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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
bratze bis brauchig (Bd. 2, Sp. 313 bis 320)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) bratze, f. tatze, vom bären u. s. w. auf die menschenhand übertragen: wolriechende handschuh tragen und darinnen krätzige bratzen. Abr. a s. Cl. 1, 90;

beim anblick dieser bestien wird auch der kühneste verstummen,
man stutzt, man hält sich in gefahr, die schwere bratzen regen sich.
Brockes 6, 235;

an seiner (des tigers) schweren bratzen sich ängstlich spreizendem
gewühle. 7, 414;

das wäre wol ewig schade, wenn ein so hübscher junger herr einem solchen meerkalb in den bratzen liegen sollte. Wieland 11, 131; in eben dem augenblicke, da er sich mit grauenvollem ekel aus den bratzen der zwergin losreiszen wollte. 12, 288.
 
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bratzeln, crepitare, was brasseln und brasteln: so wirt das schmalz pratzeln und sieden. reib die pfann oft umb, das das schmalz pratzelt und popelt vom sieden. kuchenmeist. cap. 5; wenn der salpeter aber pratzlet und wallet uber sich, als das salz in dem fewer. Fronsp. kriegsb. 2, 212a; er macht ein bratzeln, wie ein lorbeerzweig im fewr. Spangenb. lustg. 586.
 
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brau, m. was bierbrau (bei Schm. 1, 243 bräu f.):

(poltergeist), durch den der brau misräth
(and sometime makes the drink to bear no barm).
Schlegel im sommernachtstr. 2, 1.


 
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brauacker, m. grundstück, auf dem die braugerechtigkeit ruht: ein groszes haus nebst brauäckern. Felsenb. 2, 429.
 
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brauberechtigt.
 
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braubottich, m. cupa ad coquendam cerevisiam necessaria.
 
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brauch, m. usus, mos, ahd. prûh, nur einmal bei N. (Graff 3, 281), mhd. gar nicht erscheinend, nhd. haben es Dasypodius 308a, Maaler 76a.b, Henisch 481, auch die schriftsteller allenthalben. nnl. kein bruik, doch gebruik; altn. brûk, schw. bruk, dän. brug häufig. zwei bedeutungen:
1) usus, utilitas, die anwendung, verwendung einer sache zu ihrem zweck, ihr nutze, wofür heute gebrauch, verbrauch vorgezogen wird: und ein töpfer, der den weichen thon mit mühe arbeitet, machet allerlei gefäsz zu unserm brauch. weish. Sal. 15, 7; die männer haben verlassen den natürlichen brauch des weibes, τὴν φυσικὴν χρῆσιν. Röm. 1, 27; wer aber weisz den gemeinen brauch der schrift. Luther 3, 80; wenn man gegen einander helt den misbrauch des sacraments, gegen den rechten christlichen und evangelischen brauch, den Christus eingesetzt hat. 3, 156b; die wort haben zweierlei brauch. 3, 229b; die hand dazu thun und mit öffentlichem brauch ins werk bringen. 3, 269b; David redet nicht von der creatur an ir selbs, sondern von dem brauch der creatur. 3, 299; in solchem brauch sind sie nichts. 3, 299; dreck hat seinen brauch, aber das er solt gott gleich sein, das ist nichts.

[Bd. 2, Sp. 314]


2, 300; wie der brauch itzt gehet und stehet. 3, 326b; das niemand weisz, wenn und durch wen der éiner gestalt brauch ist eingerissen. 3, 516; umb solchen hinlässigen brauch des schwerts. br. 2, 541; wolten uns doch die papisten zu Augsburg lassen beider gestalt brauch recht sein, wo wir hetten widerumb lassen éiner gestalt brauch auch recht sein. 6, 18a; gott sei lob und dank, das ich die zeit erlebt habe zu sehen den reinen christlichen brauch des heiligen sacraments. 6, 103a; und nemen entweder das natürliche wesen der taufe oder je den rechten brauch derselben hinweg. 6, 296b; die kinder haben nit vernunft noch derselben brauch. tischr. 291a; aus dem brauch heben, antiquare, aus dem brauch kommen, obsolere. Dasypodius 308a; also hab ich den brauch, mihi sic est usus. Maaler 76b; im brauch sein, in usu esse; korn dient zum brauch und nutz der menschen. 76c; ein reicher bawer der hatte gar ein groszen brauch (bedarf) von knechten und mägden. Wickram rollw. 76b;

ich ler des gsatzes rechten bruch. trag. Joh. B 5;

