Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ziefer bis ziegeldecker (Bd. 31, Sp. 896 bis 910)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ziefer, n., bezeichnet kleines gethier und kleinvieh, 1) federvieh, hausgeflügel, bes. hühner, gänse und enten: (junges) z. Klein 2, 246; hungriges, zudringliches federvieh (baier. Wald) Brenner-Hartmann Bayerns maa. 2, 450; zischendes thier, gänse, enten, hühner Fulda idiotikens. 600; (oberpfälz.) Schmeller-Fr. 2, 1087; allgem. schwäb.: H. Fischer 6, 1193; trute: so, sag ich, saubers z., bist aus der revir? Schwabe tintenf. B 7b; ausnahmsweise, aber unwillen bezeigend, vom storch:

was will mir das ziefer? — ist so was erhört?
Mörike ges. schr. (1905) 1, 34 Göschen.

2) kleinvieh, kleinere hausthiere wie ziegen, schafe; nur diese in jungen österr. weisth.: dasz alles z., auszer den presthaften schaaf und geis, ... obiger pfändung unterlieget (tirol. 1818) 3, 247; hirten des zifers (tirol. 1818) 244; 245; zickela, ziffer und gaasa bei H. Fischer 6, 1193; ebda reiche nachweise für das schwäb.; scheltend: verdammter dachs! ich brenn dich aus mit feur und pech, du höllisches z.! Schönherr glaube u. heim.3 100; mäuse:

[Bd. 31, Sp. 897]


das ziefer kommt geschwommen schnell
Mörike 1, 160.

3) insecten; käfer: der ... apis ... hat ... unter der zungen eines zifers gleicheit Heyden Plin. (1565) 243; floh:

Lojola, der viel ehrlich mann,
hat dann disz ziefer auszgeheckt,
welchs voller schant und laster steckt Jesuiter u. floh (1620) A 4a.

4) nicht erkennbare thierart: die hochtrabenden gelerten verkerten ... halten schlecht, einfeltig, fromm, grob leute etwa für ziffer und menschen bei in S. Franck sprw. (1541) 2, 163b; lassen da alle heiligen mszig sitzen, wie ein unntze zifer Fischart binenk. 207a; zifer, gezifer ungeziefer Hunziker Aarg. wb. 309. 5) übertr. scherzend oder scheltend auf lästige menschen; von einem frauenzimmer, für das nach Schmeller-Fr. 2, 1087 'ein stehender witz' frauenz. ist (s. th. 4, 1, 1, 83): dise secretarifrau ..., das lateinisch zifer, will uns in allem gleich seyn A. a s. Clara Judas 1, 549; dasz sie ein kifend zifer, ein zankteufel und geitziges weib gewesen H. C. Arend gedechtn. Albr. Dürers (1728) § 20; dim.: gelt, es (ihr) liebeuglenden ziefferl, da kan encks mulel schmutzn Schwabe tintenf. 37; kühnes, listiges mädchen (Augsb.) Klein 2, 246; muntere dirne v. Schmid 548; zīfer schelte gegen liederliche frauenzimmer Lexer kärnt. 265; (baier. Wald) Bayerns maa. 2, 450; so vielfach belegt bei H. Fischer 6, 1193, wo aber auch häufig z. auf eine lästige gesellschaft, schlechtes gesindel, bettelpack u. a. angewandt wird; ebenso: niederträchtige bande Martin-L. 2, 893b; liter.: nie hatte er ein freundliches wort für sie (die kinder) und auch nie ein grobes, sie waren z., wie er sagte Rosegger nixnutz. volk 195; schr. 3, 450; Stelzhamer ausgew. dicht. 2, 28. 6) z. steht in bedeutung, alter und lautgestalt dem worte geziefer (th. 4, 1, 4, 7045) gleich und darf daher nach dem muster von zelt: gezelt, zeug: gezeug als dessen kurzform gelten. wenn schon die th. 11, 3, 943 gestützte etymologie Jac. Grimms, wonach die gruppe ungeziefer, geziefer, z. aus ahd. zebar opferthier herstammt, auch z. in die nachkommenschaft einreiht, so verbietet doch das fehlen älterer belege und lautformen nach der art des mhd. ungeziber (kärnt. ziberl, s. ziebelein, steht fern) den unmittelbaren anschlusz. die augenfällige wertminderung des wortinhaltes bei geziefer und z. liesze sich zwar aus dem vollständigen umbruch des deutschen kultwesens bei der annahme des christentums einigermaszen verstehen, ist aber eher auf rechnung der tadelnden, herabsetzenden, 'improbativen' vorsilbe un- zu setzen, vgl. th. 11, 3, 943. danach wären geziefer und mit diesem auch z. erst aus ungeziefer, unziefer zurückgebildete wörter. der gefühlsbetonte gebrauch der beiden wörter geziefer und z., dessen spielraum auch das schöne gez. von th. 4, 1, 4, 7047 einschlieszt, erklärt sowohl die einschränkung auf das kleingethier der häuslichen lebensgemeinschaft wie die aufgabe der gar zu abstoszenden theilbedeutung unrath. die landschaftliche einengung des begriffes theils auf schafe und ziegen, theils auf das geflügel darf als jung gelten.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
ziefern, verb., 1) ostmd., das einziehen der luft und das zähneklappern bei frostempfindung malendes wort: als schles. schon von Steinbach (1734) 2, 1090 angeführt; Weinhold schles. 2, 109a; Blumer wb. d. nordwestböhm. ma. 96b; Müller-Fr. 2, 702b; sie zieferte recht (als man ihr den splitter ausschnitt) K. G. Anton Oberlaus. 15, 19; syn. hiewern: Petters andeutgen 6; neumärk. zibbern vor kälte zittern zs. f. d. maa. 1910, 33; bereits früh im schles. belegt: wie sie nu in der grsten kelte zyferten und klapperten L. Pollio v. ewig. leb. (1583) 87b; davon das adj. zieferig frostig, gegen kälte empfindlich Müller-Fr. 2, 703a. 2) obd., dem md.-nd. ziepen entsprechendes verbum jungen ursprungs, die vorstellung des ziehens lautmalend: zupfen, in gedanken an etwas herumzupfen und es womöglich verwirren H. Fischer 6, 1193; leise ziehen, zwacken, z. b. bläschen, schorf von der haut z. (Nürnb.) Schmeller-Fr. 2, 1087; dazu zīferle, n., splitterchen, wie man es aus haut oder fleisch herauszieht Spiesz henneberg. id. 289. 3) ein frequ. zu ziefen scheint zīfern ungeduldig nach etwas verlangen Schöpf tirol. id. 828; dazu gehört

[Bd. 31, Sp. 898]


ziffer, zifferig, adj., sparsam, spärlich, kärglich, knapp, kränklich, mager Unger-Kh. steir. wortsch. 651b. 4) mit verschärftem anlaut aus siefern (th. 10, 1, 885): rieseln Schmeller-Fr. 2, 1087; Lexer kärnt. 265; frequ. zu mnd. sîpen, md. sîfen tröpfeln; vgl. sīpern, zīpern sickern, durchtröpfeln, hervorflieszen Schambach 192b; zippern, s- tröpfeln: de trahnen zippert em ut de ogen Strodtmann id. osnabr. 296; zipsen schwach tröpfeln Christa Trier. wb. 224a; zibbeln triefen, von wasser an haar und bart Leihener Cronenb. wb. 125b.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
ziefiez, m., s. ziepfiez. —
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
ziefzen, verb., wehleidige schmerzenstöne ausstoszen: Müller-Fr. 2, 703a; lautmalend, s. DWB ziefern 1.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
zieg, m., bezichtigung, beschuldigung, anklage; nom. act. von zeihen; ahd. *zigi, altn. tig, n., mhd. zic, m. (Lexer 3, 1100): do aber des Esopus offentlich lögnet und den zig mit schwärem gemüt truge Steinhöwel Äsop 73 Ö.; die edel hertzogin unschuldig was desz zigs, so sye der marschalck ... gezigen hat Wickram 1, 167 B.; und hett sie niemants im zig der unwarheit 3, 306 B.; in ein z. kommen (in crimen) Boltz Ter. 119a; Frey gartenges. 113 B.; mit solchem z. schenden und schmehen J. Gretner ep. an d. Röm. (1566) 595; stnd er im z., das er die Hunnen ... aufgewicklet hette Wurstisen P. Ämil. 1, 109; im zig haben Frisius 1061a; 117b; 328b; Schmeller-Fr. 2, 1103; H. Fischer 6, 1194; zig, m., verdacht, argwohn Stalder 2, 473.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
ziege, f. , ziege, seit Luther das schriftsprachliche wort, welches über geisz (th. 4, 1, 2, 2796) obsiegt; im ahd. war es auf die mitte des deutschen sprachgebietes beschränkt, vgl. die belege: zisceidit her sie untar zwisgen, so hirti zisceidit scâf von zigôn (oves ab hedis), inti sezzit thiu scâf von sîneru zesawun inti thio zigûn fon sîneru winistrûn (Matth. 25, 32f.) Tatian 152, 2 (ostfränk.); zur selben bibelstelle zigun (acc. plur.) Otfrid V 20, 58 (südrheinfränk.); in der südmittelfränk. hs. A des Williram 14, 3 S. dîne zigan (haedos tuos) neben zikkin hs. B. und kizzin der übrigen hss.; das südrheinfränk. summarium Heinrici bietet capra geiz ahd. gloss. 3, 200, 29, capella ziga 30, capra al. cabella keiz, ziga 448, 59, hedus kizzin 60, und capra cigun 451, 2; mfränk.: capra geiz, capella ziega, edus ziegelin 368, 7ff.; die mhd. zeit kennt es aber, wenn auch nur in einzelnen, verstreuten belegen, auch auf obd. gebiet; vgl. zunächst die md. zeugnisse der literatur:

