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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
breisen bis breit (Bd. 2, Sp. 355 bis 358)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) breisen, nodis, funiculis stringere, cingere, schnüren, heften, mhd. brîsen breis gebrisen (Ben. 1, 255. 256); unsere ahd. quellen bieten das wort nicht dar, es ist aber in allen deutschen sprachen vorauszusetzen, da ein berühmter weiblicher schmuck, der Freyja halsband brîsînga men heiszt, womit brosinga mene im Beovulf 2399 zusammentreffen musz. vielleicht wäre auch altn. besser brisînga men zu schreiben und ags. brosinga aus brusinga hervorgegangen, was auf briusan braus brusun, statt breisan brais brisun, nach bekanntem wechsel

[Bd. 2, Sp. 356]


beider ablautsreihen führen würde. brisîng und brosing angesetzt, erwüchse der passende sinn monile nexuum, connodationum, das künstlich verschlungne halsband.
Fast alle mhd. und nhd. stellen verwenden brîsen, breisen vom schnüren des gewandes und der schuhe:

ir maget, brîset iuwer hemde wîʒ
mit sîden wol zen lanken.
Neidh. 15, 3;

an irn füeʒen kleine
truoc si zwei schüelîn reine
gebrisen an ir beinlîn wol. fragm. 27a;

er tregt ein seidin hemmat an,
darein so preist er sich.
Uhland 58;

die doch in narrenkapp sich brisen.
Brant 40, 4;

wie man sich mutz, schmier (? schnüer), nestel, bris. 89, 7;

ein junger gesell was gebrisen und zerzert und hett sich auszgestrichen, als steif er immer kund. Keisersb. gunkel; wann er ein seidin wammes antreit uf der gassen und steif ingebrisen ist und ingenistelt, das geb im mer freud dan das mesgewand. post. 202b; was wir mit den kolbenden preiten schhen, preiten pareten, geprisnen hembdern thond, das haben die alten mit den spitzigen geschnebelten schhen, kappen und weiten hembdern gemeint. Frank guldin arch 101a; und so sie trucken werdent, so schnür oder breis die tüechlin subtiligklichen zsamen. Braunschweig 14;

in einem watsack, der was fein
verschlossen und gebrisen z. Mörin 18;

teglich sie sich ziert, preist und butzt,
vor dem spiegel streicht, zaft und mutzt.
H. Sachs I, 521;

fieng demnach an zu lachen, den barchat zu reiszen, seinen latz zu entbreisen. Garg. 148b; einbreisen und schnüren. Witzenb. 76; ihre zuckerballen hatte sie hinlässig eingepriesen und dahero belustigte mich deren auf- und niedersteigen, wann sie athmete. Simpl. 2, 408. 409. später verschwindet dies wort im schriftgebrauch und steht schon bei Stieler und Steinbach nicht mehr; vielleicht wegen seiner vermischung mit preisen laudare, welches, auch oft mit b geschrieben, sich sogar die starke flexion pries priesen gepriesen aneignete.
In der Schweizersprache dauert aber das alte brisen schnüren lebendig fort. Stald. 1, 227. Tobler 78a; ebenso in Schwaben (Schmid 95) und Baiern (Schm. 1, 345, der es mit unrecht unter P stellt). engbrisen angustus. Henisch 893, 23.
Frank gebrauchte breisen auch von einem das land einfassenden, gleichsam einschnürenden bach: welcher alle garten wässert und die ganz ebne zwischen der statt Tripoli und dem berg Libano, und breiset das ganz land, und seind seine wasser kül und süsz. weltb. 166a.
Nicht das lat. premere pressus, franz. presser darf man zu unserm breisen halten, sondern das mlat. frisare, fimbriis ornare (Ducange 3, 415), prov. freisar, frezar (Rayn. 2, 400), franz. fraiser, it. fregiare, Diez wb. 155. vgl. anbreisen, aufbreisen, ausbreisen, einbreisen, deren einige schon zur erläuterung beigebracht wurden.
 
