 
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