si hüpfet mit im als ein zige gesamtabent. 3, 121 H. (ostmd.);

seht, ir alden czygen (schelte für weiber) altd. schausp. 2, 732 Mone (ostmd.);

ins obd. gehören:

nu sage mir, weder sint dise bônen
eines bockes gewest oder einer zigen? (: gezigen)
Hugo v. Trimberg renner 4141 E. (ostfränk.);

und (der jäger) was den wec gein ime genigen,
der truoc ein wilde zigen
Heinrich v. d. Türlin krone 15070 (kärnt.);

so sich in dort ligen
ich wen pey einer schwartzen zigen (alten weibe)
Heinrich v. Neustadt Apoll. 14312 Si. (niederösterr.);

vgl. noch zigenbône Hugo v. Trimberg renner 4136 E.; zigenhiute Ottokar österr. reimchron. 7382 S. (steiermärk.); zigenmilch Reinfrid v. Braunschweig 8587 (mittelalem.). dieser befund ist um so auffälliger, als in der nhd. periode die obd. maa. nur geisz als benennung der ziege kennen; aber an blosze literarische entlehnung, wie etwa bei zeter (sp. 809) zu denken, ist doch bei dem auftreten sowohl im österr. wie im alem. gebiet miszlich; zudem lebt ja z., freilich in ungewöhnlich abweichender bedeutung, woraus jedoch nicht ein anderes wort erschlossen werden kann, in modernen bair.-österr. maa. fort (s. unt. II 2). in seiner eigentlichen bedeutung weicht z. vor dem siegreichen synonym geisz im spätmhd. und frühnhd. allmählich bis zur md. sprachgrenze zurück: die nordbair. älteste bibel weist noch zigenbock (s. d.) auf; ein oberhess. weisth. von 1338 bietet bereits geisz neben z-n weisth. 6, 396 f., aber ein vocab. obd. gepräges vom anfang des 15. jahrh. s enthält noch capra czig Diefenbach gl. 98a; der Basler A. Petri musz 1523 freilich

[Bd. 31, Sp. 899]


Luthers zygenfell durch geyszfell, kitzenfel wiedergeben; s. DWB ziegenfell. diesen verlust im süden ersetzt reichlicher landgewinn im norden, indem sich z., an seiner lautgestalt als md. eindringling kenntlich, früh auf mfränk.-nd. boden durchsetzt: czegen Sachsensp. landr. 1, 24, 1; 2, 48, 12 (13. jahrh.); vgl. ferner die nd. glossen zege, tzeghe, sege, seghe (meist des 15. jahrh. s) Diefenbach gl. 98a; 195b; n. gl. 73b; sowie die vorlutherischen nd. bibeln, z. b. 1. Mos. 30, 32 zegen Köln. bib., ceghen Lübeck., tzeghen Halberst.; sogar eens segeken (hoedi) 1. Mos. 37, 31 Köln. bibel gegen hoken, hken der beiden anderen; eyn tzeeghe off gheyte capra G. v. d. Schueren Teuth. 347b Verd.; sogar im nld.: sege Verwijs-Verd. 7, 891; seghe, ceghe sax., sicambr. Kilian 581b Hass., um 1777 noch overijsselsch und geldernsch ebda. von diesem frühen vorkommen im mfränk. bereich zeugt das nachleben des wortes in flurbezeichnungen der moselfränk.-luxemb. ma. Siebenbürgens, vgl. M. Orend in vierteljahrsschr. f. siebenb. landesk. 54, 275. belege vom 14. jahrh. ab für das östliche Mitteldeutschland gibt th. 4, 1, 2, 2798. die heutige sprachgrenze zwischen obd. geisz und md.-nd. z. verläuft im osten ungefähr an der obd.-md. sprachscheide: z. kommt noch im nordwestböhm. gebiet vor (zīche Blumer nordwestböhm. ma. 96b), im Vogtland ohne das bair. Saale- und Selbitzgebiet (Gerbet ma. d. Vogtlands 65) und neben geisz im henneberg. (Spiesz henneb. id. 73; 289); geisz noch in Salzungen und Ruhla (Hertel Thür. 104); im westl. md. bleibt Oberhessen beim süden, in Niederhessen gilt z. (zäge Hofmann niederhess. wb. 269a); Wetterau, Nassau und Rheingau, sowie das ganze Rheinland kennen nur geisz (rheinfränk. gs, gais, moselfränk. gs, ripuar. jēs, nfränk. jēt: J. Müller rhein. wb. 2, 1145; siebenbürg. gīs, gēs); s. die angaben th. 4, 1, 2, 2798 und Kretschmer wortg. 593. kerngebiet von z. ist Obersachsen und Nordthüringen (Müller-Fr. 2, 703a; zegen um Mühlhausen, zain um Nordhausen: Hertel Thür. 264; M. Schulze nordthür. 46b), wo jedoch zicke (s. d.) und mittelthür. hippe, hippel stark einengen, und ein neuer geltungsbereich ist im gesamten nd. gebiet hinzugewonnen: zäg(e), ssäg, westfäl. ssiege; s. th. 4, 1, 2, 2797. ältere obd. schriftsteller schreiben züge: Spreng Il. 2, 216; Stranitzky ollapatr. 180 Wien. ndr.
die ursache dieser sprachbewegungen mag z. th. die th. 4, 1, 2, 2797 zu unrecht angezweifelte überlegenheit der rassen und der zucht im md. hügel- und bergland gewesen sein; später trat als wirksamer grund das absinken des nd. bauernstandes in wirtschaftliche enge hinzu. so verschwand das mnd. geite, gête oder zog sich in flurnamen oder die umdeutende kindersprache zurück, vgl. holst. jitt mutterschaf, junges rind Mensing 2, 1038, das bis nach Westmeckl. vielfach in flurnamen vorkommt, s. W. Neumann flurnam. v. Grevesmühl. 105. für den sprachkampf in den grenzzonen spricht das th. 4, 1, 2, 2798f. belegte auftreten beider wörter in demselben denkmal und bei demselben schriftsteller, so bei Kirchhof und Grimmelshausen; Luther hält 1. Mos. 15, 9 bis 1523 und 3. Mos. 7, 23 bis 1528 an geys und geyszen fest, später zigen; s. auch ziegenmilch; auch die Hessen B. Waldis und Alberus gebrauchen beide wörter. auszerhalb dieser zonen erscheinen sie später nicht selten nebeneinander, da geisz seine literarische geltung bewahrt, s. belege u. I 1. anders in der frühzeit, wo geisz und z. als capra und capella, ziege und junge ziege geschieden werden (s. ob.) und dazu noch für das ziegenlamm kizzin oder ziegelin erscheint; die gleiche fülle bei G. v. d. Schueren gheyte, tzeeghe, huecksken capra, capella, edus Teuth. 114a Verd., und in einem Mainzer voc. von 1414 capra, caprella eyn geiz vel eyn z. Mainzer stadtbibl. hs. 604 fol. 41a (gleich Diefenbach gloss. 98a). danach besteht die th. 4, 1, 2, 2798 erschlossene grundbedeutung junge ziege zu recht, und nun begreift sich der gesamtvorgang: anfangs ziga junge ziege neben geisz mutterziege, danach, zum namen des mutterthiers geworden, obsiegt z. im ostmd. und, durch wirtschaftliche verhältnisse unterstützt, im nd. gebiet, musz aber zuletzt vor dem jüngsten, wieder aus einem kosewort erwachsenen ausdruck für die mutterziege, zicke, im ostmd. theilbezirk zurückweichen; im obd. unterliegend,