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breisen, adv. anguste, stricte, bei Maaler 78d, müste sich als dat. pl. von breis nehmen lassen.
 
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breislein, n. schweiz. brisli, bändchen, das vorn am ermel eingeknöpft wird, auch am hemd um den hals geht. Stald. 1, 227. Tobl. 78a.
 
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breisloch, n., foramen funiculi fibulatorii, das loch zum einbreisen: also nimm driecket stücklin leinin tuchs mit breislöchern nach der lenge der wunden. Braunschweig 15.
 
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breisnestel, f. lorum, quo quid astringitur, schnürband oder rieme.
 
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breisnestelmieder, n. schnürbrust, schnürleibchen.
 
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breisrieme, m. strophium, brustbendel. Dasyp. 234b. 308c;

maultrummen, pfeifen, fingerring,
preisriemen und dergleichen ding.
Mangolds markschif bei Weller s. 67.


 
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breisschuh, m. schnürschuh, gebrisen schuh.
 
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breisziegel, f. was breis 2.
 
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breit , latus, goth. braids, ahd. preit, mhd. breit, alts. brêd, nnl. breed, ags. brâd, engl. broad, altn. breiðr, schw. dän. bred. unser breit hat in breiden seine offenbare wurzel und ist textus, pansus, expansus. urverwandt sind ihm skr. pṛithus, gr. πλατύς, litt. platus, lat. latus für platus, doch zeigt der anlaut gestörte lautverschiebung, zum P würde sich besser das F im ahd. flaʒ planus, altn. flatr schicken, die vorstellungen der breite und ebene stehen einander nah. dann aber stimmen T und Z nicht. auch weichen skr. TH in pṛithus ab vom

[Bd. 2, Sp. 357]


T in platus, latus, welchem T das goth. TH in breiþan, nicht mehr das D in braids gerecht läge. dem anlaut B würde das vorhin bei breidel verglichne fretus und frenum entsprechen, die sich jedoch im begrif entfernen.
1) weit, lang und grosz gesellen sich gerne zu breit, welches dann immer die zweite stelle einnimmt und gröszeren nachdruck hat; es heiszt weit und breit, lang und breit, grosz und breit, nicht breit und weit, breit und lang, breit und grosz, es sei denn, dasz der reim eine andere stellung herbeiführte.
2) vor allem fällt die anwendung von breit auf die ungemessene ausdehnung der welt, der erde, des feldes, der see ins auge. im sanskrit heiszt die erde pṛithvî, pṛithivî, die breite: alts. thius brêde werold. Hel. 50, 1. 131, 21, εὐρεῖα χθών; mhd. diu breite werlt. Mar. 161;

daʒ du mich niht verslindes!
ich mein dich, breitiu erde. Wh. 60, 28,

was ein anderer dichter nachahmt, altd. bl. 1, 388;

diu breite erde. Roth. 4857;

des lîbes und des muotes
wart nie niht sô guotes
ûf dirre breiten erden. Eracl. 2153;

versant ûf den breiten sê. Greg. 567;

unz si sich vor dem breiten sê
enmohten undersehen mê. 1651;

an dem breiten velde. En. 201, 30;

an dem breiten gevilde. 201, 39;

daʒ breite gevilde. Mar. 34;

in der breiten owen.
Diemer 223, 24;

swie breit im sîn diu lêhen.
Karajan denkm. 51, 2;

das land ist weit und breit. richt. 18, 10; die poesie ist in der breiten welt, um nicht zu sagen, in der groszen, so unbequem wie eine treue liebhaberin. Göthe 30, 21; Humboldts sendungen riefen uns in die weit und breite welt. 31, 257; in die weite breite welt. J. P. flegelj. 1, 44; lenger denn die erde und breiter denn das meer. Hiob 11, 9; eine offenbare weit und breite se. Butschky Patm. 601;

weit ausgedehnt ins breite wie ins lange,
ein anmutsvoller landesstrich.
Bürger 104b.