das gelt hat kein brauch bei ihnen. Frank weltb. 143b; den brauch sollicher verzeichnissen werden wir wol sehen hernach in sonderlichen exempeln. Mich. Stifel 62; dasz die mess sehr alt seie, dieweil sie zu Vergilii zeiten albereit im brauch war. bienenk. 73a; drumb ligt es als nur an dem brauch, wies einer genieszt. Ismenius vorb. 225;

du weist den rechten brauch von beider medizin.
Fleming 85;

schau alle mittel an,
durch welcher brauch ein mensch zurechte kommen kan.
Opitz;

waffen und ihr brauch.
Logau 1, 1, 4;

jedoch woll einsamkeit zur einigkeit nicht kommen,
noch eures lebens brauch euch eher sein benommen,
bis dasz sich denn zur zeit die süsze zeit erweist,
die eltervater euch und eltermutter heiszt. 1, 1, 17;

weiland war die lieb ein feuer, wärmen war ihr nützer brauch. 2, 4, 48;

wer hofegunst geneust und nimmt taback in brauch,
dem bleibt zum meisten asch, und das er neuszt ist rauch. 2, 5, 65;

und dann die kirchengüter widerumb in ihren rechten brauch gebracht werden. Schuppius 384; und ohne allen brauch angebotener medicamente dahin stirbt. Leipz. avant. 1, 14;

warum, wozu das ungeheure ros?
wer gab es an? warum so riesengrosz?
zu welchem brauch? sprich, welchem gott zu ehren?
Schiller 30a.

man sagt noch, ich weisz nicht den rechten brauch davon; die schuhe sind noch in brauch, doch lieber gebrauch.
2) mos, aus langer, wiederholter übung entspringt gewohnheit, die tägliche und allgemeine anwendung wird zur sitte und weise: da sind für augen unser brauch und weise in unsern kirchen. Luther 6, 19a; es ist nit mein brauch, non est meae consuetudinis. Maaler 76b;

begert die land all z erspähen,
ir breuch und gattung zu ersähen.
Wickram bilg. 65;

er hett auch ein brauch an im. rollw. 58; hat wenig von weltlichem brauch erfahren. 82; nach gemeinem brauch. 82b; blinde, die mit dem brauch ümgehen. exp. in truphis cap. 11; man sihet ja die practik dises stucks in täglichem prauch. bienenk. 17a; nach dem prauch der kühe in Schweizerland, da geht die erste, so aus dem stall für den hirten kommt, vor und die letzten folgen nach. 22a; dasz wir ire präuch und ordinanzen einem binenkorb vergleichen. 235a;

aber wo aus der art man schlägt
und täglich newe bräuch erregt. gl. schif 158;

nach andrer wasservögel brauch. ganskönig F 3;

und helts gleich mit dem gmeinen brauch. H 5;

wir wollens bei den alten bräuchen bleiben lassen. Kirchhof wendunm. 393b; in feldzügen den brauch gehabt. mil. disc. 218;

die liebe hält den brauch,
theilt herz und sinn mit dem, an den sie ist verbunden.
Fleming 127;

eines morgens schaut ich gehen
Phyllis vor den rosenstrauch,
da sie nach gewohntem brauch
seine zierden sahe stehen.
Logau 1, 1, 15;

der schlaf hat diesen brauch, dasz ihn nicht sehen kan
wer siht, und dasz ihn der, der nicht siht, sihet an. 1, 5, 96;

die besatzung in dem haupte, die besatzung in dem bauche,
die vernunft und die begierden, haben immer krieg im brauche. 2, zug. 11;

[Bd. 2, Sp. 315]



Gulo hat gedärm im kopf und gehirn im bauche,
dann zu sorgen für den bauch hat er stets im brauche. 3, zug. 84;

sie weisz, dasz der, dem land und reich zu dienste stehen,
nicht stets könn auf der bahn gemeiner bräuche gehen.
Gryphius 1, 426;

dasz mich ein teutscher reuter vor einen jungen mitnahm, bei dem ich der pferde warten und fouragieren, das ist stehlen helfen sollte, ich nennete mich Janco und konte ziemlich teutsch lallen, aber ich liesze michs aller Böhmen brauch nach drumb nicht merken. Simpl. 2, 121; ich hab zwar oft gewünscht, es sollte der brauch sein, wann ein alter mann ein junges weibsbild zur wittib macht und dannoch, so viel an ihm ist, ihr die jungfrauschaft noch lassen, dasz sie nach seinem tod dessen sohn heiraten sollte. 2, 258; doch ist es der alten väter brauch. Weise erzn. 323;

vor diesem war es brauch, dasz man die bauren schur,
jetzt aber pfeift es schon aus einem andern loche.
Günther 1023;

ein junges nönnchen war dem alten brauch gewogen,
und sagt ich liebe nicht dergleichen neuerung.
Hagedorn 2, 149;

komm o frölichkeit und fülle
unsre gläser an nach altem brauch.
Gökingk 1, 61;

schon kommt, nach liebem brauch, ein trupp
visiten angezogen.
Gotter 1, 94;