[Bd. 31, Sp. 900]


kann das wort z. doch dem siegreichen geisz seine spröszlinge zicklein, zickel, zickelchen als benennung des lamms in einem grenzstreifen unterschieben; das obd. hauptgebiet dagegen bleibt diesen verschlossen, da hier schon durch kitz, kitze, n., kitzlein (th. 5, 868) für den namen des lammes gesorgt ist. etymologisch ist z. über sein kosewort ahd. zickîn, ags. ticcen mit norw. dial. tikka mutterschaf und weiter doch wohl mit mnd. tîke, neunord. tik, altn. tîk hündin, woraus engl. tike köter, zu verbinden. ein parallelfall zum bedeutungsübergang liegt bei zibbe (s. d.) vor; auszerhalb des germ. läszt sich wohl armen. tik schlauch (eig. ziegenfell), alban. δι ziege, griech. dial. δίζα ziege (< *διγjα) heranziehen. der lenisstand des gutturals in ahd. ziga macht bei diesem ansatz schwierigkeit.
I. ziege, vornehmlich die hausziege, capra hircus.
1) das erwachsene weibliche thier: bringe mir eine dreyjerige kue und ein dreyjerige zigen 1. Mos. 15, 9; Carbach Livius 291a (cit. unter 1zickel); seine schaaff und z-n sind nicht unfruchtbar gewesen Schupp schr. (1663) 168; warf den z-n und den jungen hipplein das laub vor Musäus volksm. 1, 47 Hemp.;

am zaun im ring
die ziege ging
mit ihren zicklein
Brentano ges. schr. 1, 500;

ähnlich wird auch dem Jupiter zur amme eine z. gegeben Hegel w. 10, 2, 427; ihre z-n zu melken Mörike w. 3, 112; die magern z-n geben die meiste milch Petri d. Teutsch. weiszh. 2, Q 8b; wer die z. im hause hat, hat den bock fr der thre Kern sprw. 59; schlacht a bock, schlacht a bock, lutt de zieje laufa Rother schles. sprw. 48b; wenn der bart den verstand andeutete, so wären bock und z-n sehr weise Düringsfeld sprw. 1, 75a; dabei gerathen die synonyme, wie th. 4, 1, 2, 2799, nebeneinander: geisz oder z-n Thurneyszer alchym. 7; von ken, zigen, geyszen Fischart Garg. 79 ndr.;

vom Heintzen
und frau Adlheit
wie sie erstlich hochzeit gemacht,
ein zieg und geisz zusammenbracht,
dieselb umb blen vertauschten hin
Eyering proverb. 1, 70;

gar zusammentretend zu ziegengeisz, s. th. 4, 1, 2, 2799; das junge thier nur, wenn jung, klein od. ä. hinzugefügt wird: ein alter bock ist noch wol einer jungen z-n werth Petri d. Teutsch. weiszh. 2, S 5a; sonst gebraucht die volks- und z. th. auch die schriftsprache sonderbenennungen dafür, s. DWB zicke, DWB zickel, DWB zicklein, ferner obd. kitz, thür. hipplein. 2) z. steht im übrigen für die art, wenn es auf die unterscheidung von geschlecht und alter nicht ankommt: alle unser stedte, gter, berge, hgel, ecker, ochsen, schafe, zigen, rosse und kamel, und was wir nur haben, ... ist alles dein Jud. 3, 4; als wenn man etliche handwerker zygen, fliegen, katzen und igel nennet Mathesius Sarepta (1571) 24a; gns und z-n von der wintersaat abhalten, es wchst nicht gern nach ihrem bisz Hohberg georg. 1, 133; auch siehst du ... z-n behaglich weiden Göthe 49, 105 W.; so allgemein; von ihren eigenschaften zeugen die nachstehenden belege: die kletternde z. Herder 17, 114 S.;

hüpft von fels zu fels die ziege
Göthe 3, 124 W.;

Schiller 6, 392 G.; die z. set sich an allen krutern ..., bumen und struchern ist sie hchst gefhrlich, denn sie schlt sie ab oder verbeiszet sie ... das fleisch der z. kmmt dem schaaffleische nahe, ist aber lppischer Leopold hdwb. d. ökon. 533a; naschende z-n Vischer äshet. 2, 101; eine zudringliche z. Holtei erz. schr. 4, 16; lieber wollt ich eine herde z-n bewachen als ein rudel böswilliger und saumseliger schuldner G. Keller ges. w. 6, 284; das meckern einer z. Fontane I 6, 38; (die) nervösen z-n W. Raabe schüdd. 1, 107; von wilden z-n im amerikanischen norden spricht J. G. Forster s. schr. 4, 165; A. v. Humboldt kosm. 2, 28; spielt im aberglauben eine rolle: die Meiszner (ritten zum Blocksberg) auf musen, die Mrcker auf z-n, welche meck meck sagen J. Prätorius

[Bd. 31, Sp. 901]


Blockesberg 45; vor dem militiabataillon aus Wales marschierte mit dem tambour eine weisze z. Moltke ges. schr. 6, 258. 3) sehr häufig in redewendungen, welche von der verbundenheit dieses hausthieres mit dem landmann zeugen, wie: auf die faule (für fahle) z. kommen sagte man unter dem Harze von mädchen, die sich herumtreiben nd. korrbl. 15, 5; vgl.: einen auf der fahlen z. ertappen Eiselein 658; dürr wie eine z. Spiesz henneb. id. 289; dar hots inwendich wie de zieja (die das fett innen ansetzt), d. h. er läszt sich seine schlauheit oder seine vorzüge äuszerlich nicht anmerken Müller-Fr. 2, 703a; auch: der hats hinter den ohren wie die z. den speck ebda; du kannst mir nicht die z. fuchsen kannst mir nichts anhaben; die z. beim schwanz haben bei einem unternehmen keinen erfolg haben ebda; er hat die z. in den garten gelassen er hat den bock zum gärtner gemacht Rother schles. sprw. 345a; die z. ist die kuh der armen Wander 5, 573; vgl.: von der weisz man nichts, man weisz nicht, wer ihre küh und ihre z-n sind O. Ludwig ges. schr. 2, 353; und in sprichwörtern:

denn wer sich grün macht, den fressen die ziegen
Göthe 16, 114 W.;

J. Prätorius Katzenveit G 6b; gott weis wol, warumb er der z-n den schwantz nicht sol lassen zu lang wachsen Friedrich Wilhelm sprw.-reg. D 2a; ist der z. der schwanz zu lang, so schlägt sie sich die augen aus Rother schles. sprw. 48b; Holtei erz. schr. 22, 48;

die zieg das messer selbst auszkratzt,
das ihr ward an die kehl gesatzt
Petri d. Teutsch. weiszh. 2, R 7b;

wann der z. zu wol ist, so geht sie aufs eis tantzen Kramer teutsch-it. 2, 1381c; die fette z. weisz nicht, wie der magern zu muthe ist Wander 5, 572. 4) wbb.: Calepinus XI ling. 195b; capra ... czyge Diefenbach hd.-böhm. wb. 59; zebe zygen, geiszen Hulsius (1618) 2, 443a; capra geysz oder z. Zehner nomencl. (1645) 239; Wiederhold 435b; z. neben geisz Stieler 638; Kramer teutsch-it. 2, 1449c; Dentzler 363b; Steinbach 2, 1090; Frisch 2, 473c; Adelung2 4, 1702; Campe 5, 859a. 5) schon im mhd. (s. ob.) als schelte für ein weib und seitdem sehr üblich:

der alte geile bock (Tilly) lszt sich noch wol gengen,
unwerth der edlen magd (Magdeburg), an einer alten ziegen
Opel-Cohn dreiszigj. krieg 262;

diese stinckende z-n, ich verstehe die dienstmgde verblend. jungfrau (1690) 267;

oft hertzt ein fremder eine ziege
und sieht sie vor die Venus an
Chr. Weise grün. jug. 34 ndr.;

ist ... zu erbarmen, dasz solche alte z-n ... mit ihrer schmierbchsen noch sollen fr dem spiegel stehen Hohberg georg. cur. 3, 1, 134a;

sie sagn wol gar mit trotzigkeit: ...
dasz besser sey ein hlzern bock
als güldne ziegn im fischbeinrock
Weichmann poes. d. Nieders. 5, 330;

Henrici sat. ged. 2, 394; eine z. ... mit weichen händen O. Ludwig ges. schr. 2, 337; bes. beliebt: alte z-n lecken auch gerne saltz, aber es stehet mchtig bel V. Herberger Jes. Sirach 405b; Venusgärtl. 23 ndr.; Stranitzky ollapatr. 234 Wien. ndr.; Blumer nordwestböhm. ma. 96b. 6) übertr. a) für das häufigere geisz auf die ricke, rehgeisz: zwischen ostern und pfingsten setzen sie auch und absentiren sich die z-n auch alleine Täntzer Dian. jagtgeh. 1, 88; die ricken oder z-n allg. haush.-lex. 1, b 4b; b) wie zicke die zehn im kartenspiel: raus mit der z. ufn teichdamm! Müller-Fr. 2, 703a; die grüne sieben im deutschen kartenspiel Blumer nordwestböhm. ma. 96b; c) merkwürdig genug bedeutet nach Schacherl Böhmerwaldma. 44 ziega das schwein, eine bezeichnung, die aus dem lockruf ziega für die schweine entstanden ist. 7) dim. von z. treten zu allen zeiten auf, bleiben aber vereinzelt und setzen sich gegenüber zicklein, zickel, zickelchen (s. d.) nicht durch; a) zieglein: (mfränk. 11. jahrh.) edus ziegelin ahd. gl. 3, 368, 9; tziglin (seit der Augsburg. ausg. Z von 1475 kitzlen) 1. Mos. 27, 16 erste bib. 3, 129;