Baldrs himmlische wohnung führt in der edda den namen Breiðablik (mythol. 203), was den breiten glanz ausdrückt, im Rother 2635 zieht eine kriegerschar in breiter blicken über lant. des silberblicks wurde oben sp. 114 gedacht, und Mathesius bedient sich oft dafür des breiten blicks, wie das silber zu breitem blick geläutert wird, läszt er das evangelion zu breitem blick predigen. den schon mythol. 755 ausgehobnen stellen treten noch folgende hinzu: aus welchem (bergwerk) grosze und thewre leut erwachsen, die das selige evangelion zu breitem plick (zu hellem glanz) zu unsern zeiten gepredigt haben und noch predigen. 6a; die das reine und lautere evangelion in aller welt zu breitem plick predigen solle. 65a. neuere unterscheiden in kunstbeschauung zwischen breitem und spitzem blick.
3) eine breite hand, breite, platte nase; mit breitem fusz und festem herzen darbei verharren. Mathesius 4a; der flusz, der graben ist breit; breite blätter; ein breiter gebirgrücke; sich auf der breiten strasze halten; und versamlet sie auf der breiten gassen. 2 chron. 29, 4; auf die breite gassen. Neh. 8, 1; ein breiter rand am hut, am papier; der baum wirft breiten schatten;

da den erhöhten theil, der einsam sich versteckt,
mit breiter finsternis der alte nuszbaum deckt.
Uz 2, 7.


4) seitdem ich zu der welt in einem breitern verhältnis stand. Göthe 26, 314; der anblick erweckt das gefühl von einem ruhigen, breiten, hinreichenden genusz. 43, 76.
5) meist mit übelm nebensinn: er hat einen breiten, schwerfälligen verstand; mit seinem breiten verstande. Simpl. 1, 224; ein breiter vortrag; eine breite, platte aussprache; als denn Josephus ein wites und ein breits davon schribt. Keisersb. post. 3, 96; daselbst erzelt er ein langs und ein breits von dem teutschen bären Luthero. bienenk. 194a; erzählte des langen und breiten. Gotthelf schuldenb. 290; setzte des breiteren auseinander; es ist so breit als lang = einerlei.

wir kochen breite bettelsuppen.
Göthe 12, 122;

alles dieses sind umstände und begebenheiten, die einen roman weit und breit machen können, die aber der einheit dieses stücks schaden. 19, 161;

ist es nicht fein, eh man guts thut,
mit aufgenaglet krummem hut
sich breiter machen dan die gassen?
Weckherlin 415;

[Bd. 2, Sp. 358]


sich breit machen mit der geschichte. irrg. der liebe 365; wenn er sich noch breit macht, so werf ich ihn zum haus heraus. Lenz 1, 306; sie werden mich nicht breit schlagen (beschwatzen). Hermes Soph. reise 5, 31; und die leute breit zu schlagen, wie man sagt. Hebel 457; anstatt dasz wir gleich anfiengen uns in einem mäszigen zustand behaglich zu finden, so gehen wir immer mehr ins breite, um es uns immer unbequemer zu machen. Göthe 17, 318.
6) bezeichnung des maszes mit acc. und gen.: und solt einen altar machen, funf ellen lang und breit. 2 Mos. 27, 1; eine hand breit soll seine lenge sein. 28, 16; und die thür war zehen ellen weit, aber die wende zu beiden seiten war jede fünf ellen breit. Ez. 41, 2; und gab im kein erbteil drinnen, auch nicht eines fuszes breit. apost. gesch. 7, 5; ich kann keinen nagel breit weg von hier. Lenz 1, 222; fingers breit, haares breit, daumen breit.
 
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breit, adv. late, mhd. breite, ahd. preito: am meisten aber treib er das bei nacht, das man weit und breit von seinen thaten sagte. 2 Macc. 8, 7; streckt sich sein vergifte kraft weiter und breiter uber die erden aus. Butschky Patm. 873; breit wie lang. Göthe 2, 300; freilich wer sich zeit nimmt, geschick und vermögen hat, kann sich auch hier breit und gut niederlassen. 28, 69;

es nähert weit und breit sich niemand.
Schiller 237.

 

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