Sibylle war so eine mutter
nach altem brauch. 1, 151;

wissen viel, was der brauch ist im krieg.
Schiller 326a;

ein tiefer sinn wohnt in den alten bräuchen. 413a;

das röslein hat gar stolzen brauch
und strebet immer nach oben.
Göthe 1, 190;

begeht den alten heilgen brauch
allvater dort zu loben. 1, 232;

und raubt man uns den alten brauch,
dein licht wer will es rauben? 1, 235;

die fromme blutgier löst den alten brauch
von seinen fesseln los. 9, 36;

o weiser brauch der alten! 9, 320;

er wedelt, alles hunde brauch. 12, 63;

das ist ein allgemeiner brauch. 12, 145;

das ist des landes nicht der brauch. 12, 152;

es ist ein alter brauch,
so weit die sonne scheint, so weit erwärmt sie auch. ...

auch in diesem sinn kann gebrauch stehen, das einfache brauch klingt aber edler.
 
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brauchbar, utilis, aptus, nützlich, nutzbar, dienlich, diensam, bequem, anwendbar, deren jedes doch seine bestimmten bezüge hat. es heiszt ein brauchbarer mensch, diener, die schuhe sind noch brauchbar, können noch gebraucht werden, das buch enthält viel brauchbares und nützliches. aber eine nützliche einrichtung ist mehr als eine brauchbare, dieser mann ist dem ganzen lande nützlich, heilsam. das nutzbare land, nutzbare eigenthum, vom schwein ist alles nutzbar, kann alles genutzt werden. eine diensame, heilsame arznei, eine anwendbare regel, der grundsatz ist hier nicht anwendbar, leidet keine anwendung. für brauchbar hatte die alte sprache das schönere, einfache goth. brûks, ahd. prûchi, ags. brŷce. nnl. bruikbar.
 
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brauchbarkeit, f. utilitas, aptitudo. nnl. bruikbarheid.
 
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brauchen , ein wort, dessen urgemeinschaft mit den ältesten sprachen glänzend einleuchtet. ohne zweifel stand ihm ehmals starke form zu, die sich aber nur in der ags. mundart bewahrt hat, brûcan breác brucon gebrocan, wie lûcan leác, folglich ahd. prûchan = priochan, prouh pruchun giprochan, welches part. noch in pirum kipruhan fungimur (Graff 3, 280) erhalten scheint. nachher galt prûchan prûhta, wie heute brauchen brauchte, nnl. bruiken bruikte. goth. zeigt sich brukjan bruhta (wofür auch brauhta, wie bugjan bauhta zulässig wäre), das starke briukan brauk mangelt.
Es würde bedeutet haben edere, manducare, welche vorstellung wiederum im ags. brûcan breác haftet, die von uti geht daraus hervor, ganz wie aus genieszen edere die von genieszen uti, vgl. DWB nieszbrauch, ususfructus. brauchen entspricht also dem lat. frui, fruitus und fructus sum, fructus und frumentum sind das eszbare (brauchbare, goth. bruks), noch genauer gleichen frux, frugi, fruges. hiermit und mit unserm brauchen stellt aber Bopp 247b das skr. bhudsch (bhuǵ) edere, frui, vesci, welchem R fehlt gerade wie dem lat. fungi, functus, und fungibilis ist wiederum edulis, vescibilis, utilis.
Nicht genug dies. brauchen berührt sich auch mit brechen, fungi für frungi mit frangere, weil das essen und kauen ein zerbrechen mit den zähnen ist, wobei wieder an unser bracke