[Bd. 31, Sp. 902]


czegeleyn Diefenbach gl. 195b; (die) jungen zyglin oder kitzlin Ryff spieg. d. ges. 47b; zyglin Eppendorf Plin. 11, 223; die jungen z. V. Schönfelt prognost. (1571) E 3a; ziglin Sebiz feldb. 143; ein geisz ..., die giebt dir milch und junge zieglin grillenvertr. 133; ziglein voc. rei numm. (1558) C 4b; z. haedulus Reyher (1686) p 3a; z., zicklein Kramer teutsch-it. 2, 1449c; Rädlein 1092b; Ludwig teutsch-engl. 2587; als ungebräuchlich erkennbar: z., quam zicklein nunc dicunt Steinbach 2, 1090; z. M. Mendelssohn ges. schr. 6, 374; eine ziege und ihr z. Jer. Gotthelf ges. schr. 10, 145; s. auch züchel kiefernzapfen unt. II 2; b) ziegelchen: (rheinfränk.) edi zigelchin ahd. gl. 3, 76, 32; zieglichen P. Beling waldlied. (1649) A 2b; zigelgen J. Prätorius anthrop. 2, 489; Rädlein 1092b; c) allein steht eine nd. form segeken 1. Mos. 37, 31 Köln. bib.
II. auf andere wesen der thier- und pflanzenwelt übertragen.
1 a) pelecus cultratus, auch cyprinus und cobitis cultratus, ein zur gattung der karpfen gehörender fisch, mager und mit unterseits gebogener scharfer körperlinie (daher nach der ziege benannt), auch sichling (th. 10, 1, 737), in Preuszen, Pommern und der Mark zege; ein oberflächenfisch der Ostseehaffe, des Kaspischen und Schwarzen Meeres, von wo er in deren zuflüsse aufsteigt: fr 1200 marck fische gefangen ..., sein fast eitel zigen gewesen Hennenberger preusz. landtaf. (1595) 402; Micrälius alt. Pommerland (1640) 6, 384; zägen, so die gestalt wie eine zährte (haben) Beckmann beschreib. d. churmark Brandenb. 1, 567; Hennig preusz. wb. 310; Campe 5, 859a; Frischbier 2, 492b; Bandtke poln. wb. 1, 360b; Oken allg. naturgesch. 6, 314; der sichling, der auch z., zicke, sichel, messer- und schwertfisch, messerkarpfen und dünnbauch genannt wird Brehm 8, 286 P.-L.; v. Siebold süszwasserf. 152; b) clupea alosa: alosa, sardina, alsem, zig, schad N. Frischlin nomencl. bei H. Fischer 6, 1194; z. vetula fluvialis, alausa Gesnero, wird sonst goldfisch genennet Albinus meiszn. chron. 629; alausa ... zieg vel goldfisch Bas. Faber thes. 1048a; Scherz-Ob. 2108; Frisch 2, 477b. 2) pinus silvestris, kiefer, föhre: die zihen, zigen (oberpfälz.) Schmeller-Fr. 2, 1105; in den monaten november, december, januar, februar oder martio soll man die zapfen ... vom nadelholz, sonderlich den forn oder zigen, abplatten Neuburg. forstordn. von 1690 s. 9 ebda; spän- oder liechtzigen (oberpfälz. waldordn. von 1694) Lori bergr. 573; z. forche, föhre Heppe wohlred. jäg. 158; dazu collect. ziegach, n., föhrenzweige und -äste: es wurde in dem Donaugestade unter der hölzernen brücke das zigach gelegt und stein und koth darauf geführt (1466) Gemeiner Regensb. chron. 3, 401; auch ziegicht (ma. zigət, zihhət) föhrenwald kommt auszer in Bayern auch in Österreich bei Kremsmünster vor, dort kennt Popowitsch vers. 138 das zieget; zigach, n., (Bayern) föhrenwald Buck flurnamenb.2 308; weiter ein adj. ziehen von kiefernholz: zihhens holz, die zihhen stra streu von nadelholz oder lange streu, im gegensatz der streu von laubholz oder kurze streu Schmeller-Fr. 2, 1105; ziehenstaude, f., kiefernstaude Unger-Kh. 651a; schlieszlich ist züchel bei Heppe der fruchtzapfen der kien- und lärchenbäume: Schmeller-Fr.; s. ziegenholz, -nadel, -reis, -staude. diese seltsame benennung ist schon von Adelung2 4, 1702, danach von Campe 5, 859a, Holl pflanzennam. 101a und Pritzel-Jess. volksn. d. pflanz. 281b beachtet und gebucht worden; Adelung nennt sie 'unstreitig von einem andern stamme' als z. I, R. Löwe germ. pflanzennam. 111 erklärt den namen für eine übertragung von z. I, hervorgerufen durch die spitze beschaffenheit und das paarweise wachsen der kiefernnadeln, sodann aber dasz gerade die kiefer diesen namen erhielt, rühre von ihrer geringeren höhe gegenüber der tanne und fichte her, denen das volk den namen bock, d. i. ziegenbock zulege. so überraschend diese annahme wirkt, so wunderlich die wege des sprachgeistes gegangen zu sein scheinen, so liegt doch dem volksdenken eine solche verlebendigung nahe. hier ist auch der reichen phantasiethätigkeit, die sich in den zss. mit z. (s. u.) erschlieszt, zu gedenken. somit finden jene mhd. belege aus dem österr. gebiet

[Bd. 31, Sp. 903]


(s. ob.) eine unerwartete bestätigung: das wort z. ist so lebendig gewesen, dasz es nach seinem absterben im gemeinen sinne infolge des sieges von geisz eben in der volkssprache mit der neuen, übertragenen bedeutung fortbestand. auf den abweichenden consonanten des stammauslauts scheint man kein besonderes gewicht legen zu müssen, da neuerdings auch -g- (s. ziegennadel) bezeugt und auch bei z. I -h- nicht ohne beispiel ist, s. unt. ziegenbock und -haut. grammatischer wechsel braucht nicht vorzuliegen; eine geringe lautänderung ist bei wörtern, die den räumlichen und semasiologischen zusammenhang mit dem mutterwort verlieren, wohl vorstellbar. ein grund gegen den ansatz lexikalischer einheit von z. I und II 2 ergibt sich aus dem lautlichen unterschied nicht.zss. von z. I: furchtziege, f., ängstliche person, angsthase: Müller-Fr. 2, 703b; gefechts- le cheval du capitaine (soldatensprache) R. Delcourt 109b; himmels- (th. 4, 2, 1368); mecker- meckernde person Müller-Fr. 2, 703b.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
ziegel, m. , auch f., kunstbaustein aus thon. form: lat. tegula ging als *tegal, *tigol am Rhein, in den Niederlanden und England ins germ. über: ahd. laterum zigelun, zegelun, zigil gloss. 1, 419, 10 ff., laterem cegalstein 2, 222, 59; later zigel, laterem zigel, zegulun, lateres zigela, laterum zigilo, zigelun Graff 5, 626 f.; mnld. teghel, tichel, techenl, nnld., nfränk. tichel, ae. tigol, tigele (von hier als tigl ins altn.); spätere entlehnung einer rom. grundform *tēgula führte zu ahd. later zeagal Graff 5, 626, laterum ciagolo gloss. 1, 424, 20, ziagolono 282, 59, later ziegal, lateres ziegala Graff 5, 627, laterem ziegelon gloss. 2, 241, 26, ciogil 203, 61, as. lateres tieglan Wadstein 74, 7, woraus mhd., nhd. ziegel, mnd., nnd. têgel, teigel. die modernen maa., soweit sie das wort führen, stehen auf den angegebenen grundlagen: zur ersten gruppe (-ĭ-) gehört das linke Rheinufer vom Unterelsasz an (im süden zichel, zijjel, ziggel, saarl. zīl, lux. zill, eifelisch ziel, ripuar. zejjel, nfränk. tighel, -ch-) und vielleicht theile Hessens, falls hier nicht spätere kürzung gewirkt hat, vgl. dsijəl Hofmann niederhess. wb. 269a; alle übrigen ma.-gebiete weisen formen auf, deren vocalstand altem -ia- entspricht: obd. -ia-, -ie-, ostfrk. und nd. -ei-, -ai- (nd. auch z. th. -ē-) md. -ī-; der guttural tritt im Elsasz und im bergischen lande als -k- auf, thür.-obers. als -ch-, im ostfäl. und anhalt.-brand. schwindet er wie im moselfrk.; s. Frings Germ. rom. 73; Lessiak kons. 143; 267; K. Schwarz intervokal. -g- im fränk. (1914) 117; tī:kəl Hasenclever Wermelskirch. 96; tsē:kəlštēn Bubner berg. land. (1935) 30; M. Heyne hausalt. 1, 84; 89; 212; altd. handw. 78 ff. in der literatur herrscht seit dem mhd. ziegel; das geschlecht ist in anlehnung an heimisches stein von anfang an m., doch an nicht wenigen stellen auch das fem. geblieben, vgl. ae., mnld. (neben m.); ahd. ziegelon (acc. sing.), ziagolono (gen. plur.; s. ob.); ferner f. elsäss. (neben häufigerem m.), pfälz. (seltener m.), siebenb., lux., niederhess., Rhön, wald., nordharz., thür.-mansfeld., preusz. und wohl in mehr bezirken; daher denn auch der plur. -n verständlich wird, wie ihn u. a. Heyden Plin. 75, Lenz, Göthe (43, 30; III 2, 4; IV 36, 107 W.), H. Meyer bild. künste 2, 36, J. Prätorius glückst. 93, Lohenstein (Arm. 1, 108a; 679a), Schweinichen denkw. 54 Ö., Holtei erz. schr. 3, 110, G. Freytag ahn. 5, 84 gebrauchen; als f. in der sing.-form erkenntlich bei Luther ausz der zcigel brot machen 29, 468 W., bei Gotter 3, 149 und Rückert w. 8, 267; Stieler 287 bietet die z., plur. z-n. Lohenstein (s. ob.) schreibt -ü-, auch österr. dialektschriften. bedeutung: den steinbau lernen die Germanen an den bauten der röm. legionen im besetzten gebiet kennen; die ausdrücke mauer, kalk, kammer, keller, mörtel u. a. gehen in ihre sprache über, z. vor dem 6. jahrh., wie aus dem verschobenen anfangsconsonanten ersichtlich; im rhein. und südwestl. Deutschland verbreitet sich z. zunächst, während der norden und osten wort und sache noch nicht aufnimmt (nur ein as. beleg!); erst vom 11. jahrh. ab entfaltet sich unter niederländ.-rhein. einflusz der norddeutsche ziegelbau an kirchen und prunkgebäuden; bürgerhäuser werden, auch im süden, noch lange aus lehm aufgeführt: swer pauwen wil,

[Bd. 31, Sp. 904]


der sol mit z-n oder mit laime pauwen (13.—14. jahrh.) Nürnb. poliz.-ordn. 287, eine bauweise, welche in den dörfern des flachlandes erst um die letzte jahrhundertwende wohl ganz aufgegeben worden ist; ahd. kamara und cheminata, feuersichere und heizbare räume, bilden den ersten aus stein oder z. errichteten haustheil. der geformte und an der luft getrocknete z. (luftz.) wurde anfänglich wohl allgemein und wird noch jetzt im Rheinland, Hessen und Nassau stellenweise in meilerartigen haufen auf dem felde gebrannt (z. backen, feldz-ei); im süden erscheint früh ein fachausdruck für das brennen: cocti lateris gieittes zigales ahd. gloss. 1, 603, 8;

lat si selbe samenen
stumphe unde halme,
ze der ziegeleitte
selbe si si leitten Wien. exodus 1009 Kossm.,

womit vielleicht schon der brand im ofen gemeint ist; dieser aber deutlich:

in dem oven sam der ziegel
eitet sich unt wirt gerœtet Haupts zeitschr. 8, 287;

66 m. vor 7 ofen zigils; der ofen behilt jo 38 000 muerzigil und dachzigil (um 1400) Marienb. treszlerb. 11 Joach.; ebda begegnet zuerst der ausdruck z-ofen: 63 m. und 3 fird. vor 16 schog an 4 bornronen zum zigiloven ken Grebin gekouft 253; latericium ein z-offen (1512), tzygeloven (1507 Köln) Diefenbach gl. 320a; tycheloven n. gl. 229a. z. ist im ahd. der backstein für mauerwerk, doch spricht die menge der glossen nicht für die thatsächliche erzeugung und den verbrauch, da sie durch die biblische schilderung des thurmbaus zu Babel und der ägyptischen fron veranlaszt ist; das dach deckten schindeln, auch bei gemauerten gebäuden, daher wird lat. tegula und imbrex durch scindula übersetzt: ahd. gloss. 3, 130, 1; 181, 12, und der Tatianübersetzer musz tegula erklären: thuruh thie thekiziegala santun inan (per tegulas summiserunt illum, Luk. 5, 19) 54, 3; noch im 14. jahrh. begegnet die gleichung tegula schindel voc. opt. 4, 77. zur minderung der feuersgefahr aber erreicht die behörde allmählich den gebrauch der dachz.; erste zeugnisse betonen wohl die neuheit, vgl.:

weder prett oder ziegel
niemant an der purgk sach:
von golde gantz was ir dach
Heinrich v. Neustadt Apoll. 13 358 Si.;

bist du doch ein fler mist,
ein obtach, ein ziegel gottes zukunft 2305 Si.


1) schrift- und verkehrssprache der nhd. periode verstehen unter z. in erster linie den dachstein, die maa., soweit angaben vorliegen, so gut wie ausschlieszlich, indem sie den gemauerten backstein mauer- oder z-stein nennen; vgl. die lexikal. buchungen: imbrex Diefenbach gl. 287a; tegula panne vel leye, z. 575b; tegula qua tegitur domus ein zyegel gemma gemm. (1508) B 4b; tegola Hulsius-R. (1616) 430b; imbrices z., tachz. Decimator; tegula Stieler 287; tegola, embrice Kramer teutsch-it. 2, 1449c; Frisch 2, 473c, Adelung2 4, 1702 und Campe 5, 859a geben als engere bedeutung die des dachz-s an; von ma.-wbb. vgl. Martin-L. 2, 894b und H. Fischer 6, 1176. damit ist die sprache zum ursprünglichen begriff zurückgekehrt. lit. belege:

e wolt ich als der ziegel
mich mytten uff dem dach
und lyden ungemach meist. Altswert 152 H.-K.;

eins holen z-s Herold Gesners thierb. 37b, die ursprüngliche form andeutend; Grimmelshausen Simplic. 192 ndr.; wenn ich gewust hette, das so viel teufel auf mich gezilet heten, als zigel auf den dechern waren zu Worms, were ich dennoch eyngeritten Luther 15, 214 W., ein oft citierter ausspruch; hat ... ein z. vom tach geworfen C. Hedio chron. germ. 220a; delicia das holtz dasz am ende des tachs die z. helt Alberus nov. dict. gen. m 3b; H. Sachs 21, 184 G.; wie man einander die z. bisz zum tach hinauf reichet Fischart Garg. 98 ndr.; die tcher fallen, die z. schieszen Schütz hist. rer. pruss. 7, Q 4c;

[Bd. 31, Sp. 905]


es blieben auch 32 Deutsche tod von zigeln erfallen Hennenberger preusz. landtaf. 22; Jupiter, der sich in einen gldinen regen verwandelt und sich also ohnvermerckt zwischen den zigeln desz dachs in den schosz der Danae hienein getrpfelt Moscherosch ges. (1650) 2, 330; eine reyhe z-n auf einem dach Kramer teutsch-it. 2, 1450a; von mauerwerk gebaut, mit z-n gedeckt sind die häuser (in der Champagne) Göthe 33, 83 W.; deckte von innen zwei z. des dachs auf 43, 329 W.; klappernd kamen die z. vom dachfirst herunter Fontane I 6, 349; Spielhagen 2, 146; für die entwicklung des gebrauchs vgl. noch: die heuser seyndt kstlich, allain das ist ein ungestalt, das der merteyl der heuser mit schindeln, wenig mit z-n bedeckt seynd S. Franck chron. Germ. (1538) 307a; auch für dachsteine aus anderem stoff, wie z. b. in der Neumark die dachschieferplatten lēez-n heiszen (zs. f. d. maa. 1909, 142; s. leien th. 6, 682): ein grosz steinern hausz, welches mit marmorsteiner z-n gedeckt war Chr. Reuter Schelm. 123 ndr.; der ... Lamatempel, deren allerheiligster ... mit massivgoldnen z-n gedeckt sein sollte Ritter erdk. 2, 137; häufiger farbig oder glaciert: alle tächer ... mit allerhand farbgeprenten zigeln versetzet Fischart Garg. 440 ndr.; das dach mit bunten, glacierten z-n bedeckt fürst Pückler br. 2, 34; volksrede und sprw. verwenden z. vielfach, so von einem verschuldeten menschen: kein z. auf dem dache gehrt ... ihre theat. d. Deutsch. (1768) 15, 541; Wander 5, 577; von einem unvorhergesehenen unfall: es ist ihm ein z. auf den kopf gefallen ebda; Lehman flor. pol. (1662) 1, 133; es ist noch keinem ein z. vom himmel uff den kopf gefallen Wander; übertr.: es sind lette, denen an dem gesprr des sensus communis ein sparren mangelt, denen etliche z. im dach ihres hirns zerbrochen sind Moscherosch ges. (1650) 2, 181; ke zijle meh uff um dach han kahlköpfig sein Follmann 558a; volkstümliche redewendungen s. bei H. Fischer 6, 1176; früh begegnet eine wendung, die die vergebliche mühe um das weiszwaschen eines rothen z-s betont: dise sprichwort zeigen hflich alle vergebne arbeit an, wie auch lavare corvum, laterem ein z. waschen S. Franck sprw. (1545) 1, 4a; schon im Terenz (1499) 120a; den ungebrannten z. meint:

den ziegel und den bœsen man
nieman volle waschen kan,
sô daz lûter ab in gê Freidank 88, 15;

vgl.ungebrannte z. waschen Wander 5, 577; s. auch Heinrich v. d. Türlin im mhd. wb. 3, 874b.
2) mauerstein a) zum bau von häusern und anderen gebäuden oder theilen davon; für die ältere zeit s. ob.; si suln alle z. machen in ainem model und suln ain sinwel eisen haben, damit si si streichen, so si waich sint Nürnb. polizeiordn. 287; later Diefenbach gl. 320a; n. gl. 229a; gl. 255b; wolhr, lassend uns z. machen 1. Mos. 11, 3 Zürch. bib. (1530); sy (die Ägypter) frten ir (der Israeliten) leben z der bitterkeyt mit den hertesten wercken des hors und des z-s 2. Mos. 1, 14 ältest. bib. 3, 222; 2. kön. 12, 31 ältest. bib. 5, 175; H. Sachs 6, 196; 10, 78 K.; wie Josephus schreiben will, das Adam die verheiszung vom weibes samen in ein steinerne und auf ein tafel von z-n gemacht geschrieben habe Mathesius Sar. (1571) 103a; des jars machet man die roten und die grünen zigel auf die prustwer (Nürnb.) chron. d. st. 10, 211; dise gewelb schlisz man ... mit ... quaderstucken, gezeynt in einander, oder mit z. gemaurt A. Dürer befest. d. stett B 4b; eiserwerck ..., damit er aus demselben blindwerck in der mauren einen z. nach dem andern lsete Schütz hist. rer. pruss. 6, O 6b; die heuser waren auf das schlechst on z. und mrtel beurisch zgerüst S. Franck chron. Germ. (1538) 5a; soll man ein haus niederreiszen, um einen ungleichen z. herauszunehmen? Kretschmann s. w. 1, 4; das schlosz ist zum theil aus steinblöcken, zum theil aus gebrannten z-n aufgeführt Holtei erz. schr. 7, 5; ein ... gebäude aus rothen z-n mit spitzem schieferdach Moltke ges. schr. 1, 212; Fontane I 2, 440; lexik.: later z. voc. opt. 16b W.; zigel Alberus y 3a; Widerhold 435b; Stieler 287; Calepinus VII ling.3 1, 518a; Steinbach 2, 1090; Frisch 2, 473c; verbverbindungen: wolauf, laszt

[Bd. 31, Sp. 906]


uns z. streichen und brennen (aiten ältest. bib.) 1. Mos. 11, 3; in Wermuths z-ofen zusammen 350 450 z. gebrannt acta d. schles. stände 8, 279 P.; lateres ducere z. streichen nomencl. lat.-germ. (1634) 57; Stieler 287; 2197; Kramer teutsch-it. 2, 1449c; mit z-n mauren, pflastern 2, 1450a;

in dem gelobten lande,
wo man das mannabrodt anstatt der ziegel backt
Günther ged. 678;

erst z., dann brod backen v. d. Steinen naturv. Zentralbras. 12; b) zum belegen von fuszböden und fluren:

wan er (der estrich) enwas von ziegel
erziuget niht sô reine,
er was von marmelsteine
geworht nâch rîchen sachen
Konrad v. Würzburg troj.-krieg 17412;

das er den bodem (des gemachs) aufgebrochen, welcher mit starcken z-n besatzt D. Wintzenberger warh. geschichte (1583) 68b; tessera tenne von czigel Diefenbach gl. 581a; hub ... einen z. auf und machte ein ... loch durch die diehlen A. Gryphius (1698) 1, 856; anm. gelehrs. 5, 226 Gottsch.; die stube mit z-n ... pflastern J. Riemer polit. maulaffe 157; Schubart s. ged. 1, 68 (cit. th. 5, 568); c) für öfen: (probierofen) Bech Agricolas bergwerkb. 183; öfen, aus vortrefflichen z-n gemauert C. A. Böttiger kl. schr. 2, 286; d) in der gruppe stein und z. u. a. zusammenstellungen kann z. sowohl zu 1 wie zu 2 gehören; vgl.: z. und backenstein seind alle von einem letten, aber etliche legt man aufs dach, etliche auf den boden, mit etlichen baut man das hausz Lehman flor. pol. (1662) 1, 157; zu 1: auch mussen darzu der stat decker haben einen, mit einem karren und pfert, der inen zufurt zigel, sande und zeug Tucher baumeisterb. d. st. Nürnb. 55 L.; zu 2: dasz es an steinen, zieglen und kalck ... nicht ermanglet habe Harsdörfer secret. 2, 168; die dörfer und flecken ... sind zum theil von steinen und z-n sehr dauerhaft erbauet J. G. Forster s. schr. 3, 89; steine und z-n würden (zum neubau des schlosses) fleiszig angefahren Holtei erz. schr. 3, 110; e) besondere verwendung: nimm einen heiszen z., darauf spreng guten starcken wein, empfach den dampf an die verletzte glieder, wann sie wol erwarmet und erschwitzt seynd, truckne sie mit warmen tchern Wirsung artzneyb. (1588) 151c; engem eng zill bei d feisz wiermen lux. wb. 504a; bruchstücke (auch von z. 1) können zum schreiben oder malen dienen: mauern ..., auf die ... der betteljunge mit rotem z. seine fratzen malt R. Huch triumphgasse 7; in der heraldik werden z. ... mitunter die schindeln (schmale ungleichseitige rechtecke) genannt v. Querfurth wb. d. herald. terminol. 177; platten gepreszter theeabfälle: 60—70 z. thee Brehm 1, 533 P.-L.; s. DWB ziegelthee; in der schweiz. soldatensprache: z., z-stein brotconserve H. Bächtold sprache d. Schweiz. sold. 63.
3) thongeschirr, eine sonderbedeutung franz. maa. und der germ. grenzzone: einerseits norm. twil flache kuchenpfanne, Mosel tioule löffel des gieszers (s. Frings Germ. rom. 74), anderseits mnld. teil arden schotel Verwijs-Verd. 8, 180; teyle testa, fictile, vas fictile, in franz. Fland. telle Kilian 667b H.; und im älteren alem.: Keisersberg seelenpar. 11a (cit. th. 3, 1885); wenn zauberei in eim z. verwicklet wer und du den z. umbstieszest emeis 45b; lege das krut in ein zigel und brenne es z pulver Petrus de Crescentiis ackerbau 128b; die jungen zweig musz man ... under dem erdtrich oder in einem z. wol bewaren, dasz sie nicht auszschlagen M. Herr feldbau 59b; sämtlich elsässische belege des 16. jahrh.s; schweizerische sind nur in der zss. ziegelscherbe (s. d.) bekannt.
4) zss.: breit-, dach-, falz-, fassaden-, first-, flach-, flersch- (th. 3, 1770), flur-, form-, grat-, hohl-, kehl-, mauer-, pfannen-, platt-, preis- (th. 7, 2099), ortziegel (1368).
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
ziegel- in zss.,
1) in seltener vorkommenden oder engfachlichen ausdrücken: -amt, n. , amt, zunft der ziegler: G. Gengenbach beschreib. d. st. Magdeburg (1678) 55. — -anfertigung, f.: v. Alten hdb. f. heer u. flotte 3, 404. — -apfel, m., späte, rote apfelsorte: H. Fischer 6, 1177. — -ausmauerung, f.: fachwerksbau mit z. Schönermark-Stüber hochbaulex. 247; z. ... einer fachwand Mothes