[Bd. 2, Sp. 316]


für backe erinnert werden mag. aus der ablautsreihe brikan brak brêkun brukans entsprosz die von briukan brauk brukun brukans, deren participia sich begegnen.
Nun zu den bedeutungen des nhd. brauchen.
1) uti, adhibere, mit dem acc.,
a) von personen: der mann ist wol zu brauchen; er läszt sich von jedermann brauchen; habe mich darbei finden und brauchen lassen. Kirchhof disc. mil. vorrede; einen arzt brauchen, medicum adhibere, ich bin krank und musz den arzt brauchen; zu einem ampte gebraucht werden. pers. rosenth. 1, 18; darumb haben die groszen herren ire spilleut, die man brauchen sol allein zu zeiten. Keisersb. s. d. m. 53b; so sie alt werden, braucht man sie in das frawenzimmer. Münster 1323; ein mädchen brauchen heiszt aber jouir d'une fille, consuetudinem habere virginis, coire cum puella: die meidlin machen die mönch die fasten brechen. die schönen brauchen sie bei tag, die heszlichen nachts. Garg. 259b; das mädchen ist hübsch und trotz allen teufeln musz ich sie brauchen. Schiller 147b. vgl. misbrauchen.
b) von thieren. ich brauche, d. i. reite das pferd schon zwei jahre; dieser hund wird noch nicht zur jagd gebraucht; und wenn einer dir leihet ein ros sechs meilen wegs zu reiten, und du brauchest das ros acht meilen und rittest zwo meilen weiter, der ist auch ein dieb. Keisersb. s. d. m. 16b.
c) vom leib. den arm, die hand, die finger brauchen; die füsze brauchen, gehen; die zähne brauchen, essen; können das maul wol brauchen. exp. in truphis cap. 8; sie wuste ihre zunge zu brauchen; das sie ire zungen nit mögen bruchen. Keisersb. s. d. m. 29a; wann groszer nutz erwachset einem menschen darusz, wenn er sein zung recht brucht. 82b. 83a; da du dan die waffel (das maul) ze vil bruchest, schwetzhaftig und klapperig bist. 80b.
d) er weisz sein schwert, seine feder zu brauchen; du wollest dein schwert verbergen und nicht brauchen als in der gerechtigkeit. Schuppius 735; den stock brauchen, schläge ertheilen; du brauchst schon eine brille?
e) land und meer brauchen, wandern und schiffe. landstreicher, die alle land brauchen. exp. in truphis cap. 8; wer das meer brauchet und schiffet. Steinhöwel fabeln 141. das bad, den brunnen, die arznei brauchen:

kurz es gedeiht zum schlusz,
dasz Agnes ungesäumt den brunnen brauchen musz.
Hagedorn 2, 106;

vor einigen tagen reiste sie nach Pisa, das bad zu brauchen. Klinger 1, 380; eine arznei, ein heilmittel recht brauchen; wie brauchet man arznei. Keisersb. s. d. m. 11b; wiltu das gift vertreiben, das es dir nit schaden bring, so brauch baumöl. 68a.
f) seine zeit wol brauchen; ich brauche die morgenstunden zu dieser arbeit;

dem könig anzusagen,
wie seine königin mit ihrem schönen freund
die nächte braucht.
Wieland 10, 279.


g) er versteht es seine worte zu brauchen, zu wählen; ich brauche das wort im eigentlichen sinn; man brucht gemeinlich onunterscheidlich eins fur das ander, also wil ich es hie auch bruchen. Keisersb. s. d. m. 36a; so redest du kurze wort und bruchst wenig wort. 28a; nit me oder minder wort braucht, weder er brauchen sol. 52b; rechnung geben von groben worten, die ir da on scham brauchent. 62b; das tht der schelter und der spötter auch und brauchen gerad dieselbigen wort, die der hinderreder braucht, aber ir meinung ist anders. der spötter braucht gerad die wort, wie der eerabschneider und schelter. 43b; wie wol er braucht kein wüst wort, dan allein schimpfwort (scherzworte). Aristoteles spricht, schimpf sol man brauchen als salz. 53a; sie brauchte alle schimpfwörter hintereinander, die sie nur wuste.
h) sein recht brauchen; und aller der privilegien genieszen, und die sie von manchen hundert jahren her allezeit gebraucht, behalten. bienenk. 222b; Henriette brauchte ihr altes recht und liesz sich in Woldemars vorzimmer nieder. Wold. 226; o brauchen sie doch keine umstände. Lessing 1, 265; brauche hier dein ganzes ansehen; du must ernst brauchen; braucht respect und wiszt mit wem ihr redet! Stillings jugend s. 80 (95); darum sol er vernunft brauchen. Keisersb. s. d. m. 57b; sehent das verderbt uns, das wir in allen dingen kein vernunft wellen brauchen. 77a; ein mensch der msz vernunft bruchen. 26b; davon wirt die vernunft geirret

[Bd. 2, Sp. 317]


und dunkel, das ein solicher mensch sie nit bruchen mag. 8b.
i) die liebe, ruhe brauchen, der liebe, ruhe pflegen, sich ihnen überlassen, verrat, list u. s. w. brauchen, üben, verüben: und also ohn mindere scheuhung (ohne scheu) ihre lieb brauchten, weder sie vom anfang gethan hetten. Bocc. 1, 75b; wolt ir gott verteidigen mit unrecht und fur in list brauchen? Hiob 13, 7; falsch (falschheit) brauchen. buch der liebe 45, 1;

wenn du ie brauchen wilt den trutz.
H. Sachs III. 2, 18c;

Pigritta brauchet gerne ruh. wie so? sie hat vernummen,
der mensch sei nur in diese welt wie in ein gasthaus kummen.
Logau 3, 4, 92;

so braucht sein mutwilln jedermann.
Alberus fabeln 144b;

wer recht geht, gehe weiter und frage nichts darnach,
ob hasser oder spötter braucht list, verleumdung, schmach.
Logau 2, 2, 35;

was groszen übels und verräterei mit euch gebrauchet wird. Galmy 232; es ist entweder keine treu noch glaube mehr in der welt, oder so sie ja ist, wird sie doch von den menschen nicht mehr gebrauchet. pers. rosenth. 1, 30;

woltstu brauchen solche untreu?
Ayrer fastn. 93a;

wär das si laster brauchten nit.
Schwarzenberg 113, 1;

eingeschrieben sein in frevlen raubebund,
der durch gebrauchten trotz der welt hilft auf den grund.
Logau 1, 5, 3;

der sagt an dem ort, das lüginen kein sünde sei, wenn sie aus groszer notturft geschehe, und sol sie bruchen als nieswurz. Keisersb. s. d. m. 23b; sie bruchen schmeichelen, das sie etwas uberkummen. 33b; nun habt ir wol verstanden den neid und hasz, so mit dem edlen ritter gebraucht ward. buch der liebe 49, 3; der mutwille eurer cammeraden, welchen sie oftmals brauchen im fensterausschlagen, in zerschlagung der öfen, der thür und thor. Schuppius 248; da braucht dann der teufel sein meisterstück, dasz er einen menschen in einem augenblick zu falle bringe. 154; das man kein zauberei, abersegen noch beschwerung der creaturen soll prauchen. bienenk. 19b.
k) anwenden, üben: ich hab aber in meinen fabeln nie den vortheil brauchen wöllen. Alberus s. X; und ein ewigwärende reinigkeit und mäszigkeit sein lebenlang brauche. bienenk. 198b; der ritter erst alle seine manheit braucht. Galmy 146;

bei peen des lebens schaft und wolt,
das niemant unvergünnet solt
mit seinen feinden brauchen that.
Schwarzenberg 118, 1,

d. h. thätlich werden; glaubet mir sicherlich, dasz kein ritter in diser welt ietzund ist, der harnisch füret und ritterspiel brauchet, der also glücklich sei als ihr. buch der liebe 35, 2; fechterpossen und kunzenjägerspiel prauchen. bienenk. 20a; brauchen die werk der barmherzigkeit, exercere opera misericordiae. Keisersb. s. d. m. 86a; wann er etwas sahe, dadurch gottes ehre verletzet wurde, brauchte er kein sanftmut, kein gedult, sondern erzürnet sich gewaltiglich. Schuppius 296.
l) es ist nicht genug eine sache zu brauchen, man soll sie auch recht brauchen; so er seine zunge recht braucht und in meisterschaft kan halten. Keisersb. s. d. m. 82b; das man andrer leut schaden nützlich kan brauchen. Lehmann 205; ich brauchte alle mittel vergeblich.
m) brauchen = verbrauchen, ausgeben: hätte er eine geheiratet, welche zehn gulden verdientes geld gehabt, er wäre weit besser gefahren, die wüste nicht blosz zu brauchen, sondern zu verdienen und zwar mehr als sie brauchte. Gotthelf schuldenb. 16; er hat von jeher viel gebraucht.
n) zu etwas brauchen: ich find wol siben stück, die darz ze bruchen seind. Keisersb. s. d. m. 10b; und ist z allen dingen ze bruchen. 32b; das wir solten brauchen z handhabung der freiheit, das brauchen wir z undertruckung der freiheit und der warheit. 69a; dasselbige praucht unser muter die heilige kirch zur beweisung, dasz. 106b; das kann ich zu gar nichts brauchen.
2) brauchen, indigere, auch mit dem acc. aus der vorstellung des nutzens flieszt die des bedarfs, wenn ich geld verwende, habe ich es nöthig (vgl. 1, m), wenn ich die brille brauche, d. i. trage, bedarf ich ihrer auch; doch besteht diese bedeutung in der älteren sprache noch nicht, mangelt namentlich bei Luther, Maaler, Henisch, zuerst stellt Stieler 220 auf: ich brauch ietzund kein geld, pecunia opus non habeo,

[Bd. 2, Sp. 318]


und noch entschiedner Frisch 1, 128a brauchen = indigere. die frühste stelle, wo es begegnete, könnte diese sein;

kümt vom weinen, kümt vom weihen, kümt vom wein weihnachten
her?
so wie jeder sie ihm brauchte, kamen sie ihm ohngefehr.
Logau 3, 4, 92.

wir sagen: ich brauche zu dieser arbeit zeit; ich brauche dich nicht dazu; der kranke braucht ruhe und schlaf; er sei wieder besser, aber er brauche noch schlaf. Woldemar 219; ich brauche noch ein und das andere buch; er braucht viel geld (entsprungen aus verbraucht v. g.); er braucht monatlich ein paar schuhe; das brauche ich nicht erst zu sagen, das braucht nicht ausgesprochen zu werden; eine frau braucht nicht gelehrt zu sein;

noch braucht er eine grabschrift nicht.
Hagedorn 1, 113;

wir brauchen nur verstellt zu weinen,
so thun sie ihre schuldigkeit.
Gellert ...

im einzelnen kann nun zweideutig scheinen, in welchem sinn brauchen zu nehmen sei, z. b. ich brauche deine hülfe sowol ausdrücken ich bediene mich ihrer, als ich habe sie vonnöthen; ich brauche ruhe bald ich pflege der ruhe, bald ich bedarf ihrer; er braucht das geld bald er verwendet, bald er hat das geld nöthig. dies wird gehoben dadurch, dasz man in der ersten bedeutung gebrauchen setzt, welches nicht zugleich egere ausdrückt.
Zumeist aber gilt brauchen im sinn des vonnöthen sein, franz. falloir, unpersönlich, und darf dann wiederum nicht mit gebrauchen tauschen: es wird zeit brauchen = kosten. Simpl. 1, 37; derowegen braucht es mühe (kostet es m.) dasz du wahre freund erwehlest. Schuppius 756; es braucht nur einen Dion, der sich zu einer solchen zeit einem misvergnügten pöbel an den kopf wirft, so haben wir einen aufruhr in seiner ganzen grösze. Wieland 2, 321; es brauchte nur einen augenblick (il ne fallait qu'un moment), um das schreckliche ihrer lage in seiner ganzen grösze zu übersehen. 7, 98; es braucht nur einen schlauen spitzbuben, um hundert dumme knaben bei der nase hin zu führen, wohin er will. 8, 102; es braucht nicht (il ne faut pas), dasz ihr immer zusammen seid. Hippel 12, 34;

(vor) gewissen menschen sie zu warnen, doch
das braucht es nicht bei ihnen.
Schiller 282a;

es brauchte diesen thränenvollen krieg,
so vieler helden ruhmgekrönte häupter
in éines lagers umkreis zu versammeln. 332a;

willst du, dasz alle chefs zugegen seien?
'das brauchts nicht'. 341b;

(meinte), es brauche das nicht zwischen dir und ihm.
'es braucht das nicht, er hat ganz recht'. 361b. 362a;

es braucht ein groszes beispiel, die armee
ihm nachzuziehn. 374b;

es braucht nun gezeigt zu werden, dasz dieser prinz einer solchen abscheulichkeit fähig war. 966b;

es brauchts nicht eben just, dasz einer tapfer ist,
man kommt auch durch die welt mit schleichen und mit list.
Göthe 7, 69;

bewacht ihn. G. was brauchts das! 8, 141 (was brauchts bedenken. 42, 413);

bereitung braucht es nicht voran,
beisammen sind wir, fanget an. 12, 75;

sie machen kein geheimnis daraus, und es braucht es auch nicht, dasz sie unter ihrem gewand, auf ihrer brust ein miniaturbild tragen. 17, 82; sie verwünschte die zeit, die es braucht um die schmerzen zu lindern. 17, 129; was brauchts da weiter? rief Wilhelm aus. 20, 209; diese personen begegneten mir sämtlich auf das allerartigste und es brauchte kein groszes zureden, künftig mit ihnen den tisch zu theilen. 25, 87; was brauchts dir denkmal! 39, 339.
3) brauchen mit dem gen.
a) in der bedeutung von uti, frui: mache dir zwo drometen von tichtem silber, das du ir brauchest die gemeine zu berufen. 4 Mos. 10, 2; der gerechte braucht seins guts zum leben. spr. Sal. 10, 16; brauche des lebens mit deinem weibe, das du lieb hast. pred. Sal. 9, 9; brauche unsers diensts, wie dirs gefällt. Judith 3, 5; lasset uns unsers leibs brauchen, weil er jung ist. weish. Sal. 2, 6; liebes kind, brauche der zeit. Sir. 4, 23; brauchten der hülfe, βοηθείαις ἐχρῶντο. apost. gesch. 27, 17; und die dieser welt brauchen, das sie derselbigen nicht misbrauchen. 1 Cor. 7, 31; das mir nicht noth sei, der kühnheit zu brauchen. 2 Cor. 10, 2; so brauchen wir billich auch solcher seiner regel. Luther 3, 64; zum

[Bd. 2, Sp. 319]


andern braucht er nicht des worts glauben. 3, 82; gleichwie wir des worts unglück auch auf zwo weise brauchen. 3, 229; des (bösen) brauchet gott als stacheln umb sich her, das er bei seiner majestet bleibe. 6, 48a; wie auch unter uns noch viel sind, die das evangelium mit uns hören und leren, brauchen derselben sacrament. 6, 49b; denn was ist ein herr anders auch in der welt, wenn er seines ampts recht brauchet, denn eine helfende gewalt seiner unterthanen. 6, 70a; die christen aber mügen allerlei weltliche ordnung so frei brauchen, als sie der luft gebrauchen. Melanchth. im corp. doctr. chr. 105;

der rühmt sich groszer freundschaft vil
und braucht des namens nur zum schein.
Alberus fab. 122b;

wir brauchen des worts auch auf die person (wenden es an auf d. p.). schöne weise klugr. 110a;

der fänget an zu streiten und brauchet seiner faust.
Fleming 49;

und wann er sodann müde wird, so braucht er gerne seiner ruh.
Logau 2, zug. 92;

brauche deines lebens.
Gökingk 1, 42;

die herliche wirkung der seulen traf dich, du woltest auch ihrer brauchen und mauertest sie ein. Göthe 39, 141.
b) für indigere, erst im 18 jh.: ich brauche deiner dienste nicht; solche leute brauchen keiner vertheidigung. Liscov 475; was der ehrgeiz für unglück stiftet, braucht keines beweises. E. von Kleist 2, 166; er versprach etwas zu beweisen, wobei wir alle die ohren spitzten, und currente calamo bewies er etwas, was keines beweises braucht. Lessing 6, 246;

ich wollte dir wie Amors wunde sticht
ein wenig zu versuchen geben,
allein bei meiner mutter leben!
es braucht hier meiner pfeile nicht.
Wieland 10, 136;

es braucht keines tiefsinnigen nachdenkens, um den grund heraus zu bringen. 29, 457; ich brauche der krücken nicht. Klinger 11, 224;

es braucht hier keiner vollmacht.
Schiller 345b;

brauchts dazu meiner? 374a;

was brauchts
des edelmanns? laszts uns allein vollenden. 524a;

wie wenn wir sein jetzt brauchten in der noth? 540b;

laszt uns bleiben, herr, ihr braucht unser. Göthe 8, 98 (42, 125 unsrer); was geschehen ist, ist in der ersten hitz geschehen und brauchts deiner nicht uns künftig zu hindern. 8, 41. 42, 414.
4) sich brauchen, in zwiefachem sinn,
a) wenn es ohne casus steht, se exhibere, sich erweisen, sich halten, anstrengen:

truw, frid und lieb sich bruchen dt.
Brant narrensch. 99, 73;

uns in aller christlicher lere uben und brauchen. Luther 3, 113; dasz der soldat wider auf sein ros kam und brauchte sich noch fester denn vor. buch der liebe 26, 1; so dem ritter gebürt, der sich am mannlichsten gehalten und gebraucht hat. 30, 4; dasz mich aber ew. gn. bitten, dasz ich mich in eim solchen ehrlichen stechen auch brauchen wöll, mich ganz ohn not sein daucht. 54, 3; als aber die herzogin solchs alles gesehen hatt, nam sie grosze freud an ihrem liebsten ritter, als sie sahe, dasz sich der ritter so mannlich gebraucht hat. 56, 1; keiner sich minder denn der ander brauchet. 57, 1. Galmy 137; sie brauchten sich als manlich, das sie mit gewalt die heiden durchdrungen. Fierabras E 6;

ein jung man sol ja brauchen sich.
Scheit grob. D 4b;

entbeut dein dienst und brauch dich sehr. E 1a;

brauche dich knebel! K 4a (randglosse);

so brauch du dich! M 2b;

der hund brauchet sich gar weidelich,
dasz er den fuchs brächt unter sich.
Alberus fab. 75;

da antwort im der krebs sechsfüszig,
du brauchst dich fast und bist unmüszig
und gar hönisch belachest mich.
Waldis 4, 79;

ein ieder in menschlicher verstentnis umb brüderlicher liebe sich üben und brauchen solle. Seitz lustseuche s. 11; und brauchten sich mit irem leib und hurenlohn, und mit groszem versprechen des kirchenschatzes, tapfer und weidlich. bienenk. 211a; mit guter hülf will ich mich brauchen. Garg. 103a; liefen die junge mönchlin alle an das ort, da bruder Jan sich brauchet, und fragten frater Johannes, können wir dir helfen? 206b;

[Bd. 2, Sp. 320]


sie (die sonne) praucht sich auch so emsiglich,
das sie bei Rheinau in (ihnen) vorstrich. gl. schif 661;

und preisten die Züricher knaben,
das sie so wol sich gprauchet haben. 835;

wir wollen sein redlich kriegsleut,
uns auch brauchen wie sichs gebürt.
Ayrer 306b;

ich bin gewesen ein kriegsman,
hab mich gebrauchet vor dem feind.
Ayrer fastn. 89b;

keins wil ietz andern weichen,
sich brauchens grosz und klein.
Spee trutzn. 108;

ach blaset her und hauchet,
fort fort, euch weidlich brauchet! 213;

und mich unter dem geträng fast brauchete, einem hie dem andern da einen stosz gab und der vorderste sein wolte. Philand. 1, 14.
b) mit dem gen. der sache, sich bedienen, uti:

wer eigens kopfs sich bruchen will.
Brant 36, 26;

si brauchen sich keins fürgeschribenen rechtens. Frank weltb. 7a; sie braucheten sich mancherlei kurzweil mit rennen, stechen, turnieren. buch der liebe 383, 2;

brauchet sich zimlich und meszig
wein und bier oder ander gaben.
H. Sachs I, 505c;

fürbasz sich brauchen guter sitten. I, 525c;

sich frefel und mutwillens braucht. III. 1, 153c;

gtlichs ansehens brauch dich nicht.
Scheit grob. A 4;

wenn ich wieder heim kam, so brauchte ich mich des weidewerks. Schweinichen 1, 63; brauchte mich des medicus doctor Baudis von der Liegnitz, welcher auch alle treue an mir thät. 2, 184; der monat kompt in eim jar nimmer, derhalben so brauch dich sein wol. Fischart groszm. 115;

wer des honigs will brauchen sich,
musz nicht achten der immen stich. ehz. 6;

danzen, springen und saitenspil,
der ich mich nie gebrauchet vil.
Ayrer 146a;

braucht ich mich gar thörichter red. 312b;

dasz er die ganze zeit seins lebens
des einkommens sol brauchen sich. 384b;

alles braucht sich seiner ruh.
Fleming 366;

drum dich deins amts gebrauchen th.
Schmelzl David 8b;

er braucht sich seiner füsz und hände gar geschwind.
Rompler 105;

der ochs aber brauchete sich seines starken halses, hob den beren empor. eselkönig 205; uber dis brauchte sich der erfahrne Melo hier dieses vortheils. Lohenst. Arm. 2, 252; wann man der sternkunst sich recht braucht, so kan selbige kunst niemand tadeln. Butschky kanzl. 336; wo du dich des heutigen tages recht annimst und brauchest. 367; also brauchte sie sich einer gesandtschaft durch einen diener. pol. stockf. 129; als er von ihnen verfolget und fälschlich verklaget wurde, brauchte er sich ordentlicher rechtsmittel. Schuppius 306; du bist noch ein junges, blutreiches weib, brauche dich deiner jahre. 309; da sie anders der tripelallianz sich brauchen wollten. Leibnitz 163. vgl. DWB aufbrauchen, DWB gebrauchen, DWB verbrauchen.
 
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brauchig, bräuchig, solitus, receptus: gewonlich und brauchig. Keisersb. post. vi; durcheinander gemischt und geben wie breuchig. Seuter 97; ist ganz breuchig zu Rom. Forer fischb. 29a; die in den Nordländern bräuchigen rennthiere. Lohenst. Arm. 1, 444.

 

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