[Bd. 31, Sp. 907]


baulex: 4, 502. — -backe, f. , rote wange: H. Heine 2, 53 E. — -baum, m., celtis occidentalis und exotische arten: Chr. Fr. Reusz dict. bot. 479b; Holl wb. d. pflanzennam. 429a. — -belag, m., auf den erdboden gelegte decke aus ziegeln: v. Alten hdb. f. heer u. flotte 3, 513; Sven Hedin Bagdad (1918) 252. — -bing, m. , zweiräderiger kastenkarren für ziegel: schweiz. id. 4, 1376. — -birne, f.: ziegelbyren, pyra laterum, a colore lateritio et quod diu durent ita dicta J. Bauhinus hist. font. Bollens. (1598) 4, 108; pirus signina, lateraria, testacea Stieler 167; ziegelfarbe birn ò ziegelbirn Kramer teutsch-it. 2, 1450a; Steinbach 1, 111; Campe 5, 859a. — -block, m., groszer, feuerfester mauerziegel: Mothes baulex. 1, 420; Muspratt chem. 8, 800 St.-K. — -blond, adj.: z-es haar Rosegger nixnutz. volk 2. — -blume, f., calendula officinalis: Martin-L. 2, 159a. — -dicke, f. : Mothes baulex. 2, 100. — -eindeckung, f.: Lueger lex. d. techn. 7, 158. — -einscheiben, n., das einschieben der rohziegel in den ofen zum brennen: Unger-Kh. 650b; -einscheiber, m., arbeiter, der dies besorgt: ebda. -flachschicht, f. , schicht mit flach liegenden backsteinen: Lueger lex. d. techn. 7, 992; Muspratt chem. 8, 836 St.-K. — -fliese, f., fuszbodenplatte: Mothes baulex. 1, 207; Rosegger J. N. R. J. 6. — -form, f.: Muspratt chem. 8, 61 St.-K.; salz in z. Peschel völkerk. 175; Prechtl techn. enc. 18, 447; Adelung2 4, 1703. — -format, n.: Kerl thonwaar. 526. — -förmig, adj.: Schwerz ackerb. 54; J. A. Naumann allg. naturg. 6, 280. — -fuszboden, m.: Schönermark-Stüber hochbaulex. 26. — -herd, m. : Karmarsch-H. techn. wb.3 1, 584. — -herz, n., art herzmuschel: Campe 5, 859b. — -käse, m. : backstein- oder z. viereckiger weichkäse Martiny wb. d. milchwirtsch. 7. — -kette, f., kette, deren glieder ziegelform haben: Unger-Kh. 650b. — -krachse, f., rückentrage für ziegelsteinträger: ebda. — -kuchen, m., als gebäck bei Zincke öc. lex. (1744) 1527; (Sachsen) Popowitsch vers. 302. — -kugel, f., gebrannte lehmkugel, als blitzschutz eingemauert: H. Fischer 6, 1177. — -lade, f. , form für ziegelsteine: zigillade Marienb. treszlerb. 210 Joach.; Schiller-L. 4, 517b. — -lader, m., aufseher beim verkauf von ziegeln aus den ziegelöfen des raths: (Braunschw.) chron. d. st. 16, 134. — -länge, f., länge eines ziegels: allg. haush.-lex. 2, 277b; Karmarsch-H.3 7, 214; 2, 493; u. a. -maschine, f. : Prechtl techn. enc. 18, 447; Karmarsch-H.3 9, 305; Muspratt chem. 8, 596 St.-K. — -masse, f., gleich -gut: Schönermark-Stüber hochbaulex. 928. — -material, n.: (koksöfen) erfordern ... bestes ... z. Muspratt chem. 4, 606; 8, 328 St.-K. — -meiler, m., schichtungsform der ziegelsteine beim feldbrand, beim ziegelbacken (s. ziegel): Karmarsch-H. techn. wb.3 9, 327; Mothes baulex. 4, 13. — -modell, n.: 3 eysnein ziegelmodelen (1462) Zingerle invent. 92. — -muster, n.: der ... farbenwechsel des z-s mildert die einförmigkeit der schmucklosen mauerflächen Treitschke aufs. 2, 45; br. 3, 1, 84. — -pfanne, f. , dachziegel: Bauer-C. 104a; -pfannendach, n.: grafen Stolberg ges. w. 8, 66. — -pferd, n.: 4 m. vor 1 last haber und vor hay den zigilpferden (um 1400) Marienb. treszlerb. 276 Joach. — -preis, m., hohlziegel: H. Fischer 6, 1177; s. th. 7, 2092. — -presse, f.: Muspratt chem. 8, 597 St.-K.; Hoyer-Kreutter techn. wb. 1, 869; Mothes baulex. 4, 508. — -raute, f. : ein durch braunrothe z-n regelmäszig verziertes estrich Göthe 28, 285 W. — -reihe, f.: eindeckung im verbande, so dasz jede z. noch ... über die zweitfolgende faszt Schönermark-Stüber hochbaulex. 282. — -ringofen, m.: Muspratt chem. 2, 434 St.-K. — -rosch, m., dachgiebel aus ziegeln: (1667) schweiz. id. 6, 1465; dazu dim. -rösti, n., ziegeldach: 1472. — -rost, m., rost aus ziegeln: Muspratt chem. 7, 493; 6, 720 St.-K. -sand, m. : arena fusca, spadicea Stieler 1680. — -schar, f., obd. gleich -schicht, bes. verbandart: die ziegelschaaren (des daches) sind in verband anzuordnen Karmarsch-H. techn. wb.3 2, 492; 8, 474; 3, 786; Mothes baulex. 4, 508; s. DWB schar (th. 8, 2176). — -schleifen, n., schleifen der halbgetrockneten ziegelfläche mit einem befeuchteten holze: Mothes baulex. 4, 509. — -schrank, m., verschränkte stellung der steine im ziegelofen,

[Bd. 31, Sp. 908]


d. i. schräg überkreuz: Kerl thonwaar. 430. — -schrot, n., ziegelstückchen: Kramer teutsch-it. 2, 1450a; Ludwig teutsch-engl. 2587. — -span, m., heraldisch, alte bezeichnung für 'schindeln', schmale ungleichseitige rechtecke, die zu den schwebenden heroldsfiguren gehören, s. Querfurth wb. d. herald. termin. 177 u. 131. — -stadt, f., aus ziegeln gebaute stadt: Rachel sat. ged. 76 ndr.; Schönermark-Stüber hochbaulex. 70. — -statt, f., ziegelei: Schmeller-Fr. 2, 1096; -stätte, f.: M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 5, 4. — -stufe, f., stufe einer treppe aus ziegelsteinen: Ratzel völkerk. 3, 708; M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 5, 48. — -tasche, f. : wird der platz mit gebrandten z-n oder andern ziegeln oder ziegeltrmmern ... gepflastert Sturm vollst. anweis. (1718) 43. — -thau, m., brandpilz am getreide: H. Fischer 6, 1178; nach der farbe. — -thurm, m.: Stumpf Schweizerchron. 398b. — -träger, m., träger von ziegelsteinen bei einem bau: Rosegger III 1, 337. — -verband, m. , anordnung der mauerziegel, je nachdem ob sie als läufer (längs der fluchtlinie der mauer) oder als binder (im rechten winkel zur fluchtlinie) eingesetzt werden: Bucher kunstgew. 447a; Mothes 3, 371. — -verblendung, f., auszenschicht einer mauer aus ziegeln: 299. — -ware, f. : Krünitz 241, 254; gewöhnlich plur.: Lueger lex. d. techn. 4, 698; Muspratt chem. 8, 330 St.-K. — -wasser, n., in der schweizer. soldatenspr. für das kakaogetränk: H. Bächtold sprache d. Schweiz. sold. 63. — -weg, m.: (Nürnb.) chron. d. st. 2, 272.
2) in häufig gebrauchten oder inhaltlich bedeutsamen: -arbeit, f. : quando duplicantur lateres, venit Moses, wann den kindern von Israel in Egipten die z. gesteigert ... wird, so gedencket der liebe gott gewiszlich auf einen Mosen und heyland M. Walther erläut. d. prophet. Daniel (1645) 2, 6; Butschky Pathm. 384; M. Mendelssohn ges. schr. 7, 135; plur. z-en allg. d. bibl. anh. zu 37/52, 1353; fand ... einen sehr guten thon zu tpfer- und z. F. Ernst bemerk. (1820) 97. — -arbeiter, m. : Zincke öc. lex. (1744) 3355; allg. d. bibl. anh. zu 37/52, 1353. — -art, f. : die z-en (herstellen) Muspratt chem. 8, 470 St.-K. -artig, adj. , nur von ziegel 1, sich wie dachziegel deckend: (die spitze des obelisks,) die mit schuppen z. verziert ist Göthe 33, 9 W.; schuppenartige falten der uszeren haut, die ... sich ... z. decken Sömmerring menschl. körp. 5, 572; Oken allg. naturg. 6, 514; die blättchen ... liegen z. übereinander Schlechtendal flora v. Deutschld 30, 347 H. -asche, f. : und soll der bleicher auch kein kalk bruchen, noch kein ziegelesch (1537) Schmoller Straszb. tucher- u. weberzunft 165;

man richtet ihren ruhm auf herrliche colossen,
die kein bestrmter nord in ziegelasche legt
J. Chr. Männling poet. blumengart. 292. —

-bäcker, m. : laterifex ziegelbacher gemma gemm. (1508) o 3b; tzygel- vel steynbecker (1507 Köln) Diefenbach gl. 320a; tychelbacker n. gl. 229a; lux. wb. 504b; Rovenhagen Aachen. wb. 166b; Hofmann niederhess. wb. 269a; auch -ei, f., lux. wb. 504b; s. ob. ziegel. — -bau, m. , 1) bauweise mit ziegelsteinen: auch für privatwohnungen war in den städten Frankreichs und Spaniens stein- und z. gewöhnlich G. Freytag ges. w. 17, 279; nicht blosz im ziegelbrennen, auch im reinen z. hat der Mittelrheiner ... von den Holländern gelernt W. H. Riehl natg. d. volk. 4, 78. 2) bauwerk dieser art: über der stadt erhob sich auf steiler höhe ein gewaltiger z., das neue schlosz des herzogs G. Freytag ges. w. 12, 64; dazu plur. -bauten: reste von z. Ratzel völkerk. 3, 738; Mommsen aufs. 278. — -bedachung, f. : zur z. (gab der könig) ... 3700 rthlr. Zöllner br. üb. Schles. (1792) 1, 404; München ... führte, wider feuersbrünste zur sicherheit, z. ein Zschokke ausgew. schr. 32, 25; dasz die ... z-en ... immer am ersten schaden gelitten haben allg. d. bibl. 69, 432. — -boden, m. , fuszboden, der mit ziegelsteinen belegt ist:

zeig ihm den ziegelboden,
wo ich so manchen tag,
gestreckt gleich einem todten,
in starrer ohnmacht lag
Schubart ged. 2, 92 (s. ged. 2, 84);

[Bd. 31, Sp. 909]


br. 2, 55; der unfreundliche z. war gesäubert und mit weiszem sande bestreut Chph. v. Schmid ges. schr. 7, 111; Rosegger II 4, 159. — -brand, m. , ein brand z., d. h. die menge der auf einmal gebrannten ziegel: (1561) schweiz. id. 5, 681; Mothes 4, 502; Woeste-N. 267a; das brennen von ziegeln: allg. d. bibl. 26, 595. — -brennen, n. :

und hielt das volck tyrannischer art
mit frönen und der arbeit hart,
schlug sie hart ob dem ziegelbrennen
H. Sachs 15, 138 G.;

lateres coquere z. nomencl. lat.-germ. (1634) 57; Reyher (1686) p 3a; wie ... das kalg- und z. ... erfunden worden Harsdörfer gesprächsp. 8, 433; ihr (der Israeliten) z. und schwere dienstarbeit Dannhauer cat.-milch 1, 526; das gerhr auf dem eys ... zum decken, z. ... zusammenführen Hohberg georg. cur. 1, 138; Nicolai reise d. Deutschld 2, 552; Lichtenberg br. 1, 236 L.; W. H. Riehl naturg. d. volk. 4, 78 (cit. unt. -bau); das holz ... ist gut zum ... z. Oken allg. naturg. 3, 2, 922. — -brenner, m. : ist derjenige, so einer ziegelscheune vorgesetzet ist und alles ..., was zum streichen und brennen der ziegel erfordert wird, verstehet Zincke öc. lex. (1744) 3356; vom -streicher unterschieden, auch als aufseher einer -hütte bezeichnet von Adelung2 4, 1702 und Campe 5, 859a; 2 m. Hans Pfilschmid dem zigelborner uf rechnunge gegeben (um 1400) Marienb. treszlerb. 581 Joach.; ziegelborner, seltener -bronner (um 1460) Bücher berufe d. st. Frankfurt a. M. 140a; latercularius tzigelborner Trochus (1517, anhalt.) bei Diefenbach gl. 320a; G. Rivius Vitruv 175; Kirchhof wendunm. 1, 125 Ö.; Hulsius-Rav. (1616) 430b; laterarius ziegelstreicher, z. Corvinus (1646) 462; Stieler 228; Kramer teutsch-it. 2, 1450a; laterarius, tegularius Steinbach 1, 181; Frisch 2, 473c; allg. d. bibl. anh. zu 37/52, 1353; 108, 173;

ich sasz auf speerbewachtem thron,
die ziegelbrenner trieb die frohn
Freiligrath ges. dicht. 1, 41;

Rosegger II 13, 15. — -brennerei, f. , 1) ziegelei, ziegelhütte: Leopold hdb. d. ökon. (1805) 533b; Schwan n. dict. 2, 1104a; Adelung; Campe; Cramer nord. aufs. 3, 470; eine ... anzahl ziegelbrennereyen Nicolai reise 3, 150; die z. rauchte ... stark Ph. O. Runge hinterl. schr. 1, 385; baumaterialien aus meinen z-en Holtei erz. schr. 20, 52; Allmers marschenb. 1/2, 249; Rosegger I 8, 263. 2) das brennen von ziegeln: ist es zeit, dasz der herr ... sein volck bei der verdoppelten arbeit der z. ... rette J. W. Petersen hochz. d. lammes 192; eine dem eisernen ofen gyptischer z. und frohndienstbarkeit entfhrte horde Hamann schr. 7, 47 R.-W.; der marschbauer ... treibt fabrikmäszig z. W. H. Riehl d. arb. 79. — -brennofen, m. , gleich -ofen: Muspratt chem. 8, 717 St.-K. u. a. fachschriften; Campe 5, 859b. — -brocken, m. : stein- und z. v. Schönberg berginf. 35; Muspratt chem. 7, 710 St.-K.; Brehm 6, 695 P.-L.; dim.: darmit sich das hl deste besser in die ziegelbrcklein ziehen mge Bapst v. Rochlitz pimelotheca 81. — -bruch, m. , gleich -brocken: Lueger lex. d. techn. 7, 990; zerbrechen bei der verarbeitung: Mothes baulex. 4, 102. — -dach, n. , ein mit ziegeln gedecktes dach: Lexer 3, 1102; tectum imbricatum, tegulaneum ein ziegeltach Orsäus 152; imbricamentum z. Stieler 287; Kramer teutsch-it. 2, 1450a; Steinbach 1, 237; Frisch 2, 473c; Adelung2 4, 1702; H. Fischer 6, 1177; s. ziegel; die behördlichen bemühungen um ihre einführung sind aus folgenden zeugnissen ersichtlich: in Frankfurt a. M. werden 1386 die stroh- und schindeldächer abgeschafft K. Bücher berufe d. st. Frankf. 140a; darauf die ordnung gemachet, das die brger steinern heuser bauen und ziegeldecher darauf legen solten C. Spangenberg manszfeld. chron. (1572) 306b; ist ... beschlossen, dasz man nit mehr die heuser mit strohe decken solte, sonder mit zigeldecker Regermann lübeck. chron. (1619) 17; in Schweidnitz und Neisze, bemerkt er (Friedrich der grosze), fehle es noch an ziegeldächern Ranke s. w. 29, 260; wolt die stad (Sagan) die pfarrkirch, so jetzo mit schindeln gedeckt, mit einem z. bessern Rätel Curäi

[Bd. 31, Sp. 910]


chron. 516; auch eigene erfahrung der eigentümer führt zum z.: seit dem letzten brande standen die häuser unter neuem z. G. Freytag ges. w. 13, 3; doch beachte: der hagel lst auf den kupfer- und ziegeldchern seine macht mehr sehen als auf dem strohe wohlgeplagt. priest. (1695) 38; sonstige belege: an den ziegeldchern auf den kirchen acta publ. d. schles. stände (1627) 6, 324 P.; die pasteyen ... sollen oben mit einem leychten schindel- oder zigeltach verdeckt werden A. Dürer befest. d. stett 102b; z Lucern gsach ich die ersten ziegelltcher Platter 15 Boos; die kreyen ... lassen die nussz wider ein steyn oder zyegeldach ... fallen v. Eppendorf Plin. 10, 144;

die ziegldach gantz schn mit zinnen
Schmelzl lobspruch 74;

Fischart Garg. 246 ndr.; Bech Agricolas bergwerkb. 406; Widmann Faust 460 K.; es (das haus) hätte ein rothes z. Göthe II 2, 44 W.; Eichendorf s. w. 3, 175; ein wetterfestes z. M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 2, 7; dazu -ähnlich, adj.: z. vielschuppige knospen Roszmäszler wald 387; -artig, adj.: z. ... stehen die schuppen bei der buchenknospe 61; -förmig, adj.: die grob z. geschuppten fuszwurzeln J. A. Naumann naturg. d. vög. 1, 237; Sömmerring menschl. körp. 6, 295; -haus, n.: Fontane I 1, 79; auch -dachig, adj.: schuppen z. gestellt Metzger pflanzenk. 276; -dachung, f.: Rivius Vitruv 21a; Lueger lex. d. techn. 5, 325. — -decker, m. , handwerker, der dächer mit ziegeln deckt, vom schieferdecker unterschieden: (seit 1389 bezeugt) K. Bücher berufe d. st. Frankfurt a. M. 140a; (Nürnb.) chron. d. st. 11, 603; (1463) H. Fischer 6, 1177; Corvinus 870; französ. Simplic. (1683) 1, 481; Beier v. handwerkszeuge (1691) 38; dachdecker oder z. Stieler 284; Kramer teutsch-it. 2, 1450a; Ludwig teutsch-engl. 2587; Noel Chomel 3, 9; als die murer oder z. das dach ... reparieren muszten Döbel jäg.-pract. 4, 7; Laukhard leb. 2, 400; auf demselben (hause) waren z. und hingen die ziegel ein Stifter s. w. 5, 1, 336; in der soldatensprache infanterist wegen des roten kragens Müller-Fr. 2, 703b; vgl. Bischoff wb. d. geheimspr. 115